Sonntag, 1. Dezember 2019

515. »Auf der Suche nach den Göttersöhnen«

Teil 515 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gottgefällige Engel bleiben im Himmel.
Wer im »Alten Testament« nach »Göttersöhnen« sucht, der wird schnell fündig. Gott ärgerte sich maßlos über die von ihm geschaffenen Menschen, deren Nachkommen und ihr Treiben auf Erden. Damit nicht genug! Auch seine eigenen Söhne bereiteten Gott Verdruss.

Wenn ich in Vorträgen auf die biblischen »Göttersöhne« hinweise, dann reagieren nicht selten selbst emsige Bibelleser verstört. Gottvater, so bekomme ich dann immer wieder zu hören, habe nur einen Sohn, nämlich Jesus. Gern zitiere ich dann vier Verse aus meiner wortwörtlichen Übersetzung des 1. Buches Mose (1): »1) Und es war, ja, es fing an, der Mensch, sich zu mehren auf dem Gesicht der Erde und Töchter wurden ihnen (den Menschen) geboren. 2) Und sie sahen, die Göttersöhne, ja, die Töchter des Menschen, ja, gut diese (oder: schön diese) und sie nahmen die zu Frauen, von allen welche sie wählten. 3) Und er sprach, Jahwe, er, mein Geist, soll nicht herrschen im Menschen für immer, denn auch er ist Fleisch, ja seine Tage seien 100 Jahre und 20 Jahre. 4) Die Riesen, sie (waren) auf der Erde in diesen Tagen, und auch danach ebenso, als sie gingen, die Göttersöhne, zu den Töchtern des Menschen und sie gebaren ihnen, sie, die Riesen, welche die Helden, die hochgerühmten Männer.«

Dann blätterten wütende Skeptiker in ihren Bibeln und stellten erstaunt fest, dass es tatsächlich in der Bibel besagte Göttersöhne gibt. Triumphierend wird mir dann gewöhnlich entgegen geschleudert, dass im Bibeltext von Gottessöhnen (Söhne des einen Gottes), nicht aber von Göttersöhnen 8Söhne mehrerer Götter) die Rede sei.

Ich zitiere die Passage erneut, diesmal aus der Aktuellen Luther-Bibel von 2017:

»1) Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden,
2) da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten.
3) Da sprach der HERR: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn er ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertzwanzig Jahre.
4) Es waren Riesen zu den Zeiten und auch danach noch auf Erden. Denn als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.«

Foto 2: Rebellierende Engel steigen hinab zu den Frauen.
Fotocollage! Gespiegelt!

Tatsächlich ist im hebräischen Original von Elohim, also von Göttern die Rede, die Übersetzung Göttersöhne ist also korrekt. Ich hatte 1978 ausgiebig Gelegenheit, mich mit Prof. Dr. Georg Fohrer (*1915; †2002), Fachbereich Altes Testament an der »Friedrich Alexander Universität Erlangen«,  über die ominösen Göttersöhne zu unterhalten. Der renommierte Theologe im Gespräch mit mir: »Es sind nicht die Söhne Jahwes, es sind die Söhne der Elohim! Und weiter: Es ist nur logisch, dass von Göttersöhnen die Rede ist, also von den Söhnen der Götter. Denn die Söhne der Götter begehrten die Töchter der Menschen.« Nach Überzeugung Prof. Dr. Fohrers waren die Göttersöhne untergeordnete Götter, die schon in vorbiblischen Zeiten verehrt und angebetet wurden!

Prof. Dr. Oswald Loretz (*1928; †2014) übersetzt in seinem leider viel zu wenig beachteten Werk »Ugarit und die Bibel« (2) auch auf die Göttersöhne ein. Auch er übersetzt: »Da sahen die Göttersöhne, wie schön die Menschentöchter waren. … Die Riesen waren in jenen Tagen im Land und auch danach, als die Göttersöhne zu den Menschentöchtern kamen.«

Foto 3: Die Göttersöhne
zeugten mit den Töchtern der Menschen Riesen.
Lithographie von  Osmar Schindler, 1888

 Für gewöhnlich kennen sich selbst die besten Theologen christlicher Couleur nur im Fachbereich Altes oder Neues Testament aus. Orientalisten wiederum mögen bestens in Sachen Schrifttum des Orients informiert sein, haben aber keine Ahnung vom »Alten Testament«. Prof. Dr. Loretz indes war sowohl Theologe als auch Altorientalist. Wikipedia würdigt Prof. Dr. Oswald Loretz wie folgt (3): »Oswald Loretz leistete neben seinen alttestamentlichen Studien und seinen Ugarit-Forschungen wesentliche Beiträge für die Erforschung der Literatur-, Sprach- und Kulturgeschichte des antiken syro-palästinischen und des ostmediterran-levantinischen Raumes vom 2. Jahrtausend v. Chr. bis zur Zeitenwende.«

Prof. Dr. Oswald Loretz erkannte, dass sich so mancher Verfasser von Texten, die wir aus dem Alten Testament kennen, aus sehr viel älteren Texten (Ugarit!) bedient haben muss.  Prof. Dr. Loretz weist nach, dass scheinbar harmlose Bibelverse brisante Informationen bieten: allerdings nur, wenn man korrekt übersetzt. Das aber geschieht nicht immer. Prof. Dr. Loretz wird dem Original mit seiner Übersetzung gerecht (4): »Volles Gewicht hat die alte Tradition auch noch in diesem Abschnitt von Psalm 89, wo Gottes himmlische Umgebung folgendermaßen beschrieben wird (5): ›Die Himmel preisen deine Werke, Jahwe, …Denn wer in den Wolken gleicht Jahwe, ist ähnlich Jahwe unter den Göttersöhnen?‹«

In der Lutherbibel von 2017 findet sich in Vers 7 keine Spur mehr von den Göttersöhnen: »Denn wer in den Wolken könnte dem HERRN gleichen und dem HERRN gleich sein unter den Himmlischen?«  Korrekt übersetzt finden wir den Vers in der »Elberfelder Bibel«: »Denn wer in den Wolken ist mit dem HERRN zu vergleichen? Wer ist dem HERRN gleich unter den Göttersöhnen?« Auch »Schlachter 2000« hat keine Angst von Göttersöhnen: »Denn wer in den Wolken ist dem HERRN zu vergleichen, wer ist dem HERRN ähnlich unter den Göttersöhnen?« Der »Zürcher Bibel« scheinen die Göttersöhne nicht zu schmecken: »Denn wer in den Wolken kann sich messen mit dem HERRN, wer unter den Gottessöhnen gleicht dem HERRN?« Immerhin bleiben die Gottessöhne erhalten. »Hoffnung für Alle« lässt die Göttersöhne verschwinden: »Denn wer im Himmel ist dir gleich? Kein himmlisches Wesen ist so mächtig wie du!« Auch in der »Neuen Genfer Übersetzung« vermisse ich die Göttersöhne. Wie so oft in manipulierenden Übersetzungen verharmlost man »Göttersöhne« oder »Gottessöhne« und macht »himmlische Wesen« daraus: »Denn wer dort über den Wolken hält einem Vergleich mit dem Herrn stand? Welches himmlische Wesen steht auf derselben Stufe mit dem Herrn?«

Foto 4: Der Heilige
Gottesname Jahwe,
der HERR in vielen
deutschen Ausgaben
der Bibel
Seit rund einem halben Jahrhundert bin ich auf der Suche nach den biblischen Göttersöhnen. Ich wurde so manches Mal fündig. Ein sehr schönes Beispiel ist Psalm 29. Die aktuelle Lutherbibel lässt uns Vers 1 wie folgt lesen: »Ein Psalm Davids. Bringet dar dem HERRN, ihr Himmlischen, bringet dar dem HERRN Ehre und Stärke!« Auch die »Einheitsübersetzung 2016« bietet »Ihr Himmlischen«. Ähnlich fabulieren die »Neue Genfer Übersetzung« und die »Neue Evangelistische Übersetzung«, da werden »himmlischen Wesen« angesprochen.

Wagen wir einen Blick nach England. »O heavenly beings«, also »O himmlische Wesen« finden wir in der »English Standard Version«. Dazu gibt es eine Fußnote: »Hebrew Sons of God or Sons of Might«, also »Hebräisch Söhne Gottes oder Söhne der Macht/ mächtige Söhne«. Die »New International Version« belässt es bei »heavenly beings«, also bei »himmlischen Wesen«, und verzichtet auf eine Fußnote.

Wie sich doch die Übersetzer oft winden, nur um nicht von »Göttersöhnen« sprechen zu müssen! »Ihr Söhne von Mächtigen..« fabuliert die »Wachturm Online Bibliothek« Aber wer sind denn »die Mächtigen« (Mehrzahl!)? Die »Gute Nachricht Bibel« lokalisiert sie etwas genauer, wenn sie von »Mächtigen im Himmel« spricht. Da und dort ist von »Engeln« zu lesen, auch wenn man im Original keinen Hinweis auf Engel findet.

»Mächtige Engel« sollen sich nach »Hoffnung für Alle« und der »New International Readers Version« (6) angesprochen fühlen und Gott loben und preisen.

Wahrhaft kurios fällt die Übersetzung aus, die die »Zürcher Bibel« verbreitet: »Ein Psalm Davids. Gebt dem HERRN, ihr Götter, gebt dem HERRN Ehre und Macht.« Im hebräischen Originaltext steht Jahwe. Erklärender Hinweis: Ursprünglich wurden die Originaltexte in der hebräischen Konsonantenschrift verfasst. Zeitweise durfte der heilige Gottesname Jahwe nicht ausgesprochen werden. Stattdessen musste in der Synagoge laut Adonai gesagt werden, wenn Jahwe geschrieben stand. Damit nun beim Vortrag aus der Thora nicht versehentlich doch einmal laut Jahwe ausgesprochen wurde, fügte man den hebräischen Konsonanten JHWH von Jahwe die hebräischen Vokale des Wortes Adonai bei. Adonai bedeutet Herr. Wenn Jahwe in der Schriftrolle stand, wurde laut Adonai vorgetragen.

Der besondere Respekt vor dem Gottesnamen Jahwe wurde bei der Übertragung des »Alten Testaments« ins Deutsche gewahrt. Wo im Original Jahwe stand, wurde in der deutschsprachigen Übersetzung HERR in Großbuchstaben gedruckt.

Die »Zürcher Bibel« zeigt: »Ein Psalm Davids. Gebt dem HERRN, ihr Götter, gebt dem HERRN Ehre und Macht!« Wenn wir etwas näher am Original bleiben wollen, lesen wir so: »Ein Psalm Davids. Gebt Jahwe, ihr Götter, gebt Jahwe Ehre und Macht.« Einfacher, kürzer und besser verständlich formuliert: »Ihr Götter gebt Jahwe Ehre und Macht!«

Diese Fassung des Verses 1 von Psalm 29 steht im krassen Gegensatz zum Monotheismus der Bibel. Götter sollen Jahwe Ehre und Macht geben? Welche Götter? Geradezu ketzerisch blasphemisch muss es doch für Christen sein, wenn im Text gefordert wird, dass irgendwelche Götter Jahwe Macht und Ehre geben sollen. Das könn(t)en sie doch eigentlich nur, wenn sie im Rang über Jahwe stehen! Nur der Stärkere kann dem Schwächeren »Ehre und Macht« geben.

In einem anderen Psalm, Psalm 82, tauchen wiederum Götter (Mehrzahl!) auf (7): »Gott steht in der Gottesgemeinde und ist Richter unter den Göttern.« Diese Übersetzung ist irreführend. Wortwörtlich übersetzt lautet der Vers in deutscher Sprache so: »Elohim – er steht – in der Gemeinde von El inmitten von Göttern spricht er Recht.« Prof. Dr. Oswald Loretz übersetzt so (8): »›Jahwe‹ steht in der ›El‹-Versammlung, inmitten der Götter hält er Gericht.«

Hier ist eindeutig von einer Versammlung von Göttern (Mehrzahl!). In dieser Zusammenkunft von Göttern hält ein Gott (DER Gott des monotheistischen Judentums?) Gericht?

Im Buch »Hiob«, es wird zur »Weisheitsliteratur« des »Alten Testaments« gezählt, gibt es gleich zwei Hinweise auf so eine Versammlung! Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien räumte dem kleinen Büchlein einen sehr hohen Stellenwert ein und ließ es in der Bibel unmittelbar auf die fünf Bücher Mose folgen.

Hiob Kapitel 1,Vers 6: »Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, kam auch der Satan mit ihnen.«

Hiob Kapitel 2, Vers 1: »Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, dass auch der Satan mit ihnen kam und vor den HERRN trat.«


Fußnoten
(1) 1. Buch Mose, Kapitel 6, Verse 1-4
(2) Loretz, Oswald: »Ugarit und die Bibel«, »Wissenschaftliche Buchgemeinschaft«, Darmstadt 1990, Seite 60, Zeilen 1-3 von unten und Seite 61, Zeilen 1-6 von oben
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Oswald_Loretz (Stand 10.10.2019)
(4) Loretz, Oswald: »Ugarit und die Bibel«, »Wissenschaftliche Buchgemeinschaft«, Darmstadt 1990, Seite 61
(5) Psalm 89, Verse 6 und 7
(6) »you mighty angels«
(7) Lutherbibel 2017, Psalm 82, Vers 1
(8) Loretz, Oswald: »Ugarit und die Bibel«, »Wissenschaftliche Buchgemeinschaft«, Darmstadt 1990, Seite 60 unten

Zu den Fotos 
Foto 1: Gottgefällige Engel bleiben im Himmel. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Rebellierende Engel steigen hinab zu den Frauen. Fotocollage! Gespiegelt! Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3 Die Göttersöhne zeugten mit den Töchtern der Menschen Riesen. Lithographie von  Osmar Schindler, 1888. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Der Heilige Gottesname Jahwe, der »HERR« in vielen deutschen Ausgaben der Bibel.Archiv Walter-Jörg Langbein

516. »Aquila und die Söhne der Götter«,
Teil 516 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 8. Dezember 2019




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Sonntag, 24. November 2019

514. »Von Nan Madol bis Ugarit«

Teil 514 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Monstermauern haben mich schon immer fasziniert. Staunend stand ich vor so manchem Bauwerk der Superlative. Ein Beispiel: Die Ruinen von Nan Madol, deren Mauern auch heute noch bis in den Himmel zu ragen scheinen. Es ist erstaunlich, zu welch fantastischen Leistungen Menschen in der Lage waren! Weltweit, von der Südsee bis nach Indien, von Japan bis nach Peru, wurden vor ewigen Zeiten tonnenschwere Monstersteine zu gewaltigen Mauern aufgetürmt. Sie trotzten den Jahrhunderten, ja den Jahrtausenden. Manche hielten Erdbeben stand. Andere überdauerten Tsunamis. Monstermauern stehen noch, wenn von der Kultur ihrer Erbauer ansonsten schon lange nichts mehr zu finden ist.


Fotos 1-4: Einige der Monstermauern von Nan Madol.

Es kommt mir so vor, als hätten die zerstörerischen Kräfte längt den Kampf gegen diese Monstermauern aufgegeben.

Man sagt in Ägypten, dass sich der Mensch vor der Zeit fürchtet, die Zeit aber Angst vor der Pyramide hat (1). Zumindest Respekt hat die Zeit dann wohl vor der einen oder der anderen Monstermauer auf unserem Planeten, die von Meistern der Baukunst schon vor Ewigkeiten errichtet wurden. Angst und Bange muss es aber der Zeit werden, wenn sie an andere Mauern denkt. Die stabilsten und dauerhaftesten Mauern werden nicht aus Stein gebaut. Sie sind durabler als die massivste megalithische Mauer aus Stein und doch nur imaginär. Religiöse Fanatiker bauen scheinbar unüberwindbare Mauern, nicht aus Stein, sondern aus Angst. Religiöse wie vermeintlich wissenschaftliche Fundamentalisten mauern sich selbst ein, weil sie nur die eigene Wahrheit sehen möchten. Sie positionieren sich gern als die Alleinvertreter der angeblichen Wahrheit schlechthin. Sie mauern sich ein, weil sie Angst vor Fakten haben, die ihr simples Weltbild erschüttern könnten. Fanatiker belügen sich selbst. Je weniger sie selbst an ihre Weltsicht glauben, desto höhere und dickere Mauern bauen sie in ihren Köpfen auf. Und desto fanatischer bekämpfen sie Zweifler und Andersdenkende: früher mit Feuer und Schwert, heute machen sie sie unglaubwürdig und lächerlich.

Foto 5: Cheopspyramide und Sphinx.
Historische Aufnahme um 1910

Es gibt eine Wahrheit, vor der Fundamentalisten jeder Couleur Angst haben. Sie verstärken ihre Mauern, sie lassen sie noch weiter in die Höhe wachsen. Dabei unterscheiden sich »religiöse« wie »wissenschaftliche« Fundamentalisten sehr viel weniger als beiden Lagern bewusst und lieb sein kann. Man präsentiert sich als alleiniger, als einzig berechtigter Vertreter »der Wahrheit«.

Letztlich wird der Schock umso größer werden, je länger sich Fanatiker gegen Zweifel an ihrer Weltsicht zur Wehr setzen. Es wird weltweit zu Panik kommen, wenn sich diverse »wissenschaftliche« wie »religiöse« Pseudowahrheiten als »Humbug« erweisen, um Ebenezer Scrooge (2) aus dem berühmten »Weihnachtsmärchen« von Charles Dickens (*1812; †1870) zu zitieren.

In einem Punkt unterscheiden sich »religiöse« und »wissenschaftliche« Fundamentalisten: Wissenschaftliche Hardliner sind der Überzeugung, dass der Mensch mehr von der Wirklichkeit erkannt hat als alle seine Vorfahren. Das heute gültige Weltbild hat sich nach seiner Überzeugung nach und nach evolutionär aufgebaut. Der heutige Mensch ist für ihn die momentane Krone der Evolution.

Für den religiösen monotheistischen Hardliner hat es keine solche allmähliche und zufällige Evolution des Menschen gegeben. In seinem Weltbild war der Mensch von Anfang an die »Krone der Schöpfung«, weil Gott höchstpersönlich den Menschen erschaffen und ins Paradies gesetzt hat. Beide Fanatiker haben den Menschen auf einen Thron gehoben, der früher oder später zusammenbrechen wird.

Mauern können schützen, aber auch einengen. Manche Mauern in den Köpfen sind brüchig geworden und werden von Vordenkern zum Einsturz gebracht. So wird langsam immer deutlicher sichtbar, dass es vor Jahrhunderten und Jahrtausenden keine isolierte Entwicklung auf den Kontinenten gegeben hat. Vielmehr gab es offenbar zu frühen Zeiten lange vor Kolumbus transozeanische Kontakte. Europäer waren vor Jahrhunderten im Norden Perus. Kelten haben am Bau von Kuelap, der Metropole der Wolkenmenschen, zumindest mitgewirkt. Bleiben wir in Peru: Europäer aus dem »griechischen Kulturkreis« kannten das Monster in der Unterwelt der geheimnisvollen Ruinenstadt Chavín de Huántar. Das sageumwobene Monster Minotaurus und die Kreatur von Chavín de Huántar waren womöglich identisch.

Zwei Varianten bieten sich an:

Variante 1: Einwanderer aus Griechenland brachten vor mindestens 2.500 Jahren das Abbild eines monströsen »Dings« über Syrakus nach Peru. Oder sie kannten das unheimliche »Ding« aus Europa und fertigten in Peru ein Gegenstück an.

Variante 2: Besucher aus Europa bekamen Jahrtausende vor Kolumbus die Anlage von Chavín de Huántar zu sehen. Sie erkundeten den riesigen Komplex und entdeckten das monströse »Ding« im Zentrum des Labyrinths. Sie kehrten nach Griechenland zurück und fertigten aus Stein ein furchteinflößendes »Etwas« an: ein Abbild des Monsters von Peru.  Das »Ding« von Syrakus, das aus Griechenland stammte, hatte einen Namen: »Gorgo«. Offenbar hauste »Gorgo« oder ein naher »Verwandter« aus der griechischen Mythologie in der Unterwelt von Chavín de Huántar im Norden Perus!

Foto 6: ‭Monster »Gorgo«.
Zeichnung: Grete C. Söcker
Es gibt verblüffende Tatsachen, die eigentlich unmöglich, aber doch real sind. Homer beschreibt in seiner »Odyssee« und in seiner »Ilias« (3) »Gorgo« als eine scheußliche Kreatur der Unterwelt, so wie das »Ding« von Chavín de Huántar, das im Norden Perus in der Unterwelt verborgen ist.

Nach Hesiods Werk »Theogonie«, das die Mythologie der Entstehung der Götter beschreibt, hausten die furchteinflößenden Gorgonen (4) »jenseits des großen Okeanos, hart an der Grenze der Nacht«. Dr. Enrico Mattievich, Prof. emeritus der »Federal University of Rio de Janeiro«, ist davon überzeugt, dass Homers Reise in die Unterwelt keine dichterische Fiktion ist. Vielmehr kommt er in seinem Werk zur Überzeugung, dass da reale Örtlichkeiten beschrieben werden, die  in Südamerika anzusiedeln sind. In seinem penibel recherchierten Werk »Journey to the Mythological Inferno« (5) lässt der Wissenschaftler kaum Zweifel aufkommen! Homer beschreibt, so Dr. Mattievich, die »Unterwelt« von Chavín de Huántar. »Ancient Origins« fasst zusammen (6):

»Ein Teil des Buchs erforscht die Ähnlichkeiten zwischen Chavín de Huántar und der Beschreibung bei Hesiod. Es passen nicht nur Hesiods geographisch Beschreibungen zur Stätte (von Chavín de Huántar), örtliche Legenden stimmen auch mit der griechischen Mythologie überein und außerdem scheinen Funde im Tempel zu korrespondieren.« Ich darf noch einmal das Fachblatt »Ancient Origins« zitieren (7): »Antike griechische Legende scheint Ort in Peru zu beschreiben: Früher Kontakt?«

Für den religiösen monotheistischen Hardliner hat es keine solche allmähliche und zufällige Evolution des Menschen gegeben. Sein »Heiliges Buch« kann und darf auch nicht nach und nach entstanden sein. Es wurde, so die Fundamentalisten der monotheistischen Religionen, von Gott erschaffen und existierte von Anfang an in der heute vorliegenden Form.  Mancher Fanatiker unterscheidet gar nicht zwischen Gott und seinem Heiligen Buch. Für ihn ist das Buch das Heilige und vollkommen frei von Fehlern. Natürlich hat Gott auch nicht abgeschrieben oder auch nur ältere Texte weiterentwickelt oder gar übernommen.

Zu den spannendsten Stunden meines Studiums der evangelischen Theologie gehörte die detektivische Beschäftigung mit den Namen biblischer Personen. Jehu war in der Zeit von 841 v.Chr. bis etwa 814 v. Chr. König von Israel. Sein Name Jehu lässt sich mit »Jahwe ist er« übersetzen. Sollte es sich bei Jehu in Wirklichkeit um eine Chiffre für Jahwe handeln? Über »Jahwe ist er« lesen wir (8): »Und Jehu versammelte alles Volk und ließ ihnen sagen: Ahab hat Baal wenig gedient; Jehu will ihm besser dienen.« Dieser »Jahwe ist er« gibt sich scheinheilig als Anhänger Baals aus. Er lässt alle Baals-Priester zu einem Festgelage einladen. Wer die Einladung ausschlägt, wird umgebracht (9), lässt Jehu verkünden und verleiht so seiner Einladung mehr Nachdruck. Jehus Motivation (10): »Aber Jehu tat dies mit Hinterlist, um die Diener Baals umzubringen.« Das traurige Ergebnis der Hinterlist Jehus: Alle Diener Baals werden ermordet. Jehu alias »Jahwe ist er« lässt unter den Baal-Anhängern ein Blutbad anrichten, so steht’s im »Alten Testament«.

Foto 7:  Eine Seite aus
Hesiods Theogonie
Weniger brutal geht es nach einem sehr viel älteren Keilschrifttext aus Ugarit (11) zu. Unterweltgott Mt sendet Götterboten zu Baal. Baal erhält »eine Einladung zu einem Gastmahl, verbunden mit der Drohung ihn zu durchbohren und aufzufressen, falls er der Einladung nicht entsprechen würde.« Erst nach einer zweiten Einladung macht sich Baal auf den Weg. Wenig später ist Baal tot. »Die Göttin Anat geht auf die Suche nach Baal und findet ihn niedergesunken, tot in der Unterwelt.«

In Ugarit wurde nur Baal selbst mit dem Tod bedroht, so er die Einladung ausschlagen sollte. Der »Jahwe ist er« lädt alle Priester Baals ein und schüchtert sie alle ein. Wer nicht zum Festschmaus kommt. Der wird umgebracht.

Jetzt wird es spannend: »Hierauf vollzieht El die Trauerriten und klagt laut um Baal. El ersucht seine Gemahlin, Atrt, einen Nachkommen Baals im Königtum vorzuschlagen.«

Gott El taucht um 1400 v.Chr. erstmals in den Keilschrifttexten von Ugarit auf. El war (zumindest für einen Teil der Bevölkerung von Ugarit) der höchste Gott. Er wurde als »Schöpfer der Schöpfung«, »Erbauer des Erbauten« und »Vater der Menschheit« bezeichnet. Diese lobpreisenden Beinamen passen auch auf den Schöpfergott des Alten Testaments Jahwe. Und der hatte – auch – den Beinamen El! Freilich wird häufig der Name El einfach mit »Gott« übersetzt und »El« verschwindet als Name. Ein Beispiel (12)! Wörtlich: »Du El mich sehend!« Freier: »Du bist El, der mich sieht.« Luther-Bibel 2017: »Du bist ein Gott, der mich sieht.« Ein Gott, der mich sieht? Daraus kann man schließen, dass es nicht nur einen Gott gab, sondern mehrere. Und einer davon war »ein Gott, der mich sieht«.

Noch ein Beispiel (13)! Wörtlich: »Er ist El, der mich mit Kraft umgürtet.« Luther 2017: »Gott rüstet mich mit Kraft« Der ugaritische El wird von den Autoren diverser Texte des »Alten Testaments« übernommen, teil als Eigenname, teils als Titel.

Es gibt keine »Mauern« zwischen den Epochen, auch nicht zwischen den Religionen. Eines geht ins andere über, wird verändert und weiterentwickelt. Alles fließt ineinander. Keine Religion entsteht sofort aus dem Nichts. Jede neue Religion entwickelt sich aus einer älteren. Nur rechthaberische Fundamentalisten bauen Mauern, grenzen ab. Wer nicht daran glaubt, alle überzeugen zu können, der konzentriert sich auf eine Gruppe, sperrt sie in »Mauern« und traktiert sie mit Drohungen. Wer nicht glaubt, dem winken Teufel und Hölle.


Fußnoten
(1) Das ägyptische Sprichwort kursiert in voneinander abweichenden Varianten. Drei Beispiele: »Mensch fürchtet die Zeit, Zeit fürchtet die Pyramiden«, »Der Mensch fürchtet sich vor der Zeit – die Zeit fürchtet sich vor den Pyramiden« und »Die Menschen fürchten die Zeit, aber die Zeit fürchtet die Pyramiden«.
(2) Ebenezer Scrooge ist die Hauptperson in der Erzählung »A Christmas Carol« (deutscher Titel: »Eine Weihnachtsgeschichte«), 1843 von Charles Dickens verfasst.
(3) »Odyssee« 11/633, »Ilias« 5/741, 8/349 und 11/36
(4) Hesiod: »Theogonie«, Verse 274-276
(5) Mattievich, Enrico: »Journey to the Mythological Inferno«, Rogem Press, 21. Juni 2010 (»Reise ins Mythologische Inferno« würde der Titel in deutscher Übersetzung lauten. Aber das bahnbrechende Werk wurde nie ins Deutsche übersetzt!)
(6) https://www.ancient-origins.net/myths-legends-europe/ancient-greek-legend-seems-describe-place-peru-early-contact-003153 (Stand 7.10.2019)
(7) »Ancient Greek Legend Seems to Describe a Place in Peru: Early Contact?«,
https://www.ancient-origins.net/myths-legends-europe/ancient-greek-legend-seems-describe-place-peru-early-contact-003153 (Stand 7.10.2019)
(8) 2. Könige 10, Vers 18
(9) Ebenda, Vers 9
(10) Ebenda, Vers 19
(11) »Die mythologischen und kultischen Texte aus Ras Schmra«, übersetzt von J. Aisleitner, 2. Auflage, Budapest 1964, Seite 13
(12) 1. Buch Mose, Kapitel 16, Vers 13
(13) Psalm 18, Vers 33
Siehe http://www.die-buecherstube.de/bibelarb/t19/bk1901.htm (Stand 8.10.2019)

Zu den Fotos
Fotos 1-4: Einige der Monstermauern von Nan Madol. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Cheopspyramide und Sphinx. Historische Aufnahme um 1910. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: ‭Monster »Gorgo«: Chavín de Huántar und Syrakus. Zeichnung Grete C. Söcker
Foto 7:  Eine Seite aus Hesiods Theogonie, mittelalterliche Handschrift. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


515. »Auf der Suche nach den Göttersöhnen«,
Teil 515 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 1. Dezember 2019



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