Sonntag, 9. August 2015

290 »Die Wahrheit?«

 »Die Wahrheit«,
Teil 290 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Jesus wird verhaftet

Die Frage nach Wahrheit scheint eine einfache zu sein, wenn man nicht theologisch denkt. Vermelden die Evangelien die Wahrheit über Jesu Verhaftung, Prozess, Misshandlung und Hinrichtung Jesu die historische Wahrheit? Hans Conzelmann (1915-1989) verwundert den Laien mit einer befremdlich anmutenden Antwort (1): »Die Frage, ob die Auferstehung Christi ›ein historisches Ereignis‹ sei, ist theologisch abwegig.« Conzelmann, 1954 Extraordinarius an der Uni Zürich, 1956 ordentlicher Professor, von 1960 bis 1978 Inhaber des Lehrstuhls für »Neues Testament« an der Georg-August-Universität Göttingen, schreibt weiter (2): »Die Frage nach der Historizität der Auferstehung muß als irreführend aus der Theologie ausgeschieden werden. Wir haben andere Sorgen.«

Worüber aber macht sich der Theologe Sorgen in Sachen Glauben, wenn die Frage nach der historischen Wahrheit des für das Christentum bedeutsamsten Ereignisses »theologisch abwegig« ist?

Foto 2: Jesus wird vor Kaiphas gezerrt

Erstaunlich ist, wie rapide theologische »Erkenntnisse« über historische Hintergründe wachsen. So stellte Conzelmann 1983 im »Arbeitsbuch zum Neuen Testament« (3) noch lapidar fest: »Der historische Grundbestand der gesamten Passionstradition erweist sich also als relativ schmal: Viel mehr als die Tatsache der Verurteilung und der Kreuzigung läßt sich historisch nicht absichern.« 2004 erschien die 14. Auflage des gleichen Opus, von Andreas Lindemann fortgeführt. Jetzt heißt es: »Der historisch gesicherte Grundbestand der Passionstradition erweist sich als relativ schmal. Unbezweifelbar ist die Tatsache der Verurteilung Jesu, ferner seine Kreuzigung und sein Tod, überaus wahrscheinlich ist die Beisetzung des Verstorbenen durch einen Fremden.«

Weltweit wird in christlichen Predigten die Leidens- und Sterbegeschichte Jesu als historisch gepredigt. Mich hat auf meinen Reisen der naive Glaube an die Wahrheit der biblischen Schriften beeindruckt, im kleinen Kirchlein auf der einsamsten Insel der Welt, der Osterinsel, ebenso wie in der riesigen Basilika der »Jungfrau von Guadalupe« am Stadtrand von Mexico-City in »Villa da Guadalupe«.

Fotos 3 und 4: Jesus wird gedemütigt und gepeinigt

In der kleinen Kirche der Osterinsel erklärte mir der örtliche Geistliche voller Überzeugung: »Die Evangelien vermelden die Wahrheit über Jesu Leben, Wirken, Leiden und Sterben! Der Verlauf der Geschehnisse wird ja auch in außerbiblischen Quellen bestätigt!« Auf meine Frage hin, wo man denn in außerbiblischen Werken etwas über Jesus erfahren könne, wurde prompt und voller Überzeugung beantwortet: »Lesen Sie bei Tacitus nach! Da werden Sie fündig!« Bei Tacitus freilich erfahren wir nur, dass Nero die »Christianer« für den Brand Roms von 64 n.Chr. verantwortlich machte.

Foto 5: Jesus wird gegeißelt

Tacitus erklärt da lediglich, dass der Name »Christianer« auf Christus zurückgehe, der »unter der Herrschaft des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war.« Als weitere Lektüreempfehlung legte mir der Geistliche den Historiker Sueton nahe. Von Sueton erfahren wir aber nur, dass Kaiser Claudius (10 v. Chr. bis 54 n. Chr.) »die Juden, die von Chrestus aufgehetzt, ständig Unruhe stifteten« aus Rom vertrieben hat. Es ist aber fraglich, ob mit »Chrestus« tatsächlich auch Jesus gemeint war. Chrestus könnte sehr wohl ein Jude gewesen sein, der in der ersten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts in Rom agierte und seine Glaubensgenossen gegen die römischen Autoritäten aufhetzte.

