Sonntag, 1. März 2020

528. »Zehntausende von blitzenden Wagen hat Gott.«

Teil 528 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Kain...
von der Erde hinweggenommen....
Die Mordsgeschichte (1) im Telegrammstil: Adam und Eva haben zunächst zwei Söhne, Kain und Abel. Beide opfern ihre Gaben für Gott. Gott nimmt Abels Opfer an, das von Kain verschmäht er. Wütend ermordet Kain seinen Bruder. Die Strafe Gottes für Kain folgt. Gott spricht (2): »Und nun verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bauen wirst, soll er dir hinfort sein Vermögen nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.« Kain beklagt sich bitter (3): »Siehe, du treibst mich heute aus dem Lande, und ich muß mich vor deinem Angesicht verbergen und muß unstet und flüchtig sein auf Erden.« Von besonderem Interesse ist der Anfang von Vers 14. Vergleichen wir verschiedene Übersetzungen!

»Luther-Bibel« 1912: »Siehe, du treibst mich heute aus dem Lande.«
»Luther-Bibel« 2017: »Siehe, du treibst mich heute vom Acker.«
»Hoffnung für alle«: »Ach, Gott, du verstößt mich von dem Land.«
»Schlachter 2000«: »Siehe, du vertreibst mich heute vom Erdboden.«
»Zürcher Bibel«: »Sieh, du hast mich heute vom Ackerboden vertrieben.«
»Gute Nachricht Bibel«: »Du vertreibst mich vom fruchtbaren Land.«
»Elberfelder Bibel«: »Siehe, du hast mich heute von der Fläche des Ackerbodens vertrieben.«

Was genau geschieht nun mit Kain? Wird er aus dem Land geworfen? Oder wird er vom fruchtbaren Ackerland vertrieben? Im hebräischen Original steht אדמה , lies »'ădâmâh«. Das Wort kann »Land«, »Erdboden« und »Erde« bedeuten. In welcher Bedeutung wird »'ădâmâh« im konkreten Vers verwendet? Wenn es irgendwo eine klärende Antwort auf diese Frage gibt, dann ja wohl im Zohar. In diesem Werk, das eher eine Bibliothek als ein Buch ist, gibt es eine spannende Antwort (4): »Und siehe: Du hast mich vom Angesicht der Erde verbannt.« Vom »Angesicht der Erde«? Nach dem Zohar wurde Kain vom Angesicht der Erde hinweg genommen und nach »Arqa«, auf eine der sieben Planeten-Welten, gebracht!

Ich muss hier an die wahrhaft kosmische Reise erinnern, die Kain nach den »Legenden der Juden« absolviert hat: Nach den »Legenden der Juden« ermordete Kain seinen Bruder Abel auf dem Planeten »adamah«. Zur Strafe wurde er auf den Planeten »erez« verbannt. Erst als Kain Reue zeigte, brachte ihn Gott auf eine andere Welt. So kam er vom kosmischen »Alkatraz« auf Planet »arqa« (andere Schreibweise: »arka«).

Nach dem Zohar ist »Arqa« ein fremder Planet. Erzählt wird (5), dass Rabbi Chiya und Rabbi Yossi auf einer ihrer Reisen eine wundersame Begegnung mit einem Bewohner von »Arqa« hatten. Viele Jahre suchte ich im umfangreichen »Zohar« nach der geheimnisvollen Begegnung. Erich von Däniken gibt in seinem zweitem Weltbestseller »Zurück zu den Sternen/ Argumente für das Unmögliche« eine Konversation zwischen Menschen und einem Außerirdischen wieder (6): »Rabbi Yossé (Yossi) trat vor den Fremden und fragte ihn, von wo er denn sei. Der Fremde antwortete: ›Ich bin ein Bewohner Arqas.‹ « Der Rabbi reagierte überrascht und fragte nach (7): »›Es gibt also Lebewesen auf Arqa?‹ Der Fremde antwortete: ›Ja. Als ich Euch kommen sah, bin ich aus der Höhle gestiegen, um den Namen der Welt zu erfahren, auf der ich angekommen bin.‹«

