Sonntag, 13. Dezember 2020

569. »Das wäre eine armselige Wissenschaft…«

Teil 569 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien« von Walter-Jörg Langbein, erscheint am 13. Dezember 2020
 
Foto 1: »Hochschloss Pähl«,
Gemälde vom Meister der Pollinger Tafeln (um 1440).

Am Himmel schwebt ein Engel. Menschen Blicken zu ihm auf. Sie staunen. Vielleicht sind sie auch ängstlich. Entstanden ist das Gemälde um 1440. Ein wahrer Könner hat es geschaffen, nämlich der Meister der Pollinger Tafeln. Die stolze Burganlage rechts oben konnte man identifizieren. Es ist das »Hochschloss« von »Pähl im Pfaffenwinkel«. 

Das heutige »Pähl im Pfaffenwinkel« im oberbayerischen Landkreis Weilheim-Schongau entstand anno 1818 als in den Urkunden benannte Gemeinde. Bereits 1782 wurden bei Pähl erste archäologische Untersuchungen uralter Hügelgräber durchgeführt. Einige entstanden um das Jahr 450 v.Chr., die älteren stammen angeblich aus dem 15. Jahrhundert v.Chr. 

Mit einer Spezialdrohne wurden aufschlussreiche Fotos von der Region erstellt, die eine 3D-Karte ermöglichten. Rund 900 Luftaufnahmen des Geländes wurden dabei mit einer geeichten Photogrammetriekamera aufgenommen. Die Fotos wurden inzwischen in ein präzises digitales Geländemodell (DGM) umgewandelt. Damit war nicht nur die Grundlage für eine genaue Kartierung des Bodendenkmals geschaffen, es konnte auch ein digitales Geländemodell erarbeitet werden. Deutlich zu erkennen sind bis heute unerforschte Hügelgräber. Es soll ausgeschlossen werden, dass die uralten Sakralstätten zum Beispiel beim Ausbau des Straßennetzes beschädigt oder gar zerstört werden. 

Unklar und umstritten ist, wann »Pähl im Pfaffenwinkel« ursprünglich und unter welchem Namen auch immer gegründet wurde. Nach einer alten Sage gab es einst eine große Stadt, die sich bis nach Pähl erstreckte, die vor Jahrhunderten ausgestorben und verschwunden sei. Die alte Überlieferung mag ein Körnchen Wahrheit zu bieten haben (2). Verschiedene Forscher vertraten offenbar im 19. Jahrhundert die These, bei Pähl handele es sich um eine Fortführung des römischen »Urusa«. Nach Prof. Dr. Ludwig Steinberger existiert die wohl älteste Schreibweise von »Pähl« als »Pouile« und »Poule«. Nach Dr. Steinberger steckt in diesem Namen das lateinische Wort »bovile«, zu Deutsch »Rindergehege«. 

Foto 2: Pähl im Pfaffenwinkel (17. Jahrhundert).

Wurden also zu Zeiten der Römer in der Region des heutigen »Pähl im Pfaffenwinkel« Rinder gehalten? War ein römisches Kastell der Vorläufer von »Pähl«? Weniger profan ist eine andere Erklärung für den Ursprung des Namens »Pähl«! Ich glaube, dass im Ortsnamen die Göttin oder ein Gott weiterlebt, nämlich Pales, Göttin oder Gott des Viehs (3). Pales wurde bei den römischen Bauern hoch verehrt. An ihrem Fest wurden Dufthölzer angezündet. Es wurde gebetet und gesungen. Bekannt ist, dass Marcus Atilius Regulus († um 250 v. Chr.), ein römischer Politiker und Feldherr während des Ersten Punischen Krieges, einen Pales-Tempel stiftete. Wahrscheinlich wurde der Palatinus (Palatin) in Rom nach Pales benannt. Am 21. April fand die Parilia oder Palilia statt, ein Reinigungsfest, das von Hirten gefeiert wurde. Am 21. April wurde der Legende nach Rom gegründet. 

