Sonntag, 13. Dezember 2015

308 »Das Grauen der Osterinsel«

Teil 308 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Aufmarsch einiger Riesen

Als Schüler schrieb ich an die deutsche Botschaft in Santiago de Chile und bat um Unterlagen in Sachen Osterinsel. Monate später besuchte mich ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft im Elternhaus. Er war auf Urlaub im Frankenland. Der freundliche Herr hatte einen Projektor dabei und führte meinen erstaunten Eltern einen Film über die Kolosse der Osterinsel vor. Das war 1968. Ich war damals 14 und hätte nie zu hoffen gewagt, jemals selbst »Isla la Pascua« besuchen zu können. In den vergangenen 25 Jahren war ich wiederholt auf dem geheimnisvollen Eiland.

Ich muss zugeben, dass ich mich sehr lange nur für die berühmten Steinkolosse interessiert habe. Wie wurden sie aus dem Stein gemeißelt? Wie wurden sie transportiert? Wie wurden sie aufgestellt? Ich muss zugeben, dass mich die jüngere Vergangenheit der Osterinsel nie wirklich interessiert hat. Ich muss zugeben, dass ich nur das Idyll der Osterinsel zur Kenntnis nehmen und genießen wollte. Kein anderes Fleckchen unseres Planeten kam mir so paradiesisch still vor. Auf der Osterinsel fühlte ich mich immer wie fern unserer lauten und hektischen Welt. Es kam mir immer so vor, als sei »Isla la Pascua« gar nicht wirklich von unserer Welt, als sei sie eine wunderschöne Oase in der Zeit.

Angeblich soll es an Orten, wo Menschen schlimmes Leid ertragen mussten, spuken. Angeblich sollen dort, wo Menschen ermordet wurden, Geister ihr Unwesen treiben. Wenn dem so wäre, dann müsste die Osterinsel ein Ort des Grauens sein, wie es nur der Großmeister des Horrors, Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) plastisch beschreiben kann (1). Das Grauen in Lovecrafts wird förmlich spürbar dank der Erzählkunst dieses großartigen Schriftstellers, war und ist aber fiktiv. Das Grauen auf der Osterinsel aber, es war – leider – real und wird bis heute gern verschwiegen und verdrängt.

Ich muss zugeben, dass mich die wohlklingenden Namen von Höhlen aus alten Zeiten sehr viel mehr interessierten als die jüngere Historie des Eilandes.  Ich besuchte den Steinbruch, also den Geburtsort der Riesenstatuen, liegende und aufgerichtete Steinkolosse und ich kroch in Höhlen. Ihre Namen ließ ich mir auf der Zunge zergehen, zum Beispiel »Ana Kai Tangata«.  »Ana« bedeutet Höhle, »Kai« zählen und »Tangata« bedeutet »Leute« (»Höhle - zählen - Leute«).

In der Ana Kai Tangata  Höhle. Foto Jürgen Huthmann

In »Ana Kai Tangata« wurden die mutigen Männer gezählt, die den »Vogelmann-Kult« zelebrierten. Sie musste eine steile Klippe zum Meer hinab klettern, durch haireiches Gewässer zu einer winzigen Insel schwimmen. Es galt, das erste Ei einer Rußseeschwalbe heil zur Osterinsel zu bringen. Nicht wirklich klar ist bis heute, was das für den Sieger bedeutete. Wurde er zum »Osterinselpapst«? Möglich. Oder traten die sportlichen Schwimmer für ihre Stammeshäuptlinge an?

Ich muss zugeben, ich liebte die Gesänge der Osterinsulaner in ihrer vokalreichen, so sanft klingenden Sprache. Aber wollte ich wirklich alles hören und verstehen, was sie uns mitteilen? Begierig notierte ich Überlieferungen von Make Make dem großen, fliegenden Gott der Osterinsel. Ich ließ mir immer wieder erklären, wie Make Make Menschen schuf, wie er ihm treu ergebene Menschen belohnte und wie er ungehorsame Menschen bestrafte. Da war die Rede davon, dass Make Make böse Menschen durch die Lüfte trug und auf einem winzigen Eiland aus nacktem Fels aussetzte. Da wurde berichtet, wie die Menschen aus dem Reich des »Atlantis der Südsee« erfuhren: durch einen Priester, den Make Make entführte und nach einer Himmelsreise auf der Osterinsel absetzte.

Ich interessierte – ich muss es zugeben – die fantastisch anmutende Zeit vor der Entdeckung der Osterinsel durch ach so zivilisierte Europäer. Das Grauen der Osterinsel unter »christlicher Herrschaft« verdrängte ich. Mag sein, dass es in der mythischen Zeit der Osterinsel Menschenfresserei gab. Die wirkliche Zeit des Grauens setzte aber erst ein, als sich Vertreter der »zivilisierten Welt« die Osterinsel aneigneten und die Geschicke der Menschen bestimmten.
Die reale Geschichte der Osterinsulaner ist nach dem Auftauchen von Vertretern der »zivilisierten Welt« von Grausamkeit und Brutalität geprägt.

1805. Der Schoner Nancy ankert vor der Osterinsel in der »Cooksbay«. Die Besatzung geht an Land, fällt über die ahnungslosen Osterinsulaner her. Wie viele Einheimische brutal niedergemetzelt werden, wir wissen es nicht. Ein zeitgenössischer Bericht beschreibt eine »blutige Schlacht«. Die Insulaner haben keine Chance, die Amerikaner sind ihnen dank ihrer Schusswaffen überlegen.

Männer und Frauen werden an Bord der Nancy, Heimathafen New-London, USA, gezerrt und gefesselt. Sie sollen als Sklaven auf der Insel »Más Afuera« (heute Alejandro Selkirk Insel, Juan-Fernández-Archipel) angesiedelt werden. Dort sollen sie für ihre »Besitzer« Seehunde jagen. Drei Tage lang hält man die Osterinsulaner in Fesseln. Als man schließlich den Männern die Eisen löste, stürzten sie sich in die Fluten.

Ein Boot wird zu Wasser gelassen, soll die Flüchtigen wieder einfangen. Das gelingt nicht. Die Männer tauchen, ertrinken lieben als dass sie in die Sklaverei gehen.

1811. »Pindos«, ein amerikanischer Walfänger, ankert vor der Osterinsel. Männer gehen an Land, fassen Frischwasser. Als die Wasservorräte ausreichen, fallen die Matrosen über die Einwohner der Osterinsel her. Sie haben es auf Frauen abgesehen, die sie brutal vergewaltigen und an Bord der »Pindos« verschleppen.

Dort »tobte sich die Besatzung in aller Scheußlichkeit aus«, wie ein zeitgenössischer Bericht vermeldet (2). Die schwer misshandelten,  übel zugerichteten Frauen werden schließlich über Bord geworfen. Und dienen als lebende Zielscheiben für »Schießübungen«.

»Offensichtlich hatten deine Vorfahren keinerlei Rechte im 19. Jahrhundert…«, sagte ich aufrichtig bedauernd zu der bildschönen Osterinsulanerin, die mich mehrere Tage lang kreuz und quer auf der Insel herumfuhr und mir auch Höhlen zeigte, die für »Schnell-Schnell-Touristen« zu weit abseits von den Kurztouren liegen. Traurig sah mich die Schöne an. »Meine Vorfahren hatten im 19. Jahrhundert keine Rechte. Daran hat sich im 20. Jahrhundert nichts geändert!«


Riesen aus Stein in Reih' und Glied....


Die Menschen lebten in Angst auf »Isla la Pascua«. Nahte ein Schiff, versteckten sie sich in den zahlreichen Höhlen, um nicht als Sklaven verschleppt oder »nur« vergewaltigt zu werden. Im Herbst 1862 schaffte Peru die Sklaverei ab, offiziell und aus »humanitären Gründen«. An den realen Verhältnissen änderte sich aber nichts. Die Menschenhändler wollen auf ihre immensen Profite nicht verzichten. Sie treiben ihr »Handwerk« weiter, verschleppen weiter Menschen aus dem polynesischen Raum. Weiter werden Menschen auf der Osterinsel gefangen. Weiter werden die Menschen nach Peru geschafft, wo sie unter unsäglichen Bedingungen schuften müssen.

Da der Sklavenhandel aber inzwischen verboten ist, dürfen die Sklaven nicht mehr als Sklaven bezeichnet und auch nicht mehr verkauft werden. Also bekommen die Sklaven »Arbeitsverträge« und »dürfen« in Südamerika »einwandern«. Als Sklavenhandel noch offiziell erlaubt war, wurden die Sklaven auf Märkten feil geboten und wie Ware hin und her geschoben. Das ist nun nicht mehr statthaft. Stattdessen werden jetzt die Arbeitsverträge verkauft und gekauft. Wer einen »Arbeitsvertrag« erwirbt, der kauft de facto den dazugehörigen Sklaven mit, auch wenn der Sklave jetzt nicht mehr Sklave genannt wird.

