Sonntag, 31. Mai 2020

541. »Hesekiel, Elias und Henoch wurden ›entrückt‹«

Teil 541 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Elias und Henoch. Bibelillustrationen, koloriert.

Der Prophet Hesekiel schildert seine erste Begegnung mit dem Wagen Gottes, auch »Herrlichkeit Jahwes« (»Herrlichkeit des HERRN«) genannt, so (1) »Und ich sah, und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Norden her, eine mächtige Wolke und loderndes Feuer, und Glanz war rings um sie her, und mitten im Feuer war es wie blinkendes Kupfer.« Auch in der »Elberfelder Bibel« kommt die geheimnisvolles Gotteserscheinung recht imposant daher (2): »Und siehe, ein Sturmwind kam von Norden her, eine große Wolke und ein Feuer,…«

Prof. Georg Fohrer (3): »Jahwe erscheint im Sturm, auf dem man die großen babylonischen Götter einherfahrend dachte. Er naht auf dem babylonischen Götterwagen mit den gewaltigen Rädern, deren furchtbares Getöse Himmel und Erde erzittern läßt. … Die Lichterscheinung erinnert an babylonische solare Gottheiten, vor allem wiederum des Sonnengottes.«

Der Theologe und Alttestamentler Prof. Hermann Gunkel (*1862; †1932) glaubt den Ursprung solcher himmlischer Wagen im Märchen ansiedeln zu müssen. So schreibt er (4): »Auch die Vorstellung von einem fliegenden Wagen kommt im Märchen vor; auf solchen Wagen fahren Elisa und Henoch zum Himmel. … Die Mythologie schreibt den Göttern solche Flugzeuge zu, denn natürlich besitzen diese die ›Wunschdinge‹, nach denen sich der Mensch sehnt: Hermes hat Flügelschuhe, Jahwe fliegt auf dem Kerub, bei Hesekiel auf den Häuptern von vier beschwingten Keruben und – auf einem beseelten Zauberwegen.«

Der Theologe und Alttestamentler Prof. Gunkel hält die Beschreibungen von Götterwagen für Wunschdenken. Ich muss dem Theologen auch hier den Raumfahrtwissenschaftler gegenüberstellen. Sänger lehnt den Gedanken, fliegende Wagen müssten Fantasieprodukte sein, ab. Raumfahrtpionier Eugen Sänger indes war da ganz anderer Ansicht als Prof. Gunkel (5): »Es erscheint uns heute fast wahrscheinlicher, dass unsere Vorfahren diese Vorstellungen aus realen Erfahrungen bei der Begegnung mit prähistorischen Besuchern aus dem Weltraum erwarben, als dass eine ans Unglaubwürdige grenzende Zukunftsschau sie ihnen schon vor Jahrtausenden auf wunderbare Weise geoffenbart hätte.«

Sänger betonte anno 1958, also vor mehr als einem halben Jahrhundert, dass entsprechende Hinweise nicht etwa nur bei einzelnen Völkern oder Religionen vorkommen, »sondern praktisch bei allen Völkern der Erde in sehr ähnlicher Weise auftauchen«.

Schließlich listet Prof. Sänger einige Indizien für Besuche der »Astronautengötter« auf, die Jahre später sozusagen zum Kanon der »Prä-Astronautik« gehören sollten (6):»Tatsächlich berichtet nicht nur die Bibel vom Propheten Elias, er sei auf einem von Flammenrossen gezogenen Donnerwagen gen Himmel gefahren, nach mexikanischen Mythen erhielten die Maya den Besuch eines Gottes aus dem Weltraum, die Begründer der peruanischen Inkadynastie kamen vom Himmel...«

