Sonntag, 7. August 2016

342 »Die Göttin und die sieben Tempel«

Teil 342 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Ganga
»Die Göttin Ganga stürzte einst in Form von Wasser vom Himmel zur Erde. Gott Shiva selbst rettete sie, er milderte ihren Aufprall. Heute ist der Fluss Ganges die lebende Wasserform der himmlischen Göttin!«, erzählt mir eine junge kundige Inderin. In ihrer wohlklingenden Stimme schwingt jahrtausendealte Mythologie mit. Und immer wieder höre ich von Göttin Ganga. Liebevoll nennt sie »mein« Guide »Mutter Ganga«. »Mutter Ganga hatte einen göttlichen Vater: Himavat. Himavat kann man mit ›große Kälte‹ übersetzen. Himavat ist die Personifikation der Himalayaberge. Die Mutter von Ganga ist Mena, Tochter des Weltenberges Meru. Das Himalayagebirge ist Sitz des Lebens, Meru bietet den Göttern Heimat. Sonne, Mond und Sterne kreisen um ihn.«

Seltsam, auch die hellhäutige Sarasvati, Göttin der Dichtkunst, der Musik, der Wissenschaft des Lernens, soll eine (?) Mutter der Ganga sein. Sie wird als eine Fluss-Göttin und Königin des Himmels verehrt, als Göttin der Liebe, als Mutter der Gewässer. Sarasvati kam als Kulturbringerin zu den Menschen. Zahlreich sind ihre klangvollen Beinamen: »Mahavidya« (»die große Weisheit«), »Jagaddhatri« (»Herrin der Welt«) und »Brahmani« (»Frau des Brahma«). Bei dieser Fülle von Beinamen und Eigenschaften tritt leicht Verwirrung auf. Andere Göttinnen haben zumindest zum Teil gleiche oder ähnliche Fähigkeiten. Besonders opulent aber ist Sarasvati ausgestattet. Sarasvati gilt als besonders mächtig. So soll sie – wie der biblische Jahwe – das Universum erschaffen haben.

Foto 2: Göttin Sarasvati
Mir scheint, Sarasvati hat eine erstaunliche Karriere vorzuweisen: Von einer Art Ur-Wassergöttin kam sie als heiliger Fluss aus dem Himmel herab. Sie wurde zu einer Göttin des Lebens und der Fruchtbarkeit. Oder war sie immer alles? Sind die zahllosen Göttinnen Personifikationen der Kräfte der Schöpfung und des Lebens?

Nach einem glühend heißen Tag zu so manchem Tempel des südlichen Indien sind wir am Meer angelangt. Von Chennai (Madras) sind wir nach Mahabalipuram gereist, in den Bundesstaat Tamil Nadu, Distrikt Kanchipuram. Es ist stockdunkel, die Sterne grüßen vom nachtschwarzen Himmel. Wir genießen die spätabendliche Kühle, den salzigen Wind, der vom Golf von Bengalen herüber weht. Das Meeresrauschen, die Sterne und die Silhouetten kleiner Tempelchen – sie wurden aus dem massiven Stein herausgeschlagen – formieren sich zu einer nicht wirklich in Worte zu fassenden geheimnisvollen Kulisse eines Indien, das vor Jahrtausenden unzählige Göttinnen und Götter angelockt hat. In den Sagen leben sie noch, im Glauben vieler Hindus ebenso.

Die Zeit scheint seit den Tagen der Himmlischen stehengeblieben zu sein. Unvorstellbar umfangreiche Epen berichten über sie und ihre Taten, über ihre Kontakte mit den Menschen, über Kriege zwischen den Göttern. Die sich untereinander in gewaltigen Gemetzeln im All und auf der Erde bekämpften.

Der Hinduismus hat etwa eine Milliarde Anhänger weltweit. Aber wer nun ein Hindu ist, das ist nicht so leicht zu definieren. Hindus sind jedenfalls tolerant und anderen Religionen gegenüber mehr als aufgeschlossen. Als Hindu kann man sehr wohl Jesus auf seinen kleinen Hausaltar stellen, direkt neben Jesu Mutter Maria und einen lachenden Buddha. Über 90 Prozent der Hindus leben in Indien. Bunt zusammengewürfelte Gesellschaften von Göttinnen und Göttern habe ich auf so manchem Hausaltar gesehen. Niemand schreibt vor, wer zu verehren ist oder angebetet werden darf. Jeder toleriert die Religiosität des anderen, niemand kommt auf die Idee, zu missionieren. Und vor allem unterscheidet man nicht zwischen »Ketzern« und »Rechtgläubigen«.