Lange Zeit suchte ich nach dem Originaltext im »Zohar«, leider vergeblich. Schließlich begann ich eine intensive Recherche im Internet. Wieder sah es so aus, als würde meine Suche im sprichwörtlichen Sand verlaufen. Doch dann kam ein Kontakt mit Rabbi Mendel Adelman zustande. Rabbi Adelman wurde in Amherst, Massachusetts, geboren und wuchs dort auf.  Er studierte an den jüdische Hochschulen in New Haven, Connecticut, und Brooklyn, New York. Rabbi Adelman lebt in Atlanta, Georgia. Er publiziert zum Thema »jüdisches Recht« und hält viel beachtete Vorträge.

Rabbi Adelman erwies sich als sehr umgänglich, freundlich und hilfsbereit. So übersetzte er die entscheidenden Passagen aus dem Zohar (8) für mich. Rabbi Chiya und Rabbi Yossi vernahmen eine Stimme, die ihnen dringend davon abriet, einen bestimmten Weg einzuschlagen. Sie folgten den Anweisungen der Stimme und bestiegen schließlich einen Berg. Dort begegnete ihnen ein fremdartiges Wesen. Sie hielten inne und fragten dieses Wesen, woher es denn komme. 

Die Antwort lautete: Von Arqa. Erstaunt hakten Rabbi Chiya und Rabbi Yossi nach: »Leben dort Leute?« Das Wesen bejahte. Allerdings sähen die Bewohner von Arqa anders als die beiden Rabbis aus. Für die beiden Rabbis war die Begegnung mit dem Wesen von der Planeten-Welt Arqa etwas Wundersames, das sie aber durchaus akzeptieren konnten.

Ob sie, wie so manche Rabbis unserer Zeit, davon überzeugt waren, dass es im All unzählige Planeten-Welten gibt, auf denen die unterschiedlichsten Lebewesen beheimatet sind? Nach dem »Tikuney Zohar«, der fast vollständig in aramäischer Sprache verfasst wurde, gibt es »Sterne ohne Zahl und jeder Stern wird als separate Welt bezeichnet. Dies sind die Welten ohne Zahl«. Von 18.000 Welten ist die Rede, offenbar von belebten, bewohnten Planeten-Welten.

»Avodah Zarah« (zu Deutsch etwa »Götzendienst«) ist ein religiöses  Traktat aus dem Talmud, »Sefer Nezikin«) und behandelt religiöse Vorschriften für Juden, die unter Nichtjuden leben. Geregelt wird der Umgang mit nichtjüdischen »Götzendienern«.  Zu den »Nichtjuden«, so scheint es, werden auch die Bewohner fremder Planeten-Welten, sprich Außerirdische, gezählt. Für den Umgang mit Außerirdischen galten die gleichen Verhaltensregeln wie gegenüber nichtjüdischen Mitmenschen auf Planet Erde.

Gott bereist nach altem jüdischem Glauben weite Räume. Er fliegt zu sehr vielen Welten. So steht es im mysteriösen »Avodah Zarah«-Text (9). »Er reitet auf seinem leichten Engel und fliegt in achtzehntausend Welten.« Was mag mit Gottes »leichtem Engel« gemeint sein, auf dem er »reitet«?

