Sonntag, 15. November 2015

304 »Die Externsteine und das Blutloch«

304 »Die Externsteine und das Blutloch«,
Teil 304 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Blutloch und Drachenkampf

Unzählige Male habe ich in den vergangenen Jahrzehnten die Externsteine bei Detmold besucht. Noch in den 1970er Jahren war es problemlos möglich, in die verschlossenen Kammern in Fels I zu kommen. Man musste nur warten, bis vor Ort etwas Ruhe eingekehrt war. Oft gab es stundenlang kaum Besucher…. und dann wahre Massenabläufe. Besonders viel Publikum strömte herbei, wenn Reisebusse eben auch die Externsteine abhakten, um dann rasch und programmgemäß der nächsten Sehenswürdigkeit zuzustreben.

Kaum hatten genervte Führer ihre Schäflein zurück in die Busse getrieben, war der Zeitpunkt günstig. Man konnte den freundlichen Wächter im Kartenhäuschen um den Schlüssel bitten, und schon durfte man eine geheimnisvolle Welt in den Externsteinen betreten, die den Massenströmen verborgen blieb. Leider kam es immer wieder zu Vandalismus. Da wurden, zum Beispiel, die Wände in den altehrwürdigen Kammern im gewachsenen Stein mit Farbe beschmiert. »Besonders schlimm waren Schulklassen!«, erinnerte sich im Gespräch vor vielen Jahren ein Mann im Kiosk. »Manchmal haben sogar Lehrer tatenlos zugesehen…« So ist es verständlich, dass man heute als Einzelner nur noch mit besonderer Genehmigung die mysteriösen Räume betreten darf.

Foto 3: Autor Langbein vermisst

Vom Hauptraum aus gelangt man, vorbei an einer kleinen in den gewachsenen Stein gemeißelten »Wanne«, in den unheimlichsten Raum in den Externsteinen. Der sehr kurze Verbindungsgang ist verwinkelt. Es ist zu vermuten, dass er erst nachträglich aus dem Fels geschlagen wurde. Vermutlich waren »Kuppelraum« und »Hauptraum« zunächst zwei Kammern ohne Verbindung. Im Kuppelraum macht sich ein Kuriosum bemerkbar. Laut gesprochene Worte hallen seltsam nach.

Den einstigen Eingang zum »Kuppelraum« bewacht seit jeher eine etwa lebensgroße Gestalt. Heute verwehrt ein festes Metallgitter den Zutritt.  Die stark verwitterte, halbreliefartig herausgearbeitete Figur hält so etwas wie einen Schlüssel in der Hand. Heute ist und bleibt der Eingang verschlossen. Durch metallene Gitterstäbe kann man in die Kammer mit der Kuppel blicken. Wann wurde sie geschaffen und zu welchem Zweck? Waren es christliche Mönche, die sich hier versammelten?

Foto 4: Die steinerne Kuppel

Professor Wolfhard Schlosser, studierter Physiker Mathematiker und Astronom beschäftigte sich intensiv mit den Externsteinen. Auch er setzte sich wissenschaftlich mit der Frage auseinander, wann denn die mysteriöse Kultanlage »Externsteine« zum ersten Mal benutzt wurde (1). Über die Frage der Datierung schrieb er (2):

»Ein bearbeiteter Standstein läßt sich allenfalls stilistisch oder von den Bearbeitungsspuren her altersmäßig einordnen; ein physikalisches Verfahren (vergleichbar mit der Radiokarbonmethode bei organischem Material) existiert zunächst nicht…. Eine willkommene Ergänzung zu diesen, im weitesten Sinne als kunsthistorisch zu bezeichnenden Alterszuweisungen war die Entdeckung von U. Niedhorn, daß im Inneren des Kammersystems von Fels 1 heftige Feuer gebrannt haben müssen.«

Foto 5: »Humanoide Gestalt«

Bleiben wir noch bei der »Wächtergestalt«. Die humanoide Gestalt ist – trotz geschützter Positionierung am Fels unter einem künstlich geglätteten Vorsprung – bemerkenswert schlecht erhalten. Der Körper ist, so scheint es, vom Zahn der Zeit in ein Relief ohne echte Konturen verwandelt worden. Der Kopf erinnert stark an einen Totenschädel. Gewiss: Die Gestalt hält offenbar einen Schlüssel in der Hand, der aber könnte nachträglich gemeißelt worden sein. Auch weist ein solcher Schlüssel nicht zwangsläufig auf Petrus hin. Es könnte sich bei dem vermeintlichen »Petrus« auch um den heidnischen Wächter eines Totenreiches gehandelt haben, vielleicht um einen Totengott am Eingang zur Unterwelt.