Ob denn auch jüdische Historiker Jesus erwähnen, wollte ich von meinem Gesprächspartner wissen. Der Geistliche legte mir Flavius Josephus ans Herz. Flavius Jopsephus allerdings erwähnt  nur einen gewissen Jakobus, der anno 62 (6) mit einigen Gesinnungsgenossen hingerichtet wurde. Und dieser Jakobus sein »ein Bruder Jesu, des sogenannten Christus« gewesen.

Foto 6: »Kreuzigt ihn!«
Schließlich zitierte der belesene Gottesmann noch eine weitere Stelle aus Flavius Josephus (7). Da geht es wiederum um Auseinandersetzungen zwischen Juden und Römern zu Zeiten des Pontius Pilatus. In diesem Zusammenhang wird Jesus in höchsten Tönen gepriesen und die Kreuzigung Jesu erwähnt (8): »Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mensch, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er war nämlich der Vollbringer ganz unglaublicher Taten und Lehrer aller Menschen, die mit Freuden die Wahrheit aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Er war Christus. Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine frühesten Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorherverkündet hatten. Und noch bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort.« Heute gilt allerdings dieser Passus als ein später eingefügter Text aus christlicher Feder, also als ein nicht von Flavius Josephus stammender Einschub (9).

Foto 7: Pilatus gibt nach
Ernst Bammel (1923-1996) wurde anno 1953 Privatdozent an der Universität Erlangen und 1984 Professor an der Universität Münster (»Wissenschaft des Judentums und neutestamentliche Theologie«). Der sympathische Gelehrte war auch im europäischen Ausland tätig. In den neunzenhundertsechziger und neunzehnhundertsiebziger Jahren hat er mehrere Gastprofessuren in Cambridge wahrgenommen. Sehr gern denke ich an mehrere Seminare, die ich bei Professor Bammel besuchte. Wir übersetzten damals Texte der »Qumran-Bibliothek« aus dem Hebräischen ins Deutsche. In kleiner Runde erörterten wir interessante Themen. Intensiv beschäftigten wir uns mit der Frage, ob Jesus in rabbinischen Texten erwähnt wird. Professor Bammel verwies auf einen in rabbinischer Literatur beschriebenen jüdischen Katzer namens »Jeschu«. Besonders konkret wurde der »Babylonische Talmud« (10):

»Am Vorabend des Pesahfestes hängte man Ješu. Vierzig Tage vorher hatte der Herold ausgerufen: Er wird zur Steinigung hinausgeführt, weil er Zauberei getrieben und Jisraél verführt und abtrünnig gemacht hat; wer etwas zu seiner Verteidigung zu sagen hat, der komme und sage es. Da aber nichts zu seiner Verteidigung vorgebracht wurde, so hängte man ihn am Vorabend des Pesahfestes.« Sollte damit wirklich Jesus gemeint sein? Das ist mehr als fraglich. Schließlich wurde Jesus weder gesteinigt, noch gehängt.

Was die »Wahrheit« über Jesu Leben, Wirken, Leiden und Sterben angeht, so ist unklar, ob die rabbinische Literatur überhaupt brauchbare Informationen bietet. Nach Professor Bammel wissen wir nicht, ob mit dem Ketzer Jeschu überhaupt der Jesus des Neuen Testaments gemeint ist. Wir sind bei unserer Wahrheitssuche auf die vier Evangelien angewiesen. Und bieten die uns »die Wahrheit«? So erweckt das Evangelium nach Markus (11) den Eindruck, als ob die Verhandlung gegen Jesus vor dem jüdischen Synedrium unmittelbar nach der Verhaftung in der Nacht stattfand. Das wäre rechtlich nicht möglich gewesen. Erweckt wird auch der Eindruck, als ob Jesu Behauptung »Sohn des Hochgelobten« zu sein nach jüdischer Rechtsprechung damals eine Gotteslästerung gewesen sei und somit als ein Kapitalverbrechen mit der Todesstrafe geahndet werden musste. Auch das ist falsch.

