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Montag, 15. September 2014

Fido Buchwichtel beim Kürbisfest in Weseke

Foto: Selbstauslöser
Hallo liebe Leute!

Da bin ich wieder Euer
Fido Buchwichtel!
Heute habe ich Euch
ganz viele Bilder mitgebracht.

Und nicht nur das. Aber ich berichte von Anfang an.


Am vergangenen Wochenende, 13. und 14. September 2014 fand wieder das große Kürbisfest auf dem Hof Börger in Weseke statt. Da durfte ich natürlich nicht fehlen. 

Foto: Selbstauslöser

Mit einem Zirkus habe ich nicht gerechnet! Manege frei:


Der Zirkusdirektor:


Die Kapelle:


Clowns dürfen nicht fehlen:


Hier eine verunglückte Fahrradnummer:


Jonglage – eine 5-Kürbis-Kaskade:


Der Dompteur ist gerade Kaffeetrinken, Bären und wilde Schweine unter sich:


Die Löwen warten auf ihren Auftritt, dafür ist der Messerwerfer aktiv:


Eine Seiltänzerin konnte sich gerade noch festhalten:


Voltigieren:


Der Schlangenbeschwörer darf auch nicht fehlen:


Die magische Kugel teilte mir mit, dass ich eine Kürbiswaffel essen soll:


Das Rezept habe ich Euch mitgebracht, denn diese Waffeln waren umwerfend lecker:

Kürbiswaffeln (Süß)
- 4Eier – 125g Butter – 3 EL Zucker
- 1 EL Vanillezucker – 1 Prise Salz – 125 g Sahne
-125 ml Mineralwasser mit Kohlensäure – 250 g Mehl
- 250 g Kürbisfleisch (entkernt) – Puderzucker

Zubereitung
Die Eier mit der Butter, dem Zucker und der Prise Salz schaumig schlagen. Sahne und Mineralwasser dazugeben, nochmals schaumig rühren. Das Mehl über die Masse sieben und alles zu einem geschmeidigen Teig verrühren. Das Kürbisfleisch auf einem Gemüsehobel grob raspeln, die Kürbisraspel in ein Mulltuch geben und überschüssigen Saft ausdrücken. Unter den Teig heben. Je 2 EL Teig in ein gefettetes Waffeleisen geben und ausbacken. Mit Puderzucker bestreut servieren.

Dieses Rezept und ganz viele Vorschläge, wie Kürbis lecker verarbeitet wird, bekommt Ihr, liebe Leser, wenn Ihr Euch auf den Weg zum Hof Börger macht.

Aber auch Zierkürbisse konnte ich entdecken, aus fast 150 Sorten lassen sich wundervolle Dekorationen zaubern.

Foto: Selbstauslöser
Auf jeden Fall war das Kürbisfest eine gelungene Veranstaltung. Die Region Westmünsterland hat viel zu bieten. Wie wäre es mit Krimis aus der Region? Die dürfen auch nicht fehlen, schließlich bin ich ein Buchwichtel! Gleich ums Eck vom Hof Börger findet sich der Garten Picker. Dort und im näheren Umfeld ist die Handlung vom »Blauregenmord« angesiedelt. Einen kostenlosen Eindruck könnt Ihr Euch bei den Impressionen machen. 

Der Krimi »Der Tote im Zwillbrocker Venn« spielt in meinem Heimatort.

Wem der Sinn eher nach Satire steht, wird hier fündig. Schaut selbst, »Ein Buch lesen!« hat für jeden was zu bieten.

Ich wünsche Euch einen kürbisreichen und wonnigen Altweibersommer!

Winke winke Euer

Fido Buchwichtel

Nicht vergessen:
»Der Mörder und der Kinderschänder«
Ein Münsterland-Kriminalroman, der auf wahren Begebenheiten basiert.
Bei diesem Werk handelt es sich um einen Kriminalroman. Etwaige Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit real existierenden Menschen wären rein zufällig. Alle beschriebenen Handlungen sind an die Realität angelehnt.

Unter dem Pseudonym - Tuna von Blumenstein - hat die Autorin fünf Kriminalromane veröffentlicht:

»Der Mörder und der Kinderschänder« 2025
 
ISBN: 9783769325911
Im Buchhandel erhältlich
 
Bei Thalia
und
Krimis der Tuna vB auch als eBook

Donnerstag, 21. Februar 2013

Der Geburtstag

Ein Märchen
von Walter-Jörg Langbein
Teil 3


Teil 1
Teil 2

Schon Wochen vor dem denkwürdigen Tag sah man den treuen Wachhund Waldemar kaum noch. Meist zog er sich in seine Hütte zurück. „Er dichtet ...“, mutmaßte Storch Isidor. „Er arbeitet an einem Gedicht für Hanni!“ Schweinchen Ottilie wusste zu berichten: „Er übt ein Lied für Hanni ein!“ Da konnte Isidors Frau Isolde nur mit dem langen Schnabel klappern. „Das wird ja was werden ...Waldemar kann doch gar nicht singen!“

Isidor und Isolde

Das wiederum hat Waldemar aufgeschnappt. „Und Ihr Langschnäbel könnt nur Frösche verputzen und mit den Schnäbeln klappern!“ Indigniert wandte Isolde ein: „Wir wollen ja auch gar kein Lied singen!“  Schweinchen Ottilie pflichtete bei: „Singe, wem Gesang gegeben!“

Isidor und Isolde taten sehr geheimnisvoll. „Wir haben uns etwas ganz Besonderes ausgedacht!“ Was das war, das wollten sie aber auf keinen Fall verraten. Das machte alle neugierig. Jakob, der stille alte Esel hat die beiden Störche heimlich beobachtet. „Was sie genau vorhaben, das weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, dass sie mit Pinseln und Farbe hantieren ... im kleinen Schuppen!“

Nun wird mancher, der sich für besonders klug hält, einwenden, dass Hunde nur kläffen, nicht aber singen können, dass Störche nicht reden und Esel nicht spionieren können. Solche Menschen gibt es wirklich! Die lachen über Märchen, in Wirklichkeit aber leben sie in einer kleinen, kalten Welt.

Happy Birthday, Hanni ...
wünscht Joschka, der Bär!
Bär Joschka hat mit solchen Menschen nur Mitleid. Bär Joschka isst nicht nur mit Begeisterung Honig, er ist auch ein richtiger Philosoph. „Märchen sind natürlich wahr, genau wie Liebe und Freundschaft wahr sind. Wer Märchen grinsend als Humbug abtut, der weiß auch nicht, wie Freundschaft und Liebe das Herz erwärmen! Mehr noch als der beste Honig!“

Bär Joschka besuchte regelmäßig den Hof von Hans im Glück. Abends schrieb er nach einem seiner Besuche ins Tagebuch: „Hanni ist viel mehr wert als alles Gold dieser Erde! Und Hanni beschenkt alle so reich, dass das nicht mit Gold aufgewogen werden kann!“ An einem anderen Tag hielt er fest: „In meinem langen Leben habe ich nur sehr wenige wertvolle Menschen kennengelernt. Die Königin von allen aber ist Hanni!“


Bär Joschka gehörte keiner Religion an. Er glaubte nicht an einen der Götter der Menschen. „Wenn es einen Gott gibt, dann muss es ein Honig-Gott sein!“ sagte er einmal in einem philosophischen Gespräch mit Isidor und Isolde. „Dann hat Dein Honig-Gott Hanni zu uns geschickt. Sie hat uns allen Glück gebracht!“, lautete Isoldes Antwort. Joschka nickte. „Dafür müssen wir dem Honig-Gott bis ans Ende aller Tage dankbar sein!“ Die Störche seufzten, so wie nur sprechende Störche das können. „Es ist wunderbar zu wissen, dass es Hanni gibt! Sie wird auf alle Zeiten unsere Königin sein und bleiben!“


Inzwischen hat Waldemar seine Versuche, ein neues Lied zu komponieren aufgegeben. Mit seinen poetischen Bemühungen ist er auch nicht sehr viel weiter gekommen. Aber sein Zweizeiler ist aussagekräftig genug. Er lautet:

