Was bedeutet es »Zuhause« zu sein? Damit meine ich nicht das derzeitiges Heim, sondern die Gegend in der man geboren wurde. Wo man die Jahre seiner Kindheit verbracht hat und später mit der eigenen Familie, den eigenen Kindern, gelebt hat.
Nie brauchte ich mir darüber Gedanken zu machen, denn trotz einiger Umzüge, blieb ich immer in vertrauten Gefilden. Doch es ergab sich, dass ich mit meinem Ehemann auf die Insel Fehmarn an der Ostsee gezogen bin. Dort, in den eigenen vier Wänden, die uns lange Zeit als Urlaubsdomizil gedient hatten, wollten wir zwei, drei Jahre verbringen. Schön war es hier auf der Sonneninsel. Die brummelige Art der Insulaner ignorierten wir. Im Sommer erblühte die Insel zu unermüdlichem Leben und beherbergte während der Ferienzeit 40.000 Menschen mehr als sonst. Die Einheimischen zogen sich, soweit sie nicht gewerblich mit den Gästen zutun hatten, zurück.
Die Winter waren lang, dunkel und einsam. Das verhalf mir dazu, mich nach vielen Jahren Pause, erneut dem Schreiben zu widmen. Die Spaziergänge am Stand mit meinem kleinen Hund erhöhten das Denkvermögen. Unangenehme Gedanken blies der Wind aus dem Kopf. Ich veröffentlichte zwei Bücher.
Die Jahre vergingen. In mir stellte sich ein Gefühl der Trauer ein. Ich sah meine Familie, meine erwachsenen Kinder viel zu wenig. Keiner kam schnell vorbei um einen Kaffee zu trinken oder bei Muttern Mittag zu essen. Das gab mir zu denken. Jedes Mal, wenn ich mit meinem Mann zu Besuch in der Heimat war, wäre ich am liebsten geblieben. Es wurde Zeit. Ich hatte Heimweh. Ich musste zurück zu meinen Wurzeln. Meine Seele litt und manche Tage waren trübsinnige Tage. Immer wieder haben wir es hinausgezögert, bis es kein Halten mehr gab. Wie ich bereits in meinem Beitrag »Neujahrsmorgen - Wünsche werden wahr« erwähnte, sind wir am 06. Januar 2010 in unsere Heimat nach Hessen, in den Taunus, zurückgekehrt.
Doch leider habe ich in den ersten Tagen nicht das verspürt, was ich mir erhoffte. Trotz der vertrauten Umgebung fühlte ich mich fremd. Fasst zehn Jahre waren wir auf der Insel. Das ist eine lange Zeit.
Im neuen Heim gab es viel zutun.. Ich war erschöpft und gestresst. Immer wieder stellten sich Zweifel ein, ob dieser Schritt der richtige war. Allmählich nahm die Wohnung Gestalt an, der Garten war tief verschneit, die Kinder kamen zur Begrüßung, halfen ein wenig mit, und meine Seele kam zur Ruhe. Ich weiß nun, dass es eine gute Entscheidung war. Bei einem Spaziergang, entdeckten mein Mann und ich Wege und Plätze, die wir einst mit der Familie bewandert hatten. Mein Gefühl sagte mir: Ich bin Zuhause angekommen.
Erstaunlich, dass mir erst jetzt auffällt, wie schön dieses Städtchen im Taunus ist. Bad Camberg, seit einigen Jahren zum Bad erklärt, hat sich mächtig herausgeputzt. Da gibt es einiges zu erkunden.
Und endlich finde ich auch wieder Zeit, mich dem Lesen und Schreiben zu widmen. Ich hatte es die letzten Wochen vermisst. Alles braucht seine Zeit.
1930 hatte Friedrich Torberg mit seinem Roman »Der Schüler Gerber« einen zutiefst packenden, erschütternden Protest gegen die »Pädagogik« des Zerbrechens geschaffen. Torberg, dessen literarische Größe außer Zweifel steht, wurde zum Übersetzer Kishons. Der Literat trat hinter dem Übersetzer zurück.
Zwischen Kishon und Torberg herrschte ein reger Briefwechsel. Die beiden schrieben sich fast eintausend Briefe, die beide als literarische Genies erkennen lassen. Waren sie Freunde.. oder Feinde? Oder beides? Ihre Briefe spiegeln eine komplizierte, ja komplexe Welt wieder, geprägt von Freundschaft und Neid, Liebe und argwöhnischem Hass.
Lisa Kishon, Kishons zweite Frau, und David Axmann haben rund 150 Briefe ausgewählt. Die Briefe erschienen unter dem Titel »Dear Pappi -My beloved Sargnagel« als Buch... ein bewegendes Dokument, eine packende Dokumentation zweier wirklich großer Literaten.
