Sonntag, 5. Januar 2020

520. »Adam reist zu fremden Planeten«

Teil 520 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Louis Ginzberg (*1873; †1953)  wanderte 1899 in die USA aus. Dort wirkte er mit an der »Jewish Encyclopedia« und hatte von 1902 an eine Professur für Talmud und rabbinische Wissenschaft am »Jewish Theological Seminary«, New York, inne. Studiert hat Louis Ginzberg aber in Berlin, Straßburg und Heidelberg. In Heidelberg promovierte er 1898  zum »Dr. phil«. Sein Mammutopus »Legends of the Jews« verfasste der gelehrte Rabbi in deutscher Sprache. Bis heute ist leider nur die englische Übersetzung allgemein zugänglich. Das deutschsprachige Original ist erhalten, wurde aber bis heute nicht in Buchform publiziert. Angeblich wird daran gearbeitet, das deutschsprachige Original  wissenschaftlich korrekt zu veröffentlichen. Bis dahin sind wir nach wie vor auf die englischsprachige Übersetzung angewiesen.

Foto 1: Adam besuchte fremde Planeten.
Foto Adam am Baum des Lebens,
Holzstich Mitte 16. Jahrhundert.
Fotocollage gespiegelt.

Von Planet »erez« (finster und unbewohnt) wurde Adam auf Planet »adamah« geschafft. Die dort hausenden Lebewesen (1) »verlassen ihre eigene Erde, um sich auf die von Menschen bewohnte (Erde) zu begeben«.

Kurios mutet an, dass in den »Legenden der Juden« meines Wissens nur von Adams Planetenreisen berichtet wird. Eva wird  mit keinem Wort erwähnt. Es wird aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Kain, Abel und Seth auf »adamah« geboren wurden. Nach den biblischen Texten des »Alten Testaments« war Eva, Adams zweite Frau, die Mutter von Kain, Abel und Seth. Demnach muss auch Eva auf kosmischer Reisetour unterwegs gewesen sein!

Der dritte Sohn von Adam und Eva wurde »Seth« genannt, zu Deutsch »Setzling«. Warum? Lesen wir im 1. Buch Mose (2) nach : »... und sie rief seinen Namen ›Schet‹, denn gesetzt haben mir die Götter (Gottwesen/Elohim) fremden Samen für Häbäl (Abel), welchen Kajin (Kain) erschlug.« Wie soll man die Tatsache, dass die Götter der Eva »fremden Samen« einpflanzten, verstehen? Ich zitiere aus meiner wörtlichen Übersetzung aus dem hebräischen Original ins Deutsche: »Und er erkannte, er, Adam, erneut seine Frau und sie gebar einen Sohn und sie rief seinen Namen Schet, denn gesetzt hat mir Elohim Samen anderen für Habäl, denn er erschlug ihn, Kajin.«

Hier wurden offenbar zwei verschiedene Texte miteinander verknüpft. Oder es wurde ein Stück Text weggelassen. Denn plötzlich redet Eva, ohne dass darauf hingewiesen wird!

Foto 2
Nach den »Legenden der Juden« (Fotot 2!) ermordete Kain seinen Bruder Abel auf dem Planeten »adamah«. Zur Strafe wurde er auf den Planeten »erez« verbannt. Erst als Kain Reue zeigte, brachte ihn Gott auf eine andere Welt. So kam er vom kosmischen »Alkatraz« auf Planet »arka«. Über »arka« erfahren wir aus den »Legenden der Juden«, dass das Leben dort etwas angenehmer war als auf der unbewohnten Welt »erez«, die ihrer Sonne offensichtlich näher war, wird doch »erez« als die Welt beschrieben, (3) »die etwas Licht von der Sonne empfängt«. Die Welt »erez« war offensichtlich sehr viel weiter von ihrer Sonne entfernt, deshalb war es dort dunkel. Auf »arka« lebten die »Kainiten«, die das Land bebauten. Weizen, so heißt es, kannten sie nicht. In den »Legenden der Juden« wird überliefert (4): »Einige der Kainiten sind Riesen, einige von ihnen sind Zwerge.«

