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Sonntag, 9. Dezember 2018

464 »Drachen, Jungfrauen und ein himmlischer Fluss«

Foto 1: Drachentöter von Marienmünster.
Teil 464 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch, sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren, las mir als ich noch ein kleines Kind war, Märchen und gruselige Geschichten von Drachen vor. Edle Helden kämpften todesmutig gegen feuerspeiende Drachen, töteten sie und befreiten holde Jungfrauen aus ihren Klauen. Das Volk jubelte dann lautstark, wo die siegreichen Kämpfer auftauchten. Und natürlich bekam jeder Drachentöter die befreite Jungfrau, die sonst das Monster gefressen hätte, zur Frau. Manche bekamen dann noch zusätzlich vom königlichen Schwiegervater das halbe Königreich dazu.

Als ich in Erlangen Theologie studierte, erzählte mir ein arabischer Kommilitone ein Märchen. Ein König hatte drei Söhne, die in die Welt reisten, um sich zu bewähren. Einer der drei Männer gelangte in eine Stadt. Jeden Tag musste ein unschuldiges Mädchen einem siebenköpfigen Drachen ausgeliefert werden, damit die Bestie die Stadt verschonte. Das Untier hauste auf einem Berg nah bei einer Kapelle. Nun sollte des Königs Töchterlein dem Drachen ausgeliefert werden. Der wandernde Königssohn freilich wusste das zu verhindern, tötete den Drachen. Als Lohn bekam der Prinz die Tochter des Königs und wurde, als der König starb, selbst König.

In der Schweiz hörte ich von einem Märchen, das angeblich eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1420 schildert. Zwei riesige Drachen, so überliefert es das Märchen, hausten in unterirdischen Höhlen, in die man über einen Brunnenschacht gelangte. Die Drachen verbrachten dort den Winter, dann flogen sie wieder in die Welt hinaus.

In der Krypta der Kathedrale von Metz, Frankreich, ist eine Statuette eines Drachens zu sehen. Das Tier hat einen Namen: »Graoully«. Die Kreatur soll einst in einem römischen Amphitheater gehaust haben. Der Name »Graoully«, ursprünglich »Grauli«, soll auf das deutsche Wort »gräulich« zurückgehen. Braungräulich, so wird überliefert, waren die Schuppen des Monsters. Sie waren härter als jedes Schwert, heißt es, und so konnte der Drachen »Graoully« lange Zeit nicht besiegt werden. Erst im dritten Jahrhundert gelang es, so wird heute noch erzählt, dem Heiligen Clemens von Metz die Stadt vom Drachen zu befreien. Es gelang dem Kirchenmann, dem Untier eine Stola umzubinden und auf eine Insel im Fluss Seille zu bringen. Da tat sich die Erde auf, verschluckte den Drachen »Graoully«. Der Heilige Clemens wälzte auf das Loch einen mächtigen Felsbrocken, so dass der Drachen bis zum heutigen Tage nicht mehr ans Tageslicht zurückkehren konnte.

Foto 2: Drache Graoully von Horace Castelli

Noch im 19. Jahrhundert erinnerten sich die Bürger von Metz an den Bischof, der den Drachen besiegte. Zu Ehren des Kirchenmannes wurde Jahr für Jahr eine Prozession durchgeführt, bei der Nachbildungen von »Graoully« durch die Straßen getragen wurden. Horace Castelli (*1825;†1889) war wohl Augenzeuge einer solcher »Drachenprozession«. Bei ausgelassener Jahrmarkstimmung wurde eine Drachenfigur mit Flügeln von beachtlicher Größe durch die Straßen geschleppt, begleitet von Trommlern und Verkäufern von Lebensmitteln. Das Schauspiel lockte natürlich auch viele Neugierige an.

Ein behelmter Soldat reitet in der detailreichen Darstellung von Horace Castelli das Untier, das sein furchteinflößendes Maul aufreißt. Ein umsichtiger Mann besänftigt den Drachen, indem er ihm Backwaren in den Rachen kippt. Das Bild vom Drachen mit mächtigen Flügeln ist sehr alt. Es war schon in biblischen Zeiten bekannt. Was wenige wissen: Die biblische Schlange, die Eva zum Ungehorsam verleitet und das göttliche Verbot missachten lässt, war womöglich ein Drachen mit Flügeln. Nach dem biblischen Schöpfungsbericht verfügte die Schlange vom Paradies ursprünglich über Beine, heißt es doch ausdrücklich im Buch Genesis, zitiert nach der Lutherbibel von 2017 (1):

»Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang.« Nur wenn die Schlange ursprünglich Beine hatte und »Gott der HERR« ihr die Beine nahm, macht dieser Vers Sinn. Denn ohne Beine hätte sie auch vor der Strafaktion auf dem Bauch kriechen müssen.


