Sonntag, 15. März 2015

269 »Von Mäusen, Schlangen und Drachen Teil 1«

Teil 269 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Der Dom zu Bremen birgt manches Geheimnis....

Pastor Schellenberg kam aus Hamburg. Gern predigte der überzeugte Lutheraner vor uns Studenten des Martin-Luther-Bund zu Erlangen mit dem Eifer eines nordischen Propheten. Und er liebte die großen und kleinen Kirchen seiner Heimat. So erfuhr ich in den 1970er Jahren von der Maus in der Marienkirche zu Lübeck. Im  Abendmahlrelief, aus Sandstein kunstvoll gefertigt, findet sich die Darstellung einer Maus, die an einem Rosenstock nagt. Eine Maus in christlichem Rahmen? Ob sich da vor einem halben Jahrtausend ein Künstler einen Scherz erlaubt hat? Oder gibt es in der Bibel einen Hinweis auf die Kombination Maus-Rosenstock? Machen wir uns auf die Suche….

Kultobjekt Bundeslade...

Die Geschichte der Bundeslade ist spannend wie ein Krimi. Die Bibel schildert sie als kostbares sakrales Objekt mit wundersamen, ja magischen Eigenschaften. So verwundert es nicht,  dass sich auch die Filmindustrie der mysteriösen Truhe annahm. 1981 kam »Raiders of the Lost Ark« (deutscher Titel: »Jäger des verlorenen Schatzes«) in die Kinos. George Lucas schrieb das Drehbuch, Regie führte Steven Spielberg. Harrison Ford stellte den inzwischen zur Kultfigur aufgestiegenen »Indiana Jones«. Wie so oft von Hollywood zelebriert, kämpfen böse Nazis gegen rechtschaffene Amerikaner. Die Nazis wollen unbedingt in den Besitz der Bundeslade gelangen, um so die Welt militärisch unterwerfen zu können. Warum? Weil angeblich eine Armee, die die ominöse Bundeslade vor sich hertragen lässt, angeblich unbesiegbar sein soll. Diesen perfiden Plan will natürlich Indiana Jones vereiteln. Letztlich obsiegt natürlich der Held. Die Welt ist gerettet. Die Bundeslade aber wird zum »top secret«-Objekt und wird in einem scheinbar riesigen Lager deponiert, der amerikanische Geheimdienst untersagt eine wissenschaftliche Untersuchung des biblischen Heiligtums.

In der wechselhaften Geschichte der Bundeslade, wie sie von der Bibel erzählt wird, sind es die Philister, die die »Lade des Bundes« rauben (1). Große Freude löst das Beutestück aber nicht aus. So wurde das Volk von Plagen heimgesucht. Böse Beulen und eine Mäuse-Epidemie peinigen das Volk, die Fürsten des Landes fordern eine Rückgabe der Lade an das Volk Israel (2). Ein »tödlicher Schrecken« – so vermeldet es die Bibel – kam über das Volk und raffte viele dahin. Schließlich wird das unheimliche Kultobjekt an die Israeliten zurück geschickt, zusammen mit einer »Sühnegabe«. Fünf goldene Mäuse sind Teil der kostbaren Zusatzgabe. Sie sollen die Mäuseplage beenden, was offenbar auch geschieht. Fünf Mäuse aus Gold deuten auf eine kultische Bedeutung der Maus hin, deren wahre Bedeutung weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Auf eine einst positive Bedeutung der Maus deutet die heldenhafte Rolle hin die die Maus im byzantinischen »Katz-Mäusekrieg« spielt. Nach Plinius d. Älteren wurden Mäuse vor zwei Jahrtausenden als dämonisch angesehen. Außerdem billigte man ihnen prophetische Fähigkeiten zu.

