Sonntag, 6. September 2015

294 »Maria und die Biene«

»Mariae Himmelfahrt – Teil 4«
Teil 294 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Zeichnerische Rekonstruktion des Tempels von Ephesus.

»Wie viele Gesichter, nicht christliche und christliche, hat die Jungfrau Maria?«, fragt Klaus-Rüdiger Mai in seinem profunden Buch »Die geheimen Religionen« (1). »Neue« Religionen haben nicht »alte« einfach ersetzt. Es haben keineswegs »richtige« Religionen »falsche« abgelöst. Es gab vielmehr wohl schon immer einen stetigen schleichenden Wechsel. Eine »neue« Religion wie das Christentum konnte sich auch deshalb so gut durchsetzen, weil ältere Glaubensbilder übernommen. Klaus Rüdiger-Mai (2): »Das Glaubensgut älterer oder konkurrierender Religionen wurde entweder von den Vertretern des neuen Glaubens bewusst genutzt, um diesen erfolgreich zu verbreiten, oder hat sich von selbst subversiv durchgesetzt.« Zum zentralen Glaubensgut speziell der katholischen Kirche gehört Maria, die »Gottesmutter«. Wenngleich die Angaben der vier Evangelisten des Neuen Testaments zu Maria nur eher spärlich sind, so weiß der Volksglaube sehr viel mehr. Demnach wurde die Gottesmutter leibhaftig in den Himmel aufgenommen. Und das soll in Ephesus geschehen sein. In Ephesus stand einst eines der sieben Weltwunder, der Tempel der Artemis, das Artemision. Die Ruinen der einst ältesten und wichtigsten Städte Kleinasiens liegen etwa siebzig Kilometer südlich von Izmir, an der türkischen Westküste der Ägäis.


Die Göttin im Tempel von Ephesos

Und hier soll Maria, die »Gottesmutter« ihre letzten Lebensjahre verbracht haben. Im frühen 19. Jahrhundert hatte die Ordensfrau Anna Katharina Emmerich erstaunlich präzise Visionen vom Leben Jesu. Anna Katharina Emmerich war eine Stigmatisierte, sie trug die Wundmale Jesu. Der Dichter Clemens Brentano besuchte die Nonne und protokollierte ihre bestechend exakten Angaben zum Leben und Sterben Jesu. Fünf Jahre, bis zum Tode der Anna Katharina Emmerich, notierte Brentano Tag für Tag, was die am 3. Oktober 2004 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochene Anna Katharina Emmerich in geistigen Schauen klar und deutlich sah.

Emmerich über Maria
1833 veröffentlichte Brentano »Das Bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi«. Bis 1926 wurden 77 Auflagen dieses Opus gedruckt. Es fand eine größere Verbreitung als die Werke Goethes und Schillers. Erst 1852, ein Jahrzehnt nach Brentanos Tod, wurde »Das Leben der heiligsten Jungfrau Maria« publiziert, gefolgt vom dreibändigen »Das Leben unseres Herrn und Heilandes« (1858 bis 1860). Auf 452 Druckseiten kann heute noch nachgelesen werden, welche Visionen die  Emmerich von Leben und Sterben der Gottesmutter Maria hatte. Demnach verbrachte sie ihre letzten Lebensjahre in Ephesus.

Was Skeptiker, die für Anna Katharina Emmerichs Visionen nur ein herablassendes Lächeln übrig haben, nicht wissen: Abbé Julien Goyet aus Paris machte sich mit den gedruckten Visionen der Emmerich auf nach Ephesus. Und siehe da: Die Visionen einer Frau, die nie vor Ort war, führten zur Entdeckung einer Ruine, etwa des Hauses, in dem Maria ihre letzten Lebensjahre verbrachte?  Wir wissen heute, dass die Mauerreste einst »Panagia Kapuli«, »Pforte der Allerheiligsten Jungfrau«, hießen. Aber waren die Mauerreste wirklich 2000 Jahre alt? Wir wissen weiter, dass dort, wo das Haus der Maria in Ephesus vermutet wird, »Das dreitorige Kloster der Panagia (allerheiligste Jungfrau)« stand.

