Samstag, 14. Januar 2017

Maria Schell: Nur die Liebe zählt

Maria Schell im Interview mit Walter-Jörg Langbein
Teil 1


Fotos 1 und 2: Maria Schell schrieb über ihr Leben

Maria Margarete Anna Schell (* 15. Januar 1926 in Wien; † 26. April 2005 in Preitenegg, Kärnten) war eine österreichisch-schweizerische Schauspielerin. Sie gehörte zu den größten Stars des deutschsprachigen Films der 1950er und 1960er Jahre. Maria Schell wurde verehrt und geliebt. Im Verlauf ihrer Karriere wurde sie mit zahlreichen Filmpreisen ausgezeichnet. So erhielt sie acht Mal den »Bambi«, die »Coppa Volpi« der Filmfestspiele von Venedig, den »Deutschen Filmpreis« und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Anlässlich ihres 10. Todestages gab die Österreichische Post eine »Maria-Schell-Sonderbriefmarke« heraus. 

Maria Schell gehört zu den wenigen wirklichen Weltstars, die von Deutschland aus eine sensationelle Karriere starteten. Marcello Mastroianni war ihr Filmpartner in Viscontis »Weiße Nächte«. Mit Curd Jürgens bewunderte man sie weltweit in »Die Ratten« und »Der Schinderhannes«. Lang ist die Liste der internationalen Größen, mit denen Maria Schell zusammen arbeitete. Yves Montand, Claude Chabrol, Orson Wells, Gary Cooper, Paul Scofield und Yul Brünner waren ihre Filmpartner. Journalisten nannten Maria Schell gern und häufig »Seelchen«, ein Spitzname, der ihr zeitlebens anhaftete und sehr missfiel.

Foto 3: Maria Schells
handschriftliche Widmung
Im Oktober 1985 Jahren hatte ich Gelegenheit, Maria Schell in Frankfurt am Main zu interviewen. Ihr aus zahlreichen Filmen bekanntes Lächeln erlebte ich leibhaftig als geradezu überwältigend. Ich erinnere mich noch genau an den kleinen Tisch, an dem wir saßen. Vor mir waren meine Notizen ausgebreitet, die ich zum Gespräch mitgebracht hatte. Und ich erinnere mich an Maria Schells strahlende Augen. Ich gebe es zu: Sie brachte mich aus dem Konzept. Nervös blätterte ich in meinen Unterlagen, um eine weitere möglichst sinnvolle Frage zu stellen. Maria Schell lachte: »Sie müssen mich schon ansehen, wenn Sie mit mir sprechen!«

Rätselhaft wie Maria Schells Lächeln war auch ihre Handschrift. Was genau hat sie mir in ihr Buch »Die Kostbarkeit des Augenblicks« geschrieben? Da steht als gedruckte Widmung: »Für alle, die ich liebe, - und für Dich«. Das »Dich« hat Maria Schell durchgestrichen und ein »Sie« daraus gemacht. Weiter geht es mit (für Sie) lieber Herr Langbein mit meinen herzlichsten Wünschen Maria Schell 11.X.85«.
Doch nun zum Interview. Es entstand im Oktober 1985 und ist heute – über 30 Jahre später – manchmal geradezu erschreckend aktuell!

Walter-Jörg Langbein (WJL): Frau Schell, Sie verfügen ja über ein erstaunlich positives Image …
Maria Schell:  … das ich auszufüllen versuche.
 
WJL: Romy Schneider hat in ihren späteren Filmen versucht, gegen ihr Sissi-Image anzuspielen …
Maria Schell: Das kam daher, dass man ihr den Zauber der Reinheit zum Vorwurf gemacht hat, als Kitsch abgetan hat. Aber das ist einfach nicht wahr!

Diese Filme werden ja zu Weihnachten immer wieder gezeigt, und da sieht man, einwandfrei, dass diese Filme schön  sind. Da steckt schon sehr viel Wahrheit darin, wie Romy Schneider gespielt hat, tiefe Wahrheit.

Foto 4: Einer von Maria Schells
beiden »Seelchen«-Filmen
WJL: In Ihrem Buch »Die Kostbarkeit des Augenblicks« beschreiben Sie eine Szene, die mich doch erstaunt hat. Sie hatten, so berichten Sie, als Schülerin einen Kampf, bei dem bei der Gegenpartei das Nasenbei entzwei ging. Sind Sie also gar nicht so zart.. ?
Maria Schell: Überhaupt nicht. Ich bin sehr handfest.

