Sonntag, 27. November 2016

358 »Das Grab des Papstes«

Foto 1: Reliefs am Grab
Teil  358 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Oberfranken ist und bleibt meine Heimat, auch wenn es mich ins Weserbergland verschlagen hat. Bamberg war vor einem halben Jahrhundert eines der beliebtesten Ausflugsziele meiner Eltern. So wurde ich schon als Kind immer wieder in den altehrwürdigen Dom geführt. Besonders beeindruckt hat mich der Bamberger Reiter und das Papstgrab mit seinen Reliefs. Besonders gefallen hat mir als Kind der – in meinen Augen – freundliche Drache. Besonders groß war er ja nicht. Und wieso fasste ihm die Frau in der seltsamen Kutte an den Hals? Gleich daneben war eine weitere Frau. Ich hielt sie für eine Tierärztin, die einem kranken Löwen in den weit geöffneten Rachen schaut.

Andere Darstellungen verstand ich überhaupt nicht. Was hatte ein nackter Mann am Grab eines Papstes zu suchen? Und was machte der Mann? Goss er sich beim Waschen einen großen Krug Wasser über den Leib? Und wer war der Mann mit dem spitzen Hut auf dem Sofa, der sich offenbar mit einem Engel unterhielt? Dann war da noch ein bärtiger Mann mit Schild und Schwert. Warum hantierte eine Person, die mit einem Schwert bewaffnet war, mit einer Waage? Was hatte die Frau mit zwei Krügen vor? Für mich als Kind waren die Reliefs am Papstgrab nichts Religiöses, sondern Teile einer Bildergeschichte, die ich nicht verstand.

Foto 2: Die Tumba des Papstes

Gelernt habe ich im Lauf der Jahre, Kapellen, Kirchen und Kathedralen unvoreingenommen zu erkunden. Entdeckt habe ich dabei immer wieder künstlerische Darstellungen, die nicht so recht in ein christliches Gotteshaus zu passen scheinen. Beispiel: Kloster Corvey. Unter der Westempore des Johanneschores im Westwerk findet sich ein einzigartiges gemaltes Dokument. Es ist etwa1200 Jahre alt. Dank modernster wissenschaftlicher Methoden konnten winzige Farbpartikel entdeck werden, die man mit dem bloßen Auge nicht wahrnimmt. So war es möglich, scheinbar Verschwundenes deutlicher sichtbar werden zu lassen.

Foto 3: Die »Löwenbändigerin« oder »Tierärztin«?

Das Monster von Corvey hat einen spitz zulaufenden Schwanz, der ist steil emporgerichtet. Er wird rasch dicker, windet sich zweimal und geht in einen »menschlichen« Oberkörper über. Die Kreatur reckt einen Arm nach oben, mit dem anderen hat es einen Mann umklammert. Aus der Hüfte des Untiers wachsen drei Vorderteile von Hunden heraus.  Auf dem Schwanz der Bestie steht eine hünenhafte Gestalt, bekleidet mit Lendenschurz, bewaffnet ist mit Schild und Speer. Wahrscheinlich dürfen wir das Monsterwesen als Skylla, vielleicht aber auch als Kerberos identifizieren. Beide wurden in der Antike mit drei Vorderteilen von Hunden und Drachenschwanz dargestellt. Der wackere Kämpfer, der es mit dem Monster aufnimmt, könnte Odysseus sein, wenn die Darstellung des Gemetzels in einem heidnischen Tempel oder einem Palast aus vorchristlichen Zeiten zu finden wäre. Was aber hat Odysseus versus Monster in einem christlichen Gotteshaus zu suchen?

Fotos 4 und 5: Barbusige mit Drachen
Da bringen Theologen gern ein Zauberwort ins Spiel: die Allegorie. Die Allegorie – im Altgriechischen »allegoria«, zu Deutsch »verschleierte Sprache« – ist höchst hilfreich, wenn es gilt, ein heidnisch-mythologisches Bild in einem christlichen Gotteshaus zu erklären. Interpretiert man ein Bild allegorisch, dann bedeutet es etwas ganz anderes als es auf den ersten Blick darzustellen scheint. Aus dem mythologisch-heidnischen Kampf des Odysseus gegen Skylla oder Kerberos wird so der Heiligen Georg versus Satan und wenn man so will Jesus als Sieger über das Böse.

