Sonntag, 8. März 2020

529. »Adam, Eva und das Gift Gottes«

Teil 529 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Studium
altehrwürdiger Texte
Es gibt eine schier unüberschaubare Sammlung altjüdischer Texte, von denen nur ein kleiner Teil in die Bibel aufgenommen wurde. Seit vielen Jahrhunderten studieren unzählige Gelehrte die altehrwürdigen Texte. Nach weithin anerkannter Lehrmeinung der Theologie legte man zwischen 190 v.Chr. und etwa 100 n.Chr. fest, welche Texte für das Leben schlechthin wichtig sind. So entstand das »Alte Testament« als eine Sammlung »heiliger Bücher«.

Zu Beginn des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts formierte sich langsam das »Neue Testament«. Offiziell einigte man sich aber erst anno 367 auf der Synode von Laodicea auf die Festlegung. Zu dieser regionalen Synode hatten sich etwa dreißig Geistliche aus Anatolien in der heutigen Türkei versammelt.

Jetzt erst stand fest, welche Texte in die Bibel des Christentums zu gehören hatten und welche nicht. Diese Texte bezeichnet man als biblischen Kanon. Der Ausdruck geht auf das hebräische »qanä« zurück, was so viel wie »Richtschnur, Regel und Norm« bedeutet. Die frühe Kirche verstand darunter zweierlei: Die Bibel war Richtschnur für das menschliche Leben. Und der Kanon regelte, welche Texte in die Bibel gehören und welche nicht. Damit erfolgte eine Wertung: Die einen Texte wurden als heilig angesehen, die anderen nicht.

Im Judentum war das anders: Manche Texte wurden zwar nicht im Gottesdienst benutzt, gehörten aber dennoch dem Kanon an. Im Christentum wurden manche Texte auch im Gottesdienst eingesetzt, die nicht zum Kanon gehören. Als »apokryph« bezeichnet(e) man Texte, die  man aus der griechischen Übersetzung des Alten Testaments übernahm. Man schätzte sie als den Glauben unterstützende Erbauungsliteratur. Man hielt sie aber nicht für würdig genug, in den Kanon aufgenommen zu werden. Prof. Dr. Georg Fohrer (*1915; †2002), Fachbereich Altes Testament an der »Friedrich Alexander Universität Erlangen«, schlug deshalb eine Umbenennung vor (1): »Treffender könnte man sie deuterokanonische Bücher nennen, die eine Art Anhang zum Kanon bilden.« »Deuterokanon« bedeutet so viel wie »2. Kanon«.

Eine zweite Gruppe von Texten, die »Pseudepigraphen«, wurde ebenfalls nicht in den Kanon aufgenommen: Mit Recht weist Fohrer darauf hin, dass diese Bezeichnung unglücklich gewählt ist. »Pseudepigraph« bedeutet »unter anderem Verfassernamen«. Tatsächlich sind aber nicht wenige »pseudepigraphe« Texte in Wirklichkeit anonym. Das heißt: Sie laufen nicht unter einem falschen Verfassernamen, sondern es wird überhaupt kein Autor genannt.

Was den Sachverhalt kompliziert macht und die Unterscheidung zwischen »kanonisch« und »nicht kanonisch« als willkürlich erkennen lässt, das ist die fehlende Logik. Die vier Evangelien, nach Markus, Matthäus, Lukas und Johannes benannt, waren ursprünglich anonym. Erst nachträglich wurden sie mit den Namen der Evangelisten in Verbindung gebracht, die aber in Wirklichkeit gar nicht die Verfasser sind. Die sogenannte »Johannesapokalypse« wurde nur in den Kanon der Bibel aufgenommen, weil man Jesusjünger Johannes für den Verfasser hielt. Die vier Evangelien der Bibel sind also genauso  pseudepigraph wie etwa das »Evangelium des Pseduo-Matthäus«. Letzteres aber wurde aus welchen Gründen auch immer nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen.