WJL: Meinen Sie, Ihre handfeste Seite wird zu wenig von der Presse gewürdigt? Oder fühlen Sie sich wohl mit dem Bild, das von Ihnen gezeichnet wird?
Maria Schell: Man wird nie richtig dargestellt. Wenn ich an diesen blöden Nebennamen denke, den ich von der Presse bekommen habe … Seelchen .. dann finde ich das sehr, sehr einfallslos. Das stimmt ja auch gar nicht. Meine Filme waren überhaupt keine Seelchenfilme, bis auf zwei, weil das die Bücher verlangten. Dieser Dr.Holl-Film, das war ein sehr seelenvoller Film. Der Name Seelchen wurde einmal geprägt. Und seither immer wieder hervorgeholt. Da ist man dann nie wieder runter gekommen von diesem Wort. Ich finde das sehr einfallslos von der Presse. Ich verstehe eigentlich gar nicht, wieso diese Leute sich nicht genieren, immer wieder von mir als Seelchen zu schreiben.

WJL: Kann man die Schauspielkunst erlernen?
Maria Schell: Kein Talent kann man lernen. Man hat es, oder man hat es nicht. Wenn man es aber hat, dann kann man es ausbauen. Jemand, der gut Blumen bindet, der hat eine Begabung, oder ein Computerfachmann, ein Bildhauer, oder auch ein Arzt. Einen Teil kann man lernen, aber ein wirkliches Talent wird man nicht, nur weil die Übung aufgebracht wird.

WJL: Sind Sie ein heiterer  oder ein ernster Mensch?
Maria Schell: Beides.

WJL: Spielen religiöse Themen in Ihrem Leben eine Rolle? Haben Sie eine persönliche Beziehung zum Thema »Leben nach dem Tod«?
Maria Schell: Aber ja. Ich bin ganz sicher, dass kein Geist verlorengeht, der einmal auf der Erde gelebt hat. Geist, der die Welt beseelt, bleibt erhalten. Die Substanz des menschlichen Bewusstseins, oder wie man auch immer das nennen möchte, verwandelt sich wenn sie unseren Körper verlässt, mit dem Tode. Sie wird wahrscheinlich wieder in anderer Form erscheinen, eine andere Form annehmen. So wie es handfeste Materie gibt, so gibt es auch eine Substanz »Geist«. Und diese Substanz, dieser Geist … oder wenn Sie lieber Seele sagen möchten … verlässt die Erde eben nicht, löst sich nicht in Nichts auf, bleibt erhalten. Alles ist beseelt.

Foto 5: Rudi Carell wollte als
Frau wiedergeboren werden
WJL: Sie glauben also an die Wiedergeburt?
Maria Schell: Sicher werden wir wiedergeboren, aber vielleicht nicht als Mensch, sondern als ein Wesen, das auch Leben, Geist in sich hat. Vielleicht als Baum, als Vogel, irgendein anderes Tier, als Wind, als Gedanke. Auch als Wolke. Und eben auch als Gedanke.

WJL: Frau Schell, glauben Sie, dass Sie schon einmal gelebt haben?
Maria Schell: Ich habe einmal eine Rückführungstherapie gemacht, da kamen ganz seltsame Erlebnisse zutage. Das hat vielleicht mit meiner Begabung zu tun, mich in andere Leben zu versetzen. 
Aber ich will nicht sagen, dass das nicht so war in einem früheren Leben, nur offensichtlich ist es von der »höchsten Weisheit« nicht so gedacht, dass wir uns an frühere Leben erinnern. Wenn wir mit diesen Erinnerungen ins nächste Leben eintreten sollten, dann hätten wir sie ja. 

