Sonntag, 1. Oktober 2017

402 »Birkenstein, heilige Quellen und Muttergöttinen«

»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 4 
Teil  402  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Mystisches Birkenstein... Foto Walter-Jörg Langbein


Wo heute Kloster und Loreto-Kapelle von Birkenstein stehen, soll es schon vor Errichtung der sakralen Stätte Wunder, womöglich Heilungen gegeben haben. Hat wohl Maria die Rolle einer älteren verehrten Frau, einer Göttin, übernommen? Andreas Scherm, so die »Süddeutsche Zeitung« (1), ist ein »großer Kenner historischer und kultureller Eigenheiten des Münchner Umlands«. Rudolf Neumeier schrieb in der »Süddeutschen Zeitung«: »Sein Wissen ist profund und universal.«

Scherm ist fasziniert von der Madonna von Birkenstein. Er beschreibt die Maria von Birkenstein, deren magische Ausstrahlung jeden Besucher in ihren Bann ziehen kann, im Vokabular eines katholischen Christen (2): Sie »begegnet uns als Gebieterin des Alls, als kosmische Frau mit Krone im 12- Sternen-Kranz, auf der Mondsichel stehend mit Szepter und göttlichem  Kind.«

Weit mehr als mein halbes Leben fasziniert mich die Mutter Jesu. Intensiv habe ich mich mit der Frau und ihrer Geschichte beschäftigt. Sie fristet in den Evangelien des »Neuen Testaments« noch eine eher bescheidene Rolle. Für die Evangelisten steht Jesus als der Messias im Vordergrund, als der Erlöser, der Retter. Seine irdische Mutter hingegen ist für sie eher nur eine Randfigur, über die wir recht wenig erfahren. Das junge Christentum hatte einen Messias zu bieten, einen Heros, der es durchaus mit seinen heidnischen Konkurrenten aufnehmen konnte. Ich vermute aber, dass die heidnische Konkurrenz der noch neuen, kaum bekannten Religion die Menschen in einem Punkt deutlich mehr ansprach. Sie kannten die Muttergöttin, an die sich die Menschen wenden konnten, wenn sie in Not und Bedrängnis waren.

Foto 2: Unzählige Votivtafeln sollen Maria danken.

Birkenstein ist eine mystische Stätte, die man unvoreingenommen auf sich einwirken lassen kann. Dann spürt man, dass diesem mystischen Ort etwas Geheimnisvolles anhaftet, das sich nicht in karge Worte fassen lässt. Wer sich freilich für das Geheimnisvolle verschließt, wird der Stätte wohl nichts abgewinnen können. Man muss in unserer lauten Zeit schon sehr gut zuzuhören versuchen, will man leise Stimmen vernehmen, die aus uralten Zeiten zu uns sprechen.

Die alten Kulte mit weiblichen Gottheiten verschwanden mit dem Aufkommen des Monotheismus im Judentum keineswegs, auch wenn sie offiziell verboten waren. Sie lebten, mehr oder minder offen, immer wieder geduldet, neben dem offiziellen Jahwe-Glauben weiter! Aus monotheistisch-patriarchalischer Sicht muss das Sakrileg pur gewesen sein, wenn eine Göttin wie Ascherah lange Zeit als Partnerin oder gar Ehefrau des Gottes des »Alten Testaments« an seiner Seite verehrt wurden. Und das nicht etwa irgendwo in einem versteckten Heiligtum, sondern im Tempel von Jerusalem selbst! Die Muttergöttinnen faszinierten die Menschen auch weiter, als das Christentum langsam an Bedeutung gewann.

Im Laufe der Geschichte des Christentums wuchs nach und nach die Rolle der Maria. Aus der bescheidenen Frau wurde nach und nach die Himmelskönigin, die immer mehr einer Himmelsgöttin gleicht. Sie wurde schließlich sogar in den Himmel aufgenommen. Übrigens: das nach dem Vorbild der Loreto nachgebaute kleine Gotteshaus in Birkenstein trägt auch den Beinamen »Maria Himmelfahrt Kapelle«.