Foto 6: Schlüssel Petrie...

Nach genauer Untersuchung des »Wächters« drängt sich mir der Eindruck auf, dass die Figur von Anfang an so konzipiert war, wie sie heute – noch – aussieht. Ich glaube, die vagen Umrisse waren so beabsichtigt. Der Wächter war als Geistwesen an der Grenze zum Jenseits gedacht. Oder ist diese fast undefinierbare Gestalt von Witterungseinflüssen im Lauf der Zeit so stark abgeschliffen worden, dass heute nicht mehr viel zu erkennen ist? Dann müsste sie wirklich sehr alt sein, zumal sie unter einem künstlich geglätteten Felsvorsprung steht.

Oder hat Ralf Koneckis-Bienas recht, wenn er beschreibt die mysteriöse Gestalt als (3) »halbfertig eingehauen«. Auch Ralf Koneckis-Bienas, profunder Experte in Sachen Externsteine, erkennt, dass die »menschengroße Gestalt... in der rechten Hand einen Schlüssel hält und in der linken einen Riegel, der zum Verschließen der Tür diente.«

Der Unsicherheiten gibt es aber noch viele. Ist der vermeintliche »Riegel« nicht vielleicht doch ein Schwert? Irren wir uns, wenn wir vom Schlüssel auf den biblischen Petrus schließen? Externsteine-Forscher Karl Haug, so Koneckis-Bienas (4), »zieht zum Vergleich eine schwertbewehrte keltische Wächterfigur aus Süddeutschland zu Rate«.

Wer auch immer vor der Tür zur Kuppelgrotte  Wache schob – ob Petrus oder ein keltischer Krieger – ist gar nicht so wichtig. Es kommt vor allem darauf an, dass sich in der Höhle etwas Wichtiges abgespielt haben muss. Da loderten Feuer, Ruß  schlug sich an der kuppelförmigen Decke nieder.

Foto 7: Das »Blutloch«
Meiner Meinung nach ist dieser Kuppelraum von ganz besonderer Wichtigkeit im Komplex der Externsteine-Stätte. Die Tür wird von einem steinernen Wächter gesichert. An der Außenwand just jener Kammer prangt das große Kreuzabnahme-Relief. Es muss eine Beziehung zwischen der Kuppelkammer und dem Kreuzabnahmerelief geben! So wurde aus dem Inneren des Kuppelraums eine Verbindung nach draußen durch den Stein gemeißelt. Diese Röhre endet im unteren Bereich des Kreuzabnahme-Reliefs. Besonders christlich mutet das Teilstück des Reliefs nicht an, neben dem der Ausgang der »Röhre« ins Freie tritt.

Ralf Koneckis-Bienas: »Unter dem Laufboden ist ein drachenähnliches Wesen zu erkennen, das zwei kniende Gestalten umschlingt.« Direkt neben diesen Gestalten erkennen wir den Ausgang der »Röhre«, die – so berichtet Koneckis-Bienas – noch im 19. Jahrhundert den Namen »Blutloch« trug. Sollte das ein Hinweis auf eine uralte Opferstätte sein? Waren die Feuer in der Kuppelgrotte Teil eines Kults?

Eine Felsenkammer mit Kuppel, in der gewaltige Feuer Höllenglut entwickelten … ein »Blutloch« … und ein »drachenähnliches Wesen«… diese Kombination klingt nicht nach christlichem Brauchtun, sondern nach heidnischem Ritual. 

