Sonntag, 5. Februar 2017

368 »Faust und Alexander der Große fahren in den Himmel«

Teil  368 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick ins Freiburger Münster
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Es ist Nacht. Sie liegen im Bett, können aber nicht schlafen. Sie wälzen sich ruhelos hin und her, denken über die Geheimnisse nach, die der unendliche Kosmos wohl zu bieten hat. So manches Buch haben Sie zu diesem spekulativen Thema schon gelesen. Plötzlich nehmen Sie ein gewaltiges Brausen wahr. Die Fensterläden werden auf und zu geschlagen. Auch Ihre Zimmertür wird wie von unsichtbarer Hand geöffnet und kracht wieder ins Schloss. Schließlich stehen Sie auf, gehen ans Fenster und blicken in die Nacht. Da sehen Sie es, ein fliegendes Ding, das sich vom Himmel herab senkt. Stellen Sie sich vor, dass Ihnen der fliegende Apparat einen gehörigen Schrecken einjagt. Sie bekommen es mit der Angst zu tun, versuchen zu fliehen. Vergeblich! Irgendwie werden Sie in das Innere dieses »Dings« geschafft. Sie fliegen an Bord ins All, sehen schließlich aus großer Höhe Planet Erde tief unter sich. Sie erkennen die Erdteile. Eine Woche dauert Ihr ungewöhnliches Abenteuer. Am 8. Tag sind Sie wieder zuhause, Sie sind erschöpft und schlafen drei Tage.

Aus der UFO-Literatur sind Ihnen derlei Berichte natürlich bekannt. »Alien abductions«, also Entführungen durch Außerirdische, gehören schon seit Jahrzehnten zur UFO-Literatur. Prof. John E. Mack nahm derlei Berichte ernst und ging von realen Entführungen durch Außerirdische aus. Sein Buch zum Thema Entführungen sorgte weltweit für Aufsehen (1). Stellen Sie sich vor, Ihnen würde Ähnliches widerfahren. Würden Sie an Ihrem Verstand zweifeln? Oder würden Sie Ihr Erlebnis für eine echte Begebenheit halten – oder doch nur für einen »komischen Traum«? Ob die Lektüre von SF-Romanen oder von mehr oder minder seriöser UFO-Literatur zu Ihrem »Traum« geführt hat? Haben Sie vielleicht zu viele SF-Filme gesehen, die Entführungen durch Außerirdische zum Thema hatten? Oder haben Sie vielleicht doch so etwas wie eine Abduktion durch Außerirdische erlebt?

Foto 2: Fausts Himmelfahrt.

Anno 1587 erschien beim Frankfurter Verleger Johann Spies »Das Volksbuch vom Doctor Faust«. Von diesem Original soll nur ein einziges Exemplar erhalten geblieben sein. 1884 wurde, basierend auf dieser Rarität, eine »revidierte Fassung« veröffentlicht. Robert Petsch wiederum verdanken wir eine vollständige Neuausgabe vom »Volksbuch«, basierend auf der Erstausgabe von 1587. Fakt ist (2): »Seit dem ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts erregte an verschiedenen Stellen des deutschen Landes ein Mann großes Aufsehen, der sich geheimen Wissens und wunderbarer Kräfte rühmte und der sich mit seinem latinisierten Familiennamen Georgius Sabellicus, häufiger aber, wohl im Hinblick auf einen älteren Zauberer des Namens, Georg Faustus (›iunior‹) nannte. Er hatte eine mindestens halbgelehrte Bildung genossen und erhob wissenschaftliche Ansprüche.«

Das 25. Kapitel des Volksbuches vom Faust (3) trägt den Titel »Wie Doct. Faustus in das Gestirn hinauff gefahren«. Diverse Ausgaben des mysteriösen Volksbuches sind seither erschienen, freilich sind nicht alle komplett. Vollständig – und leichter zu finden – ist die seriöse Reclamausgabe von 2012. Liest man den Text, so  wie er Ende des 16. Jahrhunderts – 1587 – erschienen ist, so erkennt man – trotz gewisser Probleme mit der ungewohnten Sprache – die Schilderung eines fantastisch anmutenden Erlebnisses. Am ehesten lässt sich der über vier Jahrhunderte alte Text mit uns heute wohlbekannten Entführungsgeschichten vergleichen.

