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Sonntag, 26. Dezember 2010

Helga König: Nachtrag zu Rolf Dobellis "Massimo Marini."

 Anfang Dezember habe ich Rolf Dobellis neuen Roman "Massimo Marini" rezensiert. Der Schriftsteller beginnt seinen Text mit einem Zitat aus Büchners "Woyzeck" und lässt ihn mit einem weiteren Zitat aus dem Trauerspiel des Goddelauers enden.

Büchner hat in meinem Leseleben immer einen besonderen Stellenwert eingenommen, denn ich wurde  in Wolfskehlen, dem Nachbarort von Goddelau geboren. Beide Orte gehören heute der Verbandsgemeinde Riedstadt an. Zu Riedstadt zählen des Weiteren die Gemeinden Leeheim, Crumstadt, Philippshospital und Erfelden.

Büchners Vater hatte seine erste Stelle als Arzt in Philippshospital angenommen. Er heiratete die Tochter des Hospitalverwalters Johann Georg Reuß. Einer der Nachfahren dieses Hospitalsverwalters war noch in den 1950er und 1960er Jahren Allgemeinmediziner in Wolfskehlen und ein von allen Bewohnern sehr geschätzter Hausarzt.

Auf dem Areal des Philippshospitals siedelten übrigens schon 6000 v. Chr. jungsteinzeitliche Kulturen, wie die Ergebnisse von Grabungen dokumentieren.


Die Gegend, in der Büchner das Licht der Welt erblickte, ist demnach  altes Kulturland. Der Ort Leeheim ist bereits 766 urkundlich erwähnt. In der Gemarkung Leeheims wurde an dem früheren Ort Camba 1024 der Salier Konrad II. zum deutschen König gekrönt. Büchner wird  Wolfskehlen,  den Ort, an dem ich zur Welt kam, sicher auch gekannt haben.Vielleicht hatten seine Eltern dort Freunde. Erwähnt wurde Wolfskehlen erstmals 1002. Im Gegensatz zu den anderen Orten hatte diese Gemeinde im Mittelalter Stadtrechte. Vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) gab es hier einige Adelshöfe und ferner zwei Burgen, deren Besitzer die Herren von Wolfskehlen waren.


Die Wirren des Dreißigjährigen Krieges führten dazu, dass Wolfkehlen geschleift wurde. Die Burgen wurden nicht mehr aufgebaut. Außer der Kirche, die später einen großen Brandschaden zu beklagen hatte, blieb von der alten Stadt Wolfkehlen nichts mehr übrig. Fast die gesamte Bevölkerung, auch die Leeheims verstarb an Pest und wurden in einem Massengrab beerdigt. Goddelau scheint von der Pest verschont worden zu sein.


In Erfelden (gegründet 779) lagerte 1631 Gustav Adolf und übernachtete im dortigen Bürgermeisterhaus. Der Schwedenkönig überschritt bei Erfelden mit seinem Heer den Rhein, um die Spanier im katholischen Mainz angreifen zu können. Von den Plünderungen und Brandschatzungen erholten sich die Gemeinden erst nach vielen Jahrzehnten, wie mir Einheimische immer wieder berichten. Ob Büchner von all dem wusste, ist mir nicht bekannt. Seine Eltern zogen 4 Jahre nach seiner Geburt nach Darmstadt um. Es ist möglich, dass bei Besuchen von Verwandten über die Plünderungen im Dreißigjährigen Krieg gesprochen wurde, denn bei der einheimischen Bevölkerung ist das Leid jetzt nach mehr als 360 Jahren noch immer nicht vergessen.