Die Göttin von Ephesus

In Ephesus wurde mehr als ein halbes Jahrtausend vor Christi Geburt die Göttin Artemis verehrt und angebetet. Erhalten ist eine römische Kopie der Artemis, die heute im »Kapitolinischen Museum« zu Rom bewundert werden kann. Bis in unsere Tage ist umstritten, was da im Brustbereich der Göttin zu sehen sind? Sind es zahllose Brüste, die verdeutlichen sollen, dass Artemis auch Hüterin der Frauen und der Kinder war? Oder sind es Eier… oder doch Stierhoden? Wie auch immer: Alle diese Attribute können sehr wohl auf eine antike Muttergöttin hinweisen. Artemis hatte viele Namen. 

Die Etrusker zum Beispiel nannten sie Artumes, die Römer Diana und die alten Griechen Selene. Selene war eine Mondgöttin. Ist es ein Zufall, dass die Gottesmutter Maria sehr häufig als auf einer Mondsichel stehend dargestellt wurde? Anhänger des religiösen Kults um Selene würden in diesen Mariendarstellungen »ihre« Göttin erkennen. Klaus-Rüdiger Mai weist nach, dass die Gottesmutter Maria auch ein heidnisches Gesicht hatte. Mir scheint, Maria trägt auch heute noch das »heidnische« Bild der Göttin Artemis. Mai (3): »So gesehen bestanden gute Voraussetzungen dafür, dass die göttlichen Attribut von Artemis auf Maria übergingen.«

Biene der Artemis auf einer Münze

Anno 431 fand das »Konzil von Ephesos« statt. In Ephesos wurde festgelegt das Jesu Mutter Maria als »theotokos« anzusehen sei, also als »Gottesgebärerin« (4). So trat Maria in Ephesus die Nachfolge der Artemis an, die »Gottesgebärerin« folgte auf die Muttergöttin.

Noch eine Biene.....
Auf den Stufen des Pantheon auf der Akropolis bot ein pfiffiger Händler meinem Vater zu einem horrenden Preis eine »echte Silbermünze aus dem Zeustempel« zum Kauf an. Die »unbezahlbare Kostbarkeit« war geradezu winzig, maß keine zehn Millimeter im Durchmesser. Immer wieder rieb der Händler die nicht exakt runde Münze an seiner Jacke. Sie glänzte schließlich verdächtig neu. Ich erinnere mich gut an die präzise herausgearbeiteten Konturen der Honigsammlerin, die auf der einen Seite der Münze zu sehen war. Auf der anderen Seite waren zwei einander anblickende Hirsche dargestellt. Die Biene hatte mit Zeus nichts zu tun, sie war das Attribut einer namenlosen Naturgottheit von Ephesus. Sie wurde schließlich zum »Wappentier« der Artemis.

Es verwundert nicht, dass die Biene im christlichen Volksglauben eine recht bedeutsame Rolle spielt. Im Buch »Das Lied vom Honig: Eine Kulturgeschichte der Biene« lesen wir (5): »Jesus Christus ist die Biene. Die Jungfrau Maria ist der Bienenstock. Die Heilige Schrift ist eine Wabe voll süßesten Honigs. Das mittelalterliche Christentum erbte dankbar die Verehrung der Biene, brauchte deren Symbolkraft dringend. Sie galt als Verkörperung von Reinheit, Jungfräulichkeit, Tugend und Fleiß, hatte an moralischen Qualitäten sehr viel zu bieten. Der Kirchenvater Gregor von Nazianz (329 bis 390) bezeichnete Christus als ›die jungfräulich geborene Biene«. Der auferstandene Erlöser wird von mittelalterlichen Autoren als ›himmlische Biene‹ (apis aethera) angesprochen, die auffliegt in die Sphären des Lichts.«

Artemis (?) auf einer Münze von Ephesos
Die Gleichsetzung Jesu mit der »himmlischen Biene« mutet zunächst seltsam an. Sind doch Bienen wie ihre Königin allesamt weiblich. Wenn wir in der Welt der Imkerei bleiben wollen, dann wäre Jesus keine Biene, sondern eine Drohne. Drohnen sind männliche Bienen und bilden im Bienenvolk – bis zu 80 000 Tiere – eine Minderheit. Drohnen schlüpfen aus nicht befruchteten Eiern, die die Bienenkönigin legt. Man kann also die »Geburt« der Drohnen als »jungfräulich« bezeichnen. Um im Bild zu bleiben: Wenn Jesus von der männlichen Drohne dargestellt wird, dann ist seine Mutter die Bienenkönigin. Maria wäre dann also die Bienenkönigin, die als Jungfrau ohne Mitwirkung eines Mannes, also »jungfräulich« Drohne Jesus »gebiert«. Hier endet aber die theologisch-christliche Gedankenspielerei! Drohnen, also männliche Bienen, haben nur eine Aufgabe: die Begattung der Königin.

Drohnen sind putzige kleine Gesellen. Sie sind dicklicher als die weiblichen Bienen und haben keinen Stachel. Viele Jahre durfte ich meinem Großvater Heinrich Gagel bei seiner Hobbyimkerei zur Hand gehen. So kenne ich mich auch ein wenig mit den Honig-Bienen aus. In der Zeit von April bis August legt die Königin relativ wenige Eier in spezielle, größere Wabenzellen, die unbefruchtet bleiben. Daraus schlüpfen dann die Bieneriche, die Drohnen. Zunächst führen die Drohnen ein geradezu paradiesisches Leben. Arbeiten müssen sie überhaupt nicht. Sie müssen weder Pollen noch Nektar sammeln, müssen sich schon gar nicht an der Verteidigung des Volkes beteiligen. Sie werden von den Arbeiterbienen umhegt und umsorgt, gefüttert und vor eventuell ins Volk eindringenden Feinden geschützt. Sobald die Drohnen geschlechtsreif sind, kommt es zum Hochzeitsflug.

Noch eine »Artemis« (?) auf einer Münze von Ephesus

Ohne zu detailreich ins interessante Intimleben der Bienenkönigin einzudringen: Beim Hochzeitsflug begatten die Drohnen die Königin, verlieren dabei ihr Geschlechtsteil und sterben. Nicht alle Drohnen kommen allerdings zum Vollzug. Sie werden nicht mehr ins Volk eingelassen und verhungern. Wenn sie versuchen, mit Gewalt ins Volk zurückkehren, dann werden sie von den Verteidigerbienen abgewehrt, vielleicht sogar getötet.

Artemis und ihre Biene lebt in Maria weiter. Unzählige Münzen, vor rund 2500 Jahren in Ephesos geprägt, zeigen die göttliche Biene, die vom Katholizismus übernommen wurde.

Noch einmal darf ich aus Ralph Dutlis »Lied vom Honig« zitieren (6): »Ambrosius wurde oft dargestellt mit einem Bienenkorb. Er ist der Schutzpatron der Imker und Bienen… In seiner Schrift ›Von der Jungfräulichkeit‹ wird neben Maria fast selbstverständlich die Honigbiene gewürdigt. Die ›unbefleckte Empfängnis‹ zeichnete beide aus. Die Gottesmutter selber wurde gern als Bienenstock gesehen. Die merkwürdige Assoziation war durch die Jahrhunderte gesegelt: Die Römer besaßen nämlich eine Bienengöttin, Mellona, deren schwangerer Bauch die Form eines Bienenkorbes hatte…«


Fußnoten

(1) Mai, Klaus-Rüdiger: »Die geheimen Religionen/ Götter, Sterne und Ekstase«, Köln 2012, S. 23, 1. Und 2. Zeile von oben

(2) ebenda, 13. bis 10. Zeile von unten

(3) ebenda, S. 120, 13. Und 14. Zeile von oben

(4) Siehe hierzu auch Mai, Klaus-Rüdiger: »Der Vatikan/ Geschichte einer Weltmacht im Zwielicht«, Bergisch Gladbach 2008, S. 100 und folgende!

