Sonntag, 23. November 2014

253 »Noch mehr Saurier«

»Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 2«
Teil 253 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick vom hohen Turm des Münsters auf das Münster.

Ein Buch lesen kann heute fast jeder. Gewiss, der Anteil der Analphabeten ist für unser Bildungssystem nicht gerade ein Kompliment. So stellte die Universität Hamburg 2011 fest, dass zwei Millionen Erwachsene in Deutschland »totale Analphabeten« waren, also rund vier Prozent der Bevölkerung. 1992 monierte das  »Institute of Literacy«, dass jeder vierte US-Bürger so gut wie nicht lesen und schreiben konnte. Vor rund einem halben Jahrtausend waren die Lesekundigen in Deutschland eine kleine Minderheit. Luthers Bibelübersetzung erreichte auch trotz des noch jungen Buchdrucks nur eine kleine Zahl von Menschen.

Vor 500 oder gar 700 Jahren war ein Buch nicht Symbol für allgemein zugängliches Wissen, sondern – ganz im Gegenteil – für verborgene Kenntnisse, die nur Wenigen zugänglich waren. Bildliche Darstellungen wie etwa in der evangelisch-reformierten Kirche zu Sonneborn aus dem 16. Jahrhundert sollten den leseunkundigen Menschen Geschichten »erzählen«, die sie als geschriebene Worte nicht lesen konnten.

Wenn in Kirchen und Domen, Kapellen und Kathedralen Gemälde, Reliefs und Statuetten Geschichten vermitteln sollten, wieso wurden dann im Münster zu Hameln erstaunliche Bildnisse als Kapitelle in rund zehn Meter Höhe angebracht, die man als Besucher kaum erkennen kann? Und welche Botschaften sollen uns diese eigenartigen Kunstwerke vermitteln, die der heutige Besucher kaum zur Kenntnis nimmt?

Foto 2: Das Geheimnis des Buchs. Foto Walter-Jörg Langbein

Ein wiederkehrendes Motiv im steinernen »Bilderbuch« der Kapitelle im Münster zu Hameln ist eine Person, die ein Buch in den Händen hält. Der Mensch liest aber nicht im Buch, sondern hält es imaginären Betrachtern geöffnet hin. Der Mensch – ob Mann oder Frau ist nicht genau zu erkennen – bietet uns Wissen an. Welches Wissen? Man darf vermuten, dass dieses Wissen in den Figürchen der Kapitelle zu finden ist.

In zwei miteinander kämpfenden Langhalswesen, verewigt im steinernen »Buch« der Kapitelle im Münster zu Hameln erkenne ich zwei Saurier, genannt »Brachiosaurus altithorax«. Sehr große Ähnlichkeit besteht auch mit Diplodocus-Sauriern.  Es ist mehr als geheimnisvoll, wie der Künstler, der die Reliefs der Kapitelle Brachiosaurus- oder Diplodocus-Saurier so naturgetreu darstellen konnte. Selbst wenn dem Künstler womöglich Saurierknochen bekannt waren, so konnte zur Entstehungszeit der Kapitelle (also im frühen dreizehnten Jahrhundert!) niemand wissen wie so ein »Drachen« vor 60 oder 70 Millionen Jahren ausgesehen hat. Rekonstruktionen von Saurier-Skeletten  wurden damals nicht vorgenommen. Ausgeschlossen ist, dass im frühen dreizehnten Jahrhundert irgendwo auf der Welt noch lebende Saurier existierten, die dem Künstler als Vorlage hätten können.

Fotos 3 und 4: Saurier im Vergleich...

Mehrere Tage hielt ich mich insgesamt im Münster zu Hameln auf und studierte ausgiebigst die  Säulenkapitelle, zunächst mit bloßem Auge, dann durch das 400-Millimeter-Teleobjektiv meiner Nikon D3300. Ich fühlte mich immer wieder in ein wahres Horrorkabinett versetzt, und das in einem der schönsten Gotteshäuser, die ich je besucht habe. Da tauchen plötzlich seltsame Ornamente auf, sorgsam in den Stein geritzt und skulpturiert. Bei näherem Betrachten »verwandeln« sie sich aber scheinbar (oder anscheinend?) in seltsames, geheimnisvolles Blattwerk. Gab es je solche Pflanzen? Konzentriert man sich aber auf einige dieser Pflanzen, so sind plötzlich deutlich Gesichtszüge fantastischer Monster auszumachen, mit Augen, Ohren, Stirn, weit aufgerissenen Mäulern.

