Sonntag, 18. Juni 2017

387 »Heißluftballons für tote Inka-Herrscher oder Bohnen?«

Teil  387 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                      

Fotos 1 und 2: Palenque-Ruinen im Urwald.

Zentralamerika und Südamerika bieten wohl mehr archäologische Sensationen als wir uns vorstellen können. Im üppig wuchernden Urwald vom Mexico und Guatemala schlummern unter schier undurchdringlichem Gestrüpp Tempelkomplexe, die noch der Entdeckung harren. Immer wieder haben die Mayas herrliche Städte von heute auf morgen verlassen. In kürzester Zeit wurden sie von der Natur zurück erobert. Nur ein Bruchteil wurde bislang wieder freigelegt und ausgegraben.

Musterbeispiel ist die herrliche Ruinenstadt von Palenque, umgeben von Urwald, teilweise überwuchert. Selbst in der unmittelbaren Umgebung von Touristenattraktionen wie Palenque in Mexiko erkennt man, auch wenn man nur wenige Schritte von den Wegen zwischen den imposanten Tempeln abweicht »Hügel«, unter denen sich wohl noch weitere Tempel befinden. Da und dort ragen sauber bearbeitete Steine aus dem Erdreich. Es fehlen die Mittel, weiter zu graben. Man ist ja schon froh, die bereits freigelegten und restaurierten Bauten immer wieder vom wuchernden Grün freizuhalten.

Fotos 3 und 4: Rückeroberung durch den Urwald droht.
Da hat man zum Beispiel eine Treppe freigelegt. Wird man den Rest des Bauwerks auch noch vom wuchernden Grün befreien? Oder war das steinerne Bauwerk längst mühsam freigegraben, ist aber wieder weitestgehend überwachsen worden?

Auch in Peru harren noch viele Zeugnisse alter Kulturen darauf entdeckt zu werden. So manche Pyramide wurde im Verlauf der Jahrhunderte von den ach so zivilisierten Nachkommen der brutalen Eroberer zerstört. Im Stadtgebiet von Lima gab es einst mindestens zehn große Pyramide aus »Adobebacksteinen«. Bis auf eine wurden sie alle abgetragen, um Platz für das moderne Lima zu schaffen.

Bei meinen Besuchen in Peru hörte ich immer wieder von einer »unbekannten Kultur«, die an der Küste in der Provinz Piura ein »religiöses Zentrum« errichtete. Und das vor rund zwei Jahrtausenden. Archäologen hätten die Reste einer Plattform aus an der Luft getrockneten Adobe steinen ausfindig gemacht. Diente sie astronomischen Beobachtungen? Oder war sie Teil eines »Friedhofs« für den Adel des unbekannten Volkes? Oder gehörten die Bauten einst zu einem »Zentrum von strategischer Bedeutung«?

Ein Friedhof, so hörte ich immer wieder, umschließe das Areal. Ist er älter als die Pyramiden? Oder wurde er von den Pyramidenbauern angelegt? Oder von deren Nachkommen? In mehreren Metern Tiefe wurden bei Probegrabungen Hinweise auf Gräber gefunden. Ansonsten sei im Friedhof kaum noch etwas zu finden, da emsige Grabräuber über Jahre recht aktiv waren. Was sie gefunden haben – vor allem wohl Tonkeramiken – wurde längst an reiche Privatsammler verkauft.

Die Grabräuberei ist für viele Menschen in Ecuador, Peru und Chile zum Haupterwerb geworden. So werden immer wieder bedeutsame Stätten zerstört, bevor sie wissenschaftlich erforscht werden können. Die Behörden schreiten selten ein und oft verdienen sich die örtlichen Ordnungshüter etwas zu ihrem kargen Gehalt dazu und graben nach archäologischen Schätzen.

Foto 5: Typische Nazca-Keramik.

