Sonntag, 6. Dezember 2015

307 »Nikolaus und die goldenen Äpfel«

Teil 307 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Vierzehnheiligen anno 1909

Es war ein bitter-kalter Abend im schweizerischen Solothurn. Bei einem leckeren Käsefondue und »geistigen« Getränken erzählte unser freundlicher, sympathischer Gastgeber: »Wir haben heute den 6. Dezember. Bei euch in Deutschland spricht man vom ›Nikolaus-Tag‹!« Den Nikolaus soll es wirklich gegeben haben, konnte ich einwerfen. Genauer gesagt vereint der Heilige Nikolaus angeblich zwei historische Persönlichkeiten in sich: den Bischof Nikolaus von Myra (vermutlich 4. Jahrhundert) und den Abt von Sidon gleichen Namens. Im 6. Jahrhundert wurde aus diesen beiden realen Persönlichkeiten der fiktive wundertätige Bischof von Myra.

»Bei uns in der Schweiz heißt der ›Heilige Nikolaus‹ allerdings ›Samichlaus‹!«, so fuhr unser Gastgeber fort. »Und der hat seinen Ursprung in vorchristlichen Zeiten!« Das stimmt! »Samichlaus« lässt sich vom keltischen Samonios herleiten, dem Allerseelen der Heiden. Am 1. November gedachten die Kelten der Toten. Das Halloween-Fest ist übrigens keine Erfindung der Amerikaner. Es stammt aus dem Keltischen, wurde durch Auswanderer in die »Neue Welt« gebracht.

Der Heilige Nikolaus von Worms
Zu Samonios wurden die lebensnotwendigen Herdfeuer gelöscht und wieder entzündet. Auf diese Weise wurde der »sterbenden« und wieder neu »auflebenden«  Natur gedacht. »Samichlaus« alias Sami-Klaus, war ein keltischer Heiliger, der das Samonios Fest zelebrierte (»Sami«) und der in einer »Klause« lebte.  

Zunehmend stehen zu Halloween auch in unseren Breiten gespenstisch wirkende hohle Kürbisköpfe in Fenstern und vor Türen, mit leuchtenden Augen und Mündern. Das »Feuer« in hohlen Kürbissen mit eingeschnitzten Gesichtern mag an diesen alten heidnischen Brauch erinnern.

Im »Samichlaus« (alias »Nikolaus«) der Schweiz lebt uralter heidnischer Glaube weiter, wenn auch stark christlich übertüncht! Auch in Österreich hat der ach so katholisch-fromme Nikolaus ältere, sprich keltische Wurzeln. Georg Rohrecker schreibt in seinem Buch »Die Kelten Österreichs – Auf den Spuren unseres versteckten Erbes« (1): »Wo heute in den Ostalpen Nikolauskirchen stehen, waren ursprünglich Kultplätze, bei denen es um Fruchtbarkeit und ewiges Leben ging. Wobei Nikolaus .. insbesondere auch die Rolle eines schützenden Begleiters der verstorbenen Seelen und Garanten für ihre Wiedergeburt zufiel.«

Der keltische Bewahrer des Lebens und der Wiedergeburt lebt auch heute noch in christlichen Bildnissen weiter. Auf frommen Gemälden beschenkt der Heilige Nikolaus die drei Heiligen Jungfrauen mit goldenen Äpfeln. Eigentlich ganz unchristlich bietet er den drei Heiligen Jungfrauen das ewige Leben an. Er präsentiert es ihnen in christlichem Gewand. So verwundert es nicht, dass der Heilige Nikolaus nach frommer Legende Tote wieder zum Leben erwecken konnte. Nach einer alten Überlieferung kehrten einst drei Studenten in der Herberge eines Gastwirts ein. Der erschlug die jungen Männer, beraubte sie und zerstückelte ihre Leichname und pökelte sie zusammen mit Schweinefleisch ein.

Kurz darauf erschien der Heilige Nikolaus als Gast. Dienstbeflissen setzte ihm der mörderische Wirt Pökelfleisch vor. Nikolaus erkannte sofort, was Grausiges geschehen war und erweckte die zerhackten und eingepökelten Mordopfer wieder zum Leben. Da muss man wohl wirklich von einem echten Wunder sprechen!

Nach einer anderen Legende hatte einest ein armer Mann drei Töchter. Da er ihnen keine Aussteuer mitgeben konnte, wollte er sie zur Prostitution drängen. Davon freilich erfuhr der Heilige Nikolaus. Er schenkte dem Vater drei goldene Äpfel, so dass den drei Töchtern das Schicksal der Prostitution erspart blieb.