Foto 3: Faust konnte nicht schlafen ...

Faust konnte nicht schlafen und grübelte vor sich hin. Er dachte über die Beschaffenheit des Firmaments nach, als er ein »ungestümes Brausen« hörte und ob eines gewaltigen Windes erschrak, der auf sein Haus »zuging«. Fensterläden und Kammertür wurden aufgeschlagen. »Darob ich nit ein wenig erschrack.« Faust vernahm »eine brüllende Stimm« und schaute schließlich aus dem Fenster. Was er da erblickte muss ihn schockiert haben: Ich »sahe einen Wagen mit zweyen Drachen herab fliegen, der war Hellischer Flammenweiß zu sehen.«


Foto 4: Fantasie oder Entführung durch Außerirdische...

Faust sah also ein Vehikel vom Himmel herab kommen, eine »Fuhr«, einen Wagen, getragen von zwei Drachen. Mit Grausen versuchte er, so heißt es weiter im Bericht, zu fliehen, doch vergeblich. Die fliegenden Drachen trugen ihn empor. Lautes Rauschen war zu vernehmen, Feuerströme waren zu sehen. Lesen wir da die Fantastereien eines unbekannten Schreiberlings? Oder liegt dem kuriosen Bericht vielleicht doch so etwas wie eine »Entführung durch Außerirdische« zugrunde? Lassen wir noch einmal Faust zu Wort kommen: »Je hoeher ich kame, je finsterer die Welt  war, unnd gedauchte mich nicht anders, als wenn ich vom hellen Sonnentag in ein finsters Loch fuehre. Sahe also vom Himmel herab in die Welt.«

Foto 5: Faust blickt aus dem All auf die Erde.

Lautes Rauschen und Feuerströme passen zur Beschreibung eines Fluges ins All – per Raumschiff. Völlig zutreffend ist auch der Hinweis, dass es immer finsterer wurde, je höher Faust empor – ins All – getragen wurde. Und schließlich wagte Faust aus der Schwärze des Himmels – aus dem All? – einen Blick auf die Erde. Aus einer Höhe von 47 Meilen, so verrät es der Text in den Worten Fausts, »da sahe ich viel Koenigreich, Fuerstenthumb unnd Wasser, also daß ich die ganze Welt, Asiam, Aphricam und Europam, gnugsam sehen kondte.«

Foto 6: Das Münster anno 1897.
Der gute Faust kam aus dem Staunen nicht heraus. Ein hilfreicher Geist musste ihm erklären, welche Länder und Reiche 47 Meilen unter ihnen zu sehen sind: »Sicilia, Polen, Dennmarck, Italia, Teutschland« und »Asiam, Aphricam Item, Persiam und Tartarey, Indiam und Arabiam«, »Pommern, Reussen und Preussen, desgleichen Polen, Teutschland, Ungern und Osterreich«. Die Länder wiederholen sich immer wieder in der Auflistung, als ob Faust in einem hoch fliegenden Raumschiff immer wieder die Erde umrundet hätte. Aus gewaltiger Höhe konnte Faust sehen, wo die Sonne schien und wo Unwetter ganze Landstriche heimsuchten. Erstaunt notierte Faust noch eine weitere Beobachtung: zwischen ihm und der Erdoberfläche gab es »das Gewuelcke«, also das »Gewölk«, »dick wie eine Mawer (Mauer)«. Aus dieser Wolkenschicht regnete es auf die Erde.

