Sonntag, 1. November 2020

563. »Buchstaben und Schöpfung«

Teil 563 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Das kleine Schwarzweißfoto ist verblasst. Eine Ecke fehlt. Zu sehen ist ein kleines Sandsteinhäuschen. An einer Ecke wagt sich zaghaft etwas Efeu empor. Auf der Rückseite ist, kaum noch leserlich, ein Datum notiert: 10. November 1938. Der Terror nahm seinen Anfang in jener schrecklichen Nacht. In der kleinen Synagoge gab es eine »Zwischendecke«. Und oberhalb von dieser Zwischendecke waren auch handschriftliche Texte zur Kabbala versteckt, wie mir ein altehrwürdiger Herr versichert. Man hat die Texte übersetzt. Aber versteht man sie auch? Der meiner Meinung nach mysteriöseste alte Text ist »Sefer Jesirah«.

Foto 1: Das »Sefer Jesira« - erste Worte im Original.

 Ich bin davon überzeugt, dass so mancher alte Text unverständlich zu sein scheint, weil wir womöglich zu fantastisch anmutende Interpretationen ausschließen. »Sefer Jesirah« kann Hinweise auf ein geradezu fantastisches Wissen in alten Zeiten enthalten, das eher aus der Zukunft als aus der Vergangenheit zu stammen scheint. Für den Menschen des 21. Jahrhunderts kann das Manipulieren am »Baum des Lebens« sinnbildlich für Veränderungen an den Erbanlagen eines Menschen stehen. Heutige Wissenschaftler können schon Leben schaffen, das eigentlich in der Natur so nicht vorgesehen ist. Denkbar sind auch künstlich herbeigeführte Chromosomenmutationen, wenn wie in einem göttlichen Schöpfungsakt gezielt verändertes Leben geschaffen werden soll.

Gewiss, die ethisch-moralischen Bedenken einem solchen Eingriff in das Leben und seine Entwicklung gegenüber sind durchaus berechtigt. Allerdings halten sich mit Sicherheit Wissenschaftler ohne Skrupel nicht an von Ethikkommissionen formulierte Beschlüsse. Was öffentlich noch nicht geschieht, das wird mit großer Wahrscheinlichkeit in Geheimlabors längst probiert. Es ist zudem zu befürchten, dass es nicht nur die Experten irgendwelche obskurer Diktaturen sind, die mit ihren Experimenten die Versuche des fiktiven Barons Frankenstein als harmlose Versuche á la »Jugend forscht« erscheinen lassen.

Foto 2: Buchstaben, Symbole, Magie.
Das Foto dient der Illustration,
es hat keinen direkten
Bezug zum Text!
Im »Sefer Jesirah«, im »Buch der Schöpfung« gibt es einen kurzen Passus, der zu kühnen Spekulationen verleiten kann. William Wynn Westcott (*1848; †1925), Arzt, Autor, Freimaurer, Rosenkreuzer, Theosoph und einer der Gründer des »Hermetic Order of the Golden Dawn« publizierte seine Übersetzung des »Sefer Jesirah« erstmals 1887. In der gängigen Übersetzung ins Deutsche lesen wir (1):

»Er hat mit diesen 22 Buchstaben jedes geschaffene Ding geformt, gewogen und zusammengestellt, und die Form alles dessen, was später sein wird.« Die englische Originalversion von Westcotts Übersetzung lautet in der Übersetzung allerdings etwas anders (2): »Er hat mit diesen zweiundzwanzig Buchstaben jedes Lebewesen und jede noch ungeschaffene Seele geformt, gewogen, verwandelt, komponiert und erschaffen.« Es ist also nicht die Rede von der Erschaffung »jedes Dings«, sondern lediglich »jedes Lebewesens«

Keinen Zweifel scheint es zu geben, von wem da die Rede ist (3): »JAH, der Herr der Heerscharen, Gott der Armeen Israels, ewiger Gott, barmherzig und gnädig, erhaben, in der Höhe wohnend, der in der Ewigkeit lebt.«

Aryeh Kaplan (*1934; †1983) war ein orthodoxer US-amerikanischer Rabbiner und höchst vielseitiger wissenschaftlicher Schriftsteller. Er publizierte umfangreiche Studien über die Tora und den Talmud und veröffentlichte Werke über Mystik und Philosophie. Mehr als 50 Bücher zu Themen der jüdischen Mystik und Religion aus seiner Feder liegen vor.