Wer diesen Briefwechsel mit einigen wenigen Worten beschreiben will, muss scheitern. Begriffe versagen, können die ganz besondere Freundschaft zwischen dem erfolgreichsten Satiriker aller Zeiten und dem berühmtesten Übersetzer niemals zutreffend beschreiben. Dieser Briefwechsel – ein einzigartiges literarisches Dokument – lässt erahnen, warum Ephraim Kishon zum Phänomen Kishon wurde: Weil Autor und Übersetzer über einen ganz besonderen Humor verfügten, den gewiss auch eine Sintflut wie zu Noahs Zeiten nicht hätte erschüttern können.
Teil 2 des Interviews
Walter-Jörg Langbein: Wenn Sie an den Tod denken...
Ephraim Kishon: Ich bin da ja wirklich sehr neugierig. Ich werde es ja wohl vor Ihnen erleben. Nach meiner Auffassung ist Sterben ein Schlafen ohne Traum. Ich glaube, wenn ich sterben, dann wird das so sein, als wenn ich traumlos schlafe.
Walter-Jörg Langbein: Ist das eine eher angenehme oder eine unangenehme Vorstellung für Sie?
Kishon: Eine sehr angenehme. Es wäre eine schlimme Vorstellung zu denken: Ich sterbe und werde immer wieder und wieder geboren – und das mit der Last der Erinnerung an alle Fehler, die ich vielleicht einmal begangen habe. Ich glaube, man kann sich bestenfalls daran zurück erinnern, was man als Embryo erlebt hat. Das erscheint mir logisch, denn schon als Embryo hat man ein Gehirn. Warum soll man sich nicht an seine Zeit als Embryo erinnern?
Vorher ist Dunkelheit, und ich hoffe, dass es auch nach dem Tode erlösende Dunkelheit geben wird, die die Gnade des Vergessens gewährt. Was da kommt, da haben weder ich, noch mein Hündchen, noch der Papst oder das Oberrabbinat eine Ahnung.
Ich meine, wenn man sich mit solchen Fragen beschäftigt, sollte man sich nicht überlegen: ›Was ist nach dem Tode?‹ sondern ›Wofür leben wir?‹ Haben Sie sich das schon einmal überlegt?
Walter-Jörg Langbein: Ja, aber ich bin zu keiner wirklichen Antwort gekommen.
Kishon: Stellen Sie sich vor, wie ignorant wir sind, wenn es um diese einfachste Frage geht: Wofür? Und das ist für mich die wichtigste Frage. Sie ist wichtiger als Überlegungen von der Art ›Woher kam das erste Molekül?‹ oder ›Wie entstand das erste Leben?‹ oder ›Wie wurde der sogenannte Urknall vor Jahrmilliarden ausgelöst?‹.
Was ist da los? Würfelt da oben im Himmel ein alter Mann um unser Los? Spielt hier unten auf der Erde ein Zirkus, und der alte Mann da oben schaut zu? Ich glaube, man sollte richtig fragen lernen. Erst wofür, bevor man sich an das ›Wie?‹ wagt!
Walter-Jörg Langbein: Waren Sie einmal der Antwort näher, als Sie es heute sind?
Kishon: Das nicht. Aber es gab manchmal wichtiger Probleme. Ich habe die Ehre gehabt, die Nazizeit, den Holocaust, zu durchleben. Da fragte ich mich nicht ›Wofür?‹, sondern ›Wie komme ich da lebend heraus?«
Neulich habe ich ein altes Tagebuch gefunden, welches ich im Alter von siebzehn Jahren – es war um das Jahr 1940 – geschrieben habe, und da steht über einem Kapitel ›Wofür?‹ Es ist interessant: Die Menschen sprechen über alles. Etwa über die Frage, wie das Leben entstanden ist. Sie ergehen sich in astrologischen Fragen. Aber keiner weiß eine Antwort auf die Frage nach dem ›Wofür?‹.
Ich weiß da nicht mehr als mein Hündchen. Im Buch der Tatsachen, wo alles verzeichnet steht, ist diese Seite leer. Was den Tod angeht, so glaube ich, dass er ein Schlaf ohne Traum ist, eine totale Dunkelheit. Das glaube ich, ja das hoffe ich. Aber auf die Frage ›Wofür leben wir?‹, da habe ich keine Antwort. Die Beschäftigung mit dieser Frage ist etwas wie ein Fass ohne Boden, ein Teufelskreis.
Ich bin wirklich interessiert, unterhalte mich gern mit Theologen über diese Frage. Ich glaube, auch sie haben keine Antwort.
Walter-Jörg Langbein: Nach christlichem Verständnis schuf Gott den Menschen mit der Möglichkeit, sich für Gut oder Böse zu entscheiden. Er entschied sich für das Böse, für die Sünde. Gott musste seinen Sohn schicken, der für die Erlösung des Menschen starb.