Ich bin davon überzeugt, dass sich in den »Legenden der Juden« fragmentarische Überbleibsel von inzwischen verschollenen Kenntnissen finden lassen. Einst mag es Überlieferungen über die Zustände auf fernen fremden Planeten gegeben haben. Wurden sie in religiöse Texte eingebaut? Schwingt in den biblisch-christlichen Vorstellungen von einer Höllenwelt Wissen über Planet Venus mit? Hinweise auf die gigantischen Entfernungen zwischen verschiedenen Welten im Kosmos können wir nicht wirklich begreifen. Hinweise auf derlei Distanzen gibt es auch in den »Legenden der Juden«. Kaum erahnen können wir die vielleicht ursprünglich vorhandenen Kenntnisse. Vage Erinnerungen sind fragmentarisch überliefert worden: Zahlen und Namen. Ein Beispiel: Fünfhundert Jahre soll es gedauert haben, um von der Erde aus den ersten »Himmel« zu erreichen.

Bis in den sechsten »Himmel« wurden angeblich Menschen von der Erde mitgenommen. Namentlich bekannt sind folgende Höllenwelten: »sheol«, »abbadon«, »bershahat«, »tit ha jawen«, »sha’are mawet«, »sha‘are zalmawet« und »gehenna«. Dreihundert Jahre soll es gedauert haben, um eine Hölle zu durchqueren. Mit welchen »Verkehrsmitteln« musste man da unterwegs sein? Auf Planet Erde würde es 6.300 Jahre dauern, so wissen es die »Legenden der Juden« zu berichten, um eine vergleichbare Strecke zurückzulegen. Sind solche konkreten Angaben reine Phantasieprodukte von fabulierenden Ahnungslosen oder liegen Erinnerungen an konkrete kosmische Distanzen zu fremden Welten zugrunde?

Von der Erde heißt es, sie bestehe nur zu einem Drittel aus bewohnbarem Gebiet, der Rest sei Wasser und Wüste gewesen (6): »Von dieser weiten Welt ist nur ein Drittel bewohnt, die anderen beiden Drittel verteilen sich zu gleichen Teilen auf Wasser und Brachland.« Tatsächlich besteht Planet Erde nur zu einem Drittel aus Land, den Rest bedecken Meere. Oder war mit »dieser weiten Welt« unsere Heimat »Planet Terra« gar nicht gemeint?

Seit über vier Jahrzehnten durchforste ich die weiten Welten der Mythen und Sagen. Auf dem weiten, weiten Feld der religiösen Legenden gedeihen auch prächtige Blumen, die in einen frömmelnden Kontext so ganz und gar nicht passen wollen. Da tauchen in fantasiereichen Schilderungen von Höllen, Erde und Himmeln ganz konkrete Daten auf. Die »Legenden der Juden« zum Beispiel gehen weit über den Schöpfungsbericht des »Alten Testaments« hinaus. Folgt man der biblischen Schöpfungsgeschichte, so wie wir sie heute im »Alten Testament« finden, dann gab es im Zentrum des göttlichen Wirkens Planet Erde. Gott schuf die Erde, Sonne, Mond und Sterne waren nichts anderes als kleine und große Lampen.

Foto 3: Adam auf einem Fresko (1475)
in der Dreieinigkeitskirche von Hrastovlje
( Slowenien ) von Johann von Kastav

Nach den »Legends of the Jews« indes war das ganz anders. Planet Erde war nur eine kleine Welt in einem Meer von Planeten, die gelegentlich »Erden«, gelegentlich »Welten« genannt werden. Die Schöpfung in der biblischen Genesis ist geozentrisch, die der »Legends of the Jews« lässt einen ganzen Kosmos entstehen. Neben unserer Erde, auf der wir leben kreierte Gott zu seinem eigen Ruhm einhundertneunundsechzigtausend Welten (7)!