„Für Hanni soll es rote Rosen regnen!
Ihr soll im Leben nur Gutes begegnen!“


Auch Isidor und Isolde haben ihr Projekt schweren Herzens aufgegeben. Sie hatten ein riesiges Plakat bemalt mit den Worten: „Hoch lebe Königin Hanni! Ein großes Königreich für Hanni!“ Leider war das Plakat viel zu schwer geworden. Isidor und Isolde sahen sich außerstande, das sorgsam bemalte Plakat durch die Lüfte zu tragen. Traurig meinte Isidor: „Es ist zu groß! Wir haben immer wieder versucht, unseren Wahlspruch mit Flügelkraft zum Himmel zu schleppen und aller Welt zu zeigen! Aber vergeblich!“ Isolde ergänzte: „Und wenn wir es kleiner machen, so dass wir es fliegend tragen können ... kann es keiner lesen!“

Joschka konnte die beiden Störche zum Glück trösten. Ist er doch der Philosoph im Reich der Tiere. „Es kommt doch nicht darauf an, liebevolle Gedanken an den Himmel zu schreiben! Man muss sie hegen und pflegen. Dann werden sie groß und stark. Und dann spürt Hanni auch Eure Zuneigung, die größer ist als je ein Plakat sein kann!“

Isidor und Isolde freuten sich sehr und teilten Joschkas kluge Gedanken allen Mitbewohnern auf dem alten Hof mit. Es ist nur schade, dass viele Menschen keine Ahnung von dieser Wahrheit haben. Aber vielleicht trägt dieses Märchen dazu bei, dass sie verbreitet wird!

Und so kam es, dass am 21. Februar viele, sehr viele liebe Gedanken und Wünsche empor gestiegen sind... empor zum Himmel. Sie waren überall. Jakob, der stille alte Esel nickte zufrieden. „Und Ihr meint, dass Hanni das alles spürt?“ Isolde und Isidor schüttelten erstaunt die Köpfe. „Wie kannst Du nur daran zweifeln? Natürlich wärmen unsere liebevollen Wünsche Hannis Herz!“ Und Waldemar ergänzte: „Und unsere Herzen auch ...“

Bär Joschka war zufrieden. Man hatte ihn verstanden. „Kein Wunder, dass Menschen, die nicht an Märchen glauben, so oft frieren!“, meinte er nachdenklich. „Sie wissen nichts von der Kraft der liebevollen Gedanken und Wünsche! Die bringen Herzenswärme in die Welt. Und warum ist das möglich? Weil es – wenn auch nur sehr, sehr selten – einzigartige Menschen wie Hanni gibt!“

Und so stimmen alle ein in den Gesang:
 „Happy Birthday, liebe Hanni, happy birthday to you!“
Und alle, alle sind froh, dankbar und glücklich. Warum?
Weil es Hanni gibt!

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Montag, 4. Februar 2013

Waldemars Traum

Ein Märchen von Walter-Jörg Langbein

Fortsetzung von Teil 1 - Hans im Glück und Hanni

„Jeder ist zu ersetzen!“, murmelte Hans im Glück, der seinen Beinamen schon lange nicht mehr mit Recht tragen konnte. Denn mit Hannis Weggang vom Hof war auch das Glück gegangen. „Jeder ist zu ersetzen!“, wiederholte der treue Hofhund Waldemar. „Aber unsere Hanni nicht. Die ist ja auch nicht jeder! Sie ist unsere Hanni, einzigartig!“

Isidor und Isolde bei der
Versammlung der Tiere
Foto: Walter-Jörg Langbein
Auch die Hühner gackerten traurig. „Was machen wir nur ohne unsere Königin!“ Erna, die Kuh schüttelte ärgerlich den Kopf. „Was heißt hier eure Königin? Hanni war die Königin vom ganzen Hof!“ Das machte die Hühner nur noch trauriger. Und Kuh Mathilde ergänzte: „Hanni hat sich immer für uns alle eingesetzt! Wenn sie über den Hof ging, hatte sie für jeden ein freundliches Wort!“ Waldemar stimmte zu: „Wenn sie gelächelt hat, dann war es, als ob die Sonne scheint!“ Storch Isidor meldete sich zu Wort. „Wenn Hanni lächelte ... Dagegen verblasste der schönste Sonnenschein!“ Alle nickten.

Isidor fuhr fort: „Ich bin weit gereist, ich weiß, wie die Sonne lächeln kann... Aber Hannis Lächeln überstrahlt alles....“ Isidor und Gattin Isolde verleben schon seit vielen Jahren ihre Sommer auf dem Dach der großen Scheune. Sie gelten beide als besonders klug und welterfahren. Ihre Ratschläge werden stets befolgt.

Isolde hatte eine Idee. „Ich habe hier einen schönen großen Zettel! Jeder von uns schreibt da etwas drauf ...“ „Was denn?“, wollte Schweinchen Ottilie wissen. „Plappere nicht immer dazwischen ...“, klapperte Isidor. Isolde fuhr fort: „Jeder von uns notiert auf dem Zettel, was er besonders an Hanni schätzt ...“ Waldemar schüttelte den Kopf. „Selbst wenn ich nur auf das Allerwichtigste beschränke, und das in winzig kleinen Buchstaben aufs Papier kritzele, reicht das Blatt nicht aus. Ich könnte Bücher füllen!“ Da seufzten alle zustimmend und traurig. Stille trat ein.

„Ich habe von Hanni geträumt!“, mit diesen Worten unterbrach Waldemar die triste Stille. „Was denn?“, wollten alle wissen. „In meinem Traum führte Hanni einen eigenen Hof!“ Storch Isidor seufzte. „Das muss ein schöner Traum gewesen sein!“ Waldemar bellte zustimmend. „Das war der schönste Traum, den ich je im Leben gehabt habe!“ Alle anderen Bewohner des Hofs beneideten Waldemar um seinen Traum. Alle wollten Einzelheiten des Traums wissen.

Bereitwillig antwortete Waldemar auf die Fragen der anderen Tiere, die möglichst genau wissen wollten, was er im Traum gesehen und gehört hatte. „Hanni behandelte alle ganz besonders lieb. Alle fühlten sich wohl und arbeiteten gern mehr als sie eigentlich hätten arbeiten müssen. Allen ging die Arbeit spielend von der Pfote, weil Hanni ihnen so viel Kraft schenkte. Manchmal hockten alle im Kreis und schauten trübsinnig drein. Da kam Hanni vorbei, lächelte, sagte etwas ... Und alle strahlten!“ Isolde wirkte etwas geistesabwesend. „Das ist nichts Neues. So kennen wir unsere Hanni doch auch. Und nicht anders!“

Waldemar erklärte: „Aber in meinem Traum hatte Hanni einen eigenen Hof, den sie leitete!“ Ottilie quiekte: „Das klingt schon sehr gut! Niemand kann einen Hof so gut führen wie Hanni! Unseren Hof hat sie doch auch mehr oder minder allein geleitet!“ Alle pflichteten dem kleinen Schweinchen bei. Nach diesen Worten schauten alle wieder traurig drein.

„Wir dürfen nicht traurig sein, weil Hanni gegangen ist!“, verkündete Isidor mit erhobenem Flügel. „Wir dürfen dankbar sein, dass sie Jahre lang für uns da war!“ Isolde pflichtete ihrem Gatten bei. „Aber es schmerzt, dass sie nicht mehr unser aller Königin ist!“, muhte nachdenklich Erna, die kluge Kuh.

Da meldete sich wieder Waldemar zu Wort. „Deshalb habe ich doch euch meinen Traum erzählt ...“ Isidor unterbrach. „Sehr hilfreich war dein Traum aber nicht ...“ Waldemar bellte leicht verstimmt. „Ihr lasst mich ja nicht ausreden!“ Er ließ sich aber nicht lange bitten, weiter zu erzählen.

„Hanni leitete einen eigenen Hof ... der war wunderschön, ganz nach ihren Plänen gebaut! Und der hieß 'Hof der Freude' oder so, irgendwas mit Joy jedenfalls ...Vor allem war Hanni sehr, sehr glücklich!“ Da jubelten alle Tiere. „Das ist das Schönste von Deinem Traum!“, meinten schließlich nachdenklich Isidor und Isolde. „Denn wenn jemand es verdient, glücklich zu sein, dann unsere Hanni!“

Der Jubel wurde lauter. „Ja, glücklich soll sie sein, unsere Hanni!“ Und Erna rief: „Auf Hanni! Sie wird immer unsere Königin sein, immer und ewig!“ Alle lachten und jubelten. Die, die Pfoten hatten, applaudierten stürmisch. Jene, die Flügel hatten, trampelten mit den Füßen! Und Ottilie übertönte alle mit freudigem Gequieke.