Foto 2: Elias. Ikone, frühes 19.Jahrhundert.
Wenden wir uns Elias‘ Erlebnis mit dem fliegenden Gotteswagen zu. Zur Vorgeschichte: Auf Betreiben Elias versammelten sich auf dem Berg Karmel (7) »die vierhundertfünfzig Propheten des Baal und die vierhundert Propheten der Aschera«. Es kam zu einem Opferwettbewerb zwischen den Priestern Jahwes und den Priestern Baals, den die Baalspriester ganz klar verloren haben. Baal nahm das ihm dargebotene Stieropfer nicht an. Da half kein Geschrei. Auch Selbstverstümmelung half nicht (8): »Nach ihrem Brauch ritzten sie sich mit Schwertern und Lanzen wund, bis das Blut an ihnen herabfloss.« Elija ließ seinen Opferstier zerteilen, auf einen Altar legen und wiederholt mit Wasser übergießen. Anders als Baal erhörte, so der Bibeltext, Gott Jahwe Elias Gebete, der sich von Gott wünschte, der möge doch sein Opfer annehmen, auffressen, sprich verbrennen. So geschah es dann auch (9): »Da kam das Feuer des HERRN herab und verzehrte das Brandopfer, das Holz, die Steine und die Erde.«

Jetzt erkannte das Volk, so schildert es die Bibel, dass Jahwe der mächtigere Gott war. Die Baalspriester hatten verloren. Die Niederlage mussten die 450 mit dem Leben bezahlen. Elias befahl (10): »Ergreift die Propheten des Baal! Keiner von ihnen soll entkommen. Man ergriff sie und Elija (alias Elias) ließ sie zum Bach Kischon hinabführen und dort töten.«

Alle 450 Baals-Priester wurden abgeschlachtet. Kurios: Die »400 Propheten« der Göttin Aschera wurden zwar auch zum Opferwettstreit auf den Berg Karmel geholt, sie nahmen aber nicht am Wettbewerb teil. Warum waren die »Propheten« der Göttin zugegen? Und während berichtet wird, dass die 450 Baalspriester massakriert wurden, hüllt sich der Text in Schweigen, wenn es um die »Propheten Ascheras« geht. Die werden schlicht und einfach im weiteren Verlauf der Geschichte gar nicht mehr erwähnt. Sollte Aschera warum auch immer unantastbar gewesen sein? Tatsächlich gibt es Hinweise auf Aschera als Partnerin Jahwes.

Das von Elias (Elia/ Elija) angeordnete Gemetzel scheint Gott Jahwe nicht gestört zu haben, ganz im Gegenteil. Jahwe beschließt nämlich, den Priester Elias zu sich holen zu lassen. Damit ist freilich nicht der Tod des Propheten gemeint. Offenbar war – so der Bibeltext – im Volk bekannt, dass Jahwe Elias entführen lassen wollte. Konkretes Beispiel: Elischa (zu Deutsch etwa »Gott hilft«), der Diener Elias‘, wurde gefragt (11): »Weißt du, dass der HERR (Jahwe) heute deinen Meister über dein Haupt hinweg aufnehmen wird? Er antwortete: Auch ich weiß es. Seid still!«

Foto 3: »Entrückung« des Elias.
Bibelillustration, koloriert.

Vergeblich versuchte Elias (andere Schribweise Elija) seinem Gott auszuweichen. Elias und sein Diener Elischa, Elias Nachfolger, waren zusammen unterwegs, da kam der göttliche Flugwagen zum Einsatz (12): »Während sie miteinander gingen und redeten, erschien ein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte beide voneinander. Elija fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor.« Elias wurde lebend und leibhaftig mit Gottes Himmelswagen von der Erde abgeholt, spricht entführt, im Bibeldeutsch »entrückt«.

Wolfgang Schneider schreibt in seinem Artikel »Elias Entrückung gen Himmel« (13): »Der Bericht über das Lebensende des Propheten Elia ist immer wieder Gegenstand von Überlegungen und Theorien gewesen, die fast alle in einer These enden: Elia wurde von Gott in den Himmel aufgenommen, ohne daß er gestorben wäre. Das Ereignis wird auch als ›Entrückung des Elia‹ bezeichnet, oder es heißt, Elia sei nicht den gewöhnlichen Menschentod gestorben, sondern in den Himmel aufgenommen worden. Manchmal wird es mit der Entrückung Henochs, einem der vorsintflutlichen Väter, verglichen. Beide, so wird dann gesagt, habe Gott zu sich in den Himmel aufgenommen, ohne daß sie gestorben wären.«