Weihnachten 1862 liegen acht Schiffe vor der Osterinsel. Fast 100 Mann gehen an Land, locken die Insulaner an den Strand. Netze werden über die Menschen geworfen, sie werden gefesselt und von den Sklavenhändlern an Bord ihrer Schiffe gezerrt. Da noch Platz für weitere Sklaven ist, wird regelrecht Menschenjagd betrieben. Wer sich widersetzt, wird kaltblütig ermordet. Ein gewisser de Aguirre, Kapitän des spanischen Schiffs »Cora« tötet Osterinsulaner mit gezielten Schüssen. Auch der Koordinator der scheußlichen, verbrecherischen Aktion, ein gewisser Juan Maristany, erschießt eigenhändig Gefangene, weil sie sich seiner Meinung nach nicht schnell genug auf die Schiffe verladen lassen.

Einigen Flüchtenden gelingt es, sich in einer großen Zuckerrohranpflanzung zu verstecken. Zunächst schießen die Sklavenjäger ziellos, doch die Menschen zeigen sich nicht. Also wird die Plantage angezündet. Es kommt zu einem blutigen Gemetzel. Die Einheimischen bewerfen ihre Peiniger mit Steinen, die Vertreter der »Zivilisation« setzen bedenkenlos ihre Schusswaffen ein. Fünf der verbrecherischen Sklavenjäger kommen ums Leben, die Zahl der ermordeten Insulaner ist nicht bekannt.

Wir können das Grauen, das Vertreter der »zivilisierten Welt« –  auch – auf der Osterinsel inszenierten nicht mehr vollständigen in seiner abartigen Abscheulichkeit erfassen. Zu spärlich sind die überlieferten Dokumente. Nackte Zahlen lassen Schlimmstes über die Umstände, unter denen die Sklaven schuften mussten, erahnen. Die menschenunwürdigen Zustände auf den Guanofeldern der Chincha-Inseln führten dazu, dass die meisten der Sklaven nicht lange überlebten. Größer waren die Überlebenschancen der Sklaven auf den Haciendas allerdings nicht. Im Chillón-Tal zum Beispiel starben 64 von 100 Sklaven, die aber nicht mehr als Sklaven bezeichnet werden durften. Sklaverei war ja schließlich verboten.

Das Grauen auf der Osterinsel – verantwortlich: »zivilisierte« Sklavenjäger – fand auf dem Festland Südamerikas seine Fortsetzung… verantwortlich: »zivilisierte« Haciendabesitzer.  So unsäglich waren die Verbrechen, dass schließlich Vertreter der katholischen Kirche protestierten und eine Rückkehr der überlebenden Sklaven in die Heimat forderten.

Fußnoten

1) Obwohl H.P. Lovecraft schon im Alter von 47 Jahren starb, hinterließ er ein umfangreiches Werk der einzigartigen Horrorliteratur. Eine kleine Auswahl…. Lovecraft, H.P.: »Chronik des Cthulhu-Mythos I«, »Chronik des Cthulhu-Mythos II«, »Die lauernde Furcht – 24 Horrorgeschichten«, »Gesammelte Werke Band 1: Der kosmische Schrecken« und »Gesammelte Werke Band 1: Der kosmische Schrecken«, »Gesammelte Werke Band 2: Namenlose Kulte«.

2) Mazière, Francis: »Insel des Schweigens«, Berlin 1967

Zu den Fotos...

»In der Ana Kai Tangata  Höhle.« Foto Jürgen Huthmann
Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein


 309 »Der Genozid«,
Teil 308 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 20.12.2015


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Sonntag, 6. Dezember 2015

307 »Nikolaus und die goldenen Äpfel«

Teil 307 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Vierzehnheiligen anno 1909

Es war ein bitter-kalter Abend im schweizerischen Solothurn. Bei einem leckeren Käsefondue und »geistigen« Getränken erzählte unser freundlicher, sympathischer Gastgeber: »Wir haben heute den 6. Dezember. Bei euch in Deutschland spricht man vom ›Nikolaus-Tag‹!« Den Nikolaus soll es wirklich gegeben haben, konnte ich einwerfen. Genauer gesagt vereint der Heilige Nikolaus angeblich zwei historische Persönlichkeiten in sich: den Bischof Nikolaus von Myra (vermutlich 4. Jahrhundert) und den Abt von Sidon gleichen Namens. Im 6. Jahrhundert wurde aus diesen beiden realen Persönlichkeiten der fiktive wundertätige Bischof von Myra.

