Mittwoch, 23. Januar 2013

Hans im Glück und Hanni

Ein Märchen von Walter-Jörg Langbein

Es war einmal ein Mann, der hieß Hans. „Ich werde mein Glück machen!“, sprach er. Einen Plan hatte er auch schon. Er kaufte sich ein Bauernhaus mit Stall. Daneben lag ein Feld. „Auf dem Felde baue ich Getreide an!“, sprach Hans zu sich. Sobald ich Getreide habe, kaufe ich mir Hühner!“
So kam es dann auch. Er säte und erntete und drosch das Getreide. Einen Teil verkaufte er. Und den Rest tauschte er in Hühner um. Die Hühner aber legten Eier. Die Eier brachte Hans zum Markt und verkaufte sie für gutes Geld.

„Ich bin ein Hans im Glück!“, jubelte er schließlich. Denn seine Hühner brachten ihm so manchen Gold-Taler ein. Indes... Hans lag das frühe Aufstehen nicht so recht. Und die Hege und Pflege der Hühner war doch sehr viel anstrengender als er zunächst gedacht hatte.

So stellte Hans einige Knechte ein, die das Feld bestellen, das Getreide dreschen, die Hühner füttern und die Eier einsammeln mussten. Auch auf den Markt mussten die Knechte gehen. Hart war ihre Arbeit, der Lohn aber war karg. „Ich bin doch ein Hans im Glück!“, frohlockte Hans.

Eines Tages erschien ein wunderschönes Huhn bei Hans. Es konnte, was nur im Märchen möglich ist, sprechen. Das Huhn stellte sich Hans vor: „Ich bin ein Huhn und heiße Hanni!“, sagte es freundlich. „Hast du vielleicht Arbeit für mich?“ Hans überlegte. Er konnte sich nicht so recht entscheiden. Schließlich fragte Hans das Huhn Hanni: „Was kannst du denn?“

Hanni antwortete: „Ich kann dir die Buchführung machen, Aussaat und Ernte organisieren, den Verkauf der Eier leiten und den Erlös für eine Modernisierung des Bauernhofs einsetzen...“ Hans zögerte immer noch. „Und legst du auch Eier?“, wollte er schließlich wissen. Da seufzte Hanni. „Das schon! Aber man kann sie nicht essen!“ Hans schüttelte den Kopf. „Was soll ich mit Eiern, die man nicht essen kann?“ Hanni überlegte. „Du kannst sie im Wohnzimmer als Schmuck auf den Tisch stellen. Sie glänzen nämlich schön golden!“

Foto: Noclador, GNU-Lizenz für freie Dokumentation

So kam Hans zum Huhn Hanni, das goldene Eier legte. Die Eier waren aus richtigem Gold und Hans war sehr, sehr froh. „Jetzt endlich bin ich wirklich Hans im Glück!“ Sein Reichtum wuchs dank der goldenen Eier. Natürlich musste Hans Hanni Körner zum Picken geben. Aber dafür bekam er echtes Gold. Hanni legte ja goldene Eier. Und sie wurde immer wichtiger für den Hof. „Ohne Hanni läuft hier gar nichts...“, darin waren sich alle Tiere des Bauernhofs einig, nicht nur die Hühner. „Was für ein Glück, dass wir unsere Hanni haben!“, meinte sogar Hofhund Waldemar.


Einerseits freute sich Hans, weil er zu einem richtigen Hans im Glück geworden war. Andererseits aber ärgerte sich Hans darüber, dass er Hanni Körner geben musste. Das schmälerte seinen Gewinn. Leider war er nicht immer so nett zu Hanni, wie er eigentlich hätte sein müssen. Verdankte er doch Hanni seinen Reichtum.

Auch hörte er oft nicht zu, wenn Hanni Vorschläge machte, wie er seinen Bauernhof modernisieren konnte. „Das ist doch alles zu teuer!“, moserte er nur. Immer wieder hatte er etwas an Hanni auszusetzen. „Deine goldenen Eier kann man ja nicht einmal essen ...“, lästerte er. „Und sie sind viel zu schwer!“

Hanni arbeitete immer mehr. Sie gab Kurse im Bauernhof, zum Beispiel „Ostereier kreativ bemalen“. In der Vorweihnachtszeit lockte sie mit dem Kurs „Bemalte Eier als Weihnachtskugeln ... der neue Eiertrend“. Das lockte viele Menschen auf den Bauernhof von Hans, das ließ die Kasse klingeln.