(5) Dutli, Ralph: »Das Lied vom Honig: Eine Kulturgeschichte der Biene«, Kapitel »Christliche Bienenwunder«, eBook, Wallstein Verlag, Göttingen 2012

(6) ebenda, Kapitel »Christliche Bienenwunder«

Zu den Fotos: Darstellungen des Tempels von Ephesus/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Alle Münzen: Sammlung Walter-Jörg Langbein/ Fotos Walter-Jörg Langbein

295 »Maria und die Göttin von Ephesus –
Mariae Himmelfahrt – Teil 5«
Teil 295 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.09.2015


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Sonntag, 30. August 2015

293 »Maria und Jesus am Seil – Mariae Himmelfahrt – Teil 3«

Teil 293 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Mariae Himmelfahrt von Steinle
Maria stieg zum Himmel auf. Die Gottesmutter ließ sich Zeit für ihre Reise von der Erde in den Himmel. Die »Erde«, das war der morsche Holzfußboden einer kleinen Kapelle. Der »Himmel«, das war die steinerne Decke der kleinen Kapelle. Das Himmelsblau bröckelte wohl schon seit vielen Jahren. Das Blattgold der Sterne hatte wohl schon vor vielen Jahren seinen Glanz verloren. An einer Wand hing eine Darstellung der Himmelfahrt Mariae, eine verstaubte Kopie eines alten Ölgemäldes. 

Das Original stammt von Eduard Jakob von Steinle (1810-1886) und befindet sich in der fürstlichen Hauskapelle von Schloss Löwenstein in Kleinheubach. Man sieht einen leeren, vermutlich steinernen Sarkophag, in dem offenbar Maria, die Gottesmutter, aufgebahrt lag. Hoch darüber sieht man Maria auf ihrem Weg in den Himmel.

Und der »Himmelsflug« der Maria wirkte weniger majestätisch als riskant. Ruckelnd und zuckelnd wurde die hölzerne Heiligenfigur an einem Strick gen »Himmel« gezogen. Manchmal entglitt dem greisen Küster das Seil, so dass Maria wieder ein Stück Richtung Erde fiel. Ruckartig blieb sie dann hängen, baumelte hin und her. Dann aber packte der Küster im Dachgebälk wieder fest zu und ließ Maria wieder die himmlische Reise fortsetzen.

»Ursprünglich gab es einen Mechanismus mit Seilwinde und Kurbel…«, erklärte mir der Geistliche, der mindestens genauso alt war wie der greise Küster. »Damals sah das alles sehr viel majestätischer aus! Maria schwebte damals förmlich in den Himmel und wurde dann vom Himmel aufgenommen.«

Foto 2: Etwa so sah die Luke zum Himmel aus

Inzwischen war die Marienstatue am »Himmel« angekommen und wurde vom ächzenden Küster durch eine kleine Luke im Gewölbe gezogen. Sekunden später wurde die Luke geschlossen. Polternd fiel eine mit goldenen Sternen bemalte Klappe in das Loch im Himmel. Von der Decke lösten sich Teile des blauen Himmels und vom verblassenden Blattgold der Sterne. Und hoch oben im Himmel hustete der Küster wie ein leibhaftiger Zeus mit Asthma im Staub des Gewölbes.

Foto 3: Auferstehung von Sonneborn
Später saß ich mit dem Küster und dem Geistlichen im alten Pfarrhaus des kleinen fränkischen Dorfes. Es gab hausgemachten Weißkäse, selbstgebackenes Brot und Bier aus einer dörflichen Privatbrauerei. »Mit der Reformation kam die Wende!«, erklärte mir der Geistliche. »Heiligenfiguren wurden aus unserer kleinen Kapelle entfernt und versteckt, weil übereifrige Anhänger Luthers die alten Figuren verbrennen wollten. 

Untersagt wurde vor allem, die Feier der ›Himmelfahrt Mariae‹, bei der zur Veranschaulichung eine Marienstatue vom Fußboden der Kapelle zur Decke gezogen und durch eine Luke in den Himmel aufgenommen wurde…«

Die kleine Kapelle im oberfränkischen Bergdorf hatte einst zum herrschaftlichen Anwesen eines Adeligen gehört. In dem kleinen Gotteshaus wurden nur Gottesdienste für die Familie des Adeligen und das Dienstpersonal abgehalten.

Es wurde als Zeichen der hochherrschaftlichen Huld angesehen, wenn jemand vom »Gesinde« einen nahen Verwandten aus dem Dorf zur Feier der Himmelfahrt Mariae mitbringen durfte.