Das 25. Kapitel des Volksbuches vom Faust (3) trägt den Titel »Wie Doct. Faustus in das Gestirn hinauff gefahren«. Was ist mit dem »Gestirn« gemeint? Und darf, ja muss man »in das Gestirn« wörtlich nehmen? Ist also Faust nach oben, in große Höhe geflogen – in das »Gestirn« hinein? Könnte es sich um eine riesige Raumstation gehandelt haben, in die Faust entführt wurde? Poetisch mutet seine Rückkehr zur Erde an: »Im herab fahren sahe ich auff die Welt, die war wie der Dotter im Ey, und gedauchte mich die Welt were nicht einer Spannen lang, und das Wasser war zwey mal breiter anzusehen.«

Der Text aus dem Jahr 1587 ist nicht immer leicht zu verstehen. Sprache und Rechtschreibung wirken auf uns Heutige befremdlich. Ob der unbekannte Verfasser, der unter dem geheimnisumwitterten Namen zu Tinte und Feder gegriffen hat, überhaupt begriffen hat, was er uns mitzuteilen versuchte? Gut möglich ist es, dass der angebliche »Faust« gar nicht selbst erlebt hat, was wir da heute im 25. Kapitel im »Volksbuch vom Faust« lesen. Unbestritten ist: Es wurden ältere Quellen benutzt, wie zum Beispiel die mysteriöse Enzyklopädie »Elucidarium«. Eine isländische Fassung dieses Opus soll um 1200 entstanden sein, also lange vor Faustens Zeiten. Auch die »Schedelsche Weltchronik«, anno 1493 zu Nürnberg in einer deutschen und einer lateinischen Version erschienen, soll als eine Quelle gedient haben. Wie alt aber mögen die ältesten Quellen sein, aus denen für das Volksbuch geschöpft wurde?

Foto 7: Die Turmsilouette des Münsters.
Was mich aufhorchen ließ: Nach dem »Volksbuch vom Doctor Faust« dienten »zwey Drachen« als Antrieb für das mysteriöse Flugvehikel, das Faust »in das Gestirn hinauff« in die Dunkelheit (des Alls?) brachte. Und just dieses Szenario lockte mich in das altehrwürdige Münster von Freiburg im Breisgau. Da schleppen nämlich zwei Drachen keinen Geringeren als Alexander den Großen empor, ermöglichen ihm eine Himmelfahrt. Freilich bediente sich Alexander der Große einer List, die auch –  in vergleichbarer Form –  Lukas der Lokomotivführer anwandte. Alexander der Große machte sich auf in den Himmel, und das bei lebendigem Leibe, nicht als entleibte Seele in irgendwelche himmlischen Jenseits-Gefilde. Laut dem präzise ausgearbeiteten Relief am Eingang zur Nikolauskapelle im Münster zu Freiburg erlebte Alexander der Große eine Himmelfahrt wie Faust!

Besuchen wir gemeinsam das Freiburger Münster!


Fußnoten
1) Mack, John E.: »Abduction/ Human Encounters with Aliens«, Boston 1994.
Mack, John E.: »Entführt von Außerirdischen«, Essen 1995, Taschenbuchausgabe München 1997
2) Petsch, Robert (Hrsg.): »Das Volksbuch vom Doctor Faust/ Nach der ersten Ausgabe, 1587«, 2. Auflage, Halle a.S. 1911, S. VI
3) ebenda, S. 54-58
4) Füssel Stephan und Kreutzer, Hans Joachim (Hrsg.): »Historia von D. Johann Fausten/ Text des Druckes von 1587/ Kritische Ausgabe«, Reclam, Ditzingen, 2012, S.56-59

Foto 8: Himelfahrt von Alexander, genannt der Große. Foto Walter-Jörg Langbein

Zu den Fotos

Foto 1: Blick ins Freiburger Münster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Fausts Himmelfahrt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Faust konnte nicht schlafen ... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Fantasie oder Entführung durch Außerirdische... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Faust blickt aus dem All auf die Erde. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Das Münster anno 1897. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Die Turmsilouette des Münsters. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Himmelfahrt von Alexander, genannt der Große. Foto Walter-Jörg Langbein

