Sonntag, 8. November 2015

303 »Von der Kreuzigung zum Teufelsarsch«


Teil 303 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: See zu Füßen der Externsteine

In der Zeitschrift »Wünschelrute – Ein Zeitblatt« entdeckte ich (1) eine alte Sage. Werner von Haxthausen (* 11. Oktober 1744 im Fürstbistum Paderborn; † 23. April 1823 in Bökendorf bei Brakel) hat schriftlich festgehalten, was damals – zu Beginn des 19. Jahrhunderts –  noch von Kundigen erzählt wurde. Die »Sage vom Externsteine« verdeutlicht, dass die Externsteine noch ein heidnischer Kultort gewesen sein müssen, als das Christentum bereits weitverbreitet war. Ich darf zunächst die Sage zitieren (2):

Foto 2: Das mysteriöse Kreuzabnahmerelief der Externsteine

»Als das Kreuz Christi bey uns gepredigt wurde, so ärgerte sich der Teufel, daß er immer eine Gegend nach der andern verlor. Er hatte lange die Gegend vom Externsteine nicht besucht und hoffte immer, daß es über den Damm nicht herüber könnte. Da er aber überall flüchten mußte, so wollte er sich nun nach dem Externsteine zurückziehen.«

Mit anderen Worten: Das Christentum hatte sich schon weitestgehend durchgesetzt, da gab es an den Externsteinen noch eine »lebende« Kultstätte, deren Anhänger mit dem Teufel gleichgesetzt wurden. Im »III. Reich« zeigten die Nazis – allen voran - »Reichsführer-SS« Heinrich Himmler – großes Interesse an den Externsteinen. Sie sahen den mysteriösen Ort als »germanischen Kultort«. Archäologische Grabungen um 1933 erbrachten freilich keinerlei stichhaltigen Beweis für germanisches Urbrauchtum an den Externsteinen.

Nach dem Ende des II. Weltkriegs wurde offenbar jeder Hinweis auf vorchristliche Nutzung der Externsteine tabuisiert (3). Die Sage – 1818 zu Papier gebracht – sieht das Heidentum an den Externsteinen durch das Christentum bedroht. Sie beschreibt – in der Sprache der Sage – den Sieg des Christentums und die Niederlage des »Teufels« (also des Heidentums) (4):

Foto 3: Teufelsfratze, Externsteine
»Er (der Teufel) kam an und sah eine große Menge Menschen, die vor dem Kreuze niederfielen, das man noch an den Felsen ausgehauen sieht, und die zu der Capelle auf der Spitze des steilsten Felsen und zu dem Grabe am Abhange des vordersten Felsen eine Procession hielten.«

Die Christen pilgerten also zu den Externsteinen, sie beteten vor dem Kreuzabnahmerelief, das heute noch hunderttausende Besucher anlockt. Umstritten ist aber bis heute, ob das beeindruckende Bildnis von Anfang an ein christliches Kunstwerk war, oder ob nicht vielleicht doch ein älteres, sprich heidnisches Relief umgearbeitet wurde. In der Tat ist das untere Drittel des Reliefs sehr viel stärker verwittert. Das dargestellte Menschenpaar, von einem Lindwurm (?) umschlungen, könnte durchaus heidnische Wurzeln haben. Lesen wir weiter in der Sage (5):

»Das verdroß den Teufel. Er sah einen Priester mit einem Cruxifix von der Capelle kommen, er ergriff ein großes Felsenstück und schleuderte es nach ihm. Aber die Macht des Kreuzes gab dem Steine eine andere Richtung und er blieb auf einer Felsenspitze hängen.«

Foto 4: Der »Wackelstein« auf Felsen IV

Der »Wackelstein«, das angebliche Wurfgeschoss des Teufels, befindet sich auch heute noch in luftiger Höhe auf »Felsen IV«. Angeblich konnte ihn ein einzelner Mensch zum Schaukeln bringen, es sei aber unmöglich gewesen, ihn vom Felsen zu stürzen. Die lippische Fürstin Pauline sicherte den Koloss durch Metallklammern in den Jahren 1835 bis 1836, später wurde er noch mit Beton am Untergrund fixiert.

