Montag, 13. August 2012

Das Haus vom Nikolaus

Franken-Thriller von Volker Backert,
vorgestellt von
Walter-Jörg Langbein


Blick in den Gottesgarten
Foto: W-J.Langbein
Einst war das Maintal im Oberfränkischen ein echtes Idyll. Man nannte die Region um Michelau, Lichtenfels und Bad Staffelstein zu Recht den »Gottesgarten«. Als Schulknabe fuhr ich oft vom heimatlichen Michelau zum Gymnasium im etwa fünf Kilometer entfernten Lichtenfels und wieder zurück. Heute grenzt es schon fast an Todessehnsucht, will man diese Strecke mit dem Fahrrad absolvieren. Das einst so schöne Maintal ist förmlich auseinander gerissen worden ... Ein Opfer wurde dem Straßenverkehr gebracht.

Und doch ist das einstige Gottesgärtchen immer noch eine Reise wert: Schloss Banz, Vierzehnheiligen, Staffelberg, die Veste Coburg und so manches Fest zur Sommerszeit locken.

Volker Backert spricht diesen traurigen Sachverhalt in seinem Thriller »Das Haus vom Nikolaus« an:

»›Erst mal drüberfliegen!‹, entschied Charly. Links thronte Kloster Banz, gegenüber ragte Vierzehnheiligen empor. Genau dazwischen hatte die A 73 samt Ein- und Ausschleifungen den einstigen ›Gottesgarten am Obermain‹ plattgemacht.«

In Backerts Thriller wütet ein Serienkiller im Fränkischen. Er sucht sich seine Opfer auf der »Berch Kerwa« in Erlangen, beim »Coburger Samba-Festival«, bei der »Obermain-Beach-and-River-Party« ... kurz gesagt dort, wo recht viele Menschen ausgelassen feiern.

Schloss und Kloster Banz - Foto: W-J.Langbein
Volker Backert, 1962 in Coburg geboren und am Obermain aufgewachsen, studierte in München und Bayreuth. In Coburg hat er einen Job als »Abteilungsleiter für Öffentliche Sicherheit«. Seit Jahren arbeitet er eng mit der Polizei zusammen. So verwundert es nicht, mit welcher Präzision er die Arbeit der Polizei bei der Suche nach einem gefährlichen Serienkiller schildert.

Auch ist ihm die Pressearbeit vertraut. Und so überzeugt er auch mit seiner glasklaren Analyse des Umgangs von Sensationsmedien mit der Realität ... wenn es um die Berichterstattung über blutrünstige Verbrechen geht. »Das Haus vom Nikolaus« - eine mysteriöse »Signatur«, die der Mörder seinen Opfern in den Leib schneidet – ist bestechend in seiner Beschreibung von eigentlich unfassbarer Realität.

Wer glaubt, Serienmörder würden – wie der fiktive Hannibal Lecter – nur in reißerischen Romanen ihr Unwesen treiben, der irrt. Und wer glaubt, dass Serienkiller nur weitab von deutschen Landen Menschen morden, der irrt genauso gewaltig.

Richard Harris erfand die Horrorgestalt Lecter, machte den Arzt und Kannibalen weltberühmt. Anthony Hopkins übernahm die Rolle des psychopathisch-morbiden Mörders in »Das Schweigen der Lämmer«, »Hannibal«, »Roter Drache« und »Hannibal Rising – Wie alles begann« (2007). Was viele Kinogänger nicht wissen: Die Realität ist oft nicht weniger grausam als die Fiktion!

Robert John Maudsley, 1953 geboren, war der wirkliche, der reale Hannibal Lecter. Als jugendlicher, drogenabhängiger Stricher peinigte der Brite einen »Kunden« auf so grausame Weise zu Tode, dass er – ganz ähnlich wie Hannibal Lecter – in einem Hochsicherheitsgefängnis untergebracht wurde. Dort begann er eine Mordserie der grausamsten Art.