Foto 8: Links im Bild: Das »Blutloch«

Wann aber, diese Frage drängt sich auf, loderten die Flammen? Diese Frage wollte Professor Wolfhard Schlosser geklärt wissen. Er ließ einige »Proben des gebrannten Sandsteins entnehmen und kernphysikalisch untersuchen«, und zwar vom renommierten Max-Planck-Institut für Kernphysik zu Heidelberg. Die Ergebnisse wurden 1990 ganz offiziell publiziert (6). Professor Wolfhard Schlosser erklärt (7):

»Es ist nämlich mit den Methoden der Thermolumineszenzanalyse möglich, das Verlöschen des letzten Feuers grob zu datieren. Es zeigte sich, daß dies weit in vorchristlicher Zeit erfolgt sein muss, die Kammern also mindestens ebenso alt sind.«

Damit war wissenschaftlich bewiesen, dass zumindest die »Kuppelhöhle« schon in vorchristlichen Zeiten in Gebrauch war! Seltsam: Jahre später führte das gleiche Institut eine zweite Datierung von Proben aus der Kuppelkammer durch. Und plötzlich  lauteten die Ergebnisse ganz anders. Plötzlich hieß es dass die Feuer nicht vorchristlichen Zeiten loderten, sondern erst sehr viel später! Zwei Feuerspuren in der Haupt- und Nebengrotte entstanden demnach erst Spätmittelalter, nämlich um 1325 und 1425 n. Chr. Die ältesten Spuren stammten aus der Kuppelgrotte. Wie alt sind sie?

Foto 9: Grundriss der Räume in Fels 1

Bei der Bewertung der Messergebnisse der Thermolumineszenzanalyse können erhebliche Abweichungen auftreten. Messungen in der Kuppelgrotte ergaben, dass die letzten Feuer in der Zeit um 934  und um 735 nach Christus brannten. Kalkuliert man mögliche Abweichungen von etwa 180 Jahren ein, dann ergibt das immerhin noch ein Höchstalter der Feuerspuren von 1460 Jahren. Aber Vorsicht! Gemessen wurde, wann zuletzt an bestimmten Stellen Ruß abgelagert wurde. Kalkuliert man Messungenauigkeiten mit ein, dann brannten die ältesten Feuer womöglich im Jahr des Herrn 555. Es ist natürlich denkbar, dass die Spuren aus dem Jahr 555 noch sehr viel ältere überdeckt haben.

Ich bin verwirrt. Welche wissenschaftlichen Datierungen des Max-Planck-Institut für Kernphysik zu Heidelberg sind denn nun richtig und welche falsch? Wie ist es möglich, dass ein und dasselbe Institut zu so unterschiedlichen, stark voneinander abweichenden Ergebnissen kommt? Zunächst hieß es, die Aktivitäten in der Kuppelkammer hätten weit in vorchristlichen Zeiten stattgefunden. Und dann wurde plötzlich ein ganz anderes Ergebnis verlautbart, plötzlich wurden die Spuren als deutlich nachchristlich datiert. Die Datierungen – vom gleichen Institut vorgenommen – wichen in den Extremwerten um bis zu 2400 Jahre voneinander ab! Ist die Thermolumineszenzanalyse womöglich gar nicht so verlässlich wie gern behauptet wird? Oder beeinflussen weltanschaulich-ideologische Überzeugungen die Ergebnisse dieser so wissenschaftlichen Datierungsmethode?

Fußnoten

Foto 10: Blüten und Stein
1) Schlosser, Wolfhard: »Externsteine« in »Archäoastronomische Objekte der Hallweg-Region, Teil 2«, »Externsteine«, erschienen in »Andromeda/ Zeitschrift der Sternfreunde Münster E.V.«, 13. Jahrgang, Heft 2, S.8-11, Münster 2000
2) ebenda, S.8
3) Koneckis-Bienas, Ralf: »Derr Teufel am Externstein/ Ein Forschungsabenteuer«, Detmold 2015, S. 21, mittlere Spalte oben
4) ebenda
5) ebenda
6) Lorenz, I.B., Rieser, U., Wagner, G.A.: »Thermolumineszenz-Datierung archäologischer Objekte«, Jahresbericht (ed. H.V. Klapdor-Kleingrothaus, J. Kiko), Max-Planck-Institut für Kernphysik,1990
7) Schlosser, Wolfhard: »Externsteine« in »Archäoastronomische Objekte der Hallweg-Region, Teil 2«, »Externsteine«, erschienen in »Andromeda/ Zeitschrift der Sternfreunde Münster E.V.«, 13. Jahrgang, Heft 2, S.8, Münster 2000 


