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Dienstag, 22. Januar 2013

Märchen rund ums Weseker Ei: Wie Heini auf Psycho machte

Ein Märchen von Sylvia B.

Illustration: Sylvia B.
In dem kleinen Dorf irgendwo im Münsterland war alles nicht mehr so, wie es einmal war. Heini und sein zänkisches Weib Trulla konnten sich zwar eine Weile zurückhalten. Aber nachdem Gras über die Sache gewachsen schien und niemand mehr die Katzen mit Gegacker rief, überkam Heini wieder diese Unruhe.

Mit dem alten Mütterchen mochte er sich anfangs nicht mehr anlegen. Aber das war kein Problem, es blieben genug Nachbarn übrig, die sich Heini, einer nach dem anderen, auch vornahm. Er stichelte und hänselte und verbreitete Gerüchte. Dabei half ihm Trulla, denn die hatte das böse Schwätzen zur Kunstform erhoben.

Heini verbrachte viel Zeit mit Hänseln, Mobben, Stalken und Spannen, da blieb kaum noch Zeit, um einer geregelten Arbeit nachzugehen. So wurden die Taler knapp. Trulla brauchte eine neue Brille. Die kostete auch wieder Geld, zumal sie die Gläser farbig getönt haben wollte. Aus einem besonderen Grund. Also schickte sie ihren Mann Heini los, um wieder Geld zu verdienen, das sie ihm umgehend abnahm, als er nach Hause kam. Die Brille brauchte Trulla ganz dringend, denn nur durch die rosaroten Gläser war es ihr erträglich, ihren Gatten zu betrachten. 

Der Brillenkauf brachte aber Heini in eine missliche Lage. Denn er hatte, in Aussicht auf das verdiente Geld, beim Bierbrauer ein Fass Gerstensaft geordert. Das konnte er nicht bezahlen, als der Bierbrauer es lieferte. So schlug Heini dem braven Mann ein Geschäft vor: Für das Fass wollte er dem Brauer zur Hand gehen und ihm nötige Reparaturen an seiner Scheune erledigen. Nach langem Hin und Her willigte der Brauer in das Geschäft ein.

Nun ergab es sich, dass sich Heini, neben seinen üblichen Beschäftigungen, auch noch mit voller Hingabe dem Gerstensaft widmete. Da blieb kaum noch Zeit für den Broterwerb. Aber immer, wenn die Vorräte knapp wurden, nahm Trulla ihre Brille ab und es gelang ihr mithilfe lauten Gezeters, ihren Gatten ans Arbeiten zu bringen. Den Brauer hatte Heini irgendwie völlig vergessen. Aber der nicht Heini. So stand er eines Tages vor dem Haus und forderte sein Geld. Trulla öffnete ihm die Tür, teilte ihm mit, dass Heini nicht zu Hause sei und ließ den armen Mann unverrichteter Dinge abziehen. Als der Bauer in den nächsten Tagen abermals vorstellig wurde, taten die Eheleute, als wären sie nicht zuhause.

Von einem Dorfbewohner erfuhr der brave Mann kurz darauf, dass Heini im Ort verkündete, dass er schlechten Gerstensaft vom Bierbrauer erhalten habe. Das glaubte zwar niemand, aber es traf den Brauern in seiner Ehre und er nahm sich vor, Heini bei Gelegenheit dafür ordentlich ins Gebet zu nehmen. 

Kurz darauf suchte ein alter Saufkumpan aus alten Tagen den Heini auf. Er wollte um Unterkunft nachsuchen, denn in dem alten Haus, das er bezogen hatte und das im Nachbarort stand, spuke es. Nachts würden fürchterliche Geräusche den Armen um den Schlaf bringen. An den Fensterkästen würde es laut rappeln. Es musste ein Geist umgehen. 
»Das wird der Geist des Weines sein, der dir so zusetzt!«, war der knappe Kommentar von Trulla. »Hier kannst du nicht bleiben, wir haben keinen Platz für dich!«

So musste der Vertriebene wie ein geprügelter Hund wieder seiner Wege gehen. Den Heini brachte aber die Geistergeschichte auf eine Idee, die, mithilfe einer ordentlichen Menge Gerstensaft, auch Gestalt annahm. Das alte Mütterchen aus dem Nachbarhaus war ihm sehr lange schon ein Dorn im Auge. »Dich werde ich vertreiben, mit Hilfe der Geister!«, schwor er sich und blickte dabei grimmig zum Nachbarhaus.