Der Naturwissenschaftler, Sozialrevolutionär und Dichter Büchner kam am 17. 10 1813 als erstes Kind von Ernst Karl und Caroline Büchner, geb. Reuß zur Welt. Die Familie lebten zunächst in Goddelau in der Weidstr. 9 zur Miete (Haus siehe oben). Büchner ging in Darmstadt zur Schule und studierte in Straßburg und Gießen Medizin. 1834 gründete er in Gießen die "Gesellschaft der Menschenrechte" und schrieb das berühmte Flugblatt "Der hessische Landbote", in dem er die Ungerechtigkeiten des Fürstenstaates thematisierte. Nachdem Büchner 1834 in Darmstadt das Drama "Dantons Tod" verfasst hatte, floh er, um seiner Verhaftung zu entgehen, 1835 nach Straßburg. Im Exil promovierte er und arbeitete anschließend in Zürich als Privatdozent für "Vergleichende Anatomie". In den beiden Jahren bis zu seinem Tode am 19.Februar 1837 verfasste er dann noch die Werke "Leonce und Lena", "Lenz" und "das Fragment "Woyzeck".

Während meiner Kindheit war der Ruf Büchners bei ungebildeten Einheimischen noch immer sehr schlecht. Man unterstellte, er sei ein alkoholsüchtiger Querulant gewesen. Es war unmöglich den Menschen den wirklichen Büchner nahe zu bringen. Der Rufmord war restlos gelungen. Die Vorurteile schienen aus Granit gemeißelt zu sein. Zu Lebzeiten Büchners hatte es die Obrigkeit geschafft, indem sie die immer wieder gleichen Lügen verbreiteten, den Namen Büchner nachhaltig zu diffamieren. An den Schulen im Südried wurden seine Texte noch in den 1960ern und frühen 1970ern  nicht  gelesen. Woyzeck las ich in Darmstadt am Gymnasium und befasste mich dann intensiver an der Uni mit diesem Dichter, hocherfreut über die umfangreiche Sekundärliteratur, die  mir dort nun zur Verfügung stand.

Büchners Geburtshaus wurde über viele Jahrzehnte mehr als stiefmütterlich behandelt. Es war der Schandfleck der Gemeinde. Auf diese Weise zeigte man, dass man dem großen Dichter keinen Respekt zollen wollte. Das 1665 erbaute denkmalgeschützte Haus wurde, dank einer Initiative von Privatleuten, Unternehmen und schließlich auch der Stadt 1997, vollständig saniert. Das Haus ist heute Ausstellungsort. Skizziert wird anhand von Bildern und Dokumenten sein Lebensweg und sein Nachleben am Theater und in der Literatur. Die Bibliothek im Büchnerhaus beherbergt außerdem Literatur über den Dichter, Schriften seiner Geschwister und Freunde, Erstausgaben seiner Werke und von Künstlern gestaltete Sonderausgaben.

Büchner wurde 200 Jahre nach den Gräueltaten des Dreißigjährigen Krieges im Südried geboren. Ich bin sicher, dass die tradierten Geschichten auch seine Ohren erreichten und sein Denken beeinflusst haben. 


Unangepasste, intelligente  junge Menschen, wie Büchner hatte es zu allen Zeiten nicht leicht. In autoritären Regimen werden solche Personen verfolgt, inhaftiert, gar  ermordet oder außer Landes verwiesen. Nur in wirklichen Demokratien eröffnet man ihnen Möglichkeiten ihre Ideen einzubringen und ist bereit  sich mit ihrer Kritik auseinander zu setzen.


Büchner verstarb übrigens am 19.2.1837 in Zürich in der Schweiz an Typhus. Dass der Schweizer Rolf Dobelli an den Goddelauer Dichter erinnert, hat mich sehr gefreut.


Zu den Bilder:
1) Büchners Geburtshaus in Riedstadt-Goddelau
2) Kirche in Riedstadt- Wolfskehlen
3)  Blick auf den Altrhein in Erfelden
4) Geburtshaus von Büchners Schwester in Riedstadt-Goddelau

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Für das  Neue Jahr habe auch ich ein Zitat aus Büchners "Woyzeck" gesucht. Es lautet:

"Wozu sollen wir Menschen miteinander kämpfen? Wir sollten uns nebeneinander setzen und Ruhe haben."

Georg Büchner, "Woyzeck", 1836/37.

Montag, 13. Dezember 2010

Helga König im Gespräch mit Rolf Dobelli zu seinem Roman "Massimo Marini"

Lieber Herr Dobelli, am vergangenen Samstag habe ich auf "Ein Buch lesen" Ihren Roman "Massimo Marini" rezensiert und möchte Ihnen heute hierzu noch einige Fragen stellen.

