Samstag, 23. Juli 2011

Lyrichs fröhliche Entgleisung: »Der arme Poet in Doppelripp«

liebes lieschen
wie geht es Dir

mir geht es so
wie es jemandem gehen würde
der zweimeterfünfzig groß
grün ist und ergo
mit der fontanelle unter der decke hängt

folgendes ist geschehen liebes lieschen

in meinem letzten brief an dich
habe ich Dir von diesem büchlein berichtet
mittlerweile haben sich meine wogen geglättet

in meinem club war das buch gesprächsthema
und ich sag noch so
dass ich gespannt darauf bin
ob sich da nicht einige poeten davon
auch inspirieren lassen
wir haben noch gelacht und Hille meinte
na Helma
wann ziehst du dich denn aus

liebes lieschen
halte Dich fest
Helma rief mich die tage an
nein nicht was Du vermutest
sie berichtete mir folgendes
mein nachbar
der hypochondrische pyromane
dem ist doch sein experimentierschuppen vor monaten
um die ohren geflogen
worauf ihn seine frau verlassen hatte
was er selbst erst tage später bemerkt hat
weil das essen nicht mehr auf dem tisch stand

dieser nachbar
ist verzweifelt auf brautschau gegangen
erst hat er erfolglos inserate geschaltet
mann sucht frau mit küche

dieser nachbar hat sich dann mit schweinebauer
in verbindung gesetzt und diesen gebeten
fotos von ihm zu machen
schweinebauer ist ja ein hilfsbereiter mensch
aber bei diesem fototermin muss ihn wohl
das kalte grausen überkommen haben
er hat jedenfalls Helma erst viel später davon berichtet
weil er sich geschämt hat
da war aber die kuh bereits vom eis

mein nachbar hat tatsächlich ein werk
auf den buchmarkt gebracht
das größtmögliche format dafür gewählt
und einen schwindelerregenden preis angesetzt
er meinte zu Helma
dass er schließlich auch daran verdienen muss
denn wenn seine planung nicht aufgeht
muss mindestens eine neue küche
beim verdienst rausspringen
und außerdem würde er seinen hintern
nicht unter preis über den ladentisch gehen lassen

es ist ihm gelungen ein kostenloses rezensionsexemplar
beim verlag herauszuleiern
das brachte er zu Helma
bat sie darum etwas nettes dazu zu schreiben
und den text bei wmw.brünhilde.ohweh
einzustellen
das buch müsste er danach aber wiederhaben
weil er ja noch auf brautschau sei

Helma warf einen blick in das buch
gleich der eingangstext
der mit einem bild versehen war
hat sie dazu veranlasst
ihm das werk umgehend wieder mitzugeben

ich würd so gern
einen apfelkuchen für dich backen
aber meine ex
ist mit der küche durchgebrannt

daneben das bild von meinem nachbarn
in denkerpose
mit unterwäsche in doppelripp

Helma meinte zu mir
er hätte sich extra für das buch neu eingekleidet
und weil er praktisch veranlagt sei
die doppelrippqualität
mit sechs jahren garantie auf die passform gewählt
sie hat auf jeden fall noch nachgesehen
ob der name von schweinebauer irgendwo zu finden sei
wegen der fotos
sonst hätte mein nachbar eine neuauflage machen müssen
und Helma hätte die scheidung eingereicht

wie dem auch sei
ich habe Helma gesagt
dass bei dem astronomischen verkaufspreis
das büchlein eh ein rohrkrepierer sei

aber nun zu meinem zorn
heute morgen entdecke ich
dass mein beet mit ringelblümchen
komplett geplündert worden ist
dabei wollte ich die blümchen heute ernten
um daraus meine berühmte salbe herzustellen

vorhin klingelt es an meiner haustür
wie ich öffne steht da
dämlich grinsend mein nachbar
der hypochondrische pyromane
in hawaiihemd und geringelter boxershort
in der einen hand einen strauß blümchen
Du wirst es ahnen lieschen
in der anderen hand das rezensionsexemplar