Diese Erinnerungen scheinen ausgelöscht zu werden, damit wir ein neues Leben wieder neu leben können. Wir gehen ja auch jede Nacht in einen kleinen Tod, wenn wir schlafen. Wir wissen nicht, ob wir wieder aufwachen. Aus Gewohnheit, aus Erfahrung nehmen wir an, dass wir wieder aufwachen, aber wir wissen es nicht. Meistens brauchen wir ja nur Sekunden, um uns nach dem Aufwachen wieder zurechtzufinden. Aber passiert es uns nicht allen immer wieder, dass wir nicht wissen, wo wir sind, wenn wir aufwachen? So weit sind wir weg. Vielleicht ist das schon diese andere Ebene. Der Tod ist vielleicht nicht anders. Wir haben ja auch an den Schlaf kaum bewusste Erinnerungen. Wir wissen manchmal, was wir geträumt haben, das war dann sehr schön. Aber mit ähnlichem Bewusstsein spüren wir vielleicht auch, dass wir schon gelebt haben. Es passiert doch, dass wir irgendwo stehen und sagen: Hier war ich schon einmal, obwohl man an dem betreffenden Ort in diesem Leben noch nicht war. Das gibt es auch. Ich glaube, wir sind viel mehr im Geistigen zuhause als wir das in unserer materiellen Welt wahrhaben wollen.

Foto 6: Maria strahlt...
WJL: Haben Sie eine konkrete Vorstellung als was Sie einmal wiedergeboren werden möchten?
Maria Schell: Ich möchte gern einmal ein Mann sein, um wirklich herauszukriegen, wie das so ist, ein Mann zu sein. Genauso könnte ich mir vorstellen, dass ein Mann sagt, einmal als Frau wiedergeboren werden zu wollen.

WJL: Rudi Carell hat mir auf diese Frage geantwortet, dass er als Frau wiedergeboren werden möchte…
Maria Schell: Ja. Um einfach wirklich hinter dieses unglaubliche Wunder der zweierlei Geschlechter zu kommen. Das ist ja wirklich ein unglaubliches Wunder der Natur. Es wäre schon reizvoll, einmal die andere Seite, die andere Spiegelung zu erleben. Aber ich käme natürlich genauso gern nochmal als ich selbst zur Welt.

WJL: Würden Sie Ihr Leben noch einmal genauso führen, wie Sie es getan haben? Oder gab es Augenblicke, wenn Sie in die zurückkehren könnten, von denen aus sie einen anderen Weg gehen würden? Würden Sie gern in Ihre Vergangenheit zurück gehen und einiges ändern?
Maria Schell: Eins ist ganz sicher. Ich würde ganz bestimmt wieder Schauspielerin sein. Vielleicht würde ich beim Aufbau meiner Karriere, die ich zeitweilig sehr vernachlässigt habe, aus privaten Gründen, etwas klüger sein. Meine Heirat, meine Kinder, Privates eben, war mir oft wichtiger als meine Karriere.

WJL: Aber ist das nicht besser, als dass Sie sagen müssten: »Ich hatte kein wirkliches Leben?«
Maria Schell: Schon wahr!

WJL: Wenn Sie an die Schauspielkunst denken … Inwieweit muss sich ein Schauspieler oder eine Schauspielerin verändern, um eine Rolle auch wirklich auszufüllen?
Maria Schell: Es gibt zwei Arten von Schauspielern. Die einen können sich sehr stark verwandeln, die anderen holen die Rollen zu sich her und verwandeln sich trotzdem. Ich bin von der zweiten Art, hole die Rollen zu mir.

Maria Schell (nach kurzem Nachdenken): Im Augenblick (Oktober 1985) wird ein Filmporträt von mir gemacht. Da werden verschiedene Filmausschnitte zusammengestellt um zu zeigen, wie verschieden ich in verschiedenen Rollen bin. Manchmal habe ich ein verhältnismäßig ungeschminktes Gesicht, manchmal bin ich ein wenig jünger, mal ein wenig älter. Man sieht aber sehr deutlich, wie stark das innere Leben die äußere Erscheinung verändern kann.

WJL: Kann eine Schauspielerin, kann ein Schauspieler durch eine Rolle verändert werden in seinem Wesen, sei es positiv oder negativ?
Maria Schell: Nein, nein.

