Sonntag, 6. September 2020

555. »Der Kardinal, der Biologe und der liebe Gott«

Teil 555 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Kardinal Reinhard Marx (*1953) schreibt in seinem umstrittenen Werk »Freiheit« im Kapitel über Hochmut und Anmaßung über das Ende einer Ära (1): »Gelegentlich wird schon darauf verwiesen, dass das Anthropozän am Ende sei und wir uns von dem auf den Menschen konzentrierten Blick lösen müssten.«

Das müssten wir in der Tat. Es mag auch in der Tat so sein, dass das Zeitalter mit dem Menschen als geradezu gottgleichem Zentrum (Anthropozän) am Ende angelangt ist. Das freilich scheinen wir Menschen bis heute nicht wirklich einsehen zu wollen. Irgendwie sehen wir uns nach wie vor noch als »Krone der Schöpfung«. Uneinigkeit gibt es nur in der Frage, ob die »Schöpfung« Gott oder dem Experiment Zufall zu verdanken ist. Mir scheint, weder der glühende Anhänger der Ersatzreligion »Zufall allein schafft den Menschen«, noch das fundamentalistische Mitglied einer der drei großen monotheistischen Religionen möchte die eingebildete Führungsposition des Menschen im Lebensraum Erde aufgeben.

Wir sind aber weder die »Krone einer göttlichen Schöpfung« noch der Evolution, denn als intelligent erweist sich unsere Spezies Mensch ganz und gar nicht. An der Spitze des Lebens sollte aber doch wohl die intelligenteste Spezies auf Erden sein. Das aber ist der Mensch nicht. Der Neurobiologe Stefano Mancuso (*1965) versucht schon seit Jahren, uns die Augen zu öffnen, damit wir endlich die unglaubliche, aber höchst reale menschliche Dummheit zur Kenntnis nehmen. Wir fühlen uns noch wohl auf unserem Thron, der uns schon lange unter dem Gesäß wegbricht.

Seit 2008 verleiht das »Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung und die Buchkultur« von Österreich den Titel »Wissenschaftsbuch des Jahres«. 2016 wurde Stefano Mancuso diese hoch angesehene Auszeichnung für sein Werk »Die Intelligenz der Pflanzen« zugesprochen.

Fotos 1-4: Tempelanlage von Karnak
und Memnonkolosse (rechts unten).
Historische Aufnahmen, Ägypten.
Fotos 1-3: Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: Walter-Jörg Langbein
In einem Interview, das bundesweit von diversen Zeitungen publiziert worden ist, hat es Stefano Mancuso auf den sprichwörtlichen Punkt gebracht (2): »Wir sind als Spezies seit 300.000 Jahren auf der Erde. Seit etwa 15.000 Jahren existiert das, was wir menschliche Zivilisation nennen. Und in dieser Zeit, vor allem in den letzten Jahren, haben wir es sozusagen in rasender Geschwindigkeit geschafft, den Planeten in den erbärmlichen Zustand zu bringen, in dem er sich jetzt befindet.«

Stefano Mancuso, seit 2001 als Hochschullehrer an der »Universität Florenz« und Mitglied der renommierten »Accademia dei Georgofili« tätig, entwirft ein ganz anderes Bild von der Intelligenz des Menschen als uns lieb sein kann: » Ich streite mich oft über die angebliche Überlegenheit der menschlichen Intelligenz gegenüber der Intelligenz der Pflanzen. Das oberste Ziel einer Spezies ist das Überleben der eigenen Spezies. Die Fortpflanzung ist das erste Ziel. Alles andere ist sekundär. Aus dieser Perspektive ist der Mensch mit weitem Abstand eine der am wenigsten überlebensfähigen Arten, die es je auf der Erde gab.«

Hauptmerkmal für die Intelligenz einer Spezies ist ja wohl die Fähigkeit oder Unfähigkeit zu überleben. Wenn der Mensch auf diesem Gebiet mit deutlichem Abstand schlechter abschneidet als die Pflanzen auf Terra, dann ist er auf gar keinen Fall die »Krone der Schöpfung«, um den religiösen Terminus zu benutzen. Anders ausgedrückt: In Sachen Überlebenskunst ist der Mensch alles andere als die führende Spezies der Natur.