In der Nacht, als alles schlief, schlich er sich zu der Wohnstatt des Mütterchens. Mit beiden Fäusten trommelte er gegen die Fensterkästen, drehte sich um und versteckte sich hinter einer Hecke.

Heini im Schneesturm
Illustration: Sylvia B.
Der Krach riss das Mütterchen aus seinem Schlaf. »Was mag das gewesen sein?«, überlegte die alte Frau. Aber da es wieder ruhig war, dachte sie, dass es vielleicht nur ein Traum gewesen sei. Sie wollte sich gerade umdrehen, um ans Schlafen zu kommen, als Heini wieder gegen die Fensterläden trommelte. Das alte Mütterchen stand auf und ging in den Nebenraum. Durch die Fensterscheiben konnte sie den Garten vor dem Häuschen gut einsehen. Es hatte Neuschnee gegeben. Der Mond schien hell und die Gaslaternen an der Straße gaben gutes Licht. So konnte sie Fußspuren ausmachen, die von Heinis Haus zu ihrem Schlafzimmer führten und von dort zu der Hecke. Das Mütterchen wartete eine kurze Weile. Und richtig! Vorsichtig lugte Heini hinter der Hecke hervor und wollte sich gerade wieder auf den Weg zum Schlafzimmer machen.

Leise öffnete die alte Frau das Fenster. Sie holte tief Luft und rief laut in die Nacht: »Heini, habe ich dich wieder erwischt! Du benimmst dich wie ein Idiot!«
Heini erschrak und wollte sich wegducken. Aber das Mütterchen war noch nicht mit ihm fertig: »Du brauchst dich nicht zu verstecken, Heini, ich habe dich längst gesehen. Höre mit der Sauferei auf, die bringt dich noch um den letzten Verstand!«

Wie der Zufall es wollte, kam just in diesem Moment der Bierbrauer mit seinem Fuhrwerk vorbei. Im Dorf war eine Hochzeit und den Brautleuten war das Bier ausgegangen. So hatten sie den fleißigen Mann um Nachschub gebeten. Er befand sich auf dem Heimweg, als er die Stimme des Mütterchens hörte. So lenkte er den Wagen ein und stand flugs vor dem Heini.

»Hast du das gehört, Bierbrauer? Die alte Vettel hat mich beleidigt! Sie hat mich einen Idioten genannt! Ich werde sie verklagen und du bist mein Zeuge!«

Der Bierbrauer nahm den Heini am Schlafittchen. »Nein, sie hat gesagt, du benimmst dich wie ein Idiot. Das ist keine Beleidigung, sondern eine Feststellung! Ein Seelendoktor wird sich sicher finden, der das bestätigt! Und jetzt will ich mein Geld!«

Der Bierbrauer war von großer und breiter Gestalt. Das ständige Geschleppe der Fässer hatte seine Muskeln gestählt. Mit Leichtigkeit hob er den Heini hoch, drehte ihn auf den Kopf und hielt ihn an den Beinen fest. Dann schüttelte er ihn ordentlich durch, bis der letzte Heller und Pfennig aus Heinis Taschen gefallen war.

»Das reicht nicht!«

Der brave Brauer stapfte durch den Schnee in Heinis Stube und mit dem Fass auf den Schultern verließ er umgehend wieder die Stätte.
»Das ist mein Fass! Das habe ich gekauft! Das darfst du mir nicht wegnehmen!« Heini weinte bittere Tränen.

»Und ob ich das kann. Du hast nämlich vergessen, es zu bezahlen. Und frage nie wieder nach Bier bei mir an! Von mir bekommst du nichts mehr!«

Heini lief schluchzend ins Haus. Der Bierbrauer zog von dannen. Das alte Mütterchen legte sich wieder schlafen. »Hoffentlich lässt sich Heini das eine Lehre sein!«, überlegte sie, »Aber ich fürchte fast, bei Heini ist Hopfen und Malz verloren, im wahrsten Sinne des Wortes.«

Trulla fand ihren Heini zusammengekauert auf dem Küchensofa liegend vor.
Aus tränenvollen Augen blickte er seine Angetraute an.
»Kein Gerstensaft, kein Geld und die Nachbarn haben mich nicht mehr lieb!« heulte er ihr vor. »Trulla, liebe Trullala, liest du mir eine Geschichte vor? Bitte! Das Märchen vom Häschen mit dem Knick im rechten Öhrchen?« ...

... und wenn Heini nicht Ruhe gibt, wird es bald wieder ein Märchen rund ums Weseker Ei geben.




