Sonntag, 9. Februar 2020

525. »Kain und der blinde Jäger«

Teil 525 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der wohl bekannteste Mörder der Bibel ist wohl Kain. Das wissen auch Zeitgenossen, die nie in der Bibel lesen. Was aber ist das »Kains-Mal«? Es sollte Kains Leben schützen und wurde ihm zum Verhängnis.

Schon im 4. Kapitel des 1. Buches Mose wird der erste Mord geschildert. Die Geschichte lässt, so scheint es, keine Frage offen. Adam und Eva müssen wegen des ominösen Sündenfalls das Paradies verlassen. Der Engel mit dem Flammenschwert macht eine Rückkehr unmöglich. Adam muss zur Strafe auf dem Feld schuften, Eva Kinder gebären. So kommen Kain und Abel auf die Welt. Beide bringen Gott Opfer dar, Gott verschmäht Kains Opfergabe. Wütend tötet Kain seinen Bruder. In meiner wörtlichen Übersetzung liest sich das so (1):

Foto 1: Kain erschlägt Abel,
Genter Altar von Jan van Eyck, 1432,
gespiegeltes Foto

»Vers 1: Und er, Adam, erkannte Chawa (Eva), seine Frau, und sie empfing und sie gebar den Kajin und sie sprach: ich habe hervorgebracht einen Mann mit Hilfe Jahwes.
Vers 2: Und sie fuhr fort zu gebären: seinen Bruder, den Habäl (Abel), und der Habäl, er war ein Hirte von Kleinvieh und Kajin, er war bearbeitend den Acker.
Vers 3: Und es war am Ende der Tage, da brachte Kajin von den Früchten des Ackers eine Opfergabe für Jahwe.
Vers 4: Und Habäl, er brachte, von seinem Erstgeborenen seines Kleinviehs und von ihrem Fett und er sah, Jahwe, auf den Habäl und sein Opfer.
Vers 5: Aber auf Kajin und sein Opfer sah er nicht und er entbrannte (zu ergänzen? der Zorn?) dem Kajin und er senkte sein Gesicht.
Vers 6: Und er sprach, Jahwe, zu Kajin, warum entbrannte (dein Zorn) und warum ist gesenkt dein Gesicht?
Vers 7: Wenn du recht handelst, kannst du (dein Gesicht) erheben, wenn du nicht
recht handelst, dann lauert die Sünde vor der Tür.
Vers 8: Und es sprach der Kajin zu seinem Bruder Habäl (2) und es war auf dem Feld, da stand auf der Kajin gegen seinen Bruder Habäl und tötete ihn.

Kain hat Abel getötet und Gott fragt, wo denn Abel sei. Seltsam: Gott soll doch allwissend sein. Warum fragt er dann, wo denn Abel zu finden sei. Gott verflucht den Mörder Kain. Der zeigt Reue und hat Angst um sein Leben. Er befürchtet, dass ihn jeder, der ihn trifft, töten wird. Aber wer soll denn Kain nach dem Leben trachten? Nach Abel tot ist, gibt es damals nach dem Text der Bibel ja nur noch Adam und Eva. Weiter geht es im Text meiner wörtlichen Übersetzung:

»Vers 9: Und er sprach, Jahwe, zu Kajin: Wo ist Habäl, und der sprach: nicht weiß ich, bin ich etwa ein Hüter meines Bruders?
Vers 10: Und er sprach: was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders eine schreiende zu mir aus dem Acker!
Vers 11: Und nun, verflucht mögest du sein, weg von dem Acker, welcher aufriss seinen Mund um zu nehmen das Blut deines Bruders aus deiner Hand!
Vers 12: Ja, wenn du bearbeitest den Acker, nicht fährt er fort zu geben dir seine Kraft. Schwankend und heimatlos wirst du sein auf der Welt.
Vers 13: Und er sprach, Kajin zu Jahwe: groß (ist) mein Vergehen (oder: meine Sünde).
Vers 14: Siehe, du hast mich vertrieben vom Gesicht des Ackers und weg von deinem Gesicht verberge ich mich und bin schwankend und heimatlos und es wird ein jeder, der trifft mich an, (er) wird mich töten.
Vers 15: Und es sprach zu ihm, Jahwe: Alle, die Kajin töten – sieben mal sieben wird er gerächt! Und er setzte, Jahwe, dem Kajin ein Zeichen, damit nicht ihn töte ein jeder, der ihm begegnet.«

Nach dem Mord an seinem Bruder Abel zeugte Kain einen Sohn (3):»Und Kain erkannte seine Frau; die ward schwanger und gebar den Henoch. Und er baute eine Stadt, die nannte er nach seines Sohnes Namen Henoch.« Seltsam: Adam und Eva hatten zunächst zwei Söhne, nämlich Kain und Abel. Nach der Ermordung Abels gab es nur noch Adam, Eva, Kain und Seth (ein weiterer Sohn von Adam und Eva). Woher nahm dann Kain seine Frau, die im »Alten Testament« namenlos bleibt. Die anonyme Frau gebar Sohn Henoch. Jetzt gab es nach dem »Alten Testament« eine »Weltbevölkerung« von sechs Personen. Und jetzt baute Kain eine Stadt. Für wen? Für sich, seine Frau und ihren Sohn Henoch? Da wäre ein Häuschen vollkommen ausreichend gewesen! Zurück zum Brudermord!

Foto 2: Kain und Abel als Motiv einer Briefmarke.
Frankreich 1974

Gott verpasst Kain ein Zeichen zu seinem Schutz: Es macht Kain kenntlich und soll jeden davon abhalten, Kain zu töten. Wie dieses »Zeichen« ausgesehen hat, darüber findet sich kein Hinweis im »Alten Testament«. Das »Alte Testament« verschweigt auch, ob und falls ja, wie und wann Kain gestorben ist. Das ist seltsam. Finden sich doch von Adam bis Jesus konkrete Zahlenangaben zu jeder der biblischen Gestalten. Das »Kains-Zeichen« brachte mich auf die richtige Spur. Fündig wurde ich im »Ökumenischen Heiligenlexikon« (4):

»Jüdische Legenden erzählen deshalb: Lamech ging, als er im Alter schon blind war, auf die Jagd und ließ sich dabei von seinem jungen Sohn Tubal-Kajin leiten. Als der das Zeichen gab, schoss Lamech - doch es war nicht ein Wildtier, sondern Kain, der getötet wurde; Tubal-Kajin hatte das Kains-Zeichen, das hier als Horn beschrieben wird, mit dem Horn eines Tieres verwechselt. Verzweifelt schlug Lamech sich in die Hände und tötete so versehentlich auch Tubal-Kajin.«Konkrete Angaben zu den »jüdischen Legenden« sind freilich im »Ökumenischen Heiligenlexikon« nicht zu finden.

Wolfgang Stuch schrieb im Januar 2020 zwei interessante Kommentare bei facebook zu einem Beitrag von mir: »In den Apokryphen Schriften wird Kain versehentlich durch einen Pfeil getötet. … Sucht einfach mal im Netz nach Kains Tod. ... In jüdischen Legenden kommt da eine Passage vor.« Wenn es um »jüdische Legenden« geht, ist für mich das siebenbändige »Legends of the Jews« die erste Quelle, die ich zu Rate ziehe. Als sehr hilfreich hat sich die eBook-Aushabe von Ginzbergs monumentalem Werk in Sachen »Kains Tod« erwiesen. In Band 1 entdeckte ich im Kapitel »Die Nachkommen von Kain« die kuriose Beschreibung vom Tod Kains, wird der doch das Opfer eines blinden Jägers (5):

»Das Ende Kains überkam ihn in der siebten Generation der Menschen, und es wurde ihm zugefügt von der Hand seines Urenkels Lamech. Dieser Lamech war blind und wenn er zum Jagen ging, da wurde er von seinem jungen Sohn geführt, der seinen Vater darüber informieren würde, wenn Wild in Sicht kam, und Lamech würde dann mit Pfeil und Bogen darauf schießen.
Eines Tages gingen er und sein Sohn auf die Jagd, und der junge Bursche machte etwas Gehörntes in der Ferne aus. Natürlich hielt er es für irgendein Tier und er teilte dem blinden Lamech mit, er könne seinen Pfeil fliegen lassen. Der zielte gut und die Beute fiel zu Boden. Als sie dem Opfer nahe kamen, rief der kleine Junge aus: ›Vater, du hast etwas getötet, das in jeder Hinsicht einem Menschen ähnelt, mit Ausnahme des Horns auf der Stirn!‹
Lamech wusste sofort was geschehen war – er hatte seinen Ahnen Kain getötet, der von Gott mit einem Horn gekennzeichnet worden war. Voller Verzweiflung schlug er die Hände zusammen, wobei er dabei versehentlich seinen Sohn tötete.«