Unermüdlich wirkte und werkelte Hanni. Und sie besuchte regelmäßig Fortbildungskurse. So konnte sie sehr effektive Werbemaßnahmen entwickeln und in die Tat umsetzen. Immer mehr Menschen strömten auf den Bauernhof, sie kamen teilweise von weit her. Alle waren begeistert von Hanni. Alle waren glücklich, dass sie Hanni hatten. Alle waren voll des Lobs. „Was wäre der Bauernhof ohne Hanni ...“, überlegten sie. „Wir müssen alles tun, damit Hanni für immer bleibt!“, bellte der treue Hund Waldemar.
Hanni reiste durch die Lande und warb für den Bauernhof. Ihre Kolleginnen wählten sie schließlich zur Königin. Das erfüllte Hanni mit Stolz. Und sie tat, was sie konnte ... für den Hof, den sie immer „unseren Hof“ nannte. Hans aber erkannte nicht, dass es Hanni war, die ihn zum Hans im Glück machte.

Das machte Hanni traurig. „Dann gehe ich fort! Ich werde schon einen anderen Bauernhof finden!“, erklärte sie Hans im Glück. „Nur zu!“, antwortete er ärgerlich. „Dann muss ich dir auch keine Körner mehr füttern!“ Und so kam es dann auch, dass Hanni den Hof verließ und sich anderswo Arbeit suchte. Und Hans hatte kein Huhn mehr, das goldene Eier legte!“

Später grübelte Hans. „Ach, wenn ich Hanni nur zum Bleiben überredet hätte ...“, murmelte er vor sich hin. Da war es aber zu spät. Und Hans, der war kein Hans im Glück mehr.

Aus nah und fern waren die Menschen zu ihm auf den Bauernhof gekommen, um das Huhn, das goldene Eier legte, zu bestaunen, aber auch um Kurse mit Hanni zu besuchen. Auch hatte Hanni stets gute Ratschläge für alle Menschen, denen sie damit sehr half. Dafür hatten sie dankbar Hans dicke Golddukaten gegeben. Sein Glück war so gewachsen und gewachsen.

Aber dann war ja Hanni gegangen ...

Die Moral von der Geschicht'? Wenn du je im Leben eine Hanni findest, die goldene Eier legt, behandle sie pfleglich, gib ihr reichlich gute Körner. Lobe sie für ihre gute Arbeit.

Und eines, eines darfst du auf keinen Fall: Lass' nie das Huhn, das goldene Eier legt, gehen. Achte darauf, dass es glücklich ist und bei dir bleibt. Denn wenn Hanni eines Tages gegangen ist, dann ist sie weg.

Und mit ihr das Glück.

Teil 2 des Märchens lesen - Waldemars Traum
Teil 3 des Märchens lesen - Der Geburtstag

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Sonntag, 20. Januar 2013

157 »Die Lady in der Quecksilbergruft und Bäume aus Stein«

Teil 157 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Könige Yax K'uk' Mo' und
Yax Pac (rechts) auf Altar q.
Foto: W-J.Langbein
Im Frühjahr 822 nach Christus endet die Geschichte von Copán. In jenem Jahr herrschte Ukit Took', der »Nachfolger« von Yax Pac. »Altar q« zeigt die Übergabe des Herrscherstabs an den »letzten« Regenten von Copán, an Yax Pac. König Ukit Took, sein Thronfolger, fehlt auf der offiziellen Königs-Liste. Warum? Offenbar wurde Ukit Took' nicht mehr zeremoniell gekrönt. Warum kam es nicht mehr dazu? Ein steinernes Monument belegt das abrupte Ende der Geschichte von Copán. Obwohl das steinerne kleine Monument stark verwittert ist, ist es das jüngste von Copán. Es wurde nie vollendet. Der Steinmetz hat damit begonnen, ein Relief zu erstellen ... brach aber seine Arbeit ab.

Was führte zum abrupten Ende von Copán? Wurde Copán von feindlichen Truppen eingenommen? Dafür gibt es keine Belege. Wurde Copáns letzter König der Dynastie in einer Revolution gestürzt? Auch dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. Die einst so wichtige Metropole scheint ganz plötzlich vollkommen bedeutungslos geworden zu sein. Wurde die Stadt von einer Epidemie heimgesucht, die alle Bewohner dahinraffte? Leider gibt es keine echten Mayaaufzeichnungen über die Historie von Copán, die man wie ein Buch lesen könnte ...