Foto 8: Jesus wird gedemütigt und vorgeführt

Seltsam mutet das Verhör Jesu durch Pilatus an (12). Es ist wohl kaum historische Wahrheit, dass Pilatus Jesus als »König der Juden« titulierte, so wie im Evangelium nach Markus behauptet wird (13): »Pilatus aber antwortete ihnen: Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden losgebe?... Pilatus aber fing wiederum an und sprach zu ihnen: Was wollt ihr denn, dass ich tue mit dem, den ihr den König der Juden nennt?« Diese Worte wurden dem Römer wohl von Anhängern des jungen Christentums in den Mund gelegt.

Wenn Jesus gekreuzigt wurde, dann können das keine noch so mächtigen Juden veranlasst haben, sondern nur Vertreter der römischen Staatsbehörde. Die Kreuzigung war römische, nicht jüdische Hinrichtungsart. Das Todesurteil Kreuzigung muss von der römischen Justiz verhängt und ausgeführt worden sein. Demütigung, Misshandlung und Hinrichtung am Kreuz können also sehr wohl der historischen Wirklichkeit entsprechen. Sollten die Römer als religiös motivierten Aufständischen gesehen haben? Das ist möglich. Fürchteten die Römer eine religiös verbrämte Rebellion der allerdings machtlosen Juden? Wollten sie eine potentielle Gefahr schon im Keim ersticken? Dann machte es aus römischer Sicht Sinn, wenn sie sich über den »Messias« lustig machten und ihn folterten und durch die Straßen Jerusalems zur Hinrichtungsstätte trieben. So sollte den Juden jede Hoffnung auf einen Messias genommen werden, der sie von den Römern befreien würde.

Foto 9: Tod am Kreuz
Außerbiblische Quellen bieten nichts Brauchbares über Jesu Leben und Tod. Die Evangelien weisen den Juden die Schuld am Tode Jesu zu, sprechen die Römer von der Verantwortung frei. So muss Pontius Pilatus dem hasserfüllten Begehren der Juden nachgeben. Warum wird die Tragödie um Jesu Tod so römerfreundlich und vermutlich historisch nicht korrekt dargestellt? Das »Arbeitsbuch zum Neuen Testament« (14) bietet eine plausible Antwort:»Besonders bei Lukas, zumal in dessen Apostelgeschichte, wird deutlich, daß die sich ausbreitende christliche Gemeinde auf eine Duldung durch die römischen Behörden angewiesen ist; dabei geht es offenbar nicht um die Furcht vor römischen Verfolgungen, sondern Lukas will zeigen, daß die christliche Gemeinde für Rom keine Gefährdung darstellt.«

Für mich war die Diskrepanz zwischen gepredigtem Glauben einerseits und »wissenschaftlicher Theologie« andererseits der ausschlaggebende Anlass, mein Studium der evangelischen Theologie abzubrechen.