H.K.: Was hat Sie veranlasst, Ihren Roman "Massimo Marini" mit einer Textstelle aus Büchners "Woyzeck" zu beginnen und mit einer weiteren aus diesem Drama enden zu lassen?

R.D.: Als ich den Roman beinahe fertig geschrieben hatte, fielen mit die Parallelen zwischen den Figuren Massimo Marini und Woyzeck auf. Beide werden von ihren Frauen hintergangen. Beide werden durch "Umstände" zum Mörder. Hinzu kommt, dass durch die Lektüre von Woyzeck im jungen Massimo ein Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit reift, die ihn an den politisch linken Rand katapultiert und zum Bruch mit seinem Vater führt. Hinzu kommt auch, dass das Zitat "Süd-Nord! Ha! Ha! Ha! ..." wunderbar in das Nord-Süd-Thema von Massimo Marini einführt. Ein Zitat, das passt, wie der Schlüssel zum Loch.

H.K.: Ihr Roman hat viele Facetten. Was motivierte Sie, über die Problematik italienischer Gastarbeiter in der Schweiz zu schreiben?

R.D.: Mir ging es um die Geschichte dieses Massimo Marini. Mir ging es nicht darum, einen politischen Roman zu schreiben. Die Immigration der Italiener in die Schweiz steht nicht im Vordergrund, sondern die Entwicklung einer Figur steht im Vordergrund. Trotzdem: ich bin der Stadt aufgewachsen mit dem grössten Ausländeranteil (und damit Italiener-Anteil) der Schweiz. Das Thema ist mir handfest bekannt.

H.K.: Was brachte Sie auf die Idee, Tunnelbaukunst , sowie Hoch-, Tief- und Untertagebau in Ihrem Roman zur Sprache zu bringen?

R.D.: Als während der Konzeption des Romanes die Figur von Massimo Marini endlich stand, war es klar, dass er als Einwanderersohn ein Bauunternehmen führen sollte. Nun hätte ich ihn Autobahnen bauen lassen können oder Einfamilienhäuschen. Doch das wäre verschossenes Pulver gewesen, wenn wir gerade in diesem Jahrzehnt in der Schweiz den längsten Tunnel der Welt bauen, den Gotthard-Basistunnel, der in perfekter Weise die Immigrationsbewegung (Nord-Süd) symbolisiert. Massimo Marini, als Gastarbeitersohn, baut einen Tunnel durch den schweizerischsten aller Schweizer Berge, den Gotthard. Er durchlöchert ihn wie ein Schweizer Käse.

H.K.: Sehr beeindruckt bin ich von Ihren Musikkenntnissen. Haben Sie spezielle Quellenstudien betrieben oder sind Cellointerpretationen eine persönliche Neigung Ihrerseits?

R.D.: Ich liebe klassische Musik und besuche seit Jahren das Lucerne Festival. Als Schüler war ich viele Jahre Platzanweiser und kam so in den Genuss von jährlich 40 klassischen Konzerten. Heute sind es ein bisschen weniger, aber die Liebe zur E-Musik ist geblieben.

H.K.: Weshalb haben Sie die Frauen um Massimo allesamt treulos dargestellt?

R.D.: Keine Ahnung. Da müsste ich mich bei einem Psychotherapeuten auf die Couch werfen, um die Antwort zu finden.

H.K.: Ihre erotischen Handlungsabläufe haben mir gefallen, weil Sie sprachlich dabei sehr subtil agierten. Was hat Sie auf die Idee gebracht, dem Leser eine 35 jährige Frau als Jungfrau zu präsentieren?

R.D.: Das waren die schwierigsten Szenen. An ihnen habe ich lange gefeilt. Wie ich dazu kam? Weil ich eine Handvoll Frauen kenne, teilweise hoch intelligente, energische, die aus verschiedenen Gründen mit 35 noch nie Sex hatten. Diese Tatsache hat mich betroffen gemacht.

