Sonntag, 26. November 2017

410 »Hesekiels Himmelswagen«

Teil 3 von »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
Teil  410 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                      


Foto 1:  Langbein mit Endter-Bibel von 1716
Die Bibel, die mir schon als Kind wahnsinnig imponierte, ließ sich kaum wie ein normales Buch lesen. Man konnte sie nicht in die Hand nehmen, man benötigte einen stabilen Tisch, um den mächtigen Folianten darauf abzulegen.  Sie war 38 Zentimeter hoch, 25 Zentimeter breit und zwölf Zentimeter dick. Als Verleger zeichneten »Johannes Endters Seel. Sohn und Erben«, gedruckt worden war die altehrwürdige Familienbibel im Jahre MDCCLXV (1765) in Nürnberg. Der Prolog stammte von Martin Luther. So manches Mal blätterte ich staunend in der sperrigen Luther-Bibel und landete immer wieder beim Propheten Hesekiel.

Jene uralte Bibel weckte schon früh mein Interesse am Studium der Theologie. Vieles erschien mir rätselhaft und unverständlich, manches kam mir unsinnig vor. Mehr als rätselhaft war natürlich das Vehikel, das Hesekiel wiederholt beschreibt. Sollte der biblische Gott selbst mit so einem Apparat durch die Gegend brausen? Wieso benötigte er ein fliegendes Fahrzeug, wo er doch, wie der Pfarrer immer wieder predigte, allgegenwärtig war? 

Geradezu unsinnig waren in meinen Augen »Erklärungen« wie die folgende: Etwa 500 vor Christus schilderte Hesekiel eine geradezu furchteinflößende Flugmaschine, die anscheinend von jemand gesteuert wurde. Aber wer war dieser jemand? Nach der Endter-Bibel war es – um 500 v.Chr. – angeblich Jesus. Wie konnte Jesus in einer Flugmaschine auftauchen, die Hesekiel bereits 500 v.Chr. sichtete, also etwa ein halbes Jahrtausend vor Jesu Geburt? Und doch heißt es in der Endter-Bibel:

Foto 2: »Auf dem Saphirnen Stul«. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716

 »Der Mensch, den im Gesicht Hesekiel erlesen,
auf dem Saphirnen Stul, ist Gottes Sohn gewesen.
Daß dort mein Jesus thront, macht mir sein Wort bekannt:
Er mein Herr, sitzet ja dem HERRN zur rechten Hand.«

In etwas modernere Sprache übersetzt:

»Der Mensch, den Hesekiel in seiner Vision gesehen hat,
auf dem Saphir-Stuhl, das ist Gottes Sohn gewesen.
Dass dort mein Jesus thront, das sagt mir sein Wort:
Er mein Herr, sitzt zur Rechten Gottes.«

Foto 3: »Daß dort mein Jesus thront«. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716

Sollte Jesus per Zeitreise rund ein halbes Jahrtausend in die Vergangenheit gereist sein, um sich nebst seiner Zeitreisemaschine dem verblüfften Hesekiel zu zeigen? Das ist in der Tat eine kühne These, die rein spekulativ ist. Vor allem lässt sie sich nicht biblisch begründen, denn nirgendwo gibt es bei Hesekiel auch nur den Hauch eines Hinweises, dass die Person im hesekielschen Himmelswagen Jesus war. Mir ist keine einzige Bibelübersetzung bekannt, die im Text auch nur andeutet, dass Hesekiel nicht »Gott«, sondern Jesus gesehen hat.

Um kurz bei der »Zeitreise« zu bleiben: Immer wieder taucht die These auf, bei den Astronautengöttern könne es sich doch ebenso wie bei den Besatzungen von »UFOs« um Reisende aus der Zukunft handeln. Der Gedanke mag interessant sein, ist aber meines Wissens nicht belegbar. Ich kenne keine einzige alte Überlieferung, in der irgendein vom Himmel herabgestiegener »Gott« so etwas sagte wie: »Fürchtet euch nicht! Ich bin ein Mensch wie du! Ich komme aus deiner Zukunft!«
Doch zurück in meine Vergangenheit, zurück in die Vergangenheit eines Menschen, der auszog um Pfarrer zu werden! Was ich da mühsam Buchstabe für Buchstabe entzifferte, es bereitete mir ob der Schrift aus »ferner« Vergangenheit, Schwierigkeiten beim Lesen. Das aber gerade reizte mich. Es war ein wenig, als würde es mir gelingen, eine Geheimschrift zu entziffern. Was mich aber ärgerte: Ich verstand einfach nicht, was ich da las.