Micha Josef bin Gorion (*1865; †1921), ursprünglich Micha Josef Berdyczewski, war ein bedeutender hebräischer Schriftsteller. Mit wachsender Begeisterung sammelte er rabbinische Legenden und Sagen, um die Ursprünge des Judentums zu erforschen. Micha Josef Bin Gorion, im Russischen Reich geboren, zog 1890 nach Deutschland. In Breslau studierte er am Rabbinerseminar und an der Universität. 1892 wechselte er an die Universität von Berlin. Wie Louis Ginzberg legte Bin Gorion ein umfangreiches Sammelwerk »Jüdische Sagen und Mythen« vor. Band 1 »Von der Urzeit« erschien 1913, 1927 wurde der fünfte und letzte Band, »Juda und Israel« vorgelegt.

Die biblische Schöpfungsgeschichte beginnt arg geozentrisch, Sonne, Mond und Sterne sind nur Beiwerk. Drängt sich da nicht die Frage auf, was Gott denn vorher tat? Eine Antwort auf diese Frage finden wir in Band 1 »Von der Urzeit«, Unterkapitel »Die Vorwelten«, (8): »Tausend Welten hatte der Herr zu Anfang geschaffen; dann schuf er wiederum andere Welten, und alle sind sie nichts gegen ihn. Der Herr schuf Welten und zerstörte sie, er pflanzte Bäume und riß sie heraus. … Und er fuhr fort, Welten zu schaffen, heißt es, und Welten zu zerstören, bis er unsere Welt erschuf; da sprach er: An der hier habe ich mein Wohlgefallen, jene gefielen mir übel.«

Foto 4: Adam und Eva
von Meister Bertram  (*1345;†1415)
Wie sich doch die Bilder gleichen! Im »alten Indien« galt Gott Brahma als der mächtige »Erschaffer« der Welt. Ihm folgte Gott Vishnu als »Erhalter der Welt«.  Als Dritter im Bunde trat Shiva in Aktion, als der mächtige »Zerstörer der Welt«. Damit war ein Zyklus abgeschlossen. Ein neuer Zyklus folgte, beginnend mit der erneuten Erschaffung der Welt durch Brahma. Vishnu betätigte sich wieder als »Erhalter« und Shiva zerstörte wieder, was dann Brahma wieder neu aufbauen musste. In der Welt der indischen Mythologie war es eine Göttertriade, die schuf, erhielt und zerstörte, in der Sagen- und Mythenwelt der Juden übernahm der »biblische« Gott alle drei Aufgaben. Im babylonischen Schöpfungsmythos »Enûma Eliš« hatte er einen Vorgänger, und der hieß Marduk (9): »Zu Marduk … sagten sie: ›Wahrlich, o Herr, dein Schicksal ist über das der anderen Götter erhaben. Befiel zu zerstören und neu zu entstehen, so wird es geschehen.‹ … Als die Götter, seine Väter, die Kraft seines Wortes erkannten, da frohlockten und huldigten sie ihm und sagten ›Marduk ist König.‹«

Fußnoten
(1) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews«, veröffentlicht von der »Jewish Publication Society of America«, Taschenbuchausgabe, Baltimore 1998, Band 1, Seite 113, 3.+4. Zeile von unten: »they leave their own earth and repair to the one inhabited by men,..«. Übersetzung ins Deutsche Walter-Jörg Langbein.
(2) Genesis (1. Buch Mose) Kapitel 4, Vers 25
(3) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews«, veröffentlicht von der »Jewish Publication Society of America«, Taschenbuchausgabe, Baltimore 1998, Band 1, Seite 114, 7.+8. Zeile von oben: »…which receives some light from the sun.«
Übersetzung ins Deutsche Walter-Jörg Langbein.
(4) Ebenda, Seite 114, 12. Zeile von oben: »Some of the Cainites are giants, some of them are dwarfs.«
(5) Ebenda, Seite 15, 2.-4. Zeile von unten: ».. and it would take six thousand three hundred years to go over a tract of land equal in extension to the seven divisions.«
(6) Ebenda, Seite 11, 7.-9. Zeile von unten: »Of all this vast world the other two thirds being equally divided between water and waste land.«
(7) Ebenda, Seite 11, 14.-17. Zeile von oben: »Wen God made our present heavens and our present earth, … , and the hundred and ninety-six thousand worlds which God vreated unto His own glory.«
(8) Gorion, Micha Josef bin: »Die Sagen der Juden/ Band 1/ Von der Urzeit«, Frankfurt 1913, Seite 35, 1.-9. Zeile von unten
(9) Thurn, Hans Peter: »Kulturbegründer und Weltzerstörer«, Stuttgart 1990, Seite 45. Das Zitat stammt aus Tafel 4, Zeilen 20-22 und Zeile 28. Zur Lektüre empfehle ich Heidel, Alexander: »The Babylonian Genesis: Enuma Elish«, Chicago 1942