Folgen wir weiter der Sage (6): »Da sprach der Priester den Fluch über ihn (den Teufel) aus, und der Teufel flüchtete bey dem ausgehauenen Kreuze vorbey, an dem untersten Abhange des Berges zu dem Grabe. Hier faßt er mit seinen Krallen hinein, die noch deutlich darinn zu sehen sind, konnte es aber nicht zerstören. Da stemmte er sich gegen den großen Felsen, um ihn niederzuwerfen. Er drängte so gewaltig, daß er ein tiefes Loch in den Felsen drückte, und die Flamme schlug daran in die Höhe, wie noch deutlich zu sehen. Der Felsen blieb aber unbeweglich stehen, weil das Kreuz daran ausgehauen war. Da ging der Teufel fluchend fort und drohte, der Stein, den er zuerst gegen den Priester schleuderte, der solle noch einmal eine Bürgerfrau aus der Stadt Horn umbringen. Die Bürger aus Horn gaben sich alle Mühe, diesen Stein herunterzubringen, der ganz lose zu liegen scheint, es war ihnen aber bis jetzt unmöglich. Seit einem Jahre geht die Landstraße zwischen dem, worauf der Stein liegt, und einem andern Felsen durch.«

Foto 5: Das steinerne Grab am See der Externsteine

Das »steinerne Grab« könnte als Nachbildung des Grabes Jesu gedacht sein. Es ist möglich, dass Prozessionen vom Kreuzabnahmerelief zum Steingrab gingen. Vielleicht legten sich Gläubige auch in das Steingrab, um sich besonders intensiv in Jesu Leid und Tod einzufühlen. Oder das Steingrab  ist vorchristlichen Ursprungs? Direkt beim Steingrab stießen Archäologen auf drei Skelette. Sie waren vollständig… bis auf die Füße. Wurden hier – diese These wird auch vertreten – Druiden eingeweiht? Vollzogen sie in geheimen Ritualen den Kreislauf des Lebens… von Tod und Auferstehung? Ein »Archäologe« vor Ort erklärte mir, bei den Skeletten ohne Füße handele es sich um verstoßene Kelten. Man nahm ihnen die Füße, so die Erklärung, um sie daran zu hindern ins Jenseits, in die »Anderswelt«, zu wandern.

Foto 6: Autor Langbein meditiert im Felsengrab (Foto Inge Diekmann)

In der Mythenwelt der Kelten gab es Schwellenorte, an denen ein Übergang zur anderen Welt besteht. An diesen ganz besonders heiligen Orten ist nach Keltenglauben die Kontaktaufnahme mit der jenseitigen Welt möglich. War das Felsensteingrab also keltischen Ursprungs? Legte man sich in die mumienförmige Kuhle, um Kontakt mit den Toten aufzunehmen? Das Felsengrab liegt an einem kleinen, künstlich angelegten See. Die Kelten glaubten an Tore zur Anderswelt. Solche Übergänge gab es in ihrer Glaubenswelt zum Beispiel unter Seen. Nun liegt das Steingrab der Externsteine nur wenige Meter von einem künstlich angelegten See entfernt. In seiner heutigen Form wurde er erstmals von der lippischen Fürstin Pauline in den 1830er Jahren in Auftrag gegeben. Gab es vielleicht just an jener Stelle schon sehr viel früher einen See?

Foto 7: Felsengrab (senkrechter Pfeil), Teufelsarsch /wagrechter Pfeil)

Lassen Sie mich spekulieren: Fakt ist, dass sich unterhalb der Externsteine eine vermutlich natürliche Höhle befindet. Man sieht sie in der Regel nicht, weil ihr Eingang weitestgehend unter dem Spiegel des Sees liegt. Kombinieren wir: Wenige Meter vom Sargstein entfernt gibt es unter dem Wasserspiegel eines Sees eine Höhle. Ist es reiner Zufall, dass dieses Szenario exakt keltischen Vorstellungen entspricht? Die Höhle wäre dann die Unterwelt… oder der Eingang in die Unterwelt… unter einem See! Keltischer geht es kaum noch.