Die Parilia- oder Palilia-Festivitäten waren friedlich. Blutige Opfergaben wurden der Gottheit keine dargebracht, sondern Gersten- oder Hirsekuchen und Milch. Feuerzeremonien fanden statt. Man sprang durch brennendes Stroh, um sich zu reinigen. Auch als Laie erkennt man, dass die Kirche »St. Laurentius« in Pähl auf einer natürlichen Festung erbaut wurde. Nur wenig menschliche Eingriffe waren erforderlich, um das Gotteshaus gegen die damals modernsten Waffen sicher zu machen. Wo heute das »Hochschloss« steht, da ragte womöglich ein »burgus« der Römer in den Himmel. Eine Kette von »burgi« wurde von den Römern im dritten Jahrhundert n.Chr. angelegt. Tag und Nacht wachten römische Soldaten und beobachteten von den Türmen aus den Grenzverlauf. Von »burgus« zu »burgus« kommunizierte man mit einem Signalsystem. Tauchten irgendwo Feinde auf, konnten dort in kurzer Zeit römische Soldaten zusammengezogen werden, um einen feindlichen Angriff abzuwehren (4). Intensives Quellenstudium in Bibliotheken brachte mir mehr Verwirrung als Klarheit. 

War nun das »Hochschloss« von Pähl auf der Ruine einer römischen Festungsanlage errichtet worden? Granitblöcke von riesenhaften Ausmaßen sollen im Schloss verarbeitet worden sein. Sie stammen womöglich aus dem Schutt der einstigen römischen Festung, wenn es denn so etwas wie eine Festung als Vorgängerbau gab. Gesichert ist das nicht. Sind die Steinblöcke womöglich sehr viel älter als das Schloss? Angeblich wurden römische Münzen und eine Osiris-Statuette im Schutt des »Hochschlosses« gefunden. Münzen und eine Götterstatuette in der Mülldeponie der Zeit? Eine Burg auf der zerfallenen Ruine eines einst stolzen Bauwerks? Wir halten uns für so wichtig. 

Foto 3: »Hochschloss Pähl«,
Gemälde vom Meister der Pollinger Tafeln (um 1440).

Wir sehen nur uns selbst und erkennen nicht, dass die Menschheit auch nichts anderes ist als eine bescheidene Blüte auf einem gewaltigen Berg zur Unkenntlichkeit zerfallener Vergangenheit. Wir halten uns gern für die Krone der Schöpfung, ob wie sie für das Ergebnis göttlichen Wirkens oder einer unendlichen Folge von Zufällen halten. Wir sind so mächtig stolz auf unsere »Intelligenz« und horten angesichts einer vermeintlichen oder wirklichen Corona-Pandemie Toilettenpapier. Wir glauben, alles im Griff zu haben und streiten darüber, ob die Erderwärmung existiert oder nicht und ob sie, falls es sie gibt, ein Naturphänomen oder Folge menschlichen Handelns ist. Wir sind stolz auf die zahlreichen Erkenntnisse über die Wirklichkeit, die der Mensch mit unermüdlichem Forschergeist gewinnen konnte. Und doch leugnen wir die Existenz eines erheblichen Teils der Realität, weil sie unseren Horizont weit übersteigt. Wer sich mit den Grenzbereichen unseres Wissens auseinandersetzt, wird gern verächtlich als »Grenzwissenschaftler« bezeichnet. 

Foto 4: Gottheit »Pales« um 1730.

Dabei konstatierte schon Justus Freiherr von Liebig (*1803; †1873) sehr zutreffend: »Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an, interessant zu werden, wo sie aufhört.« Und Thomas Carlyle (*1795; †1881) stellte fest: »Das wäre eine armselige Wissenschaft, die die große, tiefe, geheiligte Unendlichkeit des Nichtwissens vor uns verbergen wollte, über welcher alle Wissenschaft wie bloßer oberflächlicher Nebel schwimmt.« Albert Schweitzer (*1875; †1965) erkannte: »Die Wissenschaft, richtig verstanden, heilt den Menschen von seinem Stolz; denn sie zeigt ihm seine Grenzen.« Verstehen wir Wissenschaft richtig oder leugnen wir unsere engen Grenzen? Beharren wir auf unserem Stolz? Dr. Fritz Fenzl (*1952), er studierte unter anderem Germanistik und Katholische Theologie an der »Ludwig-Maximilians-Universität München«, hat über zwanzig spannende Sachbücher verfasst (5). Darin geht es um Wirklichkeiten, die viele Zeitgenossen nicht zur Kenntnis nehmen wollen. 