Fußnoten

(1) Conzelmann, Hans: »Grundriß der Theologie des Neuen Testaments«, Tübingen, 6. Auflage 1979, S. 227, Orthographie wurde unverändert übernommen
(2) ebenda, S. 228, Orthographie wurde unverändert übernommen
(3) Conzelmann, Hans: »Arbeitsbuch zum Neuen Testament«, Tübingen, 7. Verbesserte und ergänzte Auflage, S. 390, Orthographie wurde unverändert übernommen, Orthographie unverändert übernommen
(4) Conzelmann, Hans: »Arbeitsbuch zum Neuen Testament«, Tübingen, 14., durchgesehen Auflage, S. 505, Orthographie wurde unverändert übernommen
(5) Tacitus: »Annalen«, XV 44,2 und folgende
(6) Flavius Josephus, »Jüdische Altertümer«, XX 200
(7) Flavius Josephus, »Jüdische Altertümer«, XVIII.
(8) Theißen, Gerd und Merz, Annette: »Der historische Jesus/ Ein Lehrbuch«, 3 Auflage, Göttingen 2001, S. 75
(9) Siehe hierzu auch… Theißen, Gerd: Der historische Jesus/ Ein Lehrbuch, 3. Auflage, Göttingen 2001
(10) »bSanh43« zitiert nach Theißen/Merz, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch. Göttingen, 3. Auflage 2001, S. 83.
(11) Evangelium nach Markus Kapitel 14, Verse 53, 55-64
(12) Evangelium nach Markus Kapitel 15, Verse 1-20
(13) Evangelium nach Markus Kapitel 15, Verse 9 und 12
(14) Conzelmann, Hans: »Arbeitsbuch zum Neuen Testament«, Tübingen, 14., durchgesehen Auflage, S. 508, Orthographie wurde unverändert übernommen

Alle Fotos: Altar Bad Segeberg - Walter-Jörg Langbein

291 »Mariae Himmelfahrt - Teil 1«,
Teil 291 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.08.2015

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Sonntag, 2. August 2015

289 »Maria Magdalena?«

Teil 289 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Kirchlein von Kirchbrak

Vor rund 900 Jahren wurde das kleine Wehrkirchlein zu Kirchbrak im Weserbergland geweiht. Bis zum heutigen Tag ungeklärt ist das Geheimnis des Altars.

Ein unbekannter Künstler verewigte auf dem geschnitzten und bunt bemalten Abendmahlbild dreizehn Jünger. Dreizehn Menschen scharen sich da um Jesus. Wer aber ist der überzählige, der dreizehnte Jünger? Oder anders gefragt: Wer aus der Schar der Jünger fällt aus dem Rahmen?

Fotos 2 u.3: Abendmahl von Kirchbrak
Die von künstlerischer Hand sorgfältig herausgearbeiteten Teilnehmer am Gedächtnismahl Jesu sind bunt bemalt. Ungewöhnlich für eine solch fromme Darstellung sind zwei Hunde im Vordergrund. Sie tragen goldene Schmuckstücke. Dahinter befindet sich ein relativ kleiner Tisch. Jesus sitzt auf einem goldenen Thron, die rechte Hand zum Friedensgruß erhoben. Es mutet seltsam an, dass er als eigentliche Hauptperson so weit in den Hintergrund gerückt wurde. Um den Tisch haben sich die Jünger Jesu versammelt. Wie auf den Darstellungen von Leonardo da Vinci und von Philippe de Champaigne bilden sie kleine Grüppchen, die miteinander in Gespräche vertieft sind. Jesus wirkt allein gelassen, ja einsam.

Wie viele Personen nehmen am Abendmahl teil? Wir erwarten deren dreizehn: Jesus und seine zwölf Gefährten. Wir zählen und kommen zu einem verblüffenden, unerwarteten Resultat. Haben wir uns vertan? Nochmals lassen wir unseren Blick mit Jesus beginnend von Jünger zu Jünger schweifen. Es gibt keinen Zweifel: Jesus sitzt in Gesellschaft von dreizehn, nicht von zwölf Jüngern. Wer ist der dreizehnte Jünger? Können wir ihn ausfindig machen? Immer wieder fragen wir uns: Gibt es eine Person auf dem Abendmahl-Schnitzbild, die sich von allen übrigen unterscheidet? Studiert man das Altarrelief gründlich, so entdeckt man links hinten eine weibliche Gestalt. Sie gehört in den Kreis der Jünger. Sie ist voll integriert. Sie ist ganz offensichtlich und unbestreitbar in der Gruppe um Jesus eine Gleichberechtigte.