Foto 4: Auch Henoch wurde
von Gott in den Himmel entrückt.
Bibelillustration um 1730.
Über Henoch weiß die Bibel nicht viel zu berichten (14): »Henoch war fünfundsechzig Jahre alt, da zeugte er Metuschelach (Methusalem). Nachdem Henoch Metuschelach gezeugt hatte, ging er mit Gott dreihundert Jahre lang und zeugte Söhne und Töchter. Die gesamte Lebenszeit Henochs betrug dreihundertfünfundsechzig Jahre. Henoch ging mit Gott, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen.« Wie der Terminus »Gott hatte ihn aufgenommen« zu verstehen ist, das verdeutlicht ein Vers im »Neuen Testament«. Im »Hebräerbrief« lesen wir in der »Einheitsübersetzung« (15):

»Aufgrund des Glaubens wurde Henoch entrückt, sodass er den Tod nicht schaute; er wurde nicht mehr gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; vor der Entrückung erhielt er das Zeugnis, dass er Gefallen gefunden habe bei Gott.« Ziehen wir noch »Hoffnung für alle« heran: »Weil Henoch glaubte, nahm Gott ihn zu sich, so dass er nicht sterben musste; er war plötzlich nicht mehr da. Die Heilige Schrift bestätigt, dass Henoch so gelebt hat, wie es Gott gefiel.«

Hesekiel erlebte eine Himmelsreise, wurde aber wieder auf irdischem Grund und Boden ausgesetzt. Elias und Henoch wurden auch zu einer Himmelsreise mitgenommen, so berichten es die biblischen Texte, nicht wieder zur Erde zurück.

Für den renommierten Theologieprofessor Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) ist der Sachverhalt klar! Für ihn gibt es offensichtlich zwei Sorten von Texten, nämlich realistische Beschreibungen realer Geschehnisse einerseits und märchenhafte, sprich fiktive Texte. Wie aber entscheidet der Theologe, was erfunden wurde und was nicht? Mir scheint, dass er alles, was ihm zu fantastisch erscheint, in die »Kategorie Märchen« einordnet. Und das betrifft biblische wie außerbiblische apokryphe Texte und solche, die in anderen Kulturen entstanden sind.


Foto 5: »Entrückung« des Elias.
Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.

Aber macht er es sich nicht zu einfach, wenn er alle Texte, die nach seinem Geschmack zu fantastisch klingen, in den Bereich des Märchenhaften verbannt? Prof. Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) war ganz ohne Zweifel ein vorzüglicher, kenntnisreicher und wissenschaftlich präzise arbeitender Theologe. Doch was für Prof. Gunkel vor hundert und mehr Jahren einfach viel zu fantastisch war um wahr zu sein, das mag für uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts längst überholte Wirklichkeit von gestern sein. Prof. Gunkel musste alles für unmögliche Fiktion halten, was für uns heutige immer noch allenfalls realistische Zukunftsschau ist. Genauso gilt, dass die Realität von – wählen wir ein beliebiges Jahr – 2122 für uns Heutige unfassbar unrealistisches Märchen sein muss. So ist es durchaus möglich, dass wir, wie Prof. Gunkel, uralte Texte als unglaubwürdig belächeln, nur weil sie fantastisch klingen. Meiner Meinung ist es unverzichtbar, auch scheinbar Märchenhaftes als Informationsquelle zu überprüfen. Falsch und unverantwortlich ist es meiner Meinung nach alles, was wir nicht für realistisch halten als »Märchen« zu etikettieren und unberücksichtigt zu lassen.