Was als ein kurzer Bericht von Gottes Schöpfung verstanden wird, das kann, so Aryeh Kaplan auch ganz anders übersetzt werden, nämlich nicht als Beschreibung von Gottes Wirken, sondern als Befehl Gottes (4):»Dieser Abschnitt kann auch als Befehl gelesen werden. … Zweiundzwanzig Buchstaben: Graviere sie, schnitze sie, wiege sie, permutiere sie und verwandele sie und zeige mit ihnen die Seele von allem, was geformt wurde und was in Zukunft geformt wird.«

Foto 3: Der heiligste Name in der Kabbala.

Nach der alternativen Lesweise gibt also Gott den Befehl, Leben zu erschaffen. Ich halte es für sehr gut möglich, dass der Originaltext des »Sefer Jesirah« Hinweise auf die Kunst der Lebenserschaffung enthielt, die dem Verfasser (oder den Verfassern) wie unverständliche Magie erscheinen mussten. Lazarus Goldschmidt, eigentlich Elieser ben Gabriel (*1871; †1950), einer der bedeutendsten Orientalisten und Gelehrteren des Judentums, konnte von derlei märchenhaften, nur Gott vorbehaltenen Möglichkeiten wissen. Und doch gibt er in seiner Übersetzung des »Sefer Jesirah« (5) von 1894 einen entscheidenden Hinweis, der sich als der Schlüssel zu fantastischem Wissen der Altvorderen entpuppen könnte! Bei Lazarus Goldschmidt bleibt wie bei allen anderen Übersetzern, gerade was die Erschaffung von Leben angeht, alles sehr mysteriös.

Als Ausgangspunkt für die Kreation von Leben dienen, so Lazarus Goldschmidt, »Grundbuchstaben«. Dieser Ausdruck kommt bei Goldschmidt mehrfach vor. Sie begegnen uns gleich zu Beginn des »Sepher Jesirah« und das mehrfach (6). Abstrahiert man den wahrlich mysteriösen Text, dann gibt es nach dem »Sepher Jesirah« Grundbausteine, aus denen das Leben zusammen gesetzt wird. In englischen Textfassungen tauchen die »Grundbuchstaben« als »foundation letters« auf, dem englischen Pendant zum deutschen Ausdruck. Was aber sind diese Bausteine, diese Grundbausteine, diese Grundbuchstaben? Was hat es zu bedeuten, wenn von »Grundbuchstaben« die Rede ist?

Bei Lazarus Goldschmidt lesen wir (7): »Dies ist ein grosses, verborgenes und verhülltes (und prächtiges« Geheimnis, versiegelt mit sechs Siegelringen.« Aryeh Kaplan staunt nicht minder über das Geheimnis, wenn er übersetzt (8): »Ein großes, mystisches, verborgenes Geheimnis, versiegelt mit sechs Ringen.« Ziehen wir eine weitere Übersetzung zu Rate (9): »ein mächtiges Mysterium, in höchstem Maße okkult und wunderbar, versiegelt wie mit sechs Ringen«.

Im »Verlag der Weltreligionen« ist »Sefer Jezira« erschienen. Klaus Herrmann bietet Übersetzungen, basierend auf verschiedenen Manuskripten des »Sefer Jezira«. In seiner Übersetzung von »Manuskript London 6577« lesen wir (10): »Ein großes wunderbares, verborgenes, und mit sechs Siegeln versiegeltes Geheimnis.« Worin aber besteht das Geheimnis des »Sefer Jesirah«? Welches Geheimnis bietet das »Buch der Schöpfung«?