Hochsicherheitsgefängnisse wurden sein Zuhause. Seit nunmehr fast drei Jahrzehnten ist er im Wakefield-Gefängnis untergebracht, in Einzelhaft, in einer Doppelzelle ohne Fenster. Eine dicke Panzerglasscheibe trennt ihn von den Wächtern, die den gefährlichen Psychopathen ständig beobachten können. Sein Essen wird ihm auf Papptellern gereicht. Nur Plastikgeschirr darf er benutzen, weil ein metallenes Essbesteck in seinen Händen zur tödlichen Waffe würde. Sechs bis acht Wächter, unterstützt von äußerst scharfen Wachhunden, passen auf ihn auf, wenn er seinen »Spaziergang« auf einem streng bewachten Gang absolviert. Die Tiere wurden eigens für Maudsley angeschafft. Ein Kontakt zu Mitgefangenen sollte vermieden werden. Das gelang aber nur bedingt, was einige Mithäftlinge mit dem Leben bezahlen mussten.

Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen mordete der reale Hannibal Lecter im Gefängnis weiter, stets im Hass auf Homosexuelle und pädophile Straftäter. (1) Wiederholt soll es dabei zu Kannibalismus gekommen sein.

Am 5. März 2012 vermeldete »Daily Mirror«, Robert John Maudsley sei »bei schlechter Gesundheit«. Zwei Ärzte behandeln ihn, wohl nicht ohne Angst. Die Bevölkerung muss aber keine Angst haben: Maudsley gehört zu einer kleinen Minderheit von Häftlingen, die unter keinen Umständen je wieder in die Freiheit entlassen werden. Der gefährliche Mörder wird den Rest seiner Tage in Einzelhaft verbringen. Nur so kann die Öffentlichkeit vor der menschlichen Bestie geschützt werden.

Der Staffelberg - Foto: W-J.Langbein
Von England nach Deutschland. Auch im »Schatten des Staffelbergs« wurde gemordet... Im Frankenland suchte die Polizei vor Jahrzehnten 357 Tage lang nach dem Mörder von drei jungen Mädchen. Am 2. Weihnachtsfeiertag 1959 schlug der damals sechzehnjährige Manfred Wittmann erstmals zu und fiel über eine 19-Jährige her. Der Täter zwang sein Opfer, sich auszuziehen. Mit seinem Taschenmesser verletzte er die junge Frau schwer. Sie überlebte aber zum Glück. Zu einer Verhaftung kam es damals nicht. Gerüchte kursierten damals, wonach Manfred Wittmann Kratzwunden an den Händen hatte. Wie hatte er sich die Wunden zugezogen?

Fast ein Jahrzehnt verstrich. Dann, am 19. Dezember 1968 ermordete er auf bestialische Weise Nora Wenzl. Zwei weitere, grausame Morde folgten. Am 28. August 1969 tötete er Helga Luther, am 15. November 1969 Sieglinde Heubner. Jetzt erinnerte sich ein Zeuge an den Mordversuch von 1959 ... und an die Kratzspuren an den Händen von Manfred Wittmann. Er wurde verhaftet.

Am 15. Dezember 1971 wurde das Urteil verkündet: drei Mal lebenslänglich für drei Morde »zur Befriedigung seines sadistischen Geschlechtstriebes. Inzwischen wurde die Haft von der Strafvollzugskammer Regensburg auf Bewährung ausgesetzt. Bis zum 30. September 2012 soll, so das Gericht, »eine geeignete Unterbringung« gefunden werden für den inzwischen 69jährigen gefunden werden. Nach fast 42 Jahren Haft, so heißt es, mache eine weitere Inhaftierung des »gesundheitlich schwer Angeschlagenen keinen Sinn«. Eine »geeignete Unterbringung«, etwa bei einer karitativen Organisation, scheint bislang nicht gefunden worden zu sein. Möglicherweise wird Manfred Wittmann in einer Pension untergebracht werden müssen.

In Volker Backerts Roman »Das Haus vom Nikolaus« taucht Manfred Wittmann am Rande, aber mit Namensnennung auf:

»Angespannte Stille herrschte unter den zwölf Kripobeamten. Nur Charly klapperte ungeniert mit der Kaffeetasse, während Polizeidirektor Frank Ritter an einem PC die Tatortfotos studierte. ›Grausam … so was haben wir hier in der Region seit Wittmann in den Sechzigern nicht mehr erlebt.‹«

Fahrt durch den Gottesgarten - Foto: W-J.Langbein
Volker Backert ist mit »Das Haus vom Nikolaus« ein in höchstem Maße spannender Krimi, ein Thriller von Klasse und Format, gelungen. Autor Backert, wie der Rezensent am Obermain aufgewachsen, hat mit seinem Erstling überzeugt. Wie? Die »Neue Presse«, Coburg, brachte es in einer angemessenen Rezension auf den Punkt (2):