»Bei uns in der Schweiz heißt der ›Heilige Nikolaus‹ allerdings ›Samichlaus‹!«, so fuhr unser Gastgeber fort. »Und der hat seinen Ursprung in vorchristlichen Zeiten!« Das stimmt! »Samichlaus« lässt sich vom keltischen Samonios herleiten, dem Allerseelen der Heiden. Am 1. November gedachten die Kelten der Toten. Das Halloween-Fest ist übrigens keine Erfindung der Amerikaner. Es stammt aus dem Keltischen, wurde durch Auswanderer in die »Neue Welt« gebracht.

Der Heilige Nikolaus von Worms
Zu Samonios wurden die lebensnotwendigen Herdfeuer gelöscht und wieder entzündet. Auf diese Weise wurde der »sterbenden« und wieder neu »auflebenden«  Natur gedacht. »Samichlaus« alias Sami-Klaus, war ein keltischer Heiliger, der das Samonios Fest zelebrierte (»Sami«) und der in einer »Klause« lebte.  

Zunehmend stehen zu Halloween auch in unseren Breiten gespenstisch wirkende hohle Kürbisköpfe in Fenstern und vor Türen, mit leuchtenden Augen und Mündern. Das »Feuer« in hohlen Kürbissen mit eingeschnitzten Gesichtern mag an diesen alten heidnischen Brauch erinnern.

Im »Samichlaus« (alias »Nikolaus«) der Schweiz lebt uralter heidnischer Glaube weiter, wenn auch stark christlich übertüncht! Auch in Österreich hat der ach so katholisch-fromme Nikolaus ältere, sprich keltische Wurzeln. Georg Rohrecker schreibt in seinem Buch »Die Kelten Österreichs – Auf den Spuren unseres versteckten Erbes« (1): »Wo heute in den Ostalpen Nikolauskirchen stehen, waren ursprünglich Kultplätze, bei denen es um Fruchtbarkeit und ewiges Leben ging. Wobei Nikolaus .. insbesondere auch die Rolle eines schützenden Begleiters der verstorbenen Seelen und Garanten für ihre Wiedergeburt zufiel.«

Der keltische Bewahrer des Lebens und der Wiedergeburt lebt auch heute noch in christlichen Bildnissen weiter. Auf frommen Gemälden beschenkt der Heilige Nikolaus die drei Heiligen Jungfrauen mit goldenen Äpfeln. Eigentlich ganz unchristlich bietet er den drei Heiligen Jungfrauen das ewige Leben an. Er präsentiert es ihnen in christlichem Gewand. So verwundert es nicht, dass der Heilige Nikolaus nach frommer Legende Tote wieder zum Leben erwecken konnte. Nach einer alten Überlieferung kehrten einst drei Studenten in der Herberge eines Gastwirts ein. Der erschlug die jungen Männer, beraubte sie und zerstückelte ihre Leichname und pökelte sie zusammen mit Schweinefleisch ein.

Kurz darauf erschien der Heilige Nikolaus als Gast. Dienstbeflissen setzte ihm der mörderische Wirt Pökelfleisch vor. Nikolaus erkannte sofort, was Grausiges geschehen war und erweckte die zerhackten und eingepökelten Mordopfer wieder zum Leben. Da muss man wohl wirklich von einem echten Wunder sprechen!

Nach einer anderen Legende hatte einest ein armer Mann drei Töchter. Da er ihnen keine Aussteuer mitgeben konnte, wollte er sie zur Prostitution drängen. Davon freilich erfuhr der Heilige Nikolaus. Er schenkte dem Vater drei goldene Äpfel, so dass den drei Töchtern das Schicksal der Prostitution erspart blieb.