Aus einer anonymen Frau in der »Apokalypse des Johannes« wurde im Volksglauben wie in der Theologie Jesu Mutter Maria (3): »Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.« Faktisch ist Maria heute auf dem Sprung in die höchste Ebene, als Miterlöserin, fast gleichauf mit Jesus selbst.

Foto 3: Die mütterliche Maria von Birkenstein.
Dieser Vers der »Offenbarung des Johannes« diente unzähligen Künstlern als Vorlage für ihre Darstellungen der Gottesmutter auf Gemälden und in Form von Statuen. Maria mit einem Fuß auf der Mondsichel stehend, mit einem Sternenkranz auf dem Haupt wurde zum Standardrepertoire unzähliger Künstler. Aus der anonymen himmlischen Erscheinung in der »Offenbarung des Johannes« wurde Maria. Oder besser gesagt: Nach und nach wurde aus der schlichten Maria der Bibel die Himmelskönigin des Glaubens. Man kann darüber diskutieren, ob mit der am Himmel erscheinenden Frau tatsächlich Maria, die Mutter Jesu gemeint ist. Christliche Interpreten bejahen diese Frage und verweisen auf einen weiteren Vers (4):  »Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron.«

Die Maria von Birkenstein soll im 15. Jahrhundert geschaffen worden sein. Sie stand zunächst in einer hölzernen Kapelle. So wie die biblische Maria um Verlauf der Kirchengeschichte nach und nach aufgewertet wurde, so wurde auch die Maria von Birkenstein künstlerisch überhöht. Man setzte ihr eine Krone auf und legte ihr den Sternenmantel um. Aus der schlichten Magd Maria wurde die Himmelskönigin. Jetzt ist sie wirklich die himmlische Frau, die eben noch vom Drachen verfolgt wurde. Erzengel Gabriel ist es, der den Satan besiegt. Mir scheint, dass in diesen Bildern sehr viel ältere Überlieferungen weiterleben.

Foto 4: Maria über Birkenstein
Birkenstein ist ein Ort des Volksglaubens, nicht der nüchternen Theologie. Die katholische Theologie folgte immer wieder dem Volksglauben, die evangelische Theologie indes bemühte sich immer wieder um »Wissenschaftlichkeit«. Aber so wie der Pathologe mit dem Skalpell vergeblich nach der Seele des Menschen sucht, so wenig lässt sich die spirituelle Welt wissenschaftlich sezieren.

In Birkenstein erkennt man die Sehnsucht der Gläubigen nach einer höheren Wahrheit, für die es in einer rein materialistischen Welt keinen Platz mehr gibt. Die Frage ist, ob es sich in dieser unserer »neuen Welt« besser lebt, wenn wir alles, was sich nicht in Gramm wiegen oder in Millimetern messen lässt, leugnen. Auf meinen Reisen zu den großen Geheimnissen unseres Planeten faszinieren mich auch heute noch die monumentalen Bauwerke unserer Vorfahren. Ich bewundere die enormen Leistungen unserer Ahnen, die wohl über Kenntnisse verfügten, die lange in Vergessenheit geraten sind. Ich staune über die unglaubliche Kunstfertigkeit, mit der schon vor Jahrtausenden gigantische Steinkolosse zugeschnitten und weiter bearbeitet wurden. Es muss doch nachdenklich stimmen, wenn auf der Osterinsel mit heutiger Technik bislang nur kleine und mittelgroße Statuen wieder aufgestellt werden können.

Es gibt aber auch die Orte der Stille, die man fühlen, erahnen, aber nicht fotografieren kann. An solchen Orten wurden vor Jahrtausenden Tempel errichtet, weil sich die Menschen dort einer höheren Realität näher fühlten. An solchen Orten wurden Kapellen, Kirchen und Kathedralen gebaut.