Kurios mutet eine Darstellung der Geschichte vom Nikolaus, den drei Schwestern und den drei goldenen Äpfeln aus dem frühen 16. Jahrhundert an. Man sieht den gramgebeugten Vater. Er scheint noch zu überlegen, wie er seinen drei Töchtern den Weg in die Prostitution ersparen kann. Die drei Töchter allerdings sind schon recht freizügig dargestellt. Es sieht so aus, als würden sie ihre Reize schon zur Kundenwerbung einsetzen. Ob das Kunstwerk aus Salzburg eine Vision des Vaters darstellt, von der befürchteten Zukunft seiner Töchter? Gerade rechtzeitig noch erscheint der Nikolaus. Er ist dabei, einen der goldenen Äpfel zu werfen.

Wie stark heidnisches Glaubensgut war, das beweist die Vitalität der alten keltischen Schutzgottheiten. Da sie nicht wirklich aus dem Volksglauben verdrängt werden konnten, wurden sie »christianisiert«. So wurden aus alten Schutzgöttern der heidnischen Art christliche »Nothelfer«. Die »Vierzehn Nothelfer« werden in zahlreichen Regionen verehrt. Besonders bekannt ist »Vierzehnheiligen« im oberfränkischen »Gottesgarten«.

Der Fachmann erkennt unschwer im Heiligen Dionysius den heidnischen Dionysos/ Bacchus wieder. Keltenexperte Georg Rohrecker (2): »Da Dionysos/ Bacchus von offiziell christlichen Herrschern nicht verehrt werden konnte, wurde mit Dionysius ein Hybride aus ›heidnischen‹ und katholischen Komponenten geschaffen.« So lebt also ein heidnischer Gott als »Saint Denis«, alias »Dionysius«, alias »Dennis« alias »Denys« im katholisch-christlichen Heiligenhimmel weiter. Einst wurde er als Heros der Mond- und Sternengöttin verehrt. Später stieg er in der Hierarchie zum Gott der Fruchtbarkeit und des Weins auf. Er wurde als Sohn des Zeus und Mondgöttin Semele verehrt. Dem erstarkenden Christentum sollte er weichen, blieb dann aber ob seiner Beliebtheit als christlicher Nothelfer erhalten.

Der christianisierte Dionysius, in Frankreich brachte er es zum Nationalheiligen, endete als Märtyrer. Auf dem Montmatre (zu Deutsch: »Märtyrerberg«) wurde ihm, dem ersten Bischof von Paris, das Haupt abgeschlagen. Noch im Tod bewirkte er, so überliefert es die fromme Legende, ein Wunder: Er hob seinen Kopf auf und marschierte noch ganze sechs Kilometer gen Norden. Und wo er schließlich sein abgeschlagenes Haupt ablegte, so die Legende weiter, ließ der fränkische Dagobert im frühen 7. Jahrhundert die erste Abtei »St. Denis« bauen.

Dionysius, Corvey.
Der frommen Legende nach stellte Dionysius in der Disziplin »Gehen nach Enthauptung« den Piraten Klaus Störtebeker in den Schatten. Nach einer alten Legende machte der Bürgermeister von Hamburg Kersten Miles dem zum Tode verurteilten Piraten Klaus Störtebeker ein gruseliges Angebot. Er werde allen Piraten die Freiheit schenken, an denen Störtebeker nach seiner Enthauptung vorbeigehen würde. Klaus Störtebeker, so heißt es weiter, akzeptierte und wankte nach seiner Hinrichtung kopflos an elf seiner Gefährten vorbei. Der Henker brachte den Piraten zu Fall. Und der Bürgermeister brach sein Versprechen, alle 73 Seeräuber wurden geköpft. Während Dionysius sechs Kilometer kopfloses Gehen geschafft haben soll, brachte es Störtebeker dank der Hinterlist des Henkers nur auf wenige Meter.

Den »Heiligen Nikolaus« identifiziert Georg Rohrecker (3) als »ehemaligen Wasser- und Fruchtbarkeits-Heros«. Selbst der angebliche Geburtsort des Nikolaus – Patara – wurde mit Bedacht gewählt. In Patara, heute Türkei,  nahm der Apollon-Kult seinen Ausgangspunkt. Apollon Patroos lockte Volksmassen nach Patara. Unzählige Menschen pilgerten zu seinem Orakel. Rohracker (4): Nikolaus »wurde daher sicher mit voller Absicht in die großen Fußstapfen des antiken Licht-, Weisheits- und Heilergottes Apollon gestellt, den Caesar mit dem keltischen (Gott) Belenus verglich.«

