Sonntag, 30. September 2018

454 »Pueblo de los Muertos - Das Dorf der Toten… «

Teil 454 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Festungsanlage der »Wolkenkrieger«.

Peru. Im Norden grenzt die Provinz »Luya« an die Provinz »Chachapoyas« an. Der Name hat Bedeutung: »Chachapoyas«, das waren die mysteriösen »Wolkenkrieger«, von denen wir nicht wirklich viel wissen. Ihre Religion kennen wir kaum. Offenbar glaubten sie an ein Leben nach dem Tode.  Hatten sie Priester? Zeremonien? Warum verschwanden sie Spurlos? Ja woher kamen sie? Vielleicht waren es gar Kelten, wie ein kühner Forscher spekuliert?

Die Provinz Luya hat eine sensationelle Festung zu bieten: Kuelap, die einstige Metropole der »Wolkenkrieger«. Als ich vor Jahren mit einigen Freunden Kuelap besuchte, waren wir mit Jeeps unterwegs. Nur so konnten wir weit abgelegene Stätten erreichen. Wir hatten immer einen Zusatzwagen dabei. Meist hatten wir drei Jeeps besetzt, ein vierter fuhr als Ersatzwagen mit. Wenn es zu einer Panne kam, wurde der defekte Jeep repariert, die drei anderen Vehikel fuhren weiter. Über zum Teil halsbrecherische »Straßen« gelangten wir auch in die Nähe der mysteriösen Ruinen. Den Rest des Wegs mussten wir auf Schusters Rappen zurücklegen. Da spürte man rasch, wie dünn die Luft und wie schwer der Rucksack mit den Kameras in einer Höhe von rund 3.000 Metern ist.

Nach Jahrzehnten der Forschung wurde erst ein kleiner Bruchteil von Kuelap untersucht und analysiert. Das soll sich jetzt ändern. Während sich noch vor Jahren kaum Fremde in das schwer zu erreichende Wunder der Baukunst wagten, sollen jetzt Touristenströme das Geld nur so sprudeln lassen. Höchst bequem sollen die Besuchermassen per Gondellift nach Kuelap geschafft werden. Viele Touristen bringt viel Geld, und davon soll der eine oder der andere Dollar auch der Archäologie zugutekommen.

Foto 2: Heute verschlossen... die Innenräume der Externsteine.

Leider bedeuten Touristenströme auch eine erhebliche Zunahme der Schäden an bedeutsamen Stätten. Abstoßendes Beispiel ist die »Caverna de Quiocta«. Die Höhle war meinst frei zugänglich. Nachdem sich immer wieder Touristen »bedienten« und kostbare Grabfunde als »Souvenirs« mitgehen ließen, wurde die Höhle mit einem Gitter abgesperrt. Sie darf nur noch unter Aufsicht eines Führers betreten werden. Immer wieder erlebe ich, dass Stätten nicht mehr besichtigt werden können. Beispiel: die geheimnisvollen Externsteine bieten ein imposantes Bild. Die »Innenwelt«, ineinander übergehende Kammern, standen jedermann zur Besichtigung offen. Weil es zu Schmierereien kam, wurden sie zur »Tabuzone« Nur mit Genehmigung darf man sie betreten, oder mit »amtlichem« Führer.

Ein angestellter Wächter erklärte mir empört: »Es ist vorgekommen, dass Schüler vor den Augen ihrer Lehrer ihre Namen in die Wände der Kammern geritzt haben. Die Pädagogen sind nicht eingeschritten. Traurige Zustände!

Vor solchem Vandalismus sind ganz besondere »Särge« der Chachapoyas von Karajia sicher. Was für Bergsteiger eine höchst interessante Herausforderung ist, das war für die »Wolkenkrieger« ein Friedhof, den sie »Pueblo de los Muertos«, »Dorf der Toten« nannten. An steiler Felswand gab es bunt bemalte Häuser zur rituellen Bestattung von Toten. Die Bezeichnung »Särge« ist irreführend. Es handelt sich dabei um riesige Tonfiguren, die doch große Ähnlichkeit mit den Statuen der Osterinsel aufweisen. Um zu den »Statuen-Särgen« der Chachapoyas zu gelangen, muss man versierter Bergsteiger sein. Man kann, wenn man das kann, eine senkrecht aufsteigende Felswand empor klettern. Oder man kann, wenn man dazu den Mut hat, sich von oben an der senkrechten Felswand abseilen.