Als Fabelwesen und reine Fantasiegebilde tut sie ab, wer nach dem Motto urteilt, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Sobald man aber auch das scheinbar Fantastische als möglich ansieht, entdeckt man tatsächlich ein Panoptikum des Schreckens in der Münster-Kirche zu Hameln, hoch oben an den Säulen-Kapitellen verewigt: Saurier und andere Monster! Und manchmal verwandeln sich zunächst scheinbar harmlose Bilder in furchteinflößende.

Ganz besonders raffiniert sind einige Darstellungen, die man nur von ganz bestimmten Punkten in der Kirche in ihrer Gesamtheit erkennen kann. Da sieht man in einem Fall zunächst ein niedliches »Kätzchen«. Der aufgerichtete Schwanz ist zu erkennen. Auch die kleinen Öhren meint man ganz klar ausmachen zu können. Tritt man aber einen Schritt zur Seite. Dann verwandelt sich das Bild vollkommen, wenn man es in seiner Ganzheit betrachtet.

Fotos 5 und 6: Links die »Katze«, rechts Tyrannosaurus Rex und Beutetier...

Da taucht plötzlich ein furchteinflößendes Monster auf. Es steht, aufgerichtet, auf seinen mächtigen Hinterbeinen. Der Leib passt zu den Hinterpranken, auf denen das Tier steht. Ganz und gar nicht scheinen die Ärmchen des Tieres im Einklang zum gesamten Körper zu stehen. Der Kopf des Tieres verschmilzt mit dem Kopf des »Kätzchens«. Wir erkennen jetzt allerdings nicht mehr, um was für ein Wesen oder Tier es sich bei dem »Kätzchen« handelt. Auf alle Fälle ist das kleinere Wesen das Opfer des großen, das dem kleinen offenbar in den Kopf beißt.

Versuchen wir unvoreingenommen zu sein. Stellen wir uns eine Filmszene vor. Ein großes Tier kämpft gegen ein kleineres, ja das große Tier ist dabei, das kleinere zu verschlingen. Das große Tier hat lange kräftige Hinterbeine, auf denen es aufgerichtet steht. Völlig unpassend zu diesen Hinterbeinen sind die kleinen, kurzen Ärmchen. Um was für ein Tier könnte es sich handeln? Wenn Sie sich je etwas näher mit Sauriern beschäftigt haben oder zumindest einen Teil aus der Filmreihe »Jurassic Park« kennen, werden Sie an einen besonders monströsen Saurier denken: an Tyrannosaurus Rex. Dessen Merkmale sind: Mächtige Hinterbeine mit kraftvollen Pranken, dazu im Verhältnis scheinbar unpassend kleine Ärmchen, halbaufrechter oder aufrechter Gang… Und genau diese Merkmale hat auch das Tier auf dem Säulenkapitell in der Münsterkirche zu Hameln aufzuweisen!

Foto 7: Tyrannosaurus Rex beißt zu... in der Kirche...

Betrachten Sie bitte noch einmal das Wesen aus dem »Panoptikum« der Hamelner Münster-Kirche.

Mit ein wenig Fantasie erkennen Sie zusätzlich zu den schmächtigen Vorderbeinen (Ärmchen) und den kräftigen Hinterbeinen den langen Schwanz des »Tyrannosaurus Rex« in Stein. Oder nicht? Wenn Sie voreingenommen sind, wenn Sie davon ausgehen, dass kein Mensch vor 700 Jahren wissen konnte, wie ein Tyrannosaurus ausgesehen hat, ist der Sachverhalt klar. Dann kann es auf der Darstellung auf einem Säulenkapitell in der Klosterkirche zu Hameln keine Darstellung eines Sauriers gegeben haben. Und dann sehen Sie natürlich kein solches Tier, das nach Schulwissenschaft vor 60 oder 70 Millionen Jahren ausgestorben ist. Wenn aber diese Grundannahme falsch ist? Wenn es eine Zeit gegeben haben sollte, in der es Menschen und Saurier als Zeitgenossen gegeben hat?