Foto 3: Ein geflügelter Drache

Sehr viel ausführlicher ist die apokryphe Schrift »Apokalypse des Moses« (2): »Nachdem er mir dieses gesagt, sprach er in großem Zorn zur Schlange: Weil du dieses tatest als unerfreulich Werkzeug, indem du Arglose betörtest, so sei verflucht vor allem Vieh! Der Speise, die du aßest, sei beraubt! Friss Staub dein Leben lang! Kriech auf der Brust und auf dem Bauch, beraubt der Hände und Füße! Nicht Ohr, noch Flügel bleibe dir, nicht irgend eines deiner Glieder! In deiner Bosheit hast du sie damit berückt und es dahin gebracht, daß sie das Paradies verlassen müssen.«

Paul Rießler hat die »Apokalypse des Moses« in sein Standardwerk »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel« (3) aufgenommen. Auch hier wird die Verwandlung der Schlange als Strafe Gottes beschrieben. Paul Rießler übersetzt (4): »Nicht Ohr, noch Flügel bleibe dir, nicht irgend eines deiner Glieder.«

Die Schlange hatte also nach der »Apokalypse des Moses« vor der Bestrafung durch Gott noch Hände, Füße und Flügel oder vier Beine und Flügel, danach nicht mehr. Hände, Füße und Flügel wurden ihr von Gott genommen. Mit anderen Worten: Vorher war die Schlange ein drachenartiges Wesen.

Wenn wir an die Gebrüder Jacob (*1785; †1863) und Wilhelm Grimm (*1786; †1859) denken, so fallen uns ihre »Kinder- und Hausmärchen« ein, die beide weltberühmt machten. Die Märchen erschienen von 1812 bis 1858. Die beiden Grimms waren aber auch, und das ist weniger bekannt, Sprachwissenschaftler und Volkskundler. Jacob Grimm, der als Begründer der deutschen Philologie und Altertumswissenschaft gilt, veröffentlichte anno 1835 einen wahren Meilenstein der Mythenforschung (5). Das Werk »Deutsche Mythologie« wurde 2007 erneut und komplett publiziert (6).

Foto 4: Darstellung eines Drachen, Künstler Lucas Jennis, frühes 17. Jahrhundert.

Jacob Grimm geht in seinem Werk über deutsche Mythologie (7) auch auf das Thema Drachen ausführlich ein. Er schreibt (8): »Die schlange kriecht oder ringelt sich auf dem boden, stehn ihr flügel zu gebot, so heißt sie drache, was ein undeutsches aus dem lat(einischen) draco, gr(iechischen) Δράκος (Drákos) stammendes, schon früh eingeführtes wort ist.« (Jacob Grimm bezeichnet Drachen als »undeutsches Wort«, damit meint er aus einer fremden Sprache entlehntes Fremdwort.)

Mit anderen Worten: Jacob Grimm entdeckte bei seinem Studium deutscher Mythologie einen direkten Zusammenhang zwischen Schlange und Drachen, der ja bereits im Schöpfungsbericht des Alten Testaments und ausführlicher in den Apokryphen des Alten Testaments beschrieben wurde. Leider findet sich im umfangreichen grimmschen Werk kein Hinweis auf die Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche. Auf der Homepage »paderborn.de« (9) findet sich ein interessanter Hinweis (10):»Diese mythischen Drachen waren seit der Antike bis ins hohe Mittelalter Sinnbild für Naturkräfte, die hier vermutlich die Wasserquellen der Pader schützen sollten. Diese Schlangendrachen sind hier eine kunstgeschichtliche Kostbarkeit.«

Foto 5: Schlangendrachen, 17. Jahrhundert

Branko Čanak hat sich wie kaum ein anderer Zeitgenosse intensiv mit den geheimnisvollen Wesen in der Krypta der Abdinghofkirche beschäftigt. Er bezeichnet sie als (11) »Wasserdrachen, Hüter der Paderquellen und älteste Bewohner der Gegend«. Auch der lwl., der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, geht auf die geheimnisvollen Tiere in der Krypta ein (12) »Die Drachen sind, obgleich man sie als vermutete Hüter der Paderquellen an verschiedensten Orten der Stadt immer wieder findet, ein oft übersehenes Symboltier.« In der Tat: Es wird die Vermutung angestellt, dass die acht Drachen an dem Säulenkapitell die unterirdischen Paderquellen schützen sollen. Auch die Bezeichnung »Wasserdrachen« ist spekulativ, lässt sich nicht mit alten Dokumenten aus der Entstehungszeit der Krypta belegen. Wasserdrachen sind in China bekannt, werden in uralten Mythen beschrieben.