H.K.: Haben Sie generell persönliche Erfahrungen in Ihren Roman eingearbeitet und wenn ja, welche?

R.D.: Diesmal viel weniger als bei meinen früheren Romanen. Hier eigentlich nur der Backdrop aus meiner Jugend, also die Gastarbeiter.

H.K.: Sie haben auch kulinarische Szenen in den Roman eingebaut. Alles deutet darauf hin, dass Sie ein Feinschmecker sind.R.D.: Nein, im Gegensatz zum Diogenes-Kollegen Martin Suter bin ich kein Feinschmecker. Ich liebe Fisch, darum kommt er im Roman vor, aber sehr elementar zubereitet: in Butter gebraten.


H.K.: Wird Ihr neuer Roman, den wir hoffentlich bald lesen dürfen, erneut primär in der Schweiz spielen?
R.D.: Der wird in Paris spielen.

Lieben Dank die Beantwortung der Fragen.

Helga König


"Rolf Dobelli studierte und promovierte an der Universität St. Gallen, arbeitete anschliessend in führenden Positionen in der Wirtschaft, etwa als Finanzchef und Geschäftsführer verschiedener Tochtergesellschaften der Swissair und veröffentlichte verschiedene Artikel zu Management-Themen in Wirtschaftszeitungen. 1999 gründete er zusammen mit Thomas Bergen und Patrick Brigger die Firma getAbstract. GetAbstract hat sich zum weltweit führenden Anbieter von Buchzusammenfassungen entwickelt. Zusammen mit Andreas Scholz von Bloomberg Television moderierte er von 2001 und 2009 die wöchentliche Fernsehsendung »Seitenweise Wirtschaft«. Seit Juli 2010 moderiert Dobelli die wöchentliche Büchersendung auf NZZ Online. Er schreibt die wöchentliche Kolumne »Klarer Denken« für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Schweizer SonntagsZeitung."

(Auszug aus Wikipedia.)


Hier die Rezension zu »Massimo Marini«

Samstag, 11. Dezember 2010

Samstagsrezension Helga König: Massimo Marini

Der Schriftsteller Rolf Dobelli (Top 10 Rezensent bei Amazon) setzt seinem Roman ein Zitat aus Georg Büchners "Woyzeck", 5. Szene voran:" "Süd-Nord! Ha! Ha! Ha!. O er ist dumm, ganz abscheulich dumm. Woyzeck, er ist ein guter Mensch, ein guter Mensch- aber er hat keine Moral! Moral ist das, wenn man moralisch ist." Nach dem Romanende folgt abermals ein Zitat aus Büchners Drama "Gut Woyzeck. Du bist ein guter Mensch, ein guter Mensch. Aber du denkst zu viel, das zehrt, du siehst immer so verhetzt aus. Der Diskurs hat mich ganz schön angegriffen. Geh`jetzt und renn nicht so; langsam, hübsch langsam die Straße hinunter."


Noch bevor ich das Buch zu lesen begann, machten mich die Zitate neugierig. Was haben diese beiden Zitate mit dem Inhalt des Buches zu tun? Gibt es Parallelen zwischen Dobellis Protagonisten und dem von Büchners Drama?

Wikipedia fasst Büchners Drama wie folgt zusammen: "Der einfache Soldat Franz Woyzeck, der seine Freundin Marie und das gemeinsame uneheliche Kind, die genau wie er am Rande der Gesellschaft leben, zu unterstützen versucht, arbeitet als Laufbursche für seinen Hauptmann. Außerdem lässt er sich von einem skrupellosen Arzt als Versuchsperson auf Erbsendiät setzen, um einen zusätzlichen Verdienst zu seinem mageren Sold zu erhalten, den er restlos an Marie (und sein Kind) abgibt. Hauptmann und Arzt nutzen Woyzeck physisch und psychisch aus und demütigen ihn in der Öffentlichkeit. Marie beginnt eine Affäre mit einem Tambourmajor. Woyzecks aufkeimender Verdacht wird durch ihm nicht freundlich gesinnte Mitmenschen geschürt, bis er Marie und den Nebenbuhler beim Tanz im Wirtshaus ertappt. Er hört Stimmen, die ihm befehlen, die treulose Marie umzubringen. Weil sein Geld für den Kauf einer Pistole nicht ausreicht, besorgt er sich ein Messer und ersticht Marie in einem Wald nahe einem See."

