Sonntag, 26. Januar 2020

523. »Meister der Intelligenz und Wissenschaft«


Teil 523 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1:
Der Zohar, gedrucktes Cover,
1558
Der »Zohar«, andere Schreibweise »Sohar«, hebräisch זֹהַר, ist der wahrscheinlich wichtigste Bestandteil der geheimen Kabbala. Übersetzen lässt sich »Sohar« mit »strahlender Glanz«. Die »Kabbala« umfasst eine wahre Flut geheimnisvoller Texte, in denen »das Überlieferte« der jüdischen Tradition festgehalten wurde. In die »Kabbala« wurden vor Jahrhunderten mündlich überlieferte Lehren ebenso wie bereits in Schriftform fixierte Texte aufgenommen.

Der Zohar tauchte erstmals zwischen 1280 und 1286 in Spanien auf. Zunächst waren lediglich »Teillieferungen« bekannt. Erst in der Zeit von 1370 bis 1410 soll der Zohar als geschlossenes Werk zusammengefügt worden sein. Verborgen in einer Flut von philosophisch-magischen Beschreibungen der vielschichtigen Realität finden sich konkrete Angaben, die auf verblüffende Erkenntnisse über das physisch-reale Universum schließen lassen.

Es wäre mehr als anmaßend von mir, wollte ich auch nur versuchen, den Zohar in seiner Bedeutung zu erfassen. Viele Generationen hochgebildeter Gelehrter haben sich mit der Weisheit des Zohar beschäftigt. Mein Ziel ist weniger ambitioniert. Ich begnüge mich in den weiten, weiten Welten des Zohar konkrete Angaben über Erde und Universum zu entdecken. Dass ich damit dem Zohar als Quell‘ der Weisheit nicht gerecht werden kann, das ist mir natürlich bekannt. Ich habe mit einigem Erfolg Erstaunliches im Zohar gefunden. DEN Zohar zu erfassen, das mag mehr noch als ein lebenslanges Studium der mysteriösen Texte voraussetzen. Auch habe ich im Zohar nicht Gott, den der Gläubige auch den Allmächtigen nennt, gesucht. Ich war lediglich auf scheinbar »unmögliches Wissen« neugierig, das sich in allen heiligen Büchern verbirgt.

Der Zohar weiß zu berichten, dass legendäre Rabbis und andere bedeutsame Wissende offenbar in »himmlischen Lehrstätten« eingeweiht wurden. Der Sohar weiß von »Lehrhäusern« in denen »himmlische Lehrer« wirkten. In einem schwer verständlichen Text ist vom »Knaben im himmlischen Lehrhaus« (1) die Rede (2): »Fürchte dich nicht, heiliger Sohn! Hier wirst du sieben Tage unter uns weilen und jeden Tag baden im heiligen Tau. Dann wird man dich ins Innere dieser Lehrstätte bringen samt den anderen Kindern.«

Was dürfen wir uns die »himmlischen Lehrstätten« und die »himmlischen Lehrer« vorstellen? Wo wurde wem was unterrichtet? Wohin wurden die anderen Kinder Geschafft? Wo befand sich das »himmlische Lehrhaus«? Gab es Lehrbücher? Wer waren die Lehrer?

Fundamentalistische Anhänger der drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam nehmen gern für den eigenen Glauben an, dass er das Ergebnis göttlicher Offenbarung ist. »Altes Testament«, »Neues Testament« und Koran sind für strenggläubige Fundamentalisten unantastbar und göttlich. Dabei ist kein »Heiliges Buch« dank göttlicher Eingebung aus dem Nichts entstanden. In der christlichen Theologie ist dies schon sehr lange bekannt und anerkannt. Wo an Universitäten christliche Theologie gelehrt wird, da sind die Texte der Bibel alles andere als unantastbar. Sie werden mit wissenschaftlicher Methodik hinterfragt. So wird mit geradezu detektivischem Spürsinn zu ergründen versucht, wann wohl ein angebliches Jesus-Zitat entstanden ist. Kann es denn wirklich von Jesus selbst ausgesprochen worden sein? Oder wurde es sehr viel später von der christlichen Gemeinde Jesus in den Mund gelegt?