Göttertriade von Reims

Im französischen Reims fanden Archäologen ein mysteriöses Artefakt. Das steinerne Relief könnte einst Teil eines heidnischen Tempels gewesen sein. Auf dem kunstvollen, leider zum Teil beschädigten plastischen Bild sieht man drei Götter. In der Mitte sitzt ein himmlisches Wesen, als würde es meditieren. Ganz ähnliche Darstellungen kennt man aus der Indus-Region. Die Verwandtschaft mit Shiva ist unübersehbar. Sollte Cernunnos also aus der Indusregion zu den Kelten gelangt sein? 

Die Gestalt im Schneider-Sitz trug wohl einst ein Geweih, das zum Großteil dem Zahn der Zeit zum Opfer fiel. War es wirklich der ominöse Zahn der Zeit, der an dem antiken Kunstwerk nagte? Oder wurden Teile bewusst abgeschlagen? Mit dem Geweih stützte der Gott einst das Tempeldach. Ein Großteil des Geweihs fehlt heute. Seit wann? Wir wissen es nicht. Zurück blieben lediglich zwei kleine Stückchen davon am Kopf, die jetzt den einstigen Gott wie einen Teufel nach christlicher Vorstellung aussehen lassen.

Göttertriade von Reims. Rechts hervorgehoben: die Maus

Aus einem Füllhorn ergießt sich Nahrung für zwei nicht näher identifizierbare Tiere, die vor seinem Götter-Thron stehen. Offenbar handelt es sich bei dem Gott um Cernunnos, der bei den Römern als Pluto verehrt wurde. Pluto war der Gott der Gaben. Rechts und links vom Thron sitzen zwei weitere Götter, nämlich Merkur und Apollon. Gott Cernunnos dürfte eine Art Naturgott gewesen sein, verantwortlich für das Leben auf Erden.

Direkt über Cernunnos, quasi im Himmel, ist eine Maus auszumachen. Interessant ist die vorchristliche, »heidnische« Göttertriade… mit Maus. Warum befindet sich Cernunnos, der gehörnte Gott, auf keltischen Darstellungen immer wieder in Gesellschaft einer Maus? Mäuse sah ich im Britischen Museum zu London zusammen mit Apollon und Aphrodite auf Münzen und Gemmen. Was bedeutet die Triade Gott-Göttin-Maus? In japanischen Volkssagen begegnet uns wieder die Maus, als Symbol von Daikaku, Gott des Reichtums. Hatte die Maus einst göttlichen Status?

Ich mutmaße: Einst hatte die Maus eine geradezu sakral-kultische Bedeutung. Das kleine Nagetier galt wohl nicht immer in erster Linie als Schädling, sondern als Symbol oder Attribut von Göttern und Göttinnen.

Maus von Lübeck

Kehren wir zur Maus der Marienkirche zu Lübeck zurück. Nach einer alten Sage gedieh einst ein Rosenbaum an der Marienkirche, der prächtig gedieh. Bald erreichten seine Zweige, Blätter und herrlichen Blüten das Dach. Eines Tages aber starb der herrliche Rosenbaum ab und verdorrte. Schuld sei, so die Sage, eine Maus gewesen, die ihr Nest im Wurzelwerk der Rose gebaut habe. Laut Pastor Schellenberg müsse man die Rose als Symbol des christlichen Glaubens ansehen… und die Lübecker Maus als Bedrohung für eben diesen Glauben! An diese christliche Erklärung erinnerte ich mich wieder, als ich im Dom zu Bremen wiederum auf eine Maus stieß! Die Maus der Lübecker Kirche wird als böse angesehen, als Gefahr für den Glauben. Und dennoch soll es Glück bringen, wenn man den Nager berührt. Das scheinen unzählige Besucher der Marienkirche von Lübeck auch heute noch zu glauben. Mehr oder minder verstohlen greifen sie nach der Relief-Maus, die inzwischen durch ungezählte Hände schwarz wurde.