Foto 5: Kerzenspenden in Birkenstein.

Erich von Däniken schloss sein drittes Werk »Aussaat und Kosmos«, 1972 erschienen, mit den Worten: »Soll man Tempel sprengen, Kirchen schleifen? Nie und nimmer. Wo Menschen sich zusammenfinden und den Schöpfer preisen, empfinden sie eine wohltuende stärkende Gemeinsamkeit. Wie vom Ton einer Stimmgabel angerührt, schwingt gemeinsame Ahnung von etwas Großartigem in Raum. Tempel und Kirchen sind Orte der Besinnung, Räume des gemeinsamen Lobes für das Undefinierbare, für ES, das wir behelfsweise Gott zu nennen gelernt haben. Diese Versammlungsstätten sind notwendig. Der Rest aber ist überflüssig.«

Ein solcher Ort ist Birkenstein. In der Kapelle versammeln sich immer wieder Pilger zu Andacht und Gebet. Wird Kranken auf welchem Weg auch immer geholfen, weil sie glauben? Oder glauben Menschen, weil ihnen geholfen wurde? Gibt es Orte, an denen noch unerklärbare  Kräfte wirken, die Kranke heilen können? Wurden an solchen Orten Tempel und Kirchen gebaut? Die Wunder des Glaubens mögen eines Tages sogar wissenschaftlich verifizierbar sein. Sie geheschen aber schon seit ewigen Zeiten. Ein solcher Ort scheint Birkenstein zu sein. Birkenstein kann schon in vorchristlichen Zeiten ein Quellheiligtum gewesen sein. Fakt ist das schon vor Jahrhunderten Pilgern in Birkenstein Wasser aus einer der sogenannten »Sieben Quellen« gereicht wurde. Heute fließt es aus einem marmornen Brunnen an der Außenwand der Kapelle.

Foto 6: Quellewasser von Birkenstein.
Besonders geheimnisvoll sind »unterirdische Gewölbe« der sakralen Kultanlage von Birkenstein, auf die Andreas Scherm hinweist. Der sachkundige Autor spricht von (6) »einem von Votivkerzen gesäumten Raum und von einem »niedrigen engen Durchschlupf« zu einer »ruß geschwärzten Heiligen Grabkammer, die durch einen Lichtschacht nach Osten mit dem Obergeschoss-Umgang verbunden ist, gleich einer auf den ersten Sonnenstrahl ausgerichteten frühzeitlichen Kultnische«.

Die ältesten Kultanlagen weltweit entstanden in Höhlen. Später wurden künstlich unterirdische Kammern geschaffen, in denen sich die Gläubigen versammelten. Solche unterirdischen Kultanlagen gab es schon in Ägypten, Jahrtausende bevor die großen Pyramiden errichtet wurden. Erdgöttinnen wurden in den Kulthöhlen verehrt und angebetet, sozusagen im Leib von »Mutter Erde«, aus der alles Leben kam. Im Laufe der Christianisierung wurden solche unterirdischen Komplexe,  »Erdställe« werden sie vor allem in Bayern genannt, gern zugeschüttet oder als Keller zweckentfremdet. Wie ich aus Gesprächen mit Geistlichen aus Bayern weiß, dienten sie einst »heidnischen Zwecken« und wurden überbaut. So soll es in so mancher Kirche in Süddeutschland Zugänge zur mysteriösen »Unterwelt« geben. Ein katholischer Geistlicher im Gespräch: »Weil die Menschen auch nach Einführung des Christentums die alten heidnischen Plätze aufsuchten, baute man dort christliche Kapellen und Kirchen.« Schon Papst Gregor der Große (589-604) hatte gefordert, die »Tempel der Heiden« mit Weihwasser zu christianisieren und lieber in den Dienst der katholischen Kirche zu nehmen, anstatt sie zu zerstören.