Der Altar von Bad Segeberg »erzählt« uns die Geschichte Jesu vom Judaskuss bis zu einer Vision von Jesus als Weltenrichter in dreizehn Bildern. Bild Nr. 10 beschreibt Gundolf Stracke, Studiendirektor a.D., 2013 im Alter von 83 Jahren verstorben,  sehr detailliert  in einem Manuskript »Der König Christus Altar der Marienkirche zu Bad Segeberg« (1):

Foto 4: Jesus und 10 Jünger
»Jesus mit seinem ›Hirtenstab‹ in seiner Linken und der mit dem Zeichen des Sieges erhobenen Rechten ist mitten unter seine Jünger getreten. Ihnen steht ihre Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben und auch ihre Gesten bringen das zum Ausdruck. Alle 10 Jünger um ihn herum sind in ihrem individuellen Betroffensein gezeichnet.«

Auch bei meinem zweiten Besuch in der Marienkirche zu Bad Segeberg bin ich beim Betrachten des bemalten Schnitzwerks irritiert. Ich zähle die Personen, die um Jesus herum stehen. Es sind definitiv mehr als zehn. Lässt man aber die eher nur angedeuteten außerhalb des direkten Umfelds (in Foto 5 weiß markiert!) von Jesus weg, so sind da wirklich nur zehn Jünger zu sehen. Warum nur zehn? Judas Ischariot konnte nicht zugegen sein, als Jesus nach seiner Auferstehung seine Jünger besuchte. Er hatte sich ja nach dem Bericht des Evangelisten Matthäus (2) erhängt. Seine »Kollegen« Markus, Lukas und Johannes allerdings schweigen über das Ende des Judas.

Nach dem Evangelisten Johannes fehlte Thomas bei der denkwürdigen Begegnung Jesu mit seinen Jüngern (3): »Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.« Streng genommen müssten nach dem zitierten Evangelium nach Johannes elf Jünger anwesend gewesen sein. Johannes betont ja ausdrücklich nur, dass Thomas (»einer der Zwölf«) nicht zur Schar um den Auferstandenen gehörte, von Judas ist keine Rede. Kombiniert man aber die Informationen aus dem Evangelium nach Johannes und aus dem Evangelium nach Matthäus, dann waren es nur zehn Jünger, denen Jesus erschien: Judas war zu diesem Zeitpunkt tot und Zwilling Thomas war nicht präsent.

Interessanter aber ist ein »Jünger« den Gundolf Strache nicht expressis verbis identifiziert. In seinem Manuskript geht er namentlich lediglich auf zwei Jünger ein (4):

Foto 5: Links Petrus, rechts Johannes

»Im Vordergrund sind Petrus (links von Jesus) und Johannes (rechts von ihm) zu erkennen. Jesus selbst, der auch hier die Mitte ist, steht mit geöffnetem Umhang in seiner Auferstehungsfarbe und der Lanzenwunde in der Jüngerrunde.«

Betrachten wir das zehnte Bildfeld des Altars, sehen wir links von Jesus seinen Jünger Petrus mit spärlichem Haarwuchs und Teilglatze. Rechts von Jesus machen wir einen jungen, leicht feminin wirkenden Jünger, aus. Es ist wohl Johannes, der als Jesu besonderer Liebling beschrieben wird. 

Foto 6: Frau mit langen Haaren...

Diagonal aus von Johannes, also oben links außen - Foto 6 - steht eindeutig eine Frau. Sie trägt ihr Haar offen, während die Frau außerhalb der Jüngerrunde - Foto 7 - ein Kopftuch trägt. Sollte die Frau mit dem wallenden Langhaar Maria Magdalena sein?