»Gründlich recherchiert, geschickt aufgebaut und flüssig geschrieben, bietet der 250-Seiten-Krimi professionelle Hochspannung, süffisanten Lesestoff und jede Menge Lokalkolorit. Allerdings auch drastische Gewaltszenen und unbehagliche Exkurse in menschliche Abgründe.«

Auch der Rezension des »Nordbayerischen Kurier« kann ich voll inhaltlich zustimmen. Da heißt es (3): »Der Autor Volker Backert hat mit seinem Erstling einen äußerst gelungenen Krimi hingelegt: Spannend konstruiert, gut erzählt, kenntnisreich angelegt und mit einem überraschenden Ende. Backert ist nämlich durchaus Profi: Als Abteilungsleiter für öffentliche Sicherheit arbeitet er eng mit der Polizei zusammen. Ein Umstand, der seinem Krimidebüt wohl tut. Backert hat einen Frankenkrimi geschrieben, der erzählerisch und kompositorisch auf einem hohen Niveau liegt."

Kenntnisreich ist Backerts Werk in jeder Hinsicht: in Sachen Ermittlungsarbeit der Polizei bei der Jagd nach einem Serienkiller, in Sachen Erstellung eines Täterprofils. Realistisch ist er auch in Sachen tagtäglicher Polizeiroutine. Spätestens als der Verdacht, ein Serienkiller könne »aktiv« sein, publik und von der Sensationspresse genüsslich zelebriert wird, arbeitet die Polizei unter wachsendem Erfolgsdruck. Schlagzeilen treiben die zunächst im Trüben fischenden Ermittler an. Die Politik will Erfolge sehen. Kaum gerät jemand unter Verdacht, droht verfrühter Jubel. Polizeiobrigkeit und Politik möchten so rasch wie möglich den Verdächtigen ... den Schuldigen präsentieren. Das Risiko ist groß. Leicht kann verfrüht der Falsche zum Täter erklärt werden. Und dann hat der wahre Killer freie Hand.

Es stimmt einfach alles: Der geschickte Aufbau des Romans vom Anfang bis zum packenden Finale hat mich überzeugt. Die Spannung wächst von Seite zu Seite, ohne dass das auf Kosten von Logikfehlern geht. Backert versteht es meisterlich, stets realitätsnah zu bleiben. Er stellt so manchen amerikanischen Megabestseller in den Schatten!

Volker Backert
Mir ging es so: Ich habe Backerts »Haus vom Nikolaus« zu lesen begonnen, weil der Thriller in meiner fränkischen Heimat spielt. Ich wollte – durchaus kritisch – überprüfen, in wieweit reale Szenarien beschrieben werden. Würde ich das schöne Frankenland erkennen? Mich hat bald das liebevoll-präzise Lokalkolorit begeistert. Dann aber geriet ich in den Sog der Handlung. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Ich musste einfach weiter und weiter lesen. Ich wurde förmlich in den Strudel der immer schneller ablaufenden Handlung gezogen.

Lesend folgte ich dem Geschehen von Tatort zu Tatort im Oberfänkischen, von grausiger Mordtat zu grausiger Mordtat, in die Finsternis der Seele eines Serienmörders. Mörder und Polizei arbeiten beide gegen die Zeit. Der psychopathische Mörder hat sein Ziel im Auge, seinen finalen »Höhepunkt« in einer Mordserie. Der wahnsinnige Kranke will seine Macht demonstrieren: seinen Opfern gegenüber, aber auch der Polizei gegenüber. Am Schluss möchte er als triumphierender Allmächtiger erkannt, anerkannt werden.

Die Polizei ist im Nachteil. Der Täter ist ihr immer um Schritte voraus. Die Polizei kommt ihm langsam auf die Spur. Wird es den Ermittlern gelingen, den Täter einzuholen? Kann die Polizei zugreifen, noch bevor ein weiterer Mord geschieht? Ist es möglich, den Täter zu manipulieren? Kann man ihn durch gezielte Pressemeldungen beeinflussen? Ist es möglich, den nächsten Mord zu verhindern ... oder zumindest hinauszuzögern? Oder muss die Polizei ohnmächtig weitere Untaten geschehen lassen?