ich lese den titel
mein magen ist so leer
sehe das coverbild
doppelripp in denkerpose
da bin ich implodiert

mit dem aufschrei
meine ringelblümchen
habe ich ihm den strauß aus der hand gerissen
und die tür vor der nase zugeschlagen

lieschen
ich verstehe die männer nicht
was meinst Du
sollte ich das nicht persönlich nehmen

fühle Dich umärmelt von Deiner

Lyrich






Sonntag, 17. Juli 2011

78 »Maria Magdalena und das Abendmahl«

Teil 78 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Das Abendmahl
von Kirchbrak
Foto W-J.Langbein
Die Kirche von Kirchbrak wurde im Verlauf von rund eintausend Jahren wiederholt umgestaltet. Als Wehrkirche musste sie so massiv wie nur möglich sein und angreifenden Feinden so lang wie möglich standhalten. Auf große Fenster musste verzichtet werden. Fenster wurden erst eingebaut, als keine Angriffe mehr zu befürchten waren. Nachträglich wurde ein neues Gewölbe eingebaut. Für eine Orgel schien es keinen Platz zu geben. Man fand einen Ausweg: Das typische Kircheninstrument wurde auf ein Podest auf hölzernen Pfosten gestellt.

Im Zentrum des Altars, ja der Kirche steht das barocke Abendmahl eines unbekannten Künstlers einer unbekannten Schule. Es handelt sich bei der farbenprächtigen Darstellung nicht um ein Gemälde, sondern um ein bunt bemaltes, in Holz geschnitztes Halbrelief. Der Altar in seiner Gesamtheit stellt biblische Geschichten da, man kann ihn auch als Analphabet wie ein Buch lesen. Ganz unten wird Jesu Geburt, romantisch verklärt, im »Stall von Bethlehem« gezeigt. Darüber folgt - als weitaus größte Darstellung - das »Heilige Abendmahl«. Hebt man den Blick weiter, so erkennt man – wieder sehr viel kleiner  - den Gekreuzigten und schließlich den Auferstandenen.

Jesus vor dem
Stern der Venus
Foto W-J.Langbein
Wenden wir uns wieder dem Abendmahl zu. Es mag in Anlehnung an Leonardo da Vincis weltberühmtes Gemälde geschaffen worden sein. Jesus sitzt – wie bei Leonardo da Vinci – an einer langen Tafel. Er blickt zum Betrachter. Jesus thront auf einem Sessel mit goldener Lehne. Bei näherem Betrachten erkennt man Geheimnisvolles! Die »Lehne«, teilweise von Jesus verdeckt, hat die Gestalt eines fünfzackigen Sterns. Dieses uralte Symbol steht für die Göttin Venus!

Jesus hat seine Jünger um sich geschart. Es müssten zwölf sein. Oder sollte Judas die Runde bereits verlassen haben? Dann wären elf Jünger zu erwarten. Wir zählen nach und stellen erstaunt fest ... Es sind nicht zwölf, auch nicht elf ... sondern dreizehn Jünger, die am letzten Abendmahl teilnehmen.

Wer ist der dreizehnte Jünger ... und wo sitzt er? Hat der Künstler den 13. Jünger irgendwie anders gestaltet als die übrigen Jünger? Unterscheidet er sich von den Zwölfen? Jesus ist mit Bart dargestellt. Das entspricht der historischen Realität. Zu Jesu Zeiten waren alle Männer bärtig. Betrachten wir nun die übrigen Jünger, so stellen wir fest, dass sie alle mit Bart dargestellt sind ... bis auf einen. Der bartlose Jünger ... unterscheidet sich auch in der Kleidung von den anderen Männern. Bei allen Bärtigen sind die Arme nackt, sie haben ärmellose Hemden an. Der 13. Jünger ist bartlos und hat bedeckte Arme. Es galt als unschicklich, wenn eine Frau in der Öffentlichkeit ihre bloßen Arme zeigte. Meine Erklärung: Der 13. Jünger ist – bartlos und mit keusch bedeckten Armen – eine Frau!