„Wer soll für immer unsere Königin sein?“, fragte der alte Jakob, ein in Ehren ergrauter Esel. „Na die netteste von allen, die Hanni.“ Jakob hat aber nur die Hälfte gehört. „Wer soll Königin bleiben, immer und ewig?“ Er wiederholte, was er gehört hatte. „Na die ne ...? Wer ist denn na … di ... ne?“ Geduldig erklärte Isidor: „Unsere Hanni!“ Da stimmte auch Jakob mit ein: „Hoch lebe unsere Königin!“

Und so beschlossen alle Tiere einstimmig, dass Hanni auf alle Zeiten ihre Königin sein und bleiben würde. Denn niemand, niemand kann sie ersetzen. Niemand wird sie je ersetzen.

Isidor und Isolde besuchen Hanni - Foto: Walter-Jörg Langbein

Isidor und Isolde bekamen ein wichtiges Amt übertragen. Die beiden großen Störche würden regelmäßig Hanni besuchen. „Wir werden überprüfen, ob Hanni auch wirklich glücklich ist!“, verkündete Isidor ernst. Isolde klapperte mit dem mächtigen Schnabel. „Und wenn da jemand ist, der unsere Königin ärgert oder ihr gar Kummer bereitet, der bekommt es mit uns zu tun! Wir haben sehr scharfe Schnäbel!“ Da jubelten alle Tiere vom Hof: „Hoch lebe unsere Königin!“

Hier geht es zu Teil 3 des Märchens

Die Bücher von Walter-Jörg Langbein

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Mittwoch, 23. Januar 2013

Hans im Glück und Hanni

Ein Märchen von Walter-Jörg Langbein

Es war einmal ein Mann, der hieß Hans. „Ich werde mein Glück machen!“, sprach er. Einen Plan hatte er auch schon. Er kaufte sich ein Bauernhaus mit Stall. Daneben lag ein Feld. „Auf dem Felde baue ich Getreide an!“, sprach Hans zu sich. Sobald ich Getreide habe, kaufe ich mir Hühner!“
So kam es dann auch. Er säte und erntete und drosch das Getreide. Einen Teil verkaufte er. Und den Rest tauschte er in Hühner um. Die Hühner aber legten Eier. Die Eier brachte Hans zum Markt und verkaufte sie für gutes Geld.

„Ich bin ein Hans im Glück!“, jubelte er schließlich. Denn seine Hühner brachten ihm so manchen Gold-Taler ein. Indes... Hans lag das frühe Aufstehen nicht so recht. Und die Hege und Pflege der Hühner war doch sehr viel anstrengender als er zunächst gedacht hatte.

So stellte Hans einige Knechte ein, die das Feld bestellen, das Getreide dreschen, die Hühner füttern und die Eier einsammeln mussten. Auch auf den Markt mussten die Knechte gehen. Hart war ihre Arbeit, der Lohn aber war karg. „Ich bin doch ein Hans im Glück!“, frohlockte Hans.

Eines Tages erschien ein wunderschönes Huhn bei Hans. Es konnte, was nur im Märchen möglich ist, sprechen. Das Huhn stellte sich Hans vor: „Ich bin ein Huhn und heiße Hanni!“, sagte es freundlich. „Hast du vielleicht Arbeit für mich?“ Hans überlegte. Er konnte sich nicht so recht entscheiden. Schließlich fragte Hans das Huhn Hanni: „Was kannst du denn?“

Hanni antwortete: „Ich kann dir die Buchführung machen, Aussaat und Ernte organisieren, den Verkauf der Eier leiten und den Erlös für eine Modernisierung des Bauernhofs einsetzen...“ Hans zögerte immer noch. „Und legst du auch Eier?“, wollte er schließlich wissen. Da seufzte Hanni. „Das schon! Aber man kann sie nicht essen!“ Hans schüttelte den Kopf. „Was soll ich mit Eiern, die man nicht essen kann?“ Hanni überlegte. „Du kannst sie im Wohnzimmer als Schmuck auf den Tisch stellen. Sie glänzen nämlich schön golden!“

Foto: Noclador, GNU-Lizenz für freie Dokumentation

So kam Hans zum Huhn Hanni, das goldene Eier legte. Die Eier waren aus richtigem Gold und Hans war sehr, sehr froh. „Jetzt endlich bin ich wirklich Hans im Glück!“ Sein Reichtum wuchs dank der goldenen Eier. Natürlich musste Hans Hanni Körner zum Picken geben. Aber dafür bekam er echtes Gold. Hanni legte ja goldene Eier. Und sie wurde immer wichtiger für den Hof. „Ohne Hanni läuft hier gar nichts...“, darin waren sich alle Tiere des Bauernhofs einig, nicht nur die Hühner. „Was für ein Glück, dass wir unsere Hanni haben!“, meinte sogar Hofhund Waldemar.


Einerseits freute sich Hans, weil er zu einem richtigen Hans im Glück geworden war. Andererseits aber ärgerte sich Hans darüber, dass er Hanni Körner geben musste. Das schmälerte seinen Gewinn. Leider war er nicht immer so nett zu Hanni, wie er eigentlich hätte sein müssen. Verdankte er doch Hanni seinen Reichtum.

Auch hörte er oft nicht zu, wenn Hanni Vorschläge machte, wie er seinen Bauernhof modernisieren konnte. „Das ist doch alles zu teuer!“, moserte er nur. Immer wieder hatte er etwas an Hanni auszusetzen. „Deine goldenen Eier kann man ja nicht einmal essen ...“, lästerte er. „Und sie sind viel zu schwer!“

Hanni arbeitete immer mehr. Sie gab Kurse im Bauernhof, zum Beispiel „Ostereier kreativ bemalen“. In der Vorweihnachtszeit lockte sie mit dem Kurs „Bemalte Eier als Weihnachtskugeln ... der neue Eiertrend“. Das lockte viele Menschen auf den Bauernhof von Hans, das ließ die Kasse klingeln.

Unermüdlich wirkte und werkelte Hanni. Und sie besuchte regelmäßig Fortbildungskurse. So konnte sie sehr effektive Werbemaßnahmen entwickeln und in die Tat umsetzen. Immer mehr Menschen strömten auf den Bauernhof, sie kamen teilweise von weit her. Alle waren begeistert von Hanni. Alle waren glücklich, dass sie Hanni hatten. Alle waren voll des Lobs. „Was wäre der Bauernhof ohne Hanni ...“, überlegten sie. „Wir müssen alles tun, damit Hanni für immer bleibt!“, bellte der treue Hund Waldemar.
Hanni reiste durch die Lande und warb für den Bauernhof. Ihre Kolleginnen wählten sie schließlich zur Königin. Das erfüllte Hanni mit Stolz. Und sie tat, was sie konnte ... für den Hof, den sie immer „unseren Hof“ nannte. Hans aber erkannte nicht, dass es Hanni war, die ihn zum Hans im Glück machte.

Das machte Hanni traurig. „Dann gehe ich fort! Ich werde schon einen anderen Bauernhof finden!“, erklärte sie Hans im Glück. „Nur zu!“, antwortete er ärgerlich. „Dann muss ich dir auch keine Körner mehr füttern!“ Und so kam es dann auch, dass Hanni den Hof verließ und sich anderswo Arbeit suchte. Und Hans hatte kein Huhn mehr, das goldene Eier legte!“

Später grübelte Hans. „Ach, wenn ich Hanni nur zum Bleiben überredet hätte ...“, murmelte er vor sich hin. Da war es aber zu spät. Und Hans, der war kein Hans im Glück mehr.

Aus nah und fern waren die Menschen zu ihm auf den Bauernhof gekommen, um das Huhn, das goldene Eier legte, zu bestaunen, aber auch um Kurse mit Hanni zu besuchen. Auch hatte Hanni stets gute Ratschläge für alle Menschen, denen sie damit sehr half. Dafür hatten sie dankbar Hans dicke Golddukaten gegeben. Sein Glück war so gewachsen und gewachsen.