 Völlig zutreffend formuliert wikipedia (3): »Die historisch-kritische Methode ist ein im 18. und 19. Jahrhundert entwickelter Methodenapparat zur Untersuchung von historischen Texten. Bekannt ist sie vor allem aus der biblischen Exegese. Sie hat zum Ziel, einen (biblischen) Text in seinem damaligen historischen Kontext zu verstehen und schließlich auszulegen. Dabei spielen die Rekonstruktion der vermuteten Vor- und Entstehungsgeschichte des Textes und seine Einbindung in das damalige Geschehen eine besondere Rolle. Wichtige Teildisziplinen der historisch-kritischen Methode sind die Textkritik, die Textanalyse, die Redaktions-, Literar-, Form- und die Traditionskritik. Die historisch-kritische Methode ist heutzutage als grundlegende Methode der Bibelauslegung in der evangelischen und in der katholischen Kirche anerkannt, wenn auch nicht unumstritten.« 

Prof. Leonhard Berthold (*1774; †1822) nutzte sie bereits im frühen 19. Jahrhundert in seinen theologischen Publikationen und lehrte sie an der Universität zu Erlangen. Der Gelehrte sah die historisch-kritische Methode als den wichtigsten Schlüssel zu kanonischen und apokryphischen Schriften der Bibel an. Eine vergleichbar kritische Herangehensweise an den Koran dürfte in so manchem vom Islam geprägten Land geradezu lebensgefährlich für jeden Forscher sein.


Unbestreitbar ist, dass sich in Sachen fremde Welten deutliche Parallelen zwischen jüdischen Geheimlehren und dem Koran nachweisen lassen. Während die siebe Erden in den Legenden der Juden namentlich aufgezählt werden, bleiben sie im Koran anonym. In der Koranübersetzung von M. A. Rassoul lesen wir in Sure 65, 12: »Allah ist es, Der sieben Himmel erschuf und von der Erde die gleiche Anzahl.« Der Sachverhalt wird in sämtlichen Übersetzungen des Koran so beschrieben. In Vers 12 von Sure 65 wird in allen mir bekannten Übersetzungen ganz eindeutig festgehalten, dass Gott nicht eine, sondern sieben Planetenwelten schuf. So übersetzt Rudi Paret: »Allah ist es, der sieben Himmel geschaffen hat, und von der Erde ebensoviel.«

Foto 2:
Der Zohar,
gedrucktes Cover,
1558
Dr. Amira El-Zein, »Georgetown Universität« Katar, Doha, ließ in einem Kommentar im Deutschlandfunk keine Zweifel daran aufkommen, dass der Koran nicht nur die Erde als bewohnten Planeten kennt, sondern deren sieben (4): »Ferner gibt es sieben Himmel und sieben Erden. Sie unterscheiden sich untereinander und von unserer Erde. Alle haben ihre eigene Natur und ihre eigenen Bewohner.«

Im »Alten Testament« wird im »Buch der Richter« Merkwürdiges beschrieben (5). Die »Richterin Debora« will im Kampf Barak gegen seinen Feind Sisera unterstützen. Es kam zu einer Schlacht wahrhaft kosmischen Ausmaßes, an der sowohl Könige als auch Sterne beteiligt waren (6): »Die Sterne am Himmel kämpften mit, von ihren Bahnen aus kämpften sie gegen Sisera.« Die Bürger von Meros werden verflucht, weil sie im gewaltigen Gemetzel nicht auf der Seite Gottes fochten. In der zuverlässigen Übersetzung der »Elbefelder Bibel« lesen wir (7): »Verfluchet Meros! sprach der Engel des HERRN. Verfluchet, ja, verfluchet seine Bewohner! Denn sie sind dem HERRN nicht zu Hilfe gekommen, dem HERRN zu Hilfe unter den Helden.«

Wer oder was war »Meros«? Darüber herrschte unter jüdischen Gelehrten Uneinigkeit. Im »Talmud« heißt es (8): »Manche sagen, er war ein bedeutender Mann, und manche sagen, es war ein Stern.« Talmud-Experte Rabbi Eliyahu Pinchas von Vilna dachte kosmisch. Nach Ansicht des Gelehrten war Meros »die Zivilisation auf einem fernen Planeten«. Rabbiner Chasdai Crescas brachte bereits im 14. Jahrhundert außerirdische Lebewesen ins Spiel. Der Rabbiner und weise Philosoph Chasdai Crescas zitierte zunächst den Talmud (9). Da heißt es doch, dass Gott eine wahrhaft kosmische Reise absolvierte und entweder dem Gesang der Engel lauscht oder in seinem Vehikel 18.000 Welten besucht. Für Rabbi Crescas gab es keinen Zweifel: 