Noch immer hatte ich das Buch nicht zu lesen begonnen, blätterte, suchte nach einer knappen erhellenden Zusammenfassung dessen, was darüber entscheiden sollte, ob ich mich mit diesem Roman befassen werde, oder eher nicht und fand auf Seite 358 das, wonach ich suchte: "Massismos lebenslanges Experiment in Standhaftigkeit. Seine erstaunlichen Wandlungen dabei. Vom italienischen Immigrantenkind zum Züricher Gesellschaftslöwen. Vom Opernhausdemonstranten zum Opernhaussponsor. Vom Existenzphilosophen zum Bauunternehmer. Vom Tunnelbohrer zum Stradivari-Besitzer. Vom Linken zum Rechten. Vom Tiefen zum Hohen. Vom Süden zum Norden. Seine monströse Bewegung auf dem Koordinatennetz des Lebens. Und dann das Aufblitzen einer Frau, die alles zerstörte. Die Größe seines Aufstiegs und Falls. Die Chronologie der Schrecken."

Oh, dachte ich, das klingt interessant. Diesen Roman werde ich lesen.


Die Lebensgeschichte des Protagonisten Massimo Marini wird von dessen Anwalt erzählt, der von seinem Klienten fasziniert ist, weil dessen Leben alles andere als gradlinig verlaufen ist, auch weil Massimo von der Natur so viele Vorzüge geschenkt bekam- Schönheit, Intelligenz, Intellektualität, Kampfgeist, wenn es darum ging, seine Ideale oder auch einfach nur seine Ziele durchzusetzen.

Massimo ist das Kind italienischer Immigranten. Seine Kindheit in der Schweiz erlebt er in materiell schwierigen Verhältnissen. Seine fleißigen, aufstiegsbewussten Eltern schaffen es, die Schweizer Staatsbürgerschaft zu erhalten. Sein Vater macht sich alsdann als Bauunternehmer selbstständig. Massimo ist ein exzellenter Schüler- einer der besten seines Jahrgangs- , interessiert sich für Philosophie, Literatur und ist in der Schule in der Theatergruppe der Star. Mit der Rolle als Woyzeck beginnt sein Links-Rutsch. Sein Vater sieht diese Entwicklung nicht gerne, denn er möchte, dass sein Sohn, sein Unternehmen weiter- und zu noch nicht geahnten Höhen führt.

Massimo schreibt sich nach dem Abitur nicht in Architektur ein, wie er zu Hause vorgibt, sondern stattdessen heimlich in Philosophie. 1979 verlässt er Zürich, studiert ein Semester an der Sorbonne und hofft dort auf ein Wiederaufflammen von 1968. Massimo ist ein Idealist, der gegen Unrecht kämpfen möchte, der nach Sartre, Camus und Cohn-Bendit Ausschau hält und sich nach Straßenbarrikaden und Tränengas sehnt, (vgl.: S. 153). Dies alles findet er in Paris nicht und geht zurück nach Zürich, wird dort wegen der Genehmigung der kostenträchtigen Renovierung des Opernhauses aktiv, weil er die Gelder lieber in ein autonomes Jugendzentrum investiert sehen würde. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, er wird verhaftet. Sein Vater ist enttäuscht von ihm. Massimo geht nun nach Berlin, um sich dort in Literatur und Philosophie einzuschreiben.

Es sind nicht seine politischen Erfahrungen, die er dort sammelt, die ihn verändern, sondern es ist das private Schicksal, das hier das erste Mal zuschlägt und ihm die Frau, in die er sich verliebt hat, auf tragische Weise nimmt. Als sein Vater stirbt, er daraufhin in der Schweiz eine tatkräftige junge Mitarbeiterin im Betrieb seines Vaters heiratet, nimmt er von allem, was davor war, vermeintlich Abschied und baut mit der diplomierten Bauingenieurin die Firma seines Vaters in der Weise auf, wie dieser sich dies erwünscht hat. Massimo gibt vor, Architekt zu sein. Doch nicht darin liegt seine größte Lebenslüge, sondern im Verleugnen all dessen, was ihm einst etwas bedeutet hat.