Fotos 7 und 8: »Die Ratten« und »Wenn das Herz spicht« mit Maria Schell

WJL: Wenn Sie beispielsweise einen Film abgeschlossen haben, fällt Ihnen dann das andere, filmisch dargestellte Leben ab, wie ein abgelegtes Kleid, eine Maske, die ausgedient hat?
Maria Schell: Ja. Ich kann während der Vorbereitungen der Dreharbeiten sehr wohl unterscheiden, was Film und Familienleben, was ein Interview, was ein Filmdialog ist. Aber wenn ich in einer Szene bin, dann ist die Verwandlung total. Ich glaube, das kann ein Außenseiter kaum ermessen, wie sehr man jedes Mal mit einer Rolle auch in ein anderes Leben eintritt. Dieses andere Leben will im Mittelpunkt stehen, es nimmt die Seele, die Gedanken, die Zeit in Anspruch. Wenn ich dann eine Szene spiele, da muss ich von meinem Leben als Maria Schell in dieses andere Leben hinübergehen, mein eigentliches Leben zurücklassen. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an den Film »Die Ratten« aus dem Jahr 1955, frei nach Hauptmann. Die Mauer bestand damals ja noch nicht. Ich fuhr also in die DDR, kaufte mir dort ein Kleid, es war schrecklich, dazu Büstenhalter, Unterwäsche und Schuhe. Die Sachen ließ ich reinigen. Außerdem hatte ich mir eine Dauerwelle machen lassen und ließ mir meine Ohrläppchen durchstechen und trug zwei kleine falsche Perlen darin. Ich hatte ein Mädchen zu spielen, das in anderen Umständen war. Ich trug dieses eine Kleid während des ganzen Films. Man sagte mir, ich habe wirklich absolut echt ausgesehen.

> Hier weiterlesen: Teil 2

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Buchcover/ Fotos Langen Müller Verlag und Gustav Lübbe Verlag
Foto 3: Maria Schells handschriftliche Widmung
Foto 4: Einer von Maria Schells beiden »Seelchen«-Filmen. amazon
Foto 5: Rudi Carell wollte als Frau wiedergeboren werden/ Foto Foto wikimedia commons Jan Arkesteijn
Foto 6: Maria Schell 1976/ Foto: wikimedia commons/ Mieremet, Rob Anefo
Fotos 7 und 8: »Die Ratten« und »Wenn das Herz spricht« mit Maria Schell

Maria Schell im Interview mit Walter-Jörg Langbein
Teil 2

erscheint am 16.01.2017

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Sonntag, 8. Januar 2017

364 »Vom Ochsenkopf zur unverwüstbaren Maria«

Teil  364 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gott Radegast

Der kleine alte Mann kam meiner Vorstellung von einem Waldschrat recht nahe. Karl May hätte wohl seine helle Freude mit ihm gehabt und ihn in einen seiner Romane eingebaut, sei es als Held, den es in den »Wilden Westen« verschlagen hat, sei es als Hauptperson in einem seiner Heimatromane. Ferdi, so nannte sich das liebenswürdige Original mit starken Tendenzen zum Unikum, war eigenen Angaben nach 80 Jahre alt. Vielleicht hatte der urwüchsige Mann aber auch schon ein Jahrhundert auf dem kerzengraden Buckel. Seine Gestalt war schmächtig und dabei doch kraftvoll. Wind und Wetter hatten seine Gesichtshaut gegerbt. Er wirkte alt und doch irgendwie zeitlos. Seine Augen lachten aus der manchmal starr wirkenden Maske seines Gesichts.

Fotos 2 und 3: Der Ochsenkopf vom Ochsenkopf

Kenngelernt habe ich das Original von einem Menschen bei Erkundungsgängen in der Region des Ochsenkopf im Fichtelgebirge. Ferdi erzählte mir Interessantes aus der Geschichte des mit über 1.000 Metern zweithöchsten Berges im Fichtelgebirge. So erfuhr ich, dass er einst »Vichtelberg« oder »hoher Vichtelberg« hieß. Ob da eine Erinnerung an »Wichtel« mitschwingt, die längst vergessenen Mythen im Berg hausten?

Anno 1495 taucht erstmals der Name »Ochsenkopf« in Bergwerksakten auf. Wie es zum Namen »Ochsenkopf« kam, das ist umstritten. Vermutlich wurde auf dem Berg der Gott Radegast verehrt. Darauf deutet ein in Stein gemeißelter Stierkopf hin, der auf dem Gipfel des Ochsenkopf gefunden wurde. Schon vor 50 Jahren, Ende der 1960er, war die Gravur arg verwaschen, trotzdem aber noch zu erkennen. Mein Vater schätzte den Ochsenkopf sehr. Er fuhr begeistert Ski, auch am Ochsenkopf. Mich schleppte er oft mit und zeigte mir auch den in den Stein eingeritzten Ochsenkopf. Wiederholt stand ich vor der Ritzzeichnung, fuhr mit dem Zeigefinger die Konturen des »Ochsenkopfs« nach.