369 »Auf der Suche nach Alexanders Himmelfahrt«,
Teil  369 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 12.02.2017



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Sonntag, 29. Januar 2017

367 »Ottilie und die ›Drachen‹ von Freiburg«


Teil  367 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2:  Freiburger Münster, links 1898, rechts 1930

Ende Oktober 2016 war ich in Freiburg im Breisgau und nahm am One-Day-Meeting der dänikenschen »A.A.S.« teil. Gern hätte ich einen rätselhaften Wallfahrtsort besucht, doch das ließ meine Zeit nicht zu. Immerhin konnte ich das Münster besuchen, wo ich recht Geheimnisvolles entdeckte.

Von Bad Pyrmont nach Freiburg. Die Heilige Ottilie vom Pyrmonter »Augenbrunnen« wirkt dank Moosbewuchs auf dem Haupt mysteriös. Wie eine fromme Legende mutet die Vita der frommen Frau an. Äbtissin Ottilie (* um 660 im Elsass oder Burgund; † 720) wurde – so überliefert es eine Biographie aus dem 10. Jahrhundert – als Odilia auf der Hohenburg, Gemeinde Obernai (1) geboren. Die Tochter von Herzig Eticho und seiner Gemahlin Bersinda kam blind zur Welt. Ihr Vater wollte sie, um ihr ein Leben in Finsternis zu ersparen, töten lassen. Die Mutter rettete dem Mädchen das Leben, indem sie ihr Töchterchen in ein Kloster gab. Es dürfte sich um das Kloster von Baume-les-Dames östlich von Besançon gehandelt haben. Kurios: Erst im Alter von zwölf Jahren wurde Ottilie getauft und wurde plötzlich sehend. Das Mädchen kehrte ins Elternhaus zurück, wo ihr der eigene Vater nach dem Leben trachtete. Dem entsetzten Mädchen gelang die Flucht – in eine Höhle. Im Musbachtal bei Freiburg im Breisgau, aber auch in Arlesheim, südlich von Basel, streitet man sich in frommer Weise, wer denn nun die richtige Höhle zum Ziel von Pilgerreisen gemacht hat. Es ist unklar, in welcher Höhle sich das Mädchen wo versteckte. Bis zum heutigen Tag wird der Heiligen Ottilie in beiden Höhlen – im Raum Freiburg wie bei Basel – gehuldigt, und das schon seit mehr als einem halben Jahrtausend.

Fotos 3 und 4: Blick ins Freiburger Münster, links 1901, rechts 2016

Anders als bei vielen anderen Heiligen endete Ottilie nicht als Märtyrerin. Ihre Biographen vermelden ein Happy End. Nach der Versöhnung mit ihrem Vater, der seine Mordpläne schließlich aufgab und ihr Besitztum übertrug, konnte sie anno 690 auf  dem später nach ihr benannten Ottilienberg ein Kloster gründen. Auch das Kloster Niedermünster am Fuße des Odilienberges geht auf Ottilie zurück. Anno 720 starb sie und fand auf dem Odilienberg ihre letzte Ruhestätte.

Von der Heiligen Ottilie zum Münster von Freiburg. Von meinem Hotel aus war das riesige Gotteshaus in wenigen Minuten zu erreichen. Leider bot es nicht den schönsten Anblick, Teile waren hinter Gerüsten verborgen. Aber – keine Frage: Damit herrliche Gotteshäuser auch in ferner Zukunft noch besucht und bewundert werden können, müssen sie hin und wieder renoviert werden. Am 29. Oktober herrschte Hochbetrieb um das Münster. Marktbuden lockten wahre Volksmassen an. Gemüse wurde feilgeboten, ein Cafe lockte, Imbissbuden verbreiteten Düfte und Gerüche. Da und dort kam Streit auf. Ein müder Fahrradfahrer schloss sein Zweirad so ungeschickt an einen Laternenpfahl, dass der schmale »Weg« zu einem beeindruckenden Brunnen fast völlig versperrt war. »Vorsicht! Vorsicht!«, zischte ihn ein Mann zu, der seinen Kinderwagen am Fahrrad vorbei schieben wollte.