Fußnoten
(1) Hesekiel Kapitel 1, Vers 4 (Zitiert aus »Lutherbibel 2017«)
(2) Ebenda, Anfang von Vers 1 zitiert aus der »Elberfelder Bibel«.
»English Standard Version«: »As I looked, behold, a stormy wind came out of the north, and a great cloud, with brightness around it, and fire flashing forth continually, and in the midst of the fire, as it were gleaming metal.«
(3) Fohrer, Georg: »Handbuch zum Alten Testament. Erste Reihe 13/ Ezechiel«, Tübingen 1955, Seite 9, 7.-2. Zeile von unten (Fußnoten nicht mitgezählt!)
(4) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921, Seite 61, letzte Zeile unten – Seite 62, 8. Zeile von oben
(5) Sänger, Eugen: »Raumfahrt – technische Überwindung des Krieges«, Hamburg 1958, Seite 124
(6) Ebenda, Seite 125(7) 1. Könige Kapitel 18, Vers 19 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(8) Ebenda, Vers 28 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(9) Ebenda, Vers 38
(10) Ebenda, Vers 40
(11) 2. Könige Kapitel 2, Vers 3
(12) 2. Könige 2, Vers 11
(13) Schneider, Wolfgang: »Elias Entrückung gen Himmel«, »Bibel Center«.  http://www.bibelcenter.de/bibel/studien/wort/d-std071.php (Stand 25.04.2020)
Die Rechtschreibung des Zitats wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibrefrom gemäß verunstaltet.
(14) 1. Mose Kapitel 5, 21-24 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(15) Hebräer Kapitel 11, Vers 5 (»Einheitsübersetzung 2016«)
(16) Gunkel, Hermann: »Das Märchen im Alten Testament«, Tübingen 1921, Seite 52, 3.-8. Zeile von oben

Zu den Fotos

Foto 1: Elias und Henoch. Bibelillustrationen, koloriert.
Foto 2: Elias. Ikone, frühes 19.Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: »Entrückung« des Elias. Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: Auch Henoch wurde von Gott in den Himmel entrückt. Bibelillustration um 1730. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: »Entrückung« des Elias. Bibelillustration, koloriert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.


542. »1.000 Jahre vor Kolumbus«,

Teil 542 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 07. Juni 2020 

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Sonntag, 24. Mai 2020

540. Hesekiel, Gilgamesch und Pfeile Gottes

Teil 540 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Der Hesekiel
von Schwarzrheindorf
Hoch über mir steht das fliegende Rad. Es gehört zum »Hesekiel-Zyklus« in einem der schönsten Gotteshäuser Europas. Es ist erstaunlich, wie ausführlich in einzelnen Bildern in der unteren Kirche von »St. Maria und Clemens« auf den biblischen Hesekiel eingegangen wird. Warum geschah dies nur hier und in keiner anderen Kirche? Für wen waren diese Darstellungen gedacht? Die »Untere Kirche« wurde vom »gewöhnlichen Volk« besucht, dem die »Obere Kirche« verschlossen blieb. Dort versammelten sich Adelige und Klerus zur Andacht.

Eine Flut von Gemälden an den Wänden ließ vor etwa neun Jahrhunderten das vermeintlich ungebildete Volk staunen. Verstanden die Menschen, was da in Bildern dargestellt wurde? Lesen konnten sie in der Regel nicht. Erkannten sie die Bedeutung der Wandgemälde? Da wird in einem Gemälde dem Hesekiel eine Schriftrolle zum Verzehr gereicht. Dort erkennt man Hesekiel in einem anderen Gemälde, wie er sich mit einem Schwert den Bart abschneidet. Ein weiteres Gemälde zeigt Hesekiel, der mit einer Hacke ein Loch in eine Steinmauer geschlagen hat. Entsetzt blickt der Prophet durch das Loch. Auf der anderen Seite wird offenbar Götzendienst betrieben, und das – was für ein Sakrileg – offenbar im Tempel zu Jerusalem.

Der »Hesekiel-Zyklus« ist wirklich einzigartig in der sakralen Kunst christlicher Gotteshäuser. Szenen aus dem »Neuen Testament« sind eindeutig zu erkennen: Jesus ärgert sich über die Händler im Tempel und Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel. Andere Darstellungen sind vermutlich allegorisch gemeint. Da kämpfen die »Tugenden« gegen die »Laster«. Manche Darstellungen sind wirklich brutal. Da werden die »Sünder« brutal massakriert. Sie werden förmlich zerhackt. Immer wieder begegnen uns Szenen aus dem »Neuen Testament«. Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld. Dem sterbenden Jesus wird mit einem Schwamm Essig gereicht. Ein römischer Soldat stößt Jesus eine Lanze in den Leib.