Zu den Fotos:

1und 2: Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 3: Walter Langbein sen.
Fotos 4-8: Walter-Jörg Langbein
Fotos 9: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Walter-Jörg Langbein


305 »Rätselraten um eine Schlacht«,
Teil 305 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 22.11.2015


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 8. November 2015

303 »Von der Kreuzigung zum Teufelsarsch«


Teil 303 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: See zu Füßen der Externsteine

In der Zeitschrift »Wünschelrute – Ein Zeitblatt« entdeckte ich (1) eine alte Sage. Werner von Haxthausen (* 11. Oktober 1744 im Fürstbistum Paderborn; † 23. April 1823 in Bökendorf bei Brakel) hat schriftlich festgehalten, was damals – zu Beginn des 19. Jahrhunderts –  noch von Kundigen erzählt wurde. Die »Sage vom Externsteine« verdeutlicht, dass die Externsteine noch ein heidnischer Kultort gewesen sein müssen, als das Christentum bereits weitverbreitet war. Ich darf zunächst die Sage zitieren (2):

Foto 2: Das mysteriöse Kreuzabnahmerelief der Externsteine

»Als das Kreuz Christi bey uns gepredigt wurde, so ärgerte sich der Teufel, daß er immer eine Gegend nach der andern verlor. Er hatte lange die Gegend vom Externsteine nicht besucht und hoffte immer, daß es über den Damm nicht herüber könnte. Da er aber überall flüchten mußte, so wollte er sich nun nach dem Externsteine zurückziehen.«

Mit anderen Worten: Das Christentum hatte sich schon weitestgehend durchgesetzt, da gab es an den Externsteinen noch eine »lebende« Kultstätte, deren Anhänger mit dem Teufel gleichgesetzt wurden. Im »III. Reich« zeigten die Nazis – allen voran - »Reichsführer-SS« Heinrich Himmler – großes Interesse an den Externsteinen. Sie sahen den mysteriösen Ort als »germanischen Kultort«. Archäologische Grabungen um 1933 erbrachten freilich keinerlei stichhaltigen Beweis für germanisches Urbrauchtum an den Externsteinen.

Nach dem Ende des II. Weltkriegs wurde offenbar jeder Hinweis auf vorchristliche Nutzung der Externsteine tabuisiert (3). Die Sage – 1818 zu Papier gebracht – sieht das Heidentum an den Externsteinen durch das Christentum bedroht. Sie beschreibt – in der Sprache der Sage – den Sieg des Christentums und die Niederlage des »Teufels« (also des Heidentums) (4):

Foto 3: Teufelsfratze, Externsteine
»Er (der Teufel) kam an und sah eine große Menge Menschen, die vor dem Kreuze niederfielen, das man noch an den Felsen ausgehauen sieht, und die zu der Capelle auf der Spitze des steilsten Felsen und zu dem Grabe am Abhange des vordersten Felsen eine Procession hielten.«

Die Christen pilgerten also zu den Externsteinen, sie beteten vor dem Kreuzabnahmerelief, das heute noch hunderttausende Besucher anlockt. Umstritten ist aber bis heute, ob das beeindruckende Bildnis von Anfang an ein christliches Kunstwerk war, oder ob nicht vielleicht doch ein älteres, sprich heidnisches Relief umgearbeitet wurde. In der Tat ist das untere Drittel des Reliefs sehr viel stärker verwittert. Das dargestellte Menschenpaar, von einem Lindwurm (?) umschlungen, könnte durchaus heidnische Wurzeln haben. Lesen wir weiter in der Sage (5):