Auch Jim Woodman hatte offenbar Kontakt zu Grabräubern. Von einem will er sogar einen wichtigen Hinweis erhalten haben. Genauer: Jim Woodman suchte nach archäologischen Funden, die seine Heißluftballontheorie untermauern. So fragte er »seinen« Grabräuber (1): »Haben Sie schon mal etwas wie einen großen Ballon oder ein Luftschiff auf einer Tonscherbe oder auf einem huaco (2) gesehen.« Und tatsächlich, der Mann hatte etwas zu bieten (3): »Es war kein Ton. Nur ein Stein, vielleicht so groß wie meine Hand, und darauf war eine Zeichnung tief eingeritzt. Ich weiß nicht, was es war, und es wußte auch sonst niemand. Wir nannten es Kartoffel im Korb.«


Für Woodman scheint das ein Beweis für seine Theorie zu sein: Natürlich stellte die »Kartoffel im Korb« einen Heßluftballon dar. Leider hatte der Grabräuber seinem Bekunden nach den »Stein« Jahre zuvor verkauft. An wen? Das weiß er nicht mehr. Wenn einst über der Ebene von Nazca riesige Heißluftballons schwebten, dann – sollte man annehmen – müsste es doch auch Darstellungen dieser beeindruckenden Flugobjekte aus jenen Zeiten geben. Tatsächlich wurden unzählige Töpferwaren und Keramiken aus der Nazcazeit gefunden. Im Verlauf diverser Aufenthalte in Lima und Peru suchte ich, mit Jim Woodmans Buch in der Hand, nach Nazca-Darstellungen von Heißluftballons. Ich fand keine.

Fotos 6 und 7: Die weltberühmten »Bahnen« von Nazca.
In einem kleinen privaten Museum in Lima löste mein Interesse Befremden aus. »Heißluftballons? Ballons?« Ich fragte eisern weiter. Schließlich bekam ich eine vielversprechende Antwort: »Da haben wir etwas!« Sollte Woodman also doch recht haben? Würde man mir Nazca-Kunst mit Abbildungen von Ballons zeigen? Hinab in den Keller ging es. Mühsam öffnete »mein« Guide in einem muffigen Raum, nach Entgegennahme eines beachtlichen Trinkgelds, eine wuchtige Kommode. Darin befanden sich Tonkeramiken wie Schüsseln und Krüge mit aufgemalten Motiven. Sie waren mit einer Art Glasur überzogen. Es gab auch kleine tönerne Plastiken.

Malereien wie Plastiken waren von der erotischen Art. Sie zeigten Pärchen bei intimsten Tätigkeiten, aber auch äußerst üppig ausgestattete Frauen  aus Ton und in 3D. »Mein« Guide lachte herzlich und deutete auf die  getöpferten Damen mit üppiger Oberweite. Dabei murmelte er immer wieder »Balloons! Big balloons!« Heißluftballons freilich gab es nicht zu sehen.

Mehr Glück hatte seiner Schilderung nach Jim Woodman! Im »Museo Municipal« zeigte ihm Kuratorin Julia Suarez der Varela (4) »ein paar Tonsachen« in »Schaukästen, die an der Rückwand standen« (5). Leider bietet Jim Woodman in seinem reich bebilderten Werk kein Foto der musealen Artefakte. Eine Schüssel zierte – so Woodman –  »eine große Kugel mit einer wellenförmig flatternden Leine« (6). Für Woodman ist das eine »Flugzeichnung«. Und dann war da noch diese Schüssel. Zwei fliegende Ballons umkreisten das Tongefäß. »Sie sahen wirklich aus wie zwei Ballons, die Bänder und Leinen hinter sich herziehen. (7)«

Fotos 8 und 9: »Fliegende Menschen« auf gewebtem Teppich.