Allegorisch seien, so höre ich immer wieder, die Reliefs vom Bamberger Papstgrab zu verstehen. Die südliche Längsseite der Tumba zieren zwei besondere Paare: eine Frau und ein Löwe und eine Frau und ein Drache. »Fortitudo«  – Stärke – sei allegorisch als Frau gezeigt, die einen Löwen besiegt und ihm kraftvoll den Rachen aufreißt.  Diese Interpretation kann ich noch nachvollziehen. »Prudentia« –  zu Deutsch Klugheit – werde allegorisch als Frau und Drache dargestellt. Warum eine junge barbusige Frau, die einem Drachen an den Hals fasst, ein Sinnbild für »Klugheit« sein soll, leuchtet mir nicht so recht ein. Oder wird da ein uraltes religiöses Bild – die Urgöttin in Gestalt eines Drachen zusammen mit ihrer Anhängerin – verchristianisiert?

Foto 6: Zwei Frauen und ein Mann

Wenden wir uns der nördlichen Längsseite zu. Wir sehen zwei Frauen und einen Mann. Links sitzt eine Frau, eine Waage in einer Hand, mit der anderen greift sie nach einem Schwert auf ihrem Rücken. Allegorische Interpretation: das ist »Justitia« mit Waage und Schwert. In der Mitte sitzt eine weitere Frau, wiederum oben ohne wie die Frau mit dem Drachen, mit zwei Krügen. Sie schüttet etwas von einem Krug in den anderen. Allegorische Interpretation: das ist »Temperantia«, also die Mäßigkeit, die Wein mit Wasser verdünnt. Oder ist es doch eine Giftmischerin, die dem Papst einen tödlich wirkenden Trunk zubereitet?

Foto 7: Justitia mit Waage

Spärlich bekleidet ist der Mann rechts außen. Er wendet uns den Rücken zu. Aus einem über die Schulter gehobenen Gefäß fließt Wasser. Allegorische Interpretation: Er ist die Personifikation jenes Stromes, der laut Schöpfungsbericht (1) im Garten Eden entspringt. Soll die Fast-Nacktheit des Mannes auf die Zeit vor dem berühmten Sündenfall hinweisen, als Adam und Eva noch nackt waren? Steht er als allegorische Darstellung für das Paradies, für den Garten Eden, den Gott für abendliche Spaziergänge nach des Tages Hitze nutzte?  Soll der personifizierte  – allegorisch – das Paradies darstellen?

Foto 8: Giftmischerin mit Krügen?

Warum sind »Giftmischerin« und »Drachenfrau« beide barbusig und fast nackt gezeigt? Wurde Papst Clemens II. vergiftet, weil die Mächtigen von Kirche und Staat Angst vor seinen Reformplänen hatten? Einige Reformen hatte er ja bereits durchgesetzt, andere eingeleitet. Eine Rückkehr zu den ursprünglichen Werten des Christentums war für die im Reichtum Schwelgenden alles andere als wünschenswert. Sie genossen Reichtum und Macht, prassten und hatten dabei recht freizügige Vorstellungen von »christlicher Moral«. Steht der gebändigte, zahm wirkende Drache für die mit dem Tod von Papst Clemens II. beseitigte Gefahr?

Foto 9: Allegorische Darstellung des Paradieses?

Jahrzehnte sind seit meinem ersten Besuch im Dom zu Bamberg verstrichen. Auch heute noch fügen sich nach meinem Verständnis die einzelnen »Bilder« am Papstgrab immer noch nicht zu einer Geschichte. Ich befragte Professoren der Theologie, als ich in Erlangen studierte. Schlüssige Antworten erhielt ich keine. Die Faszination lässt nicht nach. Ich forsche weiter. Inzwischen habe ich intensiv in den eher spärlichen Quellen recherchiert. Wirklich befriedigende Antworten habe ich nicht gefunden. Es beruhigte mich ein wenig, als ich erkannte, dass auch für Experten bislang Fragen unbeantwortet bleiben. So konstatiert Dr. phil. Georg Gresser in seinem Werk »Clemens II.« offen und ehrlich (2): »Das Bildprogramm der Tumba ist nicht leicht zu deuten. Seit vielen Jahrzehnten herrschen unterschiedliche Meinungen über die dargestellten Personen und die damit verbundenen Aussagen vor.«

