Sonntag, 3. Februar 2019

472 »Verbotene Artefakte«


Teil 472 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Rekonstruktion eines kuriosen Artefakts


 Tabus gibt es nicht nur in exotisch-heidnischen Religionen. Religiöse Tabus gibt es auch in unseren Gefilden. In der Politik gibt es Tabus. Im Bereich der kirchlichen Kunst gibt es eines. Es ist in Theologenkreisen, aber auch bei der Schar der Kirchgänger und bei Atheisten so gut wie unbekannt. Worum geht es? Es geht um verbotene Artefakte, um sakrale Kunstwerke aus heidnischen Zeiten. Es geht um Statuen und Statuetten, von denen niemand mit Sicherheit sagen kann, wen oder was sie darstellen. Dabei befinden sie sich manchmal vor aller Augen an Kirchenwänden. Andere werden in geheimen Kammern auch in christlichen Gotteshäusern mehr verwahrt als aufbewahrt (Foto 2).

Ein offizielles Verbot dieser Artefakte hat niemand ausgesprochen. Dennoch existiert es, dennoch wird es befolgt. Als unpassend, da als heidnisch angesehene Artefakte werden seit Jahrhunderten zerstört und versteckt. Einige der umstrittenen Objekte sind an Kirchenwänden zu sehen. Man muss nur suchen, um sie zu finden. Vermutlich gibt es mehr davon als manche fürchten, als manche ahnen und andere hoffen.

Einige aufmerksame Beobachter mit Schlafstörungen entdeckten zu nächtlicher Stunde seltsam flackerndes Licht im Turm des tausendjährigen Kirchleins. Die Zeugen konnten genau verfolgen, wie sich da jemand offensichtlich, ausgestattet mit einer Laterne, die steile und extrem enge Wendeltreppe bis zum Dachstuhl empor quälte. Vom Turm konnte man, das wussten die Beobachter, durch eine schmale, niedrige Tür in den Dachstuhl gelangen. Dort machte sich dieser jemand offensichtlich zu schaffen. Das Licht wanderte von Fensterchen zu Fensterchen in der Dachschräge, blieb schließlich stehen.

Waren da etwa Einbrecher im Kirchlein unterwegs? Und wenn ja, was suchten sie? Kostbarkeiten gab es keine im ganzen Gotteshaus, schon gar nicht im Dachstuhl. Aber genau da tat sich etwas. Manchmal glaubte man Schatten zu erkennen. Manchmal schien die Lichtquelle zu erlöschen.

Was war zu tun? Natürlich konnte man die Polizei anrufen. Allerdings war die ländliche Polizeiinspektion schon vor Jahren aufgelöst worden. Natürlich konnte man in der Stadt anrufen. Aber selbst wenn man dort sofort einen Polizeibeamten erreichte, würde es lange dauern, bis der vor Ort war. Was also tun?

Foto 2: Symbolbild
Die Zeugen wählten sie, ob der nächtlichen Stunden mehr zögerlich, die Handynummer »ihres« Pfarrers (1). Der meldete sich sofort. Auf die geheimnisvollen Lichterscheinungen im Dachstuhl des Kirchleins angesprochen reagierte der Geistliche irgendwie nervös, beruhigte dann aber einen Anrufer nach dem anderen: »Alles in Ordnung! Da wird ein wissenschaftliches Experiment durchgeführt!« Damit gaben sich die Anrufer zufrieden. Der Pfarrer arbeitete weiter – im Dachstuhl.

Was er in diversen Predigten als »Teufelswerk und Aberglauben« gebrandmarkt hatte, das nutzte er selbst bei der Suche nach »Schätzen«. Über der auf zwei steinernen Säulen ruhenden Decke lag eine Schicht aus Kieselsteinen und feinen Sandsteinbröckchen. Der Pfarrer war davon überzeugt, dass man hier oben im Dachstuhl Schutt vom Vorgängerbau »seines« Gotteshauses dazu verwendet hatte, um Unebenheiten auszugleichen. Warum das geschehen sein sollte, das wusste der Geistliche selbst nicht so recht. Aber er war davon überzeugt, dass sich im aufgeschütteten Boden des Dachstuhls Kostbarkeiten aus dem Vorgängerbau befanden.