Beispiel: Die »Allerheiligenkapelle« in Reichersdorf  (Weyarn). Einst gab es hier in vorchristlichen Zeiten ein Quellheiligtum. Im Volksmund sprach man vom einstigen »Götzentempel«. Wie ich recherchiert habe, konnte man durch diesen Tempel in ein relativ komplexes unterirdisches System von Kammern und Gängen steigen. Offensichtlich war der Ort bei den »Heiden« so beliebt, dass sie ihn auch noch nach der Christianisierung aufsuchten.  Die »Allerheiligenkapelle« wurde auf den Eingang zur alten unterirdischen Kultanlage gebaut. So soll es in der Kapelle hinter dem Altar einen Zugang in die »Unterwelt« gegeben haben.

Foto 7: Votivkerzen in einem unterirdischen Gewölbe von Birkenstein

Teile der verschachtelten »Unterwelt« wurden in christlicher Zeit als Gruft verwendet. Den Rest – unterirdische Gänge und Räume – hat man offensichtlich zugeschüttet. Sie sind, offiziell zumindest, nicht mehr lokalisierbar.

Gab es in Birkenstein einst auch so ein unterirdisches Quellheiligtum? Die »unterirdischen Gewölbe« könnten daran erinnern. Das Quellwasser, das christlichen Pilgern als »heilendes Element« zum Trinken gegeben wurde, es wird wohl schon zu heidnischen Zeiten geflossen sein.


Fußnoten
1) Zitat auf der Rückseite von Scherm, Andreas: »Unterwegs im Gestern/ Kulturhistorische Wanderungen im Oberland und Umland von München«, unter Mitarbeit von Carl Langheiter, 4. Auflage November 2011, München November 2011
2) ebenda, linke Spalte, Zeilen 14-18 von unten. Orthographie unverändert übernommen, also nicht der Rechtschreibreform angepasst.
3) »Apokalypse des Johannes« Kapitel 12, Vers 1
4) ebenda, Vers 5
5) Däniken, Erich von: »Aussaat und Kosmos«, Düsseldorf, August 1972, S. 266
6) Scherm, Andreas: »Unterwegs im Gestern/ Kulturhistorische Wanderungen im Oberland und Umland von München«, unter Mitarbeit von Carl Langheiter, 4. Auflage November 2011, München November 2011, Seite 113
7) Wolf, Doris: »Was war vor den Pharaonen?«, Zürich 1994


Foto 8: Im unterirdischen Gewölbe von Birkenstein.


Zu den Fotos
Foto 1: Mystisches Birkenstein... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Unzählige Votivtafeln sollen Maria danken. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die mütterliche Maria von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Maria über Birkenstein, historische Darstellung vor 1914. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Kerzenspenden in Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Quellewasser von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Votivkerzen in einem unterirdischen Gewölbe von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Im unterirdischen Gewölbe von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein




403»Birkenstein und das Wunder von Loreto«,
»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«,Teil 5
Teil  403  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.10.2017



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Mittwoch, 20. September 2017

401 »Hape Kerkeling, falsche Bibelübersetzungen und Birkenstein«

»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 3, 
Teil  401  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Dan Brown löste mit seinem Megabestseller »Sakrileg« weltweit heiße Diskussionen aus. Sollte Jesus verheiratet gewesen sein? Vielleicht gar mit Maria Magdalena? Millionen Menschen erfuhren erstmals von uralten Überlieferungen, von der »Heiligen Hochzeit«, von der so wichtigen Rolle, die die »Göttin« einst gespielt hat. In seinem neuesten Werk - »Origin« - geht es um den »Ursprung«, um die Weisheiten, die die Vertreter der Religionen verbreiten.