Foto 3: Der Tempelkomplex am Strand

Geschickt ist ein kleiner Tempelkomplex in Strandnähe bunt angestrahlt. Das kleine sakrale Bauwerk könnte ebenso aus einem Märchenfilm wie aus einem Sciencefiction-Opus stammen. Die Architektur des rätselhaften Gebäudes wirkt fremd und doch irgendwie vertraut. Einheimische haben sich nach einem harten Arbeitstag unter glühender Sonne eingefunden, um am Tempel zu beten. Respektvoll weichen wir zurück, um die Gläubigen nicht in ihrer Andacht zu stören.

»Die Göttin Ganga stürzte einst in Form von Wasser vom Himmel zur Erde.«, wiederholt unsere attraktive junge Führerin. »Morgen zeige ich euch das herrliche Steinrelief, auf dem verewigt wurde, wie Ganga im Wasserstrom vom Himmel kam!«

Foto 4: Linker Teil des Riesenreliefs

Im Verlauf der Reise, die uns zu vielen Tempeln führte, versuche ich so viel wie möglich über Indiens Göttinnen und Götter zu lernen. Doch je mehr ich erfahre, desto unüberschaubarer, ja verwirrender wird mein Wissen. Je mehr ich lerne, desto weniger verstehe ich. Da sind die Geheimnisse gigantischer Monstermauern, aus riesigen, kunstvoll zugehauenen Steinkolossen zwar auch unerklärbar, aber doch greifbarer. Geheimnisvoll ist und bleibt das wahrscheinlich größte Flachrelief »Herabkunft der Ganga«. Zwölf Meter ist es hoch, 33 Meter misst seine Breite. »Nach unserem Glauben hat König Bhagiratha den Ganges aus dem himmlischen Meer zur Erde kommen lassen, um die Seelen seiner verstorbenen Vorfahren von ihren Sünden zu befreien. Im 7. Jahrhundert soll dieses Kunstwerk entstanden sein, das eine verwirrende Vielzahl von Menschen, Tieren und Gottheiten zu bieten hat. Da verblüfft die präzise naturgetreue Darstellung auf der einen Seite, da verwundern seltsame Bilder auf der anderen Seite.

Foto 5: Mittlerer Teil
Klar zu erkennen ist die Göttin Ganga, die im Himmelsfluss – oder als Himmelsfluss? – von oben zur Erde kommt. Da tanzen menschliche Gestalten, oder schweben sie? Da marschiert ein majestätischer Riesenelefant und unter seinem Bau können wir kleine Elefantenkinder ausmachen. Aber was ist das für ein Wesen an der Basis des Reliefs? (Siehe Fotos 7 und 8, weiter unten!)

Es hat menschenähnliche Gestalt. Oder ist es doch ein Tier? Dem Kopf nach zu urteilen könnte es sich um eine Katze handeln, die aufrecht auf zwei Beinen dasteht und die vorderen Pfoten gen Himmel gestreckt hat. Nimmt die Katze (?) eine Yoga-Position ein? Sie wird von kleinen Kreaturen umtanzt (?). Sollte es sich um Mäuse handeln? Vermutlich! Was hat es zu bedeuten, wenn Mäuse um eine Katze in Yoga-Haltung herumspringen? Und das auf einem gewaltigen Relief in Stein von eindeutig religiös-mythologischer Bedeutung?

Foto 6: Rechter Teil des Reliefs
Ich gebe es zu: Katze und Mäuse habe ich vor Ort nicht bemerkt. Ich habe die amüsante Gruppe erst nach meiner Rückkehr aus Indien entdeckt, zuhause, beim Betrachten der Fotos.  Der herabstürzende »Wasserfall« des Ganga-Flusses hat mich abgelenkt. Eine einleuchtende Erklärung für das Ensemble der tierischen Art konnte ich in der Literatur bislang nicht finden. Bemerkenswert ist, dass sich die kleine Gesellschaft an zentraler Stelle befindet, nämlich just dort, wo der himmlische Ganga-Fluss die Erde berührt!