Zu dieser Höhle gibt es eine sehr interessante Sage…Die Höhle wird in der Regel beschönigend als »Teufelssloch« bezeichnet. Ihr eigentlicher Name aber lautet, deutlich derber »Teufelsarsch«. Doch lauschen wir der Sage! Die Sage erklärt, wie es zum Namen kam! Der Teufel war ob des christlichen Treibens an den Externsteinen mehr als empört. Er (7) »konnte nicht leiden, daß etwas Gutes daselbst verrichtet wurde, derowegen  hat er sich unterstanden, mit Gewalt den Stein umzustoßen. Die Alten weiseten daselbst, an welchem Ort des Steins der Teufel angefangen. Und er hat sich mit aller Macht dagegen gestemmt, hat ihn aber nicht umwerfen können. So mächtig aber hat er sich dagegen gedrängt, daß sich sein Hinterer tief in den Stein gedrückt hat, wie man noch sehen kann.«

Foto 8: Keltisch oder christlich? Kreuzabnahmerelief... unter dem Kreuz

Mit anderen Worten: Der Teufel höchstselbst wollte den Stein mit dem Kreuzabnahmerelief umwerfen. Und weil er sich mit unglaublicher Gewalt mit seinem Allerwertesten gegen den Stein presste, entstand die Höhle. Eine Vermutung liegt nahe: Die Höhle wurde in vorchristlichen Zeiten für kultische Handlungen der heidnischen Art verwendet…. der keltischen vielleicht? Für die frommen Christen jedenfalls war das böses, gegen den christlichen Glauben gerichtetes Teufelswerk! Und deshalb wurde die heidnische (keltische??) Höhle zum – pardon – »Teufelsarsch«!


Fußnoten

Foto 9: Externsteine vom See aus, etwa 1910 (Archiv W-J.Langbein)
1) Hornthal, Peter von (Herausgeber): »Haxthausen, Werner von: ›Sage vom
Externsteine‹«, Göttingen 1818, Nr. 11, S. 43 (Rechtschreibung unverändert aus
der Quelle übernommen!)
2) ebenda!
3) Siehe hierzu…. Braun, Wolfgang: »Geheime Orte in Ostwestfalen/ Ein
     Ausflugsführer«, Berlin 2015. (Externsteine, Tour 2, Die Externsteine lassen viele
     Fragen offen, S. 42-49)
Foto 10: Der »Wackelstein«
4) Hornthal, Peter von (Herausgeber): »Haxthausen, Werner von: ›Sage vom Externsteine‹«, Göttingen 1818, Nr. 11, S. 43 (Rechtschreibung unverändert aus
der Quelle übernommen!)
5) ebenda
6) ebenda
7) Mundhenk, Johannes: »Forschungen zur Geschichte der Externsteine, Band II,
     Untersuchungen zur Jüngeren Geschichte der Externsteine«, Lemgo 1980, S
     127/28 (Orthographie nicht angepasst!)

Zu den Fotos
Fotos 1-5: Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Ingeborg Diekmann
Fotos 7 und 8: Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Archiv Langbein (etwa 1910)
Foto 10: Walter-Jörg Langbein 

304 »Die Externsteine und das Blutloch«,
Teil 304 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.11.2015


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Sonntag, 1. November 2015

302 »Maria Magdalena, Räuber und Widukind II«

302 »Maria Magdalena, Räuber und Widukind II«
Teil 302 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Klosterruine »tom Roden«

Wann wurde »tom Roden« gegründet und von wem? Darüber schweigen Akten und Urkunden. Selbst im Archiv des einstigen Klosters von Corvey…. nur wenige hundert Meter von »tom Roden« entfernt, gibt es keinerlei Hinweis. Warum wurde »tom Roden« ins Leben gerufen? Auch auf diese Frage finden wir in den Urkunden keine Antwort. Grundsätzlich: Klöster waren nicht nur am Seelenheil der Gläubigen interessiert, ihre Gründerväter hatten durchaus auch finanzielle Interessen.

So war es aus wirtschaftlichen Erwägungen durchaus sinnvoll, wenn zum Beispiel ein Kloster im städtischen Bereich irgendwo auf dem Lande eine »Dependance« eröffnete, um so zu zusätzlichen Einnahmen zu kommen. Nun liegt aber »tom Roden« weniger als einen Kilometer vom Kloster Corvey entfernt, wäre als »Dependance« von Corvey eher ein finanzieller Negativposten. Kurz: Nur wenige hundert Meter von einem Kloster ein zweites Kloster zu gründen, das macht keinen Sinn.