Foto 5: Adam am Baum des Lebens,
Holzstich Mitte 16. Jahrhundert. Fotocollage


Zu den Fotos
Foto 1: Adam besuchte fremde Planeten. Foto Adam am Baum des Lebens, Holzstich Mitte 16. Jahrhundert. Fotocollage gespiegelt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Band 1 von Ginzbergs »Legends of the Jews«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Adam auf einem Fresko (1475) in der Dreieinigkeitskirche von Hrastovlje ( Slowenien ) von Johann von Kastav. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Adam und Eva  von Meister Bertram  (*1345;†1415). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Adam am Baum des Lebens, Holzstich Mitte 16. Jahrhundert. Fotocollage/ gespiegelt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

521. »Tebel, die zweite Erde«,
Teil 521 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,

erscheint am 12. Januar 2020


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Samstag, 28. Dezember 2019

519. »Sieben Erden«

Teil 519 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

»Gott schuf die Himmel und die Erde ganz am Anfang.« So finden wir den ersten Satz des ersten Kapitels des ersten Buch Mose in der Peschitta (1) übersetzt. Es ist ganz eindeutig von Himmeln, (2) in der Mehrzahl, aber nur von einer Erde (Einzahl) die Rede. Was kaum ein Theologiestudent oder gar examinierter Theologe auch nur zur Kenntnis nimmt, das ist die Existenz eines gewaltigen Textkonvoluts, das eine gewaltige Menge an Informationen enthält, die weit über das »Alte Testament« hinausgehen. Louis Ginzberg (*1873; †1953) hat eine gewaltige Menge an Legenden zusammengetragen (3), die oftmals Erstaunliches zu Texten des »Alte Testaments« zu bieten haben.

Foto 1: Adam und Eva an der »Adamspforte«,
Dom zu Bamberg

Louis Ginzberg lehrte über ein halbes Jahrhundert rabbinische Wissenschaft am »Jewish Theological Seminary« in New York. Ginzberg, von 1902 bis zu seinem Tode 1953 Professor für Talmud, verfasste hunderte Fachbücher. Der Gelehrte gilt mit Recht als einer der wirklich großen Gelehrten im Bereich jüdischer Überlieferungen. Aus seinem überreichen Fundus »Legendes of the Jews« destilliere ich einige konkrete Angaben, die man in den Texten des »Alten Testaments« vergeblich suchen wird.

»Gott schuf die Himmel und die Erde ganz am Anfang.« vermeldet die Peschitta-Übersetzung. Nach den Legenden der Juden war die Erde nicht der erste Planet, den Gott schuf. Vor Planet Erde entstanden andere Welten (4): »Auch ist diese Welt, die der Mensch bewohnt, nicht eines der ersten Dinge, die Gott schuf. Er machte einige andere Welten vor der unseren, aber er zerstörte sie alle, weil ihm keine gefiel, bevor er die unsere schuf.« Ja auch Planet Erde wäre von Gott zerstört worden, hätte er nicht Gnade vor Recht ergehen lassen. Unser Heimatplanet ist eine von sieben Welten (5), heißt »heled«. Die anderen Welten waren »erez«, »adamah«, »arka«, »harabah«, »yabbashah« und »tebel«.