Auch unsere Führerin wusste keine Antwort. »Ein Rätsel!«, flüsterte sie leise. Aber das eigentliche Geheimnis von Mahabalipuram liegt da draußen. Mit ausgestreckter Hand deutete sie in Richtung Meer. »Göttin Ganga kam hier in Mahabalipuram zur Erde. Und dort, dort standen einst sieben majestätische Tempel!« Und wieder streckte sie ihren Arm aus, in Richtung Meeresstrand.

Zu den Fotos
Fotos 1-6: Walter-Jörg Langbein
Fito 7: Ingeborg Diekmann
Foto 8: Walter-Jörg Langbein

Literaturempfehlungen Indien Teil 1

Berendt, Joachim-Ernst: Nada Brahma/ Die Welt ist Klang, Reinbek 1985

Foto 7: Katze und Mäuse
Bhagavdgita, die
     Sanskrittext mit Einleitung und Kommentar von S. Radharkrishnan/ Mit dem
     indischen Text verglichen und ins Deutsche übersetzt von Siegfried
     Lienhard, Wiesbaden 1970
Bhagavdgita, die
     Mit einem spirituellen Kommentar von Bede Griffiths/ Aus dem Sanskrit
     übersetzt, eingeleitet und erläutert von Michael von Brück, München 1993
Bhagavdgita
     As it is/ Abridged Edition/ with translations and elaborate purports by his
     Divine Grace A.C. Bhaktivedanta Sywami Prabhupada/ Founder-Acarya of
     the International Society for Krishna Consciousness, New York


Foto 8: Im Kreis - Katze, umtanzt von Mäusen

Bhagavdgita und Aschtavakragita, Indiens heilige Gesänge, Köln 1978
Blavatsky, Helena Petrowna: Rätselhafte Volksstämme/ Magische und okkulte 
     Fähigkeiten bei den Kurumbas und Todas, Wiesbaden o.J
Childress, David Hatcher: Vimana Aircraft of Ancient India and Atlantis,
     Stelle 1991
Childress, David Hatcher: Lost Cities of China, Central Asia and India, Stelle
     1991
Däniken, Erich von: Das unheilige Buch/ Von falschen Gräbern und
     himmlischen Gestalten, Rottenburg 2014
Euringer, Florian: Indische Astrologie/ Die 27 Frauen des Mondes, Genf 1989
Franz, Heinrich Gerhard: Das alte Indien/ Geschichte und Kultur des
     indischen Subkontinents, München 1990, GROSSFORMAT
Fritz, John: City of Victory/ Vijayanagara, New York 1991, 
     GROSSFORMAT
Gentes, Lutz: Die Wirklichkeit der Götter/ Raumfahrt im alten Indien,
     München 1996

Literaturempfehlungen Indien Teil 2

Gottschalk, Herbert: Sonnengötter und Vampire/ Mythen und Legenden aus  
     Ägypten und dem Alten Orient, Indien, China und Tibet, Japan und Korea, 
     aus Afrika und aus Lateinamerika, Berlin 1978
Higgins, Godfrey: The Celtic Druids or An Attempt to shew, that the Druids
     were the priests of oriental colonies who emerged from India And were the
     introducers of the first or Cadmean system of letters and the builders of
     Stonehenge, of Carnac, and of other cyclopean works, in Asia and Europe,
     London 1829
Kearsley, Graeme R.: Pacal’s Portal to Paradise at Palenque/ The Iconography
     of India at Palenque and Copan, London 2002
Kircher, Bertram: (TerraX) Von Atlantis zum Dach der Welt/ Rätsel alter
     Weltkulturen, Bergisch Gladbach 1988
     (Das Mysterium des Shiva/ Heilige Männer in Indien, S. 116-165)
Mallebrein, Cornelia: Darshan/ Blickkontakte mit indischen Göttern. Die    
     ländliche und tribale Tradition, Berlin 1998
Norman, Bruce: Footsteps/ Nine Archaeological Journeys of Romance and
     Discovery, o. Ortsangabe, Nachdruck 1988
     (Siehe Kapitel 3/ The wonders of Ellora S. 75 -100)
Obermeier, Siegfried: Starb Jesus in Kaschmir?/ Das Geheimnis seines Lebens
     und Wirkens in Indien, Düsseldorf/ Wien 1983
Rao, S.R. (Shikaripur Ranganatha): The Lost City of  Dvaraka,
     New Delhi, 1. Auflage 1999
Rao, S.R. (Shikaripur Ranganatha): Marine Archaeology in India, New Delhi  
     2001
Rao, Dr. P.V.L. Narasimha: Kanchipuram/ Land of legends, saints and 
     temples, New Delhi 2008
Richter-Ushanas, Egbert: The Indus Script and the Rg-veda, Delhi 1997
Risi, Armin: Gott und die Götter/ Das vedische Weltbild revolutioniert die
     moderne Wissenschaft, Esoterik und Theologie, Zürich und Berlin 1995
Thompson, Richard L.: Vedic Cosmography and Astronomy, Los Angeles
     1990