Brudermörder Kain, versehentlich von einem blinden Jäger mit Pfeil und Bogen erlegt? Ich suchte nach einer Illustration zur Geschichte vom blinden Jäger Lamech, der seinen Urahnen mit einem Pfeil erlegte. Genauer gesagt: Ich hatte vor meinem geistigen Auge ein Bild von Lamech, wie er gerade seinen Pfeil auf Kain abfeuerte. Irgendwann hatte ich dieses Bild irgendwo gesehen. Ich suchte in meinem Fotoarchiv. Ich wälzte diverse kunsthistorische Fachbücher, grub mich durch Berge von Kirchenführern. Vergeblich. Eines Nachts Anfang Januar 2020 wachte ich auf und erinnerte mich plötzlich sehr genau. Ich hatte das ominöse Bild vor vielen Jahren als Kind gesehen.

Mein Vater Walter Langbein sen. Unterrichtete am »Meranier-Gymansium Lichtenfels« Englisch und Französisch. Er bereiste England, Frankreich und die USA, arbeitete auch in Frankreich und in den USA als Lehrer. Intensiv sind meine Erinnerungen an die Basilika von Vézelay.

Vézelay ist eine kleine französische Gemeinde mit etwa vierhundert Einwohnern im Département Yonne in der Region Bourgogne-Franche-Comté. So wenige Menschen in Vézelay auch leben, so ist der Ort weltweit als einer der Ausgangspunkte des Jakobswegs (Via Lemovicensis) bekannt. Ich war als Kind mit meinem Vater vor Ort und kann mich nur noch an die Basilika von Vézelay erinnern. Das mächtige Gotteshaus empfand ich als bedrohlich. Wie eine furchteinflößende Kreatur thronte es auf einer Anhöhe über dem kleinen Dörfchen Vézelay. Das Riesenbauwerk hat sich mir als eine riesige Verschachtelung von Monstermauern, die wohl Mumien und Mysterien bieten würden, eingeprägt.

Gruselig war ein kurzer Besuch in der Krypta. Beim schwachen Schein einzelner Glühbirnen war die Wirklichkeit unheimlich wie ein alter Stummfilm über das »Phantom der Oper«. Spinnen hatten wohl schon vor Ewigkeiten ihre Netze aufgegeben, in denen sich längst keine Insekten mehr verfingen. Von irgendwo her kamen Geräusche von tropfendem Wasser. Ob es noch weitere, bislang unentdeckte Räume gab, hinter dicken steinernen Mauern? Würde man dort die Gebeine verschmachteter Gefangener finden, die irgendwo lebendig eingemauert worden waren?

Der wuchtige Turm beeindruckte mich sehr. Ausführlich erklärte mir mein Vater  die kunstvollen Kapitelle, die alle in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstanden sind.

Fußnoten
(1) Genesis, Kapitel 4, übersetzt aus dem hebräischen Text der »Biblia Hebraica«
(2) Hier ist der hebräische Text wohl unvollständig überliefert! Was sagte Kain zu Abel? Die Aussage Kains fehlt. Vermutlich fordert Kain seinen Bruder auf, aufs Feld zu gehen.
(3) 1. Buch Mose Kapitel 4, Vers 17
(4) »Ökumenisches Heiligenlexikon«, Stichwort »Lamech«. https://www.heiligenlexikon.de/BiographienL/Lamech.html Stand 8.1.2020
(5) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews: From Creation to Jacob«, zu Deutsch etwa: »Die Legenden der Juden: Von der Schöpfung bis Jakob«
Die Printausgabe von Band 1 erschien erstmals 1909, S. 116, 14. Zeile von oben – S.117, 1. Zeile von oben

Zu den Fotos
Foto 1: Kain erschlägt Abel, Genter Altar von Jan van Eyck, 1432, gespiegeltes Foto, Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Kain und Abel als Motiv einer Briefmarke. Frankreich 1974, Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

526. »Die zwei Tode eines Mörders«,
Teil 526 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16. Februar 2020



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Sonntag, 2. Februar 2020

524. »Die sieben anderen Welten der Kabbala«

Teil 524 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der Babylonische Talmud,
Titelblatt der Wilnaer Ausgabe
(1880-1886)
Seit Mitte der 1970-er Jahre habe ich mich mit jüdischem Geheimwissen beschäftigt. Während meines Studiums der evangelischen Theologie in Erlangen vergrub ich mich förmlich in den alten Texten des Zohar. Ich versuchte die Geheimnisse der Kabbala zu ergründen. Als ich den einen oder den anderen Professor der Theologie auf mein Interesse ansprach, stieß ich schnell auf wachsende Ablehnung. Ein Professor, im Fachbereich »Altes Testament« beheimatet, zeigte sich zunächst belustigt, dann erbost. Schließlich drohte er mir unverhohlen. Wenn ich mein Studium mit Aussicht auf Erfolg fortsetzen wolle, müsse ich auf »diesen Unsinn verzichten«.