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Samstag, 19. Mai 2012

Sylvia B.: Das Märchen vom Weseker Ei

Illustration: Sylvia B.
In einem kleinen Dorf im Münsterland lebten vor langer Zeit die Bewohner glücklich und zufrieden. Sie gingen ihrem Tagwerk nach, an Feiertagen saßen sie gemütlich in ihren Gärten und lauschten dem Zwitschern der Vögelchen. Es war eine freundliche Zeit.

Irgendwann besuchte ein Wandersmann den beschaulichen Ort und beschloss, sich dort mit seiner Frau niederzulassen. Er kaufte ein kleines Häuschen und richtete sich ein. Hein, so hieß der Wandersmann, war aber bald nicht mehr zufrieden, denn er hatte ein zänkisches Weib. Darum saß er abends murrend in seinem Garten und gab sich dem Gerstensaft hin. Er fing an, sich an allem zu stören. Zuerst an dem Gezwitscher der Vögelchen. So nahm er sich seine Flinte und schoss die Tiere ab.

Doch auch danach fühlte er sich nicht zufrieden. Es kam ihm der Gedanke, dass er seine Nachbarn mit üblen Streichen Schaden zufügen könnte. Nach und nach verärgerte er die Menschen in seinem Umfeld.

An einem sonnigen Sommertag fand Heini, so wurde er mittlerweile im Dorf genannt, vor seiner Haustür ein Ei. Das musste jemand verloren haben. Heini betrachtete das Ei aufmerksam. Es war zerbrochen, Eigelb und Eiweiß hatten bereits die Strahlen der Sonne angetrocknet. Ihm kam der Gedanke, dieses Ei zum Anlass zu nehmen, seinem Nachbarn ein Ärgernis zu bereiten. So rief er den Gendarm, zeigte diesem das Ei und bestand darauf, seinen friedlichen Nachbarn der böswilligen Eier – Attacke zu bezichtigen und forderte dessen sofortige Verhaftung.

Der Gendarm war ein besonnener Mann. Es kam ihm natürlich auch der Gedanke, dass er keine Räuber fangen, oder  in Oeding an der Grenze stehen konnte, wenn er bei Heini Eier suchen gehen sollte. Aber des lieben Friedens willen, und weil Heini keine Ruhe gab, ging er dem verlorenen Ei nach.

Natürlich war der Nachbar sehr überrascht, als er hörte, dass er ein Lump sein soll, der heimlich Eier wirft.

Schnell sprach sich das Ereignis herum. Heini ärgerte sich, weil er gehofft hatte, das Gericht würde den Nachbarn in den Kerker werfen. Aber nichts dergleichen geschah. So überlegte er sich weitere Schandtaten und bald schon kam ihm ein böser Gedanke.

Auf der anderen Seite seines Gartens wohnte ein altes verwitwetes Mütterchen. Die hatte vier Katzen und liebte sie wie ihre Kinder. Darum war sie sehr betrübt, als eines ihrer Kätzchen von einem Streifzug nicht nach Hause kam. Jedes Mal wenn sie den Namen der Katze rief, antwortete Heini aus seinem Garten mit einem Schrei, der dem einer sterbenden Katze glich. Das Mütterchen ahnte, dass Heini etwas mit dem Verschwinden der Katze zu tun hatte, konnte es aber nicht beweisen.

Als die alte Frau wieder nach ihrer Katze rief und Heini ihr mit dem Todesschrei antwortete, rief sie ihm zu: »Hast du Schmerzen, Heini? Ist dir wieder ein Ei aus der Hose gefallen?«

Illustration: Sylvia B.
Das brachte Heini ersteinmal zum Schweigen.

Am nächsten Tag rief das Mütterchen den Namen der vermissten Katze. Wieder antwortete Heini, gestärkt durch die Kraft des Gerstensaftes, mit dem Schrei.

Da wurde das alte Mütterchen zornig. Sie gackerte laut wie ein Huhn und rief, dass es im ganzen Dorf zu hören war: »Kommt ihr Kätzchen, das Huhn hat ein Ei gelegt! Wir müssen den Gendarmen rufen!«

Es setzte Gelächter ein im Dorf. Heini konnte sich nirgendwo mehr sehen lassen, ohne dass aus irgendeiner Ecke Gegacker ertönte und in dem kleinen Dorf wurde es Sitte, die Katzen mit dem Geschrei der Hühner zu rufen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann gackern sie noch heute ...

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