Foto 6: Chinesische Wasserdrachen.

Die chinesische Mythologie kennt den Wasserdrachen nicht als Behüter von Quellen oder Flüssen, sie repräsentieren vielmehr die Gottheiten von Gewässern. Kurios: Auch im alten Indien repräsentieren Götter Flüsse. So wird die Flussgöttin Ganga mit dem gewaltigen Fluss Ganges gleichgesetzt. In Reliefs wie jenem von Mahalipuram (12m hoch, 33 m breit!) sieht man Ganga als schlangenartiges Wesen im himmlischen Fluss, zusammen mit ihrem ebenso schlangenartigen Partner, zur Erde kommen. Ganga schwimmt nicht im Fluss, sie ist der personifizierte Fluss. Die chinesischen Wasserdrachen haben wie die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche Bärte. Wohl ein Zufall…

Meine Urgroßmutter Hedwig Welsch, sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren, las mir als ich noch ein kleines Kind war, Märchen und gruselige Geschichten von Drachen vor. Bis heute beschäftigen mich die Drachen. Sind es reine Fantasiewesen, die es nie gegeben hat? Oder schlummern in unseren Genen Erinnerungen an geheimnisvolle, furchteinflößende Kreaturen, die vor langer Zeit ausgestorben sind? Waren Drachen gut oder böse, göttlich oder teuflisch?

Foto 7: Mysteriöses Steinrelief mit Göttin Ganga


Fußnoten
(1) 1. Buch Mose Kapitel 3, Vers 14
(2) »Apokalypse des Moses« Vers 26, zitiert nach Weidinger, Erich: »Die Apokryphen/ Verborgene Bücher der Bibel«, Augsburg 1999, Seite 43
(Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(3) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 138-155: »Apokalypse des Moses/ Adam und Eva«
(Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(4) ebenda, Kapitel 26, Seite 148 Mitte
(Rechtschreibung wurde unverändert übernommen!)
(5) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Göttingen 1835
(6) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Wiesbaden 2007
(7) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage, Berlin 1875-78
(8) ebenda, Band II, S. 573, Zeilen 15-18 von oben
(Rechtschreibung wie durchgehende Kleinschreibung wurde unverändert übernommen!)
(9) https://www.paderborn.de/index.php (Stand 10.10.2018)
(10) https://www.paderborn.de/tourismus-kultur/sehenswuerdigkeiten/Abdinghofkirche_Sehensw.php (Stand 10.10.2018)
(11) http://wasserdrachen-podcast.de/ (Stand 10.10.2018)
(12) https://www.lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?urlID=31724 (Stand 10.10.2018)

Foto 8
Zu den Fotos
Foto 1: Der Drachentöter von Marienmünster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Drache Graoully von Horace Castelli, 1872. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Ein geflügelter Drache, Darstellung etwa 1565.  Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Darstellung eines Drachen, Künstler Lucas Jennis, frühes 17. Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Schlangendrachen, 17. Jahrhundert, Künstler eventuell Athanasius Kircher, ca. 1666. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Chinesische Wasserdrachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mysteriöses Steinrelief mit Göttin Ganga. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Götting Ganga kommt vom Himmel herab. Foto Walter-Jörg Langbein

465 »Monster im Meer?«,
Teil 465 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16.12.2018



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Sonntag, 7. August 2016

342 »Die Göttin und die sieben Tempel«

Teil 342 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Ganga
»Die Göttin Ganga stürzte einst in Form von Wasser vom Himmel zur Erde. Gott Shiva selbst rettete sie, er milderte ihren Aufprall. Heute ist der Fluss Ganges die lebende Wasserform der himmlischen Göttin!«, erzählt mir eine junge kundige Inderin. In ihrer wohlklingenden Stimme schwingt jahrtausendealte Mythologie mit. Und immer wieder höre ich von Göttin Ganga. Liebevoll nennt sie »mein« Guide »Mutter Ganga«. »Mutter Ganga hatte einen göttlichen Vater: Himavat. Himavat kann man mit ›große Kälte‹ übersetzen. Himavat ist die Personifikation der Himalayaberge. Die Mutter von Ganga ist Mena, Tochter des Weltenberges Meru. Das Himalayagebirge ist Sitz des Lebens, Meru bietet den Göttern Heimat. Sonne, Mond und Sterne kreisen um ihn.«