Fotos 5 und 6: Wer schaut da aus luftiger Höhe?

Manchmal kostete es einige Energie und viel Geduld, um bis zum Münster vorzudringen. Und auf das ganze Geschehen blickten aus luftiger Höhe steinerne Fabelwesen herab, manche gelangweilt, manche durchaus bedrohlich. Original christlich sind diese Kreaturen nicht. Reinhard Habeck schreibt in seinem vorzüglichen neuen Werk »Überirdische Rätsel« im Schlusswort (2): »Jede Leserin, jeder Leser ist herzlich dazu eingeladen, selbst den Pilgerstab in die Hand zu nehmen. Wer die überirdische Spurensuche fortsetzen möchte, dem bieten sich – oft direkt vor unserer Haustüre – unerschöpfliche Möglichkeiten. Ein dichtes Netz an Wanderwegen führt über Naturwunder zu berühmten und weniger bekannten Wallfahrtsstätten. Über die Routen gelangen wir zu vorchristlichen Sakralstätten, wo die Verbindung zum ›Heidentum‹ oft unübersehbar ist.« Diesen Worten kann ich mich nur anschließen. Sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, ein lohnendes Reiseziel suchen, sollte das Freiburger Münster ganz oben auf Ihrer Liste stehen!


Fotos 7 und 8: Geflügelte Fabelwesen aus Stein

Es lohnt sich – Empfehlung: möglichst nicht zum Wochenende – um das Freiburger Münster herum zu gehen. Heben Sie den Blick und Sie werden eine Vielzahl von Mischwesen sehen, Kombinationen aus Mensch und Tier, Teuflisches und Animalisches. Da gibt es »Teufel«, die das Maul weit aufreißen. Andere strecken ihre Zungen raus. Unklar ist, ob einige von ihnen Flügel am Rücken haben. Das würde dem Bild des Teufels entsprechen, der als Luzifer von Gott aus dem Himmel geworfen und zur Erde geschleudert wurde. Solche Teufel wären gefallene Engel und trügen mit Fug und Recht das Attribut der Himmlischen, nämlich Flügel. Oder handelt es sich um beim Flug flatternde Umhänge, was wir fälschlich als »Flügel« interpretieren?

Einigen der steinernen Wesen fehlen Gliedmaßen, andere sind komplett. Manche Einzelheiten kann man nicht mehr genau erkennen, weil der Zahn der Zeit intensiv an den mysteriösen sakralen Kunstwerken genagt hat. Da und dort erkennt man Füße und Hände, andere der Schreckensgestalten scheinen verstümmelte Hände zu haben. Oder sind es Krallen von Monsterwesen?

Immer wieder tauchen Mischwesen auf. Da sitzt zum Beispiel das Haupt eines Säugetieres, etwa eines Rindes, auf dem Leib eines gefiederten Wesens, eines riesenhaften Greifvogels. Bei anderen Kombinationen dominieren menschliche Attribute. Das sieht dann so aus, als ob beispielsweise ein geflügeltes Wesen mit einem Menschen gekreuzt worden wäre. Da liegen Flügel eng am Leib, da wirkt die Nase im menschlichen Antlitz mit überproportional großen Ohren wie ein scharfer Schnabel. Füße, Beine und Unterleib bis zur Brust freilich sind eindeutig menschlich.

Fotos 9 und 10: Drachen - oder was?

Ich hab diese Wesen am Freiburger Münster am Morgen, gegen Mittag und am Abend fotografiert. Je intensiver ich diese faszinierenden Skulpturen durch mein 400-Millimeter-Teleobjektiv studierte, desto mehr Fragen drängten sich mir auf und desto mehr Zweifel kamen mir. Waren das wirklich alles »Wasserspeier«, wie redegewandte Führer behaupten? Befanden sich die steinernen Skulpturen wirklich an Ort und Stelle oder hat man sie in jüngerer Vergangenheit mehr oder minder dekorativ angebracht?