Jim Woodman durfte, so berichtet er, nicht nur staunend betrachten, er bekam von der Museumskuratorin Julia Suarez de Varela gar ein wertvolles und in seinen Augen beweiskräftiges Geschenk. Die Kuratorin schickte ihm am späten Abend einen kleinen Jungen ins Hotel, der dem erstaunten Woodman »ein Paket« überreichte. Woodman weiter (8): »In dem Paket lagen zwei Stücke einer großen alten Schüssel. Das eine war fast identisch mit der Schüssel, die mit den beiden Ballons geschmückt war und die ich im Museum gesehen hatte. Auf dem anderen war ein drachenähnlicher Gegenstand im Flug dargestellt, der eine wellenförmige Leine hinter sich herzog. Beide bedeuteten einen Schatz für mich.«

Was wurde aus den beiden »Stücken einer Schüssel«? Gab er sie der Kuratorin des Museums zurück? Oder behielt er sie? Darüber erfahren wir nichts von Jim Woodman. Was aber doch sehr befremdlich ist: Wieder gibt es kein Foto von den Scherben. Und was zeigen sie? Woodman suggeriert, dass die Darstellungen auf alten Nazca-Scherben seine Heißluftballontheorie beweisen.

Fotos 10 und 11: Zwei der Scharrzeichnungen von Nazca
Warum zeigt er dann aber nicht Fotos? Sicher, in Museen herrscht oft Fotografierverbot. Aber die beschriebenen Scherben befanden sich im Besitz Woodmans. Warum hat er sie nicht fotografiert? Weil sie doch keine Heißluftballons zeigen? Und wenn er sie fotografiert hat, wieso gibt es dann kein solches Foto in seinem Buch? Vielleicht weil es doch nichts Ballonähnliches auf den Scherben zu sehen gab?

Im »Archäologischen Nationalmuseum« von Lima sah ich in Vitrinen eine Vielzahl von Keramiken und Tonscherben, die der Nazcakultur zugeordnet werden. Auch mit viel Fantasie vermochte ich keine Heißluftballons oder Ballons erkennen. Gewebte Teppiche aus dem Raum von Nasca offerierten die Darstellung fliegender Menschen, freilich schwebten die ganz ohne die Hilfe von Heißluftballons. Es könnte sich um die Darstellung von Schamanen bei der »Geistreise« handeln, die freilich Drogen konsumierten, um – losgelöst vom Körper – in ferne Gefilde zu fliegen. Diese Teppiche sind freilich sehr viel jünger als die Keramiken, die man im Wüstenboden von Nazca gefunden hat.

Foto 12: Originalausgabe von Woodmans Buch
So schnell wollte ich freilich nicht aufgeben. Mit Jim Woodmans Originalversion seines Buches »Journey to the Sun/ Nazca« (9) als »Quelle« machte ich mich immer wieder auf die Suche nach den Ballons mit Leine. Ich wurde fündig. Die Nazca-Kultur huldigte nicht nur der Kunst, riesige Scharrbilder in den Wüstenboden zu kratzen. Sie produzierten und sammelten auch Schrumpfköpfe (10). Unklar und umstritten ist, warum! Es gibt mehrere Theorien. Waren es Kriegstrophäen? Behielt man die abgeschlagenen Häupter getöteter Feinde als Erinnerung an glorreiche Siege? Diese Erklärung scheidet aus, stammen doch die Schrumpfköpfe von Menschen der Nazca-Kultur, nicht von anderen Volksgruppen. Hatten die Köpfe magische Funktion?

Für die Menschen von Nazca war die keimende Bohne offenbar ein Symbol für das sprießende Leben der Natur. Für sie war wohl die Fruchtbarkeit der Natur so etwas wie ein Wunder, eine Gabe der Götter. So verwundert es nicht, wenn sie immer wieder (10) keimende Bohnen darstellten: die Bohne als »Kugel«, aus der sich – wie eine Schnur der Keimling windet. Aus dem Keimling wird dann später eine Bohnenpflanze, die Wurzeln ins Erdreich schlägt, an der Blätter wachsen und die wieder Bohnen hervorbringt. Die Ballons, »die Bänder und Leinen hinter sich herziehen (7)« finden so eine einfache, einleuchtende Erklärung: Es sind keine Heißluftballons, mit denen der tote Inka zur Sonne reiste, es sind schlicht und einfach keimende Bohnen.

