Sonntag, 11. Juni 2017

386 »Nichts als heiße Luft«

Teil  386 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der legendäre Inka-Gott Viracocha am Sonnentor von Tiahuanaco, Bolivien

Seit vierzig Jahren bekomme ich immer wieder zu hören: »Was du nur immer mit dieser komischen Ebene von Nazca hast! Da ist nichts geheimnisvoll! Das war ein Ballonstartplatz!« Und erst vor wenigen Tagen, Anfang Juni 2017, knallte mir ein wütender Besucher nach meinem Vortrag ein Buch aufs Rednerpult. Eine kurze Textpassage war gelb markiert (1): »›Glaubst du nun, der Gott Viracocha könnte zur Sonne zurückgeflogen sein, wie die Legenden sagen?‹ fragte ich. ›Nun, das haben wir zu meiner Zufriedenheit bewiesen, daß er das konnte‹, erwiderte Julian. ›Weißt du, da oben hatte ich das Gefühl, daß wir nicht die ersten sind, die mit dem Wind über Nazca geflogen sind. Hast du das auch gespürt?‹«

Was genau hat Jim Woodman mit seinem Experiment bewiesen? Beweise liefert er letztlich keine. Er stellt nur Behauptungen auf, wie diese (2): »›Ich weiß ganz genau, daß in Nazca jemand geflogen ist‹, behauptete ich immer wieder. ›Man kann vom Boden aus einfach überhaupt nichts sehen. Man kann nirgends etwas erkennen – nur von oben. Niemand kann mir erzählen, daß sich die Baumeister von Nazca die Mühe mit diesen Monumenten gemacht haben, ohne sie jemals zu sehen.‹« Und wenn die riesigen Bildwerke und kilometerlangen Bahnen gar nicht für menschliche Augen bestimmt waren? Wenn sie für die himmlischen Götter gedacht waren?

Foto 2: WJL in Nazca

Nach Jim Woodman flogen die Meisterkünstler von Nazca über der riesigen Ebene umher, um sich an den gigantischen Scharrzeichnungen von Tieren und kilometerlangen »Bahnen« zu ergötzen? Und wie? Nach Jim Woodman bauten sie Heißluftballone. Beweise? Mit einem Grabräuber und einer »Lisa« unternimmt er eine Exkursion zur uralten »Nazca-Friedhöfen«. Natürlich gräbt man nicht, plündert nicht, sondern sammelt auf, was Archäologen und andere Grabräuber liegen gelassen haben. Womöglich Jahrtausende alte Stoffreste werden gefunden, später wissenschaftlich untersucht. Und siehe da: Das Gewebe war noch feiner gewebt als heutige, moderne Stoffe, die bestens geeignet sind, um daraus Hüllen für Heißluftballons zu fertigen. Nur: datiert wurden die Stoffe nicht.

Mag ja sein, dass die Bewohner von Nazca extreme feine Stoffe weben konnten. Sie verwendeten sie als »Säcke« für Mumien. Aber fertigten sie daraus auch Heißluftballons? Jim Woodman fabuliert fantasiereich (3): »Die alten Textilien, Tonwaren, Legenden, Mythen und die Nazcalinien und – zeichnungen führten ganz von selbst zu einer neuen, ständig wachsenden Sammlung von Artefakten und Luftfahrtartikeln.«

Fotos 3 und 4: Sieht so ein Ballonstartplatz aus?

Leider enthüllt Jim Woodman in seinem Buch nicht, was er als »Luftfahrtartikel« identifizieren zu können meint. Sollten sie gar aus den Zeiten der Nazca-Künstler stammen? Woodman beschreibt sie nicht und in seinem reich bebilderten Buch findet sich kein einziges Foto eines »Luftfahrtartikels«. Auch fehlt jeder Hinweis auf die – hier und immer wieder – erwähnten »Legenden«. An einer Stelle wird’s konkreter (4): »Die meisten Legenden sagen, der Inka flog zur Sonne – und wir nehmen an, daß er allein flog. Manche Legenden sagen, der Inka sei nach dem Tod zur Sonne gesandt worden – ein aufsteigender Scheiterhaufen – ein Wagen zur Sonne.«

Sollten die Inka also per Luftfracht – pardon – entsorgt worden sein? Das »einfache Volk« von Nazca wurde in Erdgräbern bestattet. War es den toten Inka-Herrschern vorbehalten, im Heißluftballon zur Sonne zu schweben? Gibt es dafür Belege? »Ein aufsteigender Scheiterhaufen – ein Wagen zur Sonne« heißt es nach Woodman in »manchen Legenden« könnte tatsächlich so verstanden werden, dass der verstorbene Inka mit Hilfe eines Heißluftballons gen Himmel schwebte. Leider fehlt jegliche Quellenangabe. Leider wird nicht verraten, welche Legenden denn so eine Himmelfahrt eines toten Inka schildern.