Foto 8: »Mysteries«
Der Schweizer Journalist und Buchautor Luc Bürgin gibt das Fachmagazin »mysteries« heraus. In der September/ Oktober-Ausgabe 2014 erschien ein Artikel (1), von Luc Bürgin selbst verfasst. Wie so oft publiziert Bürgin eine Vielzahl von Informationen, die der bisher gültigen Lehre der Schulwissenschaftler radikal widersprechen. In der Schulwissenschaft gibt es keinen Platz für Menschen und Dinosaurier als Zeitgenossen. Auf fünf durchweg mit Farbfotos illustrierten Seiten prasseln Informationen auf Leserinnen und Leser herab, die die immer noch als allgemeingültig angesehene Lehrmeinung als falsch erkennen lassen können.

Bürgin schreibt (2): »Verzweifelt attackieren kleinwüchsige Afrikaner monströse Riesenkreaturen, die verdächtig an Dinosaurier erinnern. Dies nicht in irgendwelchen Fantasyfilmen – sondern auf altrömischen Mosaiken! Ähnlich paradoxe historische Darstellungen finden sich in Thailand, Kambodscha, England und nun auch in Peru, wie soeben bekannt wurde. Existieren Menschen und Riesenechsen in grauer Vorzeit doch gemeinsam?«

Besonders faszinierend finde ich die Entdeckung einer »Dinosauriermalerei«, die der Kanadier Vance Nelson mit seinem Team kürzlich in Nordperu, am Rand des Amazonas-Regenwalds filmen konnte. Da sieht man die stilisierte, korrekte Wiedergabe eines Dinosauriers, der von neun winzigen Jägern oder Kriegern umstellt ist. Die im Verhältnis zum Saurier winzig wirkenden Menschen sind mit Speeren bewaffnet und wollen offensichtlich den Saurier erlegen. Der Forscher bestätigte »mysteries«, dass man nicht nur die unmögliche Darstellung gefilmt und fotografiert habe. Es wurden auch »Pigmente der Felszeichnungen« von einem wissenschaftlichen Institut datiert. Eindeutiges Ergebnis: Die Darstellung des Sauriers mit den neun bewaffneten Jägern ist drei Jahrtausende alt.

Foto 9: Kämpfende Monster, ein Buch bietet Geheimnisvolles....

Kehren wir noch einmal in die Münster-Kirche zu Hameln zurück. Direkt neben der beschriebenen und im Bild vorgestellten Darstellung des »Tyrannosaurus« im Kampf mit seinem Beutetier (Pfeil) befindet sich ein menschliches Wesen, das uns Betrachtern ein geöffnetes Buch entgegenstreckt (zwei Pfeile). Man kann diese Kombination wie folgt interpretieren: Der Du diese Bildnisse betrachtest, ich offenbare Dir ein Geheimnis. Das Geheimnis von furchteinflößenden Monstern, die gegeneinander kämpften.

Das Geheimnis von Sauriern, die vor rund 700 Jahren von unbekannten Künstlern in den Stein gemeißelt wurden, der noch heute im Münster zu Hameln besichtigt werden kann?

Zu den Fotos: Alles Fotos - falls nicht anders angegeben - Walter-Jörg Langbein

Fotos 1, 2, 3, 5, 6, 7 und 9 - Walter-Jörg Langbein

Fotos 3 und 4: 
Foto 3 - Walter-Jörg Langbein
Foto 4 -  wiki-commons - Dmitry Bogdanov

Fußnoten

1) »mysteries«, Erscheinungsort Basel, Ausgabe September/ Oktober 2014, S. 56-60: »Lebten Dinos und Menschen zusammen?«, Verfasser lb., Luc Bürgin
2) ebenda, S. 56
3) ebenda, S.60

»Ein Menschenfresser und Maria...
Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 3«
Teil 254 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 30.11.2014