Zunächst hatte er Quadratmeter für Quadratmeter abgesucht. Gefunden hat er nichts. Dann begann er, das aufgeschüttete Material zu durchsieben, wieder ohne Erfolg. Zu guter Letzt nutzte er ein Pendel und stieß auf Bruchstücke einer oder mehrerer Engelsfiguren zum Beispiel auf eine Schulterpartie mit halbem Kopf und zwei prachtvollen Flügeln.

Foto 3
Auf der Homepage seiner Kirchengemeinde beschrieb der Geistliche nach einigem Zögern und Gewissensprüfungen in kurzen Worten, aber ohne auf seine Vorgehensweise (Pendel!) einzugehen die Fundstücke. Auf dieser Homepage beschrieb der Priester auch einige Malereien an den Wänden der Kirche, die seiner Meinung nach nicht wirklich christlich waren. Als er dann (nach einigen Jahren Dienst) versetzt wurde, wurde die Homepage überarbeitet und alle Hinweise auf seine Suchaktionen und auf merkwürdige Malereien und seltsames Schnitzwerk wurden gelöscht. Seine unerwartete Versetzung sieht der Pfarrer nach wie vor als Bestrafung für seine Neugier, vor allem seine Hinweise auf »heidnische« Kunst, die es offiziell in einem christlichen Gotteshaus gar nicht geben durfte. Seither sucht er nicht mehr in Kirchen nach merkwürdigen Darstellungen in Kirchen und eventuelle »Entdeckungen« macht er schon gar nicht mehr publik.

Ein Einzelfall? Keineswegs. Während meines Studiums der evangelisch-lutherischen Theologie in den 1970-ern lernte ich eine ganze Reihe von Kommilitonen kennen, die aus wahren Theologendynastien stammten. In einigen Fällen waren schon ein Urgroßvater, ein Großvater und der Vater Theologen. Im Lauf der Jahre schloss ich mit Freundschaft und erfuhr so manches, worüber in der Öffentlichkeit nicht gesprochen wurde. Ich weiß inzwischen, dass es gar nicht so selten geschieht, dass Geistliche in ihrer kargen Freizeit das eigene Gotteshaus sehr gründlich, ja mit Akribie, untersuchen. Und siehe da: Da wurden kleine Nebenräumchen entdeckt, die in neuerer Zeit als Abstellkammern zum Beispiel für allerlei ramponierte Heiligenfiguren oder unansehnlich gewordene Engel und Weihnachtskrippen aufbewahrt wurden, die niemand aus der Gemeinde zu sehen bekam.

»Früher wurden in solchen ›Abstellräumen‹ Statuetten aus heidnischen Zeiten versteckt!«, erklärte mir Ludwig E. (2), dessen Urgroßvater lange Zeit als Missionar in Afrika tätig war. »Mein Vater war lange Zeit Pfarrer in einer kleinen Gemeinde in der Pfalz. Als ein kleiner Parkplatz hinter der Kirche angelegt wurde, musste der Boden egalisiert werden. Schließlich wurde etwas Erdreich abgetragen, um Pflastersteine zu verlegen. Dabei wurde eine stark beschädigte Figur gefunden.« (Fotos 1 und 3)

Eine christliche Heiligenfigur war das nicht. »Sie hielt,«, sagte mir Ludwig E., in beiden Händen ein Rad mit jeweils sechs Speichen. Aus dem eng anliegenden kappenähnlichen Hut quoll schulterlanges Haar hervor.« Die Räder lassen mich heute an Krodo denken, weitere Übereinstimmungen waren zwischen der rätselhaften Figur und dem mysteriös-umstrittenen Krodo aber nicht zu erkennen. 