Seltsam, auch die hellhäutige Sarasvati, Göttin der Dichtkunst, der Musik, der Wissenschaft des Lernens, soll eine (?) Mutter der Ganga sein. Sie wird als eine Fluss-Göttin und Königin des Himmels verehrt, als Göttin der Liebe, als Mutter der Gewässer. Sarasvati kam als Kulturbringerin zu den Menschen. Zahlreich sind ihre klangvollen Beinamen: »Mahavidya« (»die große Weisheit«), »Jagaddhatri« (»Herrin der Welt«) und »Brahmani« (»Frau des Brahma«). Bei dieser Fülle von Beinamen und Eigenschaften tritt leicht Verwirrung auf. Andere Göttinnen haben zumindest zum Teil gleiche oder ähnliche Fähigkeiten. Besonders opulent aber ist Sarasvati ausgestattet. Sarasvati gilt als besonders mächtig. So soll sie – wie der biblische Jahwe – das Universum erschaffen haben.

Foto 2: Göttin Sarasvati
Mir scheint, Sarasvati hat eine erstaunliche Karriere vorzuweisen: Von einer Art Ur-Wassergöttin kam sie als heiliger Fluss aus dem Himmel herab. Sie wurde zu einer Göttin des Lebens und der Fruchtbarkeit. Oder war sie immer alles? Sind die zahllosen Göttinnen Personifikationen der Kräfte der Schöpfung und des Lebens?

Nach einem glühend heißen Tag zu so manchem Tempel des südlichen Indien sind wir am Meer angelangt. Von Chennai (Madras) sind wir nach Mahabalipuram gereist, in den Bundesstaat Tamil Nadu, Distrikt Kanchipuram. Es ist stockdunkel, die Sterne grüßen vom nachtschwarzen Himmel. Wir genießen die spätabendliche Kühle, den salzigen Wind, der vom Golf von Bengalen herüber weht. Das Meeresrauschen, die Sterne und die Silhouetten kleiner Tempelchen – sie wurden aus dem massiven Stein herausgeschlagen – formieren sich zu einer nicht wirklich in Worte zu fassenden geheimnisvollen Kulisse eines Indien, das vor Jahrtausenden unzählige Göttinnen und Götter angelockt hat. In den Sagen leben sie noch, im Glauben vieler Hindus ebenso.

Die Zeit scheint seit den Tagen der Himmlischen stehengeblieben zu sein. Unvorstellbar umfangreiche Epen berichten über sie und ihre Taten, über ihre Kontakte mit den Menschen, über Kriege zwischen den Göttern. Die sich untereinander in gewaltigen Gemetzeln im All und auf der Erde bekämpften.

Der Hinduismus hat etwa eine Milliarde Anhänger weltweit. Aber wer nun ein Hindu ist, das ist nicht so leicht zu definieren. Hindus sind jedenfalls tolerant und anderen Religionen gegenüber mehr als aufgeschlossen. Als Hindu kann man sehr wohl Jesus auf seinen kleinen Hausaltar stellen, direkt neben Jesu Mutter Maria und einen lachenden Buddha. Über 90 Prozent der Hindus leben in Indien. Bunt zusammengewürfelte Gesellschaften von Göttinnen und Göttern habe ich auf so manchem Hausaltar gesehen. Niemand schreibt vor, wer zu verehren ist oder angebetet werden darf. Jeder toleriert die Religiosität des anderen, niemand kommt auf die Idee, zu missionieren. Und vor allem unterscheidet man nicht zwischen »Ketzern« und »Rechtgläubigen«.

Foto 3: Der Tempelkomplex am Strand

Geschickt ist ein kleiner Tempelkomplex in Strandnähe bunt angestrahlt. Das kleine sakrale Bauwerk könnte ebenso aus einem Märchenfilm wie aus einem Sciencefiction-Opus stammen. Die Architektur des rätselhaften Gebäudes wirkt fremd und doch irgendwie vertraut. Einheimische haben sich nach einem harten Arbeitstag unter glühender Sonne eingefunden, um am Tempel zu beten. Respektvoll weichen wir zurück, um die Gläubigen nicht in ihrer Andacht zu stören.