Foto 2: Hier wurde Maria Magdalena verehrt

Darf, ja muss man also annehmen, dass »tom Roden« nicht von Corvey aus gegründet wurde? Die Kirche von »tom Roden« war der Maria Magdalena geweiht. Das kann als Hinweis verstanden werden! Es könnte sich um die Stiftung eines reuigen Sünders handeln, der – um sein Seelenheil fürchtend – schwere Schuld durch eine üppige milde Gabe zumindest mindern wollte. Oder wurde jemand dazu verurteilt, das Kloster »tom Roden« zu finanzieren?

Foto 3: Hier hauste Widukind II
Nun wird vermutet, dass die Rodungen für das Kloster »tom Roden« im zwölften Jahrhundert vorgenommen wurden. Nach intensivem Quellenstudium brachte mich auf die Spur eines wirklich aussichtsreichen Kandidaten… Widukind II. von Schwalenberg! Die Schwalenburg über dem malerischen Städtchen Schwalenberg macht heute noch einen imposanten Eindruck. Nach dem Tod des letzten Grafen von Schwalenberg fehlten die Mittel, das historische Gebäude zu erhalten. So verfiel die Burg immer mehr. 

In den Jahren 1911 bis 1913 wurde sie als Sitz für die Prinzessin Friederike zur Lippe genutzt. In den Jahren nach der Weimarer Republik diente die Burg als Müttergenesungswerk und anschließend als evangelisches Kindererholungsheim.  1960 werden die Räumlichkeiten der Burg renoviert und stehen der Öffentlichkeit als einen Restaurant und Hotel zur Verfügung. Das Restaurant bietet einen wunderbaren Ausblick auf die Umgebung. Auf historischen Aufnahmen wirkt die Schwalenburg allerdings reichlich düster, erinnert an die Kulissen für eine Frankenstein-Verfilmung in Schwarzweiß aus den 1930er Jahren. Vom Frankenstein-Monster zurück zum historischen Widukind II.

Dieser Widukind muss auch für damalige Verhältnisse ein arger Unhold gewesen sein! So erschlug Widukind II. höchstselbst anno 1156 den Stadtgrafen von Höxter, als der im Schatten der Kirche eine Gerichtsverhandlung leitete. Ein Motiv für die Bluttat ist nicht überliefert. Mag sein, dass Widukind II. sich selbst als Inhaber der Gerichtsbarkeit sah.

Foto 4: St. Kilian zu Höxter
Anno 1152 attackierte Widukind II von Schwalenberg die Stadt Höxter und nahm Geiseln. So erpresste er Lösegelder. Im gleichen Jahr – im Januar 1152 – verübte Widukind II mit seinen Mannen einen Überfall auf den Friedhof von Corvey.

Er plünderte die geheiligte Stätte, raubte sakrale Kultobjekte. Unterstützt wurde Widukind II. von Schwalenberg durch seinen nicht minder gewalttätigen Bruder Volkwin. Das Bruderpaar begnügte sich nicht mit dem Friedhof. 

Das Duo überfiel mit seiner Bande die Stadt Höxter. Vielleicht um bei künftigen Raubzügen leichter in die Stadt einfallen zu können… zerstörten die Kriegsknechte die Stadtmauer. Jetzt hatten sie jederzeit mühelos Zugriff auf die alte Weserstadt. Planten sie weitere Angriffe, weitere Raubzüge? Mag sein... Heutige Herrscher plündern in der Regel diskreter und effektiver... Ein schlechtes Gewissen hatten sie dabei wohl nicht. Wähnten sie sich gar im Recht? Waren die Überfälle auch ein Politikum, eine Machtdemonstration: Das gehört zu unserem Herrschaftsbereich, da können wir schalten und walten wie wir wollen?