Dr. Fenzl, der am » Städtischen Thomas-Mann-Gymnasium« in München katholische Religion und Deutsch unterrichtet, spürt seit über vier Jahrzehnten Aspekte der Wirklichkeit auf, die unser nur scheinbar fundiertes Weltbild infrage stellen. In seinem umfangreichen Werk schildert er ganz besondere Orte, die seiner Überzeugung nach schon zu allen Zeiten von Menschen aufgesucht wurden, die Heilung oder Wundersames erfahren woll(t)en.

Foto 5: Klosterruine tom Roden (bei Corvey)
Dr. Fenzls Sachbücher sind Reiseführer der ganz besonderen Art. Sie sind unverzichtbar für jeden, der mysteriöse Stätten aufsuchen möchte, von denen es in Deutschland nicht wenige gibt. Dr. Fenzl beschreibt zahlreiche uralte heilige Orte (6) »und erklärt, wie auch in unserer Zeit die besondere Energie dort für jeden wahrnehmbar wird.

Seine ungewöhnlichen Ausflugstipps zeigen, dass sich hinter der scheinbaren Idylle oft okkulte Mächte verbergen, alte keltische Kultstätten noch immer als Heilplätze wirken und der Aufenthalt an Kraftorten die Menschen beeinflusst.« 

Sind es solche Kraftorte, die die Menschen schon seit Urzeiten angelockt haben: von den Externsteinen im Teutoburger Wald bis hin zum Staffelberg im Oberfränkischen, vom Urschallung am Chiemsee bis hin zur Klosterruine tom Roden bei Höxter, von der St. Christophorus Kirche von Wilschdorf (Dresden) bis zum Freiburger Münster? Howard Phillips Lovecraft fragte (7): 

Foto 6: Blick ins
Freiburger Münster
»Doch was überhaupt ist das Leben und was ist der Lebenssinn? Mit welchem Recht geht der Mensch so willkürlich von der eigenen Wichtigkeit in der Schöpfung aus?« Ich glaube, unser Leben bekommt Sinn, wenn wir unsere Welt in allen ihren Aspekten, auch den mysteriösesten, erforschen. Wenn der Mensch wichtig sein will, dann muss er versuchen, seine Stellung in der Schöpfung zu finden. Voraussetzung dafür ist es aber, die Vielseitigkeit der Schöpfung auch jenseits unseres engen Horizonts zu erkennen und zumindest zu erahnen. Dr. Fenzl kann uns dabei eine große Hilfe sein!  

Fußnoten
(1) Lovecraft, Howard Phillips (*1890; †1937): »Gegen die Religion/ Atheistische Schriften«, Leipzig Juli 2020 (Einmalige Vorzugausgabe limitiert auf 250 Stück), Seite 60, 13.-10. Zeile von unten
(2) Schmidtner, Andreas: »Geschichte von Raisting«, Weilheim 1886, S. 2-8
(3) Prescendi, Francesca : »Pales«, »Der Neue Pauly« Band 9, Stuttgart 2000.
(4) Fischer, Thomas: »Die Römer in Deutschland«, Stuttgart 1999
(5) Dr. Fenzls Bücher sind alle empfehlenswert. Vier habe ich ausgewählt, die jeder Suchende lesen sollte.
Fenzl, Dr. Fritz: »Keltenkulte in Bayern. Spurensuche an Kraftorten«, München 2003
Fenzl, Dr. Fritz: »Magische Orte in Bayern«, Rosenheim 2004
Fenzl, Dr. Fritz: »Magische Kraftorte in Bayern«, Rosenheim 2014
Fenzl, Dr. Fritz: »Magische Kraftorte in Franken« Rosenheim 2014
(6) Fenzl, Dr. Fritz: »Magische Wege und Orte in Bayern«, München 2007, Klappentext, Rückseite des Buches

(7) Lovecraft, Howard Phillips (*1890; †1937): »Gegen die Religion/ Atheistische Schriften«, Leipzig Juli 2020 (Einmalige Vorzugausgabe limitiert auf 250 Stück), Seite 60, 13.-10. Zeile von unten  

Foto 7: Die geheimnisvollen Externsteine
im Teutoburger Wald.

