Sonntag, 9. Juli 2017

390 »Im Tal der 300 Pyramiden«

Teil  390 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza

Weltweit gibt es Pyramiden, von Ägypten bis Mexico. Atemraubende Steinberge, Treppen in den Himmel, faszinieren mich besonders im Urwald Mexikos. Im Sonnenlicht erstrahlen sie auf geheimnisvolle Weise vor dem Hintergrund des grünen Dickichts, das sie Jahrhunderte lang verborgen hielt. Beim Anblick der herrlichen scharf umrissenen Konturen, die sich so klar und deutlich vom blauen Himmel abheben, vergisst man aber eines: Die Meisterwerke der Baukunst wurden von Archäologen „neuerer“ Zeit ausgegraben und rekonstruiert. Oftmals boten sie, vom Überwuchs befreit, einen traurigen Anblick: So manche Stufenpyramide war nur noch als „Hügel“ zu erkennen.

Scharfkantige Treppenstufen mussten erst wieder mehr als nur einer „kosmetischen Operation“ unterzogen werden. Große Teile der Außenhülle waren abgerutscht und lagen zu Füßen der einst so stolzen Pyramiden. Sorgsam wieder aufgebaut, machen die Pyramiden von Tulum, Palenque und Chichen Itza heute einen frischen Eindruck, so als ob sie eben erst errichtet worden seien und nicht vor Jahrhunderten. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass bei der »Rekonstruktion« mancher Pyramide eine gehörige Portion Fantasie zum Einsatz kam.

Foto 3: Howard Phillips Lovecraft.

Von Chiclayo aus erkundete ich die Gefilde von Lambayeque im nordwestlichen Peru. Anno 2007 lebten auf einer Fläche von rund 15.000 km² über eine Million Menschen. Einst blühten hier zu Vor-Inka-Zeiten erstaunliche Kulturen. Die Chimú-Kultur dominierte in der Zeit von etwa 1250 n.Chr. bis 1470 n.Chr. um die heutige Stadt Trujillio. Ebenso „vorinkaisch“ ist die Sipán-Kultur im La-Leche-Tal an der Nordküste von Peru, deren Bauten  im Zeitraum von ca. 700 bis 1375 errichtet wurden. Noch älter ist die Moche-Kultur. Nach heutigem Kenntnisstand hatte sie ihre Anfänge bereits im 1. Nachchristlichen Jahrhundert und ging im 8. Jahrhundert unter.  Gingen diese Kulturen ineinander über oder entstanden sie unabhängig voneinander? Oder beeinflussten sie sich nur?


Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII.

Von Chiclayo aus erwanderte ich die Bauten dieser drei Kulturen, über die weit weniger bekannt ist als man annehmen möchte. Die Pyramiden, die sie uns hinterlassen haben, erinnern mich an fantastische Schilderungen aus der Feder von H.P. Lovecraft (1) . Bei einem nächtlichen Besuch überkam mich ein komisches Gruseln, vielleicht weil mir die eine oder die andere Schauergeschichte erzählt worden war, von Menschenopfern und grausamen Ritualen. Mächtigen Fürsten seien lebende Diener mit ins Grab gegeben worden, um die Herrschaften im Jenseits standesgemäß zu bedienen. Oder man habe die engsten Vertrauten dahingeschiedener Despoten rituell getötet und die Entleibten dem toten Fürsten zur untertänigsten Betreuung im Jenseits mitgegeben.

Umstritten ist, ob die engsten Vertrauten wie Bedienstete freiwillig aus dem Leben schieden, weil sie im Glanz der Fürsten im Jenseits weiterleben wollten, oder ob sie ungefragt ermordet wurden. Vielleicht glaubten sie, so in ein besseres Leben zu sterben, in ein Jenseits, das viel angenehmer sein würde als für viele Zeitgenossen das Diesseits?

Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten.

Ein katholischer Geistlicher vertraute mir flüsternd an, Gruselstories von Geistern, die den Lebenden von heute das flackernde Lebenslicht ausblasen wollen, gingen auf das Konto von Archäologen. »Man will den Grabräubern Angst machen, ihnen einreden, dass sie höllischen Spuk auslösen, wenn sie die Gräber aus alten Zeiten plündern.« Wirklich beeindruckt scheinen die Grabräuber vor Ort nicht zu sein. Schließlich haben ihre Großväter und Väter bereits die Gefilde von Túcume und Sipán systematisch in Angriff genommen, um bis heute unentdeckte Gräber mythologischer Fürsten ausfindig zu machen. Seit Generationen hofft man auf besonders wertvolle Funde, auf edelste Grabbeigaben, die alle bisherigen Funde in den Schatten stellen.


Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume

Aus Sicht der Toten dürfte es kaum einen Unterschied machen, ob ihre »Ruhe« von Grabräubern oder Archäologen gestört wird. Gewiss, Grabräuber gehen mit den sterblichen Überresten aus alten Zeiten sehr viel brutaler um als Archäologen. Mumien werden wenig zartfühlend ausgewickelt und achtlos liegengelassen. Von alleinigem Interesse sind Goldschmuck und Tonwaren, von reichen Privatsammlern begehrt. Man befürchtet aber auch zu Recht, dass Goldschmuck aus Gräbern immer wieder eingeschmolzen wird, ganz nach Sitte der ach so kultivierten spanischen Eroberer. Archäologen gehen behutsamer mit den Toten um. Ihre wertvollen Grabbeigaben wandern in Museumsvitrinen, so wie auch gut erhaltene Mumien gern in Museen in klimatisierten »Schneewittchensärgen« zur Schau gestellt werden. Von Pietät kann man auch nicht sprechen, wenn Mumien ihren Gräbern entrissen, desinfiziert und konserviert werden, um dann in Museumsdepots zu verschwinden.

Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden

Wirken zum Beispiel die Pyramiden von Chichen Itza, Palenque oder der »Straße der Toten« am Rande von Mexico City heute, als wären sie eben erst gebaut worden, so erscheinen jene von Túcume und Sipán geradezu vorsintflutlich alt. Salopp gesagt: So manche Pyramide in Mexico oder Peru könnte als Kulisse für einen Science-Fiction-Film gebaut worden sein. Per »Zeitmaschine« reisen die Helden in die Vergangenheit, um zu erleben, welche Rituale auf den steinernen Monumenten vollzogen wurden. Die Pyramiden von Túcume und Sipán beflügeln die Fantasie. Sie kommen mir vor, als wären sie nicht Jahrtausende, sondern Jahrhunderttausende Jahre alt! Es bedürfte eines H.P. Lovecraft, um diese rätselhaften Monumente längst vergangener Zeiten angemessen zu beschreiben.

Lovecraft fabulierte fantasiereich über eine ominöse Stadt »tief in der arabischen Wüste« (2): »Die zeitzerfressenen Steine dieser altersbleichen Überlebenden der Sintflut, dieser Ur-Urahnin der ältesten der Pyramiden, verhießen Furcht – und eine unsichtbare Aura stieß mich ab und gebot mir, vor diesen unheildrohenden Geheimnissen zu fliehen, die kein Mensch je erschauen sollte.« Was Lovecraft über »seine Stadt ohne Namen« fabulierte, trifft exakt auf die Pyramidenstädte von Túcume und Sipán zu (3): »Ich erkannte, dass die Stadt in der Tat einst gewaltige Dimensionen aufgewiesen hatte, und fragte mich, woher diese Größe gerührt haben mochte. Ich malte mir die ganze Pracht einer Epoche aus, … als die Menschheit noch jung war.«

Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt

Anno 1880 entdeckte der deutsche Ingenieur Hans Heinrich Brüning unweit der Zucker-Plantage Patápo im Lambayeque-Tal, Peru, kostbare Grabbeigaben aus Gold einer unbekannten Kultur. Er staunte nicht schlecht, als er erkannte, dass es sich bei seltsamen Pyramiden in staubtrockener Wüste um gewaltige Pyramiden aus Adobe-Ziegeln handelte. Heute wissen wir, dass in jenen Gefilden Menschen den Göttern geopfert wurden. Anno 1533 wurden im Lambayeque-Tal 119 Menschen mit wuchtigen Axthieben ins Jenseits befördert. Warum? Gab es eine Hungerzeit, spricht schlechte Ernten? Spielte das Wetter verrückt? Wollte man sich die Götter wieder gewogen machen, die man als Urheber des Unglücks ansah? Antworten auf diese Fragen sind rein spekulativ.