Auch die »Fünf Bücher Mose« sind nach heutigem Kenntnisstand der theologischen Wissenschaft nicht von Moses selbst verfasst worden und sind demnach »pseudepigraph«. Mit anderen Worten: Was als »apokryph« bezeichnet wird, könnte aus rein formalen Gesichtspunkten genauso in der Bibel stehen wie jene Texte, die wir heute in der Bibel finden.

In altjüdischen, heiligen Texten, die leider nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden, stößt man immer wieder auf Hinweise auf seltsam und phantastisch anmutende Begegnungen zwischen Menschen und himmlischen Wesen. Paul Rießler veröffentlichte in seinem Werk (2) »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel« eine ganze Reihe von Texten, die nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden.

Der vielleicht interessanteste Text dieser wichtigen Sammlung ist nach meiner Meinung (3) »Leben Adams und Evas«. Der erhalten gebliebene, vom Christentum beeinflusste Text »Leben Adams und Evas« ist seinem Ursprung nach aber gar nicht christlich. Das Original war in hebräischer Sprache verfasst. Der von jüdischen Verfassern geschaffene Text wurde zunächst aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt und schließlich aus dem Griechischen ins Lateinische übertragen. Die heute bekannten Fassungen entstanden zum Teil schon im 3., zum Teil erst im 5. Jahrhundert n. Chr., die Originalversion in hebräischer Sprache dürfte fast zwei Jahrtausende alt sein. Bis heute wurde die Urfassung nicht entdeckt.

Foto 2: Sturz aus dem Himmel.
(Albrecht Dürer)
Nach dem Hinauswurf aus dem Paradies begann für Adam und Eva ein hartes Leben (4):» Nachdem sie aus dem Paradies vertrieben waren, erbauten sie sich eine Hütte, und sie verbrachten sieben Tage trauernd, in großer Trübsal klagend.« Das paradiesische Schlaraffenland war nur noch quälende Erinnerung. Zwei Engel, bewaffnet mit fürchterlichen Schwertern, versperrten den Rückweg (5): » Gott der HERR lagerte vor den Garten Eden die Cherubim mit dem bloßen, hauenden Schwert, zu bewahren den Weg zu dem Baum des Lebens.« Gab es denn wirklich kein Zurück mehr? Eva macht einen selbstlosen Vorschlag (6): »Und Eva sprach zu Adam: ›Mein Herr, willst du, so töte mich!

Vielleicht führt dich dann Gott, der Herr, ins Paradies zurück, ist Gott, der Herr, doch meinethalben über dich in Zorn geraten. Willst du denn nicht mich töten, daß ich sterbe? Vielleicht führt dich dann Gott, der Herr, ins Paradies; du wurdest doch von dort nur meinetwegen ausgetrieben.‹«

Adam lehnt aber ab. Er fürchtet, mit der Ermordung Evas erneut den Zorn Gottes auszulösen: »Und Adam sprach: ›Red nicht so, Eva, auf daß nicht Gott, der Herr, uns abermals verfluche! Wie könnt ich meine Hand gegen mein eigen Fleisch erheben?‹« Trotz drastischer Bußübungen bleibt der Rückweg ins Paradies für Adam und Eva versperrt.

Im Paradies hatte die Schlange nach biblischem Glauben (7) Eva nicht nur dazu verleitet, selbst von der verbotenen Frucht zu essen. Die Schlange brachte Eva auch noch dazu, Adam zum Biss in das verbotene Obst zu verleiten. Im »Leben Adams und Evas« taucht der »Satan« nicht wieder als Schlange, sondern (8) »in der Engel Lichtgestalt« auf. Und Eva (9) »gebar einen Sohn, der lichtvoll war … und er erhielt den Namen Kain«. »Engel Lichtgestalt« verweist natürlich auf den verteufelten »Luzifer«, den »Lichtbringer«. Und dass Kain »lichtvoll war«, das bringt unterschwellig zum Ausdruck, dass nicht Adam der Vater Kains war, sondern jener »Lichtbringer«, sprich Satan, der Teufel. Paul Rießler kommentiert erklärend (10): »›Lichtvoll‹ = Kain, vielleicht so genannt wegen der Anschauung, wonach Kain ein Sohn Luzifers, des ›Lichtbringers‹ war.« Und tatsächlich: Im Zohar (11) wird erklärt, dass nicht Adam, sondern Samael der Vater von Kain war. Der Zohar stellt fest: »Seine Gesichtszüge unterschieden sich von denen anderer Menschen.« Samael (deutsch: das Gift Gottes) wird im rabbinischen Judentum häufig mit Satan gleichgesetzt.

