Sonntag, 15. Februar 2015

265 »Von der Heiligen Taube zum Schlangenmonster«

Teil 265 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom zu Bremen. Foto Walter-Jörg Langbein

Es war ein verregneter Nachmittag im November gegen 15 Uhr. Düster hingen pechschwarze Wolken über dem Dom zu Bremen. Düster wirkte auch das massive Mauerwerk. Wie die Monstermauern einer mittelalterlichen Burg aus bösen Zeiten scheinen vor einem Jahrtausend massive Steine bis in den Himmel aufeinander getürmt worden zu sein. Setzten die Bauherren, die im 11. Jahrhundert den Bremer Dom St. Petri errichten ließen, eine alte Tradition fort? Wollten sie, um einige Beispiele zu nennen, so wie die Architekten von Babylon, Indien, Zentralamerika und Ägypten seit Jahrtausenden, Erde und Himmel miteinander verbinden? Wurde der Dom wie einst die Zikkurats von Babylon von christlichen Himmelsstürmern geschaffen?

Hoch oben auf der Spitze des Turms zu Babel begegneten sich vor Jahrtausenden Mensch und Gott. Im Tempel hoch oben zelebrierten Gott und Mensch die »Heilige Hochzeit«. In den ältesten Überlieferungen war es eine Göttin, die vom Himmel kam, um sich einen Irdischen als Gemahl zu erwählen. In christlichen Zeiten wurde eine derartige »heidnische« Überlieferung natürlich verabscheut, als blasphemische Unzucht verurteilt. Übersehen wird dabei allerdings, dass es diese uralte Tradition noch im »Neuen Testament« gibt (1): »Da komm die Taube vom Himmel herab und verbindet sich mit Jesus. Und es begab sich, als alles Volk sich taufen ließ und Jesus auch getauft worden war und betete, da tat sich der Himmel auf, und der Heilige Geist fuhr hernieder auf ihn in leiblicher Gestalt wie eine Taube, und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.« Bei Markus lesen wir (2): »Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn.

Wilhelm II als Karl der Große

Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.«  Selbst im Evangelium nach Johannes fehlt der Hinweis auf die himmlische Taube nicht (3): »Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb.«

Die Taube war von Alters her das Sinnbild von Göttinnen wie der Venus. So lässt sich die heute merkwürdig anmutende Szene von der himmlischen Taube, die sich mit Jesus »verbindet« als Reminiszenz an den uralten Mythos der heiligen Hochzeit zwischen Göttin und auserwähltem Menschen verstehen. (4)

Löwe und Spieler. Foto Walter-Jörg Langbein

Tatsächlich fühlt man sich dem Himmel so nah, wenn man die 256 Stufen – vorbei an den vier Glocken des Geläuts – erklommen hat. 99 Meter über dem Boden erscheint einem die Hektik der Menschen weit unten auf dem Marktplatz wie das konfuse Treiben verwirrter Insekten. Anstrengend ist es, den quadratischen Südturm zu besteigen, doch der Blick nach unten und in die Ferne belohnt für die Mühen. Es lohnt sich auch, in den Bleikeller des Doms hinab zu klettern.

Adler und Eitelkeit. Foto W-J.Langbein

Der Name erklärt sich so: Einst wurden im gespenstischen Keller die Bleiplatten gelagert, die man für die Domdächer benötigte. Zufällig stieß man im unheimlichen Gewölbe auf die Mumien von neun (nach anderen Quellen sechs) Menschen. Seit 1984 befindet sich der »Bleikeller« in einem Nebengebäude des Doms zu Bremen.

Da liegt zum Beispiel Georg Bernhard von Engelbrechten (1658 bis 1730), der letzte schwedische Domverwalter. Einst glaubte man annehmen zu dürfen, dass das Gift der Bleiplatten zur Mumifizierung der Toten führte. Inzwischen weiß man aber, dass die Körper der Toten einfach nur auf natürliche Wiese austrockneten. Makaber-unheimlich mutet es an, wie ein Zimmermann, ein schwedischer General, eine schwedische Gräfin, ein englischer Major und ein Student scheinbar den ungebetenen Besucher in ihrer Gruft mustern. Es kommt dem leicht (?) beklommenen Eindringling so vor, als stützen sich die trockenen Mumien ab, um gleich aus den weit geöffneten Särgen zu klettern.