Wie wohl die riesigen »Särge« von den Chachapoyas an ihre sicheren Plätze mitten in einer Felswand gebracht worden sein mögen? Und das ohne zu zerbrechen? Anders als die Osterinselriesen sind sie innen hohl und nicht aus Stein. Die »Wolkenkrieger« haben vor Jahrhunderten immer wieder ihre Toten an steilen Felswänden »bestattet«. Zum Teil nutzten sie natürliche Nischen im Fels, zum Teil bauten sie kleine »Plattformen«. So waren ihre Mumien ziemlich sicher vor Grabräubern. 

Fotos 3 und 4: Riesenfiguren im Vergleich – Wolkenkrieger (links),  Osterinsel (rechts)

Bei den Sarkophagen von Karajia handelt es sich um überlebensgroße Statuen aus Stroh und Lehm. Im Inneren einer jeden dieser »Särge« in Menschengestalt hockt eine Mumie. Die nach vielen Jahrhunderten nach wie vor gut erhaltenen Toten blicken gen Osten, als erwarteten sie den Sonnenaufgang. Vermutlich glaubten die »Wolkenkrieger« an eine Auferstehung der Toten und brachten die aufgehende Sonne mit dem neuen Leben nach dem Tode in Verbindung. Die Toten warteten im Leib der Riesenstatuen auf ihre Wiedergeburt: in kauernder Embryoposition.

Wie gelangten die »Sarkophage« von Karajia an ihren Bestimmungsort? Sie befinden sich an einer senkrechten Felswand, etwa auf halber Höhe, etwa dreihundert Meter unterhalb des Dorfes Karajia.Ich halte es für ausgeschlossen, dass man die relativ zerbrechlichen, recht großen Figuren von oben abgeseilt hat. Genauso unwahrscheinlich ist es, dass sie von todesmutigen Chachapoyas nach der Methode Klettermaxe von unten empor geschafft wurden. Vermutlich gab es einmal die Möglichkeit von der Seite aus auf einem natürlichen Felsband zum Aufstellungsort der »Statuen« zu gelangen. Von einem solchen Felsband fehlt heute freilich jede Spur. Vielleicht wurde es unmittelbar nachdem man die riesigen Tonfiguren aufgestellt hatte zerstört. Oder das Felsband wurde nach Eintreffen der marodierenden Spanier abgeschlagen, um die vornehmen Toten zu schützen. Dass es sich bei den so aufwändig bestatteten Toten um hochrangige Angehörige der »Wolkenkrieger«, vielleicht Priester, handelte, das ist wohl anzunehmen. Für Angehörige des »niederen Volks« hätte man keinen so hohen Aufwand getrieben.

Die Sarkophage von Karajia ähneln den Statuen der Osterinsel. Die typische, überlebensgroße  Sarkophag-Figur der »Wolkenkrieger« hat ein markantes, scharf zulaufendes Kinn,  eine dominierende Nase, tiefliegende Augen, so wie wir das von den Osterinsel-Statuen kennen. Die Osterinsel-Kolosse trugen steinerne, zylindrische »Hüte«. Die Figuren der Chachapoyas weisen oft eine übertrieben ausgeformte Stirnpartie aus. Mag sein, dass da eine Art »Hut« imitiert wurde.

Foto 5: Sarkophage in Menschengestalt ...

Die Statuen der Osterinsel werden – und diese Erklärung scheint mir die vernünftigste zu sein – im Zusammenhang mit einem Totenkult gesehen. Das trifft auch auf die geheimnisvollen Sarkophage der »Wolkenkrieger« zu. Noch eine Gemeinsamkeit: Gruppen von Statuen wurden auf der Osterinsel häufig (nicht immer)in der Nähe von Wasser aufgestellt, so wie auch Gruppen der »Chachapoya-Särgen«. Die Materialien, aus denen die Sarkophage bestehen, Stroh und Lehm, konnten mit der C-14-Methode datiert werden. Sie wurden in der Zeit um die Jahre 1460 bis 1470 hergestellt. Das war noch bevor die Inkas in jene Region vorgedrungen sind. Nach der umstrittenen schulwissenschaftlichen Datierung sind in der Zeit von 1400 bis 1600 sehr viele der Osterinselriesen entstanden. Es könnte also sein, dass »Wolkenkrieger-Sarkophage« und zumindest einige Osterinsel-Statuen zur gleichen Zeit entstanden sind. Gab es eine Verbindung zwischen Peru und Osterinsel in jener Zeit?