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Sonntag, 16. November 2014

252 »Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche«

Teil 252 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Das Münster zu Hameln birgt manches Geheimnis.
Foto W-J.Langbein

Einst gab es ein Kloster in der »Rattenfängerstadt« Hameln. Die Klosterkirche fand Eingang in das Wappen der Stadt. Einst war die Klosterkirche eine romanische Basilika. Anno 1209 brach ein Feuer aus, das Gotteshaus wandelte sich zur gotischen Hallenkirche. 1450 wurde die Westvorhalle zum Turm aufgestockt. Anno 1564 wurde das Innere der Kirche umgestaltet, alles Bunte wurde weiß übertüncht, die alten Wandmalereien verschwanden.

Ende des 18. Jahrhunderts drohte der Einsturz. Der Besuch der Kirche wurde für Gemeinde und Geistlichkeit zu gefährlich. Die einstige Klosterkirche, das Münster zu Hameln, verfiel langsam. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts nutzten Napoleons Truppen den bedrohlichen Bau als Stall und Materiallager.

Die Münsterkirche drohte einzustürzen. Foto W-J.Langbein

1870 bis 1875 wurden massive Renovierungsarbeiten durchgeführt, Mitte der 1950er Jahre kam es zu massiven Sanierungsarbeiten. Die Münsterkirche war gerettet. In der Krypta gruben Archäologen und entdeckten Skelette. Die Gebeine der Stiftsherrn wurden umgebettet und fanden auf dem städtischen Friedhof ihre – vorerst? – letzte Ruhestätte. Ein Hamelner »Medium« teilte mir Ende August 2014 zu nächtlicher Stunde mit, es geben einen »Fluch« der Stiftsherrn. 

Die vornehmen Toten seien mehr als nur erbost über die Störung ihres Totenschlafs. »Sie wurden unter der Klosterkirche in der Krypta bestattet. Dort wollten sie am ›Jüngsten Tag‹ wieder auferstehen und am ersten Gottesdienst nach der Apokalypse im mächtigen Hamelner Gotteshaus teilnehmen.«, teilte mir das »Medium« mit. »Einige der Totengeister versuchen seither…«, so das Medium weiter, »in die Krypta zurückzukehren.« Mit der Umwandlung der Krypta in einen weiteren Raum für Gottesdienste seien die Geister der Stiftsherrn gar nicht einverstanden.«

Mir ist indes kein Hinweis auf Spukerscheinungen in der Krypta bekannt. Ganz im Gegenteil! Die Krypta ist ein besinnlicher Ort und lädt zum Verweilen ein. Pilger wie »normale« Gottesdienstbesucher schätzen die Stille in der Hektik der Stadt. So mancher Gläubige verweilt hier unter der Münsterkirche in stillem Gebet.

Mysteriöse Gestalt am Münster. Fotos W-J.Langbein

Bei meinem Besuch Anfang August 2014 umrundete ich die Münsterkirche, wie immer mit zwei Fotoapparaten  ausgerüstet. Ein kleines Stück Straße an der Kirche ist kürzlich geteert worden, die Pflastersteine sind verschwunden. Die Aufregung ob dieses Eingriffs in das historische Bild war zunächst recht groß, legte sich aber rasch. Beim modernen »Kriegerdenkmal« an der Kirche entdeckte ich eine steinerne Figur an der Außenwand des Gotteshauses. Die Statuette hat schon sehr arg unter dem nagenden Zahn der Zeit gelitten. Sie wirkt uralt, so verwachsen sind die Konturen der steinernen Figur. Trotz intensivster Recherche konnte ich nicht in Erfahrung bringen, wen dieses sakrale Kunstwerk darstellen soll. Auch die Geistlichkeit konnte meine Fragen nicht beantworten.