Foto 5: Cover von  Woodmans Buch »Nazca«
Endlich wird es bei Woodman einmal konkret (5): »Nach der Antarquilegende haben die Inkas einen kleinen Jungen zum Fliegen benutzt – das heißt, daß sie sich der Bedeutung des Verhältnisses zwischen Last und Auftrieb bewußt waren. Nach den meisten Darstellungen von Antarqui handelt es sich um einen Jungen, der kaum mehr als 35, 36 Kilogramm wog. Sein Gewicht, dazu ein leichter Binsenkorb als Gondel ergaben keine große Last.« Ich habe nach der Antarquilegende gesucht und bin fündig geworden. Bei Pedro Sarmiento de Gamboa bin ich fündig geworden. Pedro Sarmiento de Gamboa (* etwa  † 1592), ein spanischer Seefahrer, Abenteurer und Kosmograph verfasste eine »Geschichte der Inkas«, die mir in englischer Übersetzung vorliegt (6). In seinem faszinierenden Werk geht er auch auf die von Jim Woodman bemühte Antarquilegende ein.

Freilich ist in besagter Legende weder von einem Heißluftballon, noch von einem 35 oder 36 Kilogramm leichten Knaben die Rede, der mittels so eines Ballons fliegen musste. Nach der Antarquilegende (7) erhielt der »Tupac Inca« – gemeint sein könnte Túpac Inca Yupanqui, der 10. Inka-Herrscher – Ende des 15. Jahrhunderts Hinweise von Seefahrern auf »Inseln«. Der Herrscher, er wird als »Mann mit hochtrabenden, ehrgeizigen Ideen beschrieben, wollte diese »Inseln« ausfindig machen. Um das Risiko zu minimieren konsultierte der Inka »einen Mann, der ihn auf seinen Eroberungszügen begleitete, mit dem Namen Antarqui«.

Antarqui war kein Kind von 35 oder 36 Kilogramm Gewicht, sondern ein Erwachsener, ein Nekromant, ein Geisterbeschwörer. Antarqui, am ehesten als Schamane zu bezeichnen, beherrschte, so die Legende, die Kunst der »Seelenreise«. Dank seiner »Künste« flog er die von den Seefahrern beschriebene Reise nach und fand tatsächlich die »Inseln«. Ein Heißluftballon wird nicht erwähnt. Naheliegender ist eine andere Erklärung: Schamanen kannten auch zu Inka-Zeiten das Geheimnis der Pflanzen, die halluzinogene Substanzen enthalten. Die nahmen sie zu sich und traten dann – high vom Rauschgift und losgelöst vom physischen Leib –  zu sich »Seelenreisen« an.

Foto 6: Túpac Inca Yupanqui
»Tupac Inca«, so heißt es weiter in der Legende (8), bekam von Antarqui bestätigt, dass es die Inseln tatsächlich gab und erfuhr offenbar auch ihre Position. Daraufhin soll sich der Inkaherrscher mit einer gewaltigen Flotte von Balsaflößen mit insgesamt mehr als 20.000 Mann Besatzung auf die Reise gemacht haben. Tatsächlich, so heißt es weiter, wurden die Inseln »Avachumbi« und »Ninachumbi« entdeckt. Erbeutet wurden »schwarze Menschen, Gold, ein Messingstuhl, Haut und Kiefer eines Pferdes«. Alles wurde nach Cuzco, in die Inkafestung, geschafft.

Ob die Legende auf Tatsachen beruht, das sei dahingestellt. Wenn es denn so eine Entdeckungsreise gegeben haben sollte, dann ist die Größe der Flotte mit Sicherheit maßlos übertrieben. Bei den Eilanden könnte es sich um die Galapagosinseln gehandelt haben. Oder hatte man gar die Osterinsel entdeckt?  Schwarze Menschen gab es da freilich nicht. Hat es die Expedition gegeben? Tatsächlich gibt es auf der Osterinsel ein steinernes Monument, eine Mauer, ganz im Stil der Inkabaukunst. Thor Heyerdahl sieht diese Mauer als Beweis für Kontakte zwischen Peru und der Osterinsel an.