Leicht ist die Maus von Bremen nicht zu finden. Viele, vielleicht sogar die meisten, Dombesucher gehen achtlos an ihr vorbei. Ja nicht wenigen Bremern ist sie unbekannt. Sie existiert aber, man findet sie – wenn man nur gründlich genug sucht – auf dem Ostchor am Fuße des Portals an der rechten Seitenwand. Da scheint sie an einer Säule nach oben zu klettern. Was aber hat die Maus im Dom zu Bremen zu suchen? Geschaffen wurde sie im elften Jahrhundert.

Ich habe seit Jahren immer wieder nach aussagekräftigen Hintergrundinformationen zur Maus vom Bremer Dom gesucht. Eher prosaisch mutet die knappe »Erklärung« auf der Internetseite des Doms an. Demnach ist »ihre Bedeutung … ungeklärt. Wahrscheinlich diente sie als Zeichen der Werktätigkeit einer bestimmten Handwerkergruppe.« Offen gesagt: Ich empfinde diese Lösung nicht wirklich als einleuchtend. Warum sollte es nur ein einziges »Zeichen der Werktätigkeit einer bestimmten Handwerkergruppe« im Dom zu Bremen geben? Frei erfunden ist eine andere Erklärung: Demnach wurde die Kirchenmaus vom Dom angebracht, damit Handwerksburschen »beweisen« konnten, dass sie wirklich in Bremen waren! Und wie soll das geschehen sein? Wer in der Fremde von der Maus im Dom berichten konnte, musste in Bremen gewesen sein, weil er sonst nichts von der Maus gewusst hätte. Einleuchtend ist das nicht.

Die Dommaus von Bremen

Nach weiterem Recherchieren wurde ich endlich fündig. Zoodirektor a.D. Dr. Götz  Ruempler, anno 1936 in Wilhelmshaven geboren, hat sich intensiv mit der mysteriösen kleinen Maus beschäftigt. Dr. Ruempler, in Bremen aufgewachsen, war von 1987 bis 1989 Präsident des Verbands deutscher Zoodirektoren. Aus seiner Feder stammt das wirklich bemerkenswerte Büchlein »Die Bremer Dom-Maus« (4). Dr. Ruempler weist darauf hin, dass die Bremer Kirchenmaus lange Zeit nur einheimischen Eingeweihten bekannt war (5): »Bis vor 30 Jahren war die Dom-Maus außerhalb des St. Petri-Doms unbekannt. Etwa 1955 erfuhr ich als Domchorsänger, daß es im Dom an versteckter und wenig auffälliger Stelle eine Maus aus Stein gibt.  Als ich sie endlich gefunden hatte und dem Informanten begeistert davon berichtete, nahm er mir das Versprechen ab, darüber nicht öffentlich zu reden um das Wissen um die Maus als Geheimnis der ›Eingeweihten‹ zu bewahren.«

Was hat diese Geheimniskrämerei zu bedeuten? Warum sollte die Existenz der Dom-Maus nur Eingeweihten vor Ort bekannt sein? Dr. Ruempler bietet eine christlich-theologische Erklärung für die Dom-Maus an (6): »Damit handelt es sich bei den Ostchor-Portalen ursprünglich um Eingangspforten in den alten Dom. Hier hatte die Dom-Maus ihre besondere Bedeutung: Sie sollte Hexen und Teufel, für die im Mittelalter Maus und Ratte sinnbildlich standen, am Betreten des Gotteshauses hindern, sollte dem Bösem, Dämonischen den Zugang verwehren – also praktisch ein Bannzeichen, um Kirche und Gläubige vor allem Schlechten, vor der Sünde, vor Teufelswerk zu bewahren.«

Nehmen wir an, dass die Maus am Eingang des Doms zu Bremen sozusagen Wache schob und dem Bösen den Eintritt ins Gotteshaus verwehrte. Dann muss die Maus aus christlicher Sicht als eine positive Kraft verstanden worden sein. Positiv war die Maus wohl auch als Tier des Cernunnos. Stammt also die Maus als christliches Symbol aus sehr viel älteren, sprich heidnischen Quellen? Wie dem auch sei… Die Dom-Maus von Bremen ist keineswegs eine exotische Rarität, wie man vielleicht meint. Dr. Ruempler weist eindrucksvoll nach (7), dass Darstellungen von Mäusen in Kirchen gar nicht so selten sind! Wo finden sich Mäusedarstellungen in Kirchen? Einige Beispiele sollen genügen…..