Die mysteriöse Gestalt mit seltsam unnatürlich großem Kopf ist Teil eines steinernen Pfeilers, der sehr viel älter das das Mauerwerk dahinter zu sein scheint. Sollte es sich um eine Mariengestalt handeln, deren Kopf eine mächtige Krone zierte, die im Lauf der Jahrhunderte von den Witterungseinflüssen weitestgehend wieder zum Verschwinden gebracht wurde? Oder handelt es sich um eine weibliche Heilige aus dem Kloster? Überdauerte nur sie die Zeit, während die Klostergebäude längst verschwunden sind (von der Klosterkirche selbst abgesehen)? Besonders in den frühen Zeiten der Reformation ging’s manchmal recht heftig zu. Heiligenbilder wurden aus den katholischen Gotteshäusern verbannt, manchmal zerstört, herrliche Wandmalereien wurden bewusst beschädigt, zerstört oder nur mit einer dicken Schicht Tünche überzogen. Die Figur wirkt fremdartig, fast unheimlich. Im Kirchenführer wird sie nicht erwähnt. Von Besuchern, die meist sowieso gleich den Eingang auf der anderen Seite benützen, wird sie faktisch nie beachtet.

Die Mondmadonna. Foto W-J.Langbein

Sie könnte – ich spekuliere – einst auch eine Isis gewesen sein, eine ägyptische Göttin der Geburt, des Todes und der Wiedergeburt. An eine Isis erinnert auch in verblüffender Weise das »Madonnenrelief« an der Ostwand des nordöstlichen Seitenschiffs. Was wir als Maria mit Jesusknaben sehen, hätte ein Ägypter vor Jahrtausenden als Göttin Isis mit dem Horusknaben identifiziert. 

Die Göttin Isis wurde spätestens von den Griechen mit dem Mond gleichgesetzt. Auch Maria wird häufig mit dem Mond in Verbindung gebracht. Auf zahllosen Darstellungen steht sie auf der Mondsichel. Die Mond-Madonna von Hameln, im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts entstanden, hat einen Vollmond unter den Füßen. In der Johannes-Apokalypse taucht eine ähnliche Gestalt auf (1):

»Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.« Sollte die ägyptische Isis, Göttin von Tod und Leben, Vorbild für das apokalyptische Weib (Theologensprache) gewesen sein? Spiegelt sich in der Mond-Madonna von Hameln die ägyptische Isis wieder?

Heute beeindruckt uns die farbliche Schlichtheit der Mond-Madonna. Einst aber, das beweisen eindeutig winzige Farbreste, war das Relief sehr bunt, ja grell. Die Madonna, ihre Krone, die Engel mit ihren Musikinstrumenten und der Mond unter den Füßen der himmlischen Gestalt strahlten vor allem in Gold. Ein kleiner Teil des Madonnenreliefs wurde farblich rekonstruiert. Im Original ähnelte es also ägyptischer Sakralkunst in einstiger Farbenpracht noch mehr als heute.

Einst war die Mondmadonna sehr bunt. Foto W-J.Langbein

Was wohl die meisten Besucher der Münsterkirche heute übersehen, das sind kunstvoll gearbeitete Miniaturen aus Stein. Entstanden sind die mysteriösen Kunstwerke vermutlich in der Amtszeit des Propstes Friedrich Graf von Everstein (verstorben 1261). Sie werden für gewöhnlich in die Zeit um 1220 oder 1230 n.Chr. datiert. Die bemerkenswerten teils reliefartigen, teils plastisch vorragenden Darstellungen befinden sich in gut zehn Metern Höhe, meist im Halbdunkel. Da und dort sind zwar kleine Scheinwerfer angebracht, die freilich bei allen meinen Besuchen ausgeschaltet waren. 

Der Mond unter den Füßen der Madonna. Foto W-J.Langbein

Ich habe Besucher des Münsters zu Hameln erlebt, denen wenige Minuten Besuchszeit genügten. Sie hasteten durch die Hochzeitstür ins Innere des Gotteshauses, zückten die Digicams und knipsten. Schon strebten sie wieder dem Ausgang zu. Andere wiederum nahmen sich mehr Zeit, nahmen sogar die Mond-Madonna ins Visier und hasteten in die Krypta. Ihnen allen entging die mysteriöse Welt hoch oben über ihren Köpfen. Mit wechselndem Licht verändern sich die Einzelbilder im Panoptikum aus Stein, Licht und Schatten. Es empfiehlt sich, ausreichend Zeit – Stunden, nicht Minuten – aufzubringen, um in diese fremdartige Welt einzutauchen, die man so gar nicht in einem christlichen Gotteshaus erwarten würde.