Löwe und Lüsternheit. Foto W-J.Langbein

Eine der Mumien könnte einem heutigen Horrorfilm entsprungen sein. Der männliche Tote hat den Mund wie zu einem Schrei weit aufgerissen. Man nahm lange Zeit an, dass es sich bei dem Mann um einen Dachdecker handelte, der beim Sturz vom Turm zu Tode kam. 1985 wurde die Mumie geröntgt. Es zeigte sich, dass die erstarrte Leiche keinen einzigen Knochenbruch aufwies, wohl aber eine Kugel in der Wirbelsäule. War der vermeintliche »Dachdecker« also ein Soldat, der vor Jahrhunderten erschossen wurde… oder ein Mordopfer?

Ich jedenfalls würde mich zu nächtlicher Stunde auf keinen Fall in jenen unheimlichen Keller wagen. Was dort zu sehen ist, ist wirklich makaber. Die sterblichen Überreste von sechs Menschen wurden in der Unterwelt des Doms zu Bremen gefunden. Wusste man vom natürlichen Mumifizierungsprozess, als man die Toten unter dem Dom beisetzte? Wollte man bewusst diese – etwas pietätlos formuliert –  Konservierung durch Eintrocknung der Leichen herbeiführen? So manche Frage ist bis heute nicht wirklich beantwortet worden! Hat man die Toten, sie stammen aus unterschiedlichen Jahrhunderten –  im Verlauf von Jahrhunderten nach und nach in die »Krypta« geschafft? Oder wurden sie aus Friedhöfen und Krypten geholt und nach und nach unter dem Dom zur letzten Ruhe gebettet?

Blick in den Bleikeller. Foto um 1900. Archiv Langbein

Wurden die Mumien zur Schau gestellt, um die Gläubigen an ihr künftiges Schicksal zu erinnern? Solle der Christ, angesichts der doch erschreckend aussehen Toten an christlichen Lebenswandel erinnert und zur Frömmigkeit angehalten werden?

Völlig unklar ist nach wie vor, wer die Toten auswählte, die in der Gruft unter dem Dom zu Bremen bestattet wurden. Ein System ist nicht zu erkennen. Menschen aus unterschiedlichen Schichten der Bevölkerung kamen auf gruselige Weise zu besonderen »Ehren«. Dahingestellt bleiben muss, ob die Toten alle mit der Zurschaustellung einverstanden wären? Das Problem des pietätvollen Umgangs mit sterblichen Überresten von Menschen ist weltweit nicht gelöst. Genauer gesagt: Menschen, die schon vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden das Zeitliche segneten, finden sich in Vitrinen der unterschiedlichsten Museen, und das weltweit! Die eigene Großmuter oder den eigenen Urgroßvater möchte wohl kaum jemand so zur Schau gestellt sehen.

Und was hat es zu bedeuten, dass auch die Mumien eines Äffchens und einer Katze im Bleikeller von Bremen scheinbar für ewige Zeiten »konserviert« wurden? Der Stubentiger mag sich dort unten zu den Toten verirrt haben und zugrunde gegangen sein. Aber Affen gehörten zu keinem Zeitpunkt zur Population von Bremen. Waren beide Tiere Opfer experimentierfreudiger Menschen? Galt es den natürlichen Mumifizierungsprozess zu studieren? Oder waren Katze und Äffchen einst Haustiere, die seit Jahrhunderten mit ihren Menschen unter dem Dom zu Bremen auf den »Jüngsten Tag« warten?
Stolz, ja majestätisch präsentiert sich heute der Dom zu Bremen. Was viele Zeitgenossen heute nicht wissen:  Wie viele andere Gotteshäuser, so wurde auch der Dom zu Bremen offenbar von den Alliierten als kriegswichtiges Ziel angesehen.