Foto 13: Teersraße und Nazcabahnen
Fußnoten
1) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, Seite 63, Zeilen 12-14 von oben
2) huaco: Tonwaren Getöpfertes
3) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, Seite 63, Zeilen 10-14 von unten
4) ebenda, Seite 65, letzte Zeile
5) ebenda, Seite 66, Zeile 1 von oben
6) ebenda, Seite 66, Zeile 12 von oben
7) ebenda, Seite 66, Zeilen 17 und 18 von oben
8) ebenda, Seite 66, Zeilen 1-4 von unten und Seite 67, Zeilen 1 und 2 von oben
9) Woodman, Jim: »Journey to the Sun/ Nazca/ Exploring the mystery of Peru’s ancient airfields«, New York 1977
10) »Ancient Origins«: »The Nazca Head-hunters and their Trophy Heads«,
     Manuskript

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Palenque-Ruinen im Urwald. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Rückeroberung durch den Urwald droht. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Typische Nazca-Keramik. Foto wikimedia commons/Tillman talk/ contribs
Fotos 6 und 7: Die weltberühmten »Bahnen« von Nazca. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: »Fliegende Menschen« auf gewebtem Teppich. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 10 und 11: Zwei der Scharrzeichnungen von Nazca. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 12: Originalausgabe von Woodmans Buch
Foto 13: Teersraße und Nazcabahnen. Foto Walter-Jörg Langbein

388 »Kein Ballon für den Inka«,
Teil  388 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 25.6.2017


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Sonntag, 11. Juni 2017

386 »Nichts als heiße Luft«

Teil  386 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der legendäre Inka-Gott Viracocha am Sonnentor von Tiahuanaco, Bolivien

Seit vierzig Jahren bekomme ich immer wieder zu hören: »Was du nur immer mit dieser komischen Ebene von Nazca hast! Da ist nichts geheimnisvoll! Das war ein Ballonstartplatz!« Und erst vor wenigen Tagen, Anfang Juni 2017, knallte mir ein wütender Besucher nach meinem Vortrag ein Buch aufs Rednerpult. Eine kurze Textpassage war gelb markiert (1): »›Glaubst du nun, der Gott Viracocha könnte zur Sonne zurückgeflogen sein, wie die Legenden sagen?‹ fragte ich. ›Nun, das haben wir zu meiner Zufriedenheit bewiesen, daß er das konnte‹, erwiderte Julian. ›Weißt du, da oben hatte ich das Gefühl, daß wir nicht die ersten sind, die mit dem Wind über Nazca geflogen sind. Hast du das auch gespürt?‹«

Was genau hat Jim Woodman mit seinem Experiment bewiesen? Beweise liefert er letztlich keine. Er stellt nur Behauptungen auf, wie diese (2): »›Ich weiß ganz genau, daß in Nazca jemand geflogen ist‹, behauptete ich immer wieder. ›Man kann vom Boden aus einfach überhaupt nichts sehen. Man kann nirgends etwas erkennen – nur von oben. Niemand kann mir erzählen, daß sich die Baumeister von Nazca die Mühe mit diesen Monumenten gemacht haben, ohne sie jemals zu sehen.‹« Und wenn die riesigen Bildwerke und kilometerlangen Bahnen gar nicht für menschliche Augen bestimmt waren? Wenn sie für die himmlischen Götter gedacht waren?