»Auf dem Chorgestühl der Kirche St. Pierre in Poitiers (Westfrankreich) aus der Mitte des 13. Jahrhunderts ist das Motiv von Katze und Maus sehr lebensnah in Holz geschnitzt.« (8)

»Auf einer Wandkonsole der gotischen Deutschhauskirche in Würzburg entdecken wir eine Katze beim Mäusen.« (9)

»Das Münster in Ulm hält auf seinem Chorgestühl aus dem 15. Jahrhundert eine Überraschung bereit: Eine Eule trägt eine erbeutete Maus in ihren Fängen.« (10)

»Kirche Les Jacobines in Toulouse; Maus im Eichenblattwerk des Südportals (13. Jahrhundert).« (11)

Fußnoten

(1): Siehe 1. Buch Samuel Kapitel 5, Vers 1
(2): ebenda, Vers 11
(3): Siehe 1. Buch Samuel Kapitel 6, Verse 1-18
(4): Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/
Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«,
Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer
Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010
(5): ebenda, Seite 9
(6): ebenda, Seite 45
(7): ebenda, Seiten 37-44, Kapitel »Mäuse in Kirchen vom Spätmittelalter bis in unsere Zeit«
(8): ebenda, S. 38
(9): ebenda, S. 39
(10): ebenda, S. 40
(11): ebenda, S. 43

Fotos

Der Dom zu Bremen birgt manches Geheimnis.... : Foto Walter-Jörg Langbein
Kultobjekt Bundeslade: gemeinfrei, 16. Jahrhundert, Umbrien
Göttertriade von Reims: wiki commons/ Garitan
Maus von Lübeck: wiki/ public domain
Die Dom-Maus von Bremen: wiki commons/ Godewind
Buchcover Ruempler: Verlag/ amazon

270 »Von Mäusen, Schlangen und Drachen Teil 2«
Teil 270 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 22.03.2015






Sonntag, 8. März 2015

268 »Monsterwölfe, Teufel und der Höllenschlund«

Teil 268 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Krypta von Bremen birgt noch manches Geheimnis...

Auf der offiziellen Internet-Seite des Doms zu Bremen lesen wir (1): »Dieser einheitlich frühsalische Raum ist in seiner ursprünglichen Gestalt unverändert geblieben. Schon Erzbischof Bezelin wird ihn 1042 angelegt und Erzbischof Adalbert die Bauarbeiten fortgesetzt haben. Unter Erzbischof Liemar (†1101) erhielt die Ostkrypta ihre endgültige Gestalt. Im Zuge der zweiten großen Domrestaurierung fand der Altar 1984 seinen Platz wieder am ursprünglichen Ort – direkt unter dem Altar des Hochchors im Dom – im von vier romanischen Säulen getragenen Mitteljoch der Ostkrypta.«

Was sonst gern verschwiegen wird, wird in der Beschreibung eines Rundgangs durch den Dom zu Bremen konkret ausgesprochen (2):

»Besondere Beachtung verdienen die Kapitelle der Säulen im Altarbereich. Heidnisch/germanische Symbole wie der Fenriswolf, die Midgardschlange sind hier vermutlich dargestellt. Blüten- und Blumenmotive ergänzen das Bildprogramm. An anderer Stelle sind Pentagramm und Maske zu finden. Die mit einem Schachbrettmuster versehenen Kämpfer lassen auf lombardischen Einfluss schließen.«

Die Schlange und der Wolf von Bremen.