Angeblich sollen neun oder zwölf Monate verstrichen sein, bis der Inka wieder in der Heimat auftauchte. Mag sein, dass es die legendäre Expedition gegeben hat. Sicher ist: ein Heißluftballon mit Antarqui kam definitiv nicht zum Einsatz. Es befremdet, dass Jim Woodman eine Legende so falsch wiedergibt. Es wundert mich nicht, dass er auch hier kein Zitat anzubieten hat.

Ich glaube Jim Woodman, dass er nächtens mit einem Grabräuber unterwegs war und tatsächlich Stoffreste gefunden hat. Im Gebiet von Nazca gibt es tatsächlich unzählige alte Gräber aus unterschiedlichsten Zeiten. Stoffreste aus diesen Gräbern können 20, aber auch 2.000 Jahre alt sein. Erst ein Bruchteil wurde bislang archäologisch untersucht. Sehr viele alte Grabstätten wurden von Grabräubern geöffnet, bevor Archäologen Untersuchungen vornehmen konnten. Mumien wurden aus ihren Hüllen gerissen, die sterblichen Überreste warf man achtlos beiseite. Man suchte – und sucht – nach Kostbarkeiten wie Schmuck und gut erhaltenen Stoffresten, möglichst mit farbigem Muster.

Ich glaube auch, dass die Stoffreste, die von Jim Woodman zur Untersuchung gegeben wurden, feiner gewebt waren als Hüllen von Heißluftballons. Aber sie müssen keineswegs aus der Zeit der Nazca-Linien stammen, können auch wesentlich jünger sein. Bewiesen ist damit nicht, dass die Nazca-Künstler Heißluftballone betrieben haben.

Foto 7: Riesiger Kolibri im Wüstenstaub.

Was mich ärgert: Jim Woodman führt als »Beweis« für seine Heißluftballon-Theorie eine Legende an, die es so gar nicht gibt. Die – gelinde gesagt – fantasiereich veränderte Legende lässt eben keinen Heißluftballon steigen, vielmehr schickt der Inka (s)einen Schamanen auf Geistreise. Jim Woodman aber bleibt bei seiner – angeblich bewiesenen – Theorie, wonach die Inka per Heißluftballon zur Sonne geschickt wurden. Und das soll die Ebene von Nazca erklären. Die Inka aber hatten keinerlei Verbindung zu Nazca und den fantastisch anmutenden Riesenzeichnungen. Zwischen Túpac Inca Yupanqui (Ende des 15. Jahrhunderts) und der Herstellung der mysteriösen Kunstwerke auf der Nazca-Ebene aber liegen mindestens 1.000, wahrscheinlich sogar 1.500 Jahre.

Foto 8: Kleine Inseln vor der Küste der Osterinsel.

Die Behauptung, tote Inka-Herrscher seien von Nazca aus auf die Reise in die ewigen, himmlischen Jagdgründe geschickt worden, kann ich nur als absurd bezeichnen. Gibt es doch nicht den Hauch eines Beweises dafür, dass irgendein Inka-Herrscher etwas mit der Ebene von Nazca zu tun hatte. Die Kultur der Nazca-Bewohner war zu Zeiten der Inka schon mindestens 1.000 Jahre erloschen.


Foto 9: Die »Inkamauer« auf der Osterinsel
Fußnoten
1) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, S. 208, Zeilen 4-7 von unten
2) ebenda, S. 36, Zeilen 13-19 von unten
3) ebenda, Seite 90, Zeilen 9-12 von unten
4) ebenda, Seite 94, Zeilen 12-16 von unten
5) ebenda, Seite 94,  Zeilen 4-11 von unten
6) de Gamboa, Pedro Sarmiento: »History of the Incas«, eBook,
Hakluyt-Society, Cambridge
7) ebenda Seite 116/ Pos. 1976
8) ebenda Seite 117/ Pos. 1983


Zu den Fotos
Foto 1: Der legendäre Inka-Gott Viracocha am Sonnentor von Tiahuanaco, Bolivien. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: WJL in Nazca. Foto Willi Dünnenberger, Oktober 1992
Fotos 3 und 4: Sieht so ein Ballonstartplatz aus? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Buchcover von  Jim Woodmans Buch »Nazca«
Foto 6: Túpac Inca Yupanqui, mächtiger Herrscher. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Riesiger Kolibri im Wüstenstaub. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Kleine Inseln vor der Küste der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Die »Inkamauer« auf der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10:  Wurde die Inkamauer auf der Osterinsel von »alten Peruanern« gebaut? Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 10:  Wurde die Inkamauer auf der Osterinsel von »alten Peruanern« gebaut?
387 »Heißluftballons für tote Inkas oder Bohnen?«,
Teil  387 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.6.2017













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Sonntag, 4. Juni 2017

385 »Die ›Augen der Wüste‹ - und eine ›neue‹ Erklärung«

Teil 385 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Bahnen kreuz und quer.