Ziel alliierter Brandbomben... Foto W-J.Langbein

Anno 1944 wurden Brandbomben auf das altehrwürdige Gotteshaus abgeworfen, die allerdings – zum Glück – nur verhältnismäßig geringen Schaden anrichteten. Es barsten »nur« einige kostbare Scheiben der großen Kirchenfenster. Damit begnügten sich die Angreifer nur vorübergehend. Im März des Jahres 1945, wenige Wochen vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 7. Mai 1945, explodierte an der Nordseite des Doms eine Sprengbombe, die große Teile einstürzen ließ. Das gesamte Gebäude war einsturzgefährdet. Schon 1945 wurden gewaltige Anstrengungen unternommen, um die sakrale Kostbarkeit wieder instand zu setzen. Wer denkt schon an diesen Teil der Geschichte Deutschlands, der vor dem Dom zu Bremen steht?

König David mit Harfe. Foto W-J.Langbein

Betrachten wir die Domfassade, dann fallen fünf steinerne Figuren auf. Kann man sie wie ein Buch lesen? Da blicken König David (Kennzeichen: Harfe) und Moses (Kennzeichen Gesetzestafeln und »Hörner«) vom linken Portal herab. Vom rechten Portal grüßen Petrus (Kennzeichen Schlüssel) und Paulus (Kennzeichen Schwert). In der Mitte thront Karl der Große, als steingewordene Propaganda. Bewusst wurde der Sachsenschlächter mit den Gesichtszügen Kaiser Wilhelms II. versehen. Auf diese Weise sollte der Monarch als »wiedergeborener« Karl der Große gepriesen werden.

Moses mit Gesetzestafeln. Foto W-J.Langbein

Zu Füßen der fünf Fassadenfiguren geben fünf Fassadenfiguren Rätsel auf. Die mächtigen Ungeheuer passen auf den ersten Blick nicht so recht zu einem christlichen Gotteshaus. Doch eine christliche Interpretation liegt nahe! Löwe und Adler symbolisieren das Christentum. Da brüllt ein mächtiger Löwe triumphierend über sein Opfer, das er mit mächtigen Pranken hält und zu Boden drückt. Der Mann hält Würfelbecher und Würfel in den Händen. Dargestellt werden soll offensichtlich der Sieg des Christentums über die Sünde der Spielsucht. Als Sieger wird ein Adler mit mächtigen Klauen und gewaltigem Schnabel dargestellt: über eine recht attraktive Frau. Sie hält einen Spiegel, als allegorische Darstellung der Eitelkeit und Zügellosigkeit. Nicht auf Anhieb zu verstehen ist der Löwe als Sieger über einen Bock.

Dr. Ingrid Weibezahn erklärt (5): »Mit dem Mann mit Würfeln und Würfelbecher ist wohl die Spielsucht, mit dem Bockskopf die Lüsternheit, mit der Schlange das Böse schlechthin und bei der Frau mit Spiegel die Eitelkeit gemeint«

Adler und Schlangenmonster. Foto Walter-Jörg Langbein

Ein stolz dreinblickender Adler – Darstellung des siegreichen Christentums – hat eine gewaltige Schlange besiegt. Besiegt? Tatsächlich windet sich das nach wie vor kraftstrotzende Reptil noch in den mächtigen Klauen des Adlers. Es hat den Schlund weit aufgerissen und beißt mit scharfen Zähnen in eine der mächtigen Pranken des Adlers, die eher zu einem Löwen als zu einem Vogel passen. Und das Schlangemonster hat, im Gegensatz zu den in der Natur vorkommenden Artgenossen, Zähne im Maul. Die Schlange – in fast allen alten Kulturen unseres Planeten positives Symbol  – wurde erst im Christentum im sprichwörtlichen Sinne verteufelt.