»Das verdroß den Teufel. Er sah einen Priester mit einem Cruxifix von der Capelle kommen, er ergriff ein großes Felsenstück und schleuderte es nach ihm. Aber die Macht des Kreuzes gab dem Steine eine andere Richtung und er blieb auf einer Felsenspitze hängen.«

Foto 4: Der »Wackelstein« auf Felsen IV

Der »Wackelstein«, das angebliche Wurfgeschoss des Teufels, befindet sich auch heute noch in luftiger Höhe auf »Felsen IV«. Angeblich konnte ihn ein einzelner Mensch zum Schaukeln bringen, es sei aber unmöglich gewesen, ihn vom Felsen zu stürzen. Die lippische Fürstin Pauline sicherte den Koloss durch Metallklammern in den Jahren 1835 bis 1836, später wurde er noch mit Beton am Untergrund fixiert.

Folgen wir weiter der Sage (6): »Da sprach der Priester den Fluch über ihn (den Teufel) aus, und der Teufel flüchtete bey dem ausgehauenen Kreuze vorbey, an dem untersten Abhange des Berges zu dem Grabe. Hier faßt er mit seinen Krallen hinein, die noch deutlich darinn zu sehen sind, konnte es aber nicht zerstören. Da stemmte er sich gegen den großen Felsen, um ihn niederzuwerfen. Er drängte so gewaltig, daß er ein tiefes Loch in den Felsen drückte, und die Flamme schlug daran in die Höhe, wie noch deutlich zu sehen. Der Felsen blieb aber unbeweglich stehen, weil das Kreuz daran ausgehauen war. Da ging der Teufel fluchend fort und drohte, der Stein, den er zuerst gegen den Priester schleuderte, der solle noch einmal eine Bürgerfrau aus der Stadt Horn umbringen. Die Bürger aus Horn gaben sich alle Mühe, diesen Stein herunterzubringen, der ganz lose zu liegen scheint, es war ihnen aber bis jetzt unmöglich. Seit einem Jahre geht die Landstraße zwischen dem, worauf der Stein liegt, und einem andern Felsen durch.«

Foto 5: Das steinerne Grab am See der Externsteine

Das »steinerne Grab« könnte als Nachbildung des Grabes Jesu gedacht sein. Es ist möglich, dass Prozessionen vom Kreuzabnahmerelief zum Steingrab gingen. Vielleicht legten sich Gläubige auch in das Steingrab, um sich besonders intensiv in Jesu Leid und Tod einzufühlen. Oder das Steingrab  ist vorchristlichen Ursprungs? Direkt beim Steingrab stießen Archäologen auf drei Skelette. Sie waren vollständig… bis auf die Füße. Wurden hier – diese These wird auch vertreten – Druiden eingeweiht? Vollzogen sie in geheimen Ritualen den Kreislauf des Lebens… von Tod und Auferstehung? Ein »Archäologe« vor Ort erklärte mir, bei den Skeletten ohne Füße handele es sich um verstoßene Kelten. Man nahm ihnen die Füße, so die Erklärung, um sie daran zu hindern ins Jenseits, in die »Anderswelt«, zu wandern.

Foto 6: Autor Langbein meditiert im Felsengrab (Foto Inge Diekmann)

In der Mythenwelt der Kelten gab es Schwellenorte, an denen ein Übergang zur anderen Welt besteht. An diesen ganz besonders heiligen Orten ist nach Keltenglauben die Kontaktaufnahme mit der jenseitigen Welt möglich. War das Felsensteingrab also keltischen Ursprungs? Legte man sich in die mumienförmige Kuhle, um Kontakt mit den Toten aufzunehmen? Das Felsengrab liegt an einem kleinen, künstlich angelegten See. Die Kelten glaubten an Tore zur Anderswelt. Solche Übergänge gab es in ihrer Glaubenswelt zum Beispiel unter Seen. Nun liegt das Steingrab der Externsteine nur wenige Meter von einem künstlich angelegten See entfernt. In seiner heutigen Form wurde er erstmals von der lippischen Fürstin Pauline in den 1830er Jahren in Auftrag gegeben. Gab es vielleicht just an jener Stelle schon sehr viel früher einen See?