Foto 7: Frau mit Kopftuch

Ist es wirklich nur ein Zufall, dass die »Jüngerin« im Altarbild von Kirchbrak auch hinten links steht? Betrachten wir noch einmal das Altarbild von Kirchbrak. Jesus und seine männlichen Jünger haben etwas gemeinsam: Sie tragen alle wallende Bärte. Die »Jüngerin« links hinten im Bild ist bartlos.

Foto 8: Lange Ärmel.. kurze Ärmel..
Vergleichen wir noch einmal die Darstellungen der Männer. Sie haben ihre Ärmel zurückgekrempelt, zeigen ihre nackten Arme. (Im Foto gelb markiert!) Nicht so die »Jüngerin« links hinten. Sie hat lange Ärmel! (Im Foto rot markiert!) Offenbar galt es zu Jesu Zeiten als schicklich für eine Frau, ihre Arme zu verhüllen. Wiederholt bekam ich zu hören, dass es sich bei der »Jüngerin« in Wirklichkeit um Jesu Lieblingsjünger Johannes handle, der ja in unzähligen Darstellungen christlicher Kunst als jugendlich, ja feminin dargestellt wurde. Doch die »Jüngerin« kann nicht Jünger Johannes sein. Vom Lieblingsjünger Johannes wissen wir aus dem Evangelium nach Johannes, dass er (5) »auch beim Abendessen an seiner (Jesu) Brust gelegen hatte«. Ich gehe davon aus, dass im Abendmalbild von Kirchbrak Lieblingsjünger Johannes zur rechten Seite von Jesus, direkt neben ihm, sitzt.

Wurde also, so stelle ich zur Diskussion, Maria Magdalena in die Altarbilder von Kirchbrak und von Bad Segeberg geschmuggelt? Wussten die Künstler mehr über die Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena als öffentlich zu bekunden ratsam war?

Eine der zentralen Gestalten im direkten Umfeld Jesu ist Maria Magdalena. Sie war Jesu engste Vertraute. Sie hielt auch dann zu Jesus, als die anderen Jünger ihn verraten und verlassen hatten. Sie nahm ein hohes Risiko für Leib und Leben auf sich, als sie ihre Zugehörigkeit zu Jesus offen zeigte. Sie war eine der wenigen Zeugen von Jesu Leiden am Kreuz, als sich die Herren Jünger mit Ausnahme von Johannes – um ihr Leben bangend – versteckten. Maria Magdalena war als Erste am Grab Jesu und begegnete vor allen anderen Jüngern als Erste dem Auferstandenen. Da wäre es doch mehr als verwunderlich, wäre Maria Magdalena nicht im Kreise der Jünger anzutreffen, als sich der Messias nach der Auferstehung seinen Jüngern zeigte.

Fotos 9 und 10: Maria Magdalena von Kirchbrak?

Zu Beginn des zweiten Kapitels der Apostelgeschichte wird auf ein mysteriöses himmlisches Phänomen hingewiesen: »Ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes erfüllte das ganze Haus«. Und mit diesem Himmelshauch kamen Zungen zerteilt, wie von Feuer«. Der griechische Originaltext der Apostelgeschichte ist in seiner Aussage wesentlich klarer als die meisten Übersetzungen (6): Mit dem vielleicht sogar angsteinflößenden Windesbrausen kamen die Feuerzungen. Jeweils eine davon setzte sich auf jeden der Jünger, der daraufhin vom Heiligen Geist erfüllt wurde und so sprechen konnte, dass ihn jeder verstand.

Die Jünger erhalten also vom Himmel her Autorität zu missionieren. Diese Machtbefugnis wird ihnen ganz offensichtlich vom »Heiligen Geist« übertragen. Somit gab der Himmel seinen Segen zur Ausbreitung des Christentums. Im Gegensatz zum Judentum, das keine Missionierung kennt, machten sich die ersten Christen daran, »die Welt« von der Lehre Jesu zu überzeugen. Somit gehört das Pfingstwunder zu den entscheidendsten »Ereignissen« der rund zwei Jahrtausende umfassenden Kirchengeschichte. So verwundert es nicht, dass die mysteriöse Szene von unzähligen Malern bildlich festgehalten wurde. Eine der berühmtesten Darstellungen ist Gustave Dorés »Die Ausgießung des Heiligen Geistes«, 1865 entstanden. (Foto 11)
    
Foto 11: Dorés Bibelillustration.