Bis heute gibt es meiner Meinung nach keinen einzigen Lehrstuhl an einer Universität, der sich meiner Meinung nach mit Recht mit dem Namen »Theologie« schmücken dürfte. Theologie bedeutet übersetzt und sinngemäß übertragen »Wort von Gott«, oder »Reden von Gott«. Ein Lehrstuhl, der diese Bezeichnung verdienen würde, dürfte nicht konfessionell gebunden sein. In Erlangen, zum Beispiel, wird keineswegs christliche Theologie im allgemeinen Sinn betrieben. Es wird vielmehr ein ganz spezielles Christentum gelehrt. Katholische Theologie bleibt außen vor. In Erlangen beschäftigt man sich ausschließlich mit evangelisch-lutherischer Theologie, also mit einem verschwindend  kleinen Segment von Theologie.

Auch in Vierzehnheiligen, Oberfranken,
Ich wünsche mir eine überkonfessionelle Theologie, die sich wertfrei mit allen möglichen, unterschiedlichen Formen des religiösen Glaubens auseinandersetzt. Konfessionell gebundene Theologie kann gar nicht wissenschaftlich sein, weil sie Dogmen hat, an denen nicht gerüttelt werden darf. Wissenschaft aber muss stets dazu bereit sein, bislang als richtig angesehene Erkenntnisse über Bord zu werfen. Wissenschaft hinterfragt sich stets selbst. Theologie tut das nicht. Oder besser gesagt: Wissenschaft sollte stets dazu bereit sein, sich zu hinterfragen und neue Erkenntnisse zu akzeptieren. Das aber tut sie nur ungern. Sie ist in gewisser Hinsicht… theologisch.

Im Vergleich zur »Theologie« des Islam ist allerdings die christliche geradezu revolutionär und fortschrittlich-wissenschaftlich. Da wird offen darüber diskutiert, welche Jesus-Worte aus dem »Neuen Testament« wirklich echt sind. In der christlichen Theologie an den Universitäten wird versucht zu ergründen, welche »Jesus-Zitate« in Wirklichkeit erst später Jesus in den Mund gelegt wurden. Eine ähnlich kritische Auseinandersetzung mit dem Koran kommt in manchen, vom Islam dominierten Ländern einem Selbstmord gleich. So wagt es kein muslimischer »Theologe« auch nur eine Sure wissenschaftlich zu hinterfragen.

Der »Heilige Nikolaus«, heute oftmals in Personalunion mit dem Weihnachtsmann und als »Coca-Cola-Santa-Claus«, beschenkt die Kinder. Der »Heilige Nikolaus« schenkte einem armen Vater mit drei Töchtern drei goldene Äpfel. Ur-christlich ist diese Geschichte nicht. Sind doch die drei goldenen Äpfel Symbol der heidnischen Muttergöttinnen-Dreifaltigkeit. Die Äpfel sind aus heidnischer Mythologie hinlänglich bekannt, als Äpfel des ewigen Lebens. Helden wie Herkules versuchten in den Besitz dieser Wunderäpfel zu gelangen. Und der prall mit Gaben gefüllte Sack, den Santa Claus heute da und dort noch in die guten Stuben schleppt, ist ebenso ein uraltes heidnisches Symbol: für die unerschöpfliche Fülle, die die Muttergöttin zu bieten hat… und für das ewige Leben.

... werden die »Vierzhen Nothelfer« angerufen
Fußnoten


1) Rohrecker, Georg: »Die Kelten Österreichs – Auf den Spuren unseres versteckten Erbes«, Wien 2003, S. 143
2) Rohrecker, Georg: »Kelten, Götter, Heilige – Mythologie der Ostalpen«, Wien 2007, S. 124 unten und S. 125 oben
3) ebenda, S. 159
4) ebenda



Vierzehnheiligen, vom Zug aus fotografiert

Zu den Fotos

Die beiden Innenaufnahmen von Vierzehnheiligen (»Auch in Vierzehnheiligen, Oberfranken,werden die ›Vierzehn Nothelfer‹ angerufen«) stammen von Ingeborg Diekmann, Bremen. Alle übrigen Aufnahmen: Walter-Jörg Langbein und Archiv Walter-Jörg Langbein.

308 »Das Grauen der Osterinsel«,
Teil 308 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.12.2015

 
Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 29. November 2015

306 »Das Medaillon und eine Göttin«

Teil 306 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: »Geboren« vor 100 Millionen Jahren...

Vor 150 Millionen Jahren: Wo heute der Hermann aus Metall sein Schwert gen Himmel reckt… wogt ein Meer. Am Grund sammeln sich seit Ewigkeiten Sedimente ab, die sich langsam verdichten. Im Raum Horn-Detmold verläuft ungefähr die Küste…. vor 150 Millionen Jahren.