Positiv fällt auf: Die Gewaltszenen, die Backert beschreibt, sind durchaus drastisch, aber nie reine Effekthascherei, nie übertrieben, nie Selbstzweck. Natürlich will ich das überraschende Ende nicht verraten. Klar ist, dass am Ende das Gute obsiegt, sprich der blutrünstige Serienmörder zur Strecke gebracht wird. Natürlich wird sein letztes Opfer noch gerade rechtzeitig befreit.

Eigentlich lese ich so gut wie keine Krimis oder Thriller. Aber »Das Haus vom Nikolaus« habe ich in einem Rutsch verschlungen. Ich weiß jetzt, wer der Mörder ist. Das Ende war für mich überraschend, obwohl ich als Autor vieler Kurzkrimis »vom Fach« bin. Ich frage mich, wann es erste Hinweise auf den Täter gab, die ich womöglich übersehen habe. Auf alle Fälle werde ich »Das Haus vom Nikolaus« ein zweites Mal lesen – und jetzt in Ruhe genießen!

Ich kann »Das Haus vom Nikolaus« nur wärmstens empfehlen. Auch was Krimis angeht, muss es nicht immer nur »Amikost« sein! Und ein Besuch im Frankenland ... lohnt sich wirklich. Die Basilika von Vierzehnheiligen ist eine Perle sakraler Baukunst. Sie liegt am Jakobsweg ... und just in der Region, in die uns Volker Backert mit seinem Roman entführt!

Fußnoten
1 Die Angaben über Robert John Maudsley, seine Haftbedingungen und Straftaten variieren in den zahlreichen Berichten. Jaques Bauval hat ein Buch über den Serienmörder verfasst.
Bauval, Jaques: Der wahre Hannibal Lecter, Augsburg 2003
2 »Neue Presse«, Coburg, 08.07.2010
3 »Nordbayerischer Kurier«, Bayreuth, 2.10.2010 (links: Vierzehnheiligen, Foto Ingeborg Diekmann)


Volker Backert: Das Haus vom Nikolaus, Emons Verlag 2010, 254 Seiten, Euro 9,90
Volker Backert: Das Haus vom Nikolaus, Emons Verlag, kindle-Edition 2011, Euro 8,49



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Sonntag, 12. August 2012

134 »Noch ein kurioser Stein und der Garten aus Gold!«

Teil 134 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Rückseite von Santo Domingo
mit  Inkamauern
Foto: Håkan Svensson (Xauxa)
Mächtig und wehrhaft wirkt auch heute noch die steinerne Mauer an der Rückseite von Santo Domingo. Sie ist Teil des einstigen Heiligtums »Nr.1« der Inkas und hat schon im Verlauf vieler Jahrhunderte so manches Erdbeben überstanden.
An der Rückseite der Kirche entdeckte ich Hunderte von präzise bearbeiteten Steinen aus den Zeiten der Inkas, von fleißigen Archäologen in der Art einer steinernen »Prozession« aneinandergereiht. Sie stammen wohl vom Coricancha- Tempel. Der von den Spaniern verfälschte Name lautete in Quechua, der Inka-Sprache, »Qoricancha«, zu Deutsch »Goldener Hof«. Aber auch das war wohl nicht der Originalname ... der lautete wohl »Intikancha«, zu Deutsch »Sonnentempel« oder »Sonnenbezirk«.

Auf der Rückseite des stolzen Sakralbaus der katholischen Kirche lagen sie in Massen ... die steinernen Zeugnisse der Inka-Steinmetze. Wie in Tiahuanaco und Puma-Punku hatte ich den Eindruck, dass es so etwas wie genormte Steinformate gab. Und die wurden vor vielen Jahrhunderten wie am Fließband gefertigt, mit welchen Werkzeugen auch immer.

Massenprodukt Stein - Foto W-J.Langbein
Zwischen diesen uralten Bauelementen entdeckte ich zwei steinerne »Motore«... und einen weiteren, länglichen Stein. Genauer gesagt: Es handelt sich um ein Bruchstück eines größeren Steins. Die Bezeichnung »Stein« kommt mir irreführend vor. Auf mich macht das mysteriöse Objekt den Eindruck, als habe man ein technisches Werkstück kopiert, sprich in Stein nachmodelliert. Und von dem merkwürdigen, nachgebauten »Apparat« ist nur noch ein Teil erhalten.

Ich versuche objektiv zu beschreiben, ohne zu interpretieren ... Auf der Oberseite erkennt man präzise in den harten Stein gefräste Rillen, fünf an der Zahl. Am Ende jeder dieser Rillen findet sich ein säuberlich gebohrtes Loch. Die Bohrung führt durch den Stein, tritt an der Seite aus ... mündet wiederum in ein gebohrtes Loch. Darunter befindet sich – aus dem Stein gemeißelt – so etwas wie eine schmale »Leiste«. In diese Leiste wurden – unter den Löchern – wiederum Rillen eingefräs t... und die führen wiederum in sauber gebohrte Löcher, die im Stein verschwinden. Zu welchem Zweck wurden diese millimeterkleinen Löcher gebohrt? Darf man den Stein technisch interpretieren?

Der mysteriöse »Lochstein« (oben),
darunter einige der Bohrungen
Fotos: W-J.Langbein
Wenn ich meiner Fantasie freien Lauf lassen darf: Dieses Werkstück wäre ideal für Kabel, Stromleitungen etwa, geeignet ... nicht für Wasser. Die eingefrästen Rillen sind so schmal, dass sie nur winzigste Wassermengen im Tropfenbereich aufnehmen können. Auch die Bohrungen durch den Stein sind völlig ungeeignet, um eine Flüssigkeit zu befördern. Kleinste Schmutzpartikel würden rasch die Minikanälchen verstopfen.

Die Inkas kannten aber keinen elektrischen Strom. Kabel waren ihnen ebenso unbekannt wie elektronische Bauteile. Könnte es sein, dass Inkas – oder schon ihre Vorfahren – so etwas wie nicht verstandene Technologie sahen und kopierten?

Die Cargo-Kulte verschiedener Südseeinseln beweisen: Naturvölker verstanden vor Jahrzehnten überlegene Technologie nicht. Flugzeuge waren für die »Eingeborenen« rätselhafte Fabelwesen, die sie staunend beobachteten ... Später haben sie diese scheinbar überirdischen Wesen imitiert, nachgebaut ... mit primitiven Mitteln. (1) Wenn wir nicht wüssten, dass diesen künstlerisch ansprechenden Objekten reale Begegnungen mit Flugzeugen zugrunde liegen ... würden wir die aus einfachen Materialien nachgebauten Objekte auch heute noch für imaginäre Fabelwesen halten.

Für Südseeinsulaner war es eine Art Fabelwesen ...
Wir erkennen es als Flugzeug. Foto: W-J.Langbein
Sollten die Inkas ... oder deren Vorläufer ... mit Technologie in Berührung gekommen sein: mit Motoren zum Beispiel? Diese Motoren können dann aber kaum irdischen Ursprungs gewesen sein. Sollten die Inkas Kontakt mit Außerirdischen gehabt haben?
Zurück zu den kuriosen Steinen von Santo Domingo in Cuzco. Ein zweites Mal tauchte der schwäbelnde Geistliche im wehenden Talar auf. »Kennen Sie die Geschichte vom ›Goldenen Garten‹?« Natürlich hatte ich mich auf meine Reise nach Cuzco gut vorbereitet. So war mir der »Goldene Garten« ein Begriff. Ich fasste – mit etwas Stolz – mein Wissen in Sachen Inka-Gold zusammen.

Santo Domingo,
die Inkamauer von innen
Foto: Ingeborg Diekmann
Der legendäre Tupac Capak und seine Nachfolger erbeuteten auf ihren Feldzügen unermessliche Mengen Goldes – bei den Chimú, deren Kunstfertigkeit mehr als meisterhaft war. Und so vereinnahmte Tupac Capak nicht nur das kostbare Metall. Er verschleppte auch die besten Goldschmiede der Chimú, die von nun an für den Inka arbeiten mussten. Chimú-Goldschmiede waren es, die ein riesiges Standbild des Sonnengottes Inti kreierten. Sie fertigten auch – ebenso aus purem Gold – eine gewaltige Sonnenscheibe an: für die religiöse Metropole Cuzco. Vielleicht noch bedeutsamer war eine Statue von »Mama Ocllo«. »Mama Ocllo« war eine jener Urgöttinnen aus den Zeiten des Matriarchats, als Göttinnen die Schicksale der Menschen bestimmten.