Aber dann war ja Hanni gegangen ...

Die Moral von der Geschicht'? Wenn du je im Leben eine Hanni findest, die goldene Eier legt, behandle sie pfleglich, gib ihr reichlich gute Körner. Lobe sie für ihre gute Arbeit.

Und eines, eines darfst du auf keinen Fall: Lass' nie das Huhn, das goldene Eier legt, gehen. Achte darauf, dass es glücklich ist und bei dir bleibt. Denn wenn Hanni eines Tages gegangen ist, dann ist sie weg.

Und mit ihr das Glück.

Teil 2 des Märchens lesen - Waldemars Traum
Teil 3 des Märchens lesen - Der Geburtstag

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Dienstag, 22. Januar 2013

Märchen rund ums Weseker Ei: Wie Heini auf Psycho machte

Ein Märchen von Sylvia B.

Illustration: Sylvia B.
In dem kleinen Dorf irgendwo im Münsterland war alles nicht mehr so, wie es einmal war. Heini und sein zänkisches Weib Trulla konnten sich zwar eine Weile zurückhalten. Aber nachdem Gras über die Sache gewachsen schien und niemand mehr die Katzen mit Gegacker rief, überkam Heini wieder diese Unruhe.

Mit dem alten Mütterchen mochte er sich anfangs nicht mehr anlegen. Aber das war kein Problem, es blieben genug Nachbarn übrig, die sich Heini, einer nach dem anderen, auch vornahm. Er stichelte und hänselte und verbreitete Gerüchte. Dabei half ihm Trulla, denn die hatte das böse Schwätzen zur Kunstform erhoben.

Heini verbrachte viel Zeit mit Hänseln, Mobben, Stalken und Spannen, da blieb kaum noch Zeit, um einer geregelten Arbeit nachzugehen. So wurden die Taler knapp. Trulla brauchte eine neue Brille. Die kostete auch wieder Geld, zumal sie die Gläser farbig getönt haben wollte. Aus einem besonderen Grund. Also schickte sie ihren Mann Heini los, um wieder Geld zu verdienen, das sie ihm umgehend abnahm, als er nach Hause kam. Die Brille brauchte Trulla ganz dringend, denn nur durch die rosaroten Gläser war es ihr erträglich, ihren Gatten zu betrachten. 

Der Brillenkauf brachte aber Heini in eine missliche Lage. Denn er hatte, in Aussicht auf das verdiente Geld, beim Bierbrauer ein Fass Gerstensaft geordert. Das konnte er nicht bezahlen, als der Bierbrauer es lieferte. So schlug Heini dem braven Mann ein Geschäft vor: Für das Fass wollte er dem Brauer zur Hand gehen und ihm nötige Reparaturen an seiner Scheune erledigen. Nach langem Hin und Her willigte der Brauer in das Geschäft ein.

Nun ergab es sich, dass sich Heini, neben seinen üblichen Beschäftigungen, auch noch mit voller Hingabe dem Gerstensaft widmete. Da blieb kaum noch Zeit für den Broterwerb. Aber immer, wenn die Vorräte knapp wurden, nahm Trulla ihre Brille ab und es gelang ihr mithilfe lauten Gezeters, ihren Gatten ans Arbeiten zu bringen. Den Brauer hatte Heini irgendwie völlig vergessen. Aber der nicht Heini. So stand er eines Tages vor dem Haus und forderte sein Geld. Trulla öffnete ihm die Tür, teilte ihm mit, dass Heini nicht zu Hause sei und ließ den armen Mann unverrichteter Dinge abziehen. Als der Bauer in den nächsten Tagen abermals vorstellig wurde, taten die Eheleute, als wären sie nicht zuhause.

Von einem Dorfbewohner erfuhr der brave Mann kurz darauf, dass Heini im Ort verkündete, dass er schlechten Gerstensaft vom Bierbrauer erhalten habe. Das glaubte zwar niemand, aber es traf den Brauern in seiner Ehre und er nahm sich vor, Heini bei Gelegenheit dafür ordentlich ins Gebet zu nehmen. 

Kurz darauf suchte ein alter Saufkumpan aus alten Tagen den Heini auf. Er wollte um Unterkunft nachsuchen, denn in dem alten Haus, das er bezogen hatte und das im Nachbarort stand, spuke es. Nachts würden fürchterliche Geräusche den Armen um den Schlaf bringen. An den Fensterkästen würde es laut rappeln. Es musste ein Geist umgehen. 
»Das wird der Geist des Weines sein, der dir so zusetzt!«, war der knappe Kommentar von Trulla. »Hier kannst du nicht bleiben, wir haben keinen Platz für dich!«

So musste der Vertriebene wie ein geprügelter Hund wieder seiner Wege gehen. Den Heini brachte aber die Geistergeschichte auf eine Idee, die, mithilfe einer ordentlichen Menge Gerstensaft, auch Gestalt annahm. Das alte Mütterchen aus dem Nachbarhaus war ihm sehr lange schon ein Dorn im Auge. »Dich werde ich vertreiben, mit Hilfe der Geister!«, schwor er sich und blickte dabei grimmig zum Nachbarhaus.

In der Nacht, als alles schlief, schlich er sich zu der Wohnstatt des Mütterchens. Mit beiden Fäusten trommelte er gegen die Fensterkästen, drehte sich um und versteckte sich hinter einer Hecke.

Heini im Schneesturm
Illustration: Sylvia B.
Der Krach riss das Mütterchen aus seinem Schlaf. »Was mag das gewesen sein?«, überlegte die alte Frau. Aber da es wieder ruhig war, dachte sie, dass es vielleicht nur ein Traum gewesen sei. Sie wollte sich gerade umdrehen, um ans Schlafen zu kommen, als Heini wieder gegen die Fensterläden trommelte. Das alte Mütterchen stand auf und ging in den Nebenraum. Durch die Fensterscheiben konnte sie den Garten vor dem Häuschen gut einsehen. Es hatte Neuschnee gegeben. Der Mond schien hell und die Gaslaternen an der Straße gaben gutes Licht. So konnte sie Fußspuren ausmachen, die von Heinis Haus zu ihrem Schlafzimmer führten und von dort zu der Hecke. Das Mütterchen wartete eine kurze Weile. Und richtig! Vorsichtig lugte Heini hinter der Hecke hervor und wollte sich gerade wieder auf den Weg zum Schlafzimmer machen.

Leise öffnete die alte Frau das Fenster. Sie holte tief Luft und rief laut in die Nacht: »Heini, habe ich dich wieder erwischt! Du benimmst dich wie ein Idiot!«
Heini erschrak und wollte sich wegducken. Aber das Mütterchen war noch nicht mit ihm fertig: »Du brauchst dich nicht zu verstecken, Heini, ich habe dich längst gesehen. Höre mit der Sauferei auf, die bringt dich noch um den letzten Verstand!«

Wie der Zufall es wollte, kam just in diesem Moment der Bierbrauer mit seinem Fuhrwerk vorbei. Im Dorf war eine Hochzeit und den Brautleuten war das Bier ausgegangen. So hatten sie den fleißigen Mann um Nachschub gebeten. Er befand sich auf dem Heimweg, als er die Stimme des Mütterchens hörte. So lenkte er den Wagen ein und stand flugs vor dem Heini.

»Hast du das gehört, Bierbrauer? Die alte Vettel hat mich beleidigt! Sie hat mich einen Idioten genannt! Ich werde sie verklagen und du bist mein Zeuge!«

Der Bierbrauer nahm den Heini am Schlafittchen. »Nein, sie hat gesagt, du benimmst dich wie ein Idiot. Das ist keine Beleidigung, sondern eine Feststellung! Ein Seelendoktor wird sich sicher finden, der das bestätigt! Und jetzt will ich mein Geld!«

Der Bierbrauer war von großer und breiter Gestalt. Das ständige Geschleppe der Fässer hatte seine Muskeln gestählt. Mit Leichtigkeit hob er den Heini hoch, drehte ihn auf den Kopf und hielt ihn an den Beinen fest. Dann schüttelte er ihn ordentlich durch, bis der letzte Heller und Pfennig aus Heinis Taschen gefallen war.