Foto 4: Hesekiels »Vision« vom Himmelswagen.

Merkwürdig war die alte Bibelillustration (2). Was zeigte sie? Es war ein Etwas mit merkwürdigen Rädern und Tieren, wobei Räder und Tiere irgendwie ineinander übergingen. Das Ganze spielte sich irgendwie in den Wolken ab, wie auf einem Teppich aus Flammen. Von links pustete zwischen Wolken ein Engel mit Kraft und Ausdauer in seine Tröte. Und auf diesem Etwas aus geflügelten Wesen mit allen möglichen Gesichtern, da thronte so etwas wie ein Mensch, vor dem sich ein demütiger Mensch zu Boden warf. Irgendwie passte das meinem Verständnis nach nicht in eine Bibel. Der über dem mysteriösen Ding thronende trug Krone und Zepter. Sollte das Gott sein, wie der Text Hesekiels nahelegt? Der förmlich am Boden Liegende war am ehesten als Hesekiel zu identifizieren.

Was aber war es, was Hesekiel derart in Angst und Schrecken versetzte? Was schwebte da in der Luft, während Hesekiel am Boden lag? Ich verstand es nicht. Und offensichtlich war die Beschreibung des Himmelswagens bei Hesekiel auch für die Juden, den Nachfahren der Autoren der biblischen Texte, zumindest rätselhaft. Das macht eine kurze Abhandlung Luthers deutlich, die er dem Hesekieltext voranstellt.

Foto 5: Nicht jeder darf es lesen, was Hesekiel über den Himmelswagen schrieb.

In »Ein Unterricht wie das Gesicht Hesekiel vom Wagen Cap. 1 und 10 zu verstehen sey.« findet sich eine interessante Aussage. Luther verweist darauf, dass nach Kirchenvater Sophronius Eusebius Hieronymus (*347, † 420 in Bethlehem) die Beschreibungen des Himmelswagens nicht von jedermann gelesen werden durften. Dazu befugt waren nur Männer über 30. Aber ob die den Text verstehen konnten?

Dann folgt eine der für Luther typischen Hasstiraden der antisemitischen Art: »Denn sie (die Juden) zerreissen und zermartern die Schrift in ihren Auslegungen wie die unstaetigen Sau einen Lustgarten zerwuehlen und umkehren, daß zu wuenschen waere, sie blieben mit der Schrift unverworren.« Nach Luther, der von den evangelisch-lutherische Theologen im Jahr 500 der Reformation wie ein ganz besonders wichtiger Heiliger zelebriert wurde, haben also die Juden keine Ahnung von den von Juden verfassten Schriften des Alten Testaments. Schlimmer noch, sie gehen mit den Texten des Alten Testaments um wie eine Sau, die einen wunderschönen Garten verwüstet. Mit anderen Worten: Die Juden interpretieren die Texte nicht, sie erklären sie nicht, sie zerstören sie.

Foto 6: Christliche Interpretation.

Dann folgt Luthers Interpretation, die er freilich deutlich als seine subjektive Erklärung kennzeichnet: »Das Gesicht aber Hesekiels, im ersten Theil, ist nicht anders, meines Verstands (ein anderer mache es besser)…« Immerhin gibt sich Luther so bescheiden, dass er es durchaus für möglich hält, dass ein anderer den geheimnisvollen Text Hesekiels besser versteht als er. Dann erst folgt Luthers Sicht der Dinge: »Kurz zu sagen, diß Gesicht ist der geistliche Wagen Christi, darauf er faehret hie in der Welt, das ist seine ganze heilige Christenheit.«

Für Luther Erlebte also Hesekiel nicht die Begegnung mit einem mysteriösen Himmelsvehikel, das unter Donner und mit Feuerflammen am Himmel dahin braust. Vielmehr visionierte Hesekiel – so Luther – den ein halbes Jahrtausend später kommenden Jesus, dessen Siegeszug zweieinhalb Jahrtausende später zum weltweite verbreiteten Christentum führt.