Nach einem von mir konsultierten Rabbi beziffert »Avodah Zarah« die Zahl der »Wagen Gottes« auf insgesamt 20.000, von denen 2.000 »nicht präsent« seien. Soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass 2.000 dieser Wagen unterwegs zu fremden Planetenwelten waren? Wie dem auch sei: Es wird offensichtlich davon ausgegangen, dass Gott sehr viele fliegende Wagen zur Verfügung standen. Dazu passt ein Vers aus dem »Alten Testament«. Der 68. Psalm (nach griechischer Zählung der 67.) wird David zugeschrieben. Er gilt zumindest in seinem Grundbestand als einer der ältesten erhaltenen Psalmen. Zu finden ist er im zweiten Buch des Psalters. Im Lobpreis Gottes wird im Psalm (10) auf die Vielzahl seiner himmlischen Vehikel hingewiesen. Offensichtlich sind sich die diversen Übersetzer nicht einig, über wie viele fliegende Wagen Gott wohl verfügte. Allem Anschein nach weiß man nicht, wie denn die richtige Übersetzung lauten muss. Keinen Zweifel kann es aber daran geben, dass es tausende und abertausende Wagen waren. Ich habe eine ganze Reihe von Bibelübersetzungen konsultiert, die ich zur Diskussion stelle.

»Luther-Bibel 2017«: »Der Wagen Gottes sind vieltausendmal tausend.«
»Elberfelder«: »Der Wagen Gottes sind zehntausendmal Tausende.«
»Schlachter 2000«: » Gottes Wagen sind zehntausendmal zehntausend, tausende und Abertausende.«
»Zürcher Bibel«: »Die Wagen Gottes, vielmal tausend und abertausend.«
»Gute Nachricht Bibel«: » Zehntausende von blitzenden Wagen hat Gott, in ihrer Mitte der Herr selber, der Heilige in seiner Herrlichkeit.«
»Einheitsübersetzung 2016«: » Die Wagen Gottes sind zahllos, tausendmal tausend.«
»Neue Evangelistische Übersetzung«: »Zehntausende von blitzenden Wagen hat Gott.«
»English Standard Version« (11): »The chariots of God are twice ten thousand, thousands upon thousands.« (»Die Wagen Gottes sind zweimal zehntausend, tausende und abertausende.«)
»New International Version«: »The chariots of God are tens of thousands and thousands of thousands.« (»Die Wagen Gottes sind zehntausende und tausende von Tausenden.«)
»New International Readers Version«: »God has come with tens of thousands of his chariots. He has come with thousands and thousands of them.« (»Gott ist mit zehntausenden seiner Wagen gekommen. Er ist mit tausenden und abertausenden von ihnen gekommen.«)
»King James Version«: »The chariots of God are twenty thousand, even thousands of angels.« (»Die Wagen Gottes sind zwanzigtausend, sogar Tausende von Engeln.«)

Nur die »King James Version« bringt im Zusammenhang mit den Wagen Gottes »tausende Engel« ins Spiel. Reisen sie mit in Gottes Wagen? Kritiker werden einwenden, dass mit den »Wagen Gottes« keineswegs Flugvehikel, sondern höchst irdische, über Stock und Stein rumpelnde Wagen gemeint seien. Ich muss aber in Erinnerung rufen, dass laut »Avodah Zarah« Gott in achtzehntausend Welten fliegt. Mit erdgebundenen Wagen kann er das nicht bewerkstelligen.

Foto 2: Buchcover »Zurück zu den
Sternen« von
Erich von Däniken
Rabbi Hasdai ben Abraham Crescas (*um 1340 in Barcelona, Katalonien; † 1410/11 in Saragossa, Aragonien) gilt als einer der großen jüdischen Gelehrten. Er hat wohl eine ganze Reihe von Werken verfasst, von denen fast alle als verloren gelten müssen. Sein Hauptwerk »Or HaShem« über das »Licht des Herrn« bietet ein weites Spektrum theologischer Gedanken, aber auch Überlegungen zum Thema »außerirdisches Leben«. Rabbi Hasdai ben Abraham Crescas verweist auf die 18.000 Planeten-Welten, in die Gott nach dem  »Avodah Zarah« fliegt. Der Rabbi hielt es für ausgeschlossen, dass sich Gott mit unbewohnten Planeten-Welten abgibt. Zohar-Experte, Kabbalist und Physiker Aryeh Kaplan konstatierte seine dezidierten Ansichten über altjüdisches Schrifttum und die Frage nach der Existenz außerirdischen Lebens klar verständlich: »Die Grundvoraussetzung der Existenz außerirdischen Lebens wird vom Zohar nachdrücklich unterstützt.« Rabbi Kaplan wagte auch einen Blick in die Zukunft.