Fotos 4 und 5: Radegast's Ochsenkopf

Dann und wann wurden die Umrisse des Kopfes mit Kreide nachgezogen, um sie zu verdeutlichen. Nicht immer war wirklich zu erkennen, was einst, wer weiß wann, in den Stein geritzt worden war. Die Hörner jedenfalls waren abgerundet, nicht spitz. Sollte da eine Gottheit gezeigt werden? Oder ein Mensch, der als Zeichen der Gottheit Hörner trug? Bei meinen Versuchen einer zeichnerischen Rekonstruktion war ich natürlich bemüht, mich dem Original anzunähern. Ich habe darauf verzichtet, mit Fantasie zu ergänzen, was ein Gesicht vervollständigen würde. Nasenlöcher zum Beispiel vermag ich nicht zu sehen.

Radegast alias Svarožić wird als »Sohn des Svarog« übersetzt. Svarog war als »himmlischer Vater«, als »Himmelsgott«. Sohn Svarožić war als Sonnengott auch für das irdische Feuer zuständig.

Als interessantes Kuriosum notierte ich mir über Gott Radegast alias Svarožić erzählte: »Diesen Stiergott gibt es wirklich! Im letzten Kriegsjahr, anno 1945, habe ich erlebt, wie dieser Gott einen Feuerblitz vom Himmel warf! An der Stelle, wo die göttliche Glut aufschlug, tat sich ein Erdspalt auf. Daraus quoll Wasser. Leider ist die Quelle in den 1960ern versiegt!« Das Quellwasser, so versicherte mir Ferdi treuherzig, habe »heilende Wirkung« gehabt. Inzwischen weiß ich, dass dort, wo Quellgöttinnen angebetet wurden, Quellen Kurgästen aus nah und fern Linderung oder Heilung von Gebrechen bringen sollen.

Foto 6: Auch der Dom von Paderborn steht auf Quellgebiet

In Paderborn erzählte mir ein Geistlicher ausführlich und geheimniskrämerisch von der Mythologie der Quellen. Im Lauf der Recherchen und Kirchen und Klöstern machte ich eine, wie ich meine, erstaunliche Entdeckung. So manche Nonne, so mancher Priester weiß sehr viel mehr über heidnische Ursprünge christlicher Stätten. Offen darüber sprechen aber nur die wenigsten.

Unsere Altvorderen brachten in Sachen Quellen die Götter ins Spiel: Aus den Gefilden der Himmlischen schleudern Götter Blitze gen Erde. Die reißen den Himmel auf und Wasser fließt zur Erde. Die Blitze reißen aber auch Löcher ins Erdreich und Quellwasser tritt wieder zutage. Dieses anschauliche Bild ist schon uralt. Darauf weist auch Karl Weinhold in seiner bemerkenswerten Abhandlung »Die Verehrung der Quellen« (1) hin. Weinhold (2) schreibt (3): »Woher kommt das Quellwasser? Die Mythe antwortet, aus dem Sitz der Götter, dem wolkensammelnden Himmel. Der Blitz spaltet die Wolken und die himmlischen Wasser strömen zur Erde; der Blitz fährt in den Erdboden und der Quell springt hervor.« Und weiter: »Wo ein kirchliches Wunder das Wasser hervorruft, tritt die Naturmythe ganz zurück.« Freiwillig geschieht das freilich nicht. Die Naturmythe wird vielmehr ganz gezielt und bewusst zurückgetreten.

Foto 7: Paderborns einst heilige Quellen sprudeln noch

Westlich von Belgrad, am Ufer des Flusses Suave, fanden Archäologen eine Tonspindel (4). Das Objekt wurde der Vinca-Kultur zugeordnet und auf die Zeit um 5000 v.Chr. datiert. Professor Toby Griffen, Southern Illinois University Edwardsville, entzifferte die eingeritzte Zeichenfolge mit: »Bär – Göttin – Vogel – Göttin – Bär – Göttin – Göttin«.  Seine Übersetzung: »Bärgöttin und Vogelgöttin sind wirklich die Bärgöttin«. Somit wird klar: Die Verehrung der Göttin ist sehr viel älter als der patriarchalische Monotheismus von Judentum, Christentum und Islam.