Was war mit der Figur zu tun? Durfte man sie zerstören? Das wagte man nicht. Also kam die »heidnische Statuette« in die kleine »Abstellkammer«. Mein Vorschlag, den Fund einem Museum zukommen zu lassen, stieß nicht auf Gegenliebe. Als ich gar anmerkte, die Statuette würde das örtliche Heimatmuseum bereichern, löste fast einen Wutanfall aus. Mein Studienfreund versicherte mir mit bebender Stimme: »Wenn ich erst einmal Pfarrer bin, dann lasse ich dieses elende heidnische Kultobjekt verschwinden! Es heißt doch: ›Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!‹ Das bezieht sich auch auf Darstellungen von heidnischen Gottheiten in jeder Form! Das Ding muss zerstört werden!«

Wie viele »Heiligenfiguren« sind wohl aus heidnischen Zeiten erhalten geblieben? Wie viele verstauben in kirchlichen Abstellkammern oder in Kellern von Museen? Wie viele hat man im Lauf der Jahrhunderte zerstört? Und wie viele wurden in Mauern von Kirchen und Kapellen eingesetzt? Tatsächlich hat man an da und dort an christlichen Gotteshäusern Statuetten oder Plastiken angebracht, die so gar nicht christlich zu sein scheinen.

Foto 4:  Die Bündheimer Kirche, Bad Harzburg.

Ein besonders interessantes Beispiel findet sich an der St. Andreas-Kirche von Bundheim (Bad Harzburg)! Ich darf vorausschicken: Bei Bad Harzburg soll einst eine »heidnische Götterstatue« gestanden haben, die den Gott Krodo (andere Schreibweise: Crodo) dargestellt haben soll. Sie wurde, so ist es überliefert, auf Befehl des Heidenhassers Karl der Große zerschlagen. Es stellt sich eine Frage: »Überlebten« Teile dieser Statue? Wurden sie versteckt und weiter verehrt? Das sind spekulative, aber berechtigte Überlegungen.

Foto 5: Kurioser Kopf an der Bündheimer Kirche

Mike Vogler schreibt in seinem sehr empfehlenswerten Buch (3) »Rätsel der Geschichte« (4): »Darauf deutet eine mysteriöse Kopfplastik, welche in der Nordseite der Bündheimer Kirche in Bad Harzburg eingemauert ist. … Ortsansässige Heimatforscher sind sich aber sicher, dass es sich um den Kopf der Krodo-Statue handelt. Den Abmaßen des Kopfes zufolge hatte die Statue in etwa die Größe eines erwachsenen Mannes, … Beim Betrachten des Kopfes fielen mir gewisse amphibische Züge auf. Ob diese vom Bildhauer gewollt waren oder durch Verwitterungen des Steines entstanden sind, ist heute nicht mehr nachvollziehbar.«

Foto 6: Gott Svantevit (?), Marienkirche Bergen auf Rügen

Noch ein Beispiel: Schon während meines Studiums der evangelisch-lutherischen Theologie diskutierte ich mit Kollegen fast ein wenig verschwörerisch über ein eigenartiges sakrales Kunstwerk. Das umstrittene steinerne Objekt befindet sich an der »St.-Marienkirche« in Bergen auf Rügen. Es sieht so gar nicht christlich aus. Was oder wen stellt es dar? Wahrscheinlich zeigt es den Gott Svantevit oder »nur« einen Priester dieses Gottes.

