Sonntag, 27. Juni 2010

24 »Wer war John Frum?«

Teil 24 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Anreise war eine Tortur: Frankfurt – Amsterdam –Tokio – Guam – Pohnpei – Kosrae – Honolulu – Sydney – Port Vila (Vanuatu) – Tanna. Nicht die Sehnsucht nach sandigen Südseestränden hat mich mit einigen wackeren Reisegefährten ins ferne Melanesien geführt. Es waren auch keine archäologischen Rätsel, die vor Ort zu ergründen waren. Es war ein geheimnisvoller Kult, der uns die weite Reise hat antreten lassen: der ominöse John-Frum-Kult lockte uns nach Tanna. Jedes Jahr wird diesem John Frum am 15. Februar gehuldigt. Wie lange noch? Langsam aber sicher passt sich das Christentum der seltsamen Religion an, um irgendwann den fremden Glauben dem christlichen einzuverleiben.

Anno 1774 wurde James Cook auf das Eiland von Tanna gelockt: von nächtlichem Glühen »in den Wolken«. Die Quelle des rötlichen Lichts war rasch ausgemacht: Es rührte von Yasur, einem Vulkan. James Cook wollte mit seiner Mannschaft den Vulkankegel erklimmen. Doch die einheimische Bevölkerung hinderte ihn daran. Das Gebiet sei durch ein mächtiges Tabu geschützt und dürfe nicht entweiht werden. »Dort hausen die Seelen der Verstorbenen!« erfuhr James Cook.

Die Anhänger des John-Frum-Kults sind überzeugt, dass der Yasur-Vulkan den Mittelpunkt der Welt darstellt. Aus der glühenden Lava, die der Yasur einst ausgespuckt hat, sei die Welt entstanden.

Auch heute ist der Yasur noch mehr als imposant. Sein Hauptkrater hat einen Durchmesser von etwa 300 Metern und ist rund 100 Meter tief. Drei aktive Schlote schleudern rund um die Uhr das irdische Höllenfeuer hoch in den Himmel. Statistiker haben errechnet, dass es alle drei Minuten zumindest zu einer Mini-Eruption kommt. Durchschnittlich alle drei Minuten wird ein glühender Klumpen zähflüssigen Materials empor gespuckt. Abends und nachts ist dieses natürliche Feuerwerk wirklich sehr imposant.

Während unseres Aufenthalts auf Tanna sind wir, so stand es im Informationsbrief des Reisebüros, »in Bungalows nach einheimischem Stil« untergebracht. Bei den »Bungalows« handelte es sich um bescheidene Einraum-Hütten auf Pfählen mit spärlicher Möblierung, bestehend aus einem Bett, einem Nachttischchen und einem Stuhl. Romantisierend hieß es im Schreiben des Reisebüros: »Erleuchtet mit Kerosin-Laternen und umgeben von tropischen Blumen...macht die atemberaubende Aussicht auf die Bucht und das Rumoren und Glühen des Yasur-Vulkans diese Bungalows wahrlich spektakulär.«

»Kerosinlampen« gab es allerdings keine. Licht spendete abends und nachts eine Wachskerze... und gelegentlich eine Glühbirne, die an einem wenig Vertrauen schenkenden Draht von der Decke baumelte. Elektrischen Strom gab es allerdings nur wenige Stunden am Tag: so lange wie der Motor des kleinen Aggregats ratterte.

Auf fließendes Wasser musste ebenso wenig verzichtet werden wie auf ein WC: Die Toilette (eine) und die Dusche (eine) waren von jedem »Bungalow« aus auch nachts leicht zu erreichen, wenn man eine Taschenlampe dabei hatte. Nach dem Abendessen wurde nämlich das Aggregat abgeschaltet und die Bungalows versanken in Dunkelheit.