Dan Brown schließt den Prolog von »Origin« mit einer Aussage, die aufhorchen lässt. Offenbar will Dan Brown wieder ein »heißes Eisen« anpacken. Sein Opus »Sakrileg« enthält mehr Wahrheit als so manchem Zeitgenossen lieb sein kann. Das habe ich in meinem Buch »Das Sakrileg und die Heiligen Frauen« nachgewiesen. Keine Frage: Bis heute wird verdrängt, dass der Ursprung der Religion die Göttin war. »Als Eva noch eine Göttin war« habe ich geschrieben, um auf diesen »Origin« hinzuweisen.

Dan Brown will wohl an seinen Megaerfolg »Sakrileg« anknüpfen. Ja offenbar will er »Sakrileg« noch übertreffen. So endet der Prolog mit einer sensationell anmutenden Ankündigung. Da erfahren wir, dass ein gewisser Kirsch eine Präsentation vorbereitet hat, die beweisen soll »dass die Lehrern sämtlicher Religionen auf Erden tatsächlich eine Gemeinsamkeit hatten. Sie alle lagen völlig falsch.«

Dan Brown wird doch nicht etwa gar auf Erich von Dänikens Spuren wandeln? Der ist auch davon überzeugt, »dass die Lehren sämtlicher Religionen auf Erden tatsächlich eine Gemeinsamkeit hatten. Sie alle lagen völlig falsch.« Nach Erich von Däniken waren »Astronautengötter« der Auslöser für alle Religionen! Man kann jedenfalls sehr gespannt sein, was Dan Brown als den »Ur-Irrtum« aller Religionen bieten wird! Ich habe natürlich den neuen Brown längst vorbestellt.

Was die »Göttinnen« angeht, liegen alle großen Religionen falsch. Welche Sensation in Sachen »Ursprung der Religionen« Dan Brown wohl zu bieten hat? Ich jedenfalls bin sehr gespannt und werde gern Professor Robert Langdon folgen…. Die kostenlose Leseprobe ist seit heute - 20. September 2017 - erhältlich. Und deshalb gibt es meinen Sonntagsbeitrag ausnahmsweise schon heute!


Foto 1: Kloster und Loreto-Kapelle Birkenstein.

Wir schreiten ein kleines Sträßchen empor, es ist eigentlich mehr ein Pfad, ein Weglein, und dann stehen wir unweit eines munter plaudernden Gebirgsbachs am Ziel unserer Reise. Das Wasser des Bachs, so heißt es, soll gut für die Augen sein. Also nehme ich meine Brille ab und benetze mein Gesicht mit dem kühlen Nass. Das ist angenehm. Ich bin zu warm angezogen, hatte mich nicht auf sonniges Wetter eingestellt. Bislang hatte es fast nur geregnet. Und meine Jacke ist ungemein praktisch mit den vielen Taschen, da finden diverse Objektive Platz für meine Nikon 800E, auch Ersatzakkus, Stifte und Notizbüchlein. Dieser murmelnde Bach, wie mag er erst auf wirkliche Pilger wirken, die nach zweitägigem Marsch müde und überanstrengt hier ankommen? Ich denke, so mancher fromme Wandersmann, erschöpft und auf schmerzenden Füßen mehr wankend als gehend, wird dankbar von dem glasklaren Wasser getrunken haben.

Es wundert mich überhaupt nicht, dass Hape Kerkelings Buch »Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg« (1) zum Bestseller wurde. Offensichtlich spüren viele Menschen unserer Zeit eine Sehnsucht nach einem anderen Leben, das nicht ausschließlich von materialistischen Zielen bestimmt wird. Ob sie es freilich lesend gefunden haben, das wage ich zu bezweifeln. Freilich mit dem Buch in der Hand in der Sofaecke lässt sich bequem »pilgern«. Tatsächlich hat sich so mancher Zeitgenosse, angeregt durch Hape Kerkeling, auch auf den Weg gemacht. An Heiligabend 2015 startete in den deutschen Kinos die Verfilmung des Buches mit Devid Striesow als Hape Kerkeling. Kurios ist, dass die Sehnsucht nach einer Welt ohne die Kälte des schnöden Kapitalismus in eben dieser Welt sehr effektiv kapitalistisch genutzt wird, um die Kassen von Buchhandlungen und Kinos klingeln zu lassen.