Der Fenriswolf galt in der nordischen Mythologie als gefährlicher Dämon. Seine Verwandtschaft muss man als illuster bezeichnen: Vater war kein Geringerer als Loki selbst, Mutter die Riesin »Kummerbringerin« (»Angrboda«). Hel und die Midgardschlange waren seine Geschwister. Den Asen-Göttern schließlich soll es gelungen sein, den Fenriswolf zu fesseln… mit List und Tücke. Tyr überzeugte den Fenriswolf von den friedlichen Absichten der Götter, indem er seine Hand ins Maul des Fenriswolfs legte. Das kostete den Gott seine Hand, Fenris allerdings die Freiheit.

Der Fenris-Wolf hat apokalyptische Bedeutung. Der Untergang des mythologischen Kosmos kündigt sich dadurch an, dass es dem furchteinflößenden Dämon gelingt, sich loszureißen und Odin zu töten. Odins Sohn Vidar rächt den Vater und tötet Fenrir, den Fenriswolf. Der Wolf ermordet also Gott-Vater und wird seinerseits von Gott-Sohn umgebracht. Der Fenris-Wolf der Skandinavier entspricht dem  Nordpol-Hund der Philosophenschule der der Kyniker (etwa 500 v.Chr.), die sich das wilde Tier vermutlich bei den Etruskern ausgeliehen haben. Freilich war das mythologische Tier bei den Etruskern noch weiblich. Die Lupa der Etrusker – Pomeroy Brewster weist in seinem Werk über Heilige und Feiertage in der Christlichen Kirche darauf hin (3) – war ein mächtiges, überirdisches Wesen. Zum Ende des Jahres frisst die Wölfin die alte Sonne und bringt deren Inkarnation, die neue Sonne, zur Welt.

Auch die Kirche von Urschalling bietet Geheimnisvolles....

Unschwer ist zu erkennen, dass es sich bei der Urüberlieferung um die Wölfin um eine Erinnerung an uralte Sonnenkulte handelt. Unsere Altvorderen hatten eine zentrale Angst, nämlich dass mit der Eiseskälte des Winters alles Leben sterben würde. In kultisch-magischen Zeremonien wurde das Fortbestehen des Lebens beschworen, vor allem natürlich die Wiederkehr der in der Kälte »gestorbenen« Sonne im Frühjahr.

Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang die nordische Mythologie. Die Götter wissen nach alter Überlieferung, dass große Gefahr vom Fenris-Wolf ausgeht, der die Götter bedroht. Um das prophezeite Desaster zu vermeiden, wird der Wolf übertölpelt. Die Asen wollen unbedingt verhindern, dass der gefräßige Wolf zubeißen kann. Deshalb (4) »fesseln ihn die Asen mit List und sperren ihm den Rachen durch ein Schwert«. Man muss sich also den Fenris-Wolf mit weit aufgerissenem Maul vorstellen, wobei zwischen den Kiefern ein Schwert steckt.

Der Monsterwolf von Urschalling.
Ohne dieses schmerzhafte Utensil im Schlund ist der Fenris-Wolf in der Ostkrypta unter dem Dom zu Bremen dargestellt. Wütend beißt er da auf einem der Säulenkapitelle in einen Schlangendrachen. Mit der göttlichen »Maulsperre« ist das heidnische Tier etwa 1390 von einem unbekannten Künstler dargestellt worden: als Fresko in der kleinen Kirche zu Urschalling am Chiemsee. Idyllisch hebt sich das Weiß des kleinen Gotteshauses vom blauen Himmel Bayerns ab. Betritt man es, erkennt man, dass der zierlich-leichte Eindruck täuscht. Meterdicke Mauern muss man durchschreiten, um dann in den tiefer gelegten Raum zu gelangen. Das romanische Gotteshaus war wohl ursprünglich ein rein weltlicher Bau, eine kleine Burganlage. Sie wurde umgebaut, ein Turm hinzugefügt. Sehr früh – schon im 13. Jahrhundert – wurde mit der Ausmalung begonnen. Nach heutigem Wissenstand entstanden die ersten Freskomalereien spätestens im frühen 13. Jahrhundert. Auf die romanischen Bildwerke folgten Ende des 14. Jahrhundertes, wiederum von unbekannten Künstlern angefertigt, mittelalterliche Kunstwerke sakraler Art.