Und dann: Immer wieder taucht Hesekiel auf. Wir sehen Hesekiel im Kreis der Ältesten sitzen. Die Hand Gottes erscheint aus dem Himmel über ihm. Hesekiel wird Zeuge des Götzendienstes der Juden, die einer Götterstatue huldigen. Hesekiel salbt den Altar. Die Götzendiener werden bestraft, weil sie vom Glauben abgefallen sind. Die »Guten« werden gekennzeichnet und entgehen dem Gemetzel. Die »Bösen« werden zerhackt, die »Guten« bleiben verschont.

Mich aber interessiert vor allem das mächtige Rad, das über mir am Himmel zu schweben scheint. Was, so frage ich mich, ein wenig misstrauisch von meinem Kirchenführer beäugt, hat Hesekiel gesehen? Was sah er am Himmel? Was kam vom Himmel herab?

Im Gilgamesch-Epos zeigt sich Göttin Siduri dem heroischen Gilgamesch. Eine solche Gottesoffenbarung bezeichnet man in der Theologie als »Theophanie«. Der Begriff leitet sich von zwei griechischen Worten ab, nämlich von »theos« (»θεός, »Gott«) und von »phainesthai« (»φαίνεσθαι«, »sich zeigen, erscheinen«). In einer »Theophanie« (»Erscheinung eines Gottes«) offenbart sich ein Gott. Offensichtlich tun das Götter auf Planet Erde schon seit Jahrtausenden. Auch dem biblischen Hesekiel wurden Theophanien zuteil.

Foto 2:  »Hesekiels Rad« nach der Restaurierung
(Farblich verändert und kontrastverstärkt
um Details sichtbar zu machen. Collage.)



Das »Alte Testament« kennt solche »Theophanien«, die ganz offensichtlich mit massiven, ja furchteinflößenden Begleiterscheinungen einhergingen. Recht eindrucksvoll wird eine »Theophanie« in Psalm 18 geschildert (1): »Die Erde bebte und wankte, und die Grundfesten der Berge bewegten sich und bebten, da er zornig war. Rauch stieg auf von seiner Nase und verzehrend Feuer aus seinem Munde; Flammen sprühten von ihm aus. Er neigte den Himmel und fuhr herab, und Dunkel war unter seinen Füßen. Und er fuhr auf dem Cherub und flog daher, er schwebte auf den Fittichen des Windes. Er machte Finsternis ringsum zu seinem Zelt, dunkle Wasser, dichte Wolken. Aus dem Glanz vor ihm zogen seine Wolken dahin mit Hagel und Blitzen. Der HERR donnerte im Himmel, und der Höchste ließ seine Stimme erschallen mit Hagel und Blitzen.« Als ausgesprochen friedlich wird dieser Gott allerdings nicht dargestellt, heißt es doch (2): »Er schoss seine Pfeile und zerstreute die Feinde, sandte Blitze in Menge und erschreckte sie.«

Weniger ausführlich werden die Begleiterscheinung einer »Theophanie« in Psalm 97 beschrieben (3): »Der HERR ist König; des freue sich das Erdreich und seien fröhlich die Inseln, so viel ihrer sind. Wolken und Dunkel sind um ihn her, Gerechtigkeit und Recht sind seines Thrones Stütze. Feuer geht vor ihm her und verzehrt ringsum seine Feinde. Seine Blitze erleuchten den Erdkreis, das Erdreich sieht es und erschrickt. Berge zerschmelzen wie Wachs vor dem HERRN, vor dem Herrscher der ganzen Erde. Die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit, und alle Völker sehen seine Herrlichkeit.«

Auch dem Hesekiel zeigt sich Gott, wie gleich zu Beginn des Buches Hesekiel mitgeteilt wird (4): »Und im dreissigsten Jahr, im vierten Monat, am Fünften des Monats, als ich unter den Verbannten am Fluss Kebar war, öffnete sich der Himmel, und ich sah göttliche Schauungen.«

Dieser eher unscheinbare Vers enthält eine höchst interessante Information, auf die mich Prof. Dr. Georg Fohrer (*1915; †2002), Fachbereich Altes Testament an der »Friedrich Alexander Universität Erlangen«, hingewiesen hat. Ich habe manche seiner Vorlesungen besucht und an seinen Seminaren teilgenommen.