Für mich war in jungen Jahren das forschende Entziffern und Schmökern der Endter-Bibel von 1765 ein echtes Abenteuer. Die Auseinandersetzung mit der altehrwürdigen Bibel und Erich von Dänikens Interpretation der Hesekiel-Sichtung als Begegnung mit einem außerirdischen Raumschiff waren für mich wichtige Gründe, warum ich ein Studium der evangelischen Theologie begonnen habe. Und das ausgerechnet in der Martin-Luther-Hochburg Erlangen, an der Friedrich-Alexander-Universität.


Foto 7: Endter-Bibel von 1716
Heute ist für mich die dänikensche Sichtweise die wahrscheinlichste. Ich bin davon überzeugt, dass Hesekiel vor rund 2500 Jahren mehrfach ein außerirdisches Raumschiff sah und auch als Passagier mit an Bord genommen wurde.

Mich haben die Ingenieure Blumrich und Beier (3) überzeugt. NASA-Ing. Josef Blumrich rekonstruierte das Raumschiff des Hesekiel. Ing. Hans Herbert Beier kam nach intensivem Quellenstudium zum Ergebnis, das der bis heute nicht gefundene Tempel des Hesekiel eine Wartungsstation für Hesekiel-Raumschiffe war. Es verblüfft mich nach wie vor, wie präzise das Hesekiel-Raumschiff in die Beiersche Wartungsstation passt!

Hesekiels »Vision« war mit einer der Hauptgründe, meine Reise in Richtung Geistlicher anzutreten. Ich hoffte, dass ich durch das Studium erfahren würde, was Hesekiel wirklich sah. Meine konkreten Arbeiten in Sachen Hesekiel – am hebräischen Originaltext! – machten es mir letztlich nicht möglich, Geistlicher zu werden.


Fußnoten
1) Leider wurde unsere Familienbibel von 1765 im Jahr 2005 gestohlen. Ich beziehe mich jetzt auf eine ältere Ausgabe der Endter-Bibel, die bereits anno 1716 in Nürnberg gedruckt wurde.
2) Die Illustration, die ich für diese meine Abhandlung verwende, stammt aus der Endter-Bibel von 1716. Ich kann nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, ob unsere Familienbibel von 1765 auch diese Illustration als Stich enthielt.
3) Beier, Hans Herbert: »Kronzeuge Ezechiel/ Sein Bericht – sein Tempel – seine
Raumschiffe«, München 1985
Blumrich, Josef F.: »The Spaceships of Ezekiel«, New York, Februar 1974
Blumrich, Josef F.: »Da tat sich der Himmel auf/ Die Raumschiffe des
Propheten Ezechiel und ihre Bestätigung durch modernste Technik«,
Düsseldorf und Wien, März 1973


Foto 8: Das stümperhafte restaurierte Frontispiz der Endter-Bibel von 1716. Ausschnitt.

Zu den Fotos

Foto 1: Autor Langbein mit der Endter-Bibel von 1716. Foto Barbara Kern
Foto 2: »Auf dem Saphirnen Stul«. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716
Foto 3: »Daß dort mein Jesus thront«. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716
Foto 4: Hesekiels »Vision« vom Himmelswagen.
Endter-Bibel 1716. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Nicht jeder darf es lesen, was Hesekiel über den Himmelswagen schrieb.
Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716
Foto 6: Christliche Interpretation. Foto Walter-Jörg Langbein. Endter-Bibel 1716
Foto 7: Das stümperhaft restaurierte Frontispiz der Endter-Bibel von 1716. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Das stümperhafte restaurierte Frontispiz der Endter-Bibel von 1716. Ausschnitt. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 9: Endter-Bibel von 1716, »Außenansicht«. Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 9: Endter-Bibel von 1716, »Außenansicht«

411 »Vom Setzling und den Astronautengöttern«,
Teil  411 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 03.12.2017