Bleiben wir bei den Fakten! Verstreut im Lambayeque-Tal gab es wohl einst an die 300 Pyramiden. Die größte Pyramide von Túcume, »huanca larga«, misst in der Länge 700 Meter, in der Breite fast 300 Meter und hat eine Höhe von 40 Meter (4). Warum wurde diese größte Pyramide der Welt gebaut? Warum entstanden so viele, teils kaum kleinere Pyramiden? Wie viele Menschen waren damit beschäftigt, Millionen und Abermillionen von Ziegeln aus Lehm zu formen und an der Luft in der Sonnenglut hart werden zu lassen? Wollte man künstliche Berge erschaffen, auf denen Tempel errichtet wurden? Je höher der Berg, je höher die Pyramide, umso näher war man ja den himmlischen Göttern!

Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge.

Dieses Streben nach einem Weg zu den Göttern findet sich schon im »Alten Testament«. Der »Turm zu Babel« (5) war nichts anderes als ein babylonischer Himmelshügel, »Zikkurat« genannt. Die »Zikkurat«, zu Deutsch »hoch aufragend/aufgetürmt, Himmelshügel, Götterberg«, hat eine lange Vorgeschichte. Bereits in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends sind auch in Elam, im Südwest-Iran, einwandfrei nachgewiesen. Auch in Mesopotamien baute man sie. Übrigens: Wie die Pyramiden von Túcume und Sipán wurde auch der biblische Turm zu Babel aus gebrannten Lehmziegeln gebaut (6): »Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel.«  Ziel: Aufstieg in den Himmel (7): »Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.« Das missfiel den Göttern. Nachdem sie den Turmbau inspiziert hatten, stand ihr Entschluss fest (8): »Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.«

Wiederholt war ich in Túcume, wiederholt stand ich vor den Pyramiden, die eindeutig künstlich sind, von Menschenhand geschaffene Monsterberge in der Wüste.

Fußnoten
1) * 20. August 1890 in Providence, Rhode Island; † 15. März 1937 in Providence, Rhode Island
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 5-8 von oben. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
3) ebenda, Zeilen 6 und 10-12 von unten
4) Die Maßangaben variieren je nach Quelle.
5) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
6) ebenda, Vers 3
7) ebenda, Vers 4
8) ebenda, Vers 7

Foto 10 Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Howard Phillips Lovecraft. Historische Aufnahme, wikimedia commons
Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
     Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
 

391 »Unterwegs in Túcume«,
Teil  391 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.7.2017


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Sonntag, 2. Juli 2017

389 »Von Pyramiden und von der Angst vor den Toten«

Teil  389 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Eine der mysteriösen Pyramiden

Die Pyramiden wirken wie im Lauf der Äonen zerflossene Bauwerke. Es kommt mir so vor, als hätte die Ewigkeit einst gigantische stolze Monumente fast zur Unkenntlichkeit verformt. Ich fühle mich an die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel erinnert, als die Menschen nach einem alten Mythos zu Gott emporsteigen wollten. Das soll den Himmlischen wütend gemacht haben, so dass er aus seinen überirdischen Sphären herabstieg und das eitle Menschenwerk zerstörte.

Die Sonne brennt höllisch vom Firmament, die Konturen der einstigen Pyramiden – und Pyramiden waren es – verschwimmen im gleißenden Sonnenlicht. Erde und Pyramiden gegen in schmutzigem Grau-Braun fließend ineinander über. Wo hört Planet Terra auf, wo beginnt künstliches Bauwerk? Ist wieder versunken, was einst weit in den Himmel ragen sollte?

Foto 2: Eine der Monstermauern
Lehnten sich Pyramiden im Lauf der Zeit an einen von der Natur geschaffenen Hügel? Sank in sich zusammen, was einst in den Himmel ragte, um mit Hügeln und kleinen Bergen zu verwachsen? Gaukeln mir meine Augen Mauern und Treppen vor, wo Wind und Wetter willkürliche Plastiken aus Erde und Dreck formten? Oder ist das ganze komplexe Gebilde aus Rampen und zerflossenem Mauerwerk alles von Menschenhand geschaffen worden? Zu welchem Zweck? Zum Lob Gottes wäre die christliche Antwort, die gern gegeben wird, wenn sich das Warum und das Wozu nicht klären lassen.

Stiegen einst Priesterastronomen auf Rampen empor, um auf Plattformen astronomische Beobachtungen zu machen? Verfolgten die hohen Geistlichen den Lauf von Sonne, Mond und Sternen, um das Geheimnis der Zeit zu ergründen? Wollten sie Zyklen erkennen, um aus den Zeitläufen der Vergangenheit die der Zukunft zumindest zu erahnen?

