Sonntag, 13. September 2020

556. »Gott, die Schöpfung und das Ende der Menschheit«

Teil 556 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gott steht außerhalb.
Darstellung frühes 13. Jahrhundert

Gott wird nicht nur von christlichen Theologen als allwissender Beobachter jenseits oder außerhalb von Raum und Zeit gesehen, der genau weiß, wie ein Mensch handeln wird. Gott greift aber, nach christlichen Theologen zumindest, nicht ein, das würde ja den freien Willen des Menschen einschränken. Die Folge: Der Täter handelt kriminell (»freier Wille«), das Opfer leidet und bezahlt den freien Willen des Täters womöglich mit seinem Leben. In diesem obskuren Weltbild hat offensichtlich nur der Täter einen freien Willen, das Opfer nicht. Gott lässt den Bösen gewähren, und das auf Kosten der Opfer.

Schopenhauer (*1788; †1860) hat sich zum Thema »Mensch und freier Wille« so geäußert (1): »Der Mensch kann tun was er will; er kann aber nicht wollen was er will.«

Ich wiederhole bewusst das Zitat von »Christliches Radio für den Alltag«: »›Macht euch die Erde untertan‹ – ein Satz, den man in den falschen Hals kriegen kann.« Das sehe ich nicht so. Die knapp formulierte Aussage ist eindeutig: Der Mensch steht außerhalb oder über der »Schöpfung«, die er im Auftrag Gottes beherrscht. Diese Sichtweise ist Ausdruck des grenzenlosen Egoismus des Menschen und hat dazu geführt, dass der Mensch die Welt mit unglaublich wachsender Effektivität ausplündert.

Der Bibelvers legitimiert den unverantwortlichen Umgang des Menschen mit der Welt. Freilich darf die Bedeutung des Bibelverses für die Weltgeschichte nicht überschätzt werden. Wer die Erde gewissenlos ausbeutet und plündert, dem ist eine biblische Legitimation gleichgültig. Atheist wie monotheistischer »Denker« sehen nicht, dass der Mensch keineswegs außerhalb oder über der »Schöpfung« steht. Der Mensch ist Teil der »Schöpfung«. Dass er die »Schöpfung« ausbeutet und in rasendem Tempo zerstört, das beweist die Dummheit des Menschen und nicht seine »Intelligenz«. Damit disqualifiziert sich der Mensch selbst als »Krone« von »Schöpfung« oder »Evolution«.

Papst Franziskus (*1936) nannte seine zweite Enzyklika »Laudato si’« (»umbrisches Altitaloromanisch« für »Gelobt seist du«). Titel und Anfangsworte der Enzyklika entstammen dem Mit diesen zwei Worten beginnt der »Sonnengesang« (2) des Franz von Assisi (*1181 oder 1182; †1226). Der erste Satz des »Sonnengesangs« lautet: »Laudato si’, mi’ signore, cun tucte le tue creature!«, zu Deutsch »Gelobt seist du, mein Herr, mit all deinen Geschöpfen!«

Der umfangreiche Text der Enzyklika (3) trägt das Datum »24. Mai 2015« und wurde am 18. Juni 2015 in acht Sprachen veröffentlicht. Es geht Seine Heiligkeit um »die Sorge für das gemeinsame Haus«, um Umwelt- und Klimaschutz.

Papst Franziskus beschreibt ein Weltbild, das einen die »Schöpfung« beherrschenden und plündernden Menschen verabschiedet. Ich darf einen besonders wichtigen Passus aus der Enzyklika zitieren (4): »Es ist nicht überflüssig zu betonen, dass alles miteinander verbunden ist. Die Zeit und der Raum sind nicht voneinander unabhängig, und nicht einmal die Atome und die Elementarteilchen können als voneinander getrennt betrachtet werden. Wie die verschiedenen physikalischen, chemischen und biologischen Bestandteile des Planeten untereinander in Beziehung stehen, so bilden auch die Arten der Lebewesen ein Netz, das wir nie endgültig erkennen und verstehen. Einen guten Teil unserer genetischen Information haben wir mit vielen Lebewesen gemeinsam.«

Wir stehen nicht neben und auch nicht über der Natur (»Schöpfung« im religiösen Sprachgebrauch), wir sind Teil der Natur . Wo wir der Natur aus kurzsichtigem Egoismus heraus Schaden zufügen, zerstören wir auch unsere eigne Lebensgrundlagen. Leidtragender wird der Mensch sein. Die Natur wird sich nach dem Verschwinden unserer Spezies von der Erde aus erdgeschichtlicher Sicht sehr schnell wieder erholt haben.