Foto 7: Cover meines Buches

Ein drittes Beispiel, mit dem ich mich bereits an anderer Stelle, nämlich in meinem Buch (5) »Monstermauern, Mumien und Mysterien«, beschäftigt habe, darf nicht fehlen. Kapitel 17 (6) ist betitelt »Hängt eine heidnische Göttin am Münster zu Hameln?« Ich zitiere (7):

»Betrachtet man die stark verwitterte Figur an der Außen-wand näher, etwa mit Hilfe eines starken Teleobjektivs, so fällt der unverhältnismäßig große Kopf der Gestalt auf. Ich machte eine Reihe von Aufnahmen, zuletzt mit meiner Nikon D800E unter Verwendung eines 300-Millimeter-Teleob-jektivs. Je nachdem aus welchem Blickwinkel man die seltsame Statuette betrachtet, werden die Beschädigungen mehr oder weniger erkennbar. Wie zwei riesige Zähne oder Rippen ragt das Kriegerdenkmal empor und verdeckt, wenn man direkt davorsteht, die mysteriöse Statuette an der Außenwand.

Foto 8: Mysteriöse Gestalt am Münster
Mehrere Jahre habe ich recherchiert. Ich habe Fachliteratur studiert. Nirgendwo findet sich ein Hinweis auf die seltsame Figur, von einer Erklärung ganz zu schweigen. Schon 2014 wandte ich mich an Pastorin Friederike Grote, die meine Anfrage an Herrn B. G. weiterleitete, der in Fragen zum Hamelner Münster sehr bewandert ist. Herrn Gs Antwort fiel für mich, offen gesagt, ernüchternd aus (8): »Ich denke, dass der sehr starke Verwitterungsgrad der Figur eine sichere Deutung nicht mehr zulässt. Joachim Schween (9), den ich auch zu Rate gezogen habe, ist derselben Meinung. Er hält eine Mariendarstellung für möglich. Maria Magdalena, die reuige Sünderin, ist nicht auszuschließen. Zu ihr passen die offen getragenen Haare. In der mir bekannten Literatur zum Münster gibt es keine Hinweise auf die Figur.«

Es gibt diese »verbotenen Artefakte«. Wo sie nicht versteckt werden, werden sie verschwiegen. In offiziellen Kirchenführern kommen sie in der Regel nicht vor. Erkundigt man sich, darf man nicht auf Antwort hoffen. Mein Anliegen: Liebe Leserinnen, liebe Leser, nehmen Sie sich doch einmal ausgiebig Zeit, um ihre Kirche vor Ort zu besuchen. Umrunden Sie das Gotteshaus. Suchen Sie nach irgendwo angebrachten seltsamen Artefakten. Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen!


Fußnoten
(1): Der Pfarrer, um den es hier geht, bat mich um strikte Wahrung seiner Anonymität. Die habe ich ihm zugesagt, daran halte ich mich natürlich.
(2) Name geändert.
(3) Vogler, Mike: »Rätsel der Geschichte«, eBook, Dresden 2014
Voglers Buch ist Teil 1 seiner inzwischen auf 5 Bände angewachsenen Reihe. Es ist sowohl als Taschenbuch als auch als eBook erhältlich!
(4) eBook-Ausgabe, Seite 9, Pos. 86 folgende
Foto 9
(5) Langbein, Walter-Jörg: »Monstermauern, Mumien und Mysterien/ Band 2«, Alsdorf, 1. Auflage Januar 2019
(6) ebenda, S.118-S.123
(7) ebenda,  S.119 und S. 120
(8) Per Mail an Pastorin Grote Freitag, 19. September 2014 22:17.
(9) Joachim Schween ist ein örtlicher Archäologe.

Zu den Fotos
Fotos 1 und 3: Rekonstruktion eines kuriosen Artefakts. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Symbolbild. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4:  Die Bündheimer Kirche, Bad Harzburg. Foto wikimedia commons/ Kassandro
Foto 5: Kurioser Kopf an der Bündheimer Kirche
Foto 6: Bildstein Gott Svantevit (?), Marienkirche Bergen auf Rügen, Foto wikimedia commons/ lapplaender
Foto 7: Cover meines Buches »Monstermauern, Monstermauern, Mumien und Mysterien/ Band 2«
Foto 8: Mysteriöse Gestalt am Münster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Am Münster zu Hameln: Heidnische Göttin? Matrone? Foto Walter-Jörg Langbein

473 »Tabubrüche heute und einst«,
Teil 473 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. Februar 2019




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Sonntag, 27. Januar 2019

471 »Die unendliche Geschichte der Religionen«

Teil 471 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gott Krodo (Collage!)

Je mehr ich mich mit dem mysteriösen Gott Krodo beschäftige, desto mehr Fragen ergeben sich für mich. Die zentralen Frage schlechthin lauten: Gab es Krodo? Gab es nur einen Krodo oder viele? Und wenn Krodo keine fromme Fiktion war, wann wurde er erstmals verehrt und angebetet? Begeben wir uns auf eine Reise auf den Spuren von Krodo. Sie wird uns durch Raum und Zeit führen, zum Beispiel nach Goslar.

So schön der fast tausendjährige Krodo-Altar im Goslarer Museum am »Museumsufer« auch ist, es gibt keinen einzigen historischen Beleg dafür, dass er irgendetwas mit einem heidnischen Gott namens Krodo zu tun hat. Ein Gott Krodo, so wenden Skeptiker ein, taucht erstmals anno 1492 in der »Cronecken der Sassen« (Sachsenchronik) auf (1). Somit ist für viele Historiker der Sachverhalt klar: Krodo ist eine neuzeitliche Erfindung und wurde nicht in vorchristlichen Zeiten verehrt und angebetet. Er wird gern wissenschaftlich als »Pseudogott« bezeichnet. Auch die heidnische Göttin Ostara, auf die angeblich das christliche Osterfest zurückgeführt werden kann, soll so ein Pseudogott gewesen sein. Hat es also einen Gott Krodo in heidnischen Zeiten gar nicht gegeben?

Foto 2: Ostara, echt oder pseudo?

Die »Chronika Slavorum« (»Chronik der Slawen«) von Helmold von Bosau schildert die Zeit von Karl dem Großen bis 1168. Das Dokument gilt als die bedeutendste Schriftquelle Niederdeutschlands des 12. Jahrhunderts. Sie beschäftigt sich ausführlich mit der Glaubenswelt der Slaven und beschreibt einen »Rod« als höchsten Gott der Slawen. Offensichtlich war »Rod« für die Slawen der göttliche Herrscher des Universums. Und dieser „Rod« war auch als Hrodo, Chrodo und Krodo bekannt.

Besonders interessant sind Hinweise, die wir in » Die Wissenschaft des Slawischen Mythus …« (2) von Ignác Jan Hanuš (*1812; †1869) finden. Prof. Hanuš, Slawist und Philosoph, erkennt erstaunliche Zusammenhänge (3). So entspricht der slawische Gott Krodo dem Fisch-Mensch-Gott Oannes bei den Babyloniern.

Georg Friedrich Creuzer (*1771; †1858), ein renommierter deutscher Philologe, Orientalist und Mythenforscher, berichtet in seinem umfangreichen Werk auch über uralte Mythen aus dem Babylonischen.  Wir erfahren (3)  »wie der Gott Vischnu als Fisch die verlorenen Veda’s aus der Tiefe des Meeres wieder heraufgeholt und dadurch den Menschen aufs Neue das Gesetz offenbart habe.«  Die heiligen Veden sind vermutlich 1500 v.Chr., vielleicht auch schon früher, mündlich überliefert, später schriftlich fixiert worden.
Georg Friedrich Creuzer berichtet weiter (3):

Foto 3: Oannes, mysteriöse Fischgottheit. (Collage!)