»Die Göttin Ganga stürzte einst in Form von Wasser vom Himmel zur Erde.«, wiederholt unsere attraktive junge Führerin. »Morgen zeige ich euch das herrliche Steinrelief, auf dem verewigt wurde, wie Ganga im Wasserstrom vom Himmel kam!«

Foto 4: Linker Teil des Riesenreliefs

Im Verlauf der Reise, die uns zu vielen Tempeln führte, versuche ich so viel wie möglich über Indiens Göttinnen und Götter zu lernen. Doch je mehr ich erfahre, desto unüberschaubarer, ja verwirrender wird mein Wissen. Je mehr ich lerne, desto weniger verstehe ich. Da sind die Geheimnisse gigantischer Monstermauern, aus riesigen, kunstvoll zugehauenen Steinkolossen zwar auch unerklärbar, aber doch greifbarer. Geheimnisvoll ist und bleibt das wahrscheinlich größte Flachrelief »Herabkunft der Ganga«. Zwölf Meter ist es hoch, 33 Meter misst seine Breite. »Nach unserem Glauben hat König Bhagiratha den Ganges aus dem himmlischen Meer zur Erde kommen lassen, um die Seelen seiner verstorbenen Vorfahren von ihren Sünden zu befreien. Im 7. Jahrhundert soll dieses Kunstwerk entstanden sein, das eine verwirrende Vielzahl von Menschen, Tieren und Gottheiten zu bieten hat. Da verblüfft die präzise naturgetreue Darstellung auf der einen Seite, da verwundern seltsame Bilder auf der anderen Seite.

Foto 5: Mittlerer Teil
Klar zu erkennen ist die Göttin Ganga, die im Himmelsfluss – oder als Himmelsfluss? – von oben zur Erde kommt. Da tanzen menschliche Gestalten, oder schweben sie? Da marschiert ein majestätischer Riesenelefant und unter seinem Bau können wir kleine Elefantenkinder ausmachen. Aber was ist das für ein Wesen an der Basis des Reliefs? (Siehe Fotos 7 und 8, weiter unten!)

Es hat menschenähnliche Gestalt. Oder ist es doch ein Tier? Dem Kopf nach zu urteilen könnte es sich um eine Katze handeln, die aufrecht auf zwei Beinen dasteht und die vorderen Pfoten gen Himmel gestreckt hat. Nimmt die Katze (?) eine Yoga-Position ein? Sie wird von kleinen Kreaturen umtanzt (?). Sollte es sich um Mäuse handeln? Vermutlich! Was hat es zu bedeuten, wenn Mäuse um eine Katze in Yoga-Haltung herumspringen? Und das auf einem gewaltigen Relief in Stein von eindeutig religiös-mythologischer Bedeutung?

Foto 6: Rechter Teil des Reliefs
Ich gebe es zu: Katze und Mäuse habe ich vor Ort nicht bemerkt. Ich habe die amüsante Gruppe erst nach meiner Rückkehr aus Indien entdeckt, zuhause, beim Betrachten der Fotos.  Der herabstürzende »Wasserfall« des Ganga-Flusses hat mich abgelenkt. Eine einleuchtende Erklärung für das Ensemble der tierischen Art konnte ich in der Literatur bislang nicht finden. Bemerkenswert ist, dass sich die kleine Gesellschaft an zentraler Stelle befindet, nämlich just dort, wo der himmlische Ganga-Fluss die Erde berührt!

Auch unsere Führerin wusste keine Antwort. »Ein Rätsel!«, flüsterte sie leise. Aber das eigentliche Geheimnis von Mahabalipuram liegt da draußen. Mit ausgestreckter Hand deutete sie in Richtung Meer. »Göttin Ganga kam hier in Mahabalipuram zur Erde. Und dort, dort standen einst sieben majestätische Tempel!« Und wieder streckte sie ihren Arm aus, in Richtung Meeresstrand.