»Das reicht nicht!«

Der brave Brauer stapfte durch den Schnee in Heinis Stube und mit dem Fass auf den Schultern verließ er umgehend wieder die Stätte.
»Das ist mein Fass! Das habe ich gekauft! Das darfst du mir nicht wegnehmen!« Heini weinte bittere Tränen.

»Und ob ich das kann. Du hast nämlich vergessen, es zu bezahlen. Und frage nie wieder nach Bier bei mir an! Von mir bekommst du nichts mehr!«

Heini lief schluchzend ins Haus. Der Bierbrauer zog von dannen. Das alte Mütterchen legte sich wieder schlafen. »Hoffentlich lässt sich Heini das eine Lehre sein!«, überlegte sie, »Aber ich fürchte fast, bei Heini ist Hopfen und Malz verloren, im wahrsten Sinne des Wortes.«

Trulla fand ihren Heini zusammengekauert auf dem Küchensofa liegend vor.
Aus tränenvollen Augen blickte er seine Angetraute an.
»Kein Gerstensaft, kein Geld und die Nachbarn haben mich nicht mehr lieb!« heulte er ihr vor. »Trulla, liebe Trullala, liest du mir eine Geschichte vor? Bitte! Das Märchen vom Häschen mit dem Knick im rechten Öhrchen?« ...

... und wenn Heini nicht Ruhe gibt, wird es bald wieder ein Märchen rund ums Weseker Ei geben.




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Dienstag, 10. Juli 2012

»Das Märchen vom Prinzendesaster« von Sylvia B.

Illustration: Sylvia B.
Vor nicht allzu langer Zeit lebte eine Prinzessin alleine in einem Schloss, das an drei Seiten von einer Rosenhecke umgeben war. Diese Hecke stand seit ewigen Zeiten schon dort. Die Großmutter hatte der Prinzessin an deren 18. Geburtstag die Familiengeschichte eröffnet, so wie es Tradition war. Danach soll sich die Ururomi der Prinzessin, am Tag ihrer Volljährigkeit, an einer vergifteten Spindel gestochen haben, und umgehend, mit allen Bewohnern des Schlosses, in einen tiefen, langjährigen Schlaf gefallen sein. Danach habe die Hecke angefangen, ungezügelt zu wachsen und viele Prinzen, die die Ururomiprinzessin wach küssen wollten, haben sich darin verfangen.

   Großmutter wies also ihre Enkelin auf erhöhte Wachsamkeit bezüglich der Rosen an. Dann gab sie ihr auf, sobald die erste Rose zu blühen beginnen wolle, an der Hecke nach einem Prinzgemahl Ausschau zu halten. So hätten das alle Prinzessinnen in der Vergangenheit gehandhabt. Nachdem Oma ihre Pflicht getan hatte, verstarb sie.

  Nun haben solche Familiengeschichten ihr Vor- aber auch Nachteile. In diesem Fall führte die Volljährigkeitsenthüllungen dazu, dass alle Prinzessinnen fortan an Schlafstörungen litten. Ob ihre Ahninnen die richtige Wahl ihrer Partner getroffen hatten, war der Prinzessin nicht bekannt. Denn die Prinzen des Hauses pflegten nach der jeweiligen Hochzeit und der dazugehörigen Nacht, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

   Die Mutter der Prinzessin hatte sich irgendwann im nahe liegenden Wald verirrt und den Weg nicht mehr nach Hause gefunden. Als das passierte, war die Prinzessin noch klein. Darum hatte sich die Großmutter um die kleine Prinzessin gekümmert.
Illustration: Sylvia B.

   Der Tradition folgend, litt auch die junge Prinzessin umgehend an Einschlafstörungen. Und als der Frühling kam, folgte die Prinzessin brav der Weisung ihrer Omi und beobachtete die Rosen vor dem Schloss sehr genau.

   Tatsächlich entdeckte sie eines Morgens eine Gestalt, die sich scheinbar in der Hecke verfangen hatte. Die Prinzessin griff zu ihrer Rosenschere, verließ das Schloss und über den Weg, der an den Klippen lag, auf dem das Schloss stand, lief sie an der Hecke vorbei zu der Stelle, an der sie den gefangenen Prinzen vorfand.

   Als sie diesen erblickte, wandte sich ihre Vorfreude aber schlagartig in Entsetzen um. An der Kleidung konnte sie zwar einen Prinzen ausmachen, auch war die Gestalt hoch gewachsen. Aber der scheinbare Prinz dünstete aus wie eine Spelunke, in der er vermutlich auch die Nacht verbracht hatte. So stand die Prinzessin wie angewurzelt und starrte den Prinzen an. Als dieser die junge Prinzessin erblickte, lief er zur Höchstform auf:
»Was glotzt du mich so blöde an, du dusselige Kuh? Setz gefälligst deinen Hintern in Bewegung und schneide mich von dem Gestrüpp frei!«

   Diese Sprache gefiel der Prinzessin überhaupt nicht. Aber sie war ein hilfsbereiter Mensch und entschied für sich, den ungehobelten Menschen aus seiner misslichen Lage zu befreien. Doch diesem ging ihr tun nicht schnell genug und so fuhr er sie wieder an:
»Himmel, Arsch und Zwirn! Geht das nicht etwas schneller?«
Das machte die Prinzessin zornig und so antwortete sie:
»Wenn du nicht so zappeln tätest, würde es schneller gehen! Halte still und deinen Mund!«

   Das beeindruckte den Prinzen und so schwieg er, bis die Prinzessin ihn frei geschnitten hatte. Danach ordnete er seine Kleider so gut es ging und setzte eine freundliche Miene auf, die ihn plötzlich nicht mehr ganz so unsymphatisch machte.

   Aber die Prinzessin war auf der Hut, als er zu ihr sprach:
»Habe dich nicht beim Tanz in den Mai gesehen, du wärst mir unter all den Gesichtsbaracken dort sicher aufgefallen. Na ja, ich musste etwas über den Durst trinken und als auf dem Rückweg pinkeln angesagt war, bin ich in diese verdammte Hecke gefallen.«

   Die Prinzessin drückte ihr Bedauern über das Missgeschick aus und wandte sich zum Gehen. Der Prinz rief sie aber zurück:
»Warte mal! Schön wohnst du hier. Etwas heruntergekommen der alte Kasten, aber kann es sein, dass du Meerblick hast?«
Die Prinzessin nickte, denn die vierte Seite am Schloss ging zum offenen Meer hinaus und wenn sie die Treppe an den Klippen benutzte, konnte sie zu einem kleinen Strand gehen.

Das sagte sie dem Prinzen aber nicht, sondern antwortete ihm nur mit einem stummen Nicken ihres Kopfes.

   »Höre mal Schnecke,« die Stimme des Prinzen nahm einen lauernden Ausdruck an, »ich wollte mich eh sesshaft machen. Was meinst du? Sollen wir beide nicht fix heiraten? Du brauchst einen Mann an deiner Seite!«

   Energisch schüttelte die Prinzessin den Kopf, meinte, dass sie bereits vergeben sei, schlug den Heimweg ein und hörte den Prinzen noch grummeln:
»Wer nicht will, der hat schon!«

   Als sie kurze Zeit später von ihrem Turm aus nach Norden blickte, sah sie die Gestalt in eben diese Richtung verschwinden. Sie dachte über die Weisung ihrer Großmutter nach, befand, dass sie alles richtig gemacht hatte und beschloss, den Rest des Tages zu verpennen.