Kreuzabnahme von Urschalling.

Leider ließ man die einzigartigen Kostbarkeiten bald unter Putz verschwinden. Und als schließlich Fenster eingebaut oder vergrößert wurden, zerstörte man unbeabsichtigt und unwiederbringlich älteste Zeugnisse sakraler Malerei. An der Südwand, zum Beispiel, schlug man eine hässliche Fenster-Lücke in die comicstilartig dargestellte Leidensgeschichte Jesu. Wir erkennen sofort Jesu Einzug in Jerusalem auf einem Esel, Jesus beim Beten auf dem Berg Gethsemane, den Verrat Jesu durch Judas, seine Verhaftung und Kreuzigung bis hin zur Abnahme vom Kreuz und die Sarglegung.
Fritz Fenzl weiß zu berichten (5):

Maria Magdalena von Urschalling
»Die Kirche ist aus der Zeit der Kreuzzüge, birgt damit das Geheimnis der Templer um aufgeladene und für immer versiegelte Kultstätten – und sie ist in anderer schwarz-magisch aufgeladener Zeit nach ihrem Geheimnis befragt worden (1941/42).« Den Tempelrittern wird ja nachgesagt, dass sie über Geheimkenntnisse verfügt haben sollen, die mit der allgemein gültigen Lehrmeinung der katholischen Kirche nicht übereinstimmten. Sie sollen sehr an Maria Magdalena interessiert gewesen sein, auch was eine womöglich erotische Liaison mit Jesus betrifft.

Anno 1220 soll der deutsche hochrangige Tempelritter Hubertus Koch auf der Heimreise aus dem »Heiligen Land« eine bemerkenswerte Vision gehabt haben. Ihm und seinen Reisebegleitern sei unweit der Stadt Ninive im heutigen Irak keine Geringere als Göttin Isais erschienen. Im Auftrag der Göttin, so trug die Himmlische ihm auf, solle er an einem bestimmten heiligen Berg ein Haus errichten. 1221 erreichten Hubertus Koch und sein kleines Gefolge nach abenteuerlicher, lebensgefährlicher Reise ihr Ziel, den mysteriösen Untersberg, auf der Grenze zwischen Bayern und Salzburg. Dort wurde das von der Göttin gewünschte Haus erbaut. Ein zweites Haus folgte.. und in einer der Höhlen der »Isais-Tempel«.

Isais, Schwester der Athene, soll einer Überlieferung zufolge Hubertus Koch den »Heiligen Gral« ausgehändigt haben. Von einer kostbaren Statuette aus Gold, besetzt mit Edelsteinen ist die Rede. Unzählige mysteriöse Überlieferungen mögen reichlich fantastisch anmuten, vielleicht von fantasiereichen Forschern ausgeschmückt und verfälscht. Ich gehe aber davon aus, dass die Templer wirklich intensiv an Maria Magdalena und einer vorchristlichen Göttin interessiert waren. Hatten die Templer bei der Gestaltung der St.-Jakobus-Kirche ihre Hände im Spiel? Brachten sie die Idee von einer »Heiligen Geistin« bei der Ausmalung des kleinen Gotteshauses ein?

In der Tat lässt sich die »Geistin« auf eine der ältesten Göttinnen überhaupt zurückführen, nämlich auf eine Muttergottheit. Erinnern wir uns: Venus war ein Name von vielen, die sich auf die Urