Sonntag, 14. März 2010

Hauke- Text von Helga König

Vergangenen Mittwoch berichtete mir eine Freundin,  dass  sie das Wochenende in Berlin verbringen wird. Dort lebt ihre Tochter. Sie fragte mich, wann ich das letzte Mal in Berlin gewesen sei. Ich antwortete wahrheitsgemäß im Herbst 1970. Damals war ich noch ein halbes Kind, eine Schülerin auf Klassenfahrt und verliebte mich unsterblich in den schönen Hauke, einen Schüler aus Husum, der ebenfalls auf Klassenfahrt war.

Wieder zuhause angelangt, erhielt ich am 6.10.1970 folgenden Brief, den ich im Original hier einstelle, wie auch einen weiteren Brief, den seine Mutter am 24.1.1977 schrieb. Beide Menschen leben nicht mehr, insofern sehe ich kein Problem darin, die Briefe zu veröffentlichen.

Mittwoch, den 6.10.1970
Liebe Helga,
Ich habe Dir versprochen, zu schreiben und nun bin ich auch so einigermaßen nüchtern und ausgeschlafen und dazu fähig.
Leider komme ich mir etwas hilflos vor, denn  wir kennen uns erst seit ein paar Tagen und ich weiß nicht, wie ich zu einer solchen Freundschaft stehen soll. Einerseits bedeutest Du mir, trotz der kurzen Zeit, übermäßig viel, doch andererseits weiß ich auch, dass es sehr schwer sein wird, unsere Freundschaft ein bisschen aufrecht zu erhalten. Es ist zwar ein Trost, dass Du zu Ostern nach Rendsburg kommst, aber wenn ich daran denke, welche Zeitspanne zwischen dem heutigen Tage und Ostern liegt, wird mir doch ein wenig anders.
Es war ein fürchterliches Gefühl für mich, als ich Euren Bus am Sonnabend wegfahren sah. Ich konnte und kann es heute noch nicht begreifen, dass die Zeit schon zu Ende sein soll.
Hoffentlich können wir uns recht bald wiedersehen, denn Du bedeutest mir sehr viel. Ich werde wahrscheinlich sehr lange an Dich denken, aber bitte versuche Du die Zeit in Berlin zu vergessen. Ich möchte nicht gerne, dass Du genau so unter  dieser Trennung leidest wie ich, zumal Du es gar nicht nötig hast, denn Du siehst wunderschön aus und soweit ich es beurteilen kann, hast Du auch einen guten Charakter und wirst sofort einen neuen Freund finden.
Liebe Helga, wir haben uns sehr flüchtig kennengelernt. Damit Du nicht ein einseitiges Bild von mir bekommst, zähle ich Dir einige Charaktereigenschaften auf. Dergleichen könntest Du übrigens von Dir tun.
Also, ich kann ziemlich aggressiv werden und bin allerdings , wie die meisten Menschen ein Egoist.Ich versuche mich in vielen Dingen von anderen abzusondern. Das soll nicht heißen, dass ich das gesellschaftliche Leben verabscheue, aber ab und zu brauche ich  einfach meine Ruhe. Dazu kommt auch noch, dass ich ziemlich sensibel bin. Ich hoffe, Du hast nun kein zu schlechtes Bild von mir bekommen.
Abschließend kann ich nur noch sagen, dass ich Dich sehr lieb habe, obwohl wir uns nicht lange kennen.
Viele liebe Grüße Dein Hauke

Als ich von dieser Klassenfahrt zurückkam, hatte ich einen schweren Verkehrsunfall in Darmstadt, wo mich mein Vater mit dem Auto vom Bus abholte. Ich hatte Glück, dass ich überlebte.  Ein betrunkener Amerikaner verursachte schuldhaft diesen Crash. Während des Aufpralls sah ich, wie in Trance, Hauke bei einem ähnlichen Verkehrsunfall sterben.  Ich war wochenlang krank, erhielt obigen Brief, war  aber unfähig ihn zu beantworten.  Vergessen konnte ich Hauke allerdings nicht. Er lebte in meinem Herzen weiter.