Dass er nach 20 Jahren seine Frau wegen einer Cellistin verlässt, hängt wohl weniger mit seinem Aufstiegsbewusstsein, nun endlich zur Schweizer Oberschicht zu gehören, zusammen, wie man ihm vorwirft, sondern wohl eher mit seiner verdrängten intellektuellen Berufung. Massimo ist kein wirklicher Tunnelbauer, seine Welt ist eine geistige. Dass seine beiden Ehefrauen ihn betrogen haben, macht deutlich, dass er im Leben versagt hat und das, weil er bei allem Besitz, den er erwarb, niemals er selbst war.

Es ist erschütternd, dass alle Frauen im Buch, mit Ausnahme von Massimos Mutter, nicht treu sein können. Die Untreue der Studentin Klara und seiner Ehefrauen Monika und Julia bilden die Ursache für Massimos tragischen Lebensverlauf. Wie ist es möglich, dass ein solch schöner, intelligenter Mann im Grunde so glücklos bei Frauen ist? Hängt es damit zusammen, dass Frauen ein feines Gespür dafür haben, wenn ein Mann neben sich steht?

Die Charaktere im Buch sind sehr gut herausgearbeitet. Das trifft im besonderen Maße auch auf Julia zu, die im Alter von 35 Jahren von dem 15 jährigen Raffael, dem vermeintlichen Sohn Massimos, geschwängert wird und auch für den Anwalt, der nicht grundlos an Depressionen leidet.

Höchst interessant ist es, all die Sachinformationen zum Tunnelbau zu lesen. Hoch,- Tief- und Untertagebau war für mich bislang ein Buch mit sieben Siegeln.

Woyzeck   hat weit  mehr  mit Massimo gemeinsam als man denkt. Nicht nur, dass beide mit der Treulosigkeit von Frauen konfrontiert werden, sondern auch, dass beide in ihrer Eigentlichkeit gedemütigt werden, macht sie einander verwandt, wenn auch nicht zu Zwillingsbrüdern.

Sehr empfehlenswert.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Eindrücke von der Messe von Helga König

Die Frankfurter Buchmesse 2010 nahm für mich am Donnerstagabend ihren Anfang. Der Fischer-Verlag  hatte Autoren und Freunde zum Empfang ins Verlagshaus eingeladen. Auf diesem Empfang hatte ich Gelegenheit, zahlreiche Autoren,  namhafte Literaturkritiker der Printmedien, einige netteVerleger aus der Schweiz, einen überaus eloquenten Museumsdirektor aus Goch und schließlich Roger Willemsen persönlich kennenzulernen, dem ich auf seinen Wunsch hin vorgestellt wurde. Der Dialog mit diesem amüsanten  Gesprächpartner streifte die Person und Romane des diesjährigen Nobelpreisträgers Vargas Llosa, auch unterhielten wir uns über lateinamerikanische Literatur, über seinen Blickwinkel auf die Buchmesse und über Wein. Der weitgereiste Intellektuelle trinkt gerne Riesling aus dem Rheingau. Willemsen gefiel mir aufgrund seines jugendlichen Charmes, seines Esprits und  seiner feinen Art der Dialogführung. Derzeit lese ich übrigens gerade sein Buch "Die Enden  der Welt", das ich im Oktober rezensieren werde. Darauf freue ich mich schon jetzt.

Sehr lange habe ich mich mit einem namhaften Hamburger Literaturkritiker  der Printmedien unterhalten, der auch zu den Freunden des Hauses Fischer zählt und habe mir mit großer Neugierde seine Definition  eines Rezensenten  angehört, mit ihm auch sehr lange über Lyrik  gesprochen und  mich von dessen Ritterlichkeit beeindrucken lassen.  Ich dachte, Männer dieser Art seien im letzten Jahrhundert bereits ausgestorben. So kann man sich irren.

Mit einer schweizerischen Verlegerin, die bislang ausschließlich Bücher über Kunst verlegt hat, unterhielt ich mich angeregt über ihr Projekt, ein Kochbuch  zu verlegen und ihre Motive, die sie dazu bewegt haben.  Alles in allem ein wunderschöner Abend mit vielen netten Eindrücken.

Am Freitag hielt ich mich  den Tag über auf der  Buchmesse auf.  Dieses Jahr begann  ich den Besuch  in der Halle, die für argentinische Bücher vorgesehen war. Ein wenig hoffte ich, meinen alten argentinischen Professor dort anzutreffen, bei dem ich im Rahmen meines Politologiestudiums zwei Hauptseminare über Lateinamerikanische Literatur belegt hatte, an der wir  das Verhalten der Mittelschichten  in Lateinamerika untersuchten. Ernsto dürfte mittlerweile etwa 85 Jahre  alt sein, sicher lebt er mittlerweile im sonnigen Spanien oder im Bücherhimmel. Die Buchmesse scheint er nach meinen Recherchen jedenfalls nicht  besucht zu haben. Schade eigentlich. Mitunter vergesse ich, wie viele Jahre seit den Unizeiten ins Land gegangen sind.

Der Aufbau der argentinischen Literatur in der Halle war gelungen. Ich versuchte mir einen kurzen Überblick zu verschaffen  und war von den vielen Argentinierinnen begeistert, die sich in dieser Halle aufhielten. Eine der älteren Damen sprach leise ein Gedicht, während sie das Buch eines argentinischen Dichters noch geschlossen in den Händen hielt. Diese Szene berührte mich sehr.

Anschließend  nahm ich mir, wie in jedem Jahr, die Hallen für Literatur vor. Zunächst stattete ich allen  namhaften Verlagen meinen Besuch ab, weil ich weiß, dass  es dort am Nachmittag  schwierig ist, sich in Ruhe mit den Buchneuheiten zu befassen, da immer mehr Interessenten zu den Büchern greifen. Auf einzelne Neuerscheinungen im Rahmen meines Messeberichts einzugehen, halte ich für wenig sinnvoll. Ich habe mir eine Liste mit den Büchern, die mich am meisten interessieren, erstellt  und werde diese Bücher  in den nächsten Monaten lesen und rezensieren. Wie immer sind meine Interessen kunterbunt. Einige Romane, viele Psychologie- und Philosophiebücher sind dabei und natürlich auch  Kunst- Koch- und Kinderbücher. Wie stets habe ich mit vielen Presseleuten gesprochen, auch vom te-Neues-Verlag. Dieses Gespräch war für mich besonders erhellend.

Am späten Nachmittag besuchte ich den Stand von "Collection Rolf Heyne", weil ich wusste, dass ich dort dann Dr. Ruth K . Westheimer antreffen werde. Die Sexualwissenschaftlerin stellte ihr neues Buch "Mythen der Liebe" vor, das ich dieser Tage rezensieren werde.  Die quirlige, hocheloquente, über 80 Jahre junge Dame doziert nach wie vor in Princeton und Yale und hat eine sehr bemerkenswerte Vita, über die ich  mich im Rahmen meiner Rezension äußern werde.

Ich hatte die Chance,  Dr. Westheimer  freitags und samstags ein wenig näher kennenzulernen und  bin glücklich, einer solch sexuell freizüg denkenden Frau begegnet zu sein. Meine Idee, auf meiner  Rezensensionsplattform eine Erotikabteilung eingerichtet zu haben, begrüßte sie und die kleine Filmsequenz von uns beiden, die eher zufällig entstand, weil sich in meiner  Handtasche  ein Knopf der Kamera versehentlich verstellt hatte, fand sie super und war vergnügt, diese Sequenz am Samstag  im Internet zu sehen.  Ich betrachte es als großes Glück, Dr. Westheimer kennengelernt zu haben.