Eines der Reliefs ist in seiner Aussage eindeutig. Es befindet sich am »Fußende« der Tumba, an der Ostseite des Monuments. Zu sehen ist eindeutig Papst Clemens II. auf seinem Sterbelager. Ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln deutet mit dem Zeigefinger gen Himmel. Offenbar weist er den Stellvertreter Christi auf Erden auf sein nahendes Ende, auf die Reise ins Jenseits hin. In der anderen Hand hält der Himmelsbote so etwas wie eine Schriftrolle, die vielleicht des Papstes gute und böse Taten auflistet. Es naht ja das himmlische Gericht.

Foto 10: Der sterbende Papst und der Engel

Das Bild an der gegenüberliegenden schmalen Seite der Tumba, an der Westseite, gibt Rätsel auf.  Da sitzt ein bärtiger Mann, der auf den ersten Blick wie ein Krieger aussieht. Er hält Schild und Schwert. Warum fasst er das Schwert nicht am Griff, sondern an der Schneide? Warum berührt er den Schild nicht direkt mit der Hand? Heilige werden fast immer mit dem Werkzeug gezeigt, das zu ihrer Ermordung genutzt wurde. Das Schwert könnte also auf Johannes den Täufer hinweisen, der ja geköpft wurde. Auf dem Schild sehen wir das Kreuzzeichen und das Lamm. Weist Johannes so auf den nahenden Messias (»Lamm Gottes«) hin? Andere Interpreten sehen nicht Johannes, den Täufer, sondern den Messias selbst dargestellt. Das Schwert wird vom Hinrichtungsinstrument zum Zeichen des Weltenrichters, der am Ende der Zeit Recht spricht.

Wer ist nun der Bärtige? Johannes der Täufer oder Jesus, der Richter? Das Relief ist an der westlichen Schmalseite angebracht. Die Ausrichtung nach Westen hin kann sehr wohl als Hinweis auf das »Jüngste Gericht« verstanden werden. Wird also nicht Johannes, sondern Jesus präsentiert, als Richter (Schwert!) und Erlöser (Lamm Gottes mit Kreuz)?

Fotos 11 und 12: Johannes oder Jesus?
Warum aber wird das Grab des Papstes hinter einem protzigen Bischofsstuhl versteckt, so dass man die kostbare Tumba als Dombesucher gar nicht zu Gesicht bekommt? Kapellen, Kirchen und Kathedralen haben so manches Geheimnis aufzuweisen. Die kleinen und großen Gotteshäuser verdienen sehr viel mehr Beachtung als ihnen in unseren Tagen zuteilwird. Da und dort werden Kirchen geschlossen und selbst große christliche Sakralbauten verkommen mehr und mehr zu musealen Zielen für Touristen. Wo man auch steht, ob man Atheist oder Christ ist: Unsere Wurzeln sind christlich. Noch leben wir im christlichen Abendland. Noch ist religiöser Glaube Privatsache.

Fußnoten
1) Siehe 1. Buch Mose Kapitel 2, Vers 10
2) Gresser, Georg: »Clemens II./ Der erste deutsche Reformpapst«, Paderborn 2007, S. 131, Zeilen 18-20 von unten
Zu den Fotos
Foto 1: Reliefs am Grab. Sehr frühe Zeichnung. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die Tumba des Papstes. Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 3: Die »Löwenbändigerin« oder »Tierärztin«? Foto wiki commons Immanuel Giel
Fotos 4 und 5: Barbusige mit Drachen. Fotos wiki commons Johannes Otto Först
Foto 6: Zwei Frauen und ein Mann. Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 7: Justitia mit Waage. Foto wiki commons Immanuel Giel
Foto 8: »Giftmischerin« mit Krügen. Foto wiki commons Immanuel Giel
Foto 9: Allegorische Darstellung des Paradieses? Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 10: Der sterbende Papst und der Engel. Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 11 und 12: Johannes oder Jesus?  Foto 11 (oben) Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 12 (unten) wiki commons Johannes Otto Först 