Nach dem Schöpfungsbericht im 1. Buch Mose kreierte Gott zunächst den Mann und dann – noch vor der Frau – die Tiere (11): »Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach.« Was heutige Bibelleser kaum noch wissen: Adam benennt die Tiere in einem magischen Akt. Nach uraltem magischem Verständnis gewinnt man Macht über etwas, wenn man es benennt. Diese Vorstellung dürfte Jahrtausende alt sein. Und sie lebt noch im Märchen der Gebrüder Grimm vom »Rumpelstilzchen« fort, zu finden in »Kinder- und Hausmärchen«. Das »Rumpelstilzchen« ist darauf bedacht, dass niemand seinen Namen erfährt, denn wer den Zwerg benennen kann, der hat Macht über den Gnom.

Foto 4: Der heiligste Name in der Kabbala.

Im »Sefer Jesirah« geht es auch um Magie des Worts, genauer gesagt der Buchstaben. Aber wie ist diese Magie zu verstehen? Die Langfassung des mysteriösen Texts umfasst 2.700 Wörter, die kürzeren bieten zwischen 1.500 und 1.700 Wörter. Die älteste gedruckte Fassung in hebräischer Sprache entstand anno 1562 in Mantua (Italien). Wann aber entstand das Werk und wo?

Die ältesten bekannten Kommentare zum »Sefer Jesirah« stammen von Sa'adiah ben Yosef Gaon (*882/892; † 942) und von Dunash ibn Tamim (* um 900; † um 960). Beide Kommentare stammen von renommierten jüdischen Gelehrten, die in der Welt des Islam zuhause waren. Folgerichtig verfassten beide ihre Werke in arabischer Sprache. Das »Sefer Jesirah« war demnach in der islamischen Gelehrtenwelt bekannt. Ist es möglich, dass auch sein Ursprung in dieser Welt zu suchen ist?

Foto 5: Symbole und Buchstaben
in der Magie der Kabbala.
Das Foto dient der Illustration,
es hat keinen direkten Bezug
zum Text!
Umstritten ist das Alter der »Urfassung«, wenn es denn je eine gegeben haben sollte. Nach mündlicher jüdischer Tradition entstand sie zu biblischen Zeiten und wurde von Abraham selbst verfasst. Der mythische König Melchisedek, der im »Alten Testament« kurz erwähnt wird (12), soll Abraham, der damals noch Abram hieß, in magische Geheimnisse und Mysterien eingeweiht haben. Nach biblischer Datierung, das lässt sich aus den Angaben des Alten Testaments errechnen, lebte Abraham vor rund 4.000 Jahren.

Bei meinen umfangreichen Studien zum »Sepher Jesirah« stieß ich auf ein höchst interessantes Werk von Moshe Idel (*1947). Der emeritierte Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem hat sich intensiv mit der Geheimlehre der Kabbala beschäftigt. Moshe Idel thematisiert in seinem Buch den Golem (13) als eine Art artifiziellen Menschen, als einen mit magischen Mitteln erschaffenen Roboter. Urheber dieser Kreation war, so Moshe Idel, kein Geringerer als Abraham selbst.

Der renommierte jüdische Religionshistoriker Prof. Gershom Scholem (* 1897; †1982), erforschte an der »Hebräischen Universität Jerusalem« die Geheimnisse der jüdischen Mystik und publizierte zahlreiche fachbezogene Werke. Scholem übersetzte den Schluss des »Sefer Jesirah« so (14): »Als unser Vater Abraham kam, da schaute, betrachtete und sah er, forsche und verstand und umriß und grub ein und kombinierte und bildete (das heißt schuf). Und es gelang ihm. Da offenbarte sich ihm der Herr der Welt und setzte ihn in seinen Schoß und küßte ihn aufs Haupt und nannte ihn seinen Freund (andere Lesart fügt noch hinzu: und machte ihn zu seinem Sohn) und schloß mit ihm undseinem Samen einen ewigen Bund.«