Für ihn ist es legitim, Aussagen des Zohar über das nahende messianische Zeitalter mit interstellarer Raumfahrt in Verbindung zu bringen. Sollen doch nach dem Zohar dereinst rechtschaffene Menschen von Planet Erde fremde Planetenwelten regieren (12). Das freilich würde interstellare Raumfahrt voraussetzen. Der Zohar, so argumentierte Rabbi Aryeh Kaplan, prognostiziert das Aufkommen der interplanetaren und der  interstellaren Raumfahrt und er liefert zumindest einen der Gründe, warum die Raumfahrt als Teil des Auftakts kommender Zeitalter unvermeidlich sein würde. Mit anderen Worten: Der Zohar weiß von den »Erinnerungen an die Zukunft«.

Fußnoten
(1) 1. Buch Mose, Kapitel 4, 1-16
(2) Ebenda, Verse 11 und 12
(3) Ebenda, Vers 14, in der Luther-Bibel von 1912 (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht nach der Rechtschreibreform korrigiert.)
(4) »The Zohar: Pritzger Edition«, Band I, eBook-Ausgabe, Position 2610
(5) Zohar 1:157a
(6) Däniken, Erich von: »Zurück zu den Sternen/ Argumente für das Unmögliche«, Düsseldorf und Wien 1969, S. 239, 10.-7. Zeile von unten
(7) Ebenda, 5.-1. Zeile von unten
(8) E-Mail-Korrespondenz mit Rabbi Mendel Adelman vom 5., 6., 7. Und 11. Januar 2020.
(9) »Avoda Zara« 3b
(10) Psalm 68, Vers 18
(11) Die Übersetzung der Verse aus englischen Bibelausgaben ins Deutsche habe ich vorgenommen.
(12) »Sli'mos Rabbah« 52:3

Zu den Fotos
Foto 1: Kain... von der Erde hinweggenommen....Urschalling, Bayern. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Buchcover »Zurück zu den Sternen« von Erich von Däniken.

529. »Adam, Eva und das Gift Gottes«,
Teil 529 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 08. März 2020


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Sonntag, 23. Februar 2020

527. »Da traf er den Kain zwischen die Augen«

Teil 527 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Der blinde Lamech
schießt seinen Pfeil ab
Louis Ginzberg hat mit seiner Sammlung »The Legends of the Jews« sehr viel mehr als eine Vielzahl von Legenden der Juden zusammengetragen. Er hat so etwas wie ein Konglomerat des Wissens unzähliger Weiser aus ganz unterschiedlichen Quellen geschöpft. Das vielfältige geistige Erbe mag im Verlauf von Jahrtausenden zusammengetragenen worden sein. Erst wurde es mündlich weitergereicht, bevor es irgendwann da und dort schriftlich festgehalten wurde.

Sein bewundernswertes Mammutwerk bietet so viel Wissenswertes, dass heute noch unzählige Suchende so manches Geheimnis darin entdecken könnten, das auf den ersten Blick, bei oberflächlichem Lesen, verborgen bleibt.

Nach Jahrzehnten des Studierens und Forschens habe ich erkannt, dass ich auf eine Weise mehr als auf jede andere zur Aufklärung der großen Geheimnisse unserer Welt beitragen kann. Es muss mir nur gelingen, in so vielen Menschen wie nur möglich die Neugier auf das Wissens jenseits des Horizonts der ach so endgültigen vermeintlich unanzweifelbaren »Wahrheiten« zu wecken. Wissenschaften wie theologische Lehren versperren oftmals den Weg zu wirklich bahnbrechenden Erkenntnissen wie ein Paravent.