343 »Tempel auf dem Meeresgrund«,
Teil 343 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 14.08.2016


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Sonntag, 31. Juli 2016

341 »Fünf Flugmaschinen in Stein und sechs verschollene Tempel«

Teil 341 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Ekambareswara-Tempel mit seinem Turm
Fischkutter tuckeln aufs Meer hinaus. Wir sehen abgearbeitete, arm gekleidete Fischer. Aber die Augen der Menschen strahlen. Freudig werden wir begrüßt, wo wir Pause machen.

Hier sind wir Bleichhäutigen die Exoten. Immer wieder begegnen uns Schulklassen, die uns höflich und mit strahlendem Lächeln auf »Gruppenfotos mit Bleichgesichtern« bitten. Wir verstehen nicht, was sie sagen, aber ihre Gesten. 

Durch Meere aus Reisfeldern fahren wir, vorbei an Palmenhainen, von Kanchipuram nach Mahabalipuram. Der Ekambareswara-Tempel mit seinem Turm (Foto 1) hat uns mächtig beeindruckt. Was erwartet uns in Mahabalipuram?

Auf den ersten Blick ist es nur ein ärmliches Fischerdorf. Was für ein Kontrast zur einstigen Metropole Kanchipuram. Aber warum wurde hier das größte Flachrelief der Welt mit der vom Himmel kommenden Göttin Ganga in den Stein gemeißelt? 400 Wesen – von der Maus bis zur Göttin – haben Künstler verewigt.

Wahre Künstler der Steinmetzkunst haben die fünf »Rathas« von Mahabalipuram geschaffen. Die kleinen Tempel werden auf das 7. Jahrhundert datiert, vielleicht sind sie auch älter. Jedenfalls gelten sie als die ältesten freistehenden Sakralbauten Indiens. Rathas sind aus der indischen Mythologie bekannt. Übersetzen lässt sich die Bezeichnung »Rathas« mit »himmlische Wagen«. Jedes einzelne dieser himmlischen Gefährte wurde aus dem massiven Stein gehauen. Jeder einzige besteht aus einem einzigen Monolithen. Und jeder einzelne wurde von innen ausgehöhlt und außen hat man komplexe Verzierungen eingemeißelt. Da stehen Menschen – oder sollen es Göttinnen und Götter sein? – in Türen.

Foto 2: Rathas von Mahabalipuram

Foto 3: Ratha mit Tonnendach
Einer der Fünf, der größte, trägt ein »Tonnendach« (Foto 3). Offenbar wurde er nicht mehr vollendet. Seine »Türen« sind erst nur angedeutet, auf die Gestalten darin hat man verzichtet. Immer wieder habe ich die fünf in Stein nachgebildeten »Tempelwagen« umrundet. Mir kamen die Worte von Professor Dr. Dileep Kumar Kanjilal (* 1. August 1933 in Kalkutta) in den Sinn. Der Gelehrte, wohl einer der besten Sanskritkenner Indiens, hat ein wichtiges Werk über die Flugapparate im alten Indien verfasst, es trägt den Titel: »Vimana in Ancient India«. Es basiert auf einer Reihe von seinen Vorlesungen. Julia Zimmermann hat das Werk von Prof. Kanjilal ins Deutsche übertragen. Leider erschienen sowohl das Original (1) von Prof. Kanjilal als auch die Übersetzung von Julia Zimmermann nur als Privatdrucke in bescheidenen Auflagen (2).

Prof. Kumar Kanjilal ist zur Überzeugung gelangt, dass die ältesten Tempel Indiens Nachbildungen von Raumschiffen waren, die in prähistorischen Zeiten zur Erde kamen. Im »vedischen Zeitalter« (vorsichtig datiert: 1500-1000 v.Chr.) wurden in heiligen Büchern Flugmaschinen beschrieben und in Stein als Rathas verewigt. Sind also die fünf Rathas von Mahabalipuram nichts anderes als steingewordene Abbildungen von »himmlischen Streitwagen«? Bis heute steht eine vollständige Untersuchung der ältesten Epen Indiens im Hinblick auf die Beschreibung von Weltraumtechnologie aus. Das darf und kann nicht verwundern, bedankt man die ganze Bibliotheken füllenden Texte. Die meisten davon liegen noch nicht in Übersetzungen in heutige Sprachen vor. Und viele der »Übersetzungen« wiederum sind keine Wort für Wort vorgenommenen Übertragungen in eine heutige Sprache, sondern Nacherzählungen.