Georg Fohrer hat von 1934 bis 1938 Evangelische Theologie und vergleichende Religionswissenschaft an den Universitäten Marburg und Bonn studiert. 1939 promovierte er zum »Dr. phil.«, 1944 zum »Dr. theol.«. Schließlich habilitierte er sich 1949. 1954 wurde er zum »außerplanmäßigen Professor« ernannt. In den Jahren 1954 bis 1962 wirkte er an der »Evangelisch-Theologischen Fakultät« der Universität Wien. 1962 schließlich holte man ihn als »Professor Fachbereich Altes Testament« an die Universität Erlangen. 1979 wurde der Gelehrte emeritiert, konvertierte zum Judentum und zog nach Jerusalem. In Jerusalem verstarb Prof. Fohrer nach schwerer Krankheit. Im gleichen Jahr brach ich mein Studium der evangelischen Kirche in Erlangen ab und veröffentlichte mein erstes Buch.

Foto 3:  »Hesekiels Rad« nach der Restaurierung
(Farblich verändert und kontrastverstärkt
um Details sichtbar zu machen. Collage.)

Im Hebräischen kommt im ersten Vers des ersten Kapitels bei Hesekiel ein Wort zum Einsatz, das in allen Übersetzungen mit »öffnen« verdeutscht wird (5). Diese Vorstellung taucht nur noch ein einziges Mal im »Alten Testament« vor, nämlich bei Jesaja (6). Wenn das Ende seinen Anfang nehmen wird, wenn die Endzeit ihren Lauf nimmt, dann soll der Himmel zerrissen werden: »Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen.«

Prof. Dr. Georg Fohrer, er war Ehrendoktor der Universitäten Marburg, Aberdeen und St Andrews und Ehrenmitglied zahlreicher gelehrter Gesellschaften, über eine Teophanie bei Hesekiel (7): »Wenn Jahwe zu Beginn der Endzeit zur Erde herniedersteigt, zerreißt er den Himmel. Ez(echiel) bedient sich keines bekannten Bildes oder theologischen Ausdrucks und weist damit bereits darauf hin, wie neu und ungewöhnlich sein Erleben für ihn ist.«

Die »eigentliche Wohnung Jahwes« war, so Prof. Fohrer, der Himmel. Aus dem Himmel herab steigt Gott bei Hesekiel wie bei Jesaja. Es kann also keinen Zweifel geben, dass der biblische Gott des »Alten Testaments« aus dem Himmel herab zur Erde kam, als er Hesekiel aufsuchte. Hesekiel beschreibt das sehr anschaulich. Der himmlische Wagen, so schien es, wurde am Himmel plötzlich sichtbar. Für Hesekiel gab es nur eine Erklärung: der Himmel war aufgerissen, hatte sich aufgetan.

Foto 4: Hesekiel schneidet sich
den Bart ab.
Es ist wirklich erstaunlich, wie ausführlich in einzelnen Bildern in der unteren Kirche von »St. Maria und Clemens« auf den biblischen Hesekiel eingegangen wird. Ich habe mir bei meinem Besuch viel Zeit für den »Hesekiel-Zyklus« genommen. Da mir die Hesekieltexte geläufig waren, verstand ich sofort die Aussage einiger der Darstellungen. Da wird dem Hesekiel eine Schriftrolle zum Verzehr gereicht. Keine Frage: Da wird biblischer Text illustriert (8): »Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss‘ diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.« Offenbar soll Hesekiel im sprichwörtlichen Sinne verinnerlichen, was er den Menschen verkünden soll.

Dort erkennt man Hesekiel, wie er sich mit einem Schwert den Bart abschneidet. Auch hier handelt Hesekiel nach einem seltsam anmutenden Befehl Gottes (9): »Und du, Menschenkind, nimm ein scharfes Schwert und brauche es als Schermesser und fahr damit über dein Haupt und deinen Bart.« Mag sein, dass dies ein Hinweis auf das Unglück sein soll, das über Jerusalem hereinbrechen wird. Ein letztes Beispiel soll genügen: Ein weiteres Gemälde zeigt Hesekiel, der mit einer Hacke ein Loch in eine Steinmauer geschlagen hat. Entsetzt blickt Hesekiel durch das Loch. Da wird offenbar Götzendienst betrieben, und das offenbar im Tempel zu Jerusalem.