7 Jahre später, ich studierte bereits, schrieb ich Hauke eine Antwort auf seine Zeilen und erhielt wenige Tage danach folgenden Brief:


24.1.1977
Liebes Fräulein Löffler,
wenn meine Hand beim Schreiben zittert und wenn eine Träne übers Papier rollt, wenn Sie meinen Brief gelesen haben, werden sie wissen warum.
Genau am Heiligen Abend kam der Brief hier an und ich glaubte an einen Spuck. Ich glaubte alle Welt wisse um unser schweres Schicksal und ich glaubte, ich hätte es in die ganze Welt geschrien: unser Hauke ist tot.
Und sie haben es doch nicht alle gehört. Ich habe geschrien und gerufen, bis man mir sagte, es sei sinnlos, er komme nie wieder. Doch in mir stirbt er nie und wenn ich am Wochenende Blumen an sein Grab bringe, dann sehe ich ihn und jedesmal   nimmt er ein Stück von mir zu sich.
Ich kann mich erinnern, wie Hauke aus Berlin zurück kam, hatte er von Ihnen erzählt. Er hat mir auch ein Bild gezeigt. Er war ein so fleißiger Junge und alles lief in seinem Leben so planmäßig. Nach seinem Fachabitur machte er sein Praktikum und dann fuhr er ein Jahr auf See. Von England bis ich weiß nicht, wohin überall.
Dann war er einige Tage zu Hause und begann  sein Studium auf der Ingenieur- Schule in Flensburg. Mit 21 Jahren wäre er fertiger Ingenieur gewesen, wenn der 2.11.1973 nicht gewesen wäre. Da verunglückte er.
Unser Hauke war uns genommen. Die Ursache wissen wir nicht, doch die Polizei glaubt, er sei eingeschlafen. In jeder freien Minute hat er gearbeitet- müde war er nie. Und doch sollte das sein Verhängnis werden.
Nun ist meine Kraft wieder zu Ende. Doch ich wollte es Ihnen schreiben.
Ihre Frau P.

Nach Berlin bin ich nie mehr gefahren. Die Stadt will ich stets so in Erinnerungen bewahren, wie ich sie gemeinsam mit Hauke erlebte.

Samstag, 13. März 2010

Samstagsrezension Helga König : "Fluffige und andere Zeiten" G.C.Roth

"... und meine Freiheit ist nur so groß, wie der Schmerz, den ich ertragen kann.!"

G.C.Roth wartet in "Fluffige und andere Zeiten" mit heiteren, skurrilen und besinnlichen Kurzgeschichten, Fabeln und Gedichten auf. Ihre Kurzgeschichten zeigen, dass die Autorin ihre Umwelt mit ironischem Blick beobachtet. Sie ist keine Zynikerin, sondern eine Frau, die amüsiert, allerdings ohne gehässigen Unterton über die Absonderlichkeiten ihrer Mitmenschen schreibt.

Besonders gut hat mir die Kurzgeschichte mit der Überschrift "Herr Wichtig" gefallen. Personen, wie die hier beschriebene gibt es überall, wie Roth und ihre Leser natürlich wissen : "In Ihrer Straße wohnt einer,in der Schule unterrichtet er eines Ihrer Kinder, beim Finanzamt bearbeitet er Ihre Unterlagen, er sitzt im Bus und wo immer man sich denken mag - Herr Wichtig ist schon da. Mit dieser nervtötenden Tatsache haben wir uns alle irgendwie arrangiert, und nehmen sie mehr oder weniger wichtig. Doch es gibt einen Lebensbereich, in dem uns Herr Wichtig ganz besonders zu Leibe rückt. Er taucht eines Tages, keiner weiß wieso, in der Firma auf, in der sie seit vielen Jahren mit ihren hart arbeitenden Kollegen ein supergutes, durchschnittliches Arbeitsklima entwickelt haben..."

Roth beschreibt den Typus des Wichtigtuers sehr gut, der in vielem dem Typus des Besserwissers gleicht. Gespeist wird ein solches Verhalten durch ein überbordendes Ego. Die Autorin zieht die richtigen Schlüsse, wie man mit solch einem Menschen am besten umgeht. Wichtigtuer sind durch ihr Ego so verblendet, dass ihnen Selbstreflektion unmöglich ist. Deshalb sollte man sein eigenes Verhalten zu diesen Personen ändern, sie am besten links liegen lassen oder so vorgehen, wie die Autorin es in ihrer Geschichte zeigt.

Die beiden Fabeln lassen erkennen, dass Roth ein nachdenklicher, sehr feinfühliger Mensch ist. Dies wird auch in manchem ihrer Gedichte deutlich, besonders dann, wenn sie Verse nicht in Reime presst, sondern ihren Gedanken frei fließen lässt.

Ich erlaube mir ihr m.E. schönstes Gedicht an dieser Stelle vorzustellen:
Freiheit

Du sagst ich bin stark,
und wünschst Dir es auch zu sein.
Du sagst , ich bin unabhängig,
und wünschst Dir es auch zu sein.
Du sagst, du liebst die Art wie ich lebe,
und wünschst Dir zu leben wie ich.
Du sagst, du liebst mein Lachen
und willst immer mit mir lachen.
Täusche Dich nicht lieber Freund,
Mein Boot treibt auf einem Meer
von Tränen
und meine Freiheit ist nur so groß,
wie mein Schmerz,
den ich ertragen kann.

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