Der scheinbar größte Unterschied: Die Osterinselriesen befanden sich auf Plattformen auf ebener Erde und nicht an senkrechten Felswänden. Die Bestattung in riesigen Statuen in Menschengestalt wurde schon anno 1791 in »Mercurio Peruano« erstmals erwähnt. Es dauerte aber fast zwei Jahrhunderte, bis sich die Wissenschaft interessiert zeigte. Anno 1965 war es der deutsch-peruanische Archäologen Federico Kauffmann Doig, der die Sarkophage von Karajia »entdeckte«. 

Foto 6: … tragen Tote wie Embryos im Leib.

Es sind zwar unzählige Osterinselriesen beschädigt oder zum Teil mehrfach zerbrochen. Es sind aber noch viele der Kolosse intakt. Sie wurden alle von den Podesten gestürzt. Wer oder was ist dafür verantwortlich? Ich glaube es waren Erdbeben. Trauriger ist es um die »Wolkenkrieger-Sarkophage« an Felswänden bestellt. Bis heute wurde kein zweiter intakter Komplex dieser Art entdeckt. Gefunden wurden auch einige aufgebrochene und geplünderte Sarkophage. Es soll aber eine ganze Reihe gegeben haben. Immer wieder sind offenbar solche Sarkophage Opfer von Erdbeben geworden. Die Erschütterungen der Naturgewalten brachten sie zu Fall. Sie stürzten aus den Felswänden und zerbarsten am Boden.

Bei einem meiner Besuche im dörflichen Museum in Hanga Roa stieß mich auf einen sehr knappen, aber sehr konkreten Hinweis. Verfasst und veröffentlich hat ihn William Thomson, Zahlmeister der »USS Mohican« Ende des 19. Jahrhunderts. In wenigen Tagen untersuchte und beschrieb das Team der »USS Mohican« weit über einhundert Zeremonial-Plattformen rund um die Insel.

Eine Sensation, die heute so gut wie vergessen ist: Thomson beschreibt Steinstatuen, die (wie die Riesen-Sarkophage der »Wolkenkrieger«) in luftiger Höhe auf einem kleinen Vorsprung an einer senkrechten Steinwand standen. Sie sind spurlos verschwunden.

Foto 7: »Wolkenkrieger« mit Helm.



Zu den Fotos
Foto 1: Festungsanlage der »Wolkenkrieger«.
Foto 2: Heute verschlossen... die Innenräume der Externsteine.
Fotos 3 und 4: Riesenfiguren im Vergleich – Wolkenkrieger (links),  Osterinsel (rechts)
Foto 5: Sarkophage in Menschengestalt ...
Foto 6: … tragen Tote wie Embryos im Leib.
Foto 7: »Wolkenkrieger« mit Helm.

455 »Ahurikiriki und das Geheimnis der verschwundenen Statuen«,
Teil 455 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 07.10.2018



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Sonntag, 23. September 2018

453 »Der vergessene Kult«

Teil 453 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Das »Ding« sieht aus wie ein Flugzeug. Man sieht den klein geratenen »Propeller«. Rädchen hat das »Ding« aus. Das »Ding« ist ein Objekt der Verehrung: im Cargo-Kult der Südsee, ausgestellt im »Mystery Park« (umgenannt in »Jungfraupark«) in Interlaken.

Foto 1: Nachgebautes Flugzeug als Objekt der Verehrung.

Während meines Studiums der evangelischen Theologie in Erlangen wurde das Thema »Cargo-Kult« nur einmal kurz angeschnitten, und zwar als Negativbeispiel für eine vermeintlich »primitive« Form der Religion. Im Zentrum eines jeden »Cargo-Kults« steht, so hieß es, ein Messias. Die Anhänger glauben an seine Wiederkehr und an großen materiellen Reichtum, der dann angeblich ausbricht. Somit sei der Cargo-Kult im eigentlichen Sinne gar keine wirkliche Religion. In einer »anständigen Religion« geht es um Höheres, nicht um profanen, schnöden Mammon. Tatsächlich erhoffen sich aber Christen wie Moslems spätestens im Jenseits wahrlich physische Genüsse der paradiesischen Art, wenn sie nur dem »einzig wahren« Glauben huldigen. Für Moslems ist der einzig wahre Glaube natürlich der Islam, für Christen ist es das Christentum.