Der Küster wusste zu berichten, dass Laternen über der Luke das himmlische Licht veranschaulichen sollten. In dieser göttlichen Herrlichkeit wurde die hölzerne Marienstatue aufgenommen. Wann dies zum letzten Mal geschehen ist? »Offiziell wurde der Brauch mit der Reformation im 16. Jahrhundert verboten, aber noch einige Zeit zelebriert!«, erklärte mir der altehrwürdige Geistliche verschmitzt lächelnd. »Aber jetzt gibt es unsere kleine Kapelle offiziell gar nicht mehr. Sie wird in keiner Liste mehr geführt und seit vielen Generationen nicht mehr für Andachten und Gottesdienste genutzt.«

Foto 4: Jesu Füße ragen aus dem Himmel

Mein Besuch in der damals schon recht maroden Kapelle fand Mitte der 1970er Jahre im Oberfränkischen statt. Damals bestand schon Einsturzgefahr. Ich wollte das kleine Gotteshaus vor wenigen Jahren noch einmal besuchen, wurde aber barsch abgewiesen. Eine solche Kapelle habe es nie gegeben, wurde mir mitgeteilt. Und außerdem befände ich mich auf Privatbesitz, sei unerwünscht. »Verschwinden Sie lieber, bevor die Polizei gerufen wird. Sie wollen doch nicht wegen Landfriedensbruch belangt werden?«

Foto 5: Jesus fährt gen Himmel
Ich resignierte und trat den Rückzug an. Einer der gestrengen Wächter raunte mir noch zu, die Kapelle sei vor »gut dreißig Jahren« abgerissen worden. Ob sich noch jemand an das Ritual mit der Heiligenfigur, die in den »Himmel« gekurbelt wurde, erinnert? Wahrscheinlich nicht. Übrigens: Die Luke nahm einst nicht nur eine Statue der Gottesgebärerin Maria auf. Auch Christi Himmelfahrt wurde in jener kleinen Kapelle einst sehr anschaulich zelebriert. Statt einer Marienfigur wurde eine Christus-Statue am Seil durch die Luke in den Dachboden gezogen.

Jahrzehnte sind vergangen seit jener merkwürdig-mysteriösen Demonstration in einer kleinen oberfränkischen Kapelle. Durch das Hochhieven einer Marienfigur sollte die Aufnahme der Gottesgebärerin in den Himmel dargestellt werden.

Moderne Theologen mögen die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu bis zum letztlich inhaltsleeren Symbol verklausulieren. Sie vergessen dabei, dass es im Artikel 6 des Glaubensbekenntnisses heißt: »Jesus ist aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten Gottes, des Allmächtigen Vaters.«

Der »Katechismus der katholischen Kirche« ist sehr konkret, was die »Himmelfahrt Mariae« angeht. Da lesen wir (1): »Nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes wurde die heiligste Jungfrau Maria mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen, wo sie schon an der Auferstehungsherrlichkeit ihres Sohnes teilhat und so die Auferstehung aller Glieder seines Leibes vorwegnimmt.«

Da ist ganz eindeutig von leiblicher, körperlicher Aufnahme in den Himmel die Rede und nicht von einer wie auch immer theologischen Verklausulierung ins Belanglose. Man mag eine solche Glaubenslehre für naiv und kindlich halten. Es ist aber unbestreitbar zentraler Bestandteil der katholischen Glaubenslehre.

Foto 6: Aufnahme Mariens im Himmel.
Von Alonso López de Herrera (ca. 1585 - ca.1675) gibt es eine ganze Reihe sakraler Darstellungen, etwa von der körperlichen Himmelfahrt Jesu oder von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Nicht minder konkret sind die herrlichen Gemälde von Pietro Perugino (circa 1446/1450 – etwa 1523), geboren als Pietro Vannucci.
 
Es gibt letztlich keinen wirklichen Unterschied zwischen derartiger christlicher Kunst einerseits und dem naiven Ritual, Heiligenfiguren an einer Schnur in eine Luke zu ziehen, andererseits. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte lernte ich immer wieder »moderne« Theologen kennen, denen »naive« Glaubensvorstellungen nur noch ein herablassendes Lächeln abverlangen. Diesen ach so wissenschaftlichen Theologen scheint dabei aber zu entgehen, dass sie sich im Bemühen um moderne Glaubensformen von den einst zentralen Glaubenslehren verabschieden. Dieses Vorgehen ist in meinen Augen nicht legitim. Schließlich betreiben diese Theologen Etikettenschwindel, indem sie als »christlich« verkaufen, was diese Bezeichnung schon lange nicht mehr verdient. Solche »modernen« Theologen haben sich meiner Meinung nach schon bereits viel zu weit vom christlichen Glauben entfernt. Wirklichen Trost vermögen sie Menschen, die – zum Beispiel – um einen verstorbenen Angehörigen trauern, nicht mehr zu spenden. Sie bieten letztlich nur leere Worthülsen.

