Sonntag, 7. Juni 2020

542. »1.000 Jahre vor Kolumbus«

Teil 542 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: St. Brenadanus auf einer Ikone.
Der italienische Dominikaner Tommaso Campanella (*1568;†1639), eigentlich Giovanni Domenico, setzte sich mit fortschrittlicher Wissenschaft auseinander »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.« Vor fast einem halben Jahrhundert schrieb Sir Arthur C. Clarke (*1917; †2008) (2): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.«

Wenn wir gedanklich in die Vergangenheit reisen, wobei wir altehrwürdige Schriften als »Fenster« ins Gestern und Vorgestern nutzen, dann stoßen wir immer wieder auf Schilderungen von seltsamen Ereignissen. Nicht immer können wir eindeutig feststellen, was dichterische Fiktion und was Beschreibung realer Begebenheiten ist. Wie entscheiden wir, was Märchen und was Wahrheit ist? In der Regel wird in Kreisen der Wissenschaft so entschieden: Was ganz und gar nicht in das als richtig definierte Weltbild passt, das wird bestritten.

Der bedeutende Theologe Prof. Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) bezeichnete ihm allzu fantastisch Erscheinendes als Märchen. Der Wissenschaftler kann als der Entdecker des Märchens als eigene alttestamentliche Gattung angesehen werden. Für die Reihe »Religionsgeschichtliche Volksbücher für die deutsche christliche Gegenwart« verfasste er »Das Märchen im Alten Testament« (3).

Menschliches Wunschdenken, so Prof. Gunkel, führte zu fiktiven Märchen. In diese Kategorie fällt seiner Meinung nach (4) »der Wagen des Hesekiel«. Weiter schreibt er: »Hesekiel hat in seinem berühmten ›Wagengesicht‹ mit barocker Phantastik die Erscheinung Jahves beschrieben. … Auch die Vorstellung von einem fliegenden Wagen kommt im Märchen vor. … Die Märchenreise führt etwa über das tiefe Meer, zum Beispiel in der Erzählung von Gilgamesch, oder durch ein furchtbares Feuer.

Es drängt sich eine Frage auf: Muss ein »Märchen« reine Fiktion sein? Oder kann ein märchenhaft anmutender Text nicht auch wahre Begebenheiten schildern?

In die Kategorie der »Märchenreise« gehört ohne Zweifel auch »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)«, »Die Seereise (des Abtes) Sankt Brendan«. Der mysteriöse Text dürfte bereits im 9. Jahrhundert entstanden sein. Im Lauf der Jahrhunderte wurde er in mehrere Sprachen übersetzt. Über 100 Variationen der Geschichte fanden in ganz Europa Verbreitung. Es ist letztlich belanglos, wie man die Schilderung von St. Brendans Reise katalogisiert. Ob man sie als »mythische Reiseerzählung« oder als »märchenhafte Legende« sieht, so ist damit keineswegs der Wahrheitsgehalt geklärt.

Foto 2: Greif greift an und wird selbst angegriffen.

Nach »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)« machte sich St. Brendanus zwischen 565 und 573 n. Chr. auf und stach mit zwölf Reisegefährten in See. Die dreizehn Wagemutigen erkundeten in einem »Curragh«-Bötchen den Atlantischen Ozean. Ihr eigentliches Reiseziel war die weit m Westen vermutete Insel »Terra Repromissionis Sanctorum«, das »Verheißene Land der Heiligen«. Sollte damit Amerika gemeint sein?

Brendanus ist eine historische Gestalt. Der Abt eines irischen Klosters wurde anno 484/ 489 im westlichen Irland geboren. Verstorben ist der Gründer mehrerer Klöster etwa 570/ 585. Bestattet wurde er in Clonfert. Dass Brendanus wie viele seiner Glaubensbrüder Seereisen unternommen hat, das ist nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Dr. Petra Kehl schreibt in ihrem hochinteressanten Aufsatz »St. Brendan der Seefahrer« (5): »Es gibt also verlässliche historische Zeugnisse für die Seefahrten irischer Mönche bis zum Polarkreis, ja bis nach Grönland. Darüber hinaus ist bekannt, dass die irischen Mönche umfangreiche geographische Kenntnisse besaßen, die geographischen Schriften des Ptolemäus kannten und auch schon wussten, dass die Erde keine Scheibe ist.«

Sollte St. Brendanus bis zum Polarkreis vorgedrungen sein? St. Brendanus erlebt mit seinen Glaubensbrüdern Abenteuer, die Homer nicht hätte spannender beschreiben können. Die dreizehn Männer geraten immer wieder in höchste Gefahr. Da tauchen zwei monströse Meeresungeheuer auf, die bald in einen fürchterlichen Kampf verwickelt sind. Da werden die frommen Mönche in ihrem winzigen Bötchen von einem »furchtbaren (Vogel) Greif« (»horribilis grifa«) angegriffen. Der wollte ganz offensichtlich einen der Mönche rauben. Im lateinischen Text des Originals: »grifa volens aliquem accipere«. Die Lage schien aussichtslos zu sein, doch da tauchte ein »furchtbarer Vogel« (»avis horribilis«) auf und tötete den Greif. Später werden die Mönche auf einer seltsamen Insel von feindlich gesinnten Einwohnern mit glühenden Steinen beworfen.

Gewiss, die Abenteuer der Mönche könnten zu einem Hollywood Blockbuster anregen. Die Männer erlebten Geheimnisvolles. Einmal gerieten sie in schier undurchdringbaren Nebel. Angsterfüllt beteten sie. Schon tauchte aus der Höhe, woher auch immer, ein Licht auf, das den Nebel verschwinden ließ.

Mysteriös ging es auf der Reise zu, vieles bleibt bis heute unverständlich. Aber heißt das, dass sie frei erfunden sind? Bei der gefährlichen Insel könnte es sich um ein vulkanisches Eiland gehandelt haben. Im Reisebericht heißt es, die Einwohner deines Eilands hätten Brendanus und Begleitung mit glühenden Steinen beworfen. Fakt oder Fiktion? Es ist möglich, dass es sich bei der Insel um Island handelte, dass die wagemutigen Entdecker einen Vulkanausbruch erlebten und tatsächlich vor »glühenden Steinen« geflohen sind.

Im Reisebericht begegnet ihnen ein im Meer treibender »Kristallpfeiler« und sie beobachten entsetzt »geronnenes Meer«. Bei dem »treibenden Kristallpfeiler« könnte es sich um einen Eisberg, bei dem »geronnenen Meer« um Treibeis gehandelt haben.

Oder gibt es für das »geronnene Meer« (nach einer anderen Übersetzung »das klebrige Meer«) eine ganz andere Erklärung? Ist damit das Meeresgebiet im Atlantik östlich Floridas, die sogenannte Sargassosee, gemeint? Was als »geronnenes Meer« (»klebriges Meer«) beschrieben wird, damit könnte tatsächlich die Sargasso See sein, wo eine gewaltige Menge von im Wasser schwebenden Braunalgen (Gattung: »Sargassum«) das Meer klebrig und geronnen erscheinen lässt. Sollte St. Brendanus tatsächlich lange vor Kolumbus Amerika entdeckt haben?

Foto 3: Tim Severin baute
St. Brendans Bötchen nach
und bezwang den Atlantik
(Buchcover der Originalausgabe).
Der Ire Timothy Severin (*1940), Historiker, Buchautor und Abenteurer war vom wundersamen Bericht um St. Brendanus fasziniert. Er baute ein »Curragh«-Bötchen nach, wobei er ausschließlich Materialien benutzte, die in »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)« beschrieben werden. Die Nussschale von einem Boot aus in Eichenlohe gegerbten und mit Wollfett eingeschmierten Ochsenhäuten war hochseetüchtig. Es überstand auch die Fahrt durch das Packeis. Auch wenn es die »Experten« für ausgeschlossen gehalten hatten, Severin meisterte im Brendanus-Bötchen die erste Etappe seiner Abenteuerreise zu den Färöer Inseln. Weiter ging es über Island und Grönland bis nach Neufundland. Allen Unkenrufen aus der Expertenwelt löste sich das Lederboot nicht auf. Severin gelang das angeblich Unmögliche. Am 26. Juni 1977 erreichte Tim Severin mit seinen wagemutigen Freunden »Peckford Island«, Neufundland. Damit war der Nachweis erbracht, dass St. Brendanus mit seinem Bötchen sehr wohl sehr weite Seereisen unternehmen konnte.

Sachlich schlussfolgert Dr. Petra Kehl (6): »Wie auch immer die Schilderungen der ›Navigatio Sancti Brendani abbatis‹ zu bewerten sind, eines steht nach Severins Reise fest: Die Seereise in einem Lederboot von Irland nach Nordamerika ist den Iren des Frühmittelalters zumindest möglich gewesen.«

Tim Severin ist mit seiner Abenteuerreise auf den Spuren von Mönch St. Brendanus auf eindrucksvolle Weise der Nachweis gelungen, dass Märchenhaft-Mythologisches sehr wohl real gewesen sein kann. Sein Buch über die Seereise der Mönche liest sich spannender als jeder Roman (7).

Foto 4: Die berühmte Weltkarte
von Admiral Piri Reis.
1945 erschien das Buch »St. Brendan the Navigator« in Dublin. Autor Dr. George Aloysius Little kam zur Überzeugung, dass St. Brendanus tatsächlich in seinem Bötchen den Atlantik überquert hat und nach Irland zurückgekehrt ist. Beim oft märchenhaft anmutenden Text »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)« handele es sich, so Dr. George Aloysius Little (8), um einen echten Bericht und kein reines Fantasiekonstrukt. Vielmehr werde zumindest eine reale Atlantiküberquerung, die fast ein Jahrtausend vor Kolumbus stattfand, beschrieben, wobei der Bericht allerdings sagenhaft ausgeschmückt wurde. Zum gleichen Ergebnis war Denis O’Donoghue (9) anno 1893 gekommen.

Im Lauf der Jahrhunderte wurde der ursprüngliche Reisebericht immer christlicher. Der historische Entdecker mochte aus Lust auf ferne Gestade aufgebrochen sein. Vielleicht hoffte er auch, in fremden Landen Heiden zum Christentum bekehren zu können, so wie dies 1.000 Jahre vor Kolumbus irische Missionare gerne taten. In jüngeren Fassungen wurde die »Weltreise Brendans« eine Strafe für den skeptischen St. Brendanus, weil er nicht so recht an die Wunder der Schöpfung glauben mochte. So wurde er angeblich auf die harte Tour von der Realität des Wundersamen überzeugt.

Foto 5:
Der Heilige
Abt Brendanus
auf hoher See.
Sankt Brendan taucht in einer weiteren historischen Quelle auf. Der osmanische Piri Reis fertigte im Jahr 1513 eine fantastische »Weltkarte« an, die nach Meinung mancher Experten zumindest Teile der Küste Amerikas zeigt. Professor Dr. Afet Inan, Ankara, sah in der Piri Reis Karte die »älteste Karte Amerikas«. Piri Reis hat seine Karte mit zahlreichen kleineren Bildern und Kommentaren versehen. Besonders interessant ist folgender Vermerk (10): »Man bemerke, daß ein Priester mit Namen Sanvolrandan in vergangenen Tagen die Tour der sieben Meeren machte. Nachdem er auf einem Fisch gelandet war, hielt der Priester diesen für Festland und zündete ein Feuer an. Als der Rücken des Fisches zu brennen begann, tauchte dieser ins Meer, und unsere Männer, die in ein Boot sprangen, flüchteten sich zu dem Schiff.«

Bei dem Priester namens Sanvolrandan handelt es sich, wie unschwer zu erkennen ist, um »Santo Brendan«, den wagemutigen Entdecker. Die kuriose Geschichte, die der türkische Admiral Piri Reis aufzeichnete, findet sich bereits in »Navigatio Sancti Brendani (abbatis)«.

Fußnoten
(1) Briersi, Antonio (Hrsg.): Tommaso Campanella »Del sense dello cose e della magia«, 1925, S. 241/42, zitiert nach Habiger-Tuczay, Christa: »Magie und Magier im Mittelalter«, München 1992, S. 192 (»Die Automaten«)
(2) Zitiert nach Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«, »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(3) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921
(4) Ebenda, Seite 59,b 11. Zeile von oben/ Seite 61, 1. Zeile von unten und Seite 62, 1. Zeile von oben/ Seite 65, 10.-8. Zeile von unten
(5) Kehl, Dr. Petra: »St. Brendan der Seefahrer«, http://www.kath-info.de/brendan.html (Stand: 27.04.2020)
(6) Ebenda (Stand: 27.04.2020)
Siehe auch
Carnac, Pierre: »Geschichte beginnt in Bimini«, Olten 1978 (»Brendan, der Heilige der verlorenen Horizonte«, S. 250-264)
Foto 6: Traktat über St. Brendanus
aus dem Jahr 1897
(7) Severin, Tim(othy): »The Brendan Voyage/ Across the Atlantic in a Leather Boat«, eBook-Ausgabe der Originalversion von 1978, London 2013
Severin, Timothy: »Tausend Jahre vor Kolumbus. Auf den Spuren der irischen Seefahrermönche«, Hamburg 1979
(8) Little, Dr. G(eorge) A(loysius): »St. Brendan the Navigator: An Interpretation«, Dublin 1945
(9) O’Donoghue, D(enis).: »Brendaniana: St. Brendan the Voyager in Story and Legend «, Dublin 1893
(10) Carnac, Pierre: »Geschichte beginnt in Bimini«, Olten 1978, Seite 263, 1. Zeile von unten –Seite 264, 6. Zeile von oben. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibreform angepasst. Anmerkung: Mir liegt eine englische Übersetzung des Zitats vor, die geringfügig von der Version bei Pierre Carnac abweicht.

Zu den Fotos
Foto 1: St. Brenadanus auf einer Ikone.
Foto 2: Greif greift an und wird selbst angegriffen.
Foto 3: Tim Severin baute St. Brendans Bötchen nach und bezwang den Atlantik (Buchcover der Originalausgabe).
Foto 4: Die berühmte Weltkarte von Admiral Piri Reis.
Foto 5: Der Heilige Abt Brendanus auf hoher See.
Foto 6: Ein Traktat über St. Brendanus aus dem Jahr 1897.
(Mackay, Aeneas J. G.: »St. Brendan of Clonfert and Clonfert-Brendan«, »Blackwood's Edinburgh Magazine«, London, Juli 1897, Seiten 135-146)


543. »Der Tag, an dem Sonne und Mond stillstanden«,
Teil 543 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14. Juni 2020



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Sonntag, 31. Mai 2020

541. »Hesekiel, Elias und Henoch wurden ›entrückt‹«

Teil 541 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Elias und Henoch. Bibelillustrationen, koloriert.

Der Prophet Hesekiel schildert seine erste Begegnung mit dem Wagen Gottes, auch »Herrlichkeit Jahwes« (»Herrlichkeit des HERRN«) genannt, so (1) »Und ich sah, und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Norden her, eine mächtige Wolke und loderndes Feuer, und Glanz war rings um sie her, und mitten im Feuer war es wie blinkendes Kupfer.« Auch in der »Elberfelder Bibel« kommt die geheimnisvolles Gotteserscheinung recht imposant daher (2): »Und siehe, ein Sturmwind kam von Norden her, eine große Wolke und ein Feuer,…«

Prof. Georg Fohrer (3): »Jahwe erscheint im Sturm, auf dem man die großen babylonischen Götter einherfahrend dachte. Er naht auf dem babylonischen Götterwagen mit den gewaltigen Rädern, deren furchtbares Getöse Himmel und Erde erzittern läßt. … Die Lichterscheinung erinnert an babylonische solare Gottheiten, vor allem wiederum des Sonnengottes.«

Der Theologe und Alttestamentler Prof. Hermann Gunkel (*1862; †1932) glaubt den Ursprung solcher himmlischer Wagen im Märchen ansiedeln zu müssen. So schreibt er (4): »Auch die Vorstellung von einem fliegenden Wagen kommt im Märchen vor; auf solchen Wagen fahren Elisa und Henoch zum Himmel. … Die Mythologie schreibt den Göttern solche Flugzeuge zu, denn natürlich besitzen diese die ›Wunschdinge‹, nach denen sich der Mensch sehnt: Hermes hat Flügelschuhe, Jahwe fliegt auf dem Kerub, bei Hesekiel auf den Häuptern von vier beschwingten Keruben und – auf einem beseelten Zauberwegen.«

Der Theologe und Alttestamentler Prof. Gunkel hält die Beschreibungen von Götterwagen für Wunschdenken. Ich muss dem Theologen auch hier den Raumfahrtwissenschaftler gegenüberstellen. Sänger lehnt den Gedanken, fliegende Wagen müssten Fantasieprodukte sein, ab. Raumfahrtpionier Eugen Sänger indes war da ganz anderer Ansicht als Prof. Gunkel (5): »Es erscheint uns heute fast wahrscheinlicher, dass unsere Vorfahren diese Vorstellungen aus realen Erfahrungen bei der Begegnung mit prähistorischen Besuchern aus dem Weltraum erwarben, als dass eine ans Unglaubwürdige grenzende Zukunftsschau sie ihnen schon vor Jahrtausenden auf wunderbare Weise geoffenbart hätte.«

Sänger betonte anno 1958, also vor mehr als einem halben Jahrhundert, dass entsprechende Hinweise nicht etwa nur bei einzelnen Völkern oder Religionen vorkommen, »sondern praktisch bei allen Völkern der Erde in sehr ähnlicher Weise auftauchen«.

Schließlich listet Prof. Sänger einige Indizien für Besuche der »Astronautengötter« auf, die Jahre später sozusagen zum Kanon der »Prä-Astronautik« gehören sollten (6):»Tatsächlich berichtet nicht nur die Bibel vom Propheten Elias, er sei auf einem von Flammenrossen gezogenen Donnerwagen gen Himmel gefahren, nach mexikanischen Mythen erhielten die Maya den Besuch eines Gottes aus dem Weltraum, die Begründer der peruanischen Inkadynastie kamen vom Himmel...«

Foto 2: Elias. Ikone, frühes 19.Jahrhundert.
Wenden wir uns Elias‘ Erlebnis mit dem fliegenden Gotteswagen zu. Zur Vorgeschichte: Auf Betreiben Elias versammelten sich auf dem Berg Karmel (7) »die vierhundertfünfzig Propheten des Baal und die vierhundert Propheten der Aschera«. Es kam zu einem Opferwettbewerb zwischen den Priestern Jahwes und den Priestern Baals, den die Baalspriester ganz klar verloren haben. Baal nahm das ihm dargebotene Stieropfer nicht an. Da half kein Geschrei. Auch Selbstverstümmelung half nicht (8): »Nach ihrem Brauch ritzten sie sich mit Schwertern und Lanzen wund, bis das Blut an ihnen herabfloss.« Elija ließ seinen Opferstier zerteilen, auf einen Altar legen und wiederholt mit Wasser übergießen. Anders als Baal erhörte, so der Bibeltext, Gott Jahwe Elias Gebete, der sich von Gott wünschte, der möge doch sein Opfer annehmen, auffressen, sprich verbrennen. So geschah es dann auch (9): »Da kam das Feuer des HERRN herab und verzehrte das Brandopfer, das Holz, die Steine und die Erde.«

Jetzt erkannte das Volk, so schildert es die Bibel, dass Jahwe der mächtigere Gott war. Die Baalspriester hatten verloren. Die Niederlage mussten die 450 mit dem Leben bezahlen. Elias befahl (10): »Ergreift die Propheten des Baal! Keiner von ihnen soll entkommen. Man ergriff sie und Elija (alias Elias) ließ sie zum Bach Kischon hinabführen und dort töten.«

Alle 450 Baals-Priester wurden abgeschlachtet. Kurios: Die »400 Propheten« der Göttin Aschera wurden zwar auch zum Opferwettstreit auf den Berg Karmel geholt, sie nahmen aber nicht am Wettbewerb teil. Warum waren die »Propheten« der Göttin zugegen? Und während berichtet wird, dass die 450 Baalspriester massakriert wurden, hüllt sich der Text in Schweigen, wenn es um die »Propheten Ascheras« geht. Die werden schlicht und einfach im weiteren Verlauf der Geschichte gar nicht mehr erwähnt. Sollte Aschera warum auch immer unantastbar gewesen sein? Tatsächlich gibt es Hinweise auf Aschera als Partnerin Jahwes.

Das von Elias (Elia/ Elija) angeordnete Gemetzel scheint Gott Jahwe nicht gestört zu haben, ganz im Gegenteil. Jahwe beschließt nämlich, den Priester Elias zu sich holen zu lassen. Damit ist freilich nicht der Tod des Propheten gemeint. Offenbar war – so der Bibeltext – im Volk bekannt, dass Jahwe Elias entführen lassen wollte. Konkretes Beispiel: Elischa (zu Deutsch etwa »Gott hilft«), der Diener Elias‘, wurde gefragt (11): »Weißt du, dass der HERR (Jahwe) heute deinen Meister über dein Haupt hinweg aufnehmen wird? Er antwortete: Auch ich weiß es. Seid still!«

Foto 3: »Entrückung« des Elias.
Bibelillustration, koloriert.

Vergeblich versuchte Elias (andere Schribweise Elija) seinem Gott auszuweichen. Elias und sein Diener Elischa, Elias Nachfolger, waren zusammen unterwegs, da kam der göttliche Flugwagen zum Einsatz (12): »Während sie miteinander gingen und redeten, erschien ein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte beide voneinander. Elija fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor.« Elias wurde lebend und leibhaftig mit Gottes Himmelswagen von der Erde abgeholt, spricht entführt, im Bibeldeutsch »entrückt«.

Wolfgang Schneider schreibt in seinem Artikel »Elias Entrückung gen Himmel« (13): »Der Bericht über das Lebensende des Propheten Elia ist immer wieder Gegenstand von Überlegungen und Theorien gewesen, die fast alle in einer These enden: Elia wurde von Gott in den Himmel aufgenommen, ohne daß er gestorben wäre. Das Ereignis wird auch als ›Entrückung des Elia‹ bezeichnet, oder es heißt, Elia sei nicht den gewöhnlichen Menschentod gestorben, sondern in den Himmel aufgenommen worden. Manchmal wird es mit der Entrückung Henochs, einem der vorsintflutlichen Väter, verglichen. Beide, so wird dann gesagt, habe Gott zu sich in den Himmel aufgenommen, ohne daß sie gestorben wären.«

Foto 4: Auch Henoch wurde
von Gott in den Himmel entrückt.
Bibelillustration um 1730.
Über Henoch weiß die Bibel nicht viel zu berichten (14): »Henoch war fünfundsechzig Jahre alt, da zeugte er Metuschelach (Methusalem). Nachdem Henoch Metuschelach gezeugt hatte, ging er mit Gott dreihundert Jahre lang und zeugte Söhne und Töchter. Die gesamte Lebenszeit Henochs betrug dreihundertfünfundsechzig Jahre. Henoch ging mit Gott, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen.« Wie der Terminus »Gott hatte ihn aufgenommen« zu verstehen ist, das verdeutlicht ein Vers im »Neuen Testament«. Im »Hebräerbrief« lesen wir in der »Einheitsübersetzung« (15):

»Aufgrund des Glaubens wurde Henoch entrückt, sodass er den Tod nicht schaute; er wurde nicht mehr gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; vor der Entrückung erhielt er das Zeugnis, dass er Gefallen gefunden habe bei Gott.« Ziehen wir noch »Hoffnung für alle« heran: »Weil Henoch glaubte, nahm Gott ihn zu sich, so dass er nicht sterben musste; er war plötzlich nicht mehr da. Die Heilige Schrift bestätigt, dass Henoch so gelebt hat, wie es Gott gefiel.«

Hesekiel erlebte eine Himmelsreise, wurde aber wieder auf irdischem Grund und Boden ausgesetzt. Elias und Henoch wurden auch zu einer Himmelsreise mitgenommen, so berichten es die biblischen Texte, nicht wieder zur Erde zurück.

Für den renommierten Theologieprofessor Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) ist der Sachverhalt klar! Für ihn gibt es offensichtlich zwei Sorten von Texten, nämlich realistische Beschreibungen realer Geschehnisse einerseits und märchenhafte, sprich fiktive Texte. Wie aber entscheidet der Theologe, was erfunden wurde und was nicht? Mir scheint, dass er alles, was ihm zu fantastisch erscheint, in die »Kategorie Märchen« einordnet. Und das betrifft biblische wie außerbiblische apokryphe Texte und solche, die in anderen Kulturen entstanden sind.


Foto 5: »Entrückung« des Elias.
Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.

Aber macht er es sich nicht zu einfach, wenn er alle Texte, die nach seinem Geschmack zu fantastisch klingen, in den Bereich des Märchenhaften verbannt? Prof. Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) war ganz ohne Zweifel ein vorzüglicher, kenntnisreicher und wissenschaftlich präzise arbeitender Theologe. Doch was für Prof. Gunkel vor hundert und mehr Jahren einfach viel zu fantastisch war um wahr zu sein, das mag für uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts längst überholte Wirklichkeit von gestern sein. Prof. Gunkel musste alles für unmögliche Fiktion halten, was für uns heutige immer noch allenfalls realistische Zukunftsschau ist. Genauso gilt, dass die Realität von – wählen wir ein beliebiges Jahr – 2122 für uns Heutige unfassbar unrealistisches Märchen sein muss. So ist es durchaus möglich, dass wir, wie Prof. Gunkel, uralte Texte als unglaubwürdig belächeln, nur weil sie fantastisch klingen. Meiner Meinung ist es unverzichtbar, auch scheinbar Märchenhaftes als Informationsquelle zu überprüfen. Falsch und unverantwortlich ist es meiner Meinung nach alles, was wir nicht für realistisch halten als »Märchen« zu etikettieren und unberücksichtigt zu lassen.


Fußnoten
(1) Hesekiel Kapitel 1, Vers 4 (Zitiert aus »Lutherbibel 2017«)
(2) Ebenda, Anfang von Vers 1 zitiert aus der »Elberfelder Bibel«.
»English Standard Version«: »As I looked, behold, a stormy wind came out of the north, and a great cloud, with brightness around it, and fire flashing forth continually, and in the midst of the fire, as it were gleaming metal.«
(3) Fohrer, Georg: »Handbuch zum Alten Testament. Erste Reihe 13/ Ezechiel«, Tübingen 1955, Seite 9, 7.-2. Zeile von unten (Fußnoten nicht mitgezählt!)
(4) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921, Seite 61, letzte Zeile unten – Seite 62, 8. Zeile von oben
(5) Sänger, Eugen: »Raumfahrt – technische Überwindung des Krieges«, Hamburg 1958, Seite 124
(6) Ebenda, Seite 125(7) 1. Könige Kapitel 18, Vers 19 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(8) Ebenda, Vers 28 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(9) Ebenda, Vers 38
(10) Ebenda, Vers 40
(11) 2. Könige Kapitel 2, Vers 3
(12) 2. Könige 2, Vers 11
(13) Schneider, Wolfgang: »Elias Entrückung gen Himmel«, »Bibel Center«.  http://www.bibelcenter.de/bibel/studien/wort/d-std071.php (Stand 25.04.2020)
Die Rechtschreibung des Zitats wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibrefrom gemäß verunstaltet.
(14) 1. Mose Kapitel 5, 21-24 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(15) Hebräer Kapitel 11, Vers 5 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(16) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921, Seite 52, 3.-8. Zeile von oben

Zu den Fotos

Foto 1: Elias und Henoch. Bibelillustrationen, koloriert.
Foto 2: Elias. Ikone, frühes 19.Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: »Entrückung« des Elias. Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: Auch Henoch wurde von Gott in den Himmel entrückt. Bibelillustration um 1730. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: »Entrückung« des Elias. Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.


542. »1.000 Jahre vor Kolumbus«,

Teil 542 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 07. Juni 2020 

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