   An Mittsommer machte sich die Prinzessin zur Landesgrenze auf. Dort befand sich das Bistro »Vier Himmelsrichtungen« wo alljährlich ein Prinzessinnentreffen stattfand. Sie war die Prinzessin des Westens und von allen Vieren die Nachdenklichste. Die anderen drei konnten zumeist nicht laut genug klagen, aber dieses Treffen hob sich tatsächlich noch von den vorhergehenden ab. Weinend setzte sich die Prinzessin des Nordens auf ihr Erbsenkissen, das sie, der Tradition ihres Hauses folgend, immer bei sich trug, und schluchzend berichtet sie den anderen: »Ich bin verheiratet!«

  »Aber das ist doch eine gute Nachricht,« fiel ihr die Prinzessin des Südens ins Wort, »dann bist du die erste unter uns, die einen Prinzen an ihrer Seite hat.«

   Die Prinzessin des Nordens schnupfte sich umständlich das Näschen, bevor sie erzählte:
»Das habe ich auch gedacht, dass ich euch eine gute Nachricht bringe. Dieser Prinz stand unvermittelt vor dem Tor. Und ich dusselige Kuh lasse ihn herein und mich von ihm umgarnen. Ich brauchte doch einen Mann an meiner Seite und er verstand es vorzüglich, mir mein Erbsenkissen unter den Hintern zu schieben, da habe ich sofort ›Ja!‹ gesagt, als er um meine Hand anhielt. Noch in der Hochzeitsnacht ist er in den Weinkeller verschwunden. Tagsüber grantelt er und schimpft wie ein Stallbursche, nachts trinkt er wie ein Saufbold. Ich bin so unglücklich!«

  Die Prinzessin des Westens täuschte einen Migräneanfall vor, verließ die Stätte und machte sich schnell auf den Heimweg.

   Im nächsten Jahr fand sie wieder einen Prinzen in der Hecke. Dieser jammerte und klagte, flehte sie an, ihn schnell zu befreien, um im Anschluss bittend und bettelnd einen Kuss von ihr zu fordern.
Die untersetzte Gestalt und auch der breite Mund des Prinzen wirkten aber abstoßend auf die Prinzessin. So griff sie zu ihrer Notlüge, sagte, dass sie das Essen für ihren Gatten vorbereiten müsse und entfloh.

Illustration: Sylvia B.
   Von ihrem Turm aus konnte sie dann sehen, dass sich die Gestalt auf den Weg zu der Prinzessin des Ostens machte. Als sie sich an Mittsommer zu dem Treffen aufmachte, ahnte sie bereits das Unglück. Und richtig, neben der heulenden Erbsenprinzessin des Nordens saß weinend die Östliche, hielt sich an ihrer goldenen Kugel fest und berichtete unter ständigen Weinkrämpfen. Auch sie ist blind in die Ehefalle getappt, nur dass sich ihr Prinz statt in einen Schönling in eine noch hässlichere Kröte verwandelt hatte. Für diese müsse sie ständig Fliegen fangen und nachts würde er glibberich neben ihr quaken.

   Die Prinzessin des Westens meinte daraufhin, dass sie vergessen habe, das Bügeleisen auszustellen und darum schnell nach Hause müsse. Dort angekommen, betrachtete sie mit sorgenvollem Gesichtsausdruck die Rosenhecke und dachte an ihre Großmutter.

   Im nächsten Frühjahr stand die Prinzessin nachdenklich auf dem Turm, sah abwechselnd die Rosenhecke und den südlichen Horizont an. ›Versuch macht klug!‹ dachte sie bei sich und auch, mit einem Blick nach Süden, dass sie ja kein Risiko eingeht, wenn sie wieder nach der Hecke sehen würde.

Und so fand sie an jenem Frühlingsmorgen in ihren Rosen einen wunderschönen Prinzen mit güldenem Haar.

»Wunderschöne Prinzessin, habe die Güte und befreie mich aus diesen Rosen. Schau, mein Arm ist ganz zerkratzt und ich fürchte zu verbluten!«

   Vorsichtig führte die Prinzessin die Rosenschere. Als der Prinz befreit war, fiel er vor ihr auf die Knie, dankte ihr und umfasste ihre Füße. Nachdenklich erhob er sich, sah der Prinzessin in die Augen, bevor er sich zum Gehen wandte.
»Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte die Prinzessin.
»Nein, es ist alles in Ordnung, du hast nur so … «, der Prinz zögerte, bevor er weiter sprach, »du hast so zierliche Füße!«

   Die Prinzessin überlegte für einen Moment, ob sie ihn nicht doch zum Bleiben auffordern sollte, aber der Prinz machte sich bereits auf in Richtung Süden.
›Wer weiß, wozu es gut war‹, dachte die Prinzessin, ›beim nächsten Treffen werde ich es sicher erfahren.‹

   Die Prinzessin des Südens betrat mit sehr ernstem Gesicht den Raum der Zusammenkunft. Ihren Sack mit Asche, den sie aus einer alten Tradition heraus immer bei sich führte, landete mit einer harten Bewegung auf dem Tisch, sodass sich ein Teil des Inhalts auf der Torte verteilte.

   »Kannst du nicht besser auf deine Asche aufpassen?« fuhr sie die Nördliche an.
Die Prinzessin des Südens entschuldigte sich genauso barsch und nahm mit finsterer Miene ihren Platz ein.

   »Dich scheint es jetzt auch erwischt zu haben?« fragte vorsichtig die Prinzessin des Westens.
»Mich dürfte es sogar am schlimmsten erwischt haben!« antwortete die Südliche.

Sofort protestierten die beiden anderen.

   »Jetzt lasst sie doch erzählen!«
Die Prinzessin des Westens sorgte für Ruhe und so berichtete die Braut von ihrem Fehlgriff.

   »Einer alten Tradition folgend war ich auf einem Ball. Auf dem Rückweg habe ich dann einen Schuh verloren.«

   Die Nördliche unterbrach sie: »Auch einer alten Tradition folgend … «

   »Nein«, antwortete die Südliche, »es hatte zu regnen begonnen und ich wollte nicht nass werden. Darum hatte ich es eilig. Am nächsten Tag kam dann der Prinz in mein Schloss, hielt mir den Schuh entgegen und strahlte mich an. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass er nicht von schöner Gestalt und guten Umgangsformen wäre. Und wie er so da stand und mich anlächelte, da konnte ich nur noch ein ›Ja!‹ hauchen.«

   Die Prinzessin trank einen Schluck Wasser, ehe sie weiter berichtete.
»Nach dem Hochzeitsprozedere suchten wir umgehend mein Schlafzimmer auf.«

   Die Prinzessin des Nordens begann unruhig auf ihrem Erbsenkissen zu werden. Ein mahnender Blick der anderen brachte aber wieder Ruhe in die Runde.

   »Dort passierte dann das Unglaubliche. Mir ist vorher in der Aufregung nicht aufgefallen, dass er die ganze Zeit meinen Schuh in der Hand gehalten hatte. Als wir in meinem Schlafzimmer waren, wühlte er solange in meinen Schränken, bis er den anderen auch gefunden hatte. Er legte sich dann in mein Bett und schlief mit meinen Schuhen im Arm ein.«

   »Meine Güte, was ist das denn für eine Störung?« entfuhr es der Nördlichen.

   »Es kommt noch schlimmer! Als ich im Morgengrauen erwachte, war der Platz neben mir leer. Ich hoffte schon, dass der Schönling mit meinen Schuhen das Weite gesucht hat. Dem war aber nicht so. Als ich aufstand und einen Blick in den Schlosspark warf sah ich ihn dann.«

   Um die Dramatik zu erhöhen, blickte die Prinzessin des Südens jede ihrer Kolleginnen mit ernster Miene an, um dann auch den Rest der Geschichte zu erzählen:
»Dort sah ich meinen Gatten, er hatte meine Ballschuhe an, um seine Hüften einen rosafarbenen Tutu geschlungen und tänzelte so um die Platanen! Er hat mich geheiratet, weil wir die gleiche Schuhgröße haben!«

   Dicke Tränen liefen der Prinzessin über die Wangen und wie auf Kommando setzte ein Geheule ein, in das, mit Ausnahme der westlichen Prinzessin, die anderen einstimmten.

   Diese schloss ihre Augenlider und dachte bei sich: ›Da habe ich ja mehr Glück als Vaterlandsliebe gehabt!‹
Sie erhob sich von ihrem Platz, um umgehend von der Prinzessin des Südens angefahren zu werden:
»Was ist es denn diesmal? Migräne hatten wir ja schon, an dein Bügeleisen wirst du wohl gedacht haben! Statt tröstende Worte für uns zu haben, ergreifst du nur immer die Flucht!«

   Vorwurfsvolle Blicke wurden auf die Prinzessin geworfen.