Zu den Fotos
Foto 1: »Hochschloss Pähl«, Gemälde vom Meister der Pollinger Tafeln (um 1440). Gemeinfrei. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 2: Pähl im Pfaffenwinkel (17. Jahrhundert). Gemeinfrei. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: »Hochschloss Pähl«, Gemälde vom Meister der Pollinger Tafeln (um 1440). Gemeinfrei. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.

Foto 4: Gottheit »Pales« um 1730. Gemeinfrei. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Klosterruine tom Roden. Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Blick ins Freiburger Münster. Foto: Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Die geheimnisvollen Externsteine im Teutoburger Wald.
Foto: Walter-Jörg Langbein



570. » «,
Teil 570 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 20. Dezember 2020
 

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Samstag, 5. Dezember 2020

568. »Nun überschreiten wir unsere Wissensgrenze«

Teil 568 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Die Mayas hatten ein zyklisches Weltbild
(Kukulkan Pyramide von Chichen Itza).

In der Theologie wird immer noch darüber diskutiert, ob denn nun der Sonnengesang Echnatons von den Verfassern von Psalm 104 leicht abgewandelt und plagiiert worden ist. Die Frage ist eigentlich geklärt. Katharina Schaub hat unvoreingenommen und mit wissenschaftlicher Akribie Echnatons Lobpreisung mit der Hymne auf Jahwe verglichen. Sie verfasste im Seminar »Schöpfungstheologien im Ersten Testament« eine »Exegetische Hausarbeit zum Psalm 104« und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: »Oft sind Hymnen, die zum gleichen Thema geschrieben werden ähnlich und können sich inhaltlich überschneiden. Die Übereinstimmungen dieser beider Hymnen sind allerdings so groß, dass man nicht von Zufall reden kann.«

Für christliche Theologen mag es wichtig sein, ob der angebliche Autor von Psalm nun ein Plagiator ist oder nicht. Sie mögen sich darüber streiten, ob Moses seinen Eingottglauben von Echnaton übernommen hat. Wichtiger ist aber ein Paradigmenwechsel, der klammheimlich vollzogen wurde: Die göttliche Sonne wurde von den Jahweanhängern durch Jahwe ersetzt. Von nun an wurde ein neues Zeitbild propagiert. Es galt nicht mehr der unendliche, ewige Kreislauf der sich ständig wiederholenden Natur.

Foto 2: Echnaton
betet zum Sonnengott.
Ein neuer Gott wurde propagiert. Vom eher unbedeutenden Lokalgott wurde er zum Schöpfer des Universums erhoben. Der »neue« biblische Gott setzte mit seiner Schöpfung einen Anfang. Er initiierte den Anfang einer neuen Geschichte. Die Weltzeit wurde nicht mehr als ein ewiger Kreislauf angesehen. Vielmehr gab es jetzt einen Nullpunkt und einen Schlusspunkt. Am Anfang war der göttliche Schöpfungsakt, die Kreation aus dem Nichts. Von da an lief alles zielstrebig auf die Apokalypse zu. Die neue Weltsicht sah einen Anfang und ein Ende vor. Die ältere – wie sie noch von den Mayas vertreten wurde – hatte ein zyklisches Weltbild. Es gab eine Aufeinanderfolge von Zeitepochen, von Zeitzyklen. Wenn ein Zyklus zu Ende ging, folgte ein neuer.

Schon immer gab es in der Mythologie der Ägypter Apophis, die Schlangengottheit im Urozean. Das war schon so, bevor aus dem Chaos das Universum geschaffen wurde. Nacht für Nacht musste die Sonnenbarke des Sonnengottes die Unterwelt durchqueren. Nacht für Nacht wurde sie von Apophis angegriffen. Wäre Apophis erfolgreich gewesen, wäre die Zeit in ihrem Fluss unterbrochen worden. Doch Nacht für Nacht gelang es dem Sonnengott, den Widersacher abzuwehren und die Unterwelt zu durchfahren. So war es der Sonne möglich, jeden Tag aufs Neue aufzugehen und in der Barke wieder den Himmel von Ost nach West zu durchqueren.