Foto 8: Schwarze Madonna, Bad Birnbach
So beschreibt Heide Götter-Abendroth  in ihrem Buch »Berggöttinnen der Alpen« (5), wie uralte vorchristliche Orte der Verehrung der Göttinnen umfunktioniert wurden (6): »Mit den Kirchen und Kapellen auf den alten Heiligen Hügeln wurde die christliche Symbolik auf viel ältere symbolische Vorstellungen draufgesetzt. Wenn man frühere Kultstätten nicht zerstört hat, so wurden sie umfunktioniert, was insbesondere dann geschah, wenn die Verehrung der Bevölkerung an dem alten heiligen Platz festhielt. Das missionarische Prinzip, das dabei zur Anwendung kam, war, die vorchristliche Symbolik auf christliche Gestalten zu übertragen, doch den Sinn zu verdrehen, sodass die Bevölkerung quasi dasselbe, aber im christlichen Gewand vorfand.«

Unterschiedliche Göttinnen mit unterschiedlichen Aspekten wurden gern in Jesu Mutter Maria verwandelt. So wurde aus einer heidnischen »Himmelsgöttin« die jüdisch-christliche Maria als »Himmelsfrau«. Wo einst von den »Heiden« eine Göttin der Unterwelt angebetet wurde, dort findet unter christlichem Vorzeichen die Verherrlichung einer »schwarzen Madonna« statt. An Totengöttinnen, die Verstorbene entgegennehmen erinnern mich zahlreiche Marienbilder und Statuen, die Maria zeigen, wie sie den toten Jesus hält.

Foto 9: Schwarze Göttin?
Wo einst Göttinnen verehrt wurden, haben mütterliche Madonnen das Regiment über die einst heidnischen Kultstätten übernommen. Fürsorglich und liebevoll kümmern sie sich um den kleinen Jesus. Kurzum: Heidnische Göttinnen verschwanden nicht spurlos, sie wurden sehr häufig durch Marien ersetzt. Oder genauer: die heidnischen Muttergottheiten wurden in christliche umgewandelt. Heide Götter-Abendroth (6): »Besonders auffällig sind in diesem Zusammenhang Marien-Wallfahrtskirchen. Sie befinden sich auf sehr wichtigen alten Kultplätzen der Göttin.«

Friedrich Muthmann (8), ein renommierter deutscher klassischer Archäologe und Kunsthistoriker, veröffentlichte 1975 im »Archäologischen Verlag Basel« einen großformatigen Folianten mit »Studien zur Quellenverehrung im Altertum und Mittelalter« (9). Leider erschien das grundlegende Werk nur in einer Miniauflage von 750 Exemplaren. Muthmann schreibt (10): »Wie in den Ländern des Mittelmeergebietes, so bildete die Verehrung von Quellen und Brunnen auch in den Ländern nördlich der Alpen schon in vorgeschichtlicher Zeit ein wichtiges Element des religiösen Lebens.« Und weiter (11): »Heilige Quellen entsprangen im Schatten heiliger Bäume bei den Tempeln, wie wir es … aus der Errichtung von Kirchen, Kapellen und Klöstern an quellenreichen Orten schließen können, deren Wahl sich häufig daraus erklären läßt, daß sich hier schon in heidnischer Zeit ein Heiligtum befand.« Die Schriften »der christlichen Bekehrer« so Muthmann (12), »enthalten Beschreibungen von alten Quellkulten und Mahnungen zu ihrer Bekämpfung und Ausrottung«.

Foto 10: Maria, Dom zu Paderborn
Heide Göttner-Abendroth verdeutlicht, worum es geht (13): »Jede Quelle symbolisiert seit uralter Auffassung im Kleinen den Schoß der Erde, denn das hervorfließende Wasser macht die Wiesen grün und das Land fruchtbar.« Viele Göttinnen sind mit Heiligen Quellen eng verbunden: die Lebensspenderin Schakti, sie lebt in heiligen Quellen Indiens. In der Bretagne heißt Schakti Sul und ist eine Göttin der Quellen. Suls Statuen sollen, so berichten es Legenden, von christlichen Missionaren immer wieder in Flüsse geworfen worden sein. Auf wundersame Weise tauchten sie immer wieder auf und wurden reumütig wieder aufgestellt. Ganz ähnliche Geschichten kennt der christliche Volksglaube. So soll auch eine Statue der Gottesmutter Maria in Lügde Feuer und Wasser getrotzt haben. Der Statue, die »ausrangiert« werden sollte, konnten weder Feuer noch Wasser etwas anhaben. Sie verbrannte nicht und versank auch nicht in den Fluten. Göttinnen wie der Mutter Gottes wird eine geradezu übernatürliche Unverwüstbarkeit nachgesagt. Geschichten über unterstörbare heidnische Göttinnen wurden auf Maria, die Himmelskönigin, übertragen.