In Nürnberg traf ich auf einen immer lächelnden alten Rabbi, der sich über mein Interesse am Zohar zu freuen schien. Er werde mir sehr gern bei meinem Studium des Zohar helfen. Ich möge aber zuerst verschiedene Übersetzungen des Zohar sorgsam lesen und auf mich wirken lassen. Nach »einigen Jahren« dürfe ich dann gern zu ihm zurück kommen. Dann werde er mir die Lektüre bestimmter Textpassagen ans Herz legen und hilfreiche Literatur zu diesen Texten empfehlen. Bei mir trat Ernüchterung ein. Ich hatte gehofft, so etwas wie einen Schlüssel zum Zohar zu erhalten, der mir den sofortigen Zugang zur Welt dieses geheimnisvollen Textes ermöglichen würde. Offensichtlich verbarg ich meine Enttäuschung nicht gut genug.

Der Rabbi versuchte noch, mir Mut zu machen. »Schauen sie mich an!«, forderte mich der weise Mann auf. »Ich beschäftige mich erst seit sechzig Jahren mit dem Zohar und verstehe schon einiges!« Ich resignierte. Den Zohar würde ich wohl nie wirklich begreifen. Aber ich konnte lesen, mich durch Berge von Zohar-Übersetzungen kämpfen und nach verborgenem Wissen suchen. Parallel dazu las ich im »Alten Testament«, in den »Legenden der Juden« und im Koran.

Bei meinen intensiven Textrecherchen dachte ich nicht an magische Rituale oder astrologische Weltbilder, auch nicht an vermeintlich göttliche Gebote über den Umgang mit Gläubigen und Ungläubigen, sondern – zum Beispiel – an fremde Planetenwelten fremder Sonnensysteme. 

Foto 2: Sefer Jezira
Nach dem Koran (1) schuf Allah sieben Welten und sieben Himmel. Die sieben Welten, von Gott erschaffen, finden sich auch in jüdischen Geheimlehren. Das »Sefer Jezira« (auch »Sefer Jetzira« und andere Varianten der Schreibweise) wird als »Buch der Schöpfung« oder »Buch der Formung« bezeichnet. Das Werk gilt als das älteste auf Hebräisch verfasste Buch der Kabbala. Franjo Terhart schreibt in seinem Buch »Kabbala« über »Sefer Jezira« (2): »Seinen Verfasser kennt man nicht. Es entstand etwa um die Mitte des 1. Jahrtausends in Palästina und liegt in zwei Fassungen vor, einer längeren und einer kürzeren. Es enthält grundlegende mystische Ideen. Um das Jahr 1000 wurde der Sefer Jezira häufiger kommentiert als jeder andere mystische Text – unter anderem, weil er vorgibt, bis auf Abraham zurückzugehen.«

Die heute bekannte lange Version umfasst etwa 2.500 Worte, die kurze nur 1.300 Worte. Yisrael Weinstock, einer der führenden Zohar-Experten der Welt, vermutet, dass die verschollene Originalversion vermutlich extrem kurz war. Sie bestand womöglich nur aus 240 Worten. Vergeblich habe ich nach der Ur-Version gesucht.

Ich kämpfte mich durch den »Jerusalemer Talmud«, der im 5. Jahrhundert schriftlich festgehalten worden sein soll. Ich arbeitete mich durch den noch umfangreicheren »Babylonischen Talmud«, der kurz nach dem »Jerusalemer Talmud« entstanden sein soll. Ich las und las, zum Beispiel die äußerst ausführlichen Abhandlungen über die Anwendung der Gesetzesvorschriften des »Alten Testaments« im Alltag. Ich studierte die Erklärungen der biblischen Vorschriften, so wie sie Rabbiner verstehen und interpretieren. Ja es gelang mir kurzzeitig Manuskripte einzusehen, die schließlich im gedruckten »Jerusalemer Talmud« verarbeitet wurden. In diesen Manuskripten wurde wiederholt »Sefer Yetzirah« erwähnt. Warum wurden diese Hinweise aber nicht in die gedruckte Ausgabe des »Jerusalemer Talmud« übernommen? Unklar ist, ob es sich bei diesem »Sefer Yetzirah« um »Sefer Je(t)zira« handelt.