»Und im ersten Jahre sey aus dem rothen Meere an der babylonischen Küste ein ungeschlachtes Thier, namens Oannes heraufgestiegen, welches ganz und gar den Leib eines Fisches gehabt; jedoch habe es unter dem Fischkopfe noch einen anderen Kopf getragen und unten Füsse gleich denen der Menschen und eine menschliche Sprache; und dieses Thier habe am Tage im Umgang mit den Menschen gelebt, ohne jedoch Nahrung zu sich zu nehmen, und habe sie Schrift und Wissenschaften, Städte und Tempelbau, Gesetzgebung, Abmarkung der Gränzen und das Einsammeln der Früchte gelehrt.«

Der Mythologie aus dem Babylonischen nach war also Oannes einer der kosmischen Kulturbringer, die die Menschen in grauer Vorzeit in allen möglichen Wissenschaften unterrichteten und ihnen die Grundlagen der Zivilisation beibrachten. Seltsam mutet die Beschreibung von Oannes an, der aus heutiger Sicht so etwas wie einen Taucheranzug trug. So hatte er ja unter dem Fischkopf »noch einen anderen Kopf getragen«. Man könnte da an missverstandene Technologie denken! Weiter führt Prof. Hanuš aus (4): »Die Analogie zwischen Krodo und Wischnu wird noch auffallender, wenn Wischnu als Blumen und Rad tragend vorkommt.«

Foto 4
Oannes hat einen Fisch-Unterleib. Vischnu (auch Wischnu) trägt Blumen und Rad. Die Sachsenchronik zeigt Krodo auf einem Fisch stehend (Oannes!), Blumen (Vishnu!) in einem Eimer tragend und ein Rad (Vishnu!) in den Himmel haltend. Sollte auch für Götter gelten: Namen sind Schall und Rauch? Gibt es weltweit einige Gottheiten, die da und dort unter verschiedenen Namen bekannt sind?

Mögen sich Wissenschaftler in Sachen Krodo streiten, einen ganz bestimmten Krodo stört das überhaupt nicht. Der steht eisern auf seinem Fisch, stemmt sein Rad empor. Und hält seinen Rosenkübel. Er wankt und weicht nicht. Er rostet auch nicht, wurde er doch anno 2007 vom Kunsthandwerker Volker Schubert aus feinstem Edelstahl geschaffen und aufgestellt. Wer den überlebensgroßen Krodo besuchen möchte, der muss nach Bad Harzburg kommen. Man kann den »Großen Burgberg« zu Fuß bezwingen, man kann sich aber die Sache viel einfacher machen und die Burgbergseilbahn nutzen. Unweit der Bergstation ist es nicht weit zur Brücke, die anno 1902 erbaut wurde. Vor besagter Brücke steht die Krodo-Statue. Auf dem Burgberg, so heißt es, stand bereits Ende des 8. Jahrhunderts eine Krodo-Figur, die Karl der Große zerstören ließ. Wirklich?

Am 16. Dezember 2017 publizierte die »Goslarsche Zeitung« einen Artikel: »Forscher sagt: Krodo gab es nie«. Wirklich? Machen wir uns auf die Suche! Laut Bothes »Cronecken der sassen«  (5) hieß die einst stolze, heute nur noch als Ruine erhaltene Harzburg bei Harzburg ursprünglich »Saterburg«, zu Neudetsch Saturnburg. Dort habe sich, so heißt es in der Sachsenchronik,  ein »affgode na saturno« befunden, also ein »Abgott nach dem Saturn«. Es stand also, aus Bothes Sicht, ein Götzenbild des Saturn bei der Saturnburg. Die Sachsen hätten das heidnische Idol »Krodo« genannt. Caesar selbst, so Bothe, habe im Gebiet der Sachsen, sieben Heiligtümer für sieben Planetengötter erbauen lassen.

Foto 5: Oannes nach altem Relief (Collage!)

Und Karl der Große, der Heidenhasser, habe alle sieben Heiligtümer nach seinem Sieg über die Sachsen zerstören lassen, das Saturnheiligtum bei der Saturnburg und weitere sechs Planetenheiligtümer. Schon Prof. Ignác Jan Hanuš (6) bezeichnete die Gleichsetzung von Saturn mit Krodo als »etwas gezwungen«.