Foto 4: Tiere in Stein, Himmelswagen in Stein

Prof. Kumar Kanjilal zum Verfasser (3): »Betrachten Sie die Rathas nicht nur als kleine Räume der religiösen Versammlung. Sie sollen vielmehr an eine fantastische Vergangenheit erinnern!« Mag sein, dass wir im christlichen Europa bei »Gotteshaus« nur an ein praktisches Gebäude denken, dass Gläubigen ein Dach für ihre Zusammenkünfte bietet.

Foto 5: Noch ein steinerner Ratha
Was die »fünf Rathas« von Mahabalipuram angeht, so führte ich vor Ort einige interessante Gespräche mit Archäologen, die sich leider weigerten, ihre Aussagen auf Band bannen zu lassen. Sie gaben mir aber in angeregten Unterhaltungen zu verstehen, dass so gut wie nichts wirklich als gesichertes Wissen angesehen werden kann. So mag es sein, dass die »fünf Rathas« keine »Tempel« im eigentlichen Sinn waren, sondern nur Modelle. Jedes einzelne der fünf Gebäude ist in einem anderen Stil gebaut worden. Vielleicht haben hier auch nur werde »Tempelbaumeister« geübt?

Festzustehen scheint die Vorgehensweise (4) der indischen Baumeister vor mindestens 1300 Jahren. Sie wählten ein wahres Steinmonster aus, erklommen es und begannen, sich von oben nach unten vorarbeitend, einen steinernen Himmelswagen aus dem Monolithen heraus zu meißeln. Schließlich wurde er innen komplett ausgehöhlt.

Nach einem glühend heißen Tag zu so manchem Tempel des südlichen Indien sind wir am Meer angelangt. Unsere Reiseleiterin deutet mit dem Arm hinaus. In der Dunkelheit der Nacht ist die Koromandelküste zu hören und zu sehen. Im seit Jahrtausenden unveränderten Gleichklang der Wellen ahnt man, was Ewigkeit ist. Und die weiße Gischt der Wogen zeichnet den Verlauf des Strandes in die Finsternis. Gegen Himmel und Meer zeichnet sich der »Shore Temple«, der »Küstentempel«, ab. Er hieß einst (5) bei den Seefahrern »Sieben Pagoden«. Wie kann ein einzelner Tempel direkt am Strand so genannt werden?

Foto 6: Wer schaut da raus?
Vor Ort gab’s auf diese Frage immer die gleiche Antwort: Der heute einmalige Küstentempel war einst ein kleines Teilstück eines »kilometerlangen« Komplexes von insgesamt sieben Tempeln. Sechs dieser Kultbauten wurden im Verlauf der Jahrhunderte vom Meer verschlungen!

Ähnliche Geschichten habe ich schon wiederholt auf meinen Reisen gehört. So soll es auf dem Grund des Titicacasees uralte Ruinen geben. Von Süd- nach Nordamerika: Auf dem Grund des »Rock Lake«, östlich von Madison in Wisconsin, USA, wollen Taucher Pyramiden entdeckt haben. Erstmals gab es 1900 »Sichtungen« der künstlich geschaffenen Objekte. Claude und Lee Wilson waren mit dem Boot auf dem See unterwegs und erkannten – klimatische Besonderheiten hatten den Wasserspiegel erheblich sinken lassen –  »rechteckige Strukturen«, die eindeutig künstlich waren. In den folgenden Jahrzehnten wurde es zur Gewissheit. Taucher bestätigten künstliche Bauten auf dem Grund des Sees!

