Dienstag, 2. Februar 2010

Wortbehagen - Gedichte von Bruni Kantz

Wortbehagen – ein lyrisches Sahnetörtchen

erschienen 2008
ISBN 978-3-8370-6501-5
EUR 14,70


Wortbehagen ist eine bezaubernde Gedichtsammlung, die uns in heiterer, bisweilen auch nachdenklicher Stimmung durch das Jahr geleitet.

Zu jedem Monat gibt es ausdrucksstarke kleine Geschichten. Bruni Kantz schafft es, in einfühlsamen und starken Worten, Gedichte wie Geschichten erscheinen zu lassen, die nachhaltig wirken und viel Stoff zum Nachdenken in sich tragen. In der Kürze liegt bei ihr die Würze.

Alle menschlichen Stimmungen sind in diesem Gedichtband vereint. Der Mensch und die Natur bilden den großen Themenrahmen, in dem sich Bruni Kantz spielerisch mit Worten bewegt. Auch durch eher nachdenklichen Passagen scheint immer wieder eine klare Bejahung des Menschen mit all seinen Ecken und Kanten und eine tiefe Liebe zur Natur.

Ein lyrisches Sahnetörtchen, das auf keinem Nachttisch fehlen sollte und für jeden Anlass ein willkommenes Geschenk ist.

Wer neugierig geworden ist, findet viele weitere Gedichte auf Bruni Kantz’ Homepage Wortbehagen: http://wortbehagen.de/index.php/jahresuebersicht/2010/
Ein Besuch dort lohnt sich. Bitte, viel Zeit mitbringen!

Ignoranz der Menschheit

Erwiesenerweise stand eine wunderschöne Trauerweide, weit über 70 Jahre, im Innenhof unserer Wohnanlage. Viele Erinnerungen sind mit diesem Baum verknüpft. Die Spiele als Kind, die sich immer im Umfeld des schützenden Freundes abspielten, dessen Stamm uns als Treffpunkt und Spielmittelpunkt diente. Der uns Schutz bot, wenn uns der Regen überrascht oder die Sonne uns allzu sehr erhitzt hat.

Mehrere Generationen können einen direkten Bezug zu diesem einzigartigen Baum herstellen, jeder kann seine ganz eigenen Geschichten zu der herrlichen Weide erzählen.

Gestern nun wurde auch dieses Relikt meiner Kindheit abgeholzt, wie in den Jahren zuvor viele Bäume in unserer Wohnanlage den Sägen zum Opfer fielen. Beschwerden der Anwohner halfen nichts, wir wurden vertröstet, neue Bäume sollten im Ersatz für alte, große, prachtvolle Wesen gepflanzt werden. Doch auch darauf warten wir bisher vergebens.

Es brach mir fast das Herz, als ich das letzte Aufbäumen dieses stolzen Baumes vernahm, ehe seine Krone den Sägen anheimfiel und sich mit einem lauten und vernehmlichen Ächzen von seinem Stamm trennt und zu Boden fiel. Sogar in diesem Moment verfügte dieser herrliche Baum über eine Anmut, die ihresgleichen sucht. Trotzdem war es beinahe spürbar, wie er sein Leben aushauchte, der leise Vorwurf an seine Mörder im klagenden Knacken des Gehölzes.

Stück für Stück holzten sie den Stamm ab, ein unvergleichliches Geschöpf wurde vernichtet. Auf den Ersatz werden wir lange warten müssen. Ich werde es wohl nicht mehr erleben, dass sein möglicher Nachfolger die gleiche prächtige Krone entwickelt, seine Zweige bis auf den Boden hinabwachsen und sich neue Generationen an dem stolzen Gewächs erfreuen. Falls überhaupt jemals ein Ersatzbäumchen seinen Weg in die Erde findet, sich dort verankert und die gleiche kraftvolle Ausstrahlung entwickelt.
Nun liegt eine verödete Anlage vor unserem Fenster, veranlasst mich dazu die Vorhänge vorzuziehen, um nicht mit dem traurigen Anblick konfrontiert zu werden.

Da predigen unsere Politiker den Umweltschutz, verlangen uns jegliche Form von Naturschutz ab und schützen im Gegenzug nicht einmal einen alten Baum, der soviel vom Menschen verunreinigte Luft für uns reinigt. Damit nicht genug geht die Abholzaktion noch am selben Tag ungehindert weiter. Mehrere Bäume fallen der Zerstörungswut anheim. Hilflose Anwohner stehen dem Schauspiel mit Tränen in den Augen gegenüber, sie erzählen von ihrer teils lebenslangen Verbindung zu diesen altehrwürdigen Bäumen. Wieder bricht ein Teil unserer Vergangenheit weg, von Menschenhand vernichtet.

Nie wieder werde ich das Rauschen meiner geliebten Weide in einer stürmischen Sommernacht hören. Stumm und reizlos liegt nun der Innenhof vor mir. Es wird keine nachfolgenden Generationen mehr geben, die sich an die raue Rinde dieser Trauerweide lehnen, die Augen schließen und einfach nur der Natur um sich herum lauschen. Erneut viel ein Riese dem ewigen Wandelbedürfnis der Menschheit zum Opfer.

©Sylvia Seyboth

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