Foto 2: Foto 2: Gott, der Schöpfer.
Buchmalerei, Toledo um 1530
Ein eigenes Kapitel hat Louis Ginzberg den (6) »Bewohnern der sieben Erden« gewidmet. Die Informationen, die Louis Ginzberg zu diesem höchst interessanten Thema zusammengetragen hat, könnten einen fantasiebegabten Schriftsteller zu einem Weltraumepos im Stil von »STARWARS« anregen. Im Zentrum der Weltraum-Saga würde dann Adam stehen, der von Gott eine Tour zu jeder der sieben Welten spendiert bekommt. Ich stelle mir einen Blockbuster vor, aus dem auch eine Minifernsehserie entwickelt werden könnte: »Adams Reisen zu sieben Welten«.

Louis Ginzberg hat eine gewaltige Flut jüdischer Legenden zunächst gesammelt und dann in »nur« sechs Textbänden zusammengefasst. Fast sein ganzes Leben hat der Gelehrte an diesem Mammutprojekt gearbeitet. Er zog eine kaum vorstellbare Masse an uralten Überlieferungen heran. Als Quellen dienten ihm Texte in Altslawisch, Aramäisch, Arabisch, Äthiopisch, Griechisch, Hebräisch, Lateinisch und Persisch.

Schon Ende der 1970-er Jahre habe ich versucht, Ginzbergs Quellen auf den Grund zu gehen. Es ist mir aber leider nicht gelungen, auch nur eine der Sagen in »ungekürzter Langfassung« ausfindig zu machen, die Louis Ginzberg so kompakt zusammengefasst hat. Ich vermute sehr stark, dass die ungekürzte Fassung der Legenden so manche Legende im Detail verständlicher machen und heftige Diskussionen über das Wissen der Altvorderen auslösen würde.

Louis Ginzberg konnte 1909 manches nicht verstehen, weil ihm unser heutiges Wissen zum Beispiel über fremde Sterne und ihre Planeten fehlte. Er war eine Koryphäe auf dem weiten Feld des Talmuds. Er  kannte sich in der Welt der Legenden der Juden aus wie kaum ein zweiter Zeitgenosse. Aber er interpretierte altüberlieferte Texte theologisch-mythologisch.

Foto 3: Der Weltenschöpfer, Bildausschnitt,
Toledo um 1530.
Ihm fehlte jedes wissenschaftliches Wissen über die Verhältnisse, die auf Planeten ferner Sonnen herrschen mögen. So konnte er nicht erkennen, ob die uralten Legenden der Juden womöglich korrekte Angaben über real existierende Planeten in fremden Sternensystemen enthielten. Eine solche Möglichkeit hat er wohl auch sowieso ausgeschlossen.

Louis Ginzberg fehlte unser heutiges Wissen. Er hatte also keine Chance, fortschrittliches Wissen in uralten Texten zu erkennen. Heutigen Theologen indes steht sehr konkretes Wissen zur Verfügung. Heutige Theologen könnten sich zum Beispiel über die Entdeckung erdähnlicher Planeten, die in fernen Sternensystemen um ihre Muttersonnen kreisen, informieren. Solche Planeten werden in unseren Tagen immer wieder entdeckt. Je präziser und ausgereifter die Möglichkeiten, ferne Sterne zu observieren sind, desto mehr Planeten werden entdeckt. Freilich beziehen heutige Theologen das Wissen um fremde Welten bei ihren Textinterpretationen nicht mit ein. Sie beschränken sich darauf, die alten Texte theologisch zu erklären und kommen wohl gar nicht auf die Idee, dass womöglich vor Jahrtausenden ferne Planetenwelten beschrieben wurden. Sie sind also heute nicht weiter als Louis Ginzberg, als er 1909 den ersten Band seines »Magnum Opus« publizierte.

Und ich, das muss ich zugeben, bin Ende 2019, also 110 Jahre nach Erscheinen von Band 1 der »Legends of the Jews«, mit meinen Recherchen auch nicht wirklich viel weiter gekommen als ich schon anno 1981 war. Damals trug ich mögliches kosmisches Wissen der »alten Juden« für die Monatszeitschrift »ESOTERA« zusammen. »ESOTERA« veröffentlichte kurz nach Erscheinen meines ersten Buches die Ergebnisse meiner Textstudien in zwei Beiträgen, betitelt »Engel im Orbit« und »Freizeitspaß der Götter« (7).

