Sonntag, 18. September 2016

348 »Riesen, Götter, Astronauten?«

Teil 348 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Lageplan der 5 Rathas
Zur Erinnerung: Fünf  »Tempelchen« unweit des Riesenreliefs von  Mahabalipuram bilden ein Ensemble. Vier der fünf »Rathas« sind dicht an dicht in einer Linie aneinandergereiht. Alle vier wurden einem einzigen Felsrücken heraus gemeißelt. Benannt hat man die fünf Rathas nach den legendären fünf Pandava-Brüdern und ihrer gemeinsamen Frau. Die fünf legendären Brüder sind: die Zwillinge Nakula und Shadeva, Yudishthira (1), Bhima und Arjuna. Alle fünf  Brüder hatten mehrere Frauen, Arjuna zum Beispiel deren fünf. Zudem teilten sich  die Fünf aber eine Frau, nämlich Draupadi. König Pandu wünschte sich sehnlichst männlichen Nachwuchs. Als Opfer eines Fluchs, der ihn zeugungsunfähig machte, konnte er nicht selbst dafür sorgen. Diverse Götter vertraten ihn recht erfolgreich.

So sprang Indra für den König ein und zeugte Arjuna. Arjunas Tempel  (Nr.3 im Lageplan) soll  von buddhistischen Architekten geschaffen oder beeinflusst worden sein. Steinerne Statuen, die das monolithische Gebäude zieren, könnten historische Personen aus dem 7. Jahrhundert darstellen, vielleicht wichtige Menschen aus der Hafenstadt Mahabalipuram. Bei Ausgrabungen in unmittelbarer Nähe des Arjuna Tempels stießen Archäologen auf einen beschädigten steinernen Kopf Shivas. Indra ist an der Rückseite des sakralen Gebäudes als Halbrelief zu sehen, auf einem Elefanten reitend.

Foto 2: Arjunas Ratha (links), Draupadis Ratha (rechs)

Indra ist in die altindische Mythologie als göttlicher Held eingegangen. Wie der Heilige Georg aus christlichen Gefilden tötet Indra monströse Fabelwesen. Er ist dabei allerdings nicht auf ein schlichtes Schwert angewiesen, sondern bringt wiederholt seinen »Donnerkeil«, »vajra« genannt, zum Einsatz. Auf diese Weise erledigt Indra Vrita, das saurierähnliche Untier, das auch als »Dürredämon« Vrita Angst und Schrecken verbreitet. Indra ist am ehesten mit einem Superhelden des Comiczeitalters vergleichbar, nur dass er sich nicht auf übermenschliche Kräfte verlassen muss, sondern seinen modern anmutenden Waffen vertrauen kann. In Sachen Schöpfung muss ein Vergleich mit dem biblischen Gott erlaubt sein. Indra war ein Sohn von Himmel und Erde. Ursprünglich müssen beide -  »Dyaus« (Himmel) und »Prithivi« (Erde) - verbunden gewesen sein. Indra trennte beide, kaum dass er das Licht des Lebens erblickt hatte. Er muss ein wirklich starkes Baby gewesen sein.

Foto 3: Arjunas Ratha

Auch der biblische Schöpfergott wird als der große »Trenner« beschrieben (2): »Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag.«  Hermann Grassmann kommentierte anno 1877 (3), dass Indra eine Art Zaubertrunk einnimmt. Dann, »dadurch gestärkt, vollbringt Indra seine Heldenthaten, zu denen er mit dem Blitze oder Donnerkeil bewaffnet, in einem Wagen.« Um einen herkömmlichen Wagen kann es sich bei Indras Gefährt freilich nicht gehandelt haben. Verweist doch Grassmann ausdrücklich darauf, dass Indra  (4) »gewaltige Kriegsthaten … teils in den Wolken des Himmels, theils auf der Erde ausführt.«

Foto 4: So einen »Donnerkeil« hatte Arjuna

Bei meiner Indienreise wurde mir das Dilemma der Wissenschaften bewusst, die sich mit uralten Texten beschäftigen. Das Problem: Eine Übersetzung eines altehrwürdigen Textes fällt ganz unterschiedlich aus, je nachdem welches Bild der Übersetzer von der Entstehungszeit des Textes hat. Konkreter: Anno 1877 konnte sich Germann Grassmann nicht vorstellen, dass es im Alten Indien einst Kontakte mit außerirdischen Wesen, Götter genannt, gegeben haben könnte. Der kenntnisreiche Forscher war ein Spitzenexperte in Sachen Sanskrit, aber von den Möglichkeiten der Raumfahrt, von Laser-Waffen und der gleichen konnte er nichts wissen. Wenn nun im Rig Veda tatsächlich Kontakte mit Außerirdischen beschrieben wurden, wenn es in dem heiligen Textkonvolut tatsächlich auch um Flugobjekte und modernste Waffen ging, dann musste Grassmann – wie jeder andere Sanskritexperte auch – falsch übersetzen. Es ist an der Zeit, dass Texte wie der Rig Veda neu übersetzt werden, so wie dies Dr. Hermann Burgard im Bereich sumerischer Hymnen getan hat.

Foto 5: Nakula und Sahadeva Ratha
Ich darf noch einmal Hermann Grassmanns Kommentar zitieren (5): »Er (Indra) stürzt die Himmelsstürmer Rauhina und andere von den Höhen herab, und tilgt auch auf der Erde die feindlichen Dämonen. An den Kämpfen der Menschen betheiligt er sich und verschafft Sieg denen, die ihm am treuesten dienen, und lässt sie reiche Beute erlangen.« Eindeutig wird unterschieden zwischen Geschehnissen, die sich »in den Höhen« und anderen, die sich »auf der Erde« ereignen. Selbst die Übersetzung Grassmanns aus dem späten 19. Jahrhundert lässt erahnen, dass der Rig Veda auch Kämpfe im Luftraum, womöglich im All beschreibt. Bevor nicht eine wirklich neue Übersetzung der Originaltexte vorliegt, können wir nur erahnen, was hinter den geheimnisvollen Hymnen der Rig Veda steckt.

Was will der unbekannte Verfasser des Rig Veda ausdrücken, wenn es im 2. Liedkreis heißt (6): »Selbst Himmel und Erde beugen sich ihm; vor seiner Wut fürchten sich selbst die Berge.« Hermann Grassmann kam 1877 zu einem leicht abweichenden Ergebnis: »Ihm beugen sich die Himmel und die Erde, vor seinem Schnaufen beben auch die Berge.«  Eine ähnliche Beschreibung findet sich im Alten Testament unserer Bibel. Als sich der Gott des Alten Testaments auf dem Berg Sinai vom Himmel kommend niederließ, hat er wohl auch »geschnaubt« (8): »Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil der HERR auf den Berg herabfuhr im Feuer; und der Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen und der ganze Berg bebte sehr.«

Die Landung des Herrn auf dem Berg Sinai, verbunden mit Schnauben, Feuer und Rauch war alles andere als ungefährlich für die Menschen. So musste ein Schutzzaun um den vorgesehenen Landeplatz errichtet werden, um die Menschen von der Gefahrenzone fernzuhalten (9): »Mose aber sprach zum HERRN: Das Volk kann nicht auf den Berg Sinai steigen, denn du hast uns verwarnt und gesagt: Zieh eine Grenze um den Berg und heilige ihn.«

Foto 6: Nakula und Sahadeva Ratha

Dr. Hermann Burgard hat es vorexerziert: Sumerische Tempelhymnen enthalten glasklare Hinweise auf Besuche von Außerirdischen und Beschreibungen ihrer hypermodernen Technologie – vor mehr als vier Jahrtausenden! Vor Dr. Burgards brisanten Neuübersetzungen sumerischer Tempelhymnen (verfasst von Encheduanna) gab es »nur« vielversprechende Hinweise.  Dr. Burgard (11): »Encheduanna benennt diese Tempelherrschaften jedoch in ihrem Text mehrfach klar mit einer Bezeichnung, die modern als Dingir ausgesprochen wird. Seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnte man von Professor Deimel vom Päpstlichen Bibelinstitut in Rom lernen, dass es sich dabei um – wörtlich übersetzt – ›Entscheider aus Flugapparaten‹ handelte.«