   »Vor euch kann ich auch nur die Flucht ergreifen! Ihr vertrödelt eure Zeit, rennt Hirngespinsten hinterher und wundert euch nachher, wenn die Sache in die Hose geht. Statt zu jammern und zu klagen könntet ihr ja auch was ändern!«

   »Und was sollten wir der Meinung von Prinzessin Unverheiratet nach ändern? Bitte Vorschläge!«, zickig warf die nördliche Prinzessin ihre Worte in den Raum, bevor sie jammernd weiter sprach, »ich kann kaum noch sitzen, mir tut alles weh.«

   »Du könntest dich zuerst von deinem Körnerkissen trennen! Wenn ich den Tag auf so einem alten Ding verbringen würde, hätte ich auch nur blaue Flecken! Und deinem Gatten eröffne eine Schenke! Der wird sich selbst der beste Kunde sein, dann brauchst du nur zu warten, bis er sich tot gesoffen hat!«

   Empört fuhr die nördliche Prinzessin von ihrem Kissen hoch.
»Das ist ein Erbsenkissen! Auf diesem Kissen ruhte schon der Hintern meiner Ururomi selig! Und mein Gatte ist ein Prinz und kein Kneipier!«

   »Das ist ja ein sehr interessanter Vorschlag, den du meiner Schwester im Leid da unterbreitest! Sicher hast du auch für mich einen guten Rat zur Hand!« Die Prinzessin des Ostens spielte demonstrativ mit ihrer goldenen Kugel und blickte die Angesprochene dabei feindselig an.

   Diese konterte umgehend: »Die Kröte würde ich an einem Weiher aussetzen!«
Ein entsetzter Blick kam als Antwort zurück.

   Die Prinzessin des Westens wandte sich der Südlichen zu und noch bevor diese etwas sagen konnte sprach sie: »Versuche doch deinen Tänzer an irgendeinem Theater unterzubringen!«

   Traurig antwortete diese: »Das ist ein Prinz, dem fehlt es an jeglichem Talent. Den werde ich im Leben nicht mehr los. Ich denke, dass ich warte, bis ein anderer Prinz kommt und mich von dem Fluch befreit.«

   Die anderen Prinzessinnen nickten zustimmend. Die Prinzessin des Westens rückte ihren Stuhl unter den Tisch und im Gehen teilte sie den verbleibenden mit: »Macht, was ihr für richtig haltet. Mir kommt jedenfalls kein Prinz ins Schloss. Und an euren Jammertreffen werde ich auch nicht mehr teilnehmen. Ihr wisst, wo ich wohne, ihr könnt mich gerne besuchen kommen, aber bitte lasst eure Gatten zuhause und bringt dafür fröhliche Gesichter mit.«

Illustration: Sylvia B.
  So kam es, dass die Prinzessin des Westens im Frühling wohl noch einen vorsichtigen Blick zu der Rosenhecke warf, sich aber an irgendwelchen Gestalten, die sich dort verfangen hatten, nicht mehr störte. Stattdessen verbrachte sie sonnige Tage an ihrem Strand, malte Bilder oder las in einem Buch.

   Auf wundersame Weise verschwanden auch ihre Einschlafstörungen. So ging die Zeit ins Land. Von den anderen Prinzessinnen hörte und sah sie nichts, was sie auch nicht sonderlich bekümmerte.

   Eines Tages im Frühling, die Prinzessin machte ihren Kontrollblick zur Rosenhecke, sah sie einen Wanderer an der Hecke stehen, der diese aufmerksam betrachtete. Das machte sie neugierig. Sie stellte ihre Strandtasche ab und machte sich auf den Weg zu der Stelle.

   Der Wanderer sah sie herankommen, lächelte freundlich und fragte:
»Sag bloß, du wohnst an diesem verwunschenen Ort!«
Die Prinzessin lächelte und gab zur Antwort: »Hier wohne ich seit meiner Kindheit. Und was führt dich hierhin?«
»Ich mache Wanderurlaub und kam eher zufällig hier vorbei.«

   Die Prinzessin überlegte, ob sie den Wanderer nicht zu einem Kaffee einladen sollte. Dieser ahnte scheinbar ihre Gedanken und winkte ab.
»Mädchen, du siehst so aus, als wenn du auf jemanden wartest, der dir den alten Kasten auf Vordermann bringt. Da ließe sich auch was draus machen und, wenn ich ehrlich sein soll, gefällst du mir auch sehr.«

   Der nette Wanderer blickte auf die Rosen und das Schoss dahinter, bevor er weiter sprach:
»Beantworte mir bitte eine Frage: Was um alles in der Welt soll ich mit einer Frau anfangen, die noch nicht einmal in der Lage ist, ihrer Rosenhecke einen Formschnitt zu verpassen?«

   Darauf konnte die Prinzessin keine Antwort geben. Traurig sah sie den Wanderer an. Dieser meinte, dass er weiter wandern wolle.
»In welche Richtung? Doch nicht etwa nach Norden, Osten oder Süden?« fragte die Prinzessin entsetzt.

   »Nein«, lachte der Wanderer, »ich will zurück zum Hafen, habe ein Boot gechartert. Das liegt dort bis heute Abend vor Anker. Mein Urlaub endet heute. Du gefällst mir wirklich gut und ich denke, ich gefalle dir auch. Weißt du was? Ich schreibe dir meine Handynummer auf. Du überlegst dir, ob du mit mir gehen willst. Für das Anwesen wird sich sicher ein Käufer finden. Dann beginnen wir ein neues Leben.«

Aus seinem Rucksack holte er Papier und Bleistift, kritzelte Zahlen auf und gab den Zettel der Prinzessin. Dann küsste er sie ganz zart auf die Nasenspitze und ging Richtung Hafen davon.

   Nachdenklich ging die Prinzessin zum Schloss, nahm ihre Tasche und machte sich auf den Weg zum Strand. Dort saß sie mit dem Zettel in der Hand im Sand. Als die Sonne im Meer versank, saß sie immer noch da, betrachtete die Zahlen auf dem Zettel und fragte sich laut:
»Was um alles in der Welt ist ein Handy?«

… und wenn sie das nicht herausgefunden hat, fragt sie sich das noch bis heute …


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Das Buch für die beste Freundin:
nimm es nicht persönlich





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Montag, 18. Juni 2012

Tuna von Blumenstein: Es geschieht immer aus Liebe ...

Illustration: Sylvia B.
   Gabriele Winterling hatte es sich auf ihrer Terrasse gemütlich gemacht. Es war früher Donnerstagnachmittag und ein Feiertag. Den Freitag hatte sie als Brückentag frei genommen. Ein langes Wochenende stand ihr ins Haus, an dem sie sich richtig schön entspannen wollte. Die Sonne schien und hatte auch scheinbar nicht vor, in den nächsten Tagen hinter Wolken zu verschwinden.

    Neben dem Deckchair stand das Tischtablett mit einem großen Pott frisch gebrühtem Kaffee, dessen Duft Gabriele in die Nase stieg. So griff sie nach der großen Tasse und während sie die belebende Wirkung des Koffeins auf sich wirken ließ, nahmen wieder die Erinnerungen an die Ereignisse der vergangenen Zeit Raum in ihren Gedanken ein. Sie hatte sich vorgenommen, das auch zuzulassen. Den Phasen der Trauer die Möglichkeit zu geben, sich in ihr zu entwickeln, auch den begleitenden Schmerz auszuleben, um irgendwann an dem Punkt zu sein, mit diesem Prozess abzuschließen.

    Merkwürdigerweise wurden diese Gefühle immer erst mit einem Bild vor ihrem geistigen Auge erweckt. Das Bild von Peter Weber, der mit dieser ganzen Sache überhaupt nichts zu tun hatte. Aber es lag vielleicht einfach nur daran, dass Gabriele vor einem Jahr romantische Gefühle für Peter entwickelt hatte. Peter Weber schien damals selbst in schwierigen Zeiten zu schweben, irgendwie war die Zeit wohl nicht reif für gemeinsame Momente und Gabriele hatte ihre Prinzipien. Ein Mann, der noch irgendwie in einer Beziehung hängt, war und ist für sie tabu. Aber sie musste sich eingestehen, dass ihre Verliebtheit noch immer anhielt.