Schließlich geschah etwas aus heutiger Sicht Befremdliches. Es streikten die Mönche. Sie nahmen Kruzifixe, Heiligenbilder und Reliquien aus den Kapellen und Kirchen, verstreckten alles. Kostbare Sakralobjekte wurden vergraben. Gottesdienste fanden nicht mehr statt. Erst wenn Widukind II. und sein Bruder Volkwin von der weltlichen Obrigkeit abgestraft würden, erst dann wollten sie wieder Gottesdienste abhalten. Stumm blieb das Geläut der Kirchenglocken. Die Klage wurde bis vor Friedrich Barbarossa getragen. Friedrich soll den verängstigten Mönchen eine strenge Bestrafung der beiden Schwalenberger zugesichert haben. Würde es zu einem Prozess, zu einer Verurteilung kommen? Und stand der heute mythologisch verklärte Barbaraossa wirklich auf Seiten der Opfer Widukinds und seines Bruders?

Die Bürger von Höxter bauten ihre Stadtmauer wieder auf. Zu weiteren Überfällen kam es nicht.  Friedrich I. forderte die Geistlichkeit auf, die Gottesdienste wieder regelmäßig abzuhalten. Wurde den gewalttätigen Brüdern von der Schwalenburg die Exkommunikation angedroht? Kam es gar – auch wenn es keine entsprechenden Urkunden (mehr?)  gibt – zu einer Verurteilung von Widukind II. und Volkwin? Denkbar, wenn auch nicht beweisbar, ist es! Womöglich wurde Widukind sogar von einem weltlichen Gericht verurteilt und das Urteil »Verbannung« ausgesprochen. Mag sein, dass zwar ein entsprechendes Urteil gefällt, aber gleich wieder ausgesetzt wurde. Mitglieder der höheren Stände standen vor Gericht eben nicht in Augenhöhe mit einfachen Bürgern. Räuber wurden eben nicht immer wie Räuber behandelt. Im Fall des Widukind II. ist es sogar möglich, dass seine Untaten von übergeordneter Stelle zunächst geduldet wurden.  Gab der Streik der Mönche den entscheidenden Ausschlag? Fürchtete die weltliche Obrigkeit den Aufstand der Bürger von Höxter  gemeinsam mit den Mönchen von Höxter?

Durch diplomatische Verhandlungen mag erreicht worden sein, dass Widukind und Bruder Volkwin die Schmach einer öffentlichen Verurteilung erspart blieb. Und wenn es zu einer Verurteilung kam, dann ohne Öffentlichkeit. Akzeptierte Widukind II. einen diskreten Richterspruch, der ihn zu einer Entschädigung der Kirche verpflichtete? Gab die Kirche Ruhe, weil Widukind II das Kloster »tom Roden« stiftete? War das Abkommen so geheim, dass Widukind II. in Urkunden nicht als Stifter von »tom Roden« genannt wurde?

Der Streik der Mönche jedenfalls wurde beendet. Die vergrabenen Kruzifixe, Heiligenbilder, Reliquien und Kelche kehrten zurück in die Gotteshäuser. Die Glocken erklangen wieder und riefen die Bürgerinnen und Bürger zum Gottesdienst.

Foto 5: »Unterwelt« von »tom Roden«
Fakt ist: Für »tom Roden« müssen erhebliche Summen aufgebracht worden sein, über die Kloster Corvey damals nicht verfügte. Corvey hatte im zwölften Jahrhundert finanzielle Probleme. Und hätten ausreichend Mittel zur Verfügung gestanden, wären die wohl für Kloster Corvey selbst aufgewendet worden und nicht wenige hundert Meter entfernt in den Bau eines zweiten Klosters gesteckt worden.

Ein Besuch der Klosterruinen »tom Roden« lohnt sich. Leicht zu finden ist das Kleinod aber nicht unbedingt.  Fahren Sie von Höxter aus über die »Corveyer Allee« nach Corvey. Von Corvey geht es weiter, vorbei am großen Parkplatz. Nach gut einem halben Kilometer folgen Sie – links abbiegend – der Straße in das Industriegebiet »Zur Lüre«. 

Die Klosterruine ist ausgeschildert, die »Hinweistafeln« dürften aber gern etwas größer sein. Als ich zum ersten Mal – per Taxi – vor Ort war, musste ich mich durchfragen. Aber wenn Sie erst einmal im Industriegebiet sind, haben Sie Ihr Ziel schon fast erreicht. Über einen guten, ja festen Feldweg geht es dann direkt zu den Ruinen.