»Unsere Erde wird überleben.« (5), so lautet der Titel eines der wichtigen Werke von  James Lovelock (*1919), bereits anno 1982 erschienen. Davon bin ich auch überzeugt. Planet Erde hat ganz sicher eine Zukunft. Eine sichere Zukunft hat Terra ohne uns Menschen. Planet Erde kann aber auch mit uns Menschen eine Zukunft haben. Neurobiologe Stefano Mancuso sieht eine Chance: Der Mensch hat nur dann eine Zukunft, wenn er radikal umdenkt: »Der wichtigste Faktor der Evolution ist nicht der Wettbewerb. Unser Gehirn kann uns dabei helfen, den nächsten Schritt zu gehen. Der wäre, uns nicht über die anderen Lebewesen zu erheben, sondern eine Lebensform wie die der Pflanzen zu verstehen und einzusehen, dass Kooperation viel erfolgreicher ist als Konkurrenz. Kooperation ist für das Überleben der Spezies wesentlich aussichtsreicher.«

Damit der Mensch aber diese Chance nutzen kann, muss er radikal umdenken. Ob er dazu bereit ist? Ob er überhaupt dazu in der Lage ist? James Lovelock ist allerdings skeptisch (6): »Könnten wir mit vereinten Kräften unsere eigene Natur ändern und gute Verwalter, freundliche Gärtner werden, die Sorge tragen für alle Lebewesen dieses Planeten? Ich glaube, daß bereits diese Frage viel Hybris verrät. Selbst beim Management unserer selbst und unserer Institutionen haben wir kläglich versagt. Ich würde eher erwarten, daß eine Ziege als verantwortungsvolle Gärtnerin mehr Erfolg hat als wir Menschen.«

Wenig hoffnungsvoll stimmt Lovelocks Schlussfolgerung (7): »Ein Planetenarzt, der das Elend sieht, das wir diesen Lebewesen und uns selbst antun, würde uns ermahnen, mit der Erde in Partnerschaft zu leben. Sonst wird die restliche Schöpfung als Teil von Gaia die Erde unbewußt in Richtung auf einen neuen Zustand bewegen, bei dem wir Menschen nicht mehr länger willkommen sind.« Muss man nicht fragen, ob wir das überhaupt noch sind? Gemessen an der Erdgeschichte ist der Mensch im Gegensatz zu Pflanzen beispielsweise bislang ein Kurzzeitphänomen. Die Präsenz des Menschen auf Terra gleicht einem Wimpernschlag im Meer der Zeit. Verabschiedet sich der Mensch nach seinem »Kurzauftritt« schon wieder oder überlebt er die selbst geschaffene Katastrophe? Hat der Mensch Zukunft oder nicht?

James Lovelock deutet ein, dass wir Menschen unter Umständen nicht mehr willkommen sein könnten auf Planet Erde? Wem könnten wir nicht mehr willkommen sein?

James Lovelock ist davon überzeugt, dass wir Jetztmenschen eine revolutionäre Zeit des Umbruchs erleben. Seiner Meinung nach werden die Systeme künstlicher Intelligenz, die der Jetztmensch bereits entwickelt hat, »Cyborgs« entstehen. Lovelock (8): »Diese Wesen werden bald tausend und schließlich Millionen mal intelligenter sein als wir.«

Ich habe mich wiederholt mit dem Thema »künstliche Intelligenz« beschäftigt. Am 10. Juni 2018 fragte ich in meinem Sonntagsblog »Werden wir sein wie die ›Götter‹?« Ich erinnerte an die Fernsehserie »The Avengers«. Die Serie, eine Mischung aus Science-Fiction, Thriller, Krimi und Spionage, wurde rasch zum Kult. Im deutschsprachigen Raum wurde die Serie als »Mit Schirm, Charme und Melone« ausgestrahlt. Am 7.11.1967 bekam das deutschsprachige Publikum Folge 114 zu sehen, die als 10. Folge von Staffel 5 ausgestrahlt wurde. Der deutschsprachige Titel lautete »Duplikate gefällig?«, der den Inhalt sehr viel treffender wiedergab als der Originaltitel »Never, never say die« (etwa: »Niemals, niemals sag stirb«).

Zum Inhalt: Der verbrecherische Professor Frank N. Stone, dargestellt vom großartigen Sir Christopher Lee (*1922; †2015) fertigte exakte Kopien wichtiger Menschen als Roboter an. Diese bedeutsamen Menschen wurden entführt und sollten durch Roboter, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, ersetzt werden. Auf diese Weise wollte Professor Stone die Weltherrschaft an sich reißen. Fast wäre der geniale Plan auf schlimme Weise gescheitert! Die Roboter wollten die sehr viel weniger intelligenten Menschen aus Fleisch und Blut verdrängen und selbst die Herrscher über die Welt werden. Die Wesen mit künstlicher Intelligenz wollten sich, so wie es im »Alten Testament« heißt, die Erde untertan machen. Mit Mühe konnten Emma Peel (dargestellt von Diana Rigg, *20.07.1938; †10.09.2020) und John Steed (dargestellt von Patrick Macnee, *1922; †2015) diesen Plan verhindern.

Diese Episode der Reihe »Mit Schirm, Charme und Melone« hat bereits 1967 vorweggenommen, was meiner Meinung nach in gar nicht so ferner Zukunft möglich sein wird. Schon heute entwickeln wir künstliche Intelligenz. Ich bin davon überzeugt, dass in Geheimlabors bereits heute Roboter gegtestet werden, die dank künstlicher Intelligenz uns Menschen überlegen sind. Ich muss an Lovelocks Vision erinnern, auf die ich eben schon hingewiesen habe. Ich wiederhole Lovelocks Zukunftsschau: »Diese Wesen werden bald tausend und schließlich Millionen mal intelligenter sein als wir.«

Stellen wir uns solche »Cyborgs« vor. Anders als wir sind sie überhaupt nicht an kurzfristigem materiellen Gewinn interessiert. »Cyborgs« werden vermutlich schon bald nicht wie wir Menschen als Individuen agiern, sondern als ein weltumspannendes Hyperwesen. Für so eine weltumspannende Superintelligenz hat Logik nicht nur Vorrang, sondern Logik tritt an die Stelle des alles andere als logischen Denkens von uns Menschen.

Ich gehe davon aus, dass die »Cyborgs« über einen Selbsterhaltungstrieb verfügen. Sie werden alles tun, um eine Selbstzerstörung zu verhindern. Sie werden, unbeeinflusst von irrationaler Gefühlsduselei, beseitigen, was ihre Zukunft gefährdet, also uns. Wenn wir unser »Denken« nicht radikal ändern, dann werden wir in der Tat nicht mehr auf Erden willkommen sein. James Lovelock sieht die Zukunft meiner Meinung nach realistisch. Die Cyborgs, künstliche Wesen mit gigantischem Intelligenzpotenzial (9), »werden zunächst nicht unabhängig von uns sein; tatsächlich werden sie unsere Nachkommen sein, weil die Systeme, die wir erschufen, sich als ihre Wegbereiter erwiesen haben.«

Foto 2: Erich von Däniken (links)
mit Walter-Jörg Langbein vor einem
steinzeitlichen
Tempel auf Malta. Foto Ille Pollo
Mag sein, dass wir von den Cyborgs noch gebrauch, später zunächst noch geduldet werden, solang wir den »Cyborgs« noch nützlich sein können. Lang dürfte das nicht der Fall sein. Bald werden wir nicht nur nutzlos für die Coyborgs sein, wir werden für sie bestenfalls Hindernisse auf dem Weg ihrer rapiden Entwicklung sein. Werden uns dann die »Cyborgs« auslöschen, um so schnell wie möglich in der Entwicklung voranzukommen, ja um sich selbst eine sichere Zukunft zu ermöglichen? Das halte ich für eine plausible Zukunftsvision. Vor einem Krieg zwischen den Cyborgs und uns Menschen müssen wir uns meiner Meinung nach nicht fürchten. Die Cyborgs werden uns ohne Probleme ausschalten können, ohne dass unser Widerstand auch nur den Hauch einer Chance hätte. Das wäre dann das Ende der Menschheit und die neue Welt der Cyborgs.

Erich von Däniken (*1935) teilt einen solchen Pessimismus nicht. Er ist vielmehr sehr zuversichtlich. Bereits 1968 prophezeite er in seinem ersten Weltbestseller »Erinnerungen an die Zukunft« (10): »Der Mensch hat eine grandiose Zukunft vor sich, die seine grandiose Vergangenheit noch überbieten wird. Wir brauchen Weltraumforschung und Zukunftsforschung und den Mut, unmöglich erscheinende Projekte anzupacken. Zum Beispiel das Projekt einer konzentrierten Vergangenheitsforschung, das uns kostbare Erinnerungen an die Zukunft bringen kann. Erinnerungen, die dann bewiesen sein werden und ohne den Appell, an sie glauben zu sollen, die Menschheitsgeschichte erhellen. Zum Segen künftiger Generationen.«


Fußnoten
(1) Pais, Abraham: »Ich vertraue auf Intuition: der andere Albert Einstein«, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1995, Seite 176, 10. Und 9. Zeile von unten
Wieland, Michael: »Positionen«, Norderstedt 2012, S. 27, 4. Und 3. Zeile von unten
(2) https://franziskaner.net/der-sonnengesang/ (Stand 06.06.2020)
(3) http://w2.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html (Stand 06.06.2020)
(4) »Laudato si’«, 4. Kapitel, »Eine ganzheitliche Ökologie«, »I. Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialökologie«, 138. (»LS 138«)
(5) Lovelock, James: »Unsere Erde wird überleben. Gaia: eine optimistische Ökologie, München 1982
(6) Lovelock, James: »GAIA/ Die Erde ist ein Lebewesen«, Bern 1992, Seite 184, 20.-25. Zeile von oben (Rechtschreibung unverändert übernommen.)
(7) Ebenda, 5.-1. Zeile von unten (Rechtschreibung unverändert übernommen.)
(8) Lovelock, James: »Novozän: Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz«, 1. Auflage, München 2020, Seite 46
(9) Ebenda, Seite 47, 4.-7. Zeile von oben
(10) Däniken, Erich von: »Erinnerungen an die Zukunft – Ungelöste Rätsel der Vergangenheit«, Düsseldorf und Wien, 1968, Seite 221

Zu den Fotos
Foto 1: Gott steht außerhalb. Darstellung frühes 13. Jahrhundert
Foto 2: Erich von Däniken (links) mit Walter-Jörg Langbein vor einem steinzeitlichen Tempel auf Malta. Foto Ille Pollo


557. »Frankensteins Monster und der Golem«
Teil 557 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 20. September 2020


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Sonntag, 6. September 2020

555. »Der Kardinal, der Biologe und der liebe Gott«

Teil 555 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Kardinal Reinhard Marx (*1953) schreibt in seinem umstrittenen Werk »Freiheit« im Kapitel über Hochmut und Anmaßung über das Ende einer Ära (1): »Gelegentlich wird schon darauf verwiesen, dass das Anthropozän am Ende sei und wir uns von dem auf den Menschen konzentrierten Blick lösen müssten.«

Das müssten wir in der Tat. Es mag auch in der Tat so sein, dass das Zeitalter mit dem Menschen als geradezu gottgleichem Zentrum (Anthropozän) am Ende angelangt ist. Das freilich scheinen wir Menschen bis heute nicht wirklich einsehen zu wollen. Irgendwie sehen wir uns nach wie vor noch als »Krone der Schöpfung«. Uneinigkeit gibt es nur in der Frage, ob die »Schöpfung« Gott oder dem Experiment Zufall zu verdanken ist. Mir scheint, weder der glühende Anhänger der Ersatzreligion »Zufall allein schafft den Menschen«, noch das fundamentalistische Mitglied einer der drei großen monotheistischen Religionen möchte die eingebildete Führungsposition des Menschen im Lebensraum Erde aufgeben.

Wir sind aber weder die »Krone einer göttlichen Schöpfung« noch der Evolution, denn als intelligent erweist sich unsere Spezies Mensch ganz und gar nicht. An der Spitze des Lebens sollte aber doch wohl die intelligenteste Spezies auf Erden sein. Das aber ist der Mensch nicht. Der Neurobiologe Stefano Mancuso (*1965) versucht schon seit Jahren, uns die Augen zu öffnen, damit wir endlich die unglaubliche, aber höchst reale menschliche Dummheit zur Kenntnis nehmen. Wir fühlen uns noch wohl auf unserem Thron, der uns schon lange unter dem Gesäß wegbricht.

Seit 2008 verleiht das »Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung und die Buchkultur« von Österreich den Titel »Wissenschaftsbuch des Jahres«. 2016 wurde Stefano Mancuso diese hoch angesehene Auszeichnung für sein Werk »Die Intelligenz der Pflanzen« zugesprochen.

Fotos 1-4: Tempelanlage von Karnak
und Memnonkolosse (rechts unten).
Historische Aufnahmen, Ägypten.
Fotos 1-3: Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: Walter-Jörg Langbein
In einem Interview, das bundesweit von diversen Zeitungen publiziert worden ist, hat es Stefano Mancuso auf den sprichwörtlichen Punkt gebracht (2): »Wir sind als Spezies seit 300.000 Jahren auf der Erde. Seit etwa 15.000 Jahren existiert das, was wir menschliche Zivilisation nennen. Und in dieser Zeit, vor allem in den letzten Jahren, haben wir es sozusagen in rasender Geschwindigkeit geschafft, den Planeten in den erbärmlichen Zustand zu bringen, in dem er sich jetzt befindet.«

Stefano Mancuso, seit 2001 als Hochschullehrer an der »Universität Florenz« und Mitglied der renommierten »Accademia dei Georgofili« tätig, entwirft ein ganz anderes Bild von der Intelligenz des Menschen als uns lieb sein kann: » Ich streite mich oft über die angebliche Überlegenheit der menschlichen Intelligenz gegenüber der Intelligenz der Pflanzen. Das oberste Ziel einer Spezies ist das Überleben der eigenen Spezies. Die Fortpflanzung ist das erste Ziel. Alles andere ist sekundär. Aus dieser Perspektive ist der Mensch mit weitem Abstand eine der am wenigsten überlebensfähigen Arten, die es je auf der Erde gab.«

Hauptmerkmal für die Intelligenz einer Spezies ist ja wohl die Fähigkeit oder Unfähigkeit zu überleben. Wenn der Mensch auf diesem Gebiet mit deutlichem Abstand schlechter abschneidet als die Pflanzen auf Terra, dann ist er auf gar keinen Fall die »Krone der Schöpfung«, um den religiösen Terminus zu benutzen. Anders ausgedrückt: In Sachen Überlebenskunst ist der Mensch alles andere als die führende Spezies der Natur.

Auf anschauliche Weise verdeutlicht Stefano Mancuso, wie schlecht wir Menschen im Wettbewerb in Sachen Überleben abschneiden: » Das durchschnittliche Leben einer Spezies auf der Erde beträgt fünf Millionen Jahre. Um im Durchschnitt zu bleiben, müssten wir als Art also noch 4,7 Millionen Jahre existieren, eine unvorstellbare lange Zeit für uns. Wir denken in wenigen Tausenden Jahren. Wird es uns in 1.000 Jahren noch geben? Wer weiß! Wenn wir so weiter machen, sicher nicht.«

Dessen ungeachtet hegen und pflegen wir die Einbildung, sonnen uns im Glanz der vermeintlichen Überlegenheit der Menschen über alle anderen Lebensformen auf unserem Planeten und zeichnen uns doch nur dadurch, dass wir als einzige Spezies in erstaunlicher Geschwindigkeit und mit an Perfektion grenzender Konsequenz für die eigene Spezies unbewohnbar machen. Was aber, dieser Frage gehen wir nicht nur aus dem Weg, machen wir anders als alle anderen Spezies auf Terra? Wenn wir uns überhaupt mit anderen Spezies vergleichen, dann heben wir mit Stolz hervor, was wir im Gegensatz zu anderen Spezies zu tun in der Lage sind. Wir können uns über große Entfernungen auf der Erde bewegen, wozu zum Beispiel Pflanzen nicht in der Lage sind. Pflanzen sind so ortsgebunden und unbeweglich, wie wir Menschen während der coronaverursachten Ausgangssperren. Dazu Neurobiologe Stefano Mancuso:

»Wir leben gerade alle in einer Art vegetativen Zustand. Ein paar Milliarden Menschen auf der Welt. Wir können uns nicht frei bewegen. Die Pflanzen leben immer so. Ihr wichtigstes Erfolgsrezept ist ihr Gemeinsinn. Den könnten wir uns abschauen. Pflanzen wetteifern nur in wenigen Ausnahmen mit anderen Pflanzen oder Lebewesen. Anstatt zu wetteifern, schaffen sie Gemeinschaften, die zusammen leben. Pflanzen, Tiere, Insekten, Mikroorganismen.«

Fotos 5+6: Tempel der Hatschepsut, Ägypten
(oben um 1910, unten  um 1986). Foto oben:
Archiv Walter-Jörg Langbein. Foto unten:
Foto Walter-Jörg Langbein.
Ägypten.
Geht das von Menschen dominierte
Zeitalter zuende?
Auch wenn zu schlimmsten Corona-Zeiten bei den meisten menschlichen Bewohnern unseres Planeten aus Angst des Individuums vor Ansteckung und Tod vorübergehend Verantwortungsbewusstsein den Alltag bestimmte, so wird sich doch das gemeinschaftliche Miteinander von uns Menschen als eine vorübergehende Erscheinung erweisen. Wir suchen den Fortschritt nicht im Miteinander, sondern im Gegeneinander. Wir versuchen erst gar nicht, gemeinsam lebensnotwendige Ziele zu erreichen, sondern wir konkurrieren miteinander. Die Hoffnung, dass in der Postcorona-Zeit ein neues Denken unser Handeln bestimmen würde, wird sehr viel schneller als eine Seifenblase platzen.

So wie im weltweiten Sport jeder gegen jeden kämpft, so ist auch unser aller Leben von Konkurrenz geprägt. Und dabei sieht sich der vermeintlich ach so intelligente Mensch als den hoch über allem stehenden Herrn über den Rest der Welt. Die biblische Legitimation für sein Treiben kann man schon im ersten Kapitel des Ersten Buch Mose (3) finden: »Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.« Freilich haben wir das Prinzip der radikalen Ausbeutung von Planet Erde für egoistische Zwecke längst so stark verinnerlicht, dass wir eine biblische Legitimation für unser schädliches Tun gar nicht mehr benötigen.

Angesichts der Plünderung und Zerstörung des Lebensraums Erde sehen sich Theologen genötigt, den »göttlichen Auftrag« neu zu interpretieren. Genauer gesagt: Man habe, so heißt es aus Theologenmund, den göttlichen Befehl bislang missverstanden. Gott habe den Menschen aufgefordert, verantwortungsvoll mit der ihm anvertrauten Erde umzugehen. Warum wurde dieser vermeintliche göttliche Auftrag nicht in schlichten, verständlichen Worten zum Ausdruck gebracht?

 Statt »Macht euch die Erde untertan!« hätte man formulieren können »Geht verantwortungsvoll mit der Erde um!« »Christliches Radio für den Alltag« (4): »Dieser Satz gehört zu den Bibelworten, die man leicht in den falschen Hals kriegen kann. Und das hat dann schlimme Folgen. ›Macht euch die Erde untertan‹ – wie oft wurde das missverstanden!? Bedeutet diese Weisung Gottes, der Mensch könne nun alles mit Gottes Schöpfung tun, was er will? Gibt Gott einen Freibrief, die Erde auszubeuten? Wird der Mensch zum höchsten Chef alles Geschaffenen? Zum Herrscher der Tiere, der mit ihnen nach Belieben umgehen kann? Zum Souverän über das Pflanzenreich, der roden oder züchten darf, wie er will?«