Je intensiver man sich mit dem jüdischen Schrifttum im Umfeld des »Alten Testaments« auseinandersetzt, desto deutlicher tritt hervor, dass die Bibel zum Teil recht vereinfachte Geschichten erzählt. Ich habe versucht, die himmlischen Verhältnisse besser zu verstehen und deshalb intensiv im Zohar gelesen. Ich muss aber zugeben, dass ich umso weniger verstand, je mehr Texte mir bekannt waren. Ein Beispiel sind die ominösen Elohim, die Götter, die uns immer wieder im »Alten Testament« begegnen. Im Zohar lesen wir (12), dass bestimmte (?) Engel »Elohim (Götter) genannt werden. Sie werden in der Kategorie der Götter aufgenommen, obwohl sie nicht Himmel und Erde geschaffen haben.«

Zu den Götter-Engeln oder Engel-Göttern gezählt wurden auch Uzza und Azael, und die hatten höchst menschliche Wünsche (13): »Als Uzza und Azazel von ihrer heiligen Stätte fielen, sahen sie die Töchter der Menschen, sündigten und zeugten Söhne. Dies waren Nephilim, gefallene Wesen, wie geschrieben steht: Die Nephilim, gefallene Wesen, waren auf Erden.« An anderer Stelle erfahren wir aus dem Zohar, was Rabbi Yose lehrt (14): »Dies sind Uzaza und Azael, wie bereits erwähnt, die der Heilige aus überirdischer Seligkeit herabgestoßen hat.«

Azazel (andere Schreibweise: Asasel) war einer der gefallenen Engel. Er wurde häufig mit »Satan« alias »Luzifer« in Verbindung gebracht. Das arabische Pendant zu »Asasel«, der wie Luzifer aus dem Himmel stürzte oder gestürzt wurde, war in der vorislamischen Zeit Al-Uzza, die Schutzgöttin von Mekka. Seefahrer baten sie bei Sturm um Hilfe, galt die Göttin doch als Beschützerin der Schiffe bei ihren Reisen über die Meere. Als Delphin folgte sie den Schutzbefohlenen. Der Delphin wurde vom Christentum übernommen: aus dem Retter von Schiffbrüchigen wurde Christus, der Retter der Seelen. Heilige Symbole scheinen uralt zu sein.

Der schwarze Stein in der Kaaba zu Mekka gehörte ihr. Priesterinnen huldigten der Göttin bis der Islam kam. Al-Uzza erschien wie Venus am Morgen. Sie war Teil einer weiblichen Triade, gemeinsam mit Manat, dem Abendstern, und Al-Lat, dem Mond.

Wo der Zohar Namen nennt, bleibt das »Alte Testament« anonym, erzählt aber die gleiche Geschichte (15): »Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten. Da sprach der HERR: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn er ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertzwanzig Jahre. Es waren Riesen zu den Zeiten und auch danach noch auf Erden. Denn als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.«

Foto 3: Vom Himmel hinab! Peter Paul Rubens
Von der Bibel zu den mysteriösen »Qum Ran Texten«, die über Jahrzehnte hinweg der Öffentlichkeit vorenthalten wurden! Im »Buch Henoch der Riesen« (16) wird auf »himmlische Wesen« hingewiesen, die mit »irdischen Töchtern« höchst intim verkehrten und Nachwuchs erzeugten, nämlich die »Nephilim«, die Riesen.