Gott war in 18.000 Welten präsent, also müsse man ja wohl annehmen, dass es auf diesen Welten auch Lebewesen, sprich »Außerirdische« gibt. Baruch Crowley hat für »The Jewish Magazine« einen sehr ausführlichen Artikel verfasst. Der Titel lautet: »Leben auf anderen Welten/ Die Existenz anderer Welten«. Crowley schreibt (10): »Basierend auf einer Aussage im Talmud könnten sich diese außerirdischen Individuen, die in der kabbalistischen Literatur recht seltsam als ›Meister der Intelligenz und Wissenschaft‹ bekannt sind, in einer Hinsicht von den Menschen unterscheiden, nämlich in der Fähigkeit, ›freien Willen‹ so wie wir Menschen es können auszuüben.«
 
Rabbi Ariel Bar Tzadok, Chicago, nimmt Hinweise im Zohar sehr ernst. Und er hält es für möglich, dass die im Zohar beschriebenen außerirdischen Wesen in unseren Tagen zur Erde zurückgekehrt sind und mit Menschen Kontakt aufnehmen. Baruch Crowley spekuliert in »The Jewish Magazine« über mögliche Motive dieser kosmischen Besucher. Sind sie uns technologisch haushoch überlegen, fehlt ihnen aber etwas, was zum Menschsein gehört: Spiritualität? Beneiden sie uns Menschen vielleicht sogar? Wollen sie erkunden, was den Mensch jenseits der Logik ausmacht? Baruch Crowleys Überlegung ist spekulativ, aber sehr interessant.

Es scheint alte Überlieferungen zu geben, die sehr konkrete Angaben zu fremden Planeten und deren Bewohnern bieten. Auf theologische Erörterungen, etwa ob die Bewohner ferner »Erden« in fremden Sonnensystemen über einen freien Willen verfügen, möchte ich mich nicht einlassen. Derlei Gedankengänge mögen Theologen wichtig sein. Freilich können haben Theologen offenbar nur spekulatives Wunschdenken zu bieten. Wenn es schon in anderen Sternensystemen auf anderen Welten Lebewesen gibt, dann dürfen die nicht uns Menschen ebenbürtig oder gar überlegen sein. Sie müssen in einer fiktiven Hierarchie unter uns stehen. Sie dürfen nicht über einen freien Willen verfügen. 

Theologen postulieren gern die einzigartige Bedeutung des von Gott höchstpersönlich geschaffenen Menschen als Krone der Schöpfung. Sie behaupten gern, Gott selbst habe uns Menschen über den Rest der Schöpfung gestellt, die wir angeblich nach seinem Willen uns untertan machen sollen. Wissenschaftler mögen über religiöse Weltsicht herablassend lachen und der Theologie jede Wissenschaftlichkeit abstreiten. Sie selbst aber sehen den Menschen auch als eine »Krone« an, freilich nicht als Ergebnis eines göttlichen Schöpfungsakts, sondern als Resultat einer Fülle von Zufällen. An die Stelle des allmächtigen Gottes tritt in ihrem Weltbild die auf Zufällen basierende Evolution. »Wissenschaftliches« wie theologisch-religiöses Weltbild sind Ergebnisse des gleichen elitären »Denkens«. Wissenschaftler wie Theologen huldigen ihrem Wunschdenken. Und beide sehen sich in schöner Selbstüberschätzung als den Überlegenen. Die einen meinen, den tumben Aberglauben der Theologie besiegt zu haben. Die anderen wähnen sich den Wissenschaftlern überlegen zu sein, weil sie sehr viel tiefere und wichtigere »Wahrheiten« erkennen zu können glauben.

