Sonntag, 3. Mai 2020

537. »Sechzig Myriaden Meilen und fünfhundert Jahresreisen höher«

Teil 537 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Hesekiels Vision von der fliegenden
»Herrlichkeit des Herrn«. Lutherbibel 1545.

Erich von Däniken (*14. April 1935) schrieb vor über einem halben Jahrhundert in seinem ersten Weltbestseller »Erinnerungen an die Zukunft« (1): »Der Mensch hat eine grandiose Zukunft vor sich, die seine grandiose Vergangenheit noch überbieten wird. Wir brauchen Weltraumforschung und Zukunftsforschung und den Mut, unmöglich erscheinende Projekte anzupacken. Zum Beispiel das Projekt einer konzentrierten Vergangenheitsforschung, das uns kostbare Erinnerungen an die Zukunft bringen kann. Erinnerungen, die dann bewiesen sein werden und ohne den Appell, an sie glauben zu sollen, die Menschheitsgeschichte erhellen. Zum Segen künftiger Generationen.«

Meiner Meinung nach kann nur ein Miteinander unterschiedlichster Wissenschaftsdisziplinen der Schlüssel zu den ältesten Mythen der Menschheit sein. Wissenschaftler haben im Verlauf der Jahrhunderte so viel Wissen angesammelt, dass es den klassischen Universalgelehrten von einst nicht mehr geben kann. Eine immer stärker werdende Spezialisierung ist die Folge. Fachübergreifende Forschung gibt es so gut wie nicht mehr. Wir sind aber nur dann dazu in der Lage, die altehrwürdigen Texte zu verstehen, wenn wir möglichst viele Interpretationen berücksichtigen. Bietet ein Text Philosophisches oder Technisches? Ein Philosoph kann die Bauanleitung für eine Maschine durchaus philosophisch verstehen und deuten, wahrscheinlich aber nicht rekonstruieren.

Wer meint, die Wahrheit schlechthin erkannt zu haben, der wird in allen Texten unserer Vorfahren nur Bestätigungen seiner vermeintlich wissenschaftlich fundierten Vorurteile finden. Wirklich revolutionär neuartige Gedanken haben es dann sehr schwer. Nobelpreisträger Max Planck (*1858; †1947) brachte es auf den Punkt: »Neue Ideen setzen sich nicht dadurch durch, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern dadurch, dass sie aussterben!« Etwas schneller könnten sich neue Ideen durchsetzen, wenn  Vertreter unterschiedlichster Wissenschaftsdisziplinen zusammen arbeiten würden.

Kehren wir noch einmal zum mysteriösen Text zurück, der uns eine Begegnung zwischen Hiram und Hesekiel hoch in himmlischen Gefilden beschreibt (2): »Als Hiram auf diese Weise über der Erde schwebte, da nahm er in seinem leeren Wahn, er wäre er dem Rest der Menschen überlegen, plötzlich den Propheten Hesekiel neben sich wahr. Erschrocken und erstaunt fragte Hiram den Propheten, wie er denn in jene Höhen aufgestiegen sei. Die Antwort war: ›Gott hat mich hierher gebracht, und er hat mich gebeten, dich zu fragen, warum du so stolz bist, der du von einer Frau geboren wurdest?‹ Der König von Tyrus antwortete trotzig: ›Ich bin nicht von einer Frau geboren, ich lebe für immer.‹ Seht, wie viele Könige ich überlebt habe! Einundzwanzig aus dem Hause David und ebenso viele aus dem Königreich der Zehn Stämme und nicht weniger als fünfzig Propheten und zehn Hohepriester habe ich begraben.‹«

Hesekiel wird in den »Legenden der Juden« von Gott hoch empor getragen. Wie das geschehen ist? War ein Naturphänomen verantwortlich? Die Antwort in fällt den »Legends of the Jews« kurz und bündig aus (3): »Er war dorthin von einem Wind geweht worden.« Hesekiel selbst kommt zu Wort: »Gott hat mich hierher gebracht.«

Micha Josef bin Gorion (*1865; †1921), ursprünglich Micha Josef Berdyczewski, war ein bedeutender hebräischer Schriftsteller und eifriger Sammler rabbinischer Legenden und Sagen. Er trug eine Fülle von altehrwürdigen Überlieferungen zusammen. In deutscher Übersetzung erschien das Mammutwerk unter dem Titel »Die Sagen der Juden« (4) in insgesamt fünf Bänden: »Von der Urzeit : jüdische Sagen und Mythen« (Band 1, 1913), »Die Erzväter : jüdische Sagen und Mythen« (Band 2, 1914), »Die zwölf Stämme: jüdische Sagen und Mythen« (Band 3, 1919), »Mose : jüdische Sagen und Mythen« (Band 4,1926) und »Juda und Israel: jüdische Sagen und Mythen« (Band 5, 1927).

Hesekiel, so erfahren wir aus den »Legends of the Jews«, wurde von Gott in luftige Höhen gebracht. Micha Josef bin Gorions Textkonvolut enthält das Kapitel (5) »XX. In den Himmlischen Hallen«. In den Unterkapiteln »Die Himmelfahrt«, »Abermals von der Himmelfahrt« und »Der Zug durch die sieben Gewölbe« wird von Moses »Himmelfahrten« berichtet. In den »Legenden der Juden« begegnen sich Hesekiel und Hiram in himmlischen Gefilden, in bin Gorions »Sagen der Juden« ist es Moses, der in himmlischen Regionen auf »Chefengel Kamuel« trifft (6): »Als Mose zum Himmel emporstieg, da kam eine Wolke ihm entgegen, und Mose wußte nicht, ob er sich auf sie schwingen sollte oder sich nur mit den Händen an ihr festhalten. Sie öffnete sich aber, und er kam in ihr Inneres. Und die Wolke trug den Mann Gottes mit sich fort, und er durchstreifte die Feste des Himmels. Da begegnete ihm der Engel Kamuel, welcher das Haupt der zwölftausend Schreckensengel war, die die Tore des Himmels bewachen.«

Foto 2: Moses und die Gesetzestafeln.

Leicht wird Moses die Himmelsreise zu Gott nicht gemacht. Die Engel wollen ihn nicht in die höchsten Gefilde vorlassen. So muss Moses zunächst »Chefengel Kamuel« (zu Deutsch etwa »Gott ist mein Ziel«) besiegen, bevor er nach einer wahrhaft kosmischen Reise dem nächsten Engel begegnet (7): »Da kam er an die Stätte, wo der Engel Hadarniel weilt, der um sechzig Myriaden Meilen höher ist als sein Genosse Kamuel.« Diese Distanz muss den unbekannten Urheber des alten Textes sehr beeindruckt haben. Er nennt die »sechzig Myriaden Meilen« zwei Mal.

Auch Hadarniel war Moses alles andere als zugetan. Hadarniel, zu Deutsch etwa »die Majestät Gottes«, »die Größe und Stärke Gottes«, (8) »aus dessen Munde blitze sprühen, wenn er spricht … sprach zu Mose: ›Was suchst du hier, in der Sphäre der Hoheit?‹« Erst auf Intervention Gottes hin erhält Moses Hilfe von Hadarniel. Der »Engel der Liebe führt Moses bis an die »Feuerstätte« des Engels Sandelphon, weiter darf er nicht aufsteigen.

Foto 3: Moses wird von Engeln am Aufstieg
in höhere Sphären gehindert.

Schließlich erscheint Gott selbst und »führte Mose durch die Region des Sandelphon«, der auch als »Gärtner Gottes« bezeichnet wird. Nach Überwindung des »Feuerstroms Rigion« kommt Moses dem Thron Gottes hoch oben im Himmel immer näher. Engel Galizur (»Offenbarer des Felsens«) und schließlich die »Würgengel« können Moses nichts anhaben, weil Gott ihn schützt. Endlich steht Moses vor dem Thron Gottes. Vierzig Tage benötigt Gott, um Moses seine Lehre, vor allem seine Vorschriften und Gebote, zu vermitteln.

Der Gott des biblischen »Alten Testaments« fährt vom Himmel herab (9), kommt auf einem Berg (vermutlich auf dem Berg Sinai) hernieder und heiligt so das Areal. Dadurch wird das Gebiet der Gotteslandung zur Tabuzone, die das Volk nicht betreten darf. Ein eigens errichteter Schutzzaun hält die Menschen davon ab, Moses zum »Landeplatz« Gottes zu folgen. Offenbar war es für zu nah Stehende Menschen lebensgefährlich, wenn Gott aus himmlischen Gefilden unter brausendem Getöse und Feuer und Rauch vom Himmel herab auf den Berg kam. Das Szenario muss für die Menschen damals ganz sicher furchteinflößend gewesen sein (10):

»Als nun der dritte Tag kam und es Morgen ward, da erhob sich ein Donnern und Blitzen und eine dichte Wolke auf dem Berge und der Ton einer sehr starken Posaune. Das ganze Volk aber, das im Lager war, erschrak. Und Mose führte das Volk aus dem Lager Gott entgegen, und es trat unten an den Berg. Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil der HERR auf den Berg herabfuhr im Feuer; und sein Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen, und der ganze Berg bebte sehr.«

Moses steigt nach dem Text des »Alten Testaments« den »Heiligen Berg« hinauf, Gott kommt in einer Wolke hernieder und trifft sich mit Moses. Hoch oben auf dem Berg händigt Gott Moses die Gesetzestafeln aus. Er soll dem Volk übermitteln, welche göttlichen Gebote in Zukunft zu befolgen sind. In den »Sagen der Juden«, gesammelt und aufgezeichnet von Micha Josef bin Gorion, macht sich Moses auch auf den Weg und beginnt den Berg zu erklimmen. Dann aber kommt ihm von oben eine »Wolke« entgegen. Die »Wolke« öffnet sich und nimmt Moses in sich auf. Die »Wolke« ist es offenbar, die Moses in ihrem Inneren in höchste himmlische Höhen zu Gott entführt. Dort trichtert ihm Gott vierzig Tage lang seine Gebote und Verbote ein.

Offensichtlich legt Moses gigantische Strecken zurück. So bekundet er (11): »Und dann sah ich noch den Sandelphon, der einen Weg von fünfhundert Jahresreisen höher ist als Hadarniel.« Offensichtlich absolviert Moses in den »Legenden der Juden« nach Micha Josef bin Gorin weite Reisen. Aber wohin? Zu »Gott« ins All? In die himmlischen Gefilde der Engel, die oft unvorstellbar weit von der Erde entfernt zu sein scheinen? Die diversen »Engel« scheinen als »Wächter des Himmels« zu fungieren, die darauf achten, dass niemand von der Erde aus in himmlische Gefilde vorzudringen versucht. Gott selbst freilich darf Menschen in den Himmel holen, womit mit »Himmel« nicht im christlichen Sinne das Jenseits gemeint ist. Ein Reich der Dahingeschiedenen in himmlischen Sphären war zu Zeiten des »Alten Testaments« vollkommen unbekannt.

Foto 4: Engel wirken als »Wächter des Himmels«.

Fußnoten
(1) Däniken, Erich von: »Erinnerungen an die Zukunft – Ungelöste Rätsel der Vergangenheit«, Düsseldorf und Wien, 1968, Seite 221
(2) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews«, Band 4, »From Joshua to Esther«, Taschenbuchausgabe, Baltimore 1998, Seite 335, 12. Zeile von unten – S. 336, 2. Zeile von oben.
(3) Ebenda, Seite 335, 9. Zeile von unten: »He had been waved thither by a wind.«
(4) Gorion, Micha Josef bin: »Die Sagen der Juden«, ins Deutsche übertragen von Ramberg-Berdyczewsky, Rahel, Frankfurt a. M. 1913–1927
(5) Gorion, Micha Josef bin:  »Mose: jüdische Sagen und Mythen«, Band 4, Frankfurt 1926, S. 239-255
(6) Ebenda, Seite 239, 1.-9. Zeile von oben (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen.)
(7) Ebenda, 3.-1. Zeile von unten
(8) Ebenda, 1.-3. Zeile von oben
(9) 2. Buch Mose 19, Verse 1-25
(10) Ebenda, Verse 16-18
(11) Gorion, Micha Josef bin:  »Mose: jüdische Sagen und Mythen«, Band 4, Frankfurt 1926, S. 243, 7.-9. Zeile von oben

Foto 5: Hesekiels Vision von der fliegenden
»Herrlichkeit des Herrn«. Lutherbibel 1545.


Zu den Fotos
Foto 1: Hesekiels Vision von der fliegenden »Herrlichkeit des Herrn«. Lutherbibel 1545. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Moses und die Gesetzestafeln. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Moses wird von Engeln am Aufstieg in höhere Sphären gehindert. Foto: Cheruben, Italien, 12. Jahrhundert. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Engel wirken als »Wächter des Himmels«. Foto: Chruben, Italien, 12. Jahrhundert. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Hesekiels Vision von der fliegenden »Herrlichkeit des Herrn«. Lutherbibel 1545. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

538. »Die Herrlichkeit des Herrn«,
Teil 538 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. Mai 2020


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Sonntag, 26. April 2020

536. »Und ich sah, und siehe«

Teil 536 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,

Foto 1: Prophet Hesekiel auf einer alten Ikone.

Theologen können mit dem wohl langatmigsten Text der Bibel nicht wirklich etwas anfangen. Wir finden ihn beim Propheten Hesekiel: Kapitel 40 und 41. Eine kleine Kostprobe (1): » Und siehe, es ging eine Mauer außen um das Gotteshaus ringsherum. Und der Mann hatte die Messrute in der Hand; die war sechs Ellen lang – jede Elle war eine Handbreit länger als eine gewöhnliche Elle. Und er maß das Mauerwerk: Es war eine Rute dick und auch eine Rute hoch.«

Da wird also etwas, ein Gebäude, vermessen. Was für ein Gebäude? Ein Tempel! Da scheinen sich die Theologen einig zu sein. Indes, so eindeutig ist die Übersetzung nicht. So ist zum Beispiel in der »Zürcher-Bibel« im zitierten Vers nicht von einem Tempel die Rede (2): »Und sieh, da war eine Mauer, aussen rings um das Haus.« Die »Schlachter 2000«-Bibel geht davon aus, dass es sich bei dem Bauwerk um einen Tempel handelt, sieht sich aber genötigt, den Tempel in Klammern einzufügen, wo im Text lediglich von einem »Haus« die Rede ist (3): »Und siehe, es war eine Mauer außen um das Haus [des Tempels] herum.«

Einigkeit scheint in Theologenkreisen zu herrschen, wenn es um die Frage geht, wo denn der vermeintliche Tempel zu finden sei. Es soll sich um den Tempel von Jerusalem handeln. Ist dem wirklich so?

Foto 2: Hesekiels seltsame Beschreibung
in der Piscator Bibel (1684).

Im Jahre 573/572 vor Christus wurde Hesekiel per »Herrlichkeit des Herrn« zum »Haus« durch die Lüfte verschleppt. Wo befand sich dieses »Haus«? Im Tempelkomplex von Jerusalem war er jedenfalls nicht. Der lag nämlich zu Hesekiels Zeiten noch in Schutt und Asche. Er wurde erst 538 vor Christus wieder aufgebaut. Und doch erwecken heutige Bibelübersetzungen den falschen Eindruck, Hesekiel sei nach Jerusalem verfrachtet worden. Fakt  ist aber: Hesekiel wusste nicht wo er war. Er schreibt von »einem sehr hohen Berg«, ohne einen Namen zu nennen. Er sah »etwas wie eine Stadt«. Wieder beschreibt er ohne einen Namen zu nennen (4): »In göttlichen Gesichten brachte er mich in das Land Israel, und er ließ mich nieder auf einem sehr hohen Berg; auf diesem war etwas wie der Bau einer Stadt, nach Süden hin.«


Foto 3: Hesekiels Zubringerraumschiff im Querschnitt
nach Blumrich.

Was Hesekiel vom »sehr hohen Berg« aus gesehen hat, Jerusalem war’s jedenfalls nicht, sonst hätte Hesekiel die Metropole seines Heimatlandes beim Namen genannt. Und er hätte nicht von »einem sehr hohen Berg« und von »etwas wie der Bau einer Stadt« gesprochen, sondern er hätte die ihm wohl vertrauten Namen und Bezeichnungen benutzt. Die Gefilde in und um Jerusalem waren ihm ja sehr wohl bekannt. Bibelübersetzer und Kommentatoren störten sich daran, dass geographische Begriffe fehlten, weil Hesekiel nicht wusste, wohin er gebracht wurde. Also fügten sie Ausdrücke ein, die im hebräischen Original gar nicht zu finden sind.

Konkretes Beispiel (5): »Und er sprach zu mir: Dies Wasser fließt hinaus in das östliche Gebiet und weiter hinab zum Jordantal und mündet ins Tote Meer.« Im hebräischen Original ist freilich lediglich von »einem Meer« die Rede. Theologe Eichrodt erklärt, man müsse annehmen, dass das »Tote Meer« gemeint sei. Man habe die fehlende Bezeichnung einfach eingefügt. Wie falsch das ist, beweist eine genauere Lektüre des Textes. Da wird der Fischreichtum gepriesen, da werden die üppigen Pflanzen und herrlichen Bäume gelobt. All das gab es in der Wüstenregion des Toten Meeres nicht. Um den Text in Einklang mit der Realität zu bringen, griffen die Übersetzer zu einem Trick. Im Hebräischen gibt es keine Zukunftsform wie in anderen Sprachen. Was Hesekiel als aktuellen Bericht zu Papier brachte, manipulierten sie in eine Vision von übermorgen. Nach dem Theologen Rudolf Smend blickte Hesekiel in die Zukunft, sah er das Israel einer fernen Zukunft.


Foto 4: Hesekiels »Vision«
in einer Bibelillustration (16. Jahrhundert).

Fakt ist aber: Hesekiel beschrieb ein Land, das er nicht kannte, so wie es damals zu seinen Lebzeiten aussah. Wir wissen bis heute nicht, wohin Hesekiel gebracht wurde. Der »Tempel«, den er beschreibt, haben wir bis heute nicht gefunden. Bei dem geheimnisvollen Bauwerk handelte es sich nach der umfangreichen Forschungsarbeit von Ingenieur Hans Herbert Beier (*1929; †2004) nicht um einen Tempel nach biblischem Verständnis, sondern um eine technische Anlage, die zum Beispiel zur Wartung von Flugvehikeln diente. Nach Josef Blumrich (6) und Hans Herbert (7) erlebte Hesekiel keine Vision, keinen Traum, sondern fantastische Realität.

Im Telegrammstil: Nach NASA-Ingenieur Josef Blumrich beschreibt Hesekiel in seinen biblischen Texten ein außerirdisches Raumschiff (konkreter: ein relativ kleines Zubringerraumschiff für erdnahe Reisen). Hesekiel wurde, so Blumrich, mit an Bord genommen. Josef Blumrich rekonstruierte das »Hesekiel-Raumschiff« geradezu penibel. Er kam zu sehr präzisen Detailangaben. Demnach betrugen der Durchmesser des Hauptkörpers von Hesekiels Flugvehikel 18 m, die Rotorenantriebsleistung 70.000 PS, der Durchmesser der Rotoren 18 m, der spezifische Impuls 2.080 sec., das Konstruktionsgewicht 63.300 kg, und das Gewicht des Treibstoffs für den Rückflug zu einem Mutterraumschiff 36.700 kg.


Hans Herbert Beier nahm sich die Tempelbeschreibung bei Hesekiel unabhängig von Blumrich vor. Er kam zum Schluss, dass jedes Detail stimmig und präzise ist. Es ergibt sich, so Beier, baut man die erstaunlich präzise Anleitung nach, so etwas wie ein »Stadion«, das nach oben offen war. Im Zentrum, so Hans Herbert Beier, landete und startete das »Hesekielraumschiff«. Hier wurden Reparaturen und Wartungsarbeiten vorgenommen, hier wurden Routinekontrollen durchgeführt.

Zu kühner Tobak? Was wirklich verblüffen muss: Blumrichs Rekonstruktion vom Flugvehikel passt (exakt wie ein Ei in einen Eierbecher) in den von Hans Herbert Beier penibel nach dem biblischen Text rekonstruierten »Tempel«.  Kann das ein Zufall sein? Die Forschungsarbeiten der Ingenieure Blumrich und Beier ergänzen einander perfekt. Demnach handelte es sich bei dem Tempel um eine technische Anlage zur Wartung von Zubringerraumschiffen. Sie wurde benutzt, um Reparaturarbeiten etwa am atomaren Hauptantrieb des Flugkörpers vorzunehmen. Ein solcher Vorgang wurde, um in der Raumfahrttechnologie zu bleiben, von Hesekiel beobachtet und beschrieben. Lesen wir bei Hesekiel nach,  und zwar in Kapitel 10 (8).

Foto 5: Gottvater
über den mysteriösen »Hesekielrädern«
(16. Jahrhundert)

Vers 6: »Und als er dem Mann in dem leinenen Gewand geboten hatte: ›Nimm von dem Feuer zwischen dem Räderwerk zwischen den Cherubim‹, ging dieser hinein und trat neben das Rad.
Vers 7: Und der Cherub streckte seine Hand aus der Mitte der Cherubim hin zum Feuer, das zwischen den Cherubim war, nahm davon und gab es dem Mann in dem leinenen Gewand in die Hände; der empfing es und ging hinaus.
Vers 8: Und es erschien an den Cherubim etwas wie eines Menschen Hand unter ihren Flügeln.«

Wir müssen uns vor Augen führen, dass dem biblischen Hesekiel Raumfahrttechnik völlig fremd war. Er konnte allenfalls versuchen, Vorgänge, die er nicht zu verstehen in der Lage war, so gut wie möglich zu beschreiben. Nach Josef Blumrich, den ich wiederholt zu seinem »Hesekiel-Buch« befragen konnte,  näherte sich ein Mann in Schutzkleidung (»in Leinen gekleidet«) dem atomaren Hauptantrieb. Ein Element wurde – offensichtlich mit Hilfe eines mechanischen Greifarms entnommen (»etwas wie eines Menschen Hand«). NASA-Ingenieur Blumrich (9): »Über die brennende Frage nach dem, was sich hier tatsächlich ereignete, kann man immerhin einige Vermutungen anstellen. Vom technischen Standpunkt aus gesehen, ist als einziges sicher, dass ein heißes Element entfernt wurde. Ob dieses ›heiß‹ rein thermisch war oder auch radioaktive Strahlung enthielt, ist unklar.«

Foto 6: Verbotene Texte bei Hesekiel.

Im Gespräch erläuterte mir Josef Blumrich, dass seiner Überzeugung nach womöglich ein radioaktiv strahlendes Element ausgebaut wurde. »Der ›Kommandant« war sich über die Gefährlichkeit des Eingriffs bewusst. Deshalb erteilte er aus der Distanz seine Befehle.«

Theologen können mit Hesekiels »Visionen« seiner Begegnungen mit dem Höchsten nicht wirklich etwas anfangen. Josef Blumrich und Hans Herbert Beier wagen eine ganz andere Interpretation: Ihrer Überzeugung nach war die »Herrlichkeit des Herrn« ein Raumschiff, das sowohl einen atomar betriebenen Raketenantrieb als auch Helikopter-Einheiten nutzen konnte. Blumrich und Beier untersuchten den biblischen Hesekiel mit »Raumfahrerbrille« und kamen dank ihres Ingenieurwissens zu Ergebnissen, die selbst der fleißigste Theologe nicht erreichen kann.

In seiner Bibelübersetzung von 1545 stellte Martin Luther dem Propheten Hesekiel eine »Newe Vorrede« (»Neue Vorrede«) voran. Da heißt es: »S(ankt) Hieronymus und andere mehr schreiben/ Das bey den Jüden verboten gewest/ und noch sey/das forderst vnd hinderst teil im Propheten Hesekiel zu lesen/ ehe denn ein Man dreissig jar alt werde.« Mit anderen Worten: Nur Männer ab 30 durften den vorderen und den hinteren Teil der seltsamen Texte Hesekiels über seine Sichtungen des göttlichen Himmelswagens lesen.

Dann lässt Luther seinem Antisemitismus freien Lauf. Eines solchen Verbots bedürfe es bei den »Jueden« ja sowieso nicht, bliebe doch den »Jueden« die »Heilige Schrift« sowieso verschlossen. Die Juden würden, so Luther, die Schrift mit ihren Auslegungen zerreißen und zermartern wie unflätige Säue einen Lustgarten zerwühlen.

Foto 7: Verbotene Hesekielvisionen.

Auch in der Bibelausgabe des Johannes Endter, im Jahre MDCCLXV (1765) in Nürnberg erschienen, werden dem »Propheten Hesekiel« diese Anmerkungen Luthers vorangestellt: »Sanct Hieronymus und andere mehr schreiben, daß bei den Jueden verboten gewesen, und noch so sey, das voerderste und hinderste Theil vom Propheten Hesekiel zu lesen, ehe denn ein Mann dreyssig Jahr alt werde.« (»Sankt Hieronymus und andere mehr schreiben, dass es bei den Juden verboten gewesen sei und noch ist, den vordersten und den hintersten Teil vom Propheten Hesekiel zu lesen, ehe denn ein Mann dreißig Jahre alt werde.«)

Foto 8: Die beiden Bücher von Blumrich und Beier
über Hesekiel.

Auch hier ist vom Unvermögen der Juden die Rede, die Schrift zu verstehen. Auch hier heißt es, dass ein Verbot für Juden, bestimmte Texte der Schrift zu lesen, überflüssig sei, weil die ganze Heilige Schrift den ungläubigen Juden verswiegelt und verschlossen sei. Auch hier werden die Juden mit »unflaetigen Säuen« verglichen, die die Schrift sowieso nicht verstünden und wie unflätige Säue »einen Lustgarten zerwuehlen und umkeren«.

Erstaunlich ist, dass Luther keineswegs seine Interpretation als die allein gültige ausgibt: »Das Gesicht aber Hesekiels, im ersten Theil, ist nichts anders, meines Verstands (ein anderer mache es besser) denn eine Offenbarung des Reichs Christi, im Glauben auf Erden, in allen vier Orten der ganzen Welt. … Aber Alle Stücke zu deuten, ist zu lang in einer Vorrede. Kurz zu sagen, diß Gesicht ist der geistliche Wagen Christi, darauf er faehret hie in der Welt, das ist seine ganze heilige Christenheit.«

Nach Luther ist das Gesicht, die Vision Hesekiels, nichts anderes »denn eine Offenbarung des Reiches Christi auf Erden«. Hesekiel beschreibt, so Luther eine Zukunftsvision: den »geistlichen Wagen Christi, darauf er faehret hie in der Welt«. Luther schränkt aber, ungewöhnlich selbstkritisch und unsicher für den Reformator, ein: so verstehe er den Text, ein anderer mache es besser.

Wer aber macht es besser? Josef Blumrich und Hans Herbert Beier? Auch die Interpretation der Hesekielbeschreibungen als Zukunftsvision schließen eine raumfahrttechnische Sicht keineswegs aus. Fasste Hesekiel in Worte, was er real sah? Oder schilderte er eine Vision künftiger Raumfahrttechnologie?

Meine Meinung: Hesekiels Staunen über das merkwürdige Flugobjekt, seine Beteuerungen, dass das Beschriebene wahr sei, wird im Hebräischen durch »Verdoppelung« zum Ausdruck gebracht: »Und ich sah, und siehe« steht für »ich sah ganz gewiss!«. Sein Staunen, sein Entsetzen, all das ist nur im Hebräischen wirklich erkennbar. Die Übersetzungen sind eigentlich alle bereits Interpretationen und Andeutungen.



Fußnoten
(1) Hesekiel, Kapitel 40, Vers 5, zitiert nach der Luther-Bibel von 2017.
(2) Hesekiel, Kapitel 40, Vers 5, zitiert nach der »Zürcher«.
(3) Hesekiel, Kapitel 40, Vers 5, zitiert nach der »Schlachter 2000«
(4) Hesekiel, Kapitel 40, Vers 2, zitiert nach der Luther-Bibel von 2017
(5) Hesekiel Kapitel 47, Vers 8, zitiert nach der Luther-Bibel von 2017
(6) Blumrich, Josef F.: »The Spaceships of Ezekiel«, New York, Februar 1974
Blumrich, Josef F.: »Da tat sich der Himmel auf/ Die Raumschiffe des Propheten Ezechiel und ihre Bestätigung durch modernste Technik«, Düsseldorf und Wien, März 1973
(7) Beier, Hans Herbert: »Kronzeuge Ezechiel/ Sein Bericht – sein Tempel – seine Raumschiffe«, München 1985
(8) Zitiert nach der Luther-Bibel von 2017
(9) Blumrich, Josef F.: »Da tat sich der Himmel auf/ Die Raumschiffe des Propheten Ezechiel und ihre Bestätigung durch modernste Technik«, Düsseldorf und Wien, März 1973, Seite 129, Zeilen 15-20 von oben
(10) Hesekiel, Kapitel 10, Vers 1 in der »Luther Bibel« 2017: »Und ich sah, und siehe, an der Himmelsfeste über dem Haupt der Cherubim glänzte es wie ein Saphir, und über ihnen war etwas zu sehen wie ein Thron.«

Zu den Fotos
Foto 1: Prophet Hesekiel auf einer alten Ikone. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Hesekiels seltsame Beschreibung in der Piscator Bibel (1684). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Hesekiels Zubringerraumschiff im Querschnitt nach Blumrich. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Hesekiels »Vision« in einer Bibelillustration (16. Jahrhundert). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Gottvater über den mysteriösen »Hesekielrädern« (16. Jahrhundert). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Verbotene Texte bei Hesekiel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Verbotene Hesekielvisionen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die beiden Bücher von Blumrich und Beier über Hesekiel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Bibelillustration zur Vision des Hesekiel. 16. Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


Foto 9: Bibelillustration zur Vision des Hesekiel.


537. »Sechzig Myriaden Meilen und fünfhundert Jahresreisen höher«,
Teil 537 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 03. Mai 2020


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