   Nach Gabrieles Scheidung von Martin, dem notorischen Fremdgänger, hatte Gaby ihre Arbeitsstelle gewechselt und ist ein paar Orte weiter weg verzogen. Sie brauchte den Abstand. Nur hin und wieder musste sie ihren alten Heimatort aufsuchen und irgendwann ist es ihr gelungen, ihren Frieden mit der Vergangenheit zu schließen.

   Andrea kannte sie schon seit ihrer Kindheit. In all den Jahren hatten sich beide nie so ganz aus den Augen verloren. Aber die Kontakte verliefen eher sporadisch. Bis im vergangenen Jahr Andrea wieder intensiver ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Andrea war mit Robert verheiratet, sie hatten eine gemeinsame Tochter, Eva. Robert hatte den Betrieb seines Vaters übernommen, als dieser starb. Es mag an den wirtschaftlich schlechten Zeiten gelegen haben, vielleicht auch an Roberts unglücklicher Hand, wenn es um Geschäfte ging, oder auch an Andreas Anspruchsdenken. Das Geschäft warf jedenfalls kaum noch Gewinne ab und die Ehe war zerrüttet, wie Andrea Gabriele mitteilte. Aber eine Scheidung käme nicht in Frage, das könne sie Eva im Moment nicht antun, außerdem wüsste sie nicht, wo sie hin und wovon sie leben solle. Argumente, die für Gabriele nicht so wirklich nachvollziehbar waren, aber sie war auch der Auffassung, dass jeder für sein Leben selbst verantwortlich sei und manchmal auch das Festhalten am vertrauten Leid für manche Menschen Triebfeder ihres Handeln ist.

   Es hatte Gabriele darum auch nicht sonderlich schockiert, als ihr Andrea schon bald danach eröffnete, einen anderen Mann kennen gelernt zu haben. Vielleicht hätte sie die Zeitnähe der beiden Mitteilungen stutzig machen sollen, eine innere Stimme hatte ihr irgendetwas zugeflüstert, aber in Gabriele war auch ein Gutmensch wohnhaft, der diese leise Stimme zum Schweigen brachte. So bereitete Gabriele den beiden ein Liebeslager, machte das Alibi, wenn sie ein Wochenende am Meer verbrachten und hatte auch ein offenes Ohr für die Probleme der beiden.

   Gabriele setzte den Kaffeepott auf dem Tablett ab und seufzte: »Was war ich doch für ein Idiot!«

Illustration: Sylvia B.
   Sie stand auf, nahm das Tablett und brachte es in die Küche um sich umgehend einen weiteren Kaffee zu bereiten. Während das Wasser zum Kochen kam, lehnte sie an der Anrichte und blickte aus dem Küchenfenster. Andrea war unsterblich verliebt, hatte sie gesagt, Horst, der Lover, war eher zögerlich. So hat Andrea etwas nachgeholfen und dafür gesorgt, dass es sich im Ort herum sprach, dass Horst eine Geliebte hat. Was für einen mittelschweren Skandal sorgte, denn Horst zählte dort zu den reichsten Männern.

   Kurz darauf erlebte Gabriele einen wütenden Robert am Telefon, der ihr schwere Vorwürfe machte. Die Bombe war geplatzt, Horst traf eine Entscheidung, blieb bei seiner Frau und Andrea konnte kleine Brötchen bei ihrem gehörnten Gatten backen.

   Das alles wäre nicht so dramatisch gewesen, wenn Gabriele nicht letzten Monat im Baumarkt ihrem Ex über den Weg gelaufen wäre. Martin stürmte mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf sie zu, um sie umgehend mit dem aktuellen Tratsch ihrer Heimatstadt zu überfallen:
»Meine tugendhafte Gabriele hatte ein Verhältnis mit einem verheirateten Kerl«, und mit einem schelmischen Zwinkern, »mir hast du ein solches Treiben verübelt!«

   Gabriele konnte es nicht fassen. Aber Martin ließ nicht locker, berichtete, dass ihr Name im Gespräch sei und der gute Horst nur noch in gebückter Haltung durch den Ort gehe, wenn überhaupt.

   Das Wasser kochte und Gabriele brühte sich einen Kaffee auf. Sie konnte die Sache bei ihrem Ex-Mann klar stellen und irgendwann im Laufe des Gespräches, nachdem Gabbriele auch Andrea ins Spiel brachte, rückte Martin mit der Sprache und der Wahrheit heraus. Dass Andrea und er, noch zu seiner Ehezeit, auch eine kurze Affäre hatten. »Sie lässt nichts anbrennen, aber dass sie dir ihr Verhältnis anhängt, um selber sauber vor den Leuten dazustehen, ist ein dickes Ding. Dann dürfte nur Robert noch die Wahrheit wissen und der wird die Klappe halten. Na ja, das hast du nun von deiner Hilfsbereitschaft. Beim nächsten Mal bist du halt schlauer!«

   Es sollte kein nächstes Mal geben, schwor sich Gabriele und brach den Kontakt zu Andrea ab, nachdem sie ihr die Meinung gründlich gesagt hatte. Aber der Schmerz saß tief, der Verlust der Freundschaft, die nie eine war und der Betrug machten Gaby schwer zu schaffen. Es war ihr auch klar, dass Andrea, nach einer angemessenen Zeit, wieder ihre Fühler ausstrecken würde. Sie brauchte einen gut betuchten Versorger für sich und Eva.

   Wieder sah sie das Bild von Peter Weber vor ihrem geistigen Auge.
»Ob er zu ihrer Zielgruppe gehört? Merkwürdig, ich weiß nichts über ihn, nur, dass er scheinbar über ein gutes und geregeltes Einkommen zu verfügen scheint. Ob das Andrea reichen würde? Das würde sie nie wagen! Oder doch?«, murmelte Gabriele, während sie mit dem Tablett und dem Kaffee wieder die Terrasse aufsuchen wollte. Die Gedankengänge ließen sie nicht los.
»Andrea läuft die Zeit davon. Auf die Suche nach einem geeigneten Mann zu gehen, dürfte beschwerlich werden, zumal Robert aufmerksam über sie wachen wird.«

   Gabriele ging gerade durch ihr Wohnzimmer, als das Telefon klingelte. Sie sah auf das Display. Es war Andreas Nummer, die angezeigt wurde.
»Nicht mit mir! Wir sind fertig miteinander!« Gabriele war nicht bereit, den Anruf anzunehmen.
So sprang der Anrufbeantworter an und nach einer kurzen Zeit der Ansage hörte sie die Stimme die ihre Mitteilung auf Band sprach: »Hallo, hier ist Eva, ich wollte Mama sprechen. Ihr seid wohl unterwegs, dann versuche ich es über Handy!«

Gabriele starrte den Anrufbeantworter an.

Illustration: Sylvia B.
   Sie setzte das Tablett ab, holte den Laptop aus der Tasche, stellte ihn auf den Wohnzimmertisch und fuhr ihn hoch. Sie brauchte zwei Minuten, bis sie die Adresse von Peter ergooglet hatte und gab sie umgehend bei Google Earth ein. Sie zoomte sich das Anwesen näher heran und betrachtete es aufmerksam.

   »Andrea, ich hätte dir nie von ihm erzählen dürfen!«
Gabriele Winterlings Gesichtszüge nahmen einen entschlossenen Ausdruck an, während sie weiter vor sich her murmelte: »Ich habe keine drei Minuten gebraucht, um dieses Bild aufzurufen. So wie ich dich kenne, hat das bei dir eine halbe Stunde gedauert. Das sieht aus der Luft betrachtet wunderschön aus. Es wäre genau das richtige Heim für dich, nicht wahr, Andrea?«

   Gabriele betrachtete das großzügige Gelände um das frei stehende Gebäude.
»Andrea, ich vermute sicher richtig, dass du dir schon eine Strategie überlegt hast, wie du dich an diesen Mann ranmachst.«

   Mit einem Mouseklick zoomte sie das Gebäude noch näher heran, sie kniff die Augenlider zu einem schmalen Spalt zusammen, bevor sie ihre Worte leise herauszischte:
»Glaube mir Andrea: Diesmal passe ich auf! Ich schwöre dir, du Miststück: Diese Nummer werde ich dir versauen!«

Dann nahm sie das Telefon und tippte eine Nummer in die Tastatur …


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