Foto 3:
Der Zohar, gedrucktes Cover,
1558
Mir scheint, hier erweisen sich weder Theologen noch »Wissenschaftler« als »Meister der Intelligenz und Wissenschaft« Wie sagte Albert Einstein (11): »Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind.« Ein Wort von Heinrich Heine (*1798; †1856) kommt mir in den Sinn (12): »In dunkeln Zeiten wurden die Völker am besten durch die Religion geleitet, wie in stockfinstrer Nacht ein Blinder unser bester Wegweiser ist; er kennt dann Wege und Stege besser als ein Sehender. Es ist aber töricht, sobald es Tag ist, noch immer die alten Blinden als Wegweiser zu gebrauchen.«

Fußnoten
(1) Necker, Gerold (Herausgeber): »Der Sohar/ Das heilige Buch der Kabbala/ Ausgewählte Texte aus dem Sohar«, Wiesbaden, 4. Auflage 2019, Seiten 414-417
(2) Ebenda, Seite 417, 2.-4. Zeile von oben
(3) wikipedia, Stichwort »Historisch-kritische Methode«.
https://de.wikipedia.org/wiki/Historisch-kritische_Methode, Stand 01.01.2020
(4) https://www.deutschlandfunk.de/sure-51-vers-56-geister-namens-dschinn.2395.de.html?dram:article_id=415855 Stand 07.05.2020
(5) »Buch der Richter«, Kapitel 5, Verse 2-31
(6) Ebenda, Vers 20
(7) Ebenda, Vers 23
(8) »Moed Katan« 16a
(9) »Daf Shevui to Avoda Zara« 3b. Zitat in der englischsprachigen Quelle: » God seems to have fun by night. Either he rides around on his chariot, visiting his 18,000 worlds. Or he listens to his singing angels.«
(10) Crowley, Baruch: »Life on Other Worlds/ The Existence of Other Worlds«
http://www.jewishmag.com/8mag/worlds/worlds1.htm Stand 01.01.2020
(11) Zitiert nach Vallentin, Antonina: »The Drama of Albert Einstein«, New York 1954. Originalzitat: »Science without religion is lame, religion without science is blind.«
(12) Heine, Heinrich: »Sämtliche Werke in zwölf Teilen«, Leipzig 1921, Band 12, S. 296

Zu den Fotos
Fotos 1-3: Der Zohar, gedrucktes Cover, 1558. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein



524. »Die sieben anderen Welten der Kabbala«,
Teil 524 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 2. Februar 2020
 


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Sonntag, 19. Januar 2020

522. »Sieben Erden und ›unmögliches‹ Wissen«

Teil 522 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Kaum ein Student
interessierte sich für die
»Legenden der Juden«.
Bei Prof. Ernst Bammel (*1923; †1996) studierte ich emsig mehrere Semester Judaistik in der altehrwürdigen Universitätsstadt Erlangen. Mit einigen wenigen anderen Studenten übersetzten wir Texte von Qumran ins Deutsche. Auf dem »offiziellen« Lehrplan Fachbereich evangelische Theologie kamen die hochinteressanten Seminare Prof. Bammels gar nicht vor.

Die Teilnahme an diesen Veranstaltungen brachte für uns Studenten »Scheine«, die bestätigten, dass uns Prof. Bammel in die Wissenschaft der Judaistik eingeführt hatte. Doch besagte »Scheine« waren für das Weiterkommen im Studium ohne jede Bedeutung. Deshalb wurden Prof. Bammels Veranstaltungen nur von einigen vereinzelten Studenten besucht. Da hat ein hochangesehener Professor der Theologie spannende Veranstaltungen über Jesu Welt angeboten, wie sie in den Qumran-Schriften und den »Legenden der Juden« beschrieben wird. Meiner Meinung nach waren die Seminare Professor Bammels unverzichtbar für jeden Suchenden, der Jesus und seine Welt besser verstehen wollte. Ich kann es bis heute nicht nachvollziehen: Kaum ein Student der evangelischen Theologie zeigte auch nur das leiseste Interesse.

 Prof. Bammel war es, der mich Ende der 1970er Jahre auf die »Legenden der Juden« aufmerksam machte. Von ihm erfuhr ich, dass es dort Hinweise auf fremde Planeten oder Erden gab. In meinen Notizen, die ich damals anfertigte, hielt ich fest: »Nach Louis Ginzberg gibt es sieben Welten oder Erden. Siehe ›Legends of the Jews‹!«

Ich suchte im siebenbändigen Werk »Legends of the Jews« von Ginzberg nach Informationen über Welten/ Erden im Weltall und wurde rasch fündig. Sieben »Erden« wurden aufgelistet: »erez«, »adamah«, »arka«, »harabah«, »yabbashah«, »tebel« und »heled«. Ginzberg vermerkt (2): »Unsere eigene Erde wird ›heled‹ genannt.« Ich suchte bei Ginzberg nach weiteren Welten/ Erden und würde wieder fündig. Es gab eine zweite Auflistung von wiederum sieben »Erden«. Sie ist nicht identisch mit der ersten Liste, mit der sie nur in Teilen übereinstimmt: »erez«, »adamah«, »arka«. »ge«, »neshiah« und »ziah«. Drei fremde »Erden« tauchen in beiden Listen auf. Der wohl gravierendste Unterschied: In Liste 1 heißt unser Heimatplanet »heled«, in Liste 2 aber »tebel«. Kurios: »tebel« ist in Liste 1 der Name einer fremden »Erde«. Fakt ist, dass es in den »Legends of the Jews« ganz klare Hinweise auf fremde »Erden« gibt.

Zwischen den »Erden« gibt es den »abyss«, lesen wir bei Louis Ginzberg (3). Ich darf daran erinnern, dass Louis Ginzberg (*1873; †1953) sein Lebenswerk in deutscher Sprache verfasste. Der deutsche Text wurde ins Englische übertragen. Bislang ist nur die englischsprachige Version erhältlich. Es ist an der Zeit, dass das deutschsprachige Original endlich publik gemacht wird. So können wir nur darüber spekulieren, was wohl im Original steht, wo wir in der Übersetzung »abyss« lesen. »Abyss« bedeutet, ich habe mehrere Wörterbücher konsultiert, »Abgrund«, »Schlund«, »Hölle« und »Unendlichkeit«. Die Vorstellung von »Erden«, die voneinander durch »Abgründe« getrennt sind, erscheint uns heute als zutreffendes Bild vom Kosmos. Das Bild von »Erden«, die sich in der Unendlichkeit förmlich verlieren, wird in den »Legenden der Juden« sehr anschaulich beschrieben.

Man kann nur darüber staunen, wie modern und korrekt die Vorstellung von fremden »Erden« in den »Legenden der Juden« in verständliche Worte gefasst wurde. In der Bibel suchte ich vergeblich nach vergleichbaren Hinweisen auf fremde »Erden« in den Abgründen des Alls. Fündig wurde ich bei meiner Suche allerdings auf unerwartete, korrekte Beschreibungen von der wahren Gestalt von Planet Erde.

Um die ursprüngliche Aussage eines Textes zu erkennen, bedarf es oftmals geradezu detektivischer Recherche: im hebräischen Original der Texte. Dort gibt es viel zu entdecken, was man in Übersetzungen vergeblich suchen wird. Ich will den Übersetzern keineswegs böswillige Falschübersetzungen unterstellen. Die Übersetzer ließen vermutlich erstaunliche Erkenntnisse über das wissenschaftlich korrekte Weltbild früher biblischer Autoren gar nicht bewusst verschwinden. Sie waren voreingenommen und lasen nur das aus den Texten heraus, was ihrer Meinung nach nur darin stehen konnte.

Beim Propheten Jesaja (4) heißt es lapidar: »Er (Gott Jahwe) thront über dem Kreis der Erde.« Der Bibelübersetzer stellte sich dabei die Erdscheibe vor, die zu Füßen Jahwes lag. Ist das aber auch die Aussage des Originaltextes? Dort heißt es wortwörtlich (5): »Der (Jahwe) thronend auf Chug der Erde.«

Was aber ist »Chug«? Der Begriff leitet sich vom Verb »chagag« ab. »Chagag« bedeutete zunächst sich kreisend drehen oder rotieren. Im weiteren Sinne wurde daraus die tanzende Bewegung, schließlich Feste begehen, zelebrieren. Der niederländische Bibelforscher Karel Claeys (*1914; †1986) kommt nach sorgsamer Überprüfung aller Varianten von »Chug« im Alten Testament zu folgender Erkenntnis (6): »Beim Überdenken der einzelnen Begriffe wird deutlich, dass sie alle eine Umspannung, ein Umfassen, ein Bedecken oder Bekleiden eines bestimmten dreidimensionalen Körpers, und zwar eines rundlichen Körpers, bezeichnen.« Nach Karel Claeys muss es sich dabei um die »Kugelschale« oder ganz einfach »die Kugel« gehandelt haben.