Auf anschauliche Weise verdeutlicht Stefano Mancuso, wie schlecht wir Menschen im Wettbewerb in Sachen Überleben abschneiden: » Das durchschnittliche Leben einer Spezies auf der Erde beträgt fünf Millionen Jahre. Um im Durchschnitt zu bleiben, müssten wir als Art also noch 4,7 Millionen Jahre existieren, eine unvorstellbare lange Zeit für uns. Wir denken in wenigen Tausenden Jahren. Wird es uns in 1.000 Jahren noch geben? Wer weiß! Wenn wir so weiter machen, sicher nicht.«

Dessen ungeachtet hegen und pflegen wir die Einbildung, sonnen uns im Glanz der vermeintlichen Überlegenheit der Menschen über alle anderen Lebensformen auf unserem Planeten und zeichnen uns doch nur dadurch, dass wir als einzige Spezies in erstaunlicher Geschwindigkeit und mit an Perfektion grenzender Konsequenz für die eigene Spezies unbewohnbar machen. Was aber, dieser Frage gehen wir nicht nur aus dem Weg, machen wir anders als alle anderen Spezies auf Terra? Wenn wir uns überhaupt mit anderen Spezies vergleichen, dann heben wir mit Stolz hervor, was wir im Gegensatz zu anderen Spezies zu tun in der Lage sind. Wir können uns über große Entfernungen auf der Erde bewegen, wozu zum Beispiel Pflanzen nicht in der Lage sind. Pflanzen sind so ortsgebunden und unbeweglich, wie wir Menschen während der coronaverursachten Ausgangssperren. Dazu Neurobiologe Stefano Mancuso:

»Wir leben gerade alle in einer Art vegetativen Zustand. Ein paar Milliarden Menschen auf der Welt. Wir können uns nicht frei bewegen. Die Pflanzen leben immer so. Ihr wichtigstes Erfolgsrezept ist ihr Gemeinsinn. Den könnten wir uns abschauen. Pflanzen wetteifern nur in wenigen Ausnahmen mit anderen Pflanzen oder Lebewesen. Anstatt zu wetteifern, schaffen sie Gemeinschaften, die zusammen leben. Pflanzen, Tiere, Insekten, Mikroorganismen.«

Fotos 5+6: Tempel der Hatschepsut, Ägypten
(oben um 1910, unten  um 1986). Foto oben:
Archiv Walter-Jörg Langbein. Foto unten:
Foto Walter-Jörg Langbein.
Ägypten.
Geht das von Menschen dominierte
Zeitalter zuende?
Auch wenn zu schlimmsten Corona-Zeiten bei den meisten menschlichen Bewohnern unseres Planeten aus Angst des Individuums vor Ansteckung und Tod vorübergehend Verantwortungsbewusstsein den Alltag bestimmte, so wird sich doch das gemeinschaftliche Miteinander von uns Menschen als eine vorübergehende Erscheinung erweisen. Wir suchen den Fortschritt nicht im Miteinander, sondern im Gegeneinander. Wir versuchen erst gar nicht, gemeinsam lebensnotwendige Ziele zu erreichen, sondern wir konkurrieren miteinander. Die Hoffnung, dass in der Postcorona-Zeit ein neues Denken unser Handeln bestimmen würde, wird sehr viel schneller als eine Seifenblase platzen.

So wie im weltweiten Sport jeder gegen jeden kämpft, so ist auch unser aller Leben von Konkurrenz geprägt. Und dabei sieht sich der vermeintlich ach so intelligente Mensch als den hoch über allem stehenden Herrn über den Rest der Welt. Die biblische Legitimation für sein Treiben kann man schon im ersten Kapitel des Ersten Buch Mose (3) finden: »Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.« Freilich haben wir das Prinzip der radikalen Ausbeutung von Planet Erde für egoistische Zwecke längst so stark verinnerlicht, dass wir eine biblische Legitimation für unser schädliches Tun gar nicht mehr benötigen.

Angesichts der Plünderung und Zerstörung des Lebensraums Erde sehen sich Theologen genötigt, den »göttlichen Auftrag« neu zu interpretieren. Genauer gesagt: Man habe, so heißt es aus Theologenmund, den göttlichen Befehl bislang missverstanden. Gott habe den Menschen aufgefordert, verantwortungsvoll mit der ihm anvertrauten Erde umzugehen. Warum wurde dieser vermeintliche göttliche Auftrag nicht in schlichten, verständlichen Worten zum Ausdruck gebracht?

 Statt »Macht euch die Erde untertan!« hätte man formulieren können »Geht verantwortungsvoll mit der Erde um!« »Christliches Radio für den Alltag« (4): »Dieser Satz gehört zu den Bibelworten, die man leicht in den falschen Hals kriegen kann. Und das hat dann schlimme Folgen. ›Macht euch die Erde untertan‹ – wie oft wurde das missverstanden!? Bedeutet diese Weisung Gottes, der Mensch könne nun alles mit Gottes Schöpfung tun, was er will? Gibt Gott einen Freibrief, die Erde auszubeuten? Wird der Mensch zum höchsten Chef alles Geschaffenen? Zum Herrscher der Tiere, der mit ihnen nach Belieben umgehen kann? Zum Souverän über das Pflanzenreich, der roden oder züchten darf, wie er will?«

»Christliches Radio für den Alltag« beantwortet sodann die gestellten Fragen in einer Art und Weise, die man nicht als kindlich bezeichnen sollte. Wenn man die von »Christliches Radio für den Alltag« vorgetragene Antwort als Beispiel von kindlicher Logik bezeichnet, beleidigt man die Kinder. Doch lassen wir »Christliches Radio für den Alltag« zu Wort kommen: »›Macht euch die Erde untertan‹ – ein Satz, den man in den falschen Hals kriegen kann, wenn man nicht sieht, was direkt davor steht:

›Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bild Gottes schuf er ihn‹. Damit wird nicht das Aussehen Gottes beschrieben, sondern die Herrschaft Gottes und was der Mensch damit zu tun hat. Um dies zu verstehen muss man wissen: Wenn im Altertum ein König ein großes Reich zu regieren hatte, war das nicht einfach. Telefon und Internet waren noch längst nicht erfunden, auch Flugzeuge und Autobahnen gab es nicht. Wie sollte ein König – zum Beispiel der Großkönig von Babylon – sein Riesenreich regieren? Wie sollte er die weiten Entfernungen überwinden, um in fernen Provinzen zu zeigen: auch in Gebieten weit weg von der Hauptstadt bin ich euer Herrscher?

Die Lösung: der König ließ Standbilder aufstellen, Abbilder von sich selbst. An vielen Orten gab es solche Wahrzeichen, Bilder, die zeigten: hier herrscht dieser König, auch wenn er nicht persönlich anwesend ist.«

Mit anderen Worten: Weil Gott nicht jeden Menschen per Telefon erreichen kann, setzt er den Menschen als sein Abbild ein, um überall zu verdeutlichen, dass Gott in Gestalt des Menschen als sein Abbild allüberall herrscht. Damit aber wird der Mensch aus der Gesamtschöpfung herausgestellt und über dem Rest der Schöpfung platziert.

Nach dieser – in meinen Augen sehr seltsamen – Vorstellung wird die Welt dem Menschen von Gott ausgeliefert. Da aber Gott nach theologischer Vorstellung allwissend ist und die Zukunft kennt, ist ihm natürlich bekannt, wie der Mensch mit der Welt umgehen wird. Gott überlässt dem Menschen in diesem Bild die Welt zur Ausplünderung, die Tiere zur rücksichtslosen Ausbeutung. Das erklärt man in der Theologie dann mit dem »freien Willen« des Menschen.

Theologen meinen allen Ernstes, sie könnten und müssten dem »lieben Gott« einen »Persilschein« ausstellen: Nicht der »liebe Gott« ist demnach für Leid und Elend auf der Welt verantwortlich, sondern das ist der Mensch. Der »liebe Gott« hat dem Menschen in vermeintlicher Güte einen »freien Willen« gewährt. Und der Mensch nutzt diesen seinen freien Willen leider auch, um Böses zu tun. Diese Vorstellung empfinde ich, gelinde gesagt, als unstimmig und als erschreckend entsetzlich. Denn wo bleibt der freie Wille der Opfer? Ein Gott, der faktisch dem Bösen einen freien Willen zubilligt, nicht aber dem Opfer des Bösen, entspricht ganz und gar nicht meiner Vorstellung von einem liebenden, guten Gott.

Fußnoten
(1) Marx, Reinhard: »Freiheit«, München 2020, eBook (kindle), Kapitel »Die Gefahr der Hybris«, Position 172
(2) Müller-Meiningen, Julius: »Wenn wir so weitermachen, stirbt unsere Spezies aus«, »Augsburger Allgemeine«, 06.06.2020 (Das Interview erschien auch im »Obermain Tagblatt«, Lichtenfels. Datum leider nicht mehr feststellbar.)
Alle weiteren Zitate von Stefano Mancuso sind diesem Interview entnommen.
(3) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 28
(4) https://www.erf.de/erf-plus/audiothek/wort-zum-tag/macht-euch-die-erde-untertan/73-3531

Zu den Fotos
Fotos 1-4: Tempelanlage von Karnak und Memnonkolosse (rechts unten). Historische Aufnahmen, Ägypten. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 5+6: Tempel der Hatschepsut (oben um 1910, unten  um 1986). Foto oben: Archiv Walter-Jörg Langbein. Foto unten: Foto Walter-Jörg Langbein.
Ägypten.

556. »Gott, die Schöpgung und das Ende der Menschheit«
Teil 556 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 13. September 2020
 


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Sonntag, 30. August 2020

554. »… und ich sah ein großes Licht bis in den sechsten Himmel hinunterscheinen.«

Teil 554 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Apostel Paulus (Ikone)
Nach dem 2. Korintherbrief, wurde Paulus in den 3. Himmel, ins Paradies, entrückt. In der »Apokalypse des Paulus« von Nag Hammadi gelangt Paulus auch in den dritten Himmel, vom Paradies ist da aber nicht die Rede. Paulus passiert den dritten Himmel, was nur in einem Nebensatz erwähnt wird. Dann geht es gleich weiter in den vierten Himmel (1): »Ich sah aber im vierten Himmel die einzelnen Geschlechter: Ich sah die Engel, wie sie Gott glichen;«

Die Zustände im 4. Himmel sind fantasiereich ausgeschmückt worden. Da werden Seelen aus dem Lande der Toten herbeigeschafft und von den Engeln für ihre Sünden ausgepeitscht. Sündige Seelen werden »hinabgeworfen«. Da klingt, meine ich, die Vorstellung einer Reinkarnation an (2): »Als die Seele diese Dinge gehört hatte, blickte sie zu Boden; sie war beschämt. Und dann blickte sie nach oben und wurde hinabgeworfen. Die Seele, die hinabgeworfen wurde, kam in einen Körper, der für sie bereitet worden war.« Diese Vorstellung von Reinkarnation findet sich auch im 4. Buch Esra (3), wird da aber sehr viel ausführlicher geschildert. Das 4. Buch Esra entstand im 1. Jahrhundert n.Chr. Die große Ähnlichkeit der in beiden Schriften verwendeten plastischen Bilder deutet meiner Meinung nach auf eine Entstehung beider Texte in der gleichen Zeit hin. Demnach dürfte es die »Apokalypse des Paulus« bereits im 1. Jahrhundert n.Chr. gegeben haben.

Die himmlische Reise wurde fortgesetzt (4): »Und ich sah einen großen Engel im fünften Himmel, der einen eisernen Stab in seiner Hand hielt; es waren drei weitere Engel bei ihm, und ich blickte in ihre Gesichter. Sie aber wetteiferten miteinander; mit Peitschen in ihren Händen trieben sie die Seelen zum Gericht.«

Vom sechsten Himmel aus sah Paulus etwas (5): »Dann kamen wir hinauf zum sechsten Himmel. … Und ich blickte hinauf zur Höhe und ich sah ein großes Licht bis in den sechsten Himmel hinunterscheinen.«

Foto 2: Auch Paulus wurde »entrückt«
(Illustration aus einer Bibelhandschrift 
um 850 n.Chr., künstlerisch
umgestaltete Collage).