Doré zeigt, so wie der unbekannte Schöpfer der rätselhaften Darstellung des »Heiligen Abendmahls« der Kirche von Kirchbrak, dreizehn und nicht zwölf Jünger. Eine der zentralen Gestalten ist...eine Frau, vermutlich Maria Magdalena. Ich wiederhole: Maria Magdalena war Jesu engste Vertraute. Es ist menschlich verständlich, dass Jesu Jünger nach seiner Verhaftung zunächst flohen. Jesus war von Vertretern der römischen Staatsmacht, vermutlich als Rebell, als Aufständischer verhaftet worden und musste mit dem Schlimmsten rechnen. Wer sich als Anhänger Jesu zu erkennen gab, der lief Gefahr ebenfalls verhaftet und verurteilt zu werden!

Es wäre mehr als verwunderlich, wäre Maria Magdalena nicht im Kreise der Jünger anzutreffen, nachdem der Messias gen Himmel aufgefahren war.


Foto 12: Altarbild Kirchbrak



Fußnoten


(1) Strache, Gundolf: »Der König Christus Altar der Marienkirche zu Bad Segeberg«, Manuskript, vermutlich Bad Segeberg, undatiert, Seite 19
(2) Evangelium nach Matthäus Kapitel 27, Verse 3-10
(3) Evangelium nach Johannes Kapitel 20, Vers 24.
(4) Strache, Gundolf: »Der König Christus Altar der Marienkirche zu Bad Segeberg«, Manuskript, vermutlich Bad Segeberg, undatiert, Seite 19
(5) Evangelium nach Johannes, Kapitel 21, Vers 20
(6) Apostelgeschichte des Lukas Kapitel 1,  Verse 3 und 4


Foto 13: Nochmal... Abendmahl von Kirchbrak

Zu den Fotos

Foto 1: Kirchlein von Kirchbrak. Der ursprüngliche Eingang lag höher, musste über eine Leiter erreicht werden. Im Falle eines Angriffs konnten sich die Gläubigen in die Kirche zurückziehen, die Leiter hochziehen und auf das Verschwinden der Angreifer hoffen. Foto Walter-Jörg Langbein

Fotos 2 u.3: Abendmahl von Kirchbrak: Zwei Fotos übereinander. Fotos Walter-Jörg Langbein

Foto 4: Jesus und zehn Jünger. Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 5: Links Petrus, rechts Johannes. Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 6: Frau mit langen Haaren... Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 14: Weihnachten
Foto 7: Frau mit Kopftuch. Diese Frau steht außerhalb, gehört nicht zum Jünger-Kreis. Altar Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Lange Ärmel.. kurze Ärmel.. Altar Kirchbrak. Bitte beachten Sie: Die Frau kinks hinten hat lange Ärmel - im roten Oval. Die Männer haben kurze Ärmel - jeweils im gelben Oval. Foto Walter-Jörg Langbein

Fotos 9 und 10: Maria Magdalena von Kirchbrak? Foto 9, links, Jüngerin mit Jüngern. Foto 10: Jüngerin. Altar Kirchbrak. Fotos Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Dorés Bibelillustration.Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 12: Altarbild Kirchbrak. Welche Geheimnisse mag das Altarbild von Kirchbrak noch bieten? 
Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 13: Nochmal... Abendmahl von Kirchbrak. Ausschnitt. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 14: Weihnachten. Altar von Kirchbrak zur Weihnachtszeit. Foto Walter-Jörg Langbein

290 »Die Wahrheit?«
Teil 290 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 09.08.2015
 


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