Das Kreuz und Quer der Linien von Nazca, Peru, erinnert mich an die Bahnen, die Flugzeuge an den Himmel zaubern. Ihre Kondensstreifen muten manchmal wie das Gewirr auf der mysteriösen peruanischen Ebene an. Sollte es eine Verbindung geben zwischen den geheimnisvollen Riesenbahnen, den Tierdarstellungen in gigantischer Größe? 1992 flog ich zum ersten Mal in einer kleinen Propellermaschine über das bei Nazca in den trockenen Wüstenboden gescharrte Riesenbilderbuch.

»Mein« Pilot, ein gewisser Eduardo, machte mich auf die »Augen der Wüste« aufmerksam. Aus der Luft betrachtet wirken sie weniger wie »Augen«. Sie kommen mir wie gestanzte Löcher oder wie kleine »Wendeltreppen« vor, die ins harte Erdreich gebohrt wurden. An anderen Stellen sehen sie wieder ganz anders aus, so als habe es einen unterirdischen Raum gegeben, der eingebrochen sei.

»Welchem Zweck dienten diese ›Augen der Wüste‹?«, wollte ich von Eduardo wissen. »Schau’n Sie sich die Dinger doch an, lassen Sie sich hinfahren! Sie werden staunen!« Das habe ich auch getan. Ich war der erste Sachbuchautor, der über das Geheimnis der »Löcher« geschrieben hat, anno 1996 in meinem Buch »Bevor die Sintflut kam« (1).

Foto 2: Ein »Auge der Wüste« reiht sich ans andere.

Am Boden studierte ich diverse dieser »Wüstenaugen«. Man kann sie tatsächlich am ehesten mit in den Boden gegrabenen Wendeltreppen vergleichen. Und wohin führen sie? Zu einem unterirdischen Tunnelsystem, zu einem Röhrensystem unter dem Wüstenboden. Das – ich konnte mich davon überzeugen – kristallklare Wasser fließt in einer Tiefe von bis zu 19 Metern.Was ich nach mehreren Besuchen vor Ort zutiefst bedaure: Leider habe ich mich nicht sehr viel tiefer in das unterirdische System gewagt. Naja, das Wasser war schon recht kalt. Wer mutiger ist möge ruhig einmal in so einen Tunnel krabbeln, bäuchlings in kaltem Wasser. Wer weiß, wo er wieder ans Tageslicht kommt?

Ich berichtete 1996 (2): »Ich selbst habe mehrere Schächte inspiziert. Sie lagen etwa fünf Meter tief. Die unterirdische Wasserleitung hatte einen Querschnitt von 60 mal 120 Zentimetern. Die Teilstücke verliefen in Zickzacklinien von Schacht zu Schacht.

Ich könne ruhig hineinkriechen, meinten Einheimische. Auf dieses Abenteuer verzichtete ich lieber. Ich nahm auch keinen Schluck vom kristallklaren Wasser, das angeblich sauberer als das Leitungswasser in der Stadt sein soll. Fische, ich glaube es sind Welse, gedeihen jedenfalls prächtig darin. Wer hätte gedacht, daß unter dem Wüstenboden von Nazca Fische in einem Tunnelsystem leben, das vor mehr als zwei Jahrtausenden angelegt wurde.«

Foto 3: Eines der »Augen der Wüste«. Foto Walter-Jörg Langbein

Die Bahnen, Linien und Riesenbilder im Wüstenboden von Nazca sind in der Tat bis zu 2.000 Jahre alt. Das Wasserleitungssystem darunter muss älter sein, denn sonst wären ja die Scharrzeichnungen beim Bau beschädigt worden. Die Röhren, so tief sie auch liegen, wurden nicht gebohrt. Vielmehr hat – wer auch immer – Gräben ausgehoben, unten dann die wasserführenden Schächte angelegt und mit massiven Steinplatten abgedeckt und anschließend die Gräben wieder verschüttet. Die berühmten Bilder von Nazca wurden später angelegt.