359 »Gruselige Fabeltiere in Gotteshäusern«,
Teil  359 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 04.12.2016

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Sonntag, 20. November 2016

357 »Wurde Papst Clemens II. ermordet?« Teil II

Teil  357 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein







Foto 1: Reformpapst Clemens II.
»Vor allem aber fördert das Grab von Papst Clemens II. die Verbundenheit mit Rom.«, schreibt Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg, in seinem wirklich lesenswerten Buch »Was der Bamberger Dom uns sagen kann« (1). Und weiter heißt es (2): »Der Dom in Bamberg ist die einzige Kathedrale in ganz Deutschland, die ein Papstgrab beherbergt. Suidger wurde auf einer Synode in Suturi, in der Nähe Roms, 1046 zum Papst gewählt und an Weihachten des gleichen Jahres in St. Peter feierlich inthronisiert.  Leider starb er bereits am 9. Oktober 1047. Er gehört trotz seiner kurzen Amtszeit zu den Reformpäpsten des Mittelalters.«

Papst Clemens II. war trotz seiner kurzen Amtszeit ein Reformpapst? Oder war seine Amtszeit so kurz, weil er zu tiefgreifenden Reformen entschlossen war? Wurde seinem Treiben deshalb ein Ende gesetzt? Wurde Papst Clemens II. ermordet? Schon unmittelbar nach seinem Tod wurde spekuliert und immer wieder behauptet: Papst Clemens II. Starb keines natürlichen Todes, er wurde ermordet! Im Jahr 2007 stellte der Papstbiograph Georg Gresser klipp und klar fest (3):

»Schuld daran waren seine Widersacher, die einen blonden Bischof aus dem Norden gerne beseitigt sehen wollten. Mag der letzte Beweis für die Ermordung des Papstes auch mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden heute nicht mehr zu erbringen sein, aus historischer Perspektive erscheint sie mehr als wahrscheinlich.«

Im Jahr 1959 wurden im »Jahrbuch für fränkische Landesforschung« die Ergebnisse einer kriminalistischen Untersuchung von sterblichen Überresten des Reformpapstes Clemens II. publiziert. Offensichtlich lagen den Wissenschaftlern eine ganze Reihe von Proben vor, nämlich »mumifizierte Gewebsproben« »ein eingetrockneter Knochen«, eine »linke Rippe«, »ein knochenähnliches Stückchen fraglicher Lokalisation« und »einige Haare«.

Foto 2: Clemens II., ermordet?
Was fanden die Wissenschaftler mit modernen Mess- und Analysemethoden heraus? Zunächst einmal wissen wir jetzt, dass der Leichnam des nach nur so kurzer Amtszeit verstorbenen Papstes (5) »durch Einbalsamierung konserviert worden war«. Festgestellt wurden aber auch Spuren von Blei, zum Beispiel in den »Gewebsbrocken«  (6): »Demgegenüber wies die Rippe als wegweisenden Befund eine Bleiimprägnation von 50 mg/100 g lufttrockene Rippensubstanz auf.« Offenbar gibt es keinen Zweifel (7): »Der Nachweis der Bleiverteilung gelang in sehr befriedigender Weise durch quantitative Spektrographie.«

Wichtig ist, dass das Blei nicht etwa im Rahmen der Balsamierung des Leichnams, sondern von Papst Clemens II. zu seinen Lebzeiten aufgenommen wurde, und zwar (8) »im Sinne einer subchronischen Deponierung«. Fakt ist: Der Papst starb an einer Bleivergiftung. Wurde er also ermordet? Der wohl renommierteste Kirchenkritiker überhaupt, Karlheinz Deschner (* 23. Mai 1924 in Bamberg; † 8. April 2014 in Haßfurt) konstatiert in seinem Magnum Opus »Kriminalgeschichte des Christentums« über Clemens II. (9):