In seinen Anmerkungen zu diesem Passus moniert Prof. Gershom Scholem, dass Kommentatoren diese rätselhaften Aussagen (15) »immer gern erbaulich-harmlos erklärt oder wegerklärt« hätten. Scholem weiter: »Das sonderbare ›er schuf und es gelang ihm‹ bezieht sich aber nicht nur auf Abrahams Bemühungen spekulativer Natur, die von Erfolg gekrönt waren, sondern ausdrücklich auf sein Verfahren mit den Buchstaben, bei dem alle von Gottes Tätigkeit bei der Schöpfung gebrauchten Verben exakt wiederholt werden. Mir scheint, wer diesen Satz schrieb, hatte ein Verfahren Abrahams im Auge, nach welchem er imstande war, aus seiner Einsicht in den Zusammenhang der Dinge und in die Potenzen der Buchstaben den schöpferischen Prozeß in gewisser Weise nachzuahmen und zu wiederholen.«


Foto 6: Lazarus Goldschmidts
Übersetzung vom »Buch der Schöpfung«
Fußnoten
(1) »SEPHER YETZIRAH« (Das Buch der Schöpfung), dritte Ausgabe von Westcott's Übersetzung, Kapitel II.2.
(2) »SEPHER YETZIRAH OR THE BOOK OF CREATION«, erste Ausgabe 1887. Originalzitat: »He hath formed, weighed, transmuted, composed, and
created with these twenty-two letters every living being, and every soul yet uncreated.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(3) Ebenda, Kapitel I.1. Originalzitat: »JAH the Lord of Hosts, God of the armies of Israel, ever-living God, merciful and gracious, sublime, dwelling on high, who inhabiteth eternity.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(4) Kaplan, Aryeh: »Sefer Yetzira/the Book of Creation: The Book of Creation in Theory and Practice«, revidierte Fassung, San Francisco 1997, eBook, Seite 100, 7.-10. Zeile von oben und Seite 262, 6.-2. Zeile von unten. Originalzitat: »Twenty-two letters: Engrave them, carve them, weigh them, permute them, and transform them, and with them depict the soul of all that was formed and all that will be formed in the future.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(5) Goldschmidt, Lazarus: »Sefer Jesirah. Das Buch der Schöpfung«, Frankfurt am Main 1894
(6) Ebenda, Seite 50, »Erster Abschnitt II«, Seite 54, »Zweiter Abschnitt I« und »Zweiter Abschnitt III« und Seite 55, »Zweiter Abschnitt IV«
(7) Ebenda, Seite 56, »Dritter Abschnitt II«
(8) Kaplans englische Version lautet: »A great, mystical, concealed secret, sealed with six rings.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(9) Westcott, William Wynn: »Sepher YetzirahThe Book of Creation/ Translated by Wm. Wynn Westcott«, 1. Auflage, Bath (England) 1887. Originalzitat: »a mighty mystery, most occult and most marvelous, sealed as with six rings«. Auch hier habe ich die Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche übernommen. Eventuelle Fehler gehen also »auf meine Kappe«.
(10) Herrmann, Klaus (Übersetzer): »Sefer Jezira/ Buch der Schöpfung«, Leipzig 2008, Seite 37, 5.-1. Zeile von unten
(11) 1. Buch Mose Kapitel 2, Verse 18-20 in der Übersetzung der »Lutherbibel 2017«
(12) 1. Buch Mose Kapitel 14, Verse 18-20
(13) Idel, Mosche: »Golem : Jewish magical and mystical traditions on the artificial anthropoid«, State University of New York Press, Albany 1990
(14) Grözinger, Karl Erich: »Jüdisches Denken/ Theologie, Philosophie, Mystik/ Band 2/ Von der mittelalterlichen Kabbala zum Hasidismus «, Frankfurt und New York 2005, Seite 63, 4.-9. Zeile von oben. Rechtschreibung des Zitats wurde unverändert übernommen.
(15) Scholem, Gershom: »Die Vorstellung vom Golem in ihren tellurischen und magischen Beziehungen« in »Zur Kabbala und ihrer Symbolik«, Zürich 1960, Seite 223

Zu den Fotos
Foto 1: Das »Sefer Jesira« - erste Worte im Original.
Foto 2: Buchstaben, Symbole, Magie. Das Foto dient der Illustration, es hat keinen direkten Bezug zum Text!
Fotos 3 + 4: Der heiligste Name in der Kabbala.
Foto 5: Symbole und Buchstaben in der Magie der Kabbala. Das Foto dient der Illustration, es hat keinen direkten Bezug zum Text!
Foto 6: Lazarus Goldschmidts Übersetzung vom »Buch der Schöpfung«
Alle Fotos: Archiv Walter-Jörg Langbein