Ausblick auf Folge 266... Foto W-J.Langbein
Fußnoten

(1) Evangelium nach Lukas, Kapitel 3,
Rätsel gelöst? Foto W-J.Langbein
Verse 21 und 22
(2) Evangelium nach Markus, Kapitel 1,
Verse 10 und 11
(3) Evangelium nach Johannes,
Kapitel 1, Vers 32
(4) Siehe hierzu auch – weniger deutlich –
Evangelium nach Matthäus Kapitel 17, Vers 5.
Der Verfasser des Evangeliums lässt die
ursprünglich heidnische Taube weg.
(5) Weibezahn, Dr. Ingrid:
»Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«,
»Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11

266 »Tod und Leben«
Teil 266 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 22.02.2015

Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 8. Februar 2015

264 »Begegnung im Urwald«

Teil 264 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der Tempel der Inschriften von Palenque.
Es regnete unaufhörlich, Myriaden und Abermyriaden von Regentropfen verwandelten den »Urwald« von Palenque in eine Fantasiewelt. Was eine ideale Kulisse für einen spannenden Mysterythriller hätte sein können, war aber Realität an jenem Novemberabend. Die Elektronik meiner beiden Kameras streikte. Beide Kameras ließen sich nicht auslösen, an manuelle oder gar automatische Scharfeinstellung war nicht zu denken. So machte ich mich auf, von meinem Hotelzimmer bis zur weltbekannten Pyramide benötigte ich, vorbei am örtlichen Museum, keine halbe Stunde. Ich bin versucht, die steile Treppe an der Vorderseite des Tempels der Inschriften empor zu klettern, trotz des deutlich angebrachten Verbotsschildes.

Ein Schrei irgendwo aus dem undefinierbaren grünen Dickicht lässt mich zusammenzucken. Für Augenblicke wird die kräftige Solostimme von einem kreischenden Chor begleitet. Angst und Wut, scheint mir, kommen zum Ausdruck. Dann verstummen sie wieder, die Brüllaffen von Palenque.

Foto 2: Blick aus dem Urwald...

Es ist kein Regen mehr, der vom Himmel kommt. Es kommt mir so vor, als würde sich die Luft langsam in Wasser verwandeln. So gehe ich einige Schritte weiter, weg vom Tempel der Inschriften. Nur wenige Minuten später. Ich stehe unter mächtigen Bäumen, wieder erheben Brüllaffen protestierend ihre Stimmen. Dazu gesellt sich ein sehr viel unangenehmeres Geräusch. Es ist ein leise auf- und abschwellendes Surren, geradezu grell und spitz. Moskitos suchen offenbar Blutspender. Noch höre ich sie nur, noch umschwirren sie mich nicht wie ihre Artgenossinnen in heimischen Gefilden. So mache ich mich auf den Rückweg, bleibe nur noch kurz vor dem Tempel der Inschriften stehen. Morgen werde ich frühmorgens wiederkommen. Ich weiß, dass man von der Rückseite des Tempels fast bis auf die oberste Plattform gelangen kann. Man muss gar nicht die breite Treppe auf der Vorderseite benutzen. Der Kalkstein der Stufen ist weich und unzählige Touristen haben bereits ihre Spuren hinterlassen.

Foto 3: Unmittelbar von Urwald umgeben...
Diese Treppe war wohl auch nicht für den heutigen Massenansturm gedacht. Vermutlich waren es vor Jahrhunderten nur wenige Auserwählte, die am Tempel emporsteigen durften. Waren Vertreter des »Hochadels«? Waren es Priester? Astronomen?

Die Maya waren geradezu besessen von Astronomie und Astrologie. Astrologen und Astronomen waren vor elf Jahrhunderten in Palenque zuhause. Sie dominierten das Zeremonialzentrum, das sie »Chan Kah« nannten, zu Deutsch »Schlangenort«.

Für die Lacandonen war Palenque der »Nabel der Welt«. Priester, Astronomen und Astrologen wagten den Blick in eine Normalsterblichen verborgene Welt, in der Göttinnen und Göttern lebten. Es heißt, dass die Wissenden noch vor elf Jahrhunderten nicht nur präzise Berechnungen über den Lauf von Planeten und Sternen anstellten. Sie sollen sich Pilze einverleibt haben, die Halluzinationen auslösten. So glaubten sie, heißt es, Wirklichkeiten wahrzunehmen, die ihnen sonst verborgen blieben.