Apophis war aber nicht nur das böse Monster und ein Feind des Sonnengottes. Apophis stand auch für das ewige Leben, für den Kreislauf des ewigen Lebens. So wurde Apophis Nacht für Nacht besiegt und zerstückelt. Es ist das Blut des Apophis, das den morgendlichen Himmel rot färbt. Im ewigen Konzert der ägyptischen Götterwelt verschwinden die Grenzen zwischen Gut und Böse. Seth war nach biblischer Terminologie das Böse, also der Satan. In der ägyptischen Götterwelt war Seth das Böse, aber im Kampf von Apophis gegen den Sonnengott stand Seth dem Sonnengott bei. Seth war destruktiv. Aber die Zerstörung der Apophis-Schlange war Voraussetzung dafür, dass Sonnengott Ra nach überstandener Nacht am folgenden Morgen wieder seine Fahrt über den Himmel antreten konnte.

»Ist da jemand da draußen?« Diese Frage stellten Dr. Simon Mitton (*1946) und Dr. Roger Lewin (*1944) anno 1973 in einem spannenden Artikel (1). Dr. Mitton, Astronom, und Dr. Lewin, Wissenschaftsjournalist, erörterten im seriösen, in der Welt der Wissenschaft anerkannten und geschätzten »New Scientist« die Frage nach außerirdischem Leben. Konkreter: Sie diskutieren die Frage, wie das Leben auf unserem Planeten entstanden sein mag. Zwei Gruppen, so die beiden Wissenschaftler, vertreten zwei recht unterschiedliche Thesen (2):

»Eine Gruppe folgte Darwins Führung und befürwortete eine lange, langsame Entwicklung von Organismen aus sehr primitiven Anfängen. Aber eine Sekunde war radikaler. Diese Idee – formuliert vom schwedischen Chemiker Svente Arrhenius Ende des letzten Jahrhunderts – war, dass das Leben hier in Form von Bakteriensporen ankam, die von einem anderen Planeten entkommen waren, auf dem das Leben bereits etabliert war. Später modifizierte Lord Kelvin Arrhenius‘ Vorschlag – bekannt als Panspermie – indem er vorschlug, dass die Sporen Meteoriten als Vehikel für ihre lange Reise durch den unwirtlichen Raum verwendet haben könnten. Angesichts der offensichtlichen Unwahrscheinlichkeit, dass das Leben in der sprichwörtlichen Ursuppe entstanden ist, fanden viele Menschen die Idee der Panspermie attraktiv.«

Sollte es in der zeitlichen wie räumlichen Unendlichkeit des Alls auch zyklisch wie – zum Beispiel – in der Mythenwelt der Mayas und der Ägypter zugehen? Auch wenn man im Christentum schon lange zum linearen Weltbild – Schöpfung bis Apokalypse – übergegangen ist, so erinnert doch das Kirchenjahr an zyklisches Denken! Das Kirchenjahr beginnt nach katholischer wie evangelischer Tradition mit der Vesper am Vorabend des ersten Adventssonntags. Es folgt Christi Geburt im Stall von Bethlehem, Christi Wirken im »Heiligen Land«, seine Verhaftung, sein Prozess und seine Hinrichtung, gefolgt von Auferstehung und Himmelfahrt. Jahr für Jahr wiederholen sich die gleichen Ereignisse in gleicher Abfolge. Das ist Erinnerung an uralte zyklische Zeitvorstellungen!


Foto 3: Das Kirchenjahr - Erinnerung an zyklische Weltbilder.
Krippe im Dom zu Paderborn.

Primitives Leben entsteht auf einem Planeten, entwickelt sich, erobert den Planeten, um schließlich ins All vorzudringen? Wiederholt sich dieser Prozess in der Ewigkeit immer und immer wieder? Ich darf noch einmal den »New Scientist«-Artikel von Dr. Simon Mitton (*1946) und Dr. Roger Lewin (*1944) zitieren (3):

»Das Leben muss natürlich irgendwo beginnen, aber Arrhenius hat diese Schwierigkeit umgangen, indem er sagte, dass das Leben ewig sein muss; das Problem seiner Entstehung tritt also nicht auf!« Svante August Arrhenius (*1859; † 1927) war ein schwedischer Physiker und Chemiker. Er wurde 1903 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. So wie für Arrhenius das Leben ewig war, also nie »geschaffen« wurde, so sah Albert Einstein die »Raumzeit« (4): 

»Einstein … lehrte uns, dass es zwei äquivalente Vorstellungen über unsere materielle Wirklichkeit gibt: Wir können sie uns entweder als dreidimensionalen Ort namens Raum denken, wo sich die Dinge im Lauf der Zeit ändern, oder als einen vierdimensionalen Ort namens Raumzeit, die einfach nur existiert, unveränderlich, niemals erschaffen und niemals zerstört.«

»Ewigkeit« kann sich kein Mensch wirklich vorstellen. Wir werden, wie jedes andere Tier auch, geboren, wir leben und wir sterben. Es gibt also im Kleinen einen Anfang und ein Ende. Das können wir uns begreifbar machen. Aber eine Ewigkeit ohne Anfang und Ende ist nicht wirklich gedanklich fassbar. Ein Zitat von Francis Bacon (*1561; †1626) kommt mir in den Sinn:

»Wir dürfen das Weltall nicht einengen, um es den Grenzen unseres Vorstellungsvermögens anzupassen, wie der Mensch es bisher zu tun pflegte. Wir müssen vielmehr unser Wissen ausdehnen, so dass es das Bild des Weltalls zu fassen vermag.«

Der britischer Schriftsteller Douglas Noël Adams (*1952; †2001) veröffentlichte eine sarkastischen Science-Fiction-Satire mit dem Titel »Per Anhalter durch die Galaxis« als »intergalaktische Trilogie in fünf Teilen«. In diesem seinem Opus gibt es zahlreiche skurril anmutende Aussagen. Dem zweiten Band »Das Restaurant am Ende des Universums« stellte Adams folgendes Wort voraus (5): »Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. - Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist.«
 
Wir bilden uns viel auf unser Wissen ein, doch wenn es zum Beispiel um die Ewigkeit geht, versagt unser Verstand. Eine Million Jahre nach dem ominösen Urknall, so heißt es (6), »war der Raum mit fast gleichförmig durchsichtigem Gas gefüllt. Könnten wir uns das kosmische Drama rückwärts in der Zeit laufend ansehen, würden wir erkennen, wie dieses Gas allmählich heißer wird und seine Atome zunehmend härter ineinander krachen, bis sie in Atomkerne und freie Elektronen zerfallen.

 Dann sähen wir Heliumatome in Protonen und Neutronen auseinanderbrechen. Anschließend werden diese in ihre Bausteine, die Quarks, zerlegt. Nun überschreiten wir unsere Wissensgrenze und betreten einen Bereich wissenschaftlicher Spekulation.« Jetzt erst? Wer oder was führte die Temperaturänderung dieses ominösen Gases herbei? Wieso kam es an unendlich vielen Punkten gleichzeitig zum »Urknall«? Was löste diese »Miniurknalle« (»Miniurknälle«?) aus?

Foto 4: Blick in die Gefilde jenseits unseres Wissens.
Mittelalterliches Weltbild. Holzschnitt, um 1530

Fragen über Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Was löste den Urknall aus? Der Urknall soll nicht an einem, sondern an unendlich vielen Punkten gleichzeitig stattgefunden haben. Das heißt also, dass es vor dem Urknall bereits etwas gegeben hat. Und das war »unendlich«. Es war also etwas am Anfang. Was? Was liegt in den weiten Gefilden jenseits unserer Wissensgrenze?