Foto 2: Der Freialtar von Birkenstein.

Die Atmosphäre von Birkenstein ist nicht wirklich in Worte zu fassen. Natürlich gibt es da das Offensichtliche, das Sichtbare, das Vordergründige aus Stein und Holz. Da ist zum Beispiel der Freialtar, breit und beeindruckend und doch auch wieder schlicht und bescheiden. Er wirkt überhaupt nicht protzig. Das hölzerne Gebäude könnte irgendwo im Walde stehen, vielleicht von einem Förster eingerichtet, für seine Ruhepausen bei anstrengenden Waldläufen.  Es könnte durchaus weltliche Zwecke erfüllen, dieses schlichte Haus mit der »Veranda« aus Holz. Da sind aber verschiedene christliche religiöse Symbole, am Giebel dominiert das Kreuz mit dem »Auge Gottes«.

Im Zentrum des Altars: ein Gemälde, das uns Maria mit dem Jesuskind zeigt, die Madonna von Birkenstein, schön, geradezu herrschaftlich-königlich und doch nicht dominant, sondern freundlich, freudig, den Besucher begrüßend. Zu ihr strömen seit Jahrhunderten die Pilger, ihr vertrauen sie ihre Sorgen und Nöte an, sie bitten sie um Hilfe und Beistand.

Fotos 3 und 4: Zentrales Altarbild.

Wir leben in einer seltsamen Zeit. Viele Zeitgenossen verleugnen unsere Wurzeln. Ob man nun gläubig ist oder nicht, es lässt sich nicht bestreiten, dass das Abendland ein christliches war. Auch wenn wir heute eine säkulare Gesellschaft sind, in der Religionsfreiheit herrscht: ohne das Christentum wäre die Geschichte Europas ganz anders verlaufen. Schon vor Jahrzehnten wunderte ich mich über eine in meinen Augen seltsam widersprüchliche Haltung vermeintlicher Intellektueller. Auf der einen Seite taten sie genüsslich als »dummen Aberglauben« ab, was irgendwie christlich war. Auf der anderen Seite aber bewunderten sie jede andere Kultur, so sie nur nichts Christliches an sich hatte.

Die Atmosphäre ist nicht wirklich in Worte zu fassen. Obwohl man räumlich ganz nah am Leben des 21. Jahrhunderts ist, fühlt man sich dem hektischen Trubel unserer Zeit weit entrückt. Andreas Scherm beschreibt die Situation so, wie ich sie auch empfunden habe, in seinem Buch »Unterwegs im Gestern« (2):

Foto 5: Autor Langbein vor dem Freialtar. Foto Heidi Stahl

»Wir haben das Gefühl, einen Temenos, einen geweihten Bezirk, zu betreten, dessen Viereck zur Wallfahrtskirche hin begrenzt wird von einem ausladenden Freialtar auf terrassierter Hangböschung, einen daran vorbeirauschenden Gebirgsbach und einer eigenartigen Baumkanzel, einem Weltenbaum wie der Irminsul vergleichbar, der das kosmische Dach trägt – vielleicht sogar der Baum der Erkenntnis, der über die Heilsbotschaft Erlösung verheißt?«

Die »eigenartige Baumkanzel« an einem Baumstamm, der inzwischen gekappt wurde und keinerlei Astwerk mehr aufweisen kann, lässt mich auch an den Weltenbaum denken, an die Verbindung zwischen Himmel und Unterwelt. Scherm schreibt weiter (2): »Wunderlicherweise ruhen die Birken auf Felsblöcken, wurzeln nicht wie üblich in moosigem Grund. Stein und Baum weisen seit urdenklichen Zeiten auf einen Ort geistiger Bedeutung, religiös-kultischer Funktion.«

Für mich gibt es keinen Zweifel: Der Name »Birkenstein« weist daraufhin, dass es just dort schon in vorchristlichen Zeiten eine Versammlungsstätte gab. Schon vor vielen Jahrhunderten galt die Birke als ein »Baum des Schutzes«. Die altirische Göttin Brigid war Patronin der Birke. In nordische Sagen- und Mythenwelt war die Birke der Baum der Göttin Freya und der Frigga, immerhin Gattin des Odin. Im altkeltischen Sagenland war die Birke der Baum der Göttin Brigid, Tochter des Himmelsgottes schlechthin.