Fakt ist: Die Bevölkerung von Copán wuchs vor dem Ende rapide an. Führte das zu Hungersnöten? Offenbar kam es zum Notstand, als die einst bewaldeten Berghänge – auch im Rahmen der ausufernden Bautätigkeit – immer stärker abgeholzt wurden. Als dann noch in der Flussebene immer mehr sakrale Bauten errichtet wurden, schwand die landwirtschaftlich nutzbare Fläche. Wurde aus religiösen Motiven der Maisbauern die Lebensgrundlage entzogen, weil imposante Bauten für die Obrigkeit immer wichtiger wurde als Ackerland? Kam es vielleicht doch zur Rebellion der Bauern gegen die im Wohlstand schwelgende Obrigkeit? Versank danach Copán in der Bedeutungslosigkeit? Wurde die einst stolze Stadt von ihren Bewohnern verlassen? Verfielen Bauten wie »Tempel 16« zusehends?

Tempel 16 birgt noch viele
Geheimnisse ... - Foto: W-J.Langbein
Auch wenn es Schulwissenschaftler nicht gern zugeben: Die Fragen zum Ende von Copán sind bis heute nicht beantwortet worden. Man kann eben leider nicht in der Historie von Maya-Städten wie Copán lesen, weil die kostbaren Codices der Maya-Chronisten rigoros und sehr »erfolgreich« zusammengetragen und verbrannt wurden!

Und die steinernen Relikte der einst so bedeutenden Stadt, die gern als das »Paris der Mayas« bezeichnet wird, konnten erst zu einem kleinen Teil erforscht werden! Und das liegt an einer Besonderheit der Maya-Baumeister: Die Architekten der steinernen Tempel bauten im Verlauf der Jahrhunderte übereinander. Sie hatten wohl zu viel Respekt vor den alten Bauten, als dass sie sie hätten niederreißen können. Und so bestatteten sie geradezu liebevoll und sanft sakrale Bauten, um dann darüber ... wie eine neue Haut, Nachfolger zu errichten.

Sie bauten nicht einen neuen Tempel auf einen alten. Sie benutzten nicht ein älteres Bauwerk als Fundament für ein neues. Vielmehr stülpten sie dem älteren Gebäude ein neues über. Das geschah wiederholt, mehrfach nacheinander.

»Tempel 16« macht heute einen eher maroden Eindruck. Genauer gesagt: Was heute als »Tempel 16« bezeichnet wird, ist ein dank Umweltverschmutzung schmuddelig wirkender Pyramidenbau, dessen Treppe einst zu einem Tempelchen führte. Wir wissen heute, dass »Tempel 16« nur die letzte, äußere Hülle von mehreren überinander gestülpten sakralen Bauten ist. Im innersten Kern, so war man lange überzeugt, ruhte der Dynastie-Gründer Yax K'uk' Mo ... Tempel »Rosalila«.

Rekonstruktion des Tempel
Rosalila - Foto talk2winik
Um die Bauhistorie von »Tempel 16« ergründen zu können, müsste man das Bauwerk Stein für Stein abtragen. Dann müsste, so wie man eine Zwiebel schält, Schicht für Schicht demontiert werden. Das müsste dann bei allen Bauwerken geschehen ... die dann zwar im wahrsten Sinne des Wortes ergründet, dabei aber zerstört würden!

Im Lauf verschiedener Besuche in Copán bekam ich in verschiedenen Varianten immer wieder die gleiche mysteriöse Story zu hören. Als innerster Kern werde der älteste Tempel von Copán durch mehrere spätere Schichten geschützt. Er sei dem Gründer der Herrscherdynastie von Copán, Yax K'uk' Mo, gewidmet. Und in der Tat:

Diesen »innersten« Tempel gibt es wirklich: Rosalila wird er genannt. Wie Maulwürfe haben sich Archäologen an diesen ältesten Kern herangegraben und ihn, so gut es unter den widrigen Umständen möglich war, auch erforscht.

Zur Freude der Wissenschaftler war der vermeintliche »Urtempel« erstaunlich gut konserviert worden. Man hatte offensichtlich sehr schonend die späteren Bauwerke darüber geschichtet. So blieben auch Farben in bemerkenswertem Umfang erhalten. So wissen wir heute, dass besagter »Urtempel« aus heutiger Sicht eher kitschig-bunt ausgesehen haben muss. Seine Bonbonfarben erinnern eher an Disneyland. Sie entsprechen ganz und gar nicht unseren Vorstellungen der schönen, dezenten Schlichtheit von Maya-Bauten, so wie wir sie etwas aus Palenque kennen!

Die karge Schlichtheit der Mayabauten, die uns heute so anspricht ... hätte den Mayas überhaupt nicht gefallen. Sie schwärmten für in unseren Augen kitschige Farben. In einer Collage habe ich Bauten aus Palenque und Copán, die »Universität« und »Tempel Rosalila« zusammengefügt, um die so unterschiedlichen ästhetischen Vorstellungen zu verdeutlichen.