Die Anlage »Klosterruine tom Roden« macht einen überschaubaren Eindruck. Die Mauern sind vom Weg aus zu sehen, von Feldern durch eine Hecke getrennt. Von »tom Roden« aus sehen Sie den Kirchturm von »St. Johannes Baptist«, Lüchtringen. Das Gotteshaus wurde 1901 und 1902 errichtet, an Stelle des Vorgängerbaus aus dem Jahr 1698. Nach einem Blitzeinschlag brannte damals die barocke Kirche ab. Auch das barocke Gotteshaus hatte schon einen noch älteren Vorgänger: Die erste Kirche Lüchtringens  war bereits mehrere Jahrhunderte alt, als »tom Roden« entstand. Sie wurde vor rund 1100 Jahren geweiht.

Es lohnt sich, »tom Roden« zu besuchen. Statten Sie aber auch dem früheren Kloster, Schloss Corvey einen Besuch ab! Nehmen Sie sich unbedingt Zeit für die mythologischen Malereien im Westwerk. Sie wurden aufwändig restauriert, lassen der Fantasie sehr viel Spielraum!

Fotos 6 und 7: Mythologie im Kloster Corvey

Da wurden auch Monster verewigt, im Kampf mit mutigen Recken. Welche »Drachentöter« da zugange sind, welche Fabelwesen da besiegt werden, wir wissen es nicht wirklich und sind auf Vermutungen angewiesen. Wesen aus heidnischen Sagenwelten… in einem christlichen Gotteshaus? Wenn man nur die leider stark beschädigten, liebevoll restaurierten Darstellungen heute noch wie ein Buch lesen könnte!

Am 19. Januar 1874 verstarb Hoffmann von Fallersleben in Corvey. Sie finden sein Grab auf dem kleinen Friedhof neben der Abteikirche. Eine schlichte Portraitbüste des Dichters, auch manchen Deutschen noch als Verfasser des »Deutschlandliedes« bekannt, wurde 1911 angebracht. Gestiftet hat sie Franz Hoffmann-Fallersleben, Sohn des Dichters. Hoffmann von Fallersleben wurde neben seiner bereits am 27. Oktober 1860 verstorbenen Frau Ida beigesetzt.

Foto 8: Grab-Denkmal von Fallersleben.

Hinweis

Lesen Sie bitte auch Folgen 256 »Odysseus und das Monster… in der Kirche«
und 257»Delphine, Skylla und Odysseus« dieser Serie!

Literatur

Foto 9: Kirche von Lüchtringen, von »tom Roden« gesehen

Claussen, Hilde: »Die Klosterkirche Corvey/ Wandmalerei und Stuck aus
karolingischer Zeit«, Mainz 2007 

Garbe, Burckhard: »Die schönsten Sagen zwischen Harz und Weser«, Kassel
2002 (Die Lilie im Kloster zu Corvey, S.43-47)

Höxtersches Jahrbuch: »Klöster um Höxter/ tom Roden, Brenkhausen, Corvey«, Höxter 1981

Matthes, Walther: »Corvey und die Externsteine/ Schicksal eines
vorchristlichen Heiligtums in karolingischer Zeit«, Stuttgart 1982

Plitek, Karl Heinz (Redaktion): »Kloster tom Roden. Eine archäologische
Entdeckung in Westfalen. Ausstellung des Westfälischen Museumsamtes und
des Westfälischen Museums für Archäologie«, Münster 1982

Zu den Fotos....

Fotos 1 und 2: »tom Roden«: Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Schwalenburg, historische Aufnahme, Foto Archiv Langbein 
Foto 4: St. Kilian, Höxter, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: »tom Roden«, Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Schloss Corvey, Westwerk, Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 8: Grab-Denkmal von Fallersleben. Foto wikicommons/ Kliojünger
Foto 9: Kirche von Lüchtringen, von »tom Roden« gesehen. Foto Walter-Jörg Langbein
303 »Von der Kreuzigung zum Teufelsarsch«,
Teil 303 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.11.2015


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