War elektrischer Strom Mangelware, so gab es reichlich Regenwasser: kaltes Regenwasser strömte aus der Dusche. Auf komplizierte Technik wurde verzichtet. Von einem Sammelbehälter führte ein Gartenschlauch zur Dusche. Wer zuerst kam, wurde manchmal mit warmem Wasser belohnt. Schnell spendete die Dusche aber nur noch kaltes Nass.

Kaltes Regenwasser gab es auch zu trinken (manchmal mit einem kleinen Schuss Zitronensaft, meist aber pur). Ich muss aber konstatieren: Auf meinen vielen Reisen führte unsauberes Trinkwasser immer wieder zu manchmal recht erheblichen Magen- und Darmproblemen. Das Regenwasser von Tanna aber muss von bester Trinkqualität gewesen sein. Hauptnahrungsmittel war Reis, der in verschiedenen Varianten gereicht wurde, zum Beispiel mit gebratenen Bananen oder Gurken.

So spartanisch das Leben auf Tanna auch war, so wunderschön waren die klaren Nächte mit einem traumhaft schönen Sternenhimmel. Nirgendwo sonst habe ich die Unendlichkeit des Alls so deutlich gespürt, ja gesehen wie auf Tanna. Nachts lag man in seinem Bett unter einem Moskitonetz... wie mitten in einem paradiesischen Urwald. Undefinierbare Tierstimmen beunruhigten weniger als das Rumpeln des Yasur-Vulkans. Manchmal meinte ich, deutlich zu spüren, wie der Boden vibrierte.

Das Reisebüro hatte keineswegs zu viel versprochen, tatsächlich machte das Rumoren und Glühen des Yasur-Vulkans »diese Bungalows wahrlich spektakulär«. Wir haben den Vulkan abends besucht, stundenlang am Kraterrand gesessen. Wir spürten die Wärme unter unseren Füßen... und wie der Boden bebte. Wir sahen Lavabomben glutrot in die Luft sausen und zu Boden stürzen. Wir hatten Glück.. wurden nicht getroffen.

Unter dem Krater des Yasur-Vulkans lebt nach Überzeugung der Anhänger des John-Frum-Kults nicht etwa der von den Christen verteufelte Satan... sondern der göttliche Sohn. Und diesem positiven Wesen wird jeden Freitag gehuldigt. In einer größeren Hütte versammeln sich die Gläubigen. Sie lauschen andächtig Musikanten... Gitarren kommen zum Einsatz. Es erklingen aber keine schleppenden Kirchenlieder. Stattdessen erschallt frohe, mitreißende Musik. Die Menschen strahlen ruhige Gelassenheit, aber auch frohe Heiterkeit aus. Uns wenige fremde Besucher nehmen sie wie selbstverständlich in ihren Kreis auf. Jung und alt tanzen um die Hütte herum. Schon kleine Kinder sind dabei.. wie auch altehrwürdige Greise. Die Feiern dauern bis zum Morgengrauen.

Alle Jahre aber werden am 15. Februar besondere Rituale gefeiert. Mehr oder minder die gesamte Anhängerschaft John Frums ist dann zugegen, wenn verschiedene Gruppen stampfenden Schritts um den Festplatz marschieren. Sie vollführen dabei Sprünge im Rhythmus der Musik. Und alles geschieht in einer seltsamen Mischung aus heiterer Gelassenheit und stillem Ernst... zu Ehren von John Frum. Die stechende Sonne scheint den Anhängern John Frums nichts auszumachen.

Wer aber war John Frum? Ein göttlicher Sohn, der unter dem Vulkankrater lebte... wird immer wieder von seinen Anhängern verkündet. Ein Messias-Wesen, das den Menschen den ursprünglichen Glauben brachte. Eine göttliche Gestalt, die einst zu den Menschen von Tanna kam. Sie werde, so habe John Frum versprochen, dereinst wieder kommen und den Menschen von Tanna eine paradiesische Zeit bescheren. Ein rotes Kreuz auf weißem Grund sei, so hört man oft von seinen Anhängern, sei das heilige Zeichen John Frums.