Fotos 4 und 5: Adam und Eva, 12. Jahrhundert

Die »Legenden der Juden« erzählen eine Geschichte, wie sie fantastischer nicht sein könnte. Demnach durfte Adam nach der Vertreibung aus dem Paradies mehrere fremde Planeten besuchen. Ob es sich um Trabanten unserer Sonne oder ferner Sterne handelte, darüber kann man nur spekulieren. Wie dem auch sei: Nimmt man die Legenden so wie sie überliefert wurden, dann besuchte Adam fremde Planeten. Louis Ginzberg fasst zusammen (8): »Als Adam aus dem Paradies verbannt worden war, erreichte er zunächst die niedrigste der sieben Erden, ›erez‹, die finster ist, ohne einen Lichtstrahl und vollkommen unbewohnt. Adam war entsetzt, vor allem wegen der Flammen des sich immerwährend drehenden Schwertes, das auf dieser Erde ist.«

Foto 6: Planet Erde,
Detail aus einer Buchmalerei,
Toledo um 1530.
Fotocollage/ Gespiegelt.

Was mag mit diesem sich immerwährend drehenden Flammenschwert gemeint sein? Ist das Bild dem Hirn eines phantasiebegabten Menschen entsprungen? Oder wird ein reales Naturphänomen beschrieben, vergleichbar mit dem berühmten »Auge des Jupiter«? Lange konnten sich irdische Astronomen den roten Fleck auf dem Jupiter nicht so recht erklären. Heute wissen wir, dass ein riesiger Wirbelsturm mit dem Durchmesser der Erde für das Schauspiel verantwortlich ist. Der Sturm tobt schon seit Jahrtausenden. Er wird erst seit etwa zweihundert Jahren von der Erde aus beobachtet. Sah Adam auf »erez« etwas Vergleichbares?

Seit Jahrzehnten studiere ich die »Legenden der Juden. Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass sie zum Teil erstaunliches Wissen enthalten. Dieses Wissen wurde über Jahrhunderte weitergereicht. Es wurde weiter und weitererzählt, ohne das alle Aussagen verstanden wurden. Wir können heute versuchen, Unverstandenes zu verstehen. Voraussetzung freilich ist die Bereitschaft anzuerkennen, dass alte Legenden womöglich »modernes« Wissen enthalten können, das einem Kenntnisstand entspricht, den nach herkömmlichem Bild von der Vergangenheit des Menschen damals noch gar nicht vorhanden gewesen sein kann.

Foto 7: Planet Erde,
Detail aus einer Buchmalerei,
Toledo um 1530.
Fotocollage/ Gespiegelt.

Lassen wir die »Legenden der Juden« zu Wort kommen (9):»Gott führte ihn (Adam) zur zweiten Erde, zu ›adamah‹, dort gibt es Licht, das von ihrem eigenen Himmel reflektiert wird.« Sollten hier reale Verhältnisse beschrieben werden, die auf einem fremden Planeten herrschten? Die Aussage ist kurz und bündig. Sie wird in der Legende nicht näher erläutert. Das erschwert eine Interpretation. Es kann nicht mit Sicherheit erklärt werden, wie es zum beschriebenen Phänomen kam. Fakt ist: Die Reflexion des Lichts kann naturwissenschaftlich erklärt werden.

Ein mögliches Szenario: Durch einen Vulkanausbruch ist viel Materie in die Atmosphäre eines Planeten gelangt, das Licht der Sonne dieses Planeten wird von der Atmosphäre reflektiert. »wetter.de« berichtet, dass es auf Planet Erde in historischen Zeiten zu so einer Reflexion des Sonnenlichts gekommen ist (10):

»Der größte Ausbruch, der jemals von Menschen dokumentiert wurde, ereignete sich 1815 auf der indonesischen Insel Sumbawa. Der Vulkan Tambura schleuderte 150 km³ Gesteinsmasse in die Atmosphäre und der Staubschleier verursachte durch die Rückstreuung des Sonnenlichts einen globalen Temperatursturz um 3 Grad im Folgejahr. Das Jahr 1816 verlief dadurch insbesondere in weiten Teilen Nordamerikas und Europa außergewöhnlich kühl und ist als ›Jahr ohne Sommer‹ in die Geschichtsbücher eingegangen.«

Über die Temperaturen, die auf »adamah« herrschten, verraten uns die von Louis Ginzberg zusammengefassten Legenden nichts. Wir erfahren nur, dass das Licht von der Atmosphäre reflektiert wurde. Deshalb erschienen Sterne und Sternbilder auf »adamah« (anders als etwa auf der Erde) nicht in strahlendem Glanz, sondern nur noch ähnlich wie »Phantome« (11).

Als »phantom-ähnlich« werden auch die Bewohner von »adamah« beschrieben, die auf ihrem Planeten kein paradiesisches Leben führten. Die Ernährung muss bescheiden gewesen sein. Die auf »adamah« lebenden Wesen besuchten regelmäßig unsere Erde.

Foto 8: Planet Erde,
Detail aus einer Buchmalerei,
Toledo um 1530.
Fotocollage/ Gespiegelt.


Fußnoten
(1) »The Holy Bible from Ancient Eastern Manuscripts containing the Old and New Testaments translated from the Peshitta, the Authorized Bible of the Church of the East by George M. Lamsa«, A. J. Holman Company, Philadelphia, USA, 9. Auflage 1957, Seite 7, linke Spalte oben
(2) Genesis, chapter 1,1: »God created the heavens and the earth in the very beginning.«
(3) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews« 6 Text-Bände und der Index-Band, veröffentlicht von der »Jewish Publication Society of America«, Philadelphia 1909–1938, Taschenbuchausgabe, Baltimore 1998. Die zahlreichen Fußnoten bei Ginzberg sind nicht wirklich hilfreich. Zudem sind sie in der gängigen Taschenbuchausgabe so winzig gedruckt, dass man sie kaum entziffern kann.
(4) Ebenda, Band 1 »From the Creation to Jacob«, Seite 4, Übersetzung Walter-Jörg Langbein.
(5) Ebenda, Seite 10. Übersetzung Walter-Jörg Langbein.
(6) Ebenda, Seiten 113-115: »The inhabitants of the seven earths« (»Die Bewohner der sieben Erden«). Übersetzung Walter-Jörg Langbein.
(7) »Engel im Orbit«, »ESOTERA«, Freiburg im Breisgau, Juni 1981, Seiten 543-550. »Freizeitspaß der Götter«, »ESOTERA«, Freiburg im Breisgau, Juli 1981, Seiten  649-654.
(8) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews«, veröffentlicht von der »Jewish Publication Society of America«, Taschenbuchausgabe, Baltimore 1998, Band 1, Seite 113. Übersetzung Walter-Jörg Langbein.
(9) Ebenda, Seite 113, 7.-9. Zeile von unten. Übersetzung Walter-Jörg Langbein. Originaltext: »God led him (Adam) to the second earth, the Adamah, where there is light reflected from its own sky.«
(10) https://www.wetter.de/cms/klimafaktor-vulkanausbruch-so-koennen-vulkane-das-klima-beeinflussen-2207716.html (Stand 18.11.2019)
(11) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews«, veröffentlicht von der »Jewish Publication Society of America«, Taschenbuchausgabe, Baltimore 1998, Band 1, Seite 113, 6. Und 7. Zeile von unten. Übersetzung Walter-Jörg Langbein.  Original: »phantom-like stars and constellations«.

Zu den Fotos
Foto 1: Adam und Eva an der »Adamspforte«, Dom zu Bamberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Gott, der Schöpfer. Buchmalerei, Toledo um 1530. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Weltenschöpfer, Bildausschnitt, Toledo um 1530. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Adam und Eva, 12. Jahrhundert. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Planet Erde, Detail aus einer Buchmalerei, Toledo um 1530. Fotocollage/ Gespiegelt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Planet Erde, Detail aus einer Buchmalerei, Toledo um 1530. Fotocollage/ Gespiegelt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 8: Planet Erde, Detail aus einer Buchmalerei, Toledo um 1530. Fotocollage/ Gespiegelt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 

520. »Adam reist zu fremden Planeten«,
Teil 520 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 05. Januar 2020


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