Ein weiterer »Qum Ran Text« (17) spricht konkret vom »Wagen der Herrlichkeit«, erwähnt einen »Streitwagen der Herrlichkeit mit Scharen von Radengeln«. In einem weiteren Text (18) wird Henochs »himmlisches Wissen über die himmlischen Sphären und ihre Wege« gelobt. Kein Wunder: Wie wir aus dem 1. Buch Moses (19) wissen, wandelte Henoch mit den Göttern der Vorzeit. Er starb auch keines natürlichen Todes auf Erden. Er wurde vielmehr ins All »entrückt«.

Ins All reiste, wieder in einem »Qum Ran Text« beschrieben, auch Michael. Da gibt es einen kurzen, höchst interessanten Text. Robert H. Eisenman (* 1937),  US-amerikanischer Archäologe, ist Professor für die Religion und Archäologie des Nahen Ostens und Direktor des »Instituts für die Erforschung der frühen jüdisch-christlichen und islamischen Geschichte« an der California State University, Long Beach. Eisenman gilt als Qumran-Fachmann. Wer sich gründlich mit den Texten von Qumran auseinandersetzen möchte, sei auf sein Werk »Jesus und die Urchristen« (20) verwiesen. Prof. Eisenman geht auf ein kurzes Textfragment ein (4 Q 529). Er schreibt (21):

»Dieser Text, den man auch ›Die Vision des Michael‹ überschreiben könnte, gehört eindeutig zur Literatur der Himmelfahrts- und Visionserzählungen.«. Schließlich zitiert Prof. Eisenman die Übersetzung des Fragments (22): »Die Worte aus dem Buch, die Michal zu den Engeln Gottes sprach, nachdem er zu den Höchsten Himmeln aufgefahren war. Er sagte:›Ich fand Scharen von Feuer dort.‹«

Sehr interessant ist ein weiteres Textfragment (4Q385-389), dem Prof. Eisenman ein eigenes Kapitel widmet (23): »Deutero-Hesekiel«. Offensichtlich ist der Text nur bruchstückhaft erhalten. Da taucht im wahrsten Sinne des Wortes Hesekiel auf (24): »Die Vision, die Hesekiel sah… ein Strahl eines Wagens…« Und weiter lesen wir (25):  »Rad mit Rad verbunden, während sie gingen, und von den beiden Seiten der Räder kamen Ströme von Feuer, und in dern Mitte der Kohlen waren lebende Wesen, wie Kohlen im Feuer, Lampen sozusagen in der Mitte der Räder und der lebenden Gestalten. Über ihren Köpfen war ein Firmament, welches wie das schreckliche Eis aussah. Und über dem Firmament kam ein Laut..«
  
Fußnoten
(1) Fohrer, Georg: »Das Alte Testament«, Gütersloh 1969, S. 10
(2) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928
Eine minimal, wirklich nur marginal abweichende Übersetzung bietet Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900, Seiten 510-528
(3) Ebenda, Seiten 668-681
(4) Ebenda, Seite 668, §1
(5) 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 23+24
(6) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 668, §3
(7) 1. Buch Mose, Kapitel 3, Verse 1-7
(8) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 669, §9
(9) Ebenda, Seite 673, §21 Zeile 11 und §22 Zeile 1
(10) Ebenda, Seite 1311, 6.-4. Zeile von unten
(11) »The Zohar: Pritzger Edition«, Band I, Stanford, Kalifornien, 2004, Seitze 234, 4.+5.- Zeile von oben
(12) Ebenda, Seite 63, 3.-6. Zeile von oben (»They are included in the category of gods, though they did not make heaven and earth.«)
(13) Ebenda, Seite 233, Zeilen 13+14 von oben und Seite 234, Zeilen 1+2 von oben: »When Uzza an Azazel fell from their holy site above, they saw the daughters of human beings, sinned and engendered sons. These were nefilim, fallen beings, as is written: The nefilim, fallen beings, were on earth.« (Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein)
(14) Ebenda, Seite 330, rechte Spalte oben, Zeieln 1-4: »These are Uzaza and Azael, as has been stated, cast down by the blessed Holy One from supernal samnctity.« (Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein)
(15) 1. Buch Mose, Kapitel 6, Verse 1-4
(16) Textbezeichnung 4 Q 532
(17) Textbezeichnung 4 Q 286/287
(18) Textbezeichnung 4 Q 227
(19) 1. Buch Mose, Kapitel 5, Vers 24
(20) Eisenman, Robert und Wise Michael: »Jesus und die Urchristen/ Die Qumran-Rollen entschlüsselt.«, 2. Auflage, München 1993
(21) Ebenda, S. 43, 20.-18. Zeile von unten
(22) Ebenda, Seite 45, Mitte
(23) Ebenda, Seiten 65-70
(24) Ebenda, Seite 68, 14. Zeile von unten
(25) Ebenda, 6.-1. Zeile von unten


Zu den Fotos
Foto 1: Studium altehrwürdiger Texte (Ein Haggadah-Manuskript), ca. 1425. wiki commons
Foto 2: Sturz aus dem Himmel. Albrecht Dürer, etwa 1500. wiki commons
Foto 3: Vom Himmel hinab! Peter Paul Rubens um 1630. wiki commons

530. »Nicht eines Menschen Atem«,
Teil 530 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15. März 2020




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Sonntag, 1. März 2020

528. »Zehntausende von blitzenden Wagen hat Gott.«

Teil 528 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Kain...
von der Erde hinweggenommen....
Die Mordsgeschichte (1) im Telegrammstil: Adam und Eva haben zunächst zwei Söhne, Kain und Abel. Beide opfern ihre Gaben für Gott. Gott nimmt Abels Opfer an, das von Kain verschmäht er. Wütend ermordet Kain seinen Bruder. Die Strafe Gottes für Kain folgt. Gott spricht (2): »Und nun verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bauen wirst, soll er dir hinfort sein Vermögen nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.« Kain beklagt sich bitter (3): »Siehe, du treibst mich heute aus dem Lande, und ich muß mich vor deinem Angesicht verbergen und muß unstet und flüchtig sein auf Erden.« Von besonderem Interesse ist der Anfang von Vers 14. Vergleichen wir verschiedene Übersetzungen!

»Luther-Bibel« 1912: »Siehe, du treibst mich heute aus dem Lande.«
»Luther-Bibel« 2017: »Siehe, du treibst mich heute vom Acker.«
»Hoffnung für alle«: »Ach, Gott, du verstößt mich von dem Land.«
»Schlachter 2000«: »Siehe, du vertreibst mich heute vom Erdboden.«
»Zürcher Bibel«: »Sieh, du hast mich heute vom Ackerboden vertrieben.«
»Gute Nachricht Bibel«: »Du vertreibst mich vom fruchtbaren Land.«
»Elberfelder Bibel«: »Siehe, du hast mich heute von der Fläche des Ackerbodens vertrieben.«

Was genau geschieht nun mit Kain? Wird er aus dem Land geworfen? Oder wird er vom fruchtbaren Ackerland vertrieben? Im hebräischen Original steht אדמה , lies »'ădâmâh«. Das Wort kann »Land«, »Erdboden« und »Erde« bedeuten. In welcher Bedeutung wird »'ădâmâh« im konkreten Vers verwendet? Wenn es irgendwo eine klärende Antwort auf diese Frage gibt, dann ja wohl im Zohar. In diesem Werk, das eher eine Bibliothek als ein Buch ist, gibt es eine spannende Antwort (4): »Und siehe: Du hast mich vom Angesicht der Erde verbannt.« Vom »Angesicht der Erde«? Nach dem Zohar wurde Kain vom Angesicht der Erde hinweg genommen und nach »Arqa«, auf eine der sieben Planeten-Welten, gebracht!

Ich muss hier an die wahrhaft kosmische Reise erinnern, die Kain nach den »Legenden der Juden« absolviert hat: Nach den »Legenden der Juden« ermordete Kain seinen Bruder Abel auf dem Planeten »adamah«. Zur Strafe wurde er auf den Planeten »erez« verbannt. Erst als Kain Reue zeigte, brachte ihn Gott auf eine andere Welt. So kam er vom kosmischen »Alkatraz« auf Planet »arqa« (andere Schreibweise: »arka«).

Nach dem Zohar ist »Arqa« ein fremder Planet. Erzählt wird (5), dass Rabbi Chiya und Rabbi Yossi auf einer ihrer Reisen eine wundersame Begegnung mit einem Bewohner von »Arqa« hatten. Viele Jahre suchte ich im umfangreichen »Zohar« nach der geheimnisvollen Begegnung. Erich von Däniken gibt in seinem zweitem Weltbestseller »Zurück zu den Sternen/ Argumente für das Unmögliche« eine Konversation zwischen Menschen und einem Außerirdischen wieder (6): »Rabbi Yossé (Yossi) trat vor den Fremden und fragte ihn, von wo er denn sei. Der Fremde antwortete: ›Ich bin ein Bewohner Arqas.‹ « Der Rabbi reagierte überrascht und fragte nach (7): »›Es gibt also Lebewesen auf Arqa?‹ Der Fremde antwortete: ›Ja. Als ich Euch kommen sah, bin ich aus der Höhle gestiegen, um den Namen der Welt zu erfahren, auf der ich angekommen bin.‹«

Lange Zeit suchte ich nach dem Originaltext im »Zohar«, leider vergeblich. Schließlich begann ich eine intensive Recherche im Internet. Wieder sah es so aus, als würde meine Suche im sprichwörtlichen Sand verlaufen. Doch dann kam ein Kontakt mit Rabbi Mendel Adelman zustande. Rabbi Adelman wurde in Amherst, Massachusetts, geboren und wuchs dort auf.  Er studierte an den jüdische Hochschulen in New Haven, Connecticut, und Brooklyn, New York. Rabbi Adelman lebt in Atlanta, Georgia. Er publiziert zum Thema »jüdisches Recht« und hält viel beachtete Vorträge.

Rabbi Adelman erwies sich als sehr umgänglich, freundlich und hilfsbereit. So übersetzte er die entscheidenden Passagen aus dem Zohar (8) für mich. Rabbi Chiya und Rabbi Yossi vernahmen eine Stimme, die ihnen dringend davon abriet, einen bestimmten Weg einzuschlagen. Sie folgten den Anweisungen der Stimme und bestiegen schließlich einen Berg. Dort begegnete ihnen ein fremdartiges Wesen. Sie hielten inne und fragten dieses Wesen, woher es denn komme. 

Die Antwort lautete: Von Arqa. Erstaunt hakten Rabbi Chiya und Rabbi Yossi nach: »Leben dort Leute?« Das Wesen bejahte. Allerdings sähen die Bewohner von Arqa anders als die beiden Rabbis aus. Für die beiden Rabbis war die Begegnung mit dem Wesen von der Planeten-Welt Arqa etwas Wundersames, das sie aber durchaus akzeptieren konnten.

Ob sie, wie so manche Rabbis unserer Zeit, davon überzeugt waren, dass es im All unzählige Planeten-Welten gibt, auf denen die unterschiedlichsten Lebewesen beheimatet sind? Nach dem »Tikuney Zohar«, der fast vollständig in aramäischer Sprache verfasst wurde, gibt es »Sterne ohne Zahl und jeder Stern wird als separate Welt bezeichnet. Dies sind die Welten ohne Zahl«. Von 18.000 Welten ist die Rede, offenbar von belebten, bewohnten Planeten-Welten.