Die Lacandonen – sie nannten sich »wahre, echte Menschen« – lebten bis ins 20. Jahrhundert nach uralten Traditionen. Sie huldigten, allen missionarischen Versuchen zum Trotz, den alten Göttinnen und Göttern ihrer Vorfahren. Zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends scheint es nur noch eine Frage von Jahren oder bestenfalls Jahrzehnten zu sein, bis die alte Kultur ausgestorben sein wird. Schuld daran sind die wenig segensreichen Kontakte mit unserer »zivilisierten Welt«. Heute gehen fast alle Kinder der letzten 700 (?) Lacandonen in staatliche Schulen, wo sie in spanischer Sprache unterrichtet werden. Ihnen wird die Historie der Sieger beigebracht, die eigene Kultur wird gering geschätzt. Als erstrebenswert gilt der Wohlstand der westlichen »Zivilisation«. In Aussicht steht ein Mehr an materiellem Lebensstandard und ein Weniger an wirklicher Kultur.

Foto 4
 Werden mit den Lacandonen, den letzten echten Maya-Nachkommen, die alten, überlieferten Geheimnisse vergessen sein, noch bevor sie gelöst werden konnten? Umstritten ist die Zahl der heute noch lebenden Lacandonen. Es wird gelegentlich behauptet, die kleine Gruppe würde wieder wachsen. Aber sind Lacandonen, die vom Tourismus leben, noch echte Lacandonen?

Nach offiziellen Angaben sprechen heute nur noch zwanzig Nachkommen der Lacandonen die Ursprache ihres Volkes. In Wirklichkeit dürften es aber deutlich mehr sein. Dessen ungeachtet ist unbestreitbar, dass die alte Kultur, die selbst die Gemetzel der mörderischen Spanier überdauerte, mittelfristig bis langfristig ausstirbt. Die Stammesmitglieder werden nicht mehr ermordet, sondern huldvoll in die »Zivilisation« aufgenommen, bis sie nicht mehr zu erkennen sind. 1996 starb der geistige Führer der Nord-Lacandonen Chan K’in Viejo im Alter von 104 Jahren. Der altehrwürdige Lehrmeister hatte bis zu seinem Tod versucht, die Kultur seines Volkes am Leben zu halten.


Werden wir je erfahren, was die heilige Schlange der Mayas wirklich bedeutete? Gab und gibt es wissenschaftlich korrekte Erklärungen für die Bezeichnung »Schlangenort«? Die doppelköpfige Schlange hatte offenbar astronomische Bedeutung. Sonne, Mond und Planeten standen in – enger? – Beziehung zur mysteriösen Schlange. Jegliche positive Bewertung der Schlange war und ist seit Jahrhunderten christlichen Missionaren in Zentralamerika ein Gräuel! Die Schlange darf nicht positiv, sie muss negativ gesehen werden, hat sie doch Eva zur ersten Sünde im Paradies verleitet. Somit ist aus christlicher Sicht die Schlange für alles Elend verantwortlich. Ohne dieses angeblich teuflische Tier wären die ersten Menschen nicht aus dem Paradies vertrieben worden! Empört stellten frühe Missionare fest, dass die Maya Verstorbene als Sterne am Himmel sahen und dass sie Sterne wiederum als Schlangen deuteten (1).