Man kann also den eben zitierten Jesajavers auch so übersetzen: »Er (Jahwe) thront über der Kugel der Erde.« Erstaunliche Zusatzinformationen bietet Hiob (7):»Er (Jahwe) ... hängt die Erde über das Nichts.« Was Luther mit »Nichts« übersetzt, heißt im Hebräischen »belimah«. »Belimah« ist ein zusammengesetztes Wort, bestehend aus »beli« (ohne) und »mah« (etwas).  Wenn wir etwas näher beim Herbäischen bleiben wollen: »Er (Jahwe) hängt die Erde über das Nicht-Etwas.«

Was soll das »Nicht-Etwas«? Ich spekuliere etwas: In modernere Wissenschaftssprache übersetzt: Vakuum. Kombinieren wir Jesaja mit Hiob: Gott hängte die Erdkugel über das Nicht-Etwas. Wobei der Ausdruck für Kugel das Moment des Drehens enthält. Geht man also den Worten auf den Grund, erhält man diese Information: Die Erde wurde als eine sich drehende Kugel über oder im Vakuum gesehen.

Hinweise auf das Erdinnere dürfen im Alten Testament auch nicht fehlen. Nach Psalm 24 (8) gehört unser Planet Gott Jahwe, auch »was darinnen ist«. Was aber ist im Inneren der Erde? Aufschluss gibt wiederum ein Psalm, der in der heutigen Übersetzung eigentlich unverständlich ist. Im Psalm 136 heißt es (9) über Gott Jahwe: »Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. Der die Erde über den Wassern ausgebreitet hat, und seine Güte währet ewiglich.« Wie ist »der die Erde über den Wassern ausgebreitet hat« zu verstehen?

Wo »majim« im Hebräischen steht, da wird gewöhnlich Wasser übersetzt. Der Sprachkundler und Lexikograph König sieht dies weitaus differenzierter. So schreibt er in seinem Lexikon (10), »majim« sei als »leicht strömende und zerrinnende Masse«. zu verstehen Unter diesem Gesichtspunkt erhält der Psalmvers eine ganz andere Bedeutung: »Danket dem Herrn, denn er ist freundlich. ... Der die Erde über der leicht strömenden und zerrinnenden Masse ausgebreitet hat.«

Interessant ist auch das Verb »ausbreiten«. Im Hebräischen wird »raqa« verwendet. Was bedeutet es? Die spezielle, konkrete Bedeutung wird klar, wenn wir uns verwandte Begriffe ansehen: »raq« heißt dünn sein, »raqqah« das Dünne. Ein Vergleich mit stammverwandten Wörtern aus dem Arabischen, Äthiopischen, Assyrischen und Syrischen, aber auch mit dem nachbiblischen Hebräischen legt eine ganz spezielle Bedeutung nahe, wie Karel Claeys ausführt (11) nämlich »das Ausbreiten einer dünnen Schicht«.

Eine Überprüfung von drei Vergleichsstellen im Alten Testament bestätigt diese Übersetzung. Bei Jesaja (12) wird von einem Künstler berichtet, der ein »Bild gießt«. Der Goldschmied überzieht es dann mit einer dünnen Schicht Goldes. Im 2. Buch Mose (13) geht es um die Herstellung von Goldplatten, die dünn gehämmert, also ausgedehnt wurden. Auch im vierten Buch Mose wird ein kunsthandwerklicher Vorgang beschrieben (14): Räucherpfannen wurden zu dünnen Blechen umgearbeitet. In allen Fällen beschreibt »raqa« eindeutig einen konkreten Vorgang, nämlich das Überziehen mit einer dünnen Schicht.