Eugène Ionesco (*1909; †1994) stellte fest: »Phantasie ist nicht Ausflucht. Denn sich etwas vorstellen, heißt, eine Welt bauen, eine Welt erschaffen.« Und Albert Einstein (*1879; †1955) beklagte: »Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.« Manche Texte aus dem »Alten Testament« regen unsere Fantasie an. Können wir mit Hilfe der vernachlässigten Intuition manches besser verstehen? Suchen kann jeder für sich, in Werken wie Louis Ginzbergs, Paul Rießler und Emil Kautzsch.

Lamech gesteht, verkündet im »Alten Testament«, einen Menschen getötet zu haben. Das verkündet Prof. John Byron, Fachbereich »Neues Testament« am »Ashland Theological Seminary« (Oregon, USA), der sich intensiv mit dem Judentum und den Ursprüngen des Christentums beschäftigt. In der »Luther Bibel« von 2017 lesen wir (1): »Und Lamech sprach zu seinen Frauen: Ada und Zilla, höret meine Rede, ihr Frauen Lamechs, merkt auf, was ich sage: Einen Mann erschlug ich.« In der »Elberfelder Bibel« wird der gleich Vers so formuliert: »Fürwahr, einen Mann erschlug ich.« Wer soll das Opfer Lamechs gewesen sein? Prof. John Byron ist davon überzeugt, dass sich Lamechs Geständnis auf den Tod Kains bezieht. Diese Interpretation halte ich für fragwürdig, prahlt doch Lamech geradezu damit, nicht nur einen, sondern zwei Menschen getötet zu haben, ich zitiere den Vers vollständig (1): »Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule.« Meiner Meinung nach ist weder mit dem »Mann«, noch mit dem »Jüngling« Kain gemeint. Kain fügte Lamech keine Wunde zu und Kain, der Brudermörder, war bei seinem Tod ein alter Mann und kein »Jüngling«. Und eine Beule hat ihm weder Kain, noch dessen Sohn verpasst. Mein Fazit: Lamech gesteht im zitierten Bibeltext nicht, Kain getötet zu haben.

Foto 2:
Kain wird gleich
vom Pfeil
getroffen
In der sakralen Kunst gibt es diverse Darstellungen, die zeigen, wie Lamech seinen Urahn Kain mit Pfeil und Bogen erlegt. Im 12. Jahrhundert entstand ein Relief, das ein Säulenkapitell der Kathedrale von Saint Lazare, Frankreich, ziert. Es hält den Moment fest, da Kain vom Pfeil Lamechs im Hals getroffen wird.

Eine »Weltchronik« aus dem Jahr 1563 zeigt als Buchillustration just diese Szene: Lamech hat einen Pfeil abgeschossen, der offenbar gerade in Kains Leib eingedrungen ist. Aufbewahrt wird das kostbare Dokument aus dem 16. Jahrhundert in der Österreichischen Nationalbibliothek zu Wien (2). Das »Ökumensiche Heiligenlexikon« geht ausführlich auf Lamech ein (3). »Lamech«, erfahren wir dort, bedeutet im Hebräischen »kräftiger Mann«. Das Lexikon verweist auf »jüdische Legenden«, die vom Tod Kains erzählen: Lamech soll Kain bei einem Jagdunfall mit Pfeil und Bogen erschossen haben.

Das seriöse »Ökumenische Heiligenlexikon« zeigt eine weitere Darstellung vom Tod Kains, der auch hier dem Jäger Lamech zum Opfer fällt: »Mosaik: Lamech erschießt Kain und tötet Tubal-Kajin, 5. Jahrhundert, im Baptisterium San Giovanni in Florenz«.