Foto 6: Die Baumkanzel von Birkenstein.


Ich erinnere mich gut an einen Vortrag, den Prof. Ernst Bammel (1923-1996) in Erlangen in kleiner privater Gesellschaft hielt. Es ging um »Heilige Bäume« in der Bibel. Dem Reformator Martin Luther war eine  mächtige Göttin ein Dorn im Auge: Ascherah. Durch falsche Übersetzungen ließ er ihren Namen aus den Texten des »Alten Testaments« verschwinden. So lesen wir bei Luther im Buch Richter (3): »Und zerbrich den Altar Baals ... und haue ab den Hain, der dabei steht.« Von einem »Hain«, also einem Wäldchen ist im Original nichts zu finden. Falsch übersetzt Luther weiter: »Und baue dem Herrn, deinem Gott, ... einen Altar und opfere ein Brandopfer mit dem Holz des Hains, den du abgehauen hast.« Es sind keine Bäume gefällt und verbrannt worden.

Luther ließ durch seine »Übersetzung« eine Göttin verschwinden. In der revidierten Luther Bibel von 1912 kehrte sie wieder: »Und haue um das Ascherahbild, das dabei steht und opfere ein Brandopfer mit dem Holz des Ascherahbildes, das du abgehauen hast.«

Wie offensichtlich falsch Luthers Übersetzungen in Sachen Ascherah sind, verdeutlicht ein Vers aus den Königsbüchern (4). Bei Luther hieß es da anno 1545: »Er (Josia) ließ den Hain aus dem Hause des Herrn führen«. Mit dem Haus des Herrn war der Tempel in Jerusalem gemeint. Und aus dem Tempel soll ein Hain, also ein Wald,  entfernt worden sein? Zu keiner Zeit gab es im Zentralheiligtum der gläubigen Israeliten einen Wald. Der hebräische Originaltext lässt keinen Zweifel aufkommen: Entfernt wurde eine Ascherah-Statue!

In der aktuellen Luther-Bibel von 2017  lesen wir (5): »Und er brachte die Aschera aus dem Hause des Herrn hinaus vor Jerusalem an den Bach Kidron und verbrannte sie am Bach Kidron, zermahlte sie zu Staub und warf ihren Staub auf die Gräber des einfachen Volks.«

Foto 7: 2. Buch der Könige Kapitel 23, Vers 6

In der von mir sehr geschätzten »Piscator-Bibel« von 1684 heißt es korrekt: »Und ließ den goetzenwald aus dem hause des HERREN fuehren/ hinaus fuer Jerusalem… «

Ein zweites Beispiel für Luthers Manipulation möchte ich anführen. Wieder geht es darum, wie Luther durch falsche Übersetzung die Göttin, Simsalabim, verschwinden ließ.  In seiner Übersetzung von 1545 heißt es (6): »Auch blieb stehen der Hain zu Samaria.« In der revidierten Luther Bibel von 1912 kehrt die vom Reformator getilgte Göttin allerdings wieder zurück: »Auch blieb stehen das Ascherahbild zu Samaria.« Auch die aktuelle Luther-Bibel von 2017 lässt die Göttin weiter wirken (7): »Doch ließen sie nicht ab von der Sünde des Hauses Jerobeams, der Israel sündigen machte, sondern wandelten darin. Auch blieb die Aschera zu Samaria stehen.«