»Avodah Zarah« (zu Deutsch etwa »Götzendienst«) ist ein religiöses  Traktat aus dem Talmud, »Sefer Nezikin«) und behandelt religiöse Vorschriften für Juden, die unter Nichtjuden leben. Geregelt wird der Umgang mit nichtjüdischen »Götzendienern«.  Zu den »Nichtjuden«, so scheint es, werden auch die Bewohner fremder Planeten-Welten, sprich Außerirdische, gezählt. Für den Umgang mit Außerirdischen galten die gleichen Verhaltensregeln wie gegenüber nichtjüdischen Mitmenschen auf Planet Erde.

Gott bereist nach altem jüdischem Glauben weite Räume. Er fliegt zu sehr vielen Welten. So steht es im mysteriösen »Avodah Zarah«-Text (9). »Er reitet auf seinem leichten Engel und fliegt in achtzehntausend Welten.« Was mag mit Gottes »leichtem Engel« gemeint sein, auf dem er »reitet«?

Nach einem von mir konsultierten Rabbi beziffert »Avodah Zarah« die Zahl der »Wagen Gottes« auf insgesamt 20.000, von denen 2.000 »nicht präsent« seien. Soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass 2.000 dieser Wagen unterwegs zu fremden Planetenwelten waren? Wie dem auch sei: Es wird offensichtlich davon ausgegangen, dass Gott sehr viele fliegende Wagen zur Verfügung standen. Dazu passt ein Vers aus dem »Alten Testament«. Der 68. Psalm (nach griechischer Zählung der 67.) wird David zugeschrieben. Er gilt zumindest in seinem Grundbestand als einer der ältesten erhaltenen Psalmen. Zu finden ist er im zweiten Buch des Psalters. Im Lobpreis Gottes wird im Psalm (10) auf die Vielzahl seiner himmlischen Vehikel hingewiesen. Offensichtlich sind sich die diversen Übersetzer nicht einig, über wie viele fliegende Wagen Gott wohl verfügte. Allem Anschein nach weiß man nicht, wie denn die richtige Übersetzung lauten muss. Keinen Zweifel kann es aber daran geben, dass es tausende und abertausende Wagen waren. Ich habe eine ganze Reihe von Bibelübersetzungen konsultiert, die ich zur Diskussion stelle.

»Luther-Bibel 2017«: »Der Wagen Gottes sind vieltausendmal tausend.«
»Elberfelder«: »Der Wagen Gottes sind zehntausendmal Tausende.«
»Schlachter 2000«: » Gottes Wagen sind zehntausendmal zehntausend, tausende und Abertausende.«
»Zürcher Bibel«: »Die Wagen Gottes, vielmal tausend und abertausend.«
»Gute Nachricht Bibel«: » Zehntausende von blitzenden Wagen hat Gott, in ihrer Mitte der Herr selber, der Heilige in seiner Herrlichkeit.«
»Einheitsübersetzung 2016«: » Die Wagen Gottes sind zahllos, tausendmal tausend.«
»Neue Evangelistische Übersetzung«: »Zehntausende von blitzenden Wagen hat Gott.«
»English Standard Version« (11): »The chariots of God are twice ten thousand, thousands upon thousands.« (»Die Wagen Gottes sind zweimal zehntausend, tausende und abertausende.«)
»New International Version«: »The chariots of God are tens of thousands and thousands of thousands.« (»Die Wagen Gottes sind zehntausende und tausende von Tausenden.«)
»New International Readers Version«: »God has come with tens of thousands of his chariots. He has come with thousands and thousands of them.« (»Gott ist mit zehntausenden seiner Wagen gekommen. Er ist mit tausenden und abertausenden von ihnen gekommen.«)
»King James Version«: »The chariots of God are twenty thousand, even thousands of angels.« (»Die Wagen Gottes sind zwanzigtausend, sogar Tausende von Engeln.«)

Nur die »King James Version« bringt im Zusammenhang mit den Wagen Gottes »tausende Engel« ins Spiel. Reisen sie mit in Gottes Wagen? Kritiker werden einwenden, dass mit den »Wagen Gottes« keineswegs Flugvehikel, sondern höchst irdische, über Stock und Stein rumpelnde Wagen gemeint seien. Ich muss aber in Erinnerung rufen, dass laut »Avodah Zarah« Gott in achtzehntausend Welten fliegt. Mit erdgebundenen Wagen kann er das nicht bewerkstelligen.