»Christliches Radio für den Alltag« beantwortet sodann die gestellten Fragen in einer Art und Weise, die man nicht als kindlich bezeichnen sollte. Wenn man die von »Christliches Radio für den Alltag« vorgetragene Antwort als Beispiel von kindlicher Logik bezeichnet, beleidigt man die Kinder. Doch lassen wir »Christliches Radio für den Alltag« zu Wort kommen: »›Macht euch die Erde untertan‹ – ein Satz, den man in den falschen Hals kriegen kann, wenn man nicht sieht, was direkt davor steht:

›Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bild Gottes schuf er ihn‹. Damit wird nicht das Aussehen Gottes beschrieben, sondern die Herrschaft Gottes und was der Mensch damit zu tun hat. Um dies zu verstehen muss man wissen: Wenn im Altertum ein König ein großes Reich zu regieren hatte, war das nicht einfach. Telefon und Internet waren noch längst nicht erfunden, auch Flugzeuge und Autobahnen gab es nicht. Wie sollte ein König – zum Beispiel der Großkönig von Babylon – sein Riesenreich regieren? Wie sollte er die weiten Entfernungen überwinden, um in fernen Provinzen zu zeigen: auch in Gebieten weit weg von der Hauptstadt bin ich euer Herrscher?

Die Lösung: der König ließ Standbilder aufstellen, Abbilder von sich selbst. An vielen Orten gab es solche Wahrzeichen, Bilder, die zeigten: hier herrscht dieser König, auch wenn er nicht persönlich anwesend ist.«

Mit anderen Worten: Weil Gott nicht jeden Menschen per Telefon erreichen kann, setzt er den Menschen als sein Abbild ein, um überall zu verdeutlichen, dass Gott in Gestalt des Menschen als sein Abbild allüberall herrscht. Damit aber wird der Mensch aus der Gesamtschöpfung herausgestellt und über dem Rest der Schöpfung platziert.

Nach dieser – in meinen Augen sehr seltsamen – Vorstellung wird die Welt dem Menschen von Gott ausgeliefert. Da aber Gott nach theologischer Vorstellung allwissend ist und die Zukunft kennt, ist ihm natürlich bekannt, wie der Mensch mit der Welt umgehen wird. Gott überlässt dem Menschen in diesem Bild die Welt zur Ausplünderung, die Tiere zur rücksichtslosen Ausbeutung. Das erklärt man in der Theologie dann mit dem »freien Willen« des Menschen.

Theologen meinen allen Ernstes, sie könnten und müssten dem »lieben Gott« einen »Persilschein« ausstellen: Nicht der »liebe Gott« ist demnach für Leid und Elend auf der Welt verantwortlich, sondern das ist der Mensch. Der »liebe Gott« hat dem Menschen in vermeintlicher Güte einen »freien Willen« gewährt. Und der Mensch nutzt diesen seinen freien Willen leider auch, um Böses zu tun. Diese Vorstellung empfinde ich, gelinde gesagt, als unstimmig und als erschreckend entsetzlich. Denn wo bleibt der freie Wille der Opfer? Ein Gott, der faktisch dem Bösen einen freien Willen zubilligt, nicht aber dem Opfer des Bösen, entspricht ganz und gar nicht meiner Vorstellung von einem liebenden, guten Gott.

Fußnoten
(1) Marx, Reinhard: »Freiheit«, München 2020, eBook (kindle), Kapitel »Die Gefahr der Hybris«, Position 172
(2) Müller-Meiningen, Julius: »Wenn wir so weitermachen, stirbt unsere Spezies aus«, »Augsburger Allgemeine«, 06.06.2020 (Das Interview erschien auch im »Obermain Tagblatt«, Lichtenfels. Datum leider nicht mehr feststellbar.)
Alle weiteren Zitate von Stefano Mancuso sind diesem Interview entnommen.
(3) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 28
(4) https://www.erf.de/erf-plus/audiothek/wort-zum-tag/macht-euch-die-erde-untertan/73-3531

Zu den Fotos
Fotos 1-4: Tempelanlage von Karnak und Memnonkolosse (rechts unten). Historische Aufnahmen, Ägypten. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 5+6: Tempel der Hatschepsut (oben um 1910, unten  um 1986). Foto oben: Archiv Walter-Jörg Langbein. Foto unten: Foto Walter-Jörg Langbein.
Ägypten.

556. »Gott, die Schöpgung und das Ende der Menschheit«
Teil 556 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 13. September 2020
 


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