Fußnoten

Foto 11: Diente eine Todesgöttin als Vorbild?
1) Weinholds Abhandlung erschien 1898 unter dem Titel »Die Verehrung der 
     Quellen in Deutschland« in Berlin als schmales Bändchen. Heide Göttner- 
     Abendroth nahm es 1999 in ein wirklich wichtiges Werk auf, das ich wärmstens
     zur Lektüre empfehlen kann.
     Göttner-Abendroth, Heide (Hrsg.): »Mythologische Landschaft Deutschland«,
     Bern 1999, Weinhold, Karl: »Die Verehrung der Quellen«, Seiten 14-36
2) Karl Weinhold, * 26. Oktober 1823; † 15. August 1901 in Berlin
3) siehe 1, S. 14
4) Göttner-Abendroth, Heide: »Berggöttinnen der Alpen/ Matriarchale
     Landschaftsmythologie in vier Alpenländern«, Edition Raetia, 1 Auflage,   
     21. April 2016.
5) Ich zitiere die eBook-Ausgabe, Pos. 313, Zwischenüberschrift »Siebte Methode:
     Kirchenforschung«
6) Francia, Luisa: »Eine Göttin für jeden Tag«, Nymphenburger Verlag 2016. Ich
     nutzte die eBook-Ausgabe als Quelle, Pos. 29
7) Göttner-Abendroth, Heide: »Berggöttinnen der Alpen/ Matriarchale
     Landschaftsmythologie in vier Alpenländern«, Edition Raetia, 1 Auflage: 21.
     April 2016, eBook-Ausgabe, Position 312
8) * 15. April 1901 in Elberfeld; † 17. März 1981 in Bern
9) Muthmann, Friedrich: »Mutter und Quelle/ Studien zur Quellenverehrung im
     Altertum und Mittelalter«, Basel 1975
10) ebenda, Zeilen 6-8 von oben
11) ebenda, Zeilen 12-15 von oben, Rechtschreibung wurde übernommen. So blieb
     das »ß« erhalten, der Rechtschreibreform zum Trotz.
12) ebenda, Zeilen 16 und 17 von oben
13) Göttner-Abendroth, Heide: »Berggöttinnen der Alpen/ Matriarchale
     Landschaftsmythologie in vier Alpenländern«, Edition Raetia, 1 Auflage: 21.
     April 2016. Ich zitiere die eBook-Ausgabe, Pos. 913

Foto 12: Eine der unverwüstlichen Marien. Stadtkirche Lügde

Zu den Fotos
Foto 1 Gott Radegast, frühes 16. Jahrhundert. wiki commons
Fotos 2 und 3: Der Ochsenkopf vom Ochsenkopf. Foto 2 wikimedia commons/ Thomas Kees.
Foto 3 wikimedia commons/ Thomas Kees. Nachzeichnung Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Radegast's Ochsenkopf. Foto 4 wikimedia commons/ Thomas Kees. Foto 5 wikimedia commons/ Thomas Kees. Nachzeichnung Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Auch der Dom von Paderborn steht auf Quellgebiet. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Paderborns einst heilige Quellen sprudeln noch. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Schwarze Madonna der Holzkapelle im Lugenser Wald Bad Birnbach. Foto Heidi Stahl
Foto 9: Schwarze Göttin. Schwarze Madonna der Holzkapelle im Lugenser Wald Bad Birnbach. Foto Heidi Stahl
Foto 10: Maria, Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Diente eine Todesgöttin als Vorbild? Maria und der tote Jesus, Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Eine der unverwüstlichen Marien. Stadtkirche Lügde

365 »Feuerberg und Heiliger Quell'«,
Teil  365 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.01.2017


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