Ein christlicher Missionar fragte einen John-Frum-Anhänger herablassend: »Du wartest auf die Rückkehr von John Frum? Wie lange schon?« - »Seit fast fünfzig Jahren!« Der Missionar erkundigte sich weiter: »Dein Vater... wie lange wartet der schon auf die Wiederkehr John Frums?« - »80 Jahre!« Kopfschüttelnd lachte der Missionar: »Du glaubst immer noch, dass John Frum wieder erscheinen wird... nachdem er 80 Jahre ausgeblieben ist?« Die Antwort des John-Frum-Anhängers ließ das Gelächter des Missionars verstummen: »Man sagt, dass ihr Christen seit 2 000 Jahren auf die Wiederkehr eueres Messias wartet. Und ihr meint immer noch, dass er doch noch erscheinen wird, obwohl er sich schon zwei Jahrtausende nicht hat blicken lassen?«

Wer war John Frum? Oder: Wer ist John Frum? Beim Jahresfest der John-Frum-Anhänger am 15. Februar fällt auf, wie die einzelnen Männer-Gruppen marschieren: im Gleichschritt, mit geschulterten Fahnen und Holzstangen. Die Männer-Gruppen haben ganz und gar nichts Tänzerisches an sich. Sie wirken kriegerisch-militärisch. Manche scheinen sich dabei um einen grimmig-ernsten Gesichtsausdruck zu bemühen. Alkohol trinken sie keinen. Und so klappt es mit geradezu preußisch exaktem Gleichschritt.

Ohne Frage: die Umzüge der Männer haben etwas Strenges, Militärisches an sich, auch wenn die »Soldaten« barfuß und mit bloßem Oberkörper marschieren. Hat John Frum etwas mit Militär zu tun?

Foto 1 (Vulkan): Ingeborg Diekmann, Bremen. Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein.
Copyright für alle Fotos: Walter-Jörg Langbein

»Von John bis Jesus«,
Teil 25 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 4.7.2010,
am Nachmittag

Samstag, 26. Juni 2010

Samstagsrezension Helga König: " Die Judenbuche"- Annette von Droste-Hülshoff

Eine Dichterin aus dem Münsterland.

Tuna von Blumenstein bat mich erneut, bei meiner Samstagsrezension  ein Augenmerk auf ihr geliebtes Münsterland zu legen und schlug mir vor, einen Text der Dichterin Annette von  Droste Hülshoff zu rezensieren, die vor über 200 Jahren in der malerischen Burg  Hülshoff  unweit von Münster zur Welt kam.

Ich habe die „Judenbuche“ vorhin nach vielen Jahren abermals gelesen und bin in meiner Interpretation noch etwas  ratlos. Der Untertitel der Novelle lautet „ Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen“. Mein spontaner Eindruck: es handelt sich um eine Milieustudie, die die Lebensverhältnisse in dem benannten Gebiet im 18. Jahrhundert beschreibt, schwierige Charaktere aufeinandertreffen lässt, Armut und Ursachen von Verwahrlosung anspricht, auch religiöse Vorurteile zum Thema macht und in ihrer Gesamtheit subtil psychologisch angelegt ist. Die Novelle soll auf einer wahren Begebenheit beruhen.

Protagonist der Novelle ist Friedrich Mergel. Zunächst liest man von seiner Herkunft. Sein Vater ist ein Säufer, der sowohl seine erste Frau als auch seine zweite ( Friedrichs Mutter) misshandelt, seinen Frauen das Leben zu Hölle macht, schließlich irgendwann betrunken im Wald einschläft  und erfriert. Zu diesem Zeitpunkt  ist Friedrich 9 Jahre alt. Er und seine  Mutter werden fortan von der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt. Seine Mutter, vormals eine adrette Frau, verwahrlost. Die Beschreibung ihres Verhaltensmusters lässt den Schluss zu, dass sie schwer depressiv ist.