564. »Abraham, der ›Herr des Alls‹ und die Chromosomen«,
Teil 564der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 08. November 2020




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Sonntag, 25. Oktober 2020

562. »Vom assyrischen Baum des Lebens zum jüdischen ›Buch der Schöpfung‹«

Teil 562 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Zweiundzwanzig Grundbuchstaben: drei
Mütter, sieben doppelte und zwölf einfache.«
(1)


Foto 1: Geflügelte Genien hantieren am »Baum des Lebens«,
assyrisches Relief.
  
  
Auf sumerischen Rollsiegeln, aber auch auf assyrischen Reliefs taucht immer wieder ein seltsames Motiv auf. Im Zentrum steht ein »Baum des Lebens«. Rechts und links davon sind zwei geflügelte Wesen dargestellt, die sich am »Baum des Lebens« zu schaffen machen. Was genau tun diese seltsamen Kreaturen? Sie scheinen etwas aus dem »Baum des Lebens« heraus zu nehmen. Oder fügen sie etwas zu? Sie verändern etwas. Sie manipulieren. Leider gibt es keine erklärenden Texte zu den mysteriösen Darstellungen, die vor Jahrtausenden entstanden. Kein Künstler sah sich damals genötigt, eine Bildunterschrift anzufügen. Verstanden die Künstler vielleicht selbst nicht, was sie darstellten? Illustrierten sie uralte Mythologie, deren Sinn sie nicht zu begreifen in der Lage waren? Interpretieren wir heute, Jahrtausende später, die Darstellungen richtig?

Der geheimnisvollste Text, der mir jemals begegnet ist, beginnt mit einer Entstehungsgeschichte der alten jüdischen Geheimlehre, genannt Kabbala. »Sefer Jesirah« (andere Schreibweisen:  Sepher Jesirah, Sepher Yetzirah, Sefer Jetzira) wird gewöhnlich mit »Buch der Schöpfung« übersetzt. »Sefer Jesirah« liegt inzwischen in diversen Übersetzungen vor, ist aber kaum verständlicher als das bis heute nicht entschlüsselte »Voynich-Manuskript« (2). Auch weichen Übersetzungen manchmal in zentraler Aussage deutlich voneinander ab.

Fotos 2 und 3 : Mysteriöse Gestalten aus dem
»Voynich-Manuskript«.

Das Manuskript wird seit 1969 unter Katalognummer »MS 408« im Bestand der »Beinecke Seltene Buch- und Manuskriptbibliothek« der Yale University verwahrt. Wilfrid Michael Voynich (*1865; †1930) hat seinem Bekunden nach das mysteriöse Werk  anno 1912 in der »Villa Mondragone«, dem Jesuiten-Kolleg in Frascati unweit von Rom entdeckt. Seither wurden zahlreiche Versuche unternommen, das reich bebilderte Manuskript zu übersetzen und zu interpretieren.

Nach wie vor umstritten ist, wann das »Voynich-Manuskript« entstanden ist. 1962 kam ein Expertenteam zum Ergebnis der Text sei nach Schreibstil und Material »um 1500 n.Chr.« verfasst worden (3). Fast vierzig Jahre später, anno 2009, haben wissenschaftliche Institute in Chicago und Arizona winzige Proben von vier verschiedenen Seiten mit der Radiokarbonanalyse datiert. Ergebnis: das verwendete Pergament stammt mit großer Wahrscheinlichkeit aus der Zeit zwischen 1404 und 1438. Die Tinte stammt offensichtlich auch aus dieser Zeit.

Auch wenn sogenannte Skeptiker das Voynich-Manuskript gern für eine neuzeitliche Fälschung halten, so hat das mit der Realität nichts zu tun. Das Manuskript ist rund ein halbes Jahrtausend alt (5).

Je gründlicher sich Wissenschaftler mit dem Voynich-Manuskript beschäftigen, desto mysteriöser wird’s! Russische Wissenschaftler publizierten erstaunliche Erkenntnisse. Nach Yuri Orlov und Team vom »Keldysh Institut für angewandte Mathematik an der Russischen Akademie der Wissenschaften« in Moskau wurde das seltsame Manuskript in mehreren Sprachen verfasst (6):

Foto 4: Geflügelte Wesen manipulieren den »Baum des Lebens«.

»Demzufolge wurde der kodierte Text des Voynich-Manuskripts zu rund 60 Prozent in Deutsch oder Englisch und zu 40 Prozent in einer romanischen Sprache, etwa Latein, Italienisch oder Spanisch, verfasst. Dass es sich dennoch bisher als unknackbares Buch mit sieben Siegeln erwies, liegt nach Ansicht von Orlov daran, dass der Text keine Vokale enthält und die ursprünglichen Leerzeichen durch neue, an anderer Stelle gesetzte Lücken ersetzt worden waren.« Ein Text ohne Vokale? Das wäre ein deutlicher Hinweis auf den Urheber: das »Alte Testament« der Bibel wurde, wie auch – zum Beispiel – die legendären Texte der Qum-Ran-Höhlen, in einer Konsonantenschrift ohne Vokale verfasst.

Arthur Tucker, ein emeritierter Botaniker von der US-amerikanischen »Delaware State University«, und Rexford Talbert, ein pensionierter »Pentagon- und NASA-Informatiker« haben sich des Voynich-Manuskripts angenommen und sind zu irritierenden Erkenntnissen gekommen (7): »Ihnen war aufgefallen, dass es Ähnlichkeiten zwischen Pflanzendarstellungen im Voynich-Manuskript und Illustrationen in mexikanischen Werken des 16. Jahrhunderts gibt. So stellten sie große Übereinstimmungen mit Zeichnungen aus dem 1552 erschienen Codex Cruz-Badianus fest – einer Beschreibung von Heilpflanzen, die von den Azteken in Mexiko verwendet wurden. Im botanischen Fachblatt ›Herbal Gram‹ identifizieren die Forscher insgesamt 37 von 303 Pflanzen, sechs Tiere und ein Mineral. Und sie wollen in so manchen Pflanzenbezeichnungen Worte gefunden haben, die auf das Nahuatl, die Sprache der Azteken, und Mixtekisch zurückgehen.«

Tatsächlich ist das Voynich-Manuskript kein Buch nach unserem Verständnis, sondern ein Kodex.

Foto 5: Der assyrische
»Baum des Lebens«.
Die Erkenntnisse russischen Forscher lassen befürchten, dass das Voynich-Manuskript so einfach nicht zu übersetzen sein wird (8): »Nach einer statistischen Analyse des Textes glauben russische Experten, dass er folgendermaßen verschlüsselt ist: Vokale und Leerzeichen werden aus dem Text entfernt. Die Symbolsammlung wird in einem neuen Text zusammengefasst, der zuvor mit Leerzeichen versehen wurde. Sie schätzen, dass etwa 60 Prozent des Textes in Englisch oder Deutsch verfasst sind und der andere Teil in einer der romanischen Sprachen – möglicherweise Italienisch oder Spanisch oder sogar Latein.«

Die zahlreichen Illustrationen legen die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Werk um ein wissenschaftliches Kompendium handelt, das eine ganze Reihe von Themen abhandelt, nämlich von A wie Arzneimittelkunde bis Z wie Zodiak (Tierkreiszeichen). Die Sterngruppe Taurus soll  thematisiert worden sein. Warum? Pflanzenheilkunde und Frauenheilkunde scheinen zum breiten Spektrum zu gehören. Und dann gibt es seltsame Darstellungen von nackten Frauen in »Bottichen«, die untereinander mit einem recht technisch wirkenden Röhrensystem verbunden sind. Auf einer anderen Illustration scheinen sechs nackte Frauen auf einer Rutsche in ein muschelförmiges Becken zu gleiten. Eine weitere Frau sitzt auf dem Beckenrand.