Die »Wendeltreppen« - zu welchem Zweck mögen sie angelegt worden sein? Eine Vermutung liegt zumindest nahe. Gehen wir einmal davon aus, dass wir unter der Ebene ein Bewässerungssystem vorgefunden haben. Dann könnten die »Wendeltreppen« genutzt worden sein, um zum fließenden Wasser hinab zu steigen und Wasser zu schöpfen. Dieser Gedanke drängt sich auf. Nun liegt aber oft ein solcher Zugang direkt neben dem anderen, reiht sich ein »Auge der Wüste« unmittelbar an das andere. So viele »Wasserschöpfstellen« nebeneinander machen nicht wirklich Sinn.

Bei zwei meiner Erkundungstouren in Nazca »Unterwelt« machte ich eine Beobachtung, die mir kurios vorkam. Ich maß ihr aber keine Bedeutung zu. Die Sonne stand hoch über mir am Himmel. Ich hockte schwitzend vor einem der »Wassertunnel«. Und plötzlich spürte ich so etwas wie einen Lufthauch, einen Windzug. Woher er wohl kam? Aus dem Röhrensystem im Untergrund etwa, oder von oben?

Foto 4: Windfang oder Eingang?

Dieser Tage flatterte ein sehr interessanter, aufschlussreicher Artikel auf meinen Schreibtisch. Er stammt aus der wissenschaftlichen Publikation des »Archaeological Institute of America«, erschien am 19. April 2016. Rosa Lasaponara arbeitet am angesehenen »Institute of Methodologies for Environmental Analysis«. Dort widmet man sich systematisch der Erforschung von Methoden der Analyse von Umwelteinflüssen. Sie geht davon aus, dass die »Wendeltreppen« nicht in erster Linie dem Wasserschöpfen dienten, sondern einem ganz anderen Zwecke erfüllten, nämlich einer ganz konkreten Umweltbeeinflussung. Demnach sollten die über den Wüstenboden dahin streichenden Winde in die Tiefe, in die Wasserröhren gelenkt werden, um das Wasser in Bewegung, im Fluss, zu halten.

Ich darf noch einmal aus meinem Buch »Bevor die Sintflut kam« zitieren (4): »Pater Bernabe Cobo beschäftigte sich schon Ende des 17. Jahrhunderts intensiv mit der Kosmologie des Inka-Volks. 1653 schrieb der Kirchenmann, daß darin die Milchstraße eine besonders wichtige Rolle spielte.

Fotos 5-8
Bis in unsere Tage haben sich Glaubensinhalte aus Inka-Zeiten erhalten, die im Kern bis in jene Zeiten zurückreichen, als die Riesenbilder von Nazca entstanden sein mögen. So glaubten die Quechua, daß es einen geheimnisvollen Kreislauf gebe – zwischen Himmel und Erde. Sie sahen die Milchstraße als einen himmlischen Fluß, der sich nachts über das Himmelszelt ergießt. Die Gewässer am Himmel finden ihre Entsprechung in Strömen und Flüssen der Erde.«

Meiner Überzeugung nach hat das Tunnelsystem mit seinen »Augen« (Fotos 5-8) unter dem Wüstenboden zumindest auch eine religiös-spirituelle Bedeutung! Nachts fließt das Wasser der Milchstraße über den Himmel, am Tag strömt es in dem technisch perfekten Röhrensystem wieder zurück. Gott Qhatuylla hatte sein Reich im Sternbild des »Großen Bären«. Er entnahm mit einem Krug Wasser aus dem Strom der Milchstraße und ließ es auf die Erde regnen. Qhatuylla, auch Apu Illapa genannt, das – nebenbei erwähnt, trug einen »glänzenden Anzug«.

Die Milchstraße als Wasserstrom? Dieses Bild gab es auch bei den »Alten Ägyptern«. In ihrem Mythos floh Göttin Isis in den »himmlischen Nil«, verfolgt vom Monster Typhon. Schlicht »der Fluss« ( »Al Nahr«) nannte man die Milchstraße in Arabien, »Himmelsfluss« (»Tiene Ho«) in China und »Fluss von Nana« in Indien. Die Inka schließlich kannten die Milchstraße als »Mayu«, als den »Fluss des Himmels«.