Der objektive Betrachter vermag da keinen Unterschied im Vergleich mit dem »Cargo-Kult« der Südsee zu erkennen. Cargo, das ist die Fracht, die sich Anhänger von »Cargo-Kulten« in der Südsee vom zurückkehrenden Gott John Frum erhoffen. So gesehen ist auch das Christentum ein »Cargo-Kult«.

Foto 2: Petrus am Hafen der Osterinsel.

Es ist immerhin Petrus, der Mann mit dem Schlüssel zum Himmelstor, der Jesus fragt, was denn seine treuen Jünger als Belohnung für ihre Rechtgläubigkeit erwarten dürften. Haben sie nicht alles aufgegeben, um Jesu Jünger werden zu können? Jesus prophezeit bei den Evangelisten Markus und Lukas (1) fast wortgleich recht reiche und profane Belohnungen, und zwar nicht für den fernen, nicht näher bestimmbaren »Sankt Nimmerleinstag«, sondern für die unmittelbar bevorstehende Zukunft. Wer Familie, Haus und Äcker aufgibt, um sich Jesus anzuschließen, der wird noch zu Lebzeiten »hundertfach empfangen ... Häuser, Brüder, Schwestern und Mütter und Äcker«, später als Zugabe noch »das ewige Leben«.

Am 15. Februar 2004 nahm ich mit einer kleinen Reisegruppe in Tanna (Neue Hebriden, Inselstaat Vanuatu im Südwestpazifik) an der Jahresfeier des »John Frum Kults teil. Im Zentrum steht nach wie vor Gott John Frum, dabei ist auch vor Ort der irdische Ursprung der »John Frum«-Bewegung bekannt. Am Vorabend der Hauptfeier versammelten sich die Anhänger des »John-Frum«-Kults, musizierten und sagen bis zum Morgengrauen. Mit meiner kleinen Reisegruppe war ich dabei. Wir waren fast die einzigen Fremden, die sich zu den Festivitäten zu Ehren John Frums eingefunden haben. Wir verhielten uns zurückhaltend, durften an der religiösen Festivität teilnehmen. Alt und Jung wirkte mit, die Älteren ernster, die Jüngeren ausgelassener. Selbst Kinder tanzten mit.

Foto 3: Alt und Jung feiern ...

Kurz und bündig: Irgendwann vor 1940, vielleicht schon um 1910, besuchte ein Amerikaner Tanna. Er mag versprochen haben, irgendwann einmal wieder vorbeizuschauen, so wie das viele Reisende tun. Später erschienen US-Soldaten auf dem Eiland.  Viele hießen John mit Vornamen, stellten sich als »John from..«, also als »John aus ...« vor. Schon nannten die Insulaner sie alle »John Frum«. Die »John Frums« reisten wieder ab, die Soldaten zogen wieder in die Heimat zurück. Die Geschenke der US-Boys blieben aus. Man wartete auf die Wiederkehr der Erhabenen, die in großen Vögeln vom Himmel gekommen waren. Man freute sich auf die reichen Geschenke, die »John Frum« verteilen würde. Bislang vergeblich, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. So entstand ein Kult: Aus vielen Männern namens »John from…« wurde ein John Frum. Und der wurde zum Messias erhoben, auf dessen Wiederkehr man heute noch hofft. Die US-Truppen gehören auch heute noch zum Kult, allerdings nicht mehr die Originale.

Die US-»Frums« werden von Einheimischen dargestellt, und das mit großem Eifer. Die John-Frum-Anhänger marschieren mit geschulterten Holzgewehren im Gleichschritt auf und ab. Sie hissen Flaggen und salutieren. Sie sprechen in »Walkie Talkies« aus Holz.

Foto 4: .. und tanzen zu Ehren John Frums.

Sie bauen Flugzeuge nach, zur Erinnerung an die John Frums, die in solchen »Vögeln« zu Besuch kamen und die Menschen beschenkten. Der Kult verändert sich weiter. In unseren Tagen wird er zusehends christianisiert. So verwandelt sich der erwartete »heidnische« Messias John Frum in den christlichen Messias Jesus. Noch gibt es strikte Puristen, die nach alter Väter Sitte den John-Frum-Kult zelebrieren. Aber schon wird auf dem John-Frum-Jahresfest auch Jesus als Messias herbeigesehnt. Meiner Meinung nach ist es eine Frage der Zeit, bis aus dem John-Frum-Glauben eine christliche Sekte wird.