Bei einer solchen Textpassage schlägt natürlich das Herz des Präastronautikers höher. Paulus wird in den Himmel (präastronautisch-modernisiert: ins All) hinauf gebracht. Schließlich erspäht er hoch oben »ein großes Licht«.

Erinnern wir uns an die mysteriöse »Apokalypse des Abraham« (6). Da wird der junge Abraham von zwei himmlischen Besuchern kontaktiert. Abraham ist schockiert. Er weiß gar nicht, wo er hinschauen soll. »Nicht eines Menschen Atem war’s« (7) heißt es von einem der Besucher. Das deutet auf nichtirdisches Leben hin. Weiter heißt es über einen der Fremden (8) »in eines Mannes Ähnlichkeit«. Dieser Besucher (Jaoel, andere Schreibweise: Javel) sah also menschenähnlich aus, war aber doch kein Mensch.

Schließlich wird der junge Abraham »entrückt«, er tritt eine »Luftreise« an (9): »Und es geschah bei Sonnenuntergang, da gab es Rauch wie Rauch aus einem Ofen. … So trug er mich bis an der Feuerflammen Grenzen. Dann stiegen wir hinauf, so wie mit vielen Winden, zum Himmel, der da ob dem Firmament war.«

Der junge Abraham wird also immer höher und höher in den Himmel entrückt, bis er eine fantastisch anmutende Beobachtung macht. Noch einmal lassen wir den Augenzeugen Abraham aus der Abrahamapokalypse zu Wort kommen und vergleichen damit die Aussage der »Apokalypse des Paulus«.

Abraham (10): »Ich sehe in der Luft auf jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig' Licht, nicht zu beschreiben, und in dem Licht ein mächtig Feuer.«
Paulus: »Und ich blickte hinauf zur Höhe und ich sah ein großes Licht bis in den sechsten Himmel hinunterscheinen.«

Die Vermutung liegt nahe, dass Abraham und Paulus auf ihrer Himmelsreise das gleiche »mächtige Licht« in großer Höhe gesichtet haben. Beide reisen, begleitet von einem Engel begleitet, empor zu diesem mächtigen Licht. Im siebten Himmel wird Abraham von einem alten, weiß gekleideten Mann befragt. Wer war dieser alte Mann? Er saß auf einem Thron, der (11) »war siebenmal heller als die Sonne«.

Foto 3: Paulus
Natürlich kann man mit etwas präastronautischer Fantasie in den Himmeln Raumstationen sehen, von denen Paulus einige besucht hat (12): »Und dann öffnete sich der siebte Himmel und wir kamen hinauf zu der Achtheit. … und wir kamen hinauf in den neunten Himmel. Ich grüßte alle die, die sich im neunten Himmel aufhielten. Und wir kamen hinauf in den zehnten Himmel. Und ich grüßte meine Mitgeister.«

Der Text der »Apokalypse des Paulus« ist Teil der altehrwürdigen Bibliothek von Nag Hammadi. In der »wissenschaftlichen Literatur« wird diese Textsammlung allgemein als »NHC« geführt. Theologen halten es für besonders wissenschaftlich, ihre Texte durch möglichst massiven Gebrauch von Abkürzungen möglichst schwer lesbar zu machen. Wer Abkürzungen, die in theologischen Werken Verwendung finden, im Internet nachschlägt, stellt häufig fest, dass die von Theologen genutzten Abkürzungen eigentlich schon »besetzt« sind. So steht »NHC« zum Beispiel für das »National Hurricane Center«. In diesem Zentrum, ansässig in Miami, Florida, werden tropische Wirbelstürme beobachtet und nach Möglichkeit wird zu berechnen versucht, wie sie sich weiterentwickeln und welche Regionen sie demnächst heimsuchen werden.

»NHC« hat schon manches Leben gerettet. Mancher, der auf einer der Inseln der ostfriesischen Küste Urlaub machte und dringend eines Notarztes bedurfte, wurde von »NHC« gerettet. Jetzt verbirgt sich hinter der Abkürzung »NHC« allerdings das in Emden ansässige Luftfahrtunternehmen »Northern HeliCopter GmbH«, das auch für die Offshore-Windindustrie in Nord- und Ostsee zuständig ist.