Fußnoten
(1) Mitton, Dr. Simon und Lewin, Dr. Roger: »Is Antone out Theres?«, »New Scientist«, London, 16. August 1973, S. 380-382.
(2) Ebenda, Seite 380, recite Spalte, 2.-19. Zeile von oben. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein. Zitat im Original:
»One group followed Darwin's lead and favored a long, slow evolution of organisms from very primitive beginnings. But a second took a more radical view. This idea – formulated by the Swedish chemist Svente Arrhenius at the end of the last century – was that life arrived here in the form of bacterial spores that had escaped from another planet where life was already established. Later, Lord Kelvin modified Arrhenius's proposal – known as Panspermia – by suggesting that the spores may have used meteorites as vehicles for their long journey through inhospitable space.
Faced with the apparent improbability of life generated in the proverbial primeval soup, many people found the idea of Panspermia attractive.«
(3) Ebenda, Seite 380, rechte Spalte,19.-21. Zeile von oben. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein. Zitat im Original:
»Life must start somewhere, of course, but Arrhenius got round this difficulty by saying that life must be eternal; the problem of its origin therefore does not arise!«
(4) Tegmark, Max: »Unser mathematisches Universum/ Auf der Suche nach dem Wesen der Wirklichkeit«, Berlin 2015, eBook-Version, Seite 39 von 573/ Position 5932 von 11847
(5) Adams, Douglas: »Das Restaurant am Ende des Universums«, eBook-Version, Zürich 2017
(6) Tegmark, Max: »Unser mathematisches Universum/ Auf der Suche nach dem Wesen der Wirklichkeit«, Berlin 2015, eBook-Version,  Seite 106 von 573/ Position 1439 von 11847

Zu den Fotos
Foto 1: Die Mayas hatten ein zyklisches Weltbild (Kukulkan Pyramide von Chichen Itza). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Echnaton betet zum Sonnengott. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Das Kirchenjahr - Erinnerung an zyklische Weltbilder. Krippe im Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Blick in die Gefilde jenseits unseres Wissens. Mittelalterliches Weltbild. Holzschnitt, um 1530

Leben wir in einer Simulation?
Leben wir in einem simulierten Universum?
Lektüreempfehlung für trübe Corona-Zeiten
Walter-Jörg Langbein empfiehlt...

Bryan Blackwater und Nefatari Nimjah:
»Das simulierte Universum«


Man stelle sich vor: Man liest einen spannenden Roman und folgt den Helden auf wahrhaft wagemutigen Reisen in andere Wirklichkeiten. Dabei vergisst man gern den Alltagstrott. Oder: Man sitzt im Kino und lässt sich in die fantastische Welt eines Sciencefiction-Fiction-Films entführen. Für kurze Zeit werden Alltagstrott und widrige Lebensumstände vergessen. Aber irgendwann muss man in die oft langweilige Realität zurückkehren.

Was wäre, wenn unser Leben alles andere als dröge Realität, sondern fantastischer als jeder Roman oder jeder Film wäre? Was wäre, wenn es ein Buch gäbe, das einem die Augen öffnet für die Wirklichkeit in der wir leben. Was wäre, wenn es ein Buch gäbe, das mehr als atemberaubend erkennen lässt, dass unsere Realität sehr viel fantastischer als jede Fiktion ist? Was wäre, wenn..?

Das Buch gibt es: »Das simulierte Universum« von Bryan Blackwater und Nefatari Nimjah. Das Buch ist mit »atemberaubend« nur unzulänglich beschrieben. In präziser Sachlichkeit erfahren wir, dass unsere Realität so ganz anders ist als wir wahrzunehmen meinen. In überzeugender Weise wird uns der Blick auf die Wirklichkeit freigegeben, von der wir ein Teil sind. Und diese Realität ist atemberaubend. Sie ist spannender als jeder Roman und als jeder Film, weil es nicht um amüsante Gedankenspiele, sondern eben um uns und unsere Wirklichkeit geht. 

Es geht um die Essenz unseres Seins, um unsere Existenz, um unser wirkliches Sein. Es geht darum, dass wir erkennen können, was wir wirklich sind und um die Chancen und Möglichkeiten zur Entfaltung, die wir haben! »Das simulierte Universum« von Bryan Blackwater und Nefatari Nimjah öffnet nicht die Tür in eine andere Wirklichkeit. Es bietet uns an, dass wir wirklich erfahren und nachvollziehen können, was wir, wie wir und wo wir sind.

»Das simulierte Universum« von Bryan Blackwater und Nefatari Nimjah – das vielleicht wichtigste Werk über uns und unsere Welt: mehr als nur atemberaubend, dabei geradezu erschreckend überzeugend. Unverzichtbar für jeden unvoreingenommen denkenden Menschen und jeden, der wirklich bereit für kühnste Gedanken ist!

569. »Das wäre eine armselige Wissenschaft...«
Teil 569 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 13. Dezember 2020


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