Tatsächlich zeigt das Mosaik gleichzeitig zwei Szenen der alten jüdischen Überlieferung. Da sehen wir zunächst Lamech, stehend, mit dem Bogen in der Hand. Sein Sohn Tubal-Kain (Tubal-Kajin) hat dem greisen Vater offenbar die Richtung angegeben, wo das vermeintliche Wild im Gebüsch zu finden war. Kain steht, weitestgehend verdeckt, zwischen Gestrüpp.

Foto 3: Lamech stehend mit Bogen,
Lamechs Sohn stehend und liegend, Opfer Kain im Gestrüpp.

Nach der Überlieferung hat Lamech seinen Sohn, als der tragische Irrtum erkannt worden war, versehentlich erschlagen, nachdem er bereits versehentlich Kain erschossen hatte. Wir sehen Lamechs Sohn als »Schützenhilfe« und gleichzeitig tot am Boden liegend. Es wird also die gesamte Geschichte um Kains Tod in einem einzigen Mosaikbild »erzählt«. Anders als in einem Comicstrip werden zwei Bilder in einem dargestellt. In der großen Kathedrale von Monreale, Sizilien, findet der interessierte Besucher zahlreiche Mosaikdarstellungen biblischer Szenen, aber auch die Geschichte von Lamech und Kain. Lamech hat seinen Schuss bereits abgefeuert, Kain ist in der Brust getroffen. Seine Knie knicken ein, der Brudermörder wird im Fallen gezeigt. Lamechs kleiner Sohn deutet noch in Richtung Kain, der freilich ohne irreführendes Horn auf der Stirn dargestellt wurde.

In der »Österreichischen Nationalbibliothek«, Wien, wird eine wertvolle Buchmalerei aufbewahrt. Die Miniatur, entstanden etwa 1465 bis 1475, stammt aus einem Illustrations-Zyklus. Lamech hat auf dem Bild Kain bereits niedergestreckt und den tödlichen Fehler erkannt. Wütend erschlägt der blinde Jäger seinen kleinen Sohn mit dem mächtigen Bogen. Im krassen Gegensatz zum geringen Bekanntheitsgrad der Story von Lamechs Todesschuss in unserer Zeit steht die Fülle an Darstellungen eben jener Szene in alten Buchmalereien. Ein Beispiel von vielen sei noch genannt: Die berühmte »Maciejowski-Bibel«, alias »Kreuzfahrerbibel«, alias »Buch der Könige«, alias »Morgan-Bibel«, soll von Ludwig IX. von Frankreich um das Jahr 1245 in Auftrag gegeben worden sein. Auch hier findet sich eine Darstellung von Kains Tod.

Ich selbst sah ja vor Jahrzehnten ein Säulenkapitell in der Basilika von Vézelay, Frankreich, mit dem Todesschuss, von Lamech, abgegeben auf den Brudermörder Kain.

Das Motiv »Lamech tötet Kain« war vor Jahrhunderten in der sakralen Kunst offenbar weit verbreitet. Es stellt sich eine Frage: Worauf basieren diese Darstellungen, die nur in unwichtigen Details voneinander abweichen? Paul Rießler (*1865; † 1935) wurde 1907 Professor für alttestamentliche Bibelexegese an der Universität Tübingen. 1924 veröffentlichte er erstmals seine »Übersetzung des Alten Testaments«. Rießlers Monumentalwerk (4) »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel« erschien erstmals 1928. Es ist als zuverlässige Quelle für altjüdisches Schrifttum auch heute noch unverzichtbar.