Foto 2: Buchcover »Zurück zu den
Sternen« von
Erich von Däniken
Rabbi Hasdai ben Abraham Crescas (*um 1340 in Barcelona, Katalonien; † 1410/11 in Saragossa, Aragonien) gilt als einer der großen jüdischen Gelehrten. Er hat wohl eine ganze Reihe von Werken verfasst, von denen fast alle als verloren gelten müssen. Sein Hauptwerk »Or HaShem« über das »Licht des Herrn« bietet ein weites Spektrum theologischer Gedanken, aber auch Überlegungen zum Thema »außerirdisches Leben«. Rabbi Hasdai ben Abraham Crescas verweist auf die 18.000 Planeten-Welten, in die Gott nach dem  »Avodah Zarah« fliegt. Der Rabbi hielt es für ausgeschlossen, dass sich Gott mit unbewohnten Planeten-Welten abgibt. Zohar-Experte, Kabbalist und Physiker Aryeh Kaplan konstatierte seine dezidierten Ansichten über altjüdisches Schrifttum und die Frage nach der Existenz außerirdischen Lebens klar verständlich: »Die Grundvoraussetzung der Existenz außerirdischen Lebens wird vom Zohar nachdrücklich unterstützt.« Rabbi Kaplan wagte auch einen Blick in die Zukunft.

Für ihn ist es legitim, Aussagen des Zohar über das nahende messianische Zeitalter mit interstellarer Raumfahrt in Verbindung zu bringen. Sollen doch nach dem Zohar dereinst rechtschaffene Menschen von Planet Erde fremde Planetenwelten regieren (12). Das freilich würde interstellare Raumfahrt voraussetzen. Der Zohar, so argumentierte Rabbi Aryeh Kaplan, prognostiziert das Aufkommen der interplanetaren und der  interstellaren Raumfahrt und er liefert zumindest einen der Gründe, warum die Raumfahrt als Teil des Auftakts kommender Zeitalter unvermeidlich sein würde. Mit anderen Worten: Der Zohar weiß von den »Erinnerungen an die Zukunft«.

Fußnoten
(1) 1. Buch Mose, Kapitel 4, 1-16
(2) Ebenda, Verse 11 und 12
(3) Ebenda, Vers 14, in der Luther-Bibel von 1912 (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht nach der Rechtschreibreform korrigiert.)
(4) »The Zohar: Pritzger Edition«, Band I, eBook-Ausgabe, Position 2610
(5) Zohar 1:157a
(6) Däniken, Erich von: »Zurück zu den Sternen/ Argumente für das Unmögliche«, Düsseldorf und Wien 1969, S. 239, 10.-7. Zeile von unten
(7) Ebenda, 5.-1. Zeile von unten
(8) E-Mail-Korrespondenz mit Rabbi Mendel Adelman vom 5., 6., 7. Und 11. Januar 2020.
(9) »Avoda Zara« 3b
(10) Psalm 68, Vers 18
(11) Die Übersetzung der Verse aus englischen Bibelausgaben ins Deutsche habe ich vorgenommen.
(12) »Sli'mos Rabbah« 52:3

Zu den Fotos
Foto 1: Kain... von der Erde hinweggenommen....Urschalling, Bayern. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Buchcover »Zurück zu den Sternen« von Erich von Däniken.

529. »Adam, Eva und das Gift Gottes«,
Teil 529 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 08. März 2020


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