Sonntag, 15. September 2019

504. »Die Bibel - das Buch der Bücher?«

Teil 504 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Piscator-Bibel 1684

Manch christlicher Theologe missversteht gern den Namen der Bibel. Er spricht salbungsvoll von der Bibel als dem »Buch der Bücher«. Das interpretiert er im Sinne einer qualitativen Bewertung, etwa als »das beste/ wichtigste Buch aller Bücher«. Für solche Theologen ist »Buch der Bücher« ein Superlativ: Es gibt viele Bücher, aber nur das eine, einzige »Buch der Bücher«. Dabei ist der Sachverhalt ein einfacher. »Bibel« leitet sich vom altgriechischen βιβλία, von »biblia«, ab. »Biblia« bedeutet schlicht »Bücher« (Mehrzahl!). Damit soll verdeutlicht werden, dass die Bibel nicht ein Buch, sondern eine Sammlung (unabhängig voneinander entstandener) Bücher ist: vom »Ersten Buch Mose« des »Alten Testaments« bis hin zur »Apokalypse« (1), dem letzten Buch des »Neuen Testaments«.

Kein anderes Buch der Weltgeschichte ist so weit verbreitet wie die Bibel, das »Buch der Bücher«. Die Bibel liegt, ganz oder in Auszügen, in rund 2.000 Sprachen und Dialekten und mindestens drei Milliarden Exemplaren vor. Allein in Japan, dessen Bevölkerung nur zu einem Prozent christlichen Glaubens ist, wurden innerhalb weniger Jahre rund 150 Millionen Bibeln gedruckt. Die Bibel steht heute inzwischen  rund 98 Prozent der Erdbevölkerung zur Verfügung, vor wenigen Jahrhunderten noch durften selbst die meisten Christen das  »Buch der Bücher« nicht selbst lesen.

Foto 2: William Tyndale um 1536
Im 16. Jahrhundert gab es in England nur eine lateinische Übersetzung, die der Priesterschaft vorbehalten war. William Tyndale (*etwa 1494; †1536) wagte es, Teile des Alten Testaments und das gesamte Neue Testament ins Englische zu übersetzen. Damit verstieß er gegen das Gesetz. Der angesehene Gelehrte, er unterrichtete an der Universität von Cambridge, musste seine akademische Laufbahn aufgeben, war lange Jahre auf der Flucht. Schließlich wurde er verhaftet, der Ketzerei angeklagt, zum Tode verurteilt und erdrosselt. Sein Leichnam wurde öffentlich verbrannt.

Die erste deutschsprachige Bibel stammt, allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz, nicht von Luther. Wer sie erstmals ins Deutsche übertrug, das ist nicht überliefert. Die vermutlich erste Bibel in deutscher Sprache erschien bereits anno 1466 in Straßburg. Unbekannt sind auch die Namen der Übersetzer von weiteren vierzehn deutschsprachigen Bibelausgaben, die allesamt vor Luther erstellt und gedruckt wurden.

Heute ist die Bibel allgemein zugänglich. Kein anderes Buch wird so viel gedruckt und doch nur so wenig gelesen. In wohl jedem europäischen Haushalt ist mindestens ein Exemplar der Bibel vorhanden. Darin gelesen wird höchst selten. Favorisiert wird das Neue Testament. Zur Weihnachtszeit füllen sich die ansonsten meist leeren Kirchenbänke, erinnern wir uns der Evangelien, blättern vielleicht in der »Weihnachtsgeschichte«. Ansonsten aber bleibt die Bibel meist unbeachtet. Von hundert Bibelbesitzern, so ergab unlängst eine Umfrage in Deutschland,  sind nur fünfzehn auch tatsächlich Bibelleser.

Foto 3: Piscator-Bibel 1684
Die Texte des Alten Testaments wurden in hebräischer und aramäischer Sprache, die des Neuen Testaments in griechischer Sprache verfasst. Sie entstanden in einem Zeitraum von rund eineinhalb Jahrtausenden. Die ältesten Texte entstanden etwa um das Jahr 1200 v. Chr. bis etwa 150 n. Chr. Eine »Urfassung« liegt nicht vor. Heute sind rund 1.700 hebräische Teilmanuskripte der Bibel bekannt. Sie werden als kostbare Schätze in den wissenschaftlichen Bibliotheken unseres Planeten gehütet.

Warum wollte der Klerus bis ins 16. Jahrhundert hinein verhindern, dass der »Mann von der Straße« sich selbst ein Bild von den biblischen Schriften machte? Bangte er um seine Machtposition? Sollte es ausschließlich den Priestern vorbehalten sein, den Menschen zu verkünden, was als »Wort Gottes« zu gelten hatte ?

Vor Jahrtausenden entstanden im »Heiligen Land« unzählige Schrifttexte, die im Verlauf eines langwierigen Prozesses von unzähligen Menschen zu immer größeren Texteinheiten zusammengefügt wurden. Wenn man nun vom »Originaltext« des Alten Testaments spricht, so ist dies in gewisser Hinsicht irreführend. Es gab unzählige einzelne Texte, aus denen der Kanon des Alten Testaments erstellt wurde. 1477 erschien ein Teil des Alten Testaments in hebräischer Sprache in Bologna. 1488 wurde in Soncino, in der Nähe von Mailand, eine erste komplette hebräische Ausgabe des Alten Testaments im Druck vorgelegt.

Foto 4: Piscator-Bibel 1684
1516 und 1517 lag es eine Reihe von »Rabbinerbibeln« vor. Sie enthielten den Text des Alten Testaments in Hebräisch. Dazu gab es sehr ausführliche theologische Kommentare. Diese »Rabbinerbibeln« lassen sich aber nicht  auf eine Urbibel zurückführen. Sie sind vielmehr von theologischen Herausgebern erarbeitete Sammlungen von verschiedenen Handschriften. Wir müssen uns also im Klaren sein: Wenn es je so etwas wie eine »Urbibel« gegeben hat, so kommen wir an den Text heute nicht mehr heran. Müssen wir also frustriert aufgeben, die wir doch eigentlich erfahren wollten, was »wirklich« in der Bibel steht? Sind wir auf deutsche Übersetzungen mit ihren Unzulänglichkeiten angewiesen?

Keineswegs. Wir können uns den wissenschaftlich anerkannten hebräischen Text des Alten Testaments vornehmen, so wie er an allen Universitäten gelesen und studiert wird. Es handelt sich dabei um die »Biblia Hebraica«, die ständig überarbeitet und redigiert wird. Beispielsweise werden Texte von Qum Ran berücksichtigt.

Foto 5: Johannes Piscator
Meine Lieblingsübersetzung der Bibel stammt von Johannes Piscator (*1546; † 1625). Piscator war ein elsässischer reformierter Theologe und Bibelübersetzer. Mit geradezu pedantischer Akribie übertrug er in den Jahren von 1602 bis 1604 die Texte des Alten und des Neuen Testaments aus den Originalsprachen Hebräisch und Griechisch ins Deutsche seiner Zeit. Was seine Übersetzungen so wertvoll macht? Piscator hielt sich sehr viel strikter als Martin Luther an die Vorlagen.

Eine Neuauflage der »Piscator Bibel« zu einem erschwinglichen Preis ist überfällig. Für 2016 war eine eBook-Version der kompletten »Piscator Bibel« angekündigt. Im Mai 2019 war ist diese Version des wichtigen Werkes aber noch nicht erschienen. Der gespannte Bibelleser wurde vertröstet. Es hieß auf der Homepage des Sepher-Verlags, Herborn, sie werde »demnächst« erscheinen.

Leider wird das Projekt »Piscator-Bibel als eBook« so schnell nicht verwirklich werden. Auf der Homepage des Verlags ist nun zu lesen (2): »Weitere Projekte, wie eine ebook-Version oder ein Arbeitsheft sind angedacht.«

Wir kommen dem »Kern« der Bibel näher, wenn wir die »Biblia Hebraica« in biblischem Althebräisch lesen. Im Studium der evangelischen Theologie zu Erlangen habe ich vor vielen Jahren wichtige Passagen aus dieser längst ausgestorbenen Sprache übersetzt. Es freut mich, dass ich Ihnen, lieber Leserin und lieber Leser, daraus einige wichtige Texte vorlegen kann. Ich war beim Übersetzen stets darum bemüht, den Text so ins Deutsche zu übertragen, dass so viel vom Original wie nur möglich erhalten bleibt.

Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein
mit »Endter-Bibel« (1716).
Foto Barbara Kern
Fundamentalistische Theologen haben sehr konkrete Vorstellungen, wie der »wahre Glaube« aussieht. Deshalb sind davon überzeugt, genau zu wissen, was in »ihrem« Glaubensbuch stehen kann und muss und was nicht. Weil für sie ihr ganz konkreter Glaube der einzig mögliche ist, kann für sie im »Heiligen Buch« nichts stehen, was diesem Glauben widerspricht. Denn ihr »Heiliges Buch« ist göttliche Wahrheit pur. Wenn sie nun »ihr Heiliges Buch« in eine moderne Sprache übersetzen, dann hinterfragen sie ihre vorgefasste Meinung natürlich nicht. Das wäre Ketzerei. Sie sind davon überzeugt, die Glaubenswahrheit zu kennen, die darf man nicht hinterfragen. Wer wollte auch die Wahrheit, die allein den Segen bringt, anzweifeln? Fundamentalistische Übersetzer übertragen den altehrwürdigen Text ihres »Heiligen Buchs« unbewusst (?) immer so, dass ihre Glaubenslehren bestätigt werden. Ihre Übersetzung sehen sie dann als Beweis für die Richtigkeit ihres Glaubens an.

Mit meiner Übersetzung von Passagen des »Alten Testaments« verfolge ich keinerlei missionarische Absicht. Ich versuche auch nicht, von einem bestimmten Glauben, einer bestimmten Konfession, einer bestimmten Lehrmeinung oder Weltsicht zu überzeugen.

Ich möchte lediglich versuchen, Originaltexte in  möglichst wortwörtlicher Übersetzung näherzubringen und zum Nachdenken anzuregen.

Fußnoten
(1) »Apokalypse« lässt sich mit »Offenbarung« übersetzen. Jede »Offenbarung« ist eine »Apokalypse«. Eine »Apokalypse« ist also keineswegs grundsätzlich eine Weltuntergangskatastrophe, auch wenn der Begriff heute meist so missverstanden wird.
(2) https://sepher.de/ (Stand 4.9.2019)

Zu den Fotos
Fotos 1, 3 und 4: Piscator-Bibel (1684). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: William Tyndale um 1536. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Johannes Piscator. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein mit »Endter-Bibel« (1716). Foto Barbara Kern

505. »Am Anfang«,
Teil 505 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. September 2019



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Sonntag, 8. September 2019

503. »Erinnerungen an vorzeitliche Besucher aus fremden Welten?«


Teil 503 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Zwei »Astronautengötter«, Val Camonica.

Stundenlang hatte ich im Val Camonica beim Weiler »Zurla« vergeblich nach einer ganz besonderen Ritzzeichnung im Fels gesucht. Vergeblich. Als es schlagartig zu regnen anfing, gab ich auf. Ich wollte den kürzesten Weg zurück zu meiner Pension im norditalienischen Capo di Ponte gehen. So stolperte ich einen steilen Hang gen Tal, rutschte, fiel hin. Der Regen wurde stärker. Ich war nass bis auf die Haut. Ich hatte Angst vor einem bösen Sturz, dessen Folgen ich mir ausmalen konnte. Mit gebrochenem Bein irgendwo fern der nächsten Straße zu liegen. So beschloss ich, mich auf einen flachen Stein zu setzen und abzuwarten, bis es wieder aufhören würde zu regnen. Da hockte ich also auf dem Boden… Und direkt neben mir war die gesuchte Ritzzeichnung »meiner Astronautengötter«. Sie glänzten geheimnisvoll, regennass und Jahrtausende alt.

Foto 3: Zwei »Götterastronauten«

Künstler der Renaissance wie Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer oder Holbein der Jüngere arbeiteten zwischen 1490 und 1540 mit Anamorphosen (1). Erst anno1657 veröffentlichte Caspar Schott (*1608; †1666) in Würzburg seine Schrift »Magia universalis naturae et artis« auf. Erstmals in Schotts Abhandlung über Magie in Natur und Kunst wird der Begriff Anamorphose erklärt. Freilich war der hochgebildete Jesuit Caspar Schott nicht der Erfinder, der Anamorphose. Schon lange vor ihm versetzte diese komplizierte Malweise Experten wie Laien in Erstaunen. Allerdings nutzte Schott wohl erstmals die Bezeichnung Anamorphose. Der Begriff Anamorphose geht auf das Altgriechische ἀναμόρφωσις (anamorphosis), zu Deutsch Umformung zurück.

Foto 4: Meine »Astronautengötter«

Man unterscheidet drei verschiedene Formen von Anamorphosen:
Dioptrische Anamorphosen müssen durch ein Prismensystem betrachtet werden, um durch Verzerrung unkenntliche Gemachte Darstellungen sichtbar werden zu lassen. Bei katroptischenAnamorphosen erscheint das entzerrte Abbild eines Gemäldes in einem speziellen Spiegel.

Bei Längsanamorphosen benötigt man weder Spiegel noch Prismensysteme. Richtig erkennt man, was Darstellungen auf einem Gemälde nur, wenn man es unter einem speziellen Blickwinkel betrachtet.

Ich verwende den Begriff der Anamorphose(n) im Übertragenen Sinn. Wenn ein schulwissenschaftlich geprägter Archäologe und ein von Dänikens Gedanken inspirierter Mensch ein und dieselbe Statue betrachten, dann werden beide ganz Unterschiedliches zu erkennen meinen, futuristisch Technisches oder folkloristisches »Primitives«. Es kommt eben auf den Standpunkt an, ob man eine Statue als »Astronauten im Raumanzug« oder als »Ballspieler« identifiziert. Weil ein Archäologe vorgeschichtliche Besuche von Außerirdischen auf unserem Planeten kategorisch ablehnt, verschließt er sich jeglicher präastronautischer Interpretation etwa von Höhlenmalereien oder uralten Statuen. Für ihn gilt: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Deshalb sieht er nur, was sein darf. Was nicht sein darf, das hat er an Schule und Universität verinnerlicht.

Foto 5: Kolosimos »Götter«
Eine solche Selbstzensur verhindert aber wirklichen wissenschaftlichen Fortschritt. Es sind häufig Laien, die vollkommen neue Ideen in die Diskussion einbringen. Laien weigern sich das »Es kann nicht sein, was nicht sein darf!« hinzunehmen. Deshalb sind sie dazu in der Lage, wirklich Neues, was bislang altbewährte und nie angezweifelte »Wahrheiten« anzuzweifeln und zu hinterfragen. Bis grundlegend Neues akzeptiert wird, wird in der Regel viel Zeit verstreichen. Und irgendwann wird das Neue akzeptiert. Vehementeste Gegner dieser neuen Ideen behaupten plötzlich, ihnen seien diese neuen Gedanken doch schon immer sehr sympathisch gewesen. Wer früher vehement das Neue abgelehnt hat, der war plötzlich schon immer dafür.

Nass bis auf die Haut saß ich da in strömendem Regen neben »meinen Astronautengöttern«. Bei meinem ersten Besuch im Val Camonica in den frühen 1970ern hatte ich vergeblich nach ihnen gesucht. Mehrfach war ich vor Ort. Ich durfte im riesigen Archiv des örtlichen Studienzentrums stöbern und versank förmlich im Zauber Jahrtausende alter Felszeichnungen. Professor Anati antwortete bereitwillig auf meine Fragen.

Der Archäologe Prof. Anati, Jahrgang 1930, gründete 1964 das »Centro Camuno di Studi Preistorici« in Capo di Ponte. Mit Recht gilt er als der Nestor der Val-Camonica-Forschung. Prof. Anati führte europaweit archäologische Ausgrabungen durch, aber auch in Israel. Aufsehen erregte der sympathische Gelehrte, als er »Mount Har Karkom« in der Negev-Wüste als den biblischen Berg Sinai identifizierte. Inzwischen hat der Vatikan offenbar Professor Anatis Forschungsergebnisse akzeptiert (3). Eine echte Fundgrube für Freunde der uralten Felszeichnungen ist das norditalienische Val Camonica.

Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahrtausenden hinweg wurden hier hunderttausende Felszeichnungen verewigt. Es gibt geheimnisvolle »Symbole«. Oder sind es Zeichen einer unbekannten Bildersprache? Sehr naturgetreue Darstellungen von Tieren, von Männern mit Helmen und Speeren und von Häusern beweisen, dass die Künstler im Val Camonica sehr präzise naturgetreue Bilder anfertigen konnten. Da und dort tauchen riesenhaft wirkende Gestalten auf, daneben Menschen, die im Vergleich wie Zwerge wirken. Sehr groß sind Figuren, die auch von der klassischen Archäologie als Götter interpretiert werden.

Fotos 6 und 7: Gehörnter Gott, kleiner Mensch

Prof. Anati hat einige hochinteressante Werke über die Felsbilder im Val Camonica publiziert (4), aber auch über eine Vielzahl anderer Themen, wie die Ursprünge der Musik, die älteste Religion und Felskunst in aller Welt. Professor Anati musste manchmal ob meiner doch stark von den Gedanken der Präastronautik geprägten Vorstellungen schmunzeln. »Bei diesem riesenhaften Wesen mit Gehörn könnte es sich um den keltischen Gott Cernunnos handeln, der von den Kelten verehrt wurden, die immer wieder durch das Tal zogen und sich im Stein mit Ritzzeichnungen verewigten. Cernunnos war wohl ein Gott der Natur, der wilden Tiere und der Fruchtbarkeit!«

Fotos 8 und 9: Begrüßungsszene auf Stele III

Götter, so Professor Anati, wurden wohl über die Jahrtausende immer wieder in die von Gletschern glattgeschliffenen gigantischen Steinplatten geritzt oder gemeißelt. Bei einem meiner Besuche fertigte Mila de Abreu, eine Archäologiestudentin, präzise, maßstabsgerechte Zeichnungen von den Abbildungen einer steinernen Stele (Stele III) an. Was aber zeigt die Stele? Denken wir an die Kunst der Anamorphosen. Bei Längsanamorphosen kommt es auf den Standpunkt an. Je nachdem wo man steht, sieht man beim Betrachten eines Gemäldes etwas (manchmal) vollkommen anderes.

Foto 10: Rückseite von Stele III

Das gilt auch im übertragenen Sinne. Wer den Besuch von Außerirdischen vor Jahrtausenden auf Planet Erde grundsätzlich ausschließt, der sieht auf Stele III eine Gruppe von Menschen, die offenbar ein Wesen mit Strahlenkranz um den Kopf begrüßen oder bejubeln oder anbeten. Ist das ein Schamane, dessen spirituelle Kraft bildlich dargestellt werden soll? Insgesamt zwölf Menschen stehen da in drei Reihen. Sie fassen sich an den Händen. Wird hier ein uralter, längt vergessener sakraler Ritus zelebriert? Deutlich abgehoben von der Versammlung ist das Wesen mit dem runden »Heiligenschein«, der sein Haupt umschließt.

Foto 11: Regennasser »Astronaut«?
Mila de Abreu vermutete: »Das ist ein Schamane oder ein Priester. Vielleicht werden Naturgewalten angerufen und flehentlich gebeten, die Menschen zu verschonen. Vielleicht wird ein Kollege des Cernunnos angefleht, er möge reiche Jagdbeute gewähren.« Vielleicht wird aber auch uralter Mythos vom Erscheinen eines Gottes nachgestellt, meinte die junge Archäologin weiter. Ihre Interpretationen klingen vernünftig, aber sie sind Spekulationen. Wir wissen natürlich nicht, was der unbekannte Künstler im Sinn hatte. Mila de Abreu freute sich sichtlich über mein Interesse und Trug eifrig eine ganze Reihe von »Erklärungen« vor, die alle der Fantasie entsprungene Spekulationen waren.

Genauso spekulativ, wenngleich fantastischer ist eine ganz andere Erklärung: Ein Astronautengott, der aus dem Kosmos kam, wird ehrerbietig von Menschen begrüßt. Der Vertreter einer fremden Kultur eines fernen Planeten wird von den Erdenmenschen ob seiner »Macht« für einen Gott gehalten. Beide Erklärungen sind nicht beweisbar. Beide Interpretationen sind spekulativ und beide Erklärungen verdienen es, überdacht zu werden. Mein Freund seit Jugendzeiten und Autorenkollege Reinhard Habeck (*1962) hat den »Steinzeit-Astronauten« ein ganzes Buch gewidmet (5).

Foto 12: Tänzer? Jäger? Astronaut?
Der Untertitel grenzt ein: »Felsbildrätsel der Alpenwelt«. Ausführlich geht er auf die Felskunst im Val Camonica ein (6). Wiederholt war der sympathische Österreicher im Val Camonica. Immer wieder begegnete er den »Astronauti«, wie sie von den Einheimischen genannt werden. Immer wieder sah und fotografierte er geheimnisvolle Wesen, die in den Stein gemeißelt worden sind. Sie alle scheinen so etwas wie einen auf den Schultern sitzenden Helm zu tragen. Sie alle scheinen wie schwerelos zu schweben. Reinhard Habeck macht aus seinem Standpunkt keinen Hehl. Er nennt eines dieser seltsamen behelmten Wesen »Val Camonica Astronaut« (7), an anderer Stelle bezeichnet er solche Kreaturen als die »Astronauten von Foppe di Nadro« (7). Habeck lässt aber auch seinen Lesern die Wahl (8): »Traumtänzer oder Erinnerungen an vorzeitliche Besucher aus fremden Welten?«

Dem Vernehmen nach arbeitet Professor Anati, anno 1930 geboren, auch heute noch in seinem Büro seines »Centro Camuno di Studi Preistorici«. Ich erinnere mich an eine launige, bisweilen etwas hitzige Unterhaltung mit dem Vater der Val-Camonica-Forschung. Jahrzehnte sind seither verstrichen. Aber was sind Jahrzehnte im Verhältnis zu den über zehn Jahrtausenden, in denen hunderttausende Steingravuren im Val Camonica entstanden?

Achselzuckend sinnierte der sympathische Gelehrte. Niemand weiß wirklich, wenn oder was die seltsamen Helmwesen, die oftmals paarweise auftreten, darstellen sollen. Sind es Jäger mit Pfeil und Bogen oder Musikanten mit Instrumenten? Sind es Tänzer oder doch Schamanen? Reinhard Habeck (9): »Rund um Capo di Ponte konzentrieren sich figürliche Zeichnungen, die durch ihre verblüffende Ähnlichkeit mit Raumfahrern viel Anlass für hitzige Debatten liefern. Während sich im Nationalpark Naquane Musterbeispiele problemlos aufstöbern lassen, liegen die interessantesten Abbilder außerhalb markierter Wege, an steilen Felshängen, und sind überwuchert von Dornen, Moos und wildem Gestrüpp.«

Foto 13: Eine kleine Auswahl von Prof. Anatis Werken

Fußnoten
(1) Literaturempfehlung. Wirklich gut wird man über das Thema Anamorphosen informiert in Füsslin, Georg und Hentze, Ewald: »Anamorphosen. Geheime Bilderwelten«, Stuttgart 1999
(2) Anati, Prof. Emmanuel: »Mountain of God«, New York 1986
(3) https://mosesegyptianised.wordpress.com/2015/04/14/vatican-interest-in-israels-mount-sinai/ Stand 22.6.2019
(4) Anati, Prof. Emmanuel: »Evolution and Style in Camunian Rock Art: An Inquiry Into the Formation of European Civilization«, Capo di Ponte 1976 (Ausgabe des Studienzentrums)
Anati, Prof. Emmanuel: »Capo di Ponte«, zweite deutsche Ausgabe, Brescia 1981
Anati, Prof. Emmanuel: »Valcamonica Rock Art/ A new History for Europe«, Capo di Ponte 1994
(5) Habeck, Reinhard: »Steinzeit-Astronauten/ Felsbildrätsel der Alpenwelt«, Wien 2014
(6) Zum Beispiel im Kapitel »Wer waren die Cammuni?«, S. 23-S.33
(7) ebenda, S. 67
(8) ebenda, S. 73
(9) ebenda, S. 98 oben

Foto 14: Habecks Opus
Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Zwei »Astronautengötter«, Val Camonica.  Fotos Walter-Jörg Langbein.
Hinweis: Um die Einzelheiten der Ritzzeichnung deutlicher werden zu lassen, habe ich die Fotos farblich verändert.
Foto 3: Zwei »Götterastronauten«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Meine »Astronautengötter« (1979). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Kolosimos »Astronautengötter« (1968). Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Gehörnter Gott, kleiner Mensch. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Begrüßungsszene auf Stele III. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Rückseite von Stele III. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Regennasser »Astronaut«? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Tänzer? Jäger? Astronaut? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Eine kleine Auswahl von Prof. Anatis Werken
Foto 14: Reinhard Habecks Opus »Steinzeit-Astronauten«.

504. »Die Bibel - das Buch der Bücher?«
Teil 504 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15. September 2019


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