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Sonntag, 19. November 2017

409 »Karl May über das ›Zivilisieren‹ und Luther über Märtyrer«

Teil 2 von »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
Teil  409 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Und Friede auf Erden
»Es kann mir nicht beikommen, ein einzelnes Land, eine einzelne Nation anzuklagen. Aber ich klage die ganze sich ›zivilisiert‹ nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses ›Zivilisieren‹ nichts anderes als ein ›Terrorisieren‹ ist!« (1)

Diese Worte stammen aus der Feder von Karl Friedrich May (1842 - 1912), eigentlich Carl Friedrich May. Vor über 113 Jahren kritisierte der berühmte Sachse mit spitzer Feder alle jene, die meinen der wahren Zivilisation weltweit zum Sieg verhelfen zu wollen, die aber Angst und Schrecken verbreiten. »Und Friede auf Erden« erschien bei Ernst Fehsenfeld in der Erstauflage zu 5.000 Exemplaren anno 1904. Die »Reiseerzählung von Karl May« ist natürlich auch heute noch erhältlich. Hier wird man fündig: »Karl Mays Gesammelte Werke«, in der berühmten grünen Ausgabe, Band 30, herausgegeben vom »Karl-May-Verlag Bamberg (2).

Anno 1904 kritisierte Karl May das »Zivilisieren« als »Terrorisieren«. Tatsächlich entstand weltweit immer wieder größtes Elend, wenn man einer fremden »Zivilisation« die eigene aufdrängen wollte. Den »Indianern« Nord Amerikas zum Beispiel brachten die Fremden aus Europa Tod und Verderben. Die »Civilisatoren« – so nennt sie May – gaben gern vor, den vermeintlich unzivilisierten »Wilden« die »wahre« und »segensreiche« Zivilisation zu schenken. Die Weltgeschichte scheint vorwiegend aus Unterwerfung und Kampf gegen Unterwerfung zu bestehen. Die Besiegten können sich zu Siegern entwickeln, die genau so rücksichtslos unterwerfen, just wie sie selbst einst unterworfen worden sind. Dabei sehen sich die Starken und Siegreichen stets als die Guten. Und natürlich ist es immer ein Kampf der angeblichen »Civilisatoren«, gegen die vermeintlich »Primitiven«, denen man huldvoll die Segnungen der Zivilisation schenkt. Und wenn sich die Unterworfenen gegen die Zivilisation wehren? Dann wird eben brachiale Gewalt eingesetzt.

Oder man erklärt sich zum »Rechtgläubigen«, der dem »Ungläubigen« den angeblich »wahren Glauben« bringt. Natürlich ist man auf das Seelenheil der Verlierer bedacht. Würden diese doch in der Hölle schmoren, so man sie nicht vom vermeintlich richtigen Glauben überzeugt.

Was aber ist der »wahre«, der »richtige Glaube«? In der Regel ist es immer der, der die Region dominiert, in die man zufällig hineingeboren wird. Natürlich hält jeder den eigenen Glauben für den einzig wahren. Daraus leitet man gern ab, dass man das Recht dazu hat, dem anderen den eigenen Glauben aufzuzwingen.

Foto 2: Und Friede auf Erden.
Als Student der Theologie regte ich einmal in einem Kreis von Theologiestudenten der Ausrichtung christlich, Unterabteilung evangelisch, Unterunterabteilung evangelisch-lutherisch, eine Diskussion an: Eine außerirdische Zivilisation spioniert mit Minisonden das religiöse Leben auf Planet Erde aus. Schließlich hat man alle Informationen über alle Religionen gesammelt. Welche Schlussfolgerung ziehen die Außerirdischen? Zu welchem Resultat kommt ein Gremium außerirdischer Wissenschaftler? Die Diskussion war kurz und nicht ergiebig. Schließlich stellte ich eine These zur Diskussion: Die Außerirdischen können keine Religion als die richtige erkennen. Abrupt endeten die sowieso schon gereizten Gespräche.