Rätselhaft sind auch Darstellungen von Pflanzen, die bislang niemand identifizieren kann, und merkwürdige Fabelwesen, furchteinflößende Mischwesen. Eine kraftstrotzende Kreatur hat einen Hals und drei monströse Köpfe. Schade, dass man bis heute die begleitenden Texte nicht zu lesen vermag. Erst durch erklärende Texte würden die zum Teil obskuren Bilder verständlich. Gewiss, es heißt, ein Bild würde mehr aussagen als 1.000 Worte. In unseren Kirchen gibt es unzählige Darstellungen christlicher Themen. Wir verstehen sofort die Bedeutung solcher Bilder. Dabei vergessen wir, dass wir die Bedeutung dieser sakralen Kunstwerke nur erkennen, weil wir die Geschichten, die sie vermitteln sollen, bereits kennen.

Wenn wir auf einem Gemälde eine Stallszene sehen, bei der Ochsen und Esel ein Baby in einer Krippe umringen, dann wissen wir, dass es um die Weihnachtsgeschichte geht. Wir erkennen auch Maria, die Mutter Jesu und Joseph den Ehemann Marias. Wir wissen, warum die Hirten auch dabei sind. Hat aber jemand noch nie die Weihnachtsgeschichte gehört, dann mag ihm das Idyll gefallen. Worum es aber konkret geht, das erschließt sich dem Unwissenden nicht. Das Bild allein genügt nicht, es sagt weit weniger aus als 1.000 Worte.

Die Weihnachtsgeschichte ist in unseren Breiten noch sehr gut bekannt. Deshalb werden keine geschriebenen Worte benötigt, um entsprechende Darstellungen der Szenerie im Stall zu Bethlehem zu begreifen. Andere religiöse Darstellungen aus der Glaubenswelt des Christentums werden schon seltener, auch wenn sie nach wie vor zum katholischen Volksglauben gehören, erkannt. Beispiel: Im idyllischen Holzkirchen, südöstlich von München gelegen, lebt der christliche Volksglauben noch. An der einstigen Poststation sehen wir am Eck ein riesiges Gemälde. Das besonders schöne Beispiel der Lüftlmalerei zeigt einen riesenhaften bärtigen Menschen. Der Mann scheint schon älter zu sein, Bart und Haupthaar sind schlohweiß. Auf der rechten Schulter des Mannes sitzt ein kleines Kind. Der Mann hält fest einen gewaltigen Baumstamm in beiden Händen. Er steht am Rande eines Gewässers. Wer die fromme Legende, die das Bild ohne Worte erzählen soll, nicht kennt, dem kann das Bild nicht wirklich etwas erzählen.

Man benötigt eben doch Worte, um zu verstehen, was ein Gemälde zeigen soll. Bei dem Riesen handelt es sich um den Heiligen Christophorus. Folgen wir der Spur des Christophorus. Sie führt sie uns in die Türkei. Bereits anno 454 gab es in Chalkedon, heute ein Stadtteil von Ístanbul, eine dem Christophorus geweihte Kirche. Vermutlich ist der Heilige Christophorus, der heute die Autofahrer beschützen soll, ein alter heidnischer Gott aus vorchristlichen Zeiten im christlichen Gewand. Christophorus soll ursprünglich ein menschenfressendes, hundsköpfiges Monster gewesen sein. 

Foto 6: Heiliger Christophorus/
Lüftelmalerei,
Holzkirchen (bei München).
Foto und Copyright: Heidi Stahl.
Durch die auf »wundersame Weise erhaltene Taufe« wurde aus dem stummen Riesen Probus oder Reprobus der Heilige Christophorus, ein wortgewandter Missionar für den christlichen Glauben. Groß war sein Wunsch, sich nützlich zu machen. So wurde er schließlich Fährmann ohne Boot. Dank seiner riesenhaften Größe konnte er den tiefsten Fluss durchwaten. Eines Tages wollte ein kleines Kind über den Fluss getragen werden. Christophorus nahm es auf eine Schulter und machte sich auf den Weg. Von Schritt zu Schritt wurde das kleine Kind immer schwerer. Christophorus wäre fast unter der Last ertrunken. Er schafft es aber mit Müh‘ und Not ans andere Ufer. Dort spricht der Riese zum Kind: »Du … bist auf meinen Schultern so schwer gewesen: hätte ich alle diese Welt auf mir gehabt, es wäre nicht schwerer gewesen.« Das Kind antwortet: »Des sollst du dich nicht verwundern, Christophore; du hast nicht allein alle Welt auf deinen Schultern getragen, sondern auch den, der die Welt erschaffen hat. Denn wisse, ich bin Christus, dein König, dem du mit dieser Arbeit dienst.«