Collage aus zwei Mayabauten
Fotos: talk2winik (rechts), W-J.Langbein (links)
Bei meinen Besuchen in Copán hörte ich immer wieder: Im Innersten von »Tempel 16« ruhe in seiner Gruft Yax K'uk' Mo, der Dynastie-Gründer. Immer wieder bekam ich zu hören: Quecksilber in der Gruft – sie sei »randvoll mit dem höchst giftigen, nur in Form von Zahnfüllungen gesunden Material – würde ein Betreten unratsam erscheinen lassen. Dann aber drangen Wissenschaftler, durch Schutzanzüge vor Vergiftung sicher, in das Innerste des Heiligtums. Sie entdeckten auch viele Jahrhunderte alte Knochen. Die aber stammten definitiv von einer Frau, nicht von einem Mann!

In der Quecksilbergruft war also einst eine Lady und kein männlicher Herrscher zur letzten Ruhe gebettet worden! Wieder einmal war die Realität ganz anders als von der Wissenschaft erwartet ... Unklar ist, wer da im altehrwürdigen Grab bestattet wurde, wenn es nicht der erste Herrscher von Copán war. Sollte gar eine Königin in ältesten Zeiten die Metropole regiert haben?

Ich selbst wagte mich nicht in die Quecksilber-Gruft, vielmehr begnügte ich mich damit, im Tunnel der Archäologen herum zu kriechen. So gelangte ich an die Außenseite des Rosalila-Tempels ... zum imposanten Relief vom himmlischen Vogel Vucub Caquix (Aussprache: VO KOB KA KWISH). Der Mythologie der Mayas nach behauptete dereinst, er sei Erde, Sonne, Licht und Mond zugleich. Das gut mannshohe Kunstwerk weist auf die Bedeutung des Tempels hin. Er diente einem Sonnen- und Mondkult ...

Vogelgott Vucub Caquix
Foto: Walter-Jörg Langbein
»Die Lady in der Quecksilbergruft war die erste Herrscherin von Copán!« meinte ein einheimischer Archäologe zu mir. »Und der himmlische Vogel steht für den ewigen Kreislauf von Tag und Nacht, von Leben und Tod!« Er führte mich in der Unterwelt von Copán an die Außenmauern des begrabenen Tempels ... und erklärte mir die Bäume aus Stein.

»Die Bäume aus Stein stehen für die Welt zwischen Unterwelt und Himmel. Sie verhindern, dass der Himmel auf die Erde herabstürzt! Bevor es die lebenden Ceiba-Bäume gab, ragten Bäume aus Stein von der Erde bis an den Himmel. Ohne diese tragenden Säulen hätte es kein Leben auf unserer Erde geben können!«

Abends wurde es bitter kalt in Copán Der Archäologe entfachte ein Feuer. Und er begann zu erzählen. Von den ältesten Göttinnen, die von Göttern verdrängt worden seien. »Man machte sie in christlichen Zeiten zu Dämonen! Dabei müssen bösartig aussehende Fratzen keineswegs auch in den Augen der Mayas böse gewesen sein! Fakt ist: In Copán wurde ein Relief der Mondgöttin Ixchel gefunden, die auch als Erdgöttin verehrt wurde. Ixchel war auch für die Fruchtbarkeit zuständig ... und trug in Darstellungen oft den symbolträchtigen Hasen im Arm! Ixel wirkte zerstörerisch, indem sie periodisch-zyklisch immer wieder mit Orkanen das Leben von der Erde wischte ... und sie spendete segensreichen Regen, der wieder neues Leben gedeihen ließ! Übrigens: Die Mayas erkannten in den Flecken des Mondes nicht unseren »Mann«, sondern ihren Hasen.

Seltsamer »Zufall«: Die Kelten verehrten die Göttin Eosterpe, die sie mit Mond und Hase darstellten. Eosterpe lebt im englischen Easter weiter ... in unserem »Ostern« ... mit dem »Osterhasen«, der älter als das Christentum ist!

Aus Göttinnen wurden
Dämonen.
Foto: W-J.Langbein
Gern erinnere ich mich an die »Privatführung« in die Unterwelt von Copán durch einen örtlichen Archäologen ... zu den Masken der Göttlichen, die von den Mayas so sorgsam beerdigt wurden ... und durch den mystischen Wald aus Stein ... Am abendlichen Lagerfeuer wurden uralte Mythen förmlich wieder spürbar.

Literatur:
Grube, Nikolai (Herausgeber): »Maya/ Gottkönige im Regenwald«, Köln 2000





»Geheimnisvolle Stelen, mysteriöse Altäre«,
Teil 158 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27.01.2013

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