So gelangen wir zu einer wortgetreuen Übersetzung: »Danket dem Herrn, denn er ist freundlich. … Der die Erde über der leicht strömenden und zerrinnenden Masse in einer dünnen Schicht ausgebreitet hat.«

Für den Menschen zu Beginn des dritten Jahrtausends gibt es keinen Zweifel an der Kugelgestalt der Erde. Auch über das Erdinnere weiß er Bescheid. Die Erde ist keineswegs ein kompakter, harter Ball. Vielmehr schwimmen die Erdteile, wie es in einem populären Lexikon heißt (15) »wie Eisschollen im Wasser auf dem schweren magmatischen Untergrund«. Mit anderen Worten: Die Erdteile, die Kontinente und Länder sind eine dünne Schicht Erde, die auf dem aus Magma bestehenden weicheren Erdinneren driftet. Auf dem weich-zähflüssigen Brei ruht eine verhältnismäßig dünne Kruste. Dieser durch modernste geologische Forschungen bestätigte Sachverhalt wird bereits im Psalm 136 äußerst prägnant und zutreffend beschrieben, wenn man den ursprünglichen Sinn des hebräischen Wortlauts sorgsam rekonstruiert: »Der (Gott Jahwe) die Erde über der leicht strömenden und zerrinnenden Masse in einer dünnen Schicht ausgebreitet hat.«

Das Alte Testament ist in hebräischer Sprache verfasst. Wer meint, es sei leicht, die richtige Übersetzung zu erstellen, irrt. Übersetzen ist häufig nicht von Interpretieren zu unterscheiden. Es gibt selten eine eindeutige Variante. Frühere Übersetzer irrten. Sie unterstellten den Verfassern das falsche Weltbild von der Erde als Scheibe. Etwas anderes durfte im »Alten Testament« nicht stehen. Also übertrugen sie die Texte entsprechend, wobei sie ihre Voreingenommenheit zu bestätigen suchten. Geht man aber unvoreingenommen an die hebräischen Aussagen, versucht man der ursprünglichen Bedeutung der Worte auf den Grund zu gehen, dann entdeckt man manchmal in uralten Versen ein unglaublich modernes Weltbild: Die Erde ist keine Scheibe, sondern eine Kugel im Vakuum des Alls. Und unter der harten Erdkruste, unter der dünnen harten Erdschicht gibt es Zähflüssiges. Darauf schwimmen die Erdteile wie Eisschollen auf dem Wasser.

Dieses Wissen scheint schon vor Jahrtausenden bekannt gewesen zu sein. Die »Legends of the Jews« enthalten konkrete Hinweise auf fremde Planeten. In Schriften des »Alten Testaments« finden sich Beschreibungen der Erde als sich im All drehendeKugel und auf das »Innenleben« der Erde. Woher stammt derlei eigentlich unmögliches Wissen?

Fußnoten
(1) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews«, Band 1 »From the Creation to Jacob«, Seite 10, 10. Zeile von oben bis Seite 11, 7. Zeile von oben. Übersetzung Walter-Jörg Langbein.
(2) Ebenda, Seite 113, 13. Zeile von unten - Seite 115, 12. Zeile von unten. Übersetzung Walter-Jörg Langbein.
(3) Ebenda, Seite 10, 11. Zeile von oben
(4) Der Prophet Jesaja Kapitel 40, Vers 22, zitiert aus »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der Übersetzung Martin Luthers«, Stuttgart 1972, S.790
(5) Vom Verfasser aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen.
(6) Claeys, Karel: Die Bibel bestätigt das Weltbild der Naturwissenschaft, Stein am Rhein 1987, S. 460
(7) Das Buch Hiob Kapitel 26, Vers 7, zitiert aus »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der Übersetzung Martin Luthers«, Stuttgart 1972, S.584
(8) Psalm 24, Vers 1
(9) Psalm 136, Verse 1 und 6, zitiert aus »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der Übersetzung Martin Luthers«, Stuttgart 1972, S.706
(10) König, E.: »Hebräisches und aramäisches Wörterbuch zum Alten Testament«, Leipzig 1936
(11) Claeys, Karel: »Die Bibel bestätigt das Weltbild der Naturwissenschaft«, Stein am Rhein 1987, S. 630-639
(12) Der Prophet Jesaja Kapitel 40, Vers 19
(13) Das zweite Buch Mose Kapitel 39, Vers 3
(14) Das vierte Buch Mose Kapitel 17, Verse 3-4
(15) »Bertelsmann Lexikothek«, Band 5, Gütersloh 1983, S. 363

Zum Foto
Foto 1: Kaum ein Student unteressierte sich für die Legenden der Juden.
Foto: Jesus hinter der Marienkirche zu Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein, Sommer 2019.



523. »Meister der Intelligenz und Wissenschaft«,
Teil 523 der Serie
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von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26. Januar 2020

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