Niemand wollte zugeben, dass sich eine der irdischen Zivilisation haushoch  überlegene Zivilisation womöglich alle irdischen Religionen für schlichten Aberglauben halten könnte. Gar nicht erst diskutiert wurde die Frage, wie denn die Vertreter der unterschiedlichen Religionen auf das Auftauchen von Außerirdischen reagieren würde. Was wäre, wenn sich zeigen würde, dass alle großen Religionen darauf zurückzuführen sind, dass einst Außerirdische zur Erde kamen und für Götter gehalten wurden? Wie werden die Vertreter der Religionen auf eine solche Enthüllung reagieren?

Noch eine Frage: Als was kommen die kosmischen Besucher aus dem All? Vielleicht gar als die »Civilisatoren«, die Karl May so heftig kritisierte? Werden sie die Menschheit unterwerfen? Werden sie mit uns Menschen so umgehen, wie zum Beispiel wir Europäer, die Nord-, Mittel- und Südamerikaner »zivilisierten«? Wenn sie sich so verhalten wie wir Menschen das im Verlauf der Geschichte getan haben, löschen sie dann die Menschheit aus?

Foto 3: Und Friede auf Erden.
Ich darf noch einmal Karl May zitieren (3): »So lange die Erde steht, hat das Heilige dem Unheiligen, die Menschenliebe der Eigensucht, die Zivilisation der Rücksichtslosigkeit als Vorwand gedient.« Während meines Studiums lernte ich keinen Professor kennen, der auch nur zarte Kritik am Verhalten mächtiger »christlicher« Herrscher geübt hätte. Ganz im Gegenteil: Es galt die Lehre des »Heiligen Martin« (gemeint ist Martin Luther, kein bundesweit bekannter Politiker aus den Reihen der SPD): Jeder Mächtige, so hörte ich immer wieder, verdankt seine Position Gott höchstpersönlich.

Für Martin Luther waren die Bauernkriege keine Revolten der maßlos ausgebeuteten Bauern gegen die oft brutale irdische Obrigkeit allein, sondern auch gegen Gott. Da die Obrigkeit von Gott eingesetzt war, war man ihr absoluten Gehorsam schuldig. Natürlich konnte es vorkommen, dass diese Obrigkeit Unrecht tat. Dann stand es aber nur Gott selbst zu, diese Bösewichter zu bestrafen. Sie würden beim jüngsten Gericht zur Rechenschaft gezogen, nicht von Menschen, sondern von Gott.

Die Bauern hatten in den frühen 1520er Jahren gehofft, Luther würde auf ihrer Seite stehen. Luther freilich zeigte deutlich seine Gesinnung (4), als er gegen die »mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern« wetterte und forderte, »man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollwütigen Hund erschlagen muss«. Mir fiel nach dem Studium diverser Texte von Luther auf, dass sich der Reformator erst massiv gegen die Aufständischen wandte, als deren Sache verloren war. Luther unterstützte die mächtigen Sieger der Bauernkriege, gegen die die Bauern keine Chance hatten.

In seiner Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« hat Martin Luther (1483-1546) in geradezu »essenischer Tradition«,  obwohl der Reformator keine Ahnung von der Glaubensgemeischaft vom Toten Meer gehabt haben dürfte, propagiert: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Ding und niemandem untertan.« Und in »Eine treue Vermahnung zu allen Christen« (1522) schrieb er: »Also, die Lügner, die verstockten Tyrannen, magst du wohl hart antasten und frei tun wider ihre Lehre und Werk, denn sie wollen nit hören.« Davon wollte Luther nichts mehr wissen und forderte zum Töten der Aufständischen auf.

Foto 4: Und Friede auf Erden.
Luther vergleicht die Bauernaufstände mit einer Feuersbrunst. So wie jeder gute Christ dazu angehalten sei, alles zu tun, um einen Brand zu löschen, so müsse er auch mit Gewalt gegen die aufständischen Bauern vorgehen. Im Kampf gegen die Bauern sei jedermann »Oberrichter und Scharfrichter« zugleich. Von Mord könne nicht die Rede sein, wenn Bauern getötet würden, das seien vom Teufel Besessene: »Ich mein, dass kein Teufel mehr in der Helle sei, sondern allzumal in die Baurn sind gefahren.«