In der Tat: die Darstellung Krodos in der Sachsenchronik hat so gar nichts Saturnhaftes an sich. Saturn hält auf keiner einzigen Darstellung ein Rad in die Höhe. Er ist vielmehr mit einer Sense ausgestattet. In keiner bildlichen Darstellung hat Saturn etwas mit einem Fisch zu tun. Häufig wird Gott Saturn gezeigt, wie er gerade einem Kind den Kopf abbeißt. Warum? In der antiken Mythologie wird überliefert, Saturn sei geweissagt worden, eines seiner Kinder werde ihn vom hohen Thron stoßen. Um das zu verhindern habe er die Kleinen gefressen.

Bereits anno 1605 vertrat Richard Verstegen (7) eine interessante Theorie, die von einer Verwechselung ausgeht. Gott Seater. Auch Sater genannt, der mit Saturn verwechselt wurde, habe  bei den Sachsen in manchen Regionen auch Krodo geheißen. Geht also der ursprüngliche Name der Harzburg (Saterburg) nicht auf Saturn, sondern auf Sater zurück? War Krodo ein nur regional bekannter Name für Gott Sater (auch Seater) und stand doch bei der Harzburg einst eine Statue des Gottes Sater alias Seater alias Krodo?

Ich muss mich wiederholen: Je mehr ich mich mit dem mysteriösen Gott Krodo beschäftige, desto mehr Fragen ergeben sich. Mehr als unwahrscheinlich ist meiner Meinung nach, dass Krodo erst anno 1492 von Conrad Bothe für seine Sachsenchronik erfunden wurde. Folgt man den Spuren Krodos, so führen sie einen in ferne Welten und ferne Zeiten.

Schon während meines Studiums der evangelischen Theologie beschäftigte ich mich mit der Frage, ob denn der biblische Schöpfergott Jahwe und der Messias Voränger in »heidnischen« Zeiten hatten. Das wurde speziell im Fachbereich »Neues Testament« heftig bestritten. Das Christentum hatte etwas vollkommen Neues zu sein und durfte keine Vorgänger in den »Kulten der Heiden« haben. Leider wurden von den Vertretern des frühen Christentums heidnische Konkurrenten alles andere als geliebt. Ihre Überlieferungen wurden bekämpft, ihr Schrifttum (so überhaupt verhanden) wurde vernichtet. So existierten die Werke der Konkurrenzreligion »Gnosis« lange Zeit nur in »Zitaten« in christlichen Werken, in denen die »Gnostiker« alles andere als fair behandelt wurden.

Foto 6: Gott Rod.

Wir finden Gott Rod in der magischen Welt der slawischen Mythologie. Er ist so etwas wie ein Urgott, ein Schöpfergott, der einst Götter und Menschen hervorgebracht hat. Vermutlich war er einst in der Hierarchie der Himmlischen der Höchste, der Mächtigste. Dažbog wurde als Sohn des Svarog verehrt. Svarog galt als Schöpfer allen Lebens und als Gott des Lichts. Er schmiedete mit den himmlischen Sonnenflammen magische Gegenstände und fürchterliche Waffen. Dažbog alias Svarožić war als Sohn des Schöpfergottes »Spender des Guten«.

Es scheint so, als ob Rod alias Krodo über weite Zeiträume existent war, nur sein Name änderte sich dann und wann. Letztlich wurde so manchem slawischen »Heiden«, der eigentlich nicht von seinem alten Glauben lassen wollte, der Wechsel zum Christentum erleichtert: Statt des Schöpfergottes Rod durfte, nein musste dem Schöpfergott des Alten Testaments Jahwe (alias Jehova alias der HERR) gehuldigt werden. Es gab das alte heidnische Gespann »Dažbog und Sohn Svarog«. Das christliche Pendant dazu war das Du »Gottvater und Sohn Jesus«.

Interessant ist: die christliche Dreifaltigkeitslehre findet sich weder im Alten, noch im Neuen Testament. Die christliche Erfindung der Trinität gab es aber in der Mythologie der Slawen: Perun, Dažbog alias Svarožić und Veles.  Perun war als Donnergott gefürchtet. Wenn er zornig wurde, griff er zu seiner gewaltigen Axt. Veles war eine Art Unterweltgott. Er beschützte die Toten, sorgte aber auch für das Vieh und Fruchtbarkeit. Eine solche Dreiteilung in der Götterwelt gab es bereits bei den Indogermanen, deren Wurzeln womöglich bis ins dritte oder vierte vorchristliche Jahrtausend zurückreichen.

Religiöse Glaubenswelten sind einerseits stetigem Wandel unterworfen.  Andererseits gibt es offensichtlich seit Jahrtausenden Glaubensbilder, die fortbestehen, weil sie immer wieder übernommen und in neue Glaubenslehren eingebaut werden. Da macht das Christentum keine Ausnahme!

Das ist die unendliche Geschichte der Religionen und ihrer Glaubenswelten. Sie wurde bis heute nicht erzählt.

Foto 7: Krodo (Collage!)


Fußnoten

(1) Der Verfasser der Sachsenchronik kann nicht eindeutig identifiziert werden. Vermutlich war es Cord oder Hermann Bote.
(2) Hanuš, Ignác Jan: »Die Wissenschaft des Slawischen Mythus im weitesten, den altpreussisch-lithauischen Mythus mitumfassenden Sinne. Nach Quellen bearbeitet, sammt der Literatur der slawisch-preussisch-lithauischen Archäologie und Mythologie«, Lemberg 1842 (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
(3) Creuzer, Georg Friedrich: »Symbolik und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen«, Verlag Carl Wilhelm Leske, Band 1, Leipzig und Darmstadt 1936, Seite 59 unten und Seite 60 oben (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
(4) Hanuš, Ignác Jan: »Die Wissenschaft des Slawischen Mythus im weitesten, den altpreussisch-lithauischen Mythus mitumfassenden Sinne. Nach Quellen bearbeitet, sammt der Literatur der slawisch-preussisch-lithauischen Archäologie und Mythologie«, Lemberg 1842, Seite 116 (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
(5) Sachsenchronik
(6) Hanuš, Ignác Jan: »Die Wissenschaft des Slawischen Mythus im weitesten, den altpreussisch-lithauischen Mythus mitumfassenden Sinne. Nach Quellen bearbeitet, sammt der Literatur der slawisch-preussisch-lithauischen Archäologie und Mythologie«, Lemberg 1842, Seite 115 (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
Foto 8
(7) Verstegen, Richard: »A Restitution of Decayed Intelligence in Antiquities«, Antwerpen 1605, S: 77, zitiert nach Fugger, Dominik: »Krodo/ Eine Göttergeschichte«, »Wolfenbütteler Heft 35«, Wiesbaden 2017, S. 19

Zu den Fotos
Foto 1: Krodo-Statue, Bad Harzburg. Das Originalfoto  stammt von wikimedia commons/ Kassandro. Achtung: Hier sehen Sie eine Collage, angefertigt von Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ostara, echt oder pseudo? Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Oannes, mysteriöse Fischgottheit. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Krodo-Statue, Bad Harzburg,  Foto wikimedia commons/ Kassandro.
Foto 5: Oannes nach altem Relief. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Gott Rod. Foto wikimedia commons/ Ranodna Pravda Ycco 
Foto 7: Krodo-Statue, Bad Harzburg,  Foto wikimedia commons/ Kassandro. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein   
Foto 8: Oannes, mysteriöse Fischgottheit. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein
Zeichnungen nach antiken Originalen wurden gespiegelt (teils horizontal, teils vertikal. Zudem wurden die Zeichnungen gelb eingefärbt.) Ansonsten sind entsprechen die Zeichnungen sehr genau den Originalen. Dabei handelt es sich um Steinreliefs, die mythologisch-religiöse Wesen zeigen.


472 »Verbotene Artefakte«,
Teil 472 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 03. Februar 2019


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