Wir stellen uns heute die Frage, wie es möglich ist, dass Soldaten offenbar von friedlichen Insulanern fernab der »Zivilisation« als göttliche Wesen gesehen wurden. In einem Zeitungsbericht über eine Fotoausstellung von Ingeborg Diekmann über unsere Studienreise zum John-Frum-Fest heißt es (3): »Sie tragen Fliegermontur. Ihre Sonnenbrillen blitzten in der gleißenden Sonne. Für die Einheimischen müssen sie wie Götter erscheinen, die Hilfsgüter bringen und versprechen, wieder zu kommen und sodann mit ihren Flugmaschinen wieder verschwinden. Die Eingeborenen warten bis heute auf die Wiederkehr der Besucher aus einer für sie ganz anderen Welt.«

Foto 5: Aufmarsch für John Frum…

Der John-Frum-Kult ist wichtig für die Prä-Astronautik, weil er uns in nachvollziehbarer Weise verdeutlicht, dass die von ihm propagierten Messias-Erwartungen nicht auf Fantasie, sondern auf Fakten beruhen. Die Erstkontakte mit den heute noch erwarteten »Messiassen« hat es real gegeben. Dabei ist der John-Frum-Kult nur einer von vielen. Der deutsche Theologe Dr. Friedrich Steinbauer schrieb eine Doktorarbeit zu eben diesem Thema, die auch als Buch erschien (4):

»Melanesische Cargo-Kulte«. Der Theologe weist 185 ähnliche Kulte nach. Der John-Frum-Kult ist wichtig für die Prä-Astronautik, weil er uns zeigt, wie wohl außerirdische Besucher vor Jahrtausenden gesehen wurden: Sie waren allmächtig, konnten also nur Götter sein. Seltsam: Leider werden auch heute noch amtliche Dokumente über den John-Frum-Kult von 1940 bis 1957 auf Tanna verfasst, unter Verschluss gehalten. (5) Warum eigentlich?

»Cargo-Kulte« haben sich in der Südsee bis heute gehalten. Sie werden auch heute weiter zelebriert. Sie mögen sich in den Riten und Ritualen unterscheiden, aber sie alle imitieren, was die Menschen einmal gesehen haben. Marschierende US-Soldaten wurden beobachtet, die Kultisten spielten mit feierlichem Ernst nach, was sie gesehen haben. Ihre Kinder und Kindeskinder blieben dem alten Kult treu und marschieren weiter, mit Holzlatten anstatt von Gewehren.

Foto 6: Abmarsch, Kinder inklusive.

Was selbst in besonders gut informierten Kreisen in Sachen »Cargo-Kulte« unbekannt ist: Vor 100 Jahren gab es auf der Osterinsel Überbleibsel eines ähnlichen Kults. An der Südküste der Osterinsel stand ein Haus, das man ehrfurchtsvoll »haré-a-té-atua« nannte: »Haus der Atua-Götter« oder »Haus des göttlichen Atua«. Das Haus war schilfgedeckt und gehörte zu einem Ritualplatz, der – vielleicht etwas erhöht – mit flachen Kieselsteinen gepflastert war. Noch vor 100 Jahren wusste man: Hier wurde den Göttern gehuldigt. Den Göttern? Welchen Göttern? »Sie kamen von weit, weit her, auf Schiffen! Sie hatten rosige Wangen und man sagte, es seien Götter!« Welche Götter?Zum Gedächtnis dieser Götter schüttete man längliche Erdhügel auf, die »miro-o-orne«, »Erdschiffe«, genannt wurden. Auf diesen »Erdschiffen«, von denen es einst mehrere auf der Osterinsel gab, wurde »zelebriert«. Wie? Wir wissen es nicht mehr. Hier versammelten sich die Einheimischen und führten Schauspiele auf. In der Regel gab es jeweils einen, der Befehle erteilte. Und dann war noch seine Mannschaft, die die Befehle ausführte. Der Ursprung dieser Feierlichkeiten liegt auf der Hand:

Da waren Männer mit rosiger Haut auf riesigen, Ehrfurcht einflößenden Schiffen erschienen. Ängstlich wurden die Schiffe beobachtet. Der Kapitän erteilte Befehle, die Mannschaft führte sie auf. Was die Einheimischen beobachtet hatten, wurde imitiert, nachgespielt. Vor 100 Jahren waren die alten Zeremonien noch bekannt. Da wurden in einem Versammlungsraum zwei, vielleicht drei Boote aufgebaut. Ihre Masten gingen durch die Decke. Die Akteure trugen bei der Zeremonie europäische Kleidung, die sie von den Besatzungen europäischer Schiffe als Geschenke erhalten hatten. Auf Tanne tragen die höherrangigen Darsteller Uniformteile oder amerikanische Kleidungsstücke, die man ihnen geschenkt hat.