Immer wieder konsultierte ich »meinen« Rabbi zunächst noch in Nürnberg, später in Göttingen und München. Nur selten erhielt ich konkrete Antworten. So teilte mir der gelehrte Mann mit, dass nach den Lehren der Kabbala Gott unzählige Sterne und unzählige Welten schuf. Viele dieser fremden »Erden« würden auf anderen Ebenen der Realität existieren, nicht wenige seien aber physische Himmelskörper wie unser Heimatplanet. Dort lebten, so der Rabbi, Wesen; die sich von uns Menschen sehr stark unterschieden.

Je gründlicher ich mich mit der Welt der mysteriösen alten jüdischen Überlieferungen beschäftigte, desto erstaunter war ich, wie wenig selbst die vermeintlich besten Interpreten verstanden. Was der eine Fachmann für ein simples Werk über die Schrift des alten Hebräischen war, das verstanden andere als magisches Werk, mit dessen Hilfe man Leben erzeugen konnte. Was einige für verklausulierte Vorschriften für ein gottgefälliges Leben hielten, das sahen andere als Entschlüsselung der hebräischen Buchstaben als geheime Zeichen für verborgene Botschaften.

Besonders intensiv interpretiert wird »Sefer Je(t)zira« schon seit Jahrhunderten. Handelt es sich bei dem geheimnisvollen Werk um einen philosophischen Text, um eine Abhandlung über Grammatik oder um einen Leitfaden für den Wanderer in spirituellen Welten? Geht es um Magie oder Meditation? Oder muss man »Sefer Je(t)zira« als »meditativen Text mit starken magischen Elementen« ansehen? Im Meer von zum Teil schwer oder selbst für den in Sachen Mythologie gut Informierten unverständlichen Texten versteckt tauchen immer wieder für uns seltsam klingende Namen von fremden Planeten-Welten auf.

Die Lang-Version des Sefer Jezira benennt, wie uns der Zohar-Experte Aryeh Kaplan mitteilt, sieben Planeten auf (3): »Adamah, Tevel, Nashiyah, Tzaya, Chalad, Eretz, Gai«. Aryeh Kaplan weiter: »Eine andere Quelle (4) gibt sie an als: Eretz, Adamah, Arkah, Gey, Tzaya, Nasya, Tevel. Eine weitere alte Quelle (5) listet auf Eretz, Adamah, Arka, Chariva, Yabasha, Tevel, Chalad.« Je gründlicher in den mysteriösen alten jüdischen Quellen nach diesen fremden Erden suchte, desto mehr entdeckte ich. In einem weiteren Manuskript des Sefer Jezira stieß ich auf eine weitere Auflistung der sieben Planetenwelten (6): »adama, arqa, tevel, neshija, zija, heled, erez«. Es tauchen verschiedene Listen mit den Namen der fremden Erden auf. Sie stimmen teilweise überein, sind aber nie wirklich identisch. Irritiert musste ich Verwirrendes feststellen: Es fällt auf, dass sich die Quellen uneins über die Namen der sieben fremden Planetenwelten sind.

Sie lassen aber keinen Zweifel an der Existenz fremder Planetenwelten im Universum aufkommen! Wer auch den Zohar verfasst haben mag, der war von der Existenz von anderen »Erden«, auf denen andere »Menschen« leb(t)en überzeugt. Meine intensiven Recherchen wurden belohnt. Offen gesagt: Ich suchte nach Fakten, nicht nach vieldeutiger Tiefgründigkeit und hatte Erfolg: Ich entdeckte nicht nur eindeutige Hinweise in den geheimen Schriften von Kabbala-Zohar, sondern sehr konkrete Angaben zu den Bewohnern jener fremden Welten. Im Lauf vieler Jahre notierte ich konkrete Angaben zu fremden Planeten auf Karteikarten und sortierte meine Entdeckungen. 