»Wenn man nur diese Inka-Mauern wie ein Buch lesen könnte ... « murmelte ich vor mich hin und fotografierte weiter das Mauerwerk an der Rückseite von Santo Domingo. »Was wir dann erfahren könnten ...«

Der katholische Geistliche nickte zustimmend. »Mama Ocllo war so etwas wie eine Urgöttin ... eine Art göttliche Eva. Es gibt verschiedene Überlieferung über die Herkunft von Mama Ocllo. Sie sei die Tochter von Sonnengott Inti und Mama Qilla, heißt es. Nach einer anderen Überlieferung war sie eine Tochter von Viracocha und Mama Cocha.« Mama Qilla galt bei der Inkas als Mondgöttin ... Mama Cocha war die Göttin des Meeres.

Unvorstellbare Schätze fanden die
Spanier im Tempel der Inkas.
Fotos und Collage: W-J.Langbein
Der Geistliche fiel mir ins Wort: »Die Namen der Göttinnen sind nicht so wichtig. Von Bedeutung ist nur, dass in dieser religiösen Mythologie festgehalten wurde, dass es einst eine Herrschaft der Muttergöttin gab ... die die später mächtig werdenden männlichen Götter gebar. Die goldenen Statuen der Göttinnen befanden sich zuletzt in Räumen des Tempels, die noch zum Teil in und unter der Kirche Santo Domingo erhalten sind!«

Ob es denn wirklich diese Goldschätze gab, fragte ich ein wenig provokativ meinen Gesprächspartner. »Natürlich!« schnaubte er wütend. »So wie es auch den ›goldenen Garten‹ gab! Garcilasso de la Vega hat ihn ausführlich beschrieben!«

Auch der »goldene Garten« gehörte zum Superheiligtum Coricancha in Cuzco. Der »goldene Garten« war so etwas wie ein paradiesisches »Eden«. Von üppiger Pracht waren die schönsten Blumen und Pflanzen, die Bäume und Maisfelder mit prallen Kolben an jeder Maispflanze. Mit Sorgfalt ausgewählt waren die den Inkas wohlbekannten Heilpflanzen. An Büschen warteten reife Beeren darauf, geerntet zu werden. Käfer und Eidechsen krabbelten ... Lamas wurden von Hirten beaufsichtigt. Greise passten auf Enkelkinder auf. Bauern kümmerten sich um ihre Felder ... ein naturgetreues Szenario ... und alles aus purem Gold!

Santo Domingo bei Nacht.
Foto: Martin St-Amant
Der berühmte Archäologe und Inka-Kenner Prof. Dr. Miloslav Stingl kommentiert (2): »Dieses Wunder aller Wunder, das wohl auf der ganzen Welt nicht seinesgleichen hatte, ist wahrscheinlich das Werk der in Cuzco lebenden Chimú-Goldschmiede gewesen, die nach der Unterwerfung ihres Reiches in die Hauptstadt der Inka umgesiedelt worden waren. Die Spanier haben, gleich nach der Eroberung der Stadt, diese funkelnde Pracht feiner zisilierter Blumen und Ähren, diesen ganzen Goldenen Garten von Cuzco in ihrer Gier nach dem goldglänzenden Metall zerstört und ausgeraubt, so wie 60 Jahre vorher die Inka die Goldschätze Chan-Chans geplündert hatten.«

Der Hinweis auf die plündernden Inkas ist keine Entschuldigung für das brutale, räuberische Vorgehen der christlichen Spanier ... die auch heute noch – leider – in weiten Teilen Südamerikas als Vertreter einer überlegenen, ja höher stehenden Zivilisation angesehen werden. Sachlich betrachtet waren die Conquisadores nichts anderes als ein goldgieriger Haufen von Räubern, die vor keinem noch so schlimmen Verbrechen zurückschreckten ... wenn nur Gold als Belohnung winkte!

Der seltsame Stein - Foto: W-J.Langbein
Fußnoten
1 Das Foto des nachgebauten Flugzeugs entstand am 29.08.2006 im »Mystery Park« (heute JungfrauPark) bei Interlaken, Schweiz.
2 Stingl, Miloslav: »Auf den Spuren der ältesten Reiche Perus«, Leipzig, Jena, Berlin, 2. Auflage 1990, S. 237

»Gold, Gold ... Gold«,
Teil 135 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19.08.2012


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