Foto 7: Zuschauerinnen beobachten die John-Frum-Zeremonien.

Das »haré-a-té-atua« ist längst verschwunden. Die seltsamen Zeremonien sind weitestgehend vergessen. Katherine Routledge notierte vor 100 Jahren Erinnerungen an den Osterinsel-Kult. Die eine oder die andere Information erhielt ich von Einheimischen, zum Beispiel von einem Lehrer einer der örtlichen Schulen. Vor einem Jahrhundert erinnerte man sich noch an die vermeintlichen »Götter«, bei denen es sich allerdings um europäische Seefahrer handelte. Auch damals war schon viel von den alten Zeremonien in Vergessenheit geraten. Offenbar wurden alljährlich Feierlichkeiten abgehalten, für die eigens immer wieder neue Musikstücke komponiert wurden. Vor einem Jahrhundert gab es nur noch bruchstückhafte, vage Erinnerungen an den vergessenen Kult. Und doch können wir noch erahnen, um was es bei den Feierlichkeiten ging. Katherine Routledge bekam vor einem Jahrhundert noch gezeigt, wo die Götter verehrt und gepriesen wurden.

Innerhalb von vermutlich drei oder vier Generationen wurden aus europäischen Besuchern, die auf mächtigen Schiffen zum Eiland gekommen waren, »Götter«. Die »Erdschiffe« der Zeremonialplätze sind verschwunden. Und der Kult um  Götter, die einst auf Schiffen gekommen sind, wäre längst ganz aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden, wenn nicht … Nur weil vor 100 Jahren Katherine Routledge einige Erinnerungen an den Kult aufzeichnen konnte, wissen wir, dass es einst einen Kult um vermeintliche Götter auf der Osterinsel gab.

Der John-Frum-Kult ist wichtig für die Prä-Astronautik, weil er uns in nachvollziehbarer Weise verdeutlicht, dass die von ihm propagierten Messias-Erwartungen nicht auf Fantasie, sondern auf Fakten beruhen. Es zeigt sich immer wieder, dass Vertreter einer technologisch weiter entwickelten Zivilisation von Mitgliedern technologisch rückschrittlichen Zivilisationen  mit »Göttern« verwechselt wurden. Auf der Osterinsel wurden so Europäer auf Schiffen zu Göttern. Waren es einst Außerirdische, die vor Jahrtausenden mit Göttern verwechselt wurden und die bis heute in Religionen verehrt und angebetet werden?

Foto 8: Der hoch angesehene Leiter der Zeremonien.

Fußnoten
(1) Das Evangelium nach Markus Kapitel 10, Verse 29 und 30 und das Evangelium nach Lukas Kapitel 18, Verse 28-30
(2) Siehe hierzu Langbein, Walter-Jörg: Lexikon der Irrtümer des Neuen Testaments, München 2004, Kapitel „Prophetenworte: Auch Jesus irrte“, S. 195-200
(3) Bahr, Albrecht-Joachim: »Papyas zwischen Mauern aus Basalt«, »Die Norddeutsche«, 16.10.2004
(4) Steinbauer, Dr. Friedrich: »Melanesische Cargo-Kulte/ Neureligiöse Heilsbewegungen in der Südsee«, München 1971
(5) Lindstrom, Lamont: »Cargo Cult«, Hawaii 1993, S. 81 ff.
(6) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998, Seiten 239

Zu den Fotos
Foto 1: Nachgebautes Flugzeug als Objekt der Verehrung. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Petrus am Hafen der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Alt und Jung feiern ... - Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: .. und tanzen zu Ehren John Frums. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Aufmarsch für John Frum…. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Abmarsch, Kinder inklusive. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Zuschauerinnen beobachten die John-Frum-Zeremonien. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der hoch angesehene Leiter der Zeremonien. Foto Walter-Jörg Langbein

454 »Pueblo de los Muertos - Das Dorf der Toten…«,
Teil 454 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30.09.2018



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