Manche dieser Skulpturen in luftiger Höhe erinnern an stark entfremdete Löwen, wieder andere an Drachen. Mir kommt die arabische Übersetzung äthiopischen Nationalepos Kebra Nagast in den Sinn. Sir Ernest Alfred Thompson Wallis Budge (1857-1934) war ein englischer Ägyptologe, Philologe und Orientalist. Er arbeitete für das angesehene »British Museum«, London, und publizierte eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Werken. Wallis Budge übersetzte die arabische Version des Kebra Nagast ins Englische (3). Gleich zu Beginn (4) wird vermeldet, dass König Salomo beim Bau seines Tempels erhebliche Probleme hatte.

So gelang es seinen Spezialisten nicht, die riesigen Steinmonster zu gewaltigen Bausteinen zurecht zu sägen. Ihre Werkzeuge zerbrachen beim Versuchen. Erst mit Hilfe einer List wurde das möglich. Ein ausgewachsener Drache musste her. Also lockte man einen an und brachte ihn dazu, ein wundersames Werkzeug herbei zu schaffen. Erst dann konnten mächtige Steine präzise zu großen Bausteinen aufgespalten werden.

Foto 11: Original aus einem Kebra-Manuskript

Drachenartige Wesen wurden auch, in Stein gehauen, an den Außenwänden des Münsters zu Freiburg angebracht. Sie könnten aus der gleichen Zeit stammen wie die arabische Fassung des Kebra Negest. Das ist vermutlich ein Zufall. Manche Theologen machen sie schnell zu Schreckgespenstern, die den Teufel und böse Geister von einem Gotteshaus fernhalten sollen. Aber ist das wirklich die Funktion solcher Darstellungen? Ich habe da meine Zweifel. Ich glaube, sie stammen aus sehr viel älteren Zeiten als wir glauben. Sie sind viel älter als christliche Pseudosymbolik!


Reinhard Habeck schreibt (5): »In allen Weltreligionen gibt es Kultsteine mit oft ungeklärter Herkunft. Sie verbindet eine Gemeinsamkeit: Bereits in prähistorischen Zeiten hatten sie eine besondere Bedeutung und besaßen angeblich wundersame Heilkräfte. Im Christentum finden sich viele Zeugnisse dafür, dass erstarrte Steinwunder einst auf heidnischen Kultplätzen gestanden haben, lange bevor sie eine neue Deutung erhielten.«

Foto 12: Fisch-Reptilien-Monster am Freiburger Münster

Fußnoten

1) Département Bas-Rhin in der Region Elsass. Deutscher Name: Oberehnheim
2) Habeck, Reinhard:  »Überirdische Rätsel/ Entdeckungsreisen zu wundersamen Orten«, Wien, November 2016, Seite 195
3) Budge, Wallis: »The Queen of Sheba and her only Son Menyelek«, London, Liverpool und Boston 1922, S. XXXIX-LVI
4) ebenda, S. XXXIX-S. XLI
5) Habeck, Reinhard:  »Überirdische Rätsel/ Entdeckungsreisen zu wundersamen Orten«, Wien, November 2016, S. 44 oben, direkt unter der Zwischenüberschrift »Ein außergewöhnlicher Ort«

Foto 13: Mensch und Monster
Zu den Fotos
Fotos 1 und 2:  Freiburger Münster, links 1898, rechts 1930. Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Blick ins Freiburger Münster, links 1901, rechts 2016. Foto 3 Archiv Walter-Jörg Langbein. Foto 4: Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Wer schaut da aus luftiger Höhe? Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 7 und 8: Geflügelte Favelwesen aus Stein. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Drachen - oder was? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Original aus einem Kebra-Manuskript. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Fisch-Reptilien-Monster am Freiburger Münster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Mensch und Monster. Foto Walter-Jörg Langbein

368 »Faust und Alexander der Große fahren in den Himmel«,
Teil  368 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,

erscheint am 05.02.2017

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