Da tauchen menschliche Gesichter auf, aber auch Fratzen. Da erscheinen pflanzliche, wuchernde Gebilde, die sich  bei aufmerksamer Beobachtung in Gesichter zu verwandeln schein.. von Fabelwesen, Monstern, Tieren oder Menschen. Die Darstellungen zu erfassen wird dadurch erschwert, dass sie sehr häufig über Eck hoch oben an den Pfeilern angebracht sind. Man muss sich – nicht zu Zeiten von Gottesdiensten natürlich – in der Halle des Münsters hin und her bewegen, bis man einen Punkt  erreicht hat, von dem man aus eine der erschrecken Bildnisse im Ganzen sehen kann.

Zwei Langhalswesen im Münster. Foto W-J.Langbein

Da gibt es zum Beispiel zwei Vierfüßler, ausgestattet mit mächtigen Pranken. Die beiden Kolosse sind einander zugewandt, sie kämpfen offenbar miteinander. Ihre unnatürlich langen Hälse sind ineinander verschlungen. Die Tiere befinden sich offenbar in einem Kampf auf Leben und Tod. Spontan muss ich beim Anblick dieser drachenartigen Wesen an Saurier der Art Brachiosaurus denken. Vierundzwanzig Meter lang und 80 Tonnen schwer wurden diese Urtiere. Oder an zwei Exemplare des pflanzenfressenden Diplodocus, 27 Meter lang und elf Tonnen schwer. Brachiosaurus und Diplodocus hatten ausgeprägte, lange Hälse und ebenso lange Schwänze. Sollte es sich bei den Langhalswesen vom Hamelner Münster also um Saurier handeln? Diplodocus wie Brachiosaurus lebten aber in der späten Kreidezeit, also vor rund 70 Millionen Jahren. Wie sollten dann die Künstler, die die Langhalswesen im Münster zu Hameln in den Stein meißelten, gewusst haben, wie solche Urwesen ausgesehen haben? Über das Aussehen von Sauriern war im frühen dreizehnten Jahrhundert in Deutschland nichts bekannt.

Langhalswesen auf der »Narmer-Platte«. Foto Archiv Langbein

Es wird noch mysteriöser! In Ägypten entstand um 3000 v.Chr. die sogenannte »Narmer-Platte«. Sie zeigt zwei Langhalswesen mit verschlungenen Hälsen. Die beiden Kreaturen müssen sehr groß gewesen sein. Zwei Männer halten sie gefangen. Zwei Saurier, in der Hand von Menschen… das wäre ein Paradoxon erster Güte. Die »Narmer-Platte« besteht aus glatt poliertem Schiefer. Sie misst etwa 64 Zentimeter. Sie befindet sich im »Ägyptischen Museum« zu Kairo.

Aus der gleichen Zeit – 3000 v.Chr. – stammt ein Rollsiegel aus Uruk in Form eines kleinen Zylinders. Rollte man diesen Zylinder über feuchten Ton, entstand das Bild einer Reihe von »Schlangendrachen«  oder »Schlangehalsdrachen«. Diese monströsen Wesen gleichen denen aus Ägypten wie jenen aus dem Münster zu Hameln!

Schlangendrachen.
Foto: Wikimedia Commons/  Marie Lan Nguyen 

Es ist verrückt! Sollten die Steinmetze von Hameln entsprechende Darstellungen von Langhalssauriern in Ägypten oder im einstigen Sumer (heute Südirak) gesehen haben? Stammten die Steinmetze gar aus jenen so fernen Regionen? Und wie konnten Künstler vor rund fünf Jahrtausenden gewusst haben, wie Saurier ausgesehen haben, die vor Zigmillionen Jahren ausgestorben sind?

Fußnoten


1) Apokalypse des Johannes, auch Offenbarung des Johannes genannt, Kapitel 12, Vers 1
2) Siehe auch… Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München 1996

»Noch mehr Saurier«
Teil 253 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 23.11.2014
 



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