Fotos 5a und 5b

Der Regen verstärkt sich rapide. Es schüttet förmlich vom Himmel, als ich zum Hotel zurückeile. Da stoße ich dabei mit einer jungen Einheimischen zusammen. Der sintflutartige Regen hatte die lange Zigarre in ihrem Mund gelöscht. Bekleidet war sie ein langes, weißes Gewand. Vor der Brust trug sie ein metallenes, silbern glänzendes »Amulett«.  Ich meine einen stilisierten Baum zu erkennen, an dem  sich eine Schlange empor windet. Ich weiß: Das gerade geschnittene weiße Kleid aus Leinen ist Relikt aus alter Lacandonen-Tradition. Tabak-Rauchen war kein Qualmen als Genuss, sondern wurde einst als heiliger Akt zelebriert. Das Amulett (?) der attraktiven Lacadonin (?) lässt eine alte Symbolik vermutet: Der stilisierte, hoch gewachsene Baum könnte Wacah Chan sein, der Lebensbaum der Mayas. Mayas, aber auch Azteken, Mixteken und Olmeken kannten ihn. Er reichte von der »Unterwelt« bis in den »Himmel«.

Foto 6: »Weltenbaum« auf sumerischem Siegel

In der Mythologie der Maya wird der Ceibabaum als Wacah Chan gesehen, als Weltenbaum, als Achse der Welt. Die Schlange am Wacah Chan als Amulett habe ich nirgendwo in der einschlägigen Literatur finden können. Ein katholischer Priester vor Ort interpretierte die kunstvolle Darstellung so: Die Schlange könnte für einen Verstorbenen (oder dessen Seele?) stehen, unterwegs von irdischen Gefilden in den Himmel, um dort zum Stern zu werden.

Foto 7
Der Mythos vom Weltenbaum schein so etwas wie ein kollektives Erbe der Menschheit zu sein, und das seit Jahrtausenden! Im heutigen Afghanistan huldigte man diesem Baum des Lebens bereits vor rund fünf Jahrtausenden. Im alten Mesopotamien, aber auch im Alten Indien erstreckte sich diese »Achse« von der Unterwelt bis in den Himmel der Göttinnen und Götter. In der heiligen Mythologie Babylons recht Baum Xixum seine Äste weit in den Himmel, während die starken Wurzeln fest in der Unterwelt verankert sind. Auch die nordische Mythologie kennt diesen »Baum« als Abbild des Kosmos, Yggdrasil genannt. Ich bin davon überzeugt, dass die Irminsul nichts anderes darstellt, als eben jene Verbindung zwischen Unterwelt und Himmel, zwischen Tod und Leben.

 Was mich mehr als nur verblüfft hat, das war eine erstaunliche Entdeckung: Es gibt eine heidnische Irminsul vor einem der schönsten Gotteshäuser Europas, vor dem altehrwürdigen Dom zu Bremen!

Literatur

Foto 8
(1) Siehe hierzu…. Thompson, John Eric Sidney: »Maya Hieroglyphic Writing/ An Introduction, 1960, University of Oklahoma Press, S. 85

Weiterführende Werke, auch zur Vertiefung:

(2) Stuart, David und George: »Palenque/ Eternal City of the Maya«, London 2008
(3) Gockel, Wolfgang: »Die Geschichte einer Maya-Dynastie/ Entzifferung
     klassischer Maya-Hieroglyphen am Beispiel der Inschriften von Palenque«,
     Mainz 1988
(4) Kearsley, Graeme R.: »Pacal’s Portal to Paradise at Palenque/ The Iconography
     of India at Palenque and Copan«, London 2002


Hotels in der Nähe der Ruinen von Palenque:

Piedra de Agua Palenque, El Colombre, Hotel Villas Kin Ha, Cabanas Kin Balam, Mayabell

Anmerkungen zu den Fotos

Foto 1: Der Tempel der Inschriften von Palenque. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 2 und 3: Blick aus dem Urwald auf Ruinen von Palenque. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Fantasievolle Darstellung von Ygdassil. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 5a und 5b: Die berühmte Grabplatte von Palenque. Wurde ein Bild der Weltenachse eingearbeitet? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Weltenbaum« auf sumerischem Rollsiegel. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: »Weltenbaum« Irminsul an den Externsteinen, geknickt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die »Irminsul« vom Dom zu Bremen. Foto Walter-Jörg Langbein

265 »Von der Heiligen Taube zum Schlangenmonster«
Teil 265 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.02.2015


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)