Foto 2: WJL in Nazca

Nach Jim Woodman flogen die Meisterkünstler von Nazca über der riesigen Ebene umher, um sich an den gigantischen Scharrzeichnungen von Tieren und kilometerlangen »Bahnen« zu ergötzen? Und wie? Nach Jim Woodman bauten sie Heißluftballone. Beweise? Mit einem Grabräuber und einer »Lisa« unternimmt er eine Exkursion zur uralten »Nazca-Friedhöfen«. Natürlich gräbt man nicht, plündert nicht, sondern sammelt auf, was Archäologen und andere Grabräuber liegen gelassen haben. Womöglich Jahrtausende alte Stoffreste werden gefunden, später wissenschaftlich untersucht. Und siehe da: Das Gewebe war noch feiner gewebt als heutige, moderne Stoffe, die bestens geeignet sind, um daraus Hüllen für Heißluftballons zu fertigen. Nur: datiert wurden die Stoffe nicht.

Mag ja sein, dass die Bewohner von Nazca extreme feine Stoffe weben konnten. Sie verwendeten sie als »Säcke« für Mumien. Aber fertigten sie daraus auch Heißluftballons? Jim Woodman fabuliert fantasiereich (3): »Die alten Textilien, Tonwaren, Legenden, Mythen und die Nazcalinien und – zeichnungen führten ganz von selbst zu einer neuen, ständig wachsenden Sammlung von Artefakten und Luftfahrtartikeln.«

Fotos 3 und 4: Sieht so ein Ballonstartplatz aus?

Leider enthüllt Jim Woodman in seinem Buch nicht, was er als »Luftfahrtartikel« identifizieren zu können meint. Sollten sie gar aus den Zeiten der Nazca-Künstler stammen? Woodman beschreibt sie nicht und in seinem reich bebilderten Buch findet sich kein einziges Foto eines »Luftfahrtartikels«. Auch fehlt jeder Hinweis auf die – hier und immer wieder – erwähnten »Legenden«. An einer Stelle wird’s konkreter (4): »Die meisten Legenden sagen, der Inka flog zur Sonne – und wir nehmen an, daß er allein flog. Manche Legenden sagen, der Inka sei nach dem Tod zur Sonne gesandt worden – ein aufsteigender Scheiterhaufen – ein Wagen zur Sonne.«

Sollten die Inka also per Luftfracht – pardon – entsorgt worden sein? Das »einfache Volk« von Nazca wurde in Erdgräbern bestattet. War es den toten Inka-Herrschern vorbehalten, im Heißluftballon zur Sonne zu schweben? Gibt es dafür Belege? »Ein aufsteigender Scheiterhaufen – ein Wagen zur Sonne« heißt es nach Woodman in »manchen Legenden« könnte tatsächlich so verstanden werden, dass der verstorbene Inka mit Hilfe eines Heißluftballons gen Himmel schwebte. Leider fehlt jegliche Quellenangabe. Leider wird nicht verraten, welche Legenden denn so eine Himmelfahrt eines toten Inka schildern.

Foto 5: Cover von  Woodmans Buch »Nazca«
Endlich wird es bei Woodman einmal konkret (5): »Nach der Antarquilegende haben die Inkas einen kleinen Jungen zum Fliegen benutzt – das heißt, daß sie sich der Bedeutung des Verhältnisses zwischen Last und Auftrieb bewußt waren. Nach den meisten Darstellungen von Antarqui handelt es sich um einen Jungen, der kaum mehr als 35, 36 Kilogramm wog. Sein Gewicht, dazu ein leichter Binsenkorb als Gondel ergaben keine große Last.« Ich habe nach der Antarquilegende gesucht und bin fündig geworden. Bei Pedro Sarmiento de Gamboa bin ich fündig geworden. Pedro Sarmiento de Gamboa (* etwa  † 1592), ein spanischer Seefahrer, Abenteurer und Kosmograph verfasste eine »Geschichte der Inkas«, die mir in englischer Übersetzung vorliegt (6). In seinem faszinierenden Werk geht er auch auf die von Jim Woodman bemühte Antarquilegende ein.