Wer waren diese »Entscheider aus Flugapparaten«? Gehörte der biblische Gott des Alten Testaments, der unter gefährlichem Gebraus auf dem Berg Sinai landete, ebenso in diese Gruppe wie die diversen Göttinnen und Götter, über die wir im Rig Veda informiert werden? Provokativ gefragt: Stellen die 5 Rathas von Mahabalipuram Flugvehikel der vorgeschichtlichen kosmischen Besucher dar? Sind die Götter die Besatzung der prähistorischen »UFOs«?

Foto 7: Ratha von Nakula und Sahadeva
Bleiben wir noch beim Ensemble der fünf Tempel von Mahabalipuram, die nach den legendären Pandava-Brüdern und ihrer gemeinsamen Frau benannt wurden. Die Zwillinge Nakula und Sahadeva müssen sich einen Tempel teilen (Nr.1 im Lageplan. Siehe Foto 1!) Natürlich kam auch als Vater für die Zwillinge nicht König  Pandu in Frage. Das machte ja ein böser Fluch unmöglich. Leibliche Väter der Zwillinge waren die göttlichen Ashvin-Zwillinge Dasra und Nasatya.

Dasra und Nasatya waren entweder Riesen oder Astronauten in Indiens mythologischer Vorzeit. Im 19. Jahrhundert waren Astronauten noch nicht einmal Hirngespinste in der Welt der Wissenschaft. Also konnten aus Astronauten, die in ihren Vehikeln zwischen Himmel und Erde pendelten, nur  Götter werden, die in Karren reisten. Und derlei indische Götter, über die Werke wie der Rig Veda berichten, durften nur fiktive Phantasiegestalten sein, zumindest für christlich orientierte Wissenschaftler des späten 19. Jahrhunderts.

Dasra und Nasatya – Riesen oder Astronauten? Das hängt von der Übersetzung ab, für die wir uns entscheiden! Folgt man der Übersetzung von Hermann Grassmann (12), dann waren die beiden Götter Riesen, die »bis zum Himmel ragen auf«. Folgt man freilich der englischen Übersetzung, dann waren die beiden Asvin-Götter die Besten ihrer Zunft, die dank ihrer Flugmaschine die Himmel erreichen (13). 


Fußnoten

Foto 8: Ein sehr wichtiges Buch!
(1) Yudishthira ist auch als Dharmaraja (andere Schreibweise Dharma Raja) bekannt.
(2) 1. Buch Mose Kapitel 1, Verse 6-8
(3) Grassmann, Hermann (Übersetzer): »Rig Veda/ In der Übersetzung von H. Grassmann«, eBook, Pos. 496, Altmünster , 21. Juli 2012, Printausgabe 1877, Rechtschreibung unverändert übernommen
(4) ebenda
(5) ebenda, Pos. 502
(6) 2, 12, 13 (2. Liedkreis, 12. Hymnus, Vers 13) Geldner, Karl F.: »Der Rig Veda«, übersetzt und erläutert von Kerl F. Geldner, Erster Teil, Erster bis vierter Liederkreis, Göttingen 1923, Seite 262
(7) 2, 12, 13 (2. Liedkreis, 12. Hymnus, Vers 13) Grassmann, Hermann (Übersetzer): »Rig Veda/ In der Übersetzung von H. Grassmann«, eBook, Altmünster, 21. Juli 2012, Printausgabe 1877
(8) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 18
(9) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 23
(10) Burgard, Dr. Hermann: »Encheduanna/ Geheime Offenbarungen«, Groß-Gerau 2012 (Foto 8)
Burgard, Dr. Hermann: » Encheduanna: Verschlüsselt - Verschollen - Verkannt.Tempelhymnen Nr. 20 - 42 mit neuen Geheimen Offenbarungen«, Groß-Gerau 2014
(11) Grußadresse von Dr. Hermann Burgard für das Seminar »Phantastische Phänomene«, Bremen 2. und 3.3.2013. Ich zitiere aus Dr. Burgards Manuskript.
(12) »Rig Veda. Übersetzt und mit kritischen und erläuternden Anmerkungen versehen von Hermann Grassmann«, Leipzig 1877, Band 2, Seite 19 (1. Liedkreis, Hymnus 22, Vers 2)
(13) »Rig Veda by Ralph T.H. Griffith, Translator«, eBook, Verlag: Leeway Infotech, 30. Januar 2016 (1. Liedkreis, Hymnus 22, Vers 2)
 