Mich beeindruckt besonders ein Bericht von Victor S. Taylor aus dem Jahr 1936 (6): »Vier Pyramiden auf dem Grund des Rock Lake entdeckt. Womöglich indianischen Ursprungs, vielleicht von den Azteken gebaut.« 1937 suchte und fand Tieftauchspezialist und Rekordtaucher Max Gene Nohl. Er fuhr mit einem kleinen Boot den See ab, schleppte eine primitive Suchvorrichtung hinter sich her, die aus einem langen Seil und einem massiven Eisengewicht bestand. Präzise notierte er einen besonderen Fund auf dem Grund des Rock Lake: »Die Pyramide hat die Gestalt eines gekippten Kegels. Oben befindet sich eine kleine, quadratische Plattform, Kantenlänge 1,4 Meter. Kantenlänge am Boden 5,43 Meter. Höhe 8,83 Meter. Offenbar besteht die Konstruktion aus glatten, in Mörtel gesetzten Steinen. Sie ist weitgehend von einem grünlichen Schaum überzogen, der sich aber leicht wegkratzen lässt, zum Teil treten die Steine offen zutage, sind dem Wasser direkt ausgesetzt.«

Foto 7: Startbereit?
Zurück nach Mahabalipuram. Der Küstentempel soll kärglicher Rest einer eins riesigen Anlage mit sieben Tempeln gewesen sein? Einheimische, vorwiegend Fischer, erzählen Seltsames, ja manchmal Fantastisches. Darf man ihre Hinweise als pure Fantasiegebilde abtun, nur weil sie manchmal neugierigen Touristen gegenüber gern arg übertreiben? Darf man sachliche Hinweise auf sechs versunkene Tempel als Lügengeschichten abtun, weil sie einem nicht ins Konzept von der Vergangenheit unseres Planeten passen?

Mark Twain formulierte (8): »Die Wirklichkeit ist seltsamer als Dichtung, aber das liegt daran, dass die Dichtung sich an Wahrscheinlichkeiten halten muss, die Wirklichkeit nicht.«

Fakt ist: Auch der letzte der sieben Tempel wäre wohl längst vom Meer zerstört worden. Selbst die normale Brandung hätte ihn im Verlaufe der letzten Jahrzehnte vollkommen ausgelöscht, wenn nicht mit massivem Aufwand und unter Einsatz gewaltiger Mengen von Material Schutzmaßnahmen ergriffen worden wären. Und neueste Forschungsergebnisse beweisen: Sechs Küstentempel sind tatsächlich vom Meer verschlungen worden!

Foto 8: Der mysteriöse Küstentempel um 1915
Fußnoten

1) Kanjilal, Prof. Dr. Dileep Kumar: »Vimana in Ancient India. Aeroplanes or Flying Machines in Ancient India«, Sanskrit Pustar Bhandar, Calcutta, o.J.
2) Kanjilal, Prof. Dr. Dileep Kumar: »Vimana in Ancient India. Aeroplanes or Flying Machines in Ancient India«, Übersetzung aus dem Englischen von Julia Zimmermann, Bonn 1991, Archiv Langbein, Artikel-Nr. 1317b
3) Das Gespräch fand am 16. Juni 1979 statt, und zwar am Rande der Weltkonferenz der »Ancient Astronaut Society« in München. Prof. Kanjilal hielt einen vielbeachteten Vortrag. Auch ich referierte auf der Tagung. Mein Thema: »Die Sache mit den (biblischen) Urtexten«.
4) Malarvannan, Apoorva: »The Life of Mahabalipuram/ Pulsing Stories Trapped in Stone«, eBook Version 1.0 – Amazon Edition, publication date September 21 2014, Pos. 618, Pos. 674 u.a.
5) ebenda, Pos. 220
6) Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München 1996, siehe Unterkapitel »Ein Paradoxon wird entdeckt« und »Wer suchet, der findet …«, Seiten 16-2. Zitat S. 17, Zeilen 6-8 von oben
7) ebenda, Seite 18
8) Twain, Mark: »Unterwegs: Aus Querkopf Wilsons Neuem Kalender«, Eulen Spiegel Verlag, S. 116

Foto 9: Der letzte Küstentempel muss geschützt werden.
Zu den Fotos

Foto 1: Der Ekambareswara-Tempel mit seinem Turm. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Rathas von Mahabalipuram. Foto wikimedia commons/ Kiwiodysee
Foto 3: Ratha mit Tonnendach. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Tiere in Stein, Himmelswagen in Stein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Noch ein steinerner Ratha. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Wer schaut da raus? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Startbereit? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der mysteriöse Küstentempel um 1915. Foto gemeinfrei
Foto 9: Der letzte Küstentempel muss geschützt werden. Foto Walter-Jörg Langbein

342 »Die Göttin und die sieben Tempel«,
Teil 342 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 7.08.2016


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