Die Pyramiden Ägyptens – speziell die nach Cheops benannte – lassen uns staunen. Wir rätseln, wie wohl derlei meisterliche Bauwerke mit solcher Präzision errichtet werden konnten. Staunen lassen uns die millimetergenau zugeschnittenen Steinblöcke, wie sie oft in so manchem »Totentempel« Ägyptens bearbeitet wurden: ohne Mörtelmasse, und das so präzise, dass keine Zwischenräume zu erkennen sind. Zwischen so manche Fuge passt nicht einmal eine Rasierklinge.

Foto 3: Eine uralte Monstermauer
Im Sommer 1798 rief Napoleon angesichts der Gizeh-Pyramiden aus: »Denkt daran, dass von diesen Monumenten 40 Jahrhunderte auf euch herabblicken.« Ein altes ägyptisches Sprichwort besagt: »Alles fürchtet sich vor der Zeit, aber die Zeit fürchtet sich vor den Pyramiden.« Die Pyramiden Ägyptens machen bescheiden und demütig, geheimnisvolle Pyramidenwelten Perus lösen – besonders bei Nacht – ein nicht wirklich in Worte zu fassendes Unbehagen, ja mehr als das aus. Wenn die scheinbar äonenalten Bauten aus Millionen und Abermillionen von Steinen im fahlen Mondlicht schlummern, sich irgendwo in der Endlosigkeit einer Staub-Dreck-Sand-Hölle verlieren, entsteht eine gruselige Stimmung.

Wobei ich sagen muss, dass gruselig nicht das passende Wort ist. Bei meinem ersten nächtlichen Besuch der Pyramiden von Túcume versuchte ich vergeblich die gespenstische Stimmung in Worte zu fassen. War es Angst vor unbekanntem Unheimlichem? Oder vor einem wenig verständnisvollen Grabräuber, der sich bei seiner Arbeit gestört fühlen mochte. Während ich für mein Tagebuch vergeblich nach einem im Kern zutreffenden Vokabular suchte, kam mir der von mir seit Jugendjahren verehrte Schriftsteller Howard Philips Lovecraft in den Sinn. Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war so lesen wir bei »Wikipedia« ein »amerikanischer Schriftsteller. Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.«

Foto 4: Gruselig
H.P. Lovecraft schrieb in einer Abhandlung über das »Übernatürliche in der Literatur«: »Die älteste und stärkste Emotion des Menschen ist Furcht, und die älteste und stärkste Form der Furcht ist die Angst vor dem Unbekannten. Diese Tatsachen wird kaum ein Psychologe bestreiten.«  Mit aller Wahrscheinlichkeit war ich bei meinem nächtlichen Besuch in Túcume zu mitternächtlicher Stunde sehr viel sicherer als heute zur Mittagsstunde an einem S-Bahnhof in Berlin. Und doch wuchs, je länger ich die mysteriöse Atmosphäre auf mich einwirken ließ, so etwas wie eine tiefe Beklommenheit in mir, die mit logischem Denken nichts zu tun hatte. Was löste meine undefinierbare Angst aus? War es das ahnungsvolle Wissen, von Menschenopfern, die vor vielen Jahrhunderten dargeboten wurden? War es das wissenschaftlich fundierte Wissen von schauerlichem Brauchtum, von Menschen, die in großer Zahl bei lebendigem Leibe mit ihrem toten Herrscher im fulminant mit edelsten Schätzen ausgestatteten Grab beerdigt wurden?

Die Reichtümer sollten den Toten auch im Jenseits zur Verfügung stehen, genauso wie die Menschen, die die toten Herrscher im Jenseits zu umsorgen und zu bedienen hatten. Nicht nur an einer Stätte Perus beschlich mich diese seltsame Beklommenheit, die den nüchtern-logisch denkenden Menschen unserer Tage allenfalls herablassend lächeln lässt. Aber Hand aufs Herz: Hat uns die Aufklärung wirklich die diffuse Angst genommen, die von Friedhöfen ausgeht? Wagt sich wirklich jeder Zeitgenosse zu nächtlicher Stunde auf einen Friedhof?

Foto 5: Der Vergangenheit entrissen
Wir haben den Tod so gut es geht verdrängt, aus unserem Bewusstsein, aus unserem Lebensraum. Gestorben wird heute viel in Altenheimen und Krankenhäusern, in Sterbezimmern und seltener zuhause.