Zu den Fotos
Fotos 1-6: Walter-Jörg Langbein
Fito 7: Ingeborg Diekmann
Foto 8: Walter-Jörg Langbein

Literaturempfehlungen Indien Teil 1

Berendt, Joachim-Ernst: Nada Brahma/ Die Welt ist Klang, Reinbek 1985

Foto 7: Katze und Mäuse
Bhagavdgita, die
     Sanskrittext mit Einleitung und Kommentar von S. Radharkrishnan/ Mit dem
     indischen Text verglichen und ins Deutsche übersetzt von Siegfried
     Lienhard, Wiesbaden 1970
Bhagavdgita, die
     Mit einem spirituellen Kommentar von Bede Griffiths/ Aus dem Sanskrit
     übersetzt, eingeleitet und erläutert von Michael von Brück, München 1993
Bhagavdgita
     As it is/ Abridged Edition/ with translations and elaborate purports by his
     Divine Grace A.C. Bhaktivedanta Sywami Prabhupada/ Founder-Acarya of
     the International Society for Krishna Consciousness, New York


Foto 8: Im Kreis - Katze, umtanzt von Mäusen

Bhagavdgita und Aschtavakragita, Indiens heilige Gesänge, Köln 1978
Blavatsky, Helena Petrowna: Rätselhafte Volksstämme/ Magische und okkulte 
     Fähigkeiten bei den Kurumbas und Todas, Wiesbaden o.J
Childress, David Hatcher: Vimana Aircraft of Ancient India and Atlantis,
     Stelle 1991
Childress, David Hatcher: Lost Cities of China, Central Asia and India, Stelle
     1991
Däniken, Erich von: Das unheilige Buch/ Von falschen Gräbern und
     himmlischen Gestalten, Rottenburg 2014
Euringer, Florian: Indische Astrologie/ Die 27 Frauen des Mondes, Genf 1989
Franz, Heinrich Gerhard: Das alte Indien/ Geschichte und Kultur des
     indischen Subkontinents, München 1990, GROSSFORMAT
Fritz, John: City of Victory/ Vijayanagara, New York 1991, 
     GROSSFORMAT
Gentes, Lutz: Die Wirklichkeit der Götter/ Raumfahrt im alten Indien,
     München 1996

Literaturempfehlungen Indien Teil 2

Gottschalk, Herbert: Sonnengötter und Vampire/ Mythen und Legenden aus  
     Ägypten und dem Alten Orient, Indien, China und Tibet, Japan und Korea, 
     aus Afrika und aus Lateinamerika, Berlin 1978
Higgins, Godfrey: The Celtic Druids or An Attempt to shew, that the Druids
     were the priests of oriental colonies who emerged from India And were the
     introducers of the first or Cadmean system of letters and the builders of
     Stonehenge, of Carnac, and of other cyclopean works, in Asia and Europe,
     London 1829
Kearsley, Graeme R.: Pacal’s Portal to Paradise at Palenque/ The Iconography
     of India at Palenque and Copan, London 2002
Kircher, Bertram: (TerraX) Von Atlantis zum Dach der Welt/ Rätsel alter
     Weltkulturen, Bergisch Gladbach 1988
     (Das Mysterium des Shiva/ Heilige Männer in Indien, S. 116-165)
Mallebrein, Cornelia: Darshan/ Blickkontakte mit indischen Göttern. Die    
     ländliche und tribale Tradition, Berlin 1998
Norman, Bruce: Footsteps/ Nine Archaeological Journeys of Romance and
     Discovery, o. Ortsangabe, Nachdruck 1988
     (Siehe Kapitel 3/ The wonders of Ellora S. 75 -100)
Obermeier, Siegfried: Starb Jesus in Kaschmir?/ Das Geheimnis seines Lebens
     und Wirkens in Indien, Düsseldorf/ Wien 1983
Rao, S.R. (Shikaripur Ranganatha): The Lost City of  Dvaraka,
     New Delhi, 1. Auflage 1999
Rao, S.R. (Shikaripur Ranganatha): Marine Archaeology in India, New Delhi  
     2001
Rao, Dr. P.V.L. Narasimha: Kanchipuram/ Land of legends, saints and 
     temples, New Delhi 2008
Richter-Ushanas, Egbert: The Indus Script and the Rg-veda, Delhi 1997
Risi, Armin: Gott und die Götter/ Das vedische Weltbild revolutioniert die
     moderne Wissenschaft, Esoterik und Theologie, Zürich und Berlin 1995
Thompson, Richard L.: Vedic Cosmography and Astronomy, Los Angeles
     1990


343 »Tempel auf dem Meeresgrund«,
Teil 343 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 14.08.2016


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