»Die Leiche wurde nach Bamberg gebracht und im Dom beigesetzt – im einzigen Papstgrab nördlich der Alpen. Und neunhundert Jahre später, 1942, fand man bei seiner Öffnung nicht nur prächtige Pontifikalgewänder und immer noch, wie bereits bei der Graböffnung 1731, ›viele licht-gelbe Haare‹. Sondern bei einer toxikologischen Untersuchung auch einen merkwürdigen Bleigehalt in den Knochen. Der alte, schon seit dem Hochmittelalter kursierende Verdacht, er sei vergiftet worden, vermutlich von Papst Benedikt, scheint dadurch bestätigt. Für die übrigen vier ›deutschen Päpste‹ damals, für Damasus II., Leo IX., Viktor II. und Stephan IX., ›gilt der Giftmord als unwahrscheinlich‹.«


Foto 3: Das Papstgrab, hinter der Kathedra

Die Faktenlage: Clemens II. nahm zu Lebzeiten kontinuierlich Gift ein. Wenn er vergiftet wurde, dann verabreichte man ihm nicht eine tödliche Dosis auf einmal, sondern nach und nach kleinere Mengen. Aus der Kriminalgeschichte ist hinlänglich bekannt, dass geschickte Giftmörder ihre Opfer langsam um die sprichwörtliche Ecke bringen. Bei Papst Johannes VIII. ging man recht zögerlich vor, so dass der Stellvertreter Christi von seinen ungeduldigen Mördern schließlich zu Tode geprügelt wurde. Bei Papst Johannes X. wählte die Tochter seiner Geliebten die richtige Mischung, die den Papst abrupt ins Jenseits beförderte. In seiner Ausgabe  46 berichtete »Der Spiegel«  im Jahr 1997 über den mysteriösen Tod von Papst Johannes Paul I. Was selbst den meisten Theologen unbekannt sein dürfte, stellte »Der Spiegel« nüchtern fest (10): »Fest steht eines: Das Vergiften von Päpsten hat eine lange Tradition. Schon 882 war Johannes VIII. von seinen Getreuen ein toxischer Trank verabreicht worden.«

Fotos 4 und 5: Die Kathedra
Wir stehen mit dem Kaisergrab im Rücken im Dom zu Bamberg und blicken in Richtung Ostchor. Müssten wir nicht das berühmte Papstgrab sehen? Wir gehen weiter zum Westchor, bleiben schließlich stehen. Links harrt an einer steinernen Säule die Statue von Bischof Friedrich von Hohenlohe mit einer Bibel im Arm (Foto 8) stoisch der Dinge, die da noch kommen. Weiter dürfen wir nicht gehen. In der Mitte des Peterschores erkennen wir die bischöfliche Kathedra (Fotos 4 und 5). Der Münchner Künstler Leonhard Romeis hat den imposanten Bischofsthron erst anno 1903/04 geschaffen. Und dahinter verbirgt sich das Hochgrab von Papst Clemens II. (Siehe 4 Foto 4, im gelben Oval!) Diese Tumba des Papstes dürfte vielleicht schon um 1240 an den heutigen Platz im Dom geschafft worden sein. Zahlreiche Fragen konnten bis heute nicht mit Sicherheit beantwortet werden. So ist nach wie vor umstritten, ob die rätselhaften Marmorreliefs am päpstlichen Grabmal Originale aus dem 13. Jahrhundert oder  Kopien aus dem 17. oder 18. Jahrhundert sind (11).

Einigkeit herrscht in Expertenkreisen in einem wichtigen Punkt:  Das heutige Papstgrab wurde zwischen 1232 und 1237 als Ersatz für die ältere, ursprüngliche Tumba geschaffen. Wann genau die mit Reliefs verzierten Seitenwände hinzukamen, ist unsicher, vermutlich im 13. Jahrhundert. Über die erste Version des Clemens-Grabs wissen wir nichts. Und auch die Reliefs am bis heute erhaltenen Grab sind rätselhafter als wie vielleicht wahrhaben wollen.