Zu den Fotos

Foto 1: Lageplan der 5 Rathas.wiki commons/ Daarznieks
Foto 2: Arjunas Ratha (links), Draupadis Ratha (rechs)
Foto 3: Arjunas Ratha
Foto 4: So einen »Donnerkeil« hatte Arjuna
Foto 5: Nakula und Sahadeva Ratha/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Nakula und Sahadeva Ratha/ etwa 1910/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Nakula und Sahadeva Ratha/ wiki commons/ Sharda Crishna
Foto 8: Ein sehr wichtiges Buch/ Foto Verlag 

349 »Kosmische Besucher und ihre irdischen Spuren (I)«,
Teil 349 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 25.09.2016

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Sonntag, 11. September 2016

347 »Der Gott mit dem Löwenkopf«

Teil 347 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der mysteriöse Küstentempel

Hoch ragt der Turm des Küstentempels von Mahabalipuram in den Himmel. Mir kam das schlanke Bauwerk mit markanter Spitze wie ein Leuchtturm vor. »Meine Urgroßmutter konnte sich noch daran erinnern, dass ihre Großeltern von einem Signalfeuer auf der Turmspitze erzählten. So sollten Schiffe auf die Küste hingewiesen und gewarnt werden.«

In der sechzehnbändigen Buchreihe »Architektur der Welt« wird bestätigt (1): »Das auffälligste Merkmal des Strandtempels ist sein ungewöhnlich gestreckter Turm.« Es sei zu vermuten, dass man »den Tempel zum weit sichtbaren Wahrzeichen strecken wollte.« Auf dem Tempelturm selbst brannte wohl kein Feuer, wohl aber im Tempelbereich: »Des Nachts, wenn der Tempel den Schiffen nicht sichtbar war, entzündete man auf einem hohen Steinpfeiler östlich vom Tempel ein Licht. Schiffe, die sich der Küste näherten, konnten dann aus der Position der Tempellampe und des Leuchtfeuers auf einem landeinwärts gelegenen Felsrücken ihren Kurs korrigieren.«

Foto 2: Lakshmi, Vishnu und Shiva

Nach einer Legende lebte einst ein »Prinz Hiranyakaspiu«. Der mächtige Mann weigerte sich, zu Gott Vishnu zu beten. Sein Sohn Prahlada hingegen war ein strenggläubiger Mann und verehrte Vishnu zutiefst. Prahlada schleuderte seinem Vater in einer Diskussion entgegen, Gott Vishnu sei allgegenwärtig, auch in jedem Stein. »Prinz Hiranyakaspiu« lachte hämisch und brachte eine »steinerne Säule« zum Einsturz. Aus den Mauersteinen heraus materialisierte sich Gott Vishnu höchstpersönlich als furchteinflößendes Wesen mit dem Leib eines Menschen und dem Haupt eines Löwen. Der Prinz musste seinen Unglauben mit dem Leben bezahlen. Vishnu zerfetzte ihn. Prahlada wurde König. Prahladas Enkelsohn gründete Mahabalipuram. Ließ er auch die geheimnisvollen »sieben Tempel« bauen, von denen nur noch der eine Küstentempel die Unbilden der Zeit überstanden hat?

Foto 3: Der Küstentempel vom Meer aus gesehen

Unsere Reiseleiterin zeigte mir ein schmales Heftchen, erschienen anno 1931 (2). Geschrieben hat es ein Engländer namens Fyson, der lange Zeit in Mahabalipuram lebte. Fyson hält eine örtliche Legende fest. Demnach wurde Gott Indra eifersüchtig auf die Menschen, die so herrliche Tempel geschaffen hatten. Also ließ der wütende Indra einen gewaltigen Sturm ausbrechen, der Meeresspiegel stieg gewaltig und so verschwanden sechs der sieben Küstentempel im Meer.

Nach der örtlichen Folklore – bei meiner Indienreise im November 1995 wurden mir verschiedene Versionen einer Sage erzählt – ist der heute vom Verfall bedrohte Küstentempel von Mahabalipuram stolzes Überbleibsel einer einst riesigen Anlage, zu der sechs weitere Tempel gehörten. Die Götter seien ob der herrlichen Bauwerke neidisch auf die Menschen gewesen. Sie schickten eine gewaltige Flut, die den prachtvollen Komplex weitestgehend zerstörte. Nur einer der Küstentempel habe die Sintflut überstanden.

Sollten tatsächlich sechs von sieben Tempeln im Meer versunken sein? »Das alte Indien« bestreitet das (3): »Narasimhavaraman I. ließ auch eine Gruppe von monolithischen Felsentempeln aus dem Granit der Uferfelsen herausmeißeln, die der europäischen Seefahrt als ›Sieben Pagoden‹ geläufig waren. Fünf dieser Tempel sind erhalten geblieben.«

Foto 4: Ein Ratha, kein Küstentempel!

Die Zahlenangabe ist definitiv falsch. Neben den fünf kleinen Tempeln gibt es ja auch noch den einen Küstentempel. Hier werden offensichtlich die fünf Miniaturtempelchen, die fünf Rathas, mit Küstentempeln verwechselt. Narasimhavaraman I. regierte Mitte des 7. Jahrhunderts nach Christus das südliche Indien. Wie schon sein Vater liebte der Regent die schönen Künste und auf seine Initiative ging wohl auch der Bau der fünf Rathas zurück.


Fotos 5+6: Shivas Küstentempel
Der letzte Küstentempel hatte im Allerheiligsten eine Kultstätte, die Gott Shiva geweiht war. Der Architekt war ein Könner. So ließ er in der Umfassungsmauer ein »Guckloch«. Auf diese Weise konnten Seeleute auf dem Weg zum Hafen von ihren Schiffen aus direkt in die sogenannte »Cella« blicken. Diese »Cella« war sozusagen das »Herz« eines Tempels. Hier fand sich in der Regel die Statue einer Göttin oder eines Gottes.

Zum Tempelkomplex gehörte ein System von Höfen. Über ein kompliziertes Röhrensystem konnte Wasser in flache Becken strömen, so dass einzelne kleinere Kultbauten im Tempelbereich zu steinernen Inseln wurden. Die Tempelbecken waren flach und wurden ausschließlich mit Süßwasser gefüllt, und das wenige Meter vom Meer entfernt. Eine Überflutung des Tempels war ausgeschlossen. Es gab nämlich nicht nur eine Röhrenanlage für die Wasserzufuhr, sondern eine weitere um ab einer bestimmten Höhe Wasser abfließen zu lassen. Es wurde ins Meer geleitet.

Warum dieses komplexe System angelegt wurde, wir wissen es nicht. Der sehr niedrige Wasserspiegel schließt eine Verwendung als »Badeteich« für »rituelle Waschungen« aus. Eine vage Vermutung: Der Ursprung der Anlage geht auf sehr viel ältere Wasser- oder/ und Schlangenkulte zurück.

Der Tempel wurde als Miniaturbild des Kosmos gesehen. Der Tempelturm galt als die Weltachse, die Erde und Kosmos miteinander verband. Dieser »Weltachse« bin ich im Verlauf meiner Reisen immer wieder begegnet. Die flachen Wasserbecken mögen als Spiegel für den Himmel gedient haben. So wurden die Sterne auf die Erde geholt. Im Zentrum des Kosmos-Modells stand die Statue einer Göttin oder eines Gottes, als Sinnbild für das Göttliche im Herzen des Universums.

Fotos 7+8: Der Küstentempel
Unsere kundige Reiseleiterin vertraute mir an: »Der Küstentempel ist wirklich ursprünglich Teil einer riesigen Gesamtanlage, über deren Ausmaße wir keinerlei Vorstellung haben!« Schon immer hätten »die Alten« davon fabuliert, dass seit Generationen immer wieder Fischer von ihren Booten aus Tempel auf dem Meeresgrund gesehen hätten. »Bei ruhiger See und bei bestimmtem Sonnenstand und zu ganz bestimmten Tageszeiten soll man herrliche Bauten weit unter dem Meeresspiegel erkannt haben.« Lange wurden derlei Schilderungen als fantastische Spinnereien abgetan. Allenfalls hielt man es für möglich, dass ganz natürliche Felsformationen für Tempelbauten gehalten wurden.

Im Frühjahr des Jahres 2002 ging ein Team von Archäologen derlei »Fantastereien« im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund. Spezialisten der »Scientific Exploration Society«, Dorset, England, und von »India’s National Institute of Oceonography« taten sich zusammen und tauchten vor Mahabalipuram. Sie machten in einer Tiefe von fünf bis acht Metern, 500 bis 700 Meter vom Ufer entfernt, (4) erstaunliche Entdeckungen. Man war sich einig: Einst hatte hier ein Tempel gestanden, dessen steinerne Reste nun auf dem Meeresboden lagen! Teils lagen die erstaunlichen Funde frei, teils musste erst eine Schicht von Ablagerungen entfernt werden.

Da gab es eine arg verwaschene Statue aus Stein, vermutlich eines Löwen. Oder stellte sie Gott Vishnu mit Löwenkopf dar? Sehr gut erhalten war eine gewaltige Plattform, aufgetürmt aus präzise ineinandergefügten, sauber behauenen Steinquadern. Steinerne Treppenstufen führten auf die Plattform. Immer wieder machten die Forscher Mauerwerk aus, Ruinen von Mauern. Einzelne, rechtwinkelig zugeschnittene Steinquader, lagen verstreut auf dem Meeresboden. Es gab keinen Zweifel: Das waren die Reste von steinernen Tempelanlagen! Gehörten sie zu einem großen Tempel, oder zu einem Komplex mehrerer Tempel?

Foto 9: Sie wusste viel über Tempel zu erzählen
Im Frühjahr 2005 beteiligte sich die Indische Marine an der Suche nach Überbleibseln versunkener Tempel vor der Küste von Mahabalipuram. Wieder fand man Beweise – per Sonar: zum Beispiel eine zwei Meter hohe und siebzig Meter lange Mauer.  Einen halben Kilometer vom Strand entfernt ließen sich zwei weitere Tempel ausmachen, auf dem Meeresgrund!

Unklar ist bis heute, wie viele steinerne Gebäude wann genau und warum vom Meer verschlungen wurden. Was löste die Katastrophe aus? Industriell verschuldete Erderwärmung jedenfalls kann nicht für den Anstieg des Meeresspiegels verantwortlich gemacht werden, denn die einst stolzen Bauten dürften wohl schon vor vielen Jahrhunderten versunken sein.

Fußnoten

1) Stierlin, Henri (Hrsg.): »Indien«, Band 9 der Reihe »Architektur der Welt«, ohne Ortsangabe, ohne Jahreszahl, Seite 139, rechte Spalte, zweiter Absatz
2) Fyson, D. R.: »Mahabalipuram or Seven Pagodas«, Madras 1931
3) Franz, Heinrich Gerhard: »Das Alte Indien«, München 1990, S. 384, linke Spalte, letzter Absatz unten
4) Die Tiefenangaben variieren leicht.

Zu den Fotos
Foto 1: Der mysteriöse Küstentempel von Mahabalipuram. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Lakshmi, Vishnu und Shiva. Foto/Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Küstentempel vom Meer aus gesehen. Foto wikimedia commons KARTY JazZ
Foto 4: Ein Ratha, kein Küstentempel! Foto etwa 1910. Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 5+6: Shivas Küstentempel. wikimedia commons Yoga Balaji
Fotos 7+8: Der Küstentempel. wikimedia commons Yoga Balaji
Foto 9: Sie wusste viel über Tempel zu erzählen

348 »Riesen, Götter, Astronauten«,
Teil 348 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.09.2016

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