Wasser ergoss sich über die Milchstraße, kam zur Erde und floss unter dem Wüstenboden zurück. So entstand ein Kreislauf des Wassers und des Lebens, im übertragenen Sinne Symbol für Tod, Leben und Wiedergeburt? Die Tunnels wären in diesem Bild die Unterwelt, die Ebene von Nazca das Reich der Lebenden und der Himmel das der Jenseitigen. Wollten die Menschen von Nazca mit ihren gigantischen Riesenzeichnungen etwa von Tieren die himmlischen Götter kontaktieren, auf sich aufmerksam machen? Ist das die Erklärung für die unterirdischen Tunnels von Nazca? (Fotos 9-11)

Unzählige Erklärungen für das mysteriöse Nazca wurden bislang angeboten. Immer wieder kommen neue hinzu. Und immer wieder tauchen Schlagzeilen in den Medien auf, etwa: »Das Rätsel von Nazca – endgültig gelöst!« Langlebig waren derlei Theorien bislang nie. Erich von Däniken schreibt zutreffend (5): »Was also hat es mit dem Rätsel Nazca auf sich? Ist irgendeine der vielen Nazca-Theorien die richtige? Oder ist uns allen etwas Entscheidendes entgangen?«

Fotos 9-11
Einst soll es Jahrhunderte lang so gut wie überhaupt nicht geregnet haben. Einst war die Wüste von Nazca wirklich eine Wüste. Die klimatischen Verhältnisse scheinen sich aber rapide zu ändern, so dass inzwischen doch Niederschlag zu verzeichnen ist. Unzählige Rinnsale bahnen sich ihren Weg und bedrohen das Weltwunder von Nazca, das mit Recht zum Weltkulturerbe gehört.

Um in profanere Bereiche unseres Lebens zurückzukommen: Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Nacht in Nazca, unter herrlich klarem Himmelszeit. Mit einigen Freunden trank ich ein mysteriöses Mixgetränk mit reichlich Pisco. Leider war irgendwann die Flasche leer. Damals hatte ich das Gefühl, mit noch etwas mehr von dem Zaubertrunk im Blut würde ich wie im Traum über der rätselhaften Ebene von Nazca fliegen können. Und das ganz ohne Flugzeug.

Leben wir, wie viele Forscher glauben, am Anfang einer klimatischen Apokalypse? Ist die nahende Katastrophe, die vehement angekündigt wird, so sie denn kommt, menschengemacht oder ein Ereignis, dass sich auf unserem Planeten immer wieder wiederholt, regelmäßig? In einer zunehmend agnostischen Welt beichten und bekennen wir die Sünden, die zur Klima-Erwärmung führen. Oder erleben wir einen natürlichen Zyklus als Gegenbewegung zur letzten Kälteperiode? Wie dem auch sei: Auch die Azteken glaubten – wie die Mayas – an eine sich zyklisch wiederholende Geschichte, zu der auch »Weltunterhänge« gehörten. Erleben wir den Beginn der nächsten Apokalypse?

Fußnoten
Foto 12: Die Wüste von Nazca …
1) Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München 1996, Kapitel 25,
     »Ein Bilderbuch für die Götter«, S. 284-295 (Rechtschreibung  im Zitat
     unverändert übernommen, nicht an die Rechtschreibreform angepasst!)
2) ebenda, Seite 292 unten und Seite 293 oben (Rechtschreibung  im Zitat
     unverändert übernommen, nicht an die Rechtschreibreform angepasst!)
3) »Archaeology/ A publication of the Archaeological Institute of America«,
     Tuesday, April 19, 2016
4) Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München 1996, Kapitel 25,
     »Ein Bilderbuch für die Götter«, Seite 291 (Rechtschreibung  im Zitat
     unverändert übernommen, nicht an die Rechtschreibreform angepasst!)
5) Däniken, Erich von: »Zeichen für die Ewigkeit/ Die Botschaft von Nazca«,
     München 1997, S. 115



Literaturempfehlung
Däniken, Erich von: »Zeichen für die Ewigkeit/ Die Botschaft von Nazca«, München 1997

Foto 13: … birgt noch viele Geheimnisse.

Zu den Fotos
Foto 1: Bahnen kreuz und quer. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ein »Auge der Wüste« reiht sich ans andere. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Eines der »Augen der Wüste«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Windfang oder Eingang? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5-8: »Augen der Wüste«. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 9-11: Blick in die Unterwelt von Nazca. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Die Wüste von Nazca … Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 13: … birgt noch viele Geheimnisse. Foto Walter-Jörg Langbein

»Nichts als heiße Luft«,
Teil  386 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 11.06.2017




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