Foto 4: Apostel Paulus (Ikone)
Für Theologen allerdings steht »NHC« für »Nag Hammadi Codex«. Die »Apokalypse des Paulus« wird als »NHC V,2« geführt. »NHC V,2« ist ein kurzer Text mit einigen Beschädigungen, aber sehr viel besser als andere Texte aus der Bibliothek, deren Manuskripte ganz erhebliche »Löcher« und somit textliche Lücken aufweisen. Bedingt durch die nicht gerade perfekte unterirdische Lagerung über einen Zeitraum von fast zwei Jahrtausenden sind bei manchem der Texte manche Worte kaum oder gar nicht mehr zu entziffern, was wiederum zu Textlücken führt. »NHC V,2« ist vergleichsweise sehr gut lesbar.

»NHC« bietet wenig konkrete Angaben zur Entrückung des Paulus. Über seine Reise in immer höhere Sphären ist so gut wie nichts Näheres zu erfahren, nur dass es eben immer höher und höher geht. Zwischendurch scheint Paulus seine auf der Erde verbliebenen Mitapostel – wie auch immer – zu sehen. Im Kern besteht der Text der »Apokalypse des Paulus« aus einer Entrückung eines Menschen in immer größere Höhen des Himmels (Weltalls?), angereichert durch theologische Ergüsse. Wir können sie nach fast zwei Jahrtausenden nicht mehr wirklich verstehen.

Foto 5: Buchcover von Dr.
Zürners wichtigem Buch
Dr. Bernhard Zürner (*1931) hat zwei Bücher über Paulus geschrieben (13). In beiden Werken erweist sich als Theologe von Rang, mit zwei Büchern, die es verdient hätten, zum Klassiker zu werden. Mit detektivischem Spürsinn geht Dr. Bernhard Zürner dem historischen Paulus auf den Grund und offenbart Tatsachen, die Theologen oftmals nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Wer sich fundiert mit dem »Neuen Testament« auseinandersetzen will, der kommt an diesen Büchern nicht vorbei. Wer sich seriös über die Geschichte des Christentums informieren will, der muss diese Meilensteine der Theologie lesen. Beide Bücher sind spannend, packend, explosiv und sollten von jedem Theologiestudenten verschlungen werden. Es sind zwei Perlen theologischer Literatur, verfasst von einem Theologen, der keine Angst vor heißen Eisen hat.

Dr. Bernhard Zürner hält schon den kurzen Text über die Himmelsreise des Paulus im »Neuen Testament« (14) für keinen echten Erlebnisbericht. Vielmehr, und da sieht er sich im Konsens mit einschlägigen Forschern, basierten Pauli Entrückungsdaten auf zeitgenössischem Hintergrund. Dr. Bernhard Zürner erkennt (15), dass es diverse Entrückungsberichte diverser Autoren gab, die Paulus beim Abfassen seines Textes als Vorlage dienten. So nennt Dr. Bernhard Zürner eines der wichtigsten Kapitel seines Buches (16) »Himmlisches nach Vorlage«. Er kommt zu einem eindeutigen Ergebnis (17): »Da niemand nach Vorlage erleben kann, muß er das Erlebnis nach Vorlage fingiert haben; nicht nur als Entrückter, auch als Entrückungsliterat hat er sich nicht besonders anstrengen müssen.« Dr. Bernhard Zürner hält die »Apokalypse des Paulus« so schreibt er weiter, ebenso für fiktiv.

Unbekannte Verfasser, so Dr. Bernhard Zürner, hätten (18) »Pauli Paradiesentrückung weiter ausgemalt«. Mit anderen Worten: Paulus griff auf Vorlagen zurück, um seinen kurzen Text zu formulieren. Und andere Autoren schmückten den Text des Paulus noch weiter aus und schufen die »Apokalypse des Paulus«.