Kurios mutet eine Darstellung der Geschichte vom Nikolaus, den drei Schwestern und den drei goldenen Äpfeln aus dem frühen 16. Jahrhundert an. Man sieht den gramgebeugten Vater. Er scheint noch zu überlegen, wie er seinen drei Töchtern den Weg in die Prostitution ersparen kann. Die drei Töchter allerdings sind schon recht freizügig dargestellt. Es sieht so aus, als würden sie ihre Reize schon zur Kundenwerbung einsetzen. Ob das Kunstwerk aus Salzburg eine Vision des Vaters darstellt, von der befürchteten Zukunft seiner Töchter? Gerade rechtzeitig noch erscheint der Nikolaus. Er ist dabei, einen der goldenen Äpfel zu werfen.

Wie stark heidnisches Glaubensgut war, das beweist die Vitalität der alten keltischen Schutzgottheiten. Da sie nicht wirklich aus dem Volksglauben verdrängt werden konnten, wurden sie »christianisiert«. So wurden aus alten Schutzgöttern der heidnischen Art christliche »Nothelfer«. Die »Vierzehn Nothelfer« werden in zahlreichen Regionen verehrt. Besonders bekannt ist »Vierzehnheiligen« im oberfränkischen »Gottesgarten«.

Der Fachmann erkennt unschwer im Heiligen Dionysius den heidnischen Dionysos/ Bacchus wieder. Keltenexperte Georg Rohrecker (2): »Da Dionysos/ Bacchus von offiziell christlichen Herrschern nicht verehrt werden konnte, wurde mit Dionysius ein Hybride aus ›heidnischen‹ und katholischen Komponenten geschaffen.« So lebt also ein heidnischer Gott als »Saint Denis«, alias »Dionysius«, alias »Dennis« alias »Denys« im katholisch-christlichen Heiligenhimmel weiter. Einst wurde er als Heros der Mond- und Sternengöttin verehrt. Später stieg er in der Hierarchie zum Gott der Fruchtbarkeit und des Weins auf. Er wurde als Sohn des Zeus und Mondgöttin Semele verehrt. Dem erstarkenden Christentum sollte er weichen, blieb dann aber ob seiner Beliebtheit als christlicher Nothelfer erhalten.

Der christianisierte Dionysius, in Frankreich brachte er es zum Nationalheiligen, endete als Märtyrer. Auf dem Montmatre (zu Deutsch: »Märtyrerberg«) wurde ihm, dem ersten Bischof von Paris, das Haupt abgeschlagen. Noch im Tod bewirkte er, so überliefert es die fromme Legende, ein Wunder: Er hob seinen Kopf auf und marschierte noch ganze sechs Kilometer gen Norden. Und wo er schließlich sein abgeschlagenes Haupt ablegte, so die Legende weiter, ließ der fränkische Dagobert im frühen 7. Jahrhundert die erste Abtei »St. Denis« bauen.

Dionysius, Corvey.
Der frommen Legende nach stellte Dionysius in der Disziplin »Gehen nach Enthauptung« den Piraten Klaus Störtebeker in den Schatten. Nach einer alten Legende machte der Bürgermeister von Hamburg Kersten Miles dem zum Tode verurteilten Piraten Klaus Störtebeker ein gruseliges Angebot. Er werde allen Piraten die Freiheit schenken, an denen Störtebeker nach seiner Enthauptung vorbeigehen würde. Klaus Störtebeker, so heißt es weiter, akzeptierte und wankte nach seiner Hinrichtung kopflos an elf seiner Gefährten vorbei. Der Henker brachte den Piraten zu Fall. Und der Bürgermeister brach sein Versprechen, alle 73 Seeräuber wurden geköpft. Während Dionysius sechs Kilometer kopfloses Gehen geschafft haben soll, brachte es Störtebeker dank der Hinterlist des Henkers nur auf wenige Meter.

Den »Heiligen Nikolaus« identifiziert Georg Rohrecker (3) als »ehemaligen Wasser- und Fruchtbarkeits-Heros«. Selbst der angebliche Geburtsort des Nikolaus – Patara – wurde mit Bedacht gewählt. In Patara, heute Türkei,  nahm der Apollon-Kult seinen Ausgangspunkt. Apollon Patroos lockte Volksmassen nach Patara. Unzählige Menschen pilgerten zu seinem Orakel. Rohracker (4): Nikolaus »wurde daher sicher mit voller Absicht in die großen Fußstapfen des antiken Licht-, Weisheits- und Heilergottes Apollon gestellt, den Caesar mit dem keltischen (Gott) Belenus verglich.«