Der katholische Katechismus ist auch sehr klar in seinen Aussagen über die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu. Da lesen wir (2): »Diese letzte Stufe der Verherrlichung bleibt eng mit der ersten verbunden, das heißt mit der Herabkunft vom Himmel in der Menschwerdung. Nur wer ›vom Vater ausgegangen‹ ist, kann ›zum Vater zurückkehren‹: Christus. ›Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist: der Menschensohn‹ (Johannes 3,13).«

Die leibhaftige Himmelfahrt Jesu wird am Altar von Bad Segeberg etwa 1501 bis 1525 dargestellt. Man sieht die kleine Anhängerschar Jesu versammelt, während der »Messias« gen Himmel schwebt. Genauer gesagt: In der bunt bemalten Schnitzerei ist Jesus schon fast ganz in den Himmel aufgenommen worden, nur seine Füße ragen noch heraus.

Foto 7: Engel empfangen Jesus im Himmel.
Unter der Auferstehungsszene finden sich erklärende Worte in lateinischer Sprache: »Sanctus sanctorum christus petit alta potorum«, zu Deutsch »Der Allerheiligste Christus entschwebt in die Höhen der Herrscher«.

Heutige Theologie verabschiedet sich vom christlichen Glauben, wenn sie den Spagat zwischen moderner wissenschaftlicher Erkenntnis und traditionellem Glauben versucht. Die einen glauben. Die anderen belächeln Glauben und ersetzen doch nur allzu oft religiösen durch pseudowissenschaftlichen Glauben.

Ich erinnere mich an das mysteriös-naive Ritual in der kleinen Kapelle, als der greise Küster eine Marienstatue am Seil in den Himmel des kleinen Gotteshauses zog. Ich verkneife mir arroganten Spott ob solch »naiven« Glaubens. Religiöser Glauben kann nur naiv sein. Sonst ist es kein Glauben mehr. Man kann glauben oder auch nicht. Der Versuch, religiösen Glauben wissenschaftlich zu verklausulieren, der kann allerdings nur scheitern. Dabei darf man den modernen christlichen Theologen durchaus gute Absichten zubilligen: Sie glauben, den alten Glauben in eine Zeit der modernen Wissenschaften retten zu können, indem sie ihn zu »Symbolhaftem« machen und so letztlich doch aufgeben. Es ist durchaus legitim, sich von alten Glaubenslehren zu verabschieden. Nur darf man dabei nicht so tun, als würde man sie in neuem Gewand beibehalten.

Die Vorstellung, dass Maria als Gottesgebärerin in den Himmel aufgenommen wurde, ist keine christliche »Erfindung«. Fast identische Darstellungen sind sehr viel älter und wurden von frühen christlichen Theologen übernommen und neu etikettiert. Die Suche nach Maria, der Gottesmutter, führt uns ins antike Griechenland, nach Ephesus… und zu Göttinnen aus frühesten Zeiten!

Fußnoten

(1) »Katechismus der katholischen Kirche«, München 1993, S. 281, Artikel 974
(2) ebenda, S. 203, Artikel 661

Zu den Fotos

Foto 1: Foto Creative Commons/ Altera levatur; Gemälde von Eduard Jakob von Steinle (1810-1886)
Foto 2: Etwa so sah die Luke zum Himmel aus. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Auferstehung von Sonneborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Jesu Füße ragen aus dem Himmel. Kirche Sonneborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Jesus fährt gen Himmel. Gemälde von Alonso López de Herrera. Public Domain/ gemeinfrei
Foto 6: Aufnahme Mariens im Himmel. Gemälde von Maria Alonso López de Herrera. Public Domain/ Gemeinfrei.
Foto 7: Engel empfangen Jesus im Himmel. Perugino. Public Domain.

294 »Maria und die Biene –
Mariae Himmelfahrt – Teil 4«
Teil 294 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.09.2015


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