Bereits vor über einem halben Jahrhundert stellte Erich von Däniken (*1935) eine spannende Faktensammlung zusammen: Informationen zu fremden Planetenwelten in der geheimnisvollen Kabbala (7):

»Die sieben anderen Welten der Kabbala werden – bei wechselnden Bezeichnungen für die gleiche Sache – mit ihren Bewohnern sehr anschaulich beschrieben. Hier also Kabbala – Auszüge, die ich sinngemäß wiedergebe:
Die Bewohner der Welt von ›Geh‹ säen und pflanzen Bäume. Sie essen alles vom Baum, kennen aber keinen Weizen und keinerlei Getreide. Ihre Welt ist schattig, und es gibt viele große Tiere dort.
Die Bewohner der Welt von ›Nesziah‹ essen Sträucher und Pflanzen, die sie nicht säen müssen. Sie sind von kleinem Wuchs, und haben anstelle der Nasen nur zwei Löcher im Kopf, durch welche sie atmen. Sie sind sehr vergeßlich, und wissen bei einer Arbeit oft nicht, weshalb sie sie begonnen haben. Auf ihrer Welt sieht man eine rote Sonne.
Die Bewohner der Welt ›Tziah‹ müssen nicht essen, was andere Wesen essen. Sie suchen immer nach Wasseradern. Sie sind sehr schön von Angesicht, und haben mehr Glauben als alle anderen Wesen. Auf ihrer Welt gibt es große Reichtümer und viele schöne Bauwerke. Der Boden ist trocken, und man sieht zwei Sonnen.
Die Bewohner der Welt von ›Thebel‹ essen alles aus dem Wasser. Sie sind allen anderen Wesen überlegen, und ihre Welt ist in Zonen aufgeteilt, in denen sich die Bewohner durch Farbe und Gesichter unterscheiden. Sie machen ihre Toten wieder lebendig. Die Welt ist weit von der Sonne weg.
Die Bewohner der Welt von ›Erez‹ sind Nachfahren von Adam.
Die Bewohner von ›Adamah‹ sind auch die Nachfolger von Adam, weil Adam sich über die Trostlosigkeit auf ›Erez‹ beklagte. Sie bebauen die Erde und essen Pflanzen, Tiere und Brot. Sie sind meist traurig und bekriegen sich oft. Es gibt auf dieser Welt Tage, und die Gruppierungen der Gestirne sind sichtbar. Früher wurden sie oft von Bewohnern der Welt von ›Thebel‹ be-sucht, doch die Besucher wurden auf ›Adamah‹ von Gedächtnisschwäche befallen und wußten nicht mehr, woher sie kamen.
Die Bewohner der Welt von ›Arqa‹ säen und ernten. Ihre Gesichter sind verschieden von unseren Gesichtern. Sie besuchen alle Welten und sprechen alle Sprachen.«

Fußnoten
(1) Koran, Sure 65, 12
(2) Terhart, Franjo: »Kabbala/ Die jüdische Mystik«, Hannover 2007, S. 25, linke Spalte oben
(3) Kaplan Aryeh: »Sefer Yetzirah: The Book of Creation in Theory and Practice«, eBook, revidierte Fassung, 7. Auflage, San Francisco 1997, Seite 187, Position 3484. Hinweis: Das eBook führt den Planeten Chalad doppelt auf. Den offensichtlichen Fehler habe ich korrigiert.
(4) Ebenda, Fußnote 72: »VaYirka Rabbah 29:11, Pirkey Rabbi Eliezer 18 (43a), BaMidbar Rabbah 3:8. Cf. Raziel 15b (43), 36a (122)«
(5) Ebenda, Fußnote 73: »Otzar HaShem, ad loc., Avot Rabbi Nathan 37«
(6) Herrmann, Klaus (Herausgeber/ Übersetzer): »Sefer Jezira – Buch der Schöpfung«, Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, 1. Auflage 2008, Leipzig 2008. Hier wird als Quelle angegeben: »Sefer Jezira, Ms. Vatikan 299 §§ 43B«
(7) Däniken, Erich von: »Zurück zu den Sternen/ Argumente für das Unmögliche«, Düsseldorf 1969, 201.-250. Tausend, S. 236, 11. Zeile von unten – S. 238, 13. Zeile von unten. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibreform angepasst.

Zu den Fotos
Foto 1: Der Babylonische Talmud, Titelblatt der Wilnaer Ausgabe (1880-1886). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Sefer Jezira. Cover. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

525. »Kain und der blinde Jäger«,
Teil 525 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 9. Februar 2020

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