Freilich ist in besagter Legende weder von einem Heißluftballon, noch von einem 35 oder 36 Kilogramm leichten Knaben die Rede, der mittels so eines Ballons fliegen musste. Nach der Antarquilegende (7) erhielt der »Tupac Inca« – gemeint sein könnte Túpac Inca Yupanqui, der 10. Inka-Herrscher – Ende des 15. Jahrhunderts Hinweise von Seefahrern auf »Inseln«. Der Herrscher, er wird als »Mann mit hochtrabenden, ehrgeizigen Ideen beschrieben, wollte diese »Inseln« ausfindig machen. Um das Risiko zu minimieren konsultierte der Inka »einen Mann, der ihn auf seinen Eroberungszügen begleitete, mit dem Namen Antarqui«.

Antarqui war kein Kind von 35 oder 36 Kilogramm Gewicht, sondern ein Erwachsener, ein Nekromant, ein Geisterbeschwörer. Antarqui, am ehesten als Schamane zu bezeichnen, beherrschte, so die Legende, die Kunst der »Seelenreise«. Dank seiner »Künste« flog er die von den Seefahrern beschriebene Reise nach und fand tatsächlich die »Inseln«. Ein Heißluftballon wird nicht erwähnt. Naheliegender ist eine andere Erklärung: Schamanen kannten auch zu Inka-Zeiten das Geheimnis der Pflanzen, die halluzinogene Substanzen enthalten. Die nahmen sie zu sich und traten dann – high vom Rauschgift und losgelöst vom physischen Leib –  zu sich »Seelenreisen« an.

Foto 6: Túpac Inca Yupanqui
»Tupac Inca«, so heißt es weiter in der Legende (8), bekam von Antarqui bestätigt, dass es die Inseln tatsächlich gab und erfuhr offenbar auch ihre Position. Daraufhin soll sich der Inkaherrscher mit einer gewaltigen Flotte von Balsaflößen mit insgesamt mehr als 20.000 Mann Besatzung auf die Reise gemacht haben. Tatsächlich, so heißt es weiter, wurden die Inseln »Avachumbi« und »Ninachumbi« entdeckt. Erbeutet wurden »schwarze Menschen, Gold, ein Messingstuhl, Haut und Kiefer eines Pferdes«. Alles wurde nach Cuzco, in die Inkafestung, geschafft.

Ob die Legende auf Tatsachen beruht, das sei dahingestellt. Wenn es denn so eine Entdeckungsreise gegeben haben sollte, dann ist die Größe der Flotte mit Sicherheit maßlos übertrieben. Bei den Eilanden könnte es sich um die Galapagosinseln gehandelt haben. Oder hatte man gar die Osterinsel entdeckt?  Schwarze Menschen gab es da freilich nicht. Hat es die Expedition gegeben? Tatsächlich gibt es auf der Osterinsel ein steinernes Monument, eine Mauer, ganz im Stil der Inkabaukunst. Thor Heyerdahl sieht diese Mauer als Beweis für Kontakte zwischen Peru und der Osterinsel an.

Angeblich sollen neun oder zwölf Monate verstrichen sein, bis der Inka wieder in der Heimat auftauchte. Mag sein, dass es die legendäre Expedition gegeben hat. Sicher ist: ein Heißluftballon mit Antarqui kam definitiv nicht zum Einsatz. Es befremdet, dass Jim Woodman eine Legende so falsch wiedergibt. Es wundert mich nicht, dass er auch hier kein Zitat anzubieten hat.