Und Tote werden so schnell wie möglich aus der Welt der Lebenden entfernt, von tüchtigen Bestattungsunternehmern professionell – fast hätte ich formuliert – entsorgt. Sie werden bis zur Feuer-, See- oder Erdbestattung verwahrt. Selbst die in meiner Jugend noch häufig im Straßenbild zu sehenden Leichenwagen werden heute weitestgehend so neutral gehalten, dass schon gar nicht mehr auf den ersten oder zweiten Blick zu erkennen ist, wer da eine letzte irdische Reise angetreten hat. Aus Angst vor dem unausweichlichen Ende, das uns allen blüht, wollen wir in einer Zeit wachsenden Jugendwahns möglichst gar nicht mehr an das Ende allen Lebens erinnert werden, schon gar nicht des eigenen.

Ich habe mir viele Jahre überlegt, ob ich meine so ganz persönlichen Eindrücke, die ich an Stätten des Todes gewonnen habe, lieber verschweige. Zeitweise trug ich mich mit dem Gedanken, in einem letzten Buch über diese »letzten Dinge« zu schreiben. So lang will ich nicht warten. Ich will stattdessen versuchen, so gut ich kann zu berichten – über meine Eindrücke im Umfeld der mysteriösesten Pyramiden unseres Planeten.

Foto 6: Da gruselt's gewaltig...

H.P. Lovecraft schildert schaurig schön (s)eine »Stadt ohne Namen«. Seine einleitenden Worte kamen mir immer wieder in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, um Pyramiden aufzusuchen, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt – und ich zitiere die wunderbare Version des FESTA-Verlags (1):


Foto 7: Grabräuber plünderten die Mumien

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.«

Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (2) »Verfallen und stumm« sind auch einst kolossale Pyramiden in Peru. Und auch in Peru gibt es Mauern, die im Boden zu versinken scheinen, die auf geheimnisvolle Weise zerfließen und formlos werden. Monstermauern von einst sind kaum mehr von natürlichen Formationen zu unterscheiden. Und überall gibt es Hinweise auf Mumien, die von Grabräubern ans Tageslicht gezerrt und gefleddert wurden. Da liegen bleiche Knochen im Sand, da weht der Wind Stofffetzen umher, die einst zu Mumienhüllen gehört haben.

Foto 8: Eines von Lovecrafts Meisterwerken
Einige Einheimische erzählten mir von Phänomenen, die man als Spukerscheinungen bezeichnen könnte. Ein katholischer Priester meinte: »Viele würden um nichts in der Welt die Region der verfluchten Pyramiden betreten, aus Angst vor den Toten! Die Grabräuber, so wird gemunkelt, haben die lebend Begrabenen wieder in unsere Welt gebracht. Wer sie nachts besucht, muss ihren Zorn fürchten!«

Fußnoten

1) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 1-5 von oben. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
Sehr empfehlenswert sind auch die eBook-Ausgaben von H.P. Lovecrafts
»Chronik des Cthulhu-Mythos 1« und »Chronik des Cthulhu-Mythos 2«, jeweils mit einem Vorwort und Erläuterungen des führenden Lovecraft-Experten Deutschlands Marco Frenschkowski. Band 1 enthält Lovecrafts »Stadt ohne Nehmen«, Originaltitel »The Nameless City«.
Beide Bücher sind auch als Print-Ausgaben im Festa-Verlag erschienen.
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen, Zeilen 15 und 16 von unten



Fotos 9 und 10: Fantastische Welten, erschaffen von H.P.Lovecraft


Zu den Fotos 

Foto 1: Eine der mysteriösen Pyramiden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eine der Monstermauern - zur Unkenntlichkeit verwaschen.... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Eine uralte Mosntermauer...Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Gruselig. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Vergangenheit entrissen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Da gruselt's gewaltig... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Grabräuber plünderten die Mumien. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Eines von Lovecrafts Meisterwerken. Foto Verlag/ Archiv Langbein
Fotos 9 und 10: Fantastische Welten, erschaffen von H.P.Lovecraft. Foto Verlag/ Archiv Langbein
Foto 11: Ich bin Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft, Foto Walter-Jörg Langbein

 
Foto 11: Ich bin Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft


390 »Im Tal der 300 Pyramiden«,
Teil  390 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 9.7.2017



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