In der Luther Bibel von 1912 findet sich ein seltsamer Fehler (10): »Und er führte mich zur Tür des Vorhofs; da sah ich, und siehe war ein Loch in der Wand. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, grabe durch die Wand. Und da ich durch die Wand grub, siehe, da war eine Tür. Und er sprach zu mir: Gehe hinein und schaue die bösen Greuel, die sie allhier tun. Und da ich hineinkam und sah, siehe, da waren allerlei Bildnisse der Würmer und Tiere, … und allerlei Götzen des Hauses Israel, allenthalben umher an der Wand gemacht.«

Foto 5: Hesekiel bricht ein Loch in die Wand.

Da stimmt etwas nicht mit der zeitlichen Abfolge! Da wird dem Hesekiel zunächst ein Loch in der Wand gezeigt. Und dann bekommt er den Befehl, durch die Wand zu graben. Aber das Loch ist doch schon vorhanden! Wozu also noch graben?

In der »Luther Bibel« von 2017 hat man diesen Fehler nicht behoben. Da wird er sogar noch deutlicher (11): »Und er führte mich zur Tür des Vorhofes. Da sah ich, und siehe, da war ein Loch in der Wand. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, brich ein Loch durch die Wand. Und als ich ein Loch durch die Wand gebrochen hatte, siehe, da war eine Tür.«

Hesekiel bekommt ein Loch in der Wand gezeigt und dann soll er erst einmal ein Loch durch die Wand brechen? Aber das Loch ist doch schonvorhanden!

Über allem aber scheint das Rad zu schweben, das Hesekiel sah. Sollte er tatsächlich ein riesiges Rad am Himmel gesehen haben? Sollte von einem solchen »Rad« die Herrlichkeit Gottes, »kabod jhwh« (כְּבֹוד־יְהוָ֑ה) im Hebräischen der »Biblia Hebraica« zur Erde hinab gestiegen zu sein?


Fußnoten
(1) Psalm 18, Verse 8-14, zitiert nach »Luther Bibel 2017«.
(2) Ebenda, Vers 15, zitiert nach »Luther Bibel 2017«.
(3) Psalm 97, Verse 2-6, zitiert nach »Luther Bibel 2017«.
(4) Hesekiel Kapitel 1, Vers 1, zitiert nach »Luther Bibel 2017«.
(5) נִפְתְּחוּ֙, ptch im Niphal
(6) Jesaja Kapitel 63, Vers 19
(7) Fohrer, Georg: »Handbuch zum Alten TestamentErste Reihe 13/ Ezechiel«, Tübingen 1955, Seite 10, 4.+3. Zeile von unten (Fußnoten nicht mitgezeählt!)
(8) Hesekiel Kapitel 3, Verse 1-3
(9) Hesekiel Kapitel 5, Vers 1
(10) Hesekiel Kapitel 8, Verse 7-10, zitiert aus der »Luther Bibel« von 1912. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen.
(11) Hesekiel Kapitel 8, Verse 7 und 8


Zu den Fotos
Foto 1: Der Hesekiel von Schwarzrheindorf, bearbeitet (Collage. Kontrast verstärkt und Farben verändert, um Details besser erkennbar zu machen.)
Foto 2:  »Hesekiels Rad« nach der Restaurierung (Farblich verändert und kontrastverstärkt um Details sichtbar zu machen. Collage.)
Foto 3:  »Hesekiels Rad« nach der Restaurierung (Farblich verändert und kontrastverstärkt um Details sichtbar zu machen. Collage.)
Foto 4: Hesekiel schneidet sich den Bart ab.
Foto 5: Hesekiel bricht ein Loch in die Wand.

541. »Hesekiel, Elias und Henoch wurden ›entrückt‹«,
Teil 541 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 31. Mai 2020


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