Ich glaube Jim Woodman, dass er nächtens mit einem Grabräuber unterwegs war und tatsächlich Stoffreste gefunden hat. Im Gebiet von Nazca gibt es tatsächlich unzählige alte Gräber aus unterschiedlichsten Zeiten. Stoffreste aus diesen Gräbern können 20, aber auch 2.000 Jahre alt sein. Erst ein Bruchteil wurde bislang archäologisch untersucht. Sehr viele alte Grabstätten wurden von Grabräubern geöffnet, bevor Archäologen Untersuchungen vornehmen konnten. Mumien wurden aus ihren Hüllen gerissen, die sterblichen Überreste warf man achtlos beiseite. Man suchte – und sucht – nach Kostbarkeiten wie Schmuck und gut erhaltenen Stoffresten, möglichst mit farbigem Muster.

Ich glaube auch, dass die Stoffreste, die von Jim Woodman zur Untersuchung gegeben wurden, feiner gewebt waren als Hüllen von Heißluftballons. Aber sie müssen keineswegs aus der Zeit der Nazca-Linien stammen, können auch wesentlich jünger sein. Bewiesen ist damit nicht, dass die Nazca-Künstler Heißluftballone betrieben haben.

Foto 7: Riesiger Kolibri im Wüstenstaub.

Was mich ärgert: Jim Woodman führt als »Beweis« für seine Heißluftballon-Theorie eine Legende an, die es so gar nicht gibt. Die – gelinde gesagt – fantasiereich veränderte Legende lässt eben keinen Heißluftballon steigen, vielmehr schickt der Inka (s)einen Schamanen auf Geistreise. Jim Woodman aber bleibt bei seiner – angeblich bewiesenen – Theorie, wonach die Inka per Heißluftballon zur Sonne geschickt wurden. Und das soll die Ebene von Nazca erklären. Die Inka aber hatten keinerlei Verbindung zu Nazca und den fantastisch anmutenden Riesenzeichnungen. Zwischen Túpac Inca Yupanqui (Ende des 15. Jahrhunderts) und der Herstellung der mysteriösen Kunstwerke auf der Nazca-Ebene aber liegen mindestens 1.000, wahrscheinlich sogar 1.500 Jahre.

Foto 8: Kleine Inseln vor der Küste der Osterinsel.

Die Behauptung, tote Inka-Herrscher seien von Nazca aus auf die Reise in die ewigen, himmlischen Jagdgründe geschickt worden, kann ich nur als absurd bezeichnen. Gibt es doch nicht den Hauch eines Beweises dafür, dass irgendein Inka-Herrscher etwas mit der Ebene von Nazca zu tun hatte. Die Kultur der Nazca-Bewohner war zu Zeiten der Inka schon mindestens 1.000 Jahre erloschen.


Foto 9: Die »Inkamauer« auf der Osterinsel
Fußnoten
1) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, S. 208, Zeilen 4-7 von unten
2) ebenda, S. 36, Zeilen 13-19 von unten
3) ebenda, Seite 90, Zeilen 9-12 von unten
4) ebenda, Seite 94, Zeilen 12-16 von unten
5) ebenda, Seite 94,  Zeilen 4-11 von unten
6) de Gamboa, Pedro Sarmiento: »History of the Incas«, eBook,
Hakluyt-Society, Cambridge
7) ebenda Seite 116/ Pos. 1976
8) ebenda Seite 117/ Pos. 1983


Zu den Fotos
Foto 1: Der legendäre Inka-Gott Viracocha am Sonnentor von Tiahuanaco, Bolivien. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: WJL in Nazca. Foto Willi Dünnenberger, Oktober 1992
Fotos 3 und 4: Sieht so ein Ballonstartplatz aus? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Buchcover von  Jim Woodmans Buch »Nazca«
Foto 6: Túpac Inca Yupanqui, mächtiger Herrscher. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Riesiger Kolibri im Wüstenstaub. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Kleine Inseln vor der Küste der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Die »Inkamauer« auf der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10:  Wurde die Inkamauer auf der Osterinsel von »alten Peruanern« gebaut? Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 10:  Wurde die Inkamauer auf der Osterinsel von »alten Peruanern« gebaut?
387 »Heißluftballons für tote Inkas oder Bohnen?«,
Teil  387 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.6.2017













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