Nur wenn man diese Legende kennt, dann spricht die stumme Lüftelmalerei von Holzkirchen zum Betrachter. Nur dann erkennt man, was die Malerei zeigt: den heiligen Riesen Christophorus (Heiligenschein!) mit dem Jesuskind auf der Schulter. Der Riese macht sich bereit zum ersten Schritt in den Fluss. Das Jesuskind hält die Welt in der rechten Hand.

Assyrische und sumerische Darstellungen bieten geflügelte Wesen, die am Baum des Lebens Eingriff vorzunehmen scheinen. Das Voynich-Manuskript bleibt bis heute rätselhaft, da unübersetzt (unübersetzbar?) und voller rätselhafter Illustrationen. Der Christophorus von Holzkirchen beweist: Bilder sind oft nur mit verständlichem Text verständlich. Das Voynich-Manuskript beweist: Bilder ohne erklärende Texte können vollkommen unverständlich bleiben. Und das mysteriöse Werk »Sefer Jezira« beweist, dass auch übersetzbare Texte rätselhaft bleiben können: »Zweiundzwanzig Grundbuchstaben: drei Mütter, sieben doppelte und zwölf einfache.«

Fußnoten
(1) Goldschmidt, Lazarus: »Sefer Jesirah/ Das Buch der Schöpfung«, Frankfurt 1894, »Zweiter Abschnitt I«
(2) Roitzsch, Erich H. Peter: »Das Voynich-Manuskript. Ein ungelöstes Rätsel der Vergangenheit«, Münster , 2. Auflage 2010
Schmeh, Klaus: »Codeknacker gegen Codemacher/ Die faszinierende Geschichte der Verschlüsselung«, Herdecke, 2. Auflage
(3) James, Peter und Thorpe, Nick: »Keilschrift, Kompass, Kaugummi«, München 1998 (Siehe: Kapitel 11., »Kommunikation«!)
(4) Schulz, Roland: »Das Rätselbuch«, » Süddeutsche Zeitung Magazin«, Nr. 17 vom 26. April 2013, S. 41.
(5) »Ein Schleier weniger über dem Voynich-Manuskript«, »Der Standard«, 4. Dezember 2009.
Schmeh, Klaus: »Neue Datierung des Voynich-Manuskripts sorgt für Aufsehen«, »Telepolis«. 31. Januar 2010.
(6) https://www.derstandard.at/story/2000056628752/das-voynich-manuskript-wurde-in-mehreren-sprachen-verfasst (Stand 10.07.2020)
(7) Krichmayr, Karin: »Spurensuche im Voynich-Code«, »Der Standard«, »Wissenschaft«, 07.02.2014. https://www.derstandard.at/story/1389859697159/spurensuche-im-voynich-code (Stand: 10.072020)
(8) Goldman, Eleonora: »Russian scholars unlock the secret of the mysterious Voynich manuscript«, »Russia Beyond«, »Science & Tech«, 20. 04.2017, https://www.rbth.com/science_and_tech/2017/04/20/russian-scholars-unlock-the-secret-of-the-mysterious-voynich-manuscript_746881
(Stand 10.07.2020)

Zu den Fotos
Foto 1: Geflügelte Genien hantieren am »Baum des Lebens«, assyrisches Relief, British Museum. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 2 und 3 : Mysteriöse Gestalten aus dem »Voynich-Manuskript«. Fotos wiki commons/ gemeinfrei/ Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Geflügelte Wesen manipulieren den »Baum des Lebens«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der assyrische Baum des Lebens. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Heiliger Christophorus/ Lüftelmalerei Holzkirchen (bei München). Foto und Copyright: Heidi Stahl.


563. »Buchstaben und Schöpfung«,
Teil 563 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 01. November 2020



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