Nach Luther ist es also die Pflicht der Obrigkeit, die Bauern zu töten. Wer das nicht tut, macht sich seiner Ansicht nach ebenso schuldig wie die aufrührerischen Bauern selbst: »So soll nun die Obrigkeit hie getrost fortdringen und mit gutem Gewissen dreinschlahen (dreinschlagen).«

Luther nahm die Denkungsweise islamischer Fundamentalisten vorweg, die aus Kämpfern gegen die »teuflischen Ungläubigen« Märtyrer machen. Luther: »Also kann’s geschehen, dass, wer auf der Oberkeit Seiten erschlagen wird, ein rechter Märterer (Märtyrer) für Gott sei, so er mit solchem Gewissen streit, denn er geht in göttlichem Wort und Gehorsam. Wiederum, was auf der Bauren Seite umkommt, ein ewiger Hellebrand ist, denn er fuhret das Schwert wider Gottes Wort und Gehorsam und ist ein Teufels Glied.« Mit anderen Worten: Wer für die Fürsten kämpfend stirbt, ist ein Märtyrer, wer auf Seiten der Bauern umkommt, ist des Teufels.

Gelernt habe ich in meinem Studium der evangelisch-lutherischen Theologie vieles. Abgestoßen hat mich vor allem die autoritäre Vermittlung von Glaubensdoktrinen, die widerspruchslos hinzunehmen waren. Je intensiver indoktriniert wurde, desto mehr wandte ich mich von der Theologie ab. Es wurde mir unmöglich, den Beruf des Geistlichen noch weiter anzustreben. So entschloss ich mich, den Sprung ins »kalte Wasser« zu wagen. Statt eine lebenslange Sicherheit im Schoße der evangelisch-lutherischen Kirche wählte ich die sehr viel riskantere Freiheit des unabhängigen Schriftstellers. Zweifel kamen mir manches Mal ob meiner Entscheidung. Ich bin aber überzeugt, dass es die richtige für mich war.

Fortsetzung folgt

Foto 5: Karl-May-Autograph.


Fußnoten
1) May, Karl Friedrich: »Und Friede auf Erden«, Erstveröffentlichung Freiburg 1904, zitiert nach der bei Ernst Fehsenfeld, Freiburg i.Br., erschienenen Erstauflage, 1.-5. Tausend.
2) Das Zitat über die verheerende Wirkung des »Zivilisierens« wurde vom Karl-May-Verlag nicht bearbeitet, sondern buchstabengetreu beibehalten. Es findet sich hier in der berühmten »Bamberger Ausgabe«.  May, Karl: »Und Friede auf Erden«, Karl-May-Verlag Bamberg, 267. Tausend, Bamberg, ohne Jahresangabe Seite 252, Zeilen 10-16 von oben.
3) May, Karl: »Und Friede auf Erden«, Karl-May-Verlag Bamberg, 267. Tausend, Bamberg, ohne Jahresangabe, Seite 127, Zeilen 8-11.
4) Zitate aus Luther, Martin: »Wider die räuberischen und  mörderischen Rotten der Bauern«
Luther, Martin: »Traktate in Bibliothek deutscher Klassiker-Hutten, Müntzer,
Luther«, Band II, Berlin 1989. Zitiert wurde aus: Von der Freiheit eines
Christenmenschen, S. 114-138/ Eine treue Vermahnung zu allen Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung, S. 139- S.153/ Von Kaufshandlung und Wucher, S. 184- 245/ Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern, S. 259- S. 265


Foto 6: Karl-May-Unterschrift auf einer Ansichtskarte.


Zu den Fotos
Foto 1: Und Friede auf Erden, Karl-May-Verlag, Radebeul bei Dresden.
Foto 2: Und Friede auf Erden.
Foto 3: Und Friede auf Erden.
Foto 4: Und Friede auf Erden, modernere »Bamberger Ausgabe«.
Foto 5: Karl-May-Autograph.
Foto 6: Karl-May-Unterschrift auf einer Ansichtskarte.


410 »Hesekiels Himmelswagen«,
Teil 3 von »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
Teil  410 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 26.11.2017


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