Am Stand von "Collection Rolf Heyne" lernte ich die Verlegerin persönlich kennen. Anja Heyne ist eine sehr elegante, ungeheuer sympathische Frau, die das Schöne liebt und deshalb dem Schönen in den Büchern, die sie verlegt, huldigt. Das Bild, das ich von Dr. Ruth K. Westheimer und ihr gemacht habe, werde ich  heute noch beiden  Damen zusenden.  Zwei großartige Frauen. Jede eine Visionärin in ihrem Metier.

Am Stand von "Collection Rolf Heyne" traf ich auch Herbert Seckler, den Inhaber der "Sansibar" auf Sylt. Er berichtete mir, dass sein Buch sehr gut verkauft werde und er von seinen Lesern gehört habe, dass ihnen der Mix aus Liebeserklärungen seiner Gäste, den schönen Landschaftsbilder von Sylt und seinen Rezepten gut gefalle. Das kann ich soweit bestätigten. Nicht grundlos habe ich sein Buch "Das große Sansibar Buch" auf Amazon mit  5 Sterne bewertet.

Amüsant war auch die Begegnung mit dem Romancier Hanns-Josef Ortheil,  mit dem ich vor über 30 Jahren das letzte Mal sprach. Ortheil war damals junger Dozent in Mainz und  ich Studentin. Wir erinnerten uns an die Lesung seines ersten Romanes "Fermer". Sein Publikum waren primär Studentinnen.:-)) Zwischenzeitlich habe ich auf Amazon einige Bücher des schon lange arrivierten Schriftstellers rezensiert, dem es stets gelingt, die leisen Töne einzufangen.









Samstags begann mein Messetag mit einem netten Gespräch mit einer sehr jungen Psychologiestudentin, die mir berichtete, weshalb sie Psychologie studiere und weshalb sie Kinderpsychologien werden möchte. Mir gefiel ihre Argumentation, denn diese zeugte davon, dass das Mädchen klug ist. Von ihr habe ich ein Bild gemacht, weil mir ihr Enthusiasmus gefiel.


Zunächst stattete ich dem Diogenes-Verlag einen Besuch ab. Dort lernte ich den Schriftsteller und Amazon-Rezensenten Rolf Dobelli persönlich kennen, der gerade sein neues Buch "Massimo Marini" vorstellte. Wir unterhielten uns ausgiebig über "Dies und Das" und verstanden uns auf Anhieb prächtig. Dobelli hat den Schalk im Nacken. Solche Männer mag ich, insbesondere, wenn sie dazu noch  Esprit haben. Dobelli hat ihn. Ich wünsche ihm, dass sein Buch ein großer Erfolg wird.

Da samstags auf der Messe fast kein Durchkommen ist, galt dieser Tag den Kunstbüchern, wo ich mit großer Freude  in unzähligen Bildbänden blätterte, mit Verlagsleuten plauderte,  immer wieder einen Kaffee und viel Wasser trank, um schließlich erneut  bei Dr. Ruth Westheimer zu landen. Mit großem Vergnügen sah ich, wie verkaufstüchtig diese bodenständige Intellektuelle ist und am Stand nicht nur ihre, sondern auch alle anderen Bücher den Messebesuchern anpries.

Da es in den Hallen sehr heiß war, hielt ich mich immer wieder einmal  eine Weile im Freien auf. Dort habe ich viele junge Menschen in Phantasiekostümen fotografiert und mit ihnen geredet. Dabei habe ich mir erklären lassen, dass die Idee  aus Japan komme. Die Kostüme fertigen  sich die jungen Leute selbst an und möchten damit den Messebesuchern Freude bringen. Die Mädels und Jungs,  mit denen ich sprach, lieben Bücher und haben die Idee, durch ihre Kleidung an die Phantasie zu erinnern, die jeden guten Autor beflügeln sollte, wenn er zur Feder greift


Bevor ich nach Hause fuhr, traf ich noch Henryk M. Broder, den ich als einen der intelligentesten Köpfe in unserem Land betrachte. Zwei seiner brillanten Bücher habe ich bislang rezensiert.  Dass Broder kluge Augen hat, war mir bekannt, dass aber auch Feuer in seinem Blick ist, wurde mir bewusst als ich ihn
fotografierte.:-))

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