Foto 7: Felsengrab (senkrechter Pfeil), Teufelsarsch /wagrechter Pfeil)

Lassen Sie mich spekulieren: Fakt ist, dass sich unterhalb der Externsteine eine vermutlich natürliche Höhle befindet. Man sieht sie in der Regel nicht, weil ihr Eingang weitestgehend unter dem Spiegel des Sees liegt. Kombinieren wir: Wenige Meter vom Sargstein entfernt gibt es unter dem Wasserspiegel eines Sees eine Höhle. Ist es reiner Zufall, dass dieses Szenario exakt keltischen Vorstellungen entspricht? Die Höhle wäre dann die Unterwelt… oder der Eingang in die Unterwelt… unter einem See! Keltischer geht es kaum noch.

Zu dieser Höhle gibt es eine sehr interessante Sage…Die Höhle wird in der Regel beschönigend als »Teufelssloch« bezeichnet. Ihr eigentlicher Name aber lautet, deutlich derber »Teufelsarsch«. Doch lauschen wir der Sage! Die Sage erklärt, wie es zum Namen kam! Der Teufel war ob des christlichen Treibens an den Externsteinen mehr als empört. Er (7) »konnte nicht leiden, daß etwas Gutes daselbst verrichtet wurde, derowegen  hat er sich unterstanden, mit Gewalt den Stein umzustoßen. Die Alten weiseten daselbst, an welchem Ort des Steins der Teufel angefangen. Und er hat sich mit aller Macht dagegen gestemmt, hat ihn aber nicht umwerfen können. So mächtig aber hat er sich dagegen gedrängt, daß sich sein Hinterer tief in den Stein gedrückt hat, wie man noch sehen kann.«

Foto 8: Keltisch oder christlich? Kreuzabnahmerelief... unter dem Kreuz

Mit anderen Worten: Der Teufel höchstselbst wollte den Stein mit dem Kreuzabnahmerelief umwerfen. Und weil er sich mit unglaublicher Gewalt mit seinem Allerwertesten gegen den Stein presste, entstand die Höhle. Eine Vermutung liegt nahe: Die Höhle wurde in vorchristlichen Zeiten für kultische Handlungen der heidnischen Art verwendet…. der keltischen vielleicht? Für die frommen Christen jedenfalls war das böses, gegen den christlichen Glauben gerichtetes Teufelswerk! Und deshalb wurde die heidnische (keltische??) Höhle zum – pardon – »Teufelsarsch«!


Fußnoten

Foto 9: Externsteine vom See aus, etwa 1910 (Archiv W-J.Langbein)
1) Hornthal, Peter von (Herausgeber): »Haxthausen, Werner von: ›Sage vom
Externsteine‹«, Göttingen 1818, Nr. 11, S. 43 (Rechtschreibung unverändert aus
der Quelle übernommen!)
2) ebenda!
3) Siehe hierzu…. Braun, Wolfgang: »Geheime Orte in Ostwestfalen/ Ein
     Ausflugsführer«, Berlin 2015. (Externsteine, Tour 2, Die Externsteine lassen viele
     Fragen offen, S. 42-49)
Foto 10: Der »Wackelstein«
4) Hornthal, Peter von (Herausgeber): »Haxthausen, Werner von: ›Sage vom Externsteine‹«, Göttingen 1818, Nr. 11, S. 43 (Rechtschreibung unverändert aus
der Quelle übernommen!)
5) ebenda
6) ebenda
7) Mundhenk, Johannes: »Forschungen zur Geschichte der Externsteine, Band II,
     Untersuchungen zur Jüngeren Geschichte der Externsteine«, Lemgo 1980, S
     127/28 (Orthographie nicht angepasst!)

Zu den Fotos
Fotos 1-5: Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Ingeborg Diekmann
Fotos 7 und 8: Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Archiv Langbein (etwa 1910)
Foto 10: Walter-Jörg Langbein 

304 »Die Externsteine und das Blutloch«,
Teil 304 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.11.2015


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (45) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Der Tote im Zwillbrocker Venn (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Der hässliche Zwilling (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)