Ephraim Kishon: Und das soll eine Antwort auf die Frage ›Wofür ist das Universum da?‹? Ich kenne die Antwort auf das ›Wofür‹ auch nicht, aber eines meine ich sagen zu können: Das ist es nicht!
Walter-Jörg Langbein: Ich habe während meines Studiums der evangelischen Theologie auch über die Frage nachgedacht: Gibt es Leben im Universum, auf anderen Planeten?
Kishon: Sicher gibt es solche Wesen! Ich bin sogar sicher, dass es einmal Kontakt geben wird mit solchen Wesen aus dem All. Sie sind ein junger Mann: Sie werden solch einen Kontakt mit außerirdischen Intelligenzen erleben.
Das wird natürlich das größte Ereignis der Weltgeschichte sein. Dann werden alle Theorien über diese Themen zusammenbrechen, alles Wissen wird sich als Kinderkram erweisen. Und es wird kommen, davon bin ich überzeugt. Es ist doch vollkommen unvorstellbar, dass wir die einzigen intelligenten Lebewesen im All sein sollen! Unsere Welt ist ein kleiner Splitter am Rande des Universums – eines Universums aus einer unendlichen Vielzahl von Universen. Wir sind nicht der Mittelpunkt, nicht der Nabel des Seins! Wir sind auch nicht allein! Das wäre unvorstellbar!
Walter-Jörg Langbein: Für manche christliche Theologen ist es unvorstellbar, dass es noch andere intelligente Wesen im All gibt. Sie sagen: Christus ist für die Sünden der Menschen auf der Erde gestorben, nicht für die der Außerirdischen? Warum nicht? Bevorzugt Gott die Erde? Oder starb Christus auch auf anderen Planeten? Wurde er immer wieder ans Kreuz genagelt?
Kishon: Das ist für mich keine Antwort, die ich ernstnehmen könnte. Ich unterhalte mich gern mit Theologen, Rabbinern, über solche Fragen, werde oft eingeladen. Und wenn ich dann zum Beispiel einem hochgebildeten Rabbi die Frage nach dem ›Wofür?‹ stelle, dann übergeht er sie, tut, als habe er nichts gehört und fragt vielleicht: ›Noch einen Schluck Wein?‹
Ich habe einmal eine Humoreske geschrieben: Ich sterbe, mache verschiedene Stadien durch und stelle dann fest, sapperlott, die alten Ägypter hatten recht! Die Götter haben tatsächlich Tiergesichter!
Walter-Jörg Langbein: Sind Sie religiös, Herr Kishon?
Kishon: Nein, ich bin Humorist. Aber sehen Sie: Wir leben am Rand einer Galaxie mit Sternen wie Sand am Meer. Und unsere Galaxie ist nur eine von vielen, und es gibt ja auch wiederum Galaxien wie Sand am Meer. Als der Mensch zum erstenmal mit Apollo 11 zum Mond startete, da war ich dabei. Ich war von der amerikanischen Regierung eingeladen worden.
Ich sah, wie Apollo 11 startete. Das war schon ein einmaliges Erlebnis. Wie sich das gigantische Raumschiff auf einem Feuerstrahl gen Himmel erhob. Aber was ist die Entfernung Erde/Mond? Ein Nichts. Es gibt Galaxien, zu denen ist das Licht Milliarden von Jahren unterwegs. Nicht ich, Kishon, brauche so lange mit dem Fahrrad, sondern das Licht. Da ist die Reise zum Mond nichts.
Walter-Jörg Langbein: Sie sagten soeben, Sie seien Humorist und daher nicht religiös. Schließt das einander aus?
Kishon: Sehen Sie, es ist sehr schwer, ja unmöglich, sarkastisch zu sein und alles Mögliche kritisch zu beschauen und das Religiöse auszusparen. Zu sagen: Alles ist lächerlich, nur das Religiöse ist über alles erhaben... Das geht nicht.
Fortsetzung folgt!
Ausblick auf Teil 3 des Interviews
Walter-Jörg Langbein: Herr Kishon, in Ihrem neuen Buch ›Abraham kann nichts dafür‹ steht eine interessante Satire am Schluss. Ein Außerirdischer sieht die Erde, und das Kindergezänk der Diplomaten führt letztlich zum atomaren Holocaust.
Kishon: In dieser Satire bin ich der Außerirdische. Sehen Sie, das ist ja schon wieder ein schöner Zeitungstitel: ›Ephraim Kishon: Ich bin ein Außerirdischer!‹
Vieles, was gesagt wird von sogenannten Diplomaten, ist Fassade, Quatsch, Kinderei, die Herren schwingen da hehre Reden und meinen etwas ganz anderes.
Walter-Jörg Langbein: Besteht die von Ihnen beschriebene Gefahr einer weltweiten Zerstörung Ihrer Meinung nach wirklich?
Hinweis
Die Fortsetzung des Interviews, der dritte Teil, erscheint am 07.02.2010