Bis heute gibt es meiner Meinung nach keinen einzigen Lehrstuhl an einer Universität, der sich meiner Meinung nach mit Recht mit dem Namen »Theologie« schmücken dürfte. Theologie bedeutet übersetzt und sinngemäß übertragen »Wort von Gott«, oder »Reden von Gott«. Ein Lehrstuhl, der diese Bezeichnung verdienen würde, dürfte nicht konfessionell gebunden sein. In Erlangen, zum Beispiel, wird keineswegs christliche Theologie im allgemeinen Sinn betrieben. Es wird vielmehr ein ganz spezielles Christentum gelehrt. Katholische Theologie bleibt außen vor. In Erlangen beschäftigt man sich ausschließlich mit evangelisch-lutherischer Theologie, also mit einem verschwindend  kleinen Segment von Theologie.

Auch in Vierzehnheiligen, Oberfranken,
Ich wünsche mir eine überkonfessionelle Theologie, die sich wertfrei mit allen möglichen, unterschiedlichen Formen des religiösen Glaubens auseinandersetzt. Konfessionell gebundene Theologie kann gar nicht wissenschaftlich sein, weil sie Dogmen hat, an denen nicht gerüttelt werden darf. Wissenschaft aber muss stets dazu bereit sein, bislang als richtig angesehene Erkenntnisse über Bord zu werfen. Wissenschaft hinterfragt sich stets selbst. Theologie tut das nicht. Oder besser gesagt: Wissenschaft sollte stets dazu bereit sein, sich zu hinterfragen und neue Erkenntnisse zu akzeptieren. Das aber tut sie nur ungern. Sie ist in gewisser Hinsicht… theologisch.

Im Vergleich zur »Theologie« des Islam ist allerdings die christliche geradezu revolutionär und fortschrittlich-wissenschaftlich. Da wird offen darüber diskutiert, welche Jesus-Worte aus dem »Neuen Testament« wirklich echt sind. In der christlichen Theologie an den Universitäten wird versucht zu ergründen, welche »Jesus-Zitate« in Wirklichkeit erst später Jesus in den Mund gelegt wurden. Eine ähnlich kritische Auseinandersetzung mit dem Koran kommt in manchen, vom Islam dominierten Ländern einem Selbstmord gleich. So wagt es kein muslimischer »Theologe« auch nur eine Sure wissenschaftlich zu hinterfragen.

Der »Heilige Nikolaus«, heute oftmals in Personalunion mit dem Weihnachtsmann und als »Coca-Cola-Santa-Claus«, beschenkt die Kinder. Der »Heilige Nikolaus« schenkte einem armen Vater mit drei Töchtern drei goldene Äpfel. Ur-christlich ist diese Geschichte nicht. Sind doch die drei goldenen Äpfel Symbol der heidnischen Muttergöttinnen-Dreifaltigkeit. Die Äpfel sind aus heidnischer Mythologie hinlänglich bekannt, als Äpfel des ewigen Lebens. Helden wie Herkules versuchten in den Besitz dieser Wunderäpfel zu gelangen. Und der prall mit Gaben gefüllte Sack, den Santa Claus heute da und dort noch in die guten Stuben schleppt, ist ebenso ein uraltes heidnisches Symbol: für die unerschöpfliche Fülle, die die Muttergöttin zu bieten hat… und für das ewige Leben.

... werden die »Vierzhen Nothelfer« angerufen
Fußnoten


1) Rohrecker, Georg: »Die Kelten Österreichs – Auf den Spuren unseres versteckten Erbes«, Wien 2003, S. 143
2) Rohrecker, Georg: »Kelten, Götter, Heilige – Mythologie der Ostalpen«, Wien 2007, S. 124 unten und S. 125 oben
3) ebenda, S. 159
4) ebenda



Vierzehnheiligen, vom Zug aus fotografiert

Zu den Fotos

Die beiden Innenaufnahmen von Vierzehnheiligen (»Auch in Vierzehnheiligen, Oberfranken,werden die ›Vierzehn Nothelfer‹ angerufen«) stammen von Ingeborg Diekmann, Bremen. Alle übrigen Aufnahmen: Walter-Jörg Langbein und Archiv Walter-Jörg Langbein.

308 »Das Grauen der Osterinsel«,
Teil 308 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.12.2015

 
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