Foto 6:  Papyrus 46
mit einigen Versen aus dem
2. Korintherbrief. Foto wiki commons,
gemeinfrei
Ich neige auch zu der Annahme, dass Paulus keine »Entrückung« am eigenen Leibe erfahren hat. Es gab aber meiner Überzeugung Jahrtausende zuvor echte Entrückungen, sei es in ferne Länder, sei es in den Himmel. Auf Beschreibungen solcher Ereignisse hat Paulus oder ein unbekannter Verfasser zurück gegriffen. Darauf weist auch hin, dass im 2. Korintherbrief die Beschreibung der Entrückung in der dritten Person erfolgt, während im restlichen Text der Verfasser in der ersten Person schreibt.
Ich glaube nicht, dass Paulus aus übertriebener Bescheidenheit ein eigenes Erlebnis einem Namenlosen zuschreibt. Paulus trat ja auch sonst nicht gerade bescheiden auf, sondern hat gern seine große Bedeutung für die junge Christenheit unterstrichen.

Dr. Bernhard Zürner konstatiert (19): »Das heidnische Muster, das er benutzte und recht genau einhielt, brauchte er nur … abzuändern.« Paulus (oder sein »Ghostwriter«) hat, davon bin ich überzeugt, sehr viel ältere Texte gekannt und deren Muster strikt folgend seinen »Entrückungsbericht« verfasst. Im Gegensatz zu Dr. Zürner, den ich menschlich wie fachlich sehr schätze, glaube ich, dass der fiktiven Entrückung des Paulus sehr viel ältere reale Begebenheiten zugrunde liegen, die wirklich physisch erfolgt sind.


Foto 7: Auch Paulus wurde »entrückt«
(Illustration aus einer Bibelhandschrift um 850 n.Chr.)
Farblich verändert/ Collage/ Montage
Fußnoten
(1) Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: »Bibel der Häretiker/ Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi«, Stuttgart 1997, Seite 285, »Das Seelengericht«
(2) Ebenda, Seite 285, 26.-29. Zeile von oben
(3) 4. Buch Esra Kapitel 7, Verse 75-101
(4) Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: »Bibel der Häretiker/ Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi«, Stuttgart 1997, Seite 286, 1.-5. Zeile von oben
(5) Ebenda, Seite 286, 7., 9. Und 10. Zeile von oben
(6) Philonenko-Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982
Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 13-39
(7) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Ebenda, Seite 20, 10. Kapitel,1+2
(8) Ebenda, Seite 21, X, 5
(9) Ebenda, Seite 25, XV 1, 4 und 5
(10) Ebenda, Seite 25, XV, 6
(11) Lüdemann, Gerd und Janßen, Martina: »Bibel der Häretiker/ Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi«, Stuttgart 1997, Seite 286, 17. Zeile von oben
(12) Ebenda, Site 287, 8.-1 Zeile von oben
(13) Zürner, Dr. Bernhard: »Die Pauluslegende/ Hundert Enthüllungen«, Ulm ohne Jahresangabe
Zürner, Bernhard: »Paulus ohne Gott«, Bonn 1996
(14) 2. Korintherbrief Kapitel 12, Verse 1-6
(15) Zürner, Dr. Bernhard: »Die Pauluslegende/ Hundert Enthüllungen«, Ulm ohne Jahresangabe
(16) Ebenda, »Himmlisches nach Vorlage«, Seiten 93-102
(17) Ebenda, Seite 97, 11.-8. Zeile von unten
(18) Ebenda, 4. Und 3. Zeile von unten
(19) Ebenda, Seite 101, 15.-13. Zeile von unten

Zu den Fotos
Fotos 1,3 und 4: Apostel Paulus war über Jahrhunderte hinweg ein beliebtes Motiv vieler Ikonen. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Auch Paulus wurde »entrückt« (Illustration aus einer Bibelhandschrift  um 850 n.Chr., künstlerisch umgestaltete Collage). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Buchcover von Dr. Zürners wichtigem Buch. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 6:   Papyrus 46 mit einigen Versen aus dem 2. Korintherbrief. Foto wiki commons, gemeinfrei
Foto 7: Auch Paulus wurde »entrückt« (Illustration aus einer Bibelhandschrift um 850 n.Chr.) Farblich verändert/ Collage/ Montage


555. »Der Kardinal, der Biologe und der liebe Gott«,
Teil 555 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 06. September 2020



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