Foto 4: »Ephräm der Syrer«
Es enthält auch den apokryphen Text »Die Syrische Schatzhöhle«. Umstritten ist, wer als Verfasser verantwortlich zeichnete. Ein Kandidat ist Ephräm. Ephräm der Syrer (* um 306; †373), ein spätantiker Schriftsteller und Kirchenlehrer, lebte als Asket und unterrichtete viele Jahre in der Nähe der Stadt Edessa, heute Türkei. 1920 wurde er durch Papst Benedikt XV. zum Kirchenlehrer erklärt. Er wird auch heute noch in vielen Regionen als Heiliger verehrt. »Die Syrische Schatzhöhle« berichtet über Kains Tod so (5):

 »Lamech stützte sich auf seinen Sohn, einen kleinen Knaben,
und dieser Knabe lenkte ihm seinen Arm auf das Wild,
so oft er solches sah.
Nun hörte er die Stimme Kains, der im Wald umherstreifte,
weil er nirgends Ruhe fand.
Lamech, der Blinde, aber hielt ihn für ein Tier,
das im Wald umherjagt.
So hob er seinen Arm, hielt seinen Bogen bereit, spannte ihn
und schoß ihn gegen jenen Platz ab.
Da traf er den Kain zwischen die Augen, daß er hinfiel und starb.
Lamech aber glaubte, ein Wild getroffen zu haben
und sprach zu dem Knaben:
›Geh hin, daß wir das Wild sehen, das wir trafen!‹
Als sie hinkamen und nachsahen,
sprach zu ihm der Knabe, auf den er sich stützte:
›Wehe, mein Herr! Du hast den Kain getötet.‹
Da winkte er und schlug die Hände zusammen;
dabei traf er den Knaben und tötete ihn.«

Prof. John Byron ist davon überzeugt, dass frühe Interpreten altehrwürdiger sakraler Texte da und dort in den biblischen Schriften Lücken entdeckten. So bietet das »Alte Testament« geradezu ausufernde Informationen über zahlreiche biblische Gestalten an. Wir erfahren, wie alt die Männer wurden und in welchem Alter sie welche Kinder zeugten. Über Kains Tod indes scheint sich das »Alte Testament« auszuschweigen. Er verschwindet irgendwie, ohne dass wir etwas über seinen Tod erfahren. Dieses Defizit hat die alten Interpreten, so Prof. Byron, aktiv werden lassen. Sie schufen ergänzende Texte, die nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden. So wurden Lücken geschlossen. In apokryphen Texten zum »Neuen Testament« erfahren wir, wie Jesus als Kind war, worüber nichts im »Neuen Testament« zu finden ist. »Die Syrische Schatzhöhle« wartet mit einer doch unglaubwürdigen Story über Kains Tod auf.

Wie aber starb Kain wirklich? Kam er bei der Sintflut ums Leben? Starb er überhaupt? Ein einzelner, unscheinbarer Vers in der biblischen Mordgeschichte von Kain und Abel kann eine geradezu fantastisch anmutende Geschichte erzählen: Demnach nahm Gott selbst Kain von der Erde hinweg.

Fußnoten
(1) 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 23
(2) Inventarnummer Cod. Nr. 2823
http://www.aeiou.at/aeiou.history.docs/006596.htm (Stand 16.01.2020)
(3) https://www.heiligenlexikon.de/BiographienL/Lamech.html (Stand 16.01.2020)
(4) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel«, Augsburg 1928, S.942-1013
(5) Ebenda, S.952+953, 8. Kapitel, Verse 3-10 (Die Rechtschreibung wurde unverändert von der Vorlage übernommen und nicht der heutigen Schreibweise unter Berücksichtigung der Rechtschreibreform angepasst.)

Zu den Fotos
Foto 1: Der blinde Lamech schießt seinen Pfeil ab (Basilika von Vézelay, Frankreich). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Kain wird gleich vom Pfeil getroffen. (Basilika von Vézelay, Frankreich). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Lamech stehend mit Bogen, Lamechs Sohn stehend und liegend, Opfer Kain im Gestrüpp. Foto Joachim Schäfer, Ökumenisches Heiligenlexikon, gemeinfrei.
Foto 4: »Ephräm der Syrer« (Ikone). Foto gemeinfrei

528. »Zehntausende von blitzenden Wagen hat Gott.«,
Teil 528 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 01. März 2020


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