Maria Magdalena und männliche
Jünger - Foto: W-J.Langbein
Dan Brown identifizierte in seinem Weltbestseller »Das Sakrileg« einen bartlosen, sehr femininen Jünger in Leonardo da Vincis berühmtem Gemälde vom Letzten Abendmahl als Maria Magdalena. Von christlich-theologischer Seite wurde er heftig kritisiert. Es handele sich um Jesu Lieblingsjünger Johannes, der ob seiner Jugend noch keinen Bart trug. Als ich in meinem Buch »Das Sakrileg und die Heiligen Frauen« (1) als erster Autor überhaupt auf das Sakrileg von Kirchbrak hinwies, erntete ich zum Teil heftige Kritik. Als ich den »13. Jünger« als Maria Magdalena identifizierte, bekam ich auch zu hören, es handele sich vielmehr um den Lieblingsjünger Jesu, um Johannes ... und nicht nicht um eine Frau. Zunächst muss konstatiert werden, dass der »Lieblingsjünger Jesu« im »Neuen Testament« nicht namentlich genannt wird. Im »Evangelium nach Johannes« (2) heißt es: »Es war aber einer unter seinen Jüngern, den Jesus liebhatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte ... Da lehnte er (der Lieblingsjünger) sich an die Brust Jesu ...«

Betrachten wir nun nochmals das »Abendmahl« von Kirchbrak: Der 13. Jünger schmiegt sich im Bildnis nicht an Jesu Brust. Kurzum: der 13. »Jünger« kann nicht der männliche Lieblingsjünger sein. Meine Überzeugung: »der 13. Jünger« in der Abendmahlsdarstellung von Kirchbrak ... ist eine Frau. Welche Frau aber könnte beim Abendmahl zugegen gewesen sein können? Welche Frau zeigt der unbekannte Künstler von Kirchbrak? Ist es Maria, Jesu Mutter? Nein! Die Frau ist sehr jugendlich, wirkt sehr viel jünger als Jesus. Wenn nicht Jesu Mutter auf dem Bildnis vom Abendmahl zu sehen ist, wer dann? Ich behaupte: Es ist Maria Magdalena!

Im »Evangelium nach Philippus« steht tatsächlich jener glasklare Satz, den Dan Brown durch seinen Weltbestseller »Sakrileg« berühmt gemacht hat. Da heißt es - im »Evangelium nach Philippus« - über Maria Magdalena und Jesus (3):

Maria Magdalena ... das Sakrileg
von Kirchbrak - Foto: W-J.Langbein
»Der Messias liebte Maria Magdalena mehr als alle Jünger und er küsste sie oftmals auf ihren Mund.« Dan Brown löste Empörung mit diesem Zitat aus. Jesus ... küsste eine Frau? Undenkbar! Ich verstehe die Aufregung um dieses Detail bis heute nicht: Nach christlichem Glauben war Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott. Wenn er wahrer Mensch war, dann hatte Jesus auch eine sexuelle Seite. Das wollen aber bis heute fundamentalistische Christen nicht wahrhaben. Und so werden die Küsse Jesu einfach weg erklärt. Sie seien natürlich nicht sexueller, sondern theologisch-spiritueller Art gewesen!

Die puritanischen Theologen wollen unbedingt einen asketischen Jesus und verschweigen geflissentlich einen konkreten Hinweis im »Evangelium nach Philippus«, der den Unsinn vom unerotischen Kuss widerlegt (4): »Denn die Vollkommenen werden durch einen Kuss schwanger.« Wenn man von Küssen schwanger werden kann, werden wohl keine spirituellen Handlungen umschrieben.