Vor 100 Millionen Jahren haben sich die Ablagerungen in Sandstein verwandelt. Fachbezeichnung heute: Osningsandstein, »Geburtszeit« Erdzeitalter der Unterkeide. Die sandigen Ablagerungen deuten auf Küstennähe hin.

Vor 70 Millionen Jahren: Durch Bewegungen der Erdkruste wird der ursprünglich flach am Boden liegende Sandstein von der Horizontalen in die Senkrechte geschoben. Gewaltige tektonische Kräfte sind am Werk.  Der Sandstein wird nicht nur aufgestellt, das Gestein wird auch gebrochen und zerklüftet.

Foto 2: Drachenszene...  Foto 3: Drachenkopf

Vor 70 Millionen Jahren werden die nun senkrecht stehenden Steinmassen durch Wasser und Wind freigelegt. Die Externsteine entstehen, die Kräfte der Natur formen sie zu Steinsäulen.  Sie ragen bis zu vierzig Meter hoch aus dem Untergrund. Wasser dringt in die Steine ein, gefriert im Winter, sprengt mit Urgewalt Steinpartien unterschiedlicher Größe ab.

So entsteht vor rund 70 000 000 Jahren das bizarre Felsgebilde, das heute Millionen von Touristen anlockt…. Die Externsteine. So formen Naturgewalten ein steinernes Denkmal, das seit Jahrtausenden Menschen anlockt.

Vor rund 13 000 Jahren sind die Externsteine Ziel von Jägern und Sammlern. Sie benutzen den Bogen als Jagdwaffe und primitives Werkzeug aus Feuerstein. Ihre Steingeräte werden im 20. Jahrhundert bei Ausgrabungen bei den Externsteinen entdeckt. Feste Behausungen kennen diese Menschen der Ahrensburger Kultur noch nicht. Sie nutzen natürliche »Überdachungen« –  Felsüberhänge – als Wetterschutz. So finden sie bei den Externsteinen Unterschlupf, eine gewisse Sicherheit vor Unwettern. Zu fragen ist: Waren die Externsteine für die Steinzeitmenschen auch so etwas wie ein »Heiligtum«? Gab es vor 13 000 Jahren schon so etwas wie natürliche Höhlen in den Externsteinen, die später – wann? – zu einem Kammersystem erweitert wurden? Umstritten ist bis heute, wann diese Kammern genutzt wurden.

Fotos 4 und 5: Das Kammersystem im Externstein...

Wann wurden erstmals in der Kuppelkammer – in der Skizze gelb markiert – Feuer entfacht und warum? Geschah dies im 1. Jahrtausend vor Christus oder später? Wurden Tote verbrannt? Oder hatten die ersten Feuer profanere Zwecke? Brachte man den Stein durch massive Befeuerung förmlich zum »Glühen«, um ihn dann mit Wasser abzuschrecken? Erweiterte man auf diese Weise die Kuppelgrotte? Durch den Kälteschock platzt heißes Gestein ab…

Welchem Zweck diente das »Blutloch« –  in der Skizze rot markiert? Diente es der Luftzufuhr für die Feuer in der Kuppelkammer? Entstand das mysteriöse Relief des »Wächters« – 2 im Skizzenplan – in vorchristlichen Zeiten oder erst später? Hatte das rätselhafte »Kreuzabnahmerelief« – 4 im Skizzenplan – einen vorchristlichen Vorläufer, der umgearbeitet wurde?

Foto 6: Das Kreuzabnahmerelief mit Autor Langbein

Unbestreitbar aber sind das Kammersystem (inklusive Kuppelkammer!), das Wächterrelief und das Kreuzabnahmerelief künstlich, von Menschenhand geschaffen. Schriftliche Quellen gibt es nicht. In alten Märchen wird immer wieder eine Verbindung zwischen Externsteinen und dem Teufel hergestellt. Meiner Überzeugung nach ist das ein deutlicher Hinweis auf heidnisches Brauchtum, das von christlichen Missionaren »verteufelt« wurde.

Heidnischen Ursprungs ist auch ganz ohne Zweifel das Medaillon, das vor 1822 an einem der Externsteine gefunden wurde. Es zeigt eine weibliche Gestalt, die fast vollkommen von einer sehr schmalen Mondsichel eingerahmt wird. Am Kopf trägt sie eine weitere, kleine Sichel. Die Frau – Göttin oder Priesterin – zeigt ihre geöffneten Hände. Betet sie? Segnet sie? Die kleine  Mondsichel am Kopf könnte auf die Venus hindeuten. Mond… Venus… Göttin oder Priesterin auf einem Medaillon… deutlicher können Hinweise auf einen vorchristlichen Kult kaum ausfallen! Die kleine Venussichel befindet sich hinter dem Haupt der mysteriösen weiblichen Gestalt. Es handelt sich also auf keinen Fall um auf dem Haupt sitzende Hörner!

Fotos 7, 8 und 9: Das Medaillon mit der »Göttin«

Leider konnte ich zum geheimnisvollen Bildnis nichts Näheres in Erfahrung bringen, außer dass es vor 1822 an einem der Externsteine gefunden wurde. Das Medaillon wird auch als »Kupferplakette« bezeichnet. Aus christlicher Sicht könnte man das Medaillon als Anspielung auf die Offenbarung des Johannes (1) verstehen.

In der »Elberfelder« Übersetzung lesen wir: »Und ein großes Zeichen erschien im Himmel: Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, und der Mond war unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.« Die »Neue Genfer Übersetzung« formuliert leicht abgewandelt: »Nun war am Himmel etwas Außergewöhnliches und Bedeutungsvolles zu sehen: eine Frau, die mit der Sonne bekleidet war; unter ihren Füßen war der Mond, und auf dem Kopf trug sie eine Krone aus zwölf Sternen.«

Die »Frau« ist auf dem Medaillon ebenso zu sehen wie »der Mond zu ihren Füßen«, Sonne und Sterne freilich sucht man vergeblich. Interessant ist, dass in der Offenbarung des Johannes auf das Erscheinen eines Drachens hingewiesen wird (2):

»Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.«

Foto 10: Mondsichel, Venus und »Göttin«

Von der Theologie wird diese Beschreibung gern auf Maria, die Gottes-Mutter, bezogen, deren Kind – Jesus – vom Teufel bedroht werden würde. Der Drache findet sich auf dem Relief der Externsteine, unter der Darstellung der »Kreuzabnahme«. Aber ist es wirklich der Drache im christlichen Sinne? Oder interpretieren wir ein heidnisches Bild um? Wir können ein Buch lesen und die Botschaft der Buchstaben, Worte und Sätze erschließen sich uns. Bilder aber bieten sehr viel Platz für Spekulationen. Bildliche Darstellungen christlicher Geschichten aus dem »Neuen Testament« verstehen wir nur, weil wir die Geschichten bereits kennen. Ohne Kenntnis der Evangelien wären die bildlichen Darstellungen unverständlich. Heidnische Bilder können also völlig falsch verstanden werden, wenn wir sie nach christlichem Verständnis interpretieren!

Fotos 11 und 12: Rücken und Beine des Drachens

Mir stellt sich immer wieder eine Frage: Betrachten wir das Medaillon und das Kreuzabnahme-Relief voreingenommen durch eine christliche Brille? Sehen wir voreilig Christliches, wo Heidnisches gezeigt wird, weil wir christliche Bilder im Kopf haben? Etwas Drachenartiges darf nach christlicher Weltsicht nur als Teufel gesehen werden. Sind wir beim Betrachten viel stärker von unseren christlichen Wurzeln beeinflusst als wir ahnen, ja als uns lieb ist?

Sollen wir Christliches erkennen, wo ursprünglich Heidnisches gemeint war? Ist die »Drachenszene« unter der »Kreuzabnahme« von einem sehr viel älteren heidnischen Bild-Relief überig geblieben?

Wurde das »Kreuzabnahme-Relief« aus einem älteren, heidnischen Bildnis erarbeitet? Wurde ein heidnisches Motiv mit Hammer und Meißel umgestaltet, retuschiert sozusagen? Unzählige Male stand ich vor dem Kreuzabnahmerelief. Je nach Sonnenstand verändern sich die Bilder. Die Konturen des »Drachenmotivs« unter dem Kreuzbild sind seltsam verschwommen. Der Drache wendet uns anscheinend seinen Rücken zu. Seine Beine und kräftigen Füße sind noch am besten zu erkennen…

Foto 13: »Mini-Hermann«

Fußnoten

(1) »Offenbarung des Johannes« Kapitel 12, Vers 1

(2) »Offenbarung des Johannes« Kapitel 12, Verse
3 und 4, zitiert nach Bibel-Ausgabe »Luther 1984«



Zu den Fotos:

Fotos 1, 2 und 3: Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Barbara Kern
Fotos 7, 8, 9 und 10: Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11, 12 und 13: Walter-Jörg Langbein



307 »Nikolaus und die goldenen Äpfel«,
Teil 307 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.12.2015



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)