Und wieder erweist sich die »Piscator-Bibel« von 1684 als korrekt. Was Luther in seiner »Übersetzung« verschwinden lässt, bei Piscator bleibt es erhalten. Piscators Übersetzung ist nun einmal sehr viel genauer als die von Luther. Bei Piscator steht:  »Doch wichen sie nicht ab von den suenden des hauses Jerobeam … auch blib stehen der goetzenwald von Samaria.« Erst die Luther-Bibel von 2017 macht deutlich, um welchen Götzendienst es da ging. Im Tempel zu Jerusalem wurde immer wieder auch der Kult der Aschera betrieben.

Foto 8: 2. Buch Könige Kapitel 13, Vers 6


Von Bäumen als Verkörperung der Göttin im »Alten Israel« kam der Gelehrte auf »Heilige Bäume« im »europäischen Heidentum« zu sprechen. Demnach galt die Birke in nördlichen Gefilden als »Fruchtbarkeitssymbol«, als Baum der nordgermanischen Göttin Freya. Die weiße Rinde der Birke, so Prof. Bammel,  machte den Baum zum Symbol für das »Reine und Jungfräuliche«, auch für das »Fruchtbare«. Wen wundert es da, wenn in Birkenstein die »Jungfrau Maria« verehrt und angerufen wird? Ist doch Maria, Jesu Mutter, für den gläubigen Christen die Reine und Jungfräuliche!

Dort, wo später Birkenstein entstand, dort sollen schon Menschen in frühen Zeiten zusammengekommen sein, also lange bevor im 17. Jahrhundert eine christliche Kapelle errichtet wurde. Es gab angeblich schon früh Wunder, die man dann mit Maria in Verbindung brachte. Wie mir ein katholischer Theologe aus Bamberg auf meine Nachfrage versicherte, gab es schon in sehr viel früheren, wohl schon heidnischen Zeiten, just dort eine »Säule« auf einem »Stein«, die »religiöse Bedeutung« hatte. Gibt es noch Hinweise auf die »heidnische« Vergangenheit Birkensteins?

Was kaum ein Besucher von Birkenstein weiß: Die Klosterkirche hat auch eine »Unterwelt«!

Fußnoten
1) Kerkeling, Hape: »Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg«, 15. Auflage, München 2011
2) Scherm, Andreas: »Unterwegs im Gestern/ Kulturhistorische Wanderungen im Oberland und Umland von München«, unter Mitarbeit von Carl Langheiter, 4. Auflage November 2011, München November 2011, Seite 112
3) Das Buch der Richter Kapitel 6, Verse 25 und 26 in Luthers Übersetzung von 1545, hier der heutigen Rechtschreibung angepasst.
4) Das 2. Buch der Könige Kapitel 23, Vers 6 in der Übersetzung Luthers von 1545, in angepasster Rechtschreibung!
5) Das 2. Buch der Könige Kapitel 23, Vers 6, Luther-Bibel 2017
6)  Das 2. Buch Könige Kapitel 13, Vers 6, in Luthers Übersetzung von 1545, hier der heutigen Rechtschreibung angepasst.
7) Das 2. Buch Könige Kapitel 13, Vers 6, Luther-Bibel 2017


 
Foto 8: 2. Buch Könige Kapitel 13, Vers 6


Zu den Fotos
Foto 1: Kloster und Loreto-Kapelle Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Der Freialtar von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Zentrales Altarbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Autor Langbein vor dem Freialtar. Foto Heidi Stahl
Foto 6: Die Baumkanzel von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: 2. Buch der Könige Kapitel 23, Vers 6 in der Piscator Bibel von 1684. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: 2. Buch Könige Kapitel 13, Vers 6  in der Piscator Bibel von 1684. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Literatur über Birkenstein. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein


402 »Birkenstein, heilige Quellen und Muttergöttinen«,
»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 4 
Teil  402  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.10.2017



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