Friedrich  wird von seinem Onkel, dem Bruder seiner Mutter adoptiert.  Die Dorfbewohner verändert nun ihr Verhalten gegenüber Friedrich.  Auf dem Anwesen seines Onkels lernt er den Kuhhirten Johannes Niemand kennen, welcher im optisch ähnelt, wie ein Zwillingsbruder. Nur eine kleine Halsnarbe unterscheidet die beiden, die miteinander Freundschaft schließen.

Zum schönen Jüngling geworden, entwickelt Friedrich einen ausgeprägt narzisstischen  Habitus und  schneidet gerne bei Gleichaltrigen auf. Seine Geltungssucht  wird immer extremer. Ein solches Verhaltensmuster beruht stets auf Minderwertigkeitskomplexen, die er offenbar aufgrund seiner Herkunft hat.

Friedrich lebt im Wechsel von aufschneiderischem Auftritt bei gleichaltrigen Dorfbewohnern, die ihn bewundern und Zurückgezogenheit beim Hüten von Kühen, einer Beschäftigung, der er scheinbar gerne nachgeht. Hier kann er ganz er selbst sein, muss sich nicht dem Stress der zwanghaften Selbstdarstellung aussetzen.

In den Wäldern unweit der Wiesen, wo er die Kühe hütet, ist Holz- und Jagdfrevel an der Tagesordnung. Oberförster Brandis wird von Holzdieben erschlagen. Der sensible Friedrich empfindet an dem Mord eine gewisse Mitschuld, weil er den Förster in die Richtung der Holzdiebe schickte als dieser danach fragt.

Seine  diffusen Schuldgefühle, die sich mit den Minderwertigkeitsgefühlen paaren, führen dazu, dass er sich noch weiter aufbläst, eine silberne Uhr bei Aaron, einem Juden gekauft, aber noch nicht bezahlt hat, und sich auf einem Hochzeitsfest mit seinem Schmuck gebärdet.  Aaron, der auch auf der Feier ist, ärgert sich zu Recht und stellt ihn bloß. Kurz darauf wird Aaron erschlagen unter einer Buche im Wald aufgefunden. Vieles spricht dafür, dass Friedrich der Täter ist. Wenn Menschen mit schweren Minderwertigkeitsgefühlen das Gesicht verlieren, sind sie nicht selten zu allem fähig...

Friedrich flieht noch in der Nacht mit seinem Freund Johann, was ihn zusätzlich verdächtig macht. Nachgewiesen werden kann ihm die Tat allerdings nicht. Hinzu kommt, dass später der Verdacht durch das Geständnis eines Dritten entkräftet wird, wobei nicht gewiss ist, ob der Geständige tatsächlich besagten Aaron meinte.

Die Judengemeinde macht aus der Buche ein Mahnmal und ritzt auf Hebräisch die Worte ein: Wenn du dich diesem Ort  nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast“.

28 Jahre später kehrt Friedrich in das Dorf zurück, gibt sich allerdings als Johannes aus. Er erfährt, wie es seiner Mutter und seinem Onkel ergangen ist. Beide sind mittlerweile tot, beide sind im Elend verstorben. Es ist anzunehmen, dass dies weitere Schuldgefühle bei ihm ausgelöst hat.

Es dauert nicht lange und man findet Friedrich (man erkennt ihn an der Halsnarbe) erhängt an der Buche. Natürlich ist Friedrich nicht Opfer von Rache geworden, sondern er hat sich selbst erhängt.  Sein Motiv sich zu töten, ist meines Erachtens  eine Mischung aus Schuldgefühlen und herostratischem Ruhm.

Sicher kennen viele Leser das Buch aus ihrer Schulzeit. Ich denke aber es ist lohnenswert, es abermals zu lesen, allein der psychologischen Facetten wegen.




Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)