Aber selbst wenn Jesu Küsse für Maria Magdalena gänzlich unerotisch waren ... der vielleicht noch wichtigere Teil des Satzes aus dem »Evangelium nach Philippus« ist in seiner Aussage ganz eindeutig: »Der Messias liebte Maria Magdalena mehr als alle Jünger ...« Jesus zog Maria Magdalena den übrigen Jüngern vor! Wenn also eine Frau beim »letzten Abendmahl« zugegen war ... dann Maria Magdalena!

Das Sakrileg von Kirchbrak
Foto: W-J.Langbein
Pikanter wird es in den verbotenen »Philipps-Akten«. Da wird – dezent verschlüsselt – von einer Schwangerschaft Maria Magdalenas berichtet. Ist für fundamentalistisch-orientierte Christen Jesu Intimleben schon ein Tabu, ja nicht existent ... dann muss für sie eine Schwangerschaft Maria Magdalenas das absolute Sakrileg sein! Aber es heißt nun einmal im griechischen Text der »Philippus-Akten« , dass Jesus zu Maria Magdalena sagte (5): »Ich weiß, dass du gut und mutig bist und gesegnet unter den Frauen.«

Die Anspielung auf das »Evangelium nach Lukas« ist unverkennbar. Da ruft Elisabeth laut aus, was sie von Maria (Jesu Mutter) weiß (6): »Gesegnet (gebenedeit) bist du unter den Weibern und gesegnet (gebenedeit) ist die Frucht deines Leibes.« Das Evangelium nach Lukas umschreibt Marias Schwangerschaft mit »gebendeit bis du«. Jesus benutzt die gleichen Worte. Er lobt Maria Magdalenas Mut und erklärt zu wissen, dass Maria Magdalena »gesegnet« (»gebendeit«) unter den Weibern sei ... also schwanger. Liegt da nicht die Vermutung nahe, dass Maria Magdalena von Jesus schwanger war? Dann wundert es uns nicht, dass Maria Magdalena beim »letzten Abendmahl« zugegen war.

Geheimnisvolle Dienerin
Foto: W-J.Langbein
Theologischer Einwand: Frauen durften beim jüdischen Passach-Fest nicht zugegen sein! Da Jesus mit seinen Jüngern eben dieses Passach-Fest feierte, kann keine Frau daran teilgenommen haben. Dieses Argument träfe zu, wenn Jesus mit seinen Jüngern wirklich das Passach-Fest zelebriert hätte. Wie aber aus den biblischen Evangelien hervorgeht, fand die Kreuzigung Jesu so statt, dass sein Leichnam zum Passach-Fest nicht mehr am Kreuz hing. Daraus geht hervor, dass Jesus vor dem Passach-Fest mit seinen Jüngern ein letztes Mal zusammen saß und mit ihnen aß. Es war sein Abschied, wusste er doch, dass er schon sehr bald hingerichtet werden würde. Bei diesem Abschiedsessen aber durfte Maria Magdalena auf keinen Fall fehlen ... die Frau, die Jesus mehr liebte als seine männlichen Jünger!

Je intensiver man sich mit dem »Abendmahl« von Kirchbrak beschäftigt, desto geheimnisvoller wird es. Nach Jahren intensiver Auseinandersetzung mit der mysteriösen Bild bin ich davon überzegt ... die Realität ist manchmal faszinierender als die Fiktion. Das wirkliche »Sakrileg« ist nicht Leonardo da Vincis Abendmahl ... sondern das von Kirchbrak ...

Empfohlene Lektüre
Walter-Jörg Langbein: Maria Magdalena

Fußnoten
1: Langbein, Walter-Jörg: »Das Sakrileg und die Heiligen Frauen«, Berlin 2004
2: Evangelium nach Johannes Kapitel 13, Verse 23-25
3: Wort 55b
4: Wort 31
5: »Philippus-Akten« zitiert nach Brock, Ann Graham: »Mary Magdalene, The First Apostle«, Cambridge 2003, S. 125
6: Evangelium nach Lukas Kapitel 1, Vers 42

»Das Geheimnis der Dienerin«,
Teil 79 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24.7.2011

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