Foto 6: Barbusige »Mäßigkeit« oder Giftmischerin?
Auf der nördlichen Längsseite des päpstlichen Marmorsargs sind drei Persönen im Halbrelief verewigt. In der Mitte steht eine Frau. Sie ist, wie man bei genauerem Hinsehen deutlich erkennt, barbusig. Ihre lockigen Haare fallen der Lady auf die Schultern. Den Kopf hält sie geneigt. Ein Bein hat sie angewinkelt, das andere weit ausgestreckt. In ihrer rechten Hand hält sie einen großen Krug am Henkel. Auf dem linken Arm trägt sie einen weiteren Krug. Sie hält ihn ein Stück hoch. Aus der weiten Öffnung strömt Flüssigkeit in den tiefer gehaltenen Krug mit Henkel. Die Theologie hat eine Erklärung parat: Die Dame ist die personifizierte »Temperantia«, die bildliche Darstellung einer der Kardinaltugenden, nämlich der Mäßigkeit. Übermäßiger Alkoholkonsum ist unvereinbar mit dem Ideal der »Temperantia«. Deshalb mischt die Dame dem Wein Wasser bei. So kann man viel trinken, ohne zu viel Alkohol aufzunehmen. Wieso freilich ausgerechnet die personifizierte »Mäßigkeit« barbusig daherkommt, ist mir schleierhaft.

Aber könnte das Bild am Papstgrab noch eine versteckte Botschaft enthalten? Vor dem Hintergrund einer möglichen Ermordung von Papst Clemens II. mit Gift lässt sich die Schöne auch als Giftmischerin verstehen, die dem Wein des Papstes Gift beimengt. Wurde in edlem Marmor ein Hinweis verewigt, warum der Reformpapst nach nur einigen Monaten der Amtszeit bereits das Zeitliche segnete? Das für den Papst tödliche Gift kann ihm sehr wohl in süßem Wein verabreicht worden sein.

Eine »Giftmischerin« auf dem Papstgrab mag schon befremdlich wirken. Was sagt man dann aber zu einer Drachenbändigerin auf dem gleichen Grab? Fortsetzung folgt...

Foto 7: Die Drachenbändigerin

Fußnoten
1) Schick, Ludwig:  »Was der Bamberger Dom uns sagen kann«, Bamberg, 1. Auflage 2012, Seite 48, leicht gekürzt
2) ebenda
3) Zitiert nach dem Wikipediartikel über Benedikt IX
4) Specht, W.: »Der Tod des Papstes Clemens II./ Eine toxikologische Studie«, erschienen in dem »Jahrbuch für fränkische Landesforschung«, 19, 1959, herausgegeben vom »Institut für fränkische Landesforschung an der Universität Erlangen«, S. 261-S.264
Foto 8: Bischof Friedrich von Hohenlohe mit einer Bibel im Arm
5) ebenda, Seite 263, Zeilen 5 und 6 von unten
6) ebenda, Seite 262, Zeilen 20 und 21 von unten
7) ebenda, Seite 262, Zeilen 9 und 10 von unten
8) ebenda, Seiet 263, Zeilen 19 und 20
9) Deschner, Karlheinz: »Kriminalgeschichte des Christentums/ Band 6/ Das 11. Und 12. Jahrhundert«, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 192
10) »Der Spiegel« 46/ 1997,  S.190-192: »Tödliche Menge«
11) Zerbes, Maren; »Bauforschung zum Grabmal Papst Clemens II.«, erschienen in »Clemens II. Der Papst aus Bamberg«, herausgegeben vom Erzbischöflichen Ordinariat, Bamberg 1997, S. 45-80
12) Specht, Walter und Fischer, Kurt: »Vergiftungsnachweis an den Resten einer 900 Jahre alten Leiche«, erschienen in: »Archiv für Kriminologie«, Band 124, H. 3/4, 1959, S. 61–84.

Fotos 9 und 10: Der geheimnisvolle Drache vom Papstgrab
Zu den Fotos
Foto 1: Reformpapst Clemens II. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2:  Clemens II, ermordet? Darstellung etwa 1910, Archiv Langbein
Foto 3: Das Papstgrab, hinter der Kathedra. Foto wiki commons Johannes Otto Först
Fotos 4 und 5: Die bischöfliche Kathedra
Foto 6: Barbusige »Mäßigkeit« oder Giftmischerin? Foto wiki commons Immanuel Giel
Foto 7: Die Drachenbändigerin. Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 8: Bischof Friedrich von Hohenlohe mit einer Bibel im Arm. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9 und 10: Der geheimnisvolle Drache am Papstgrab. Fotos wiki commons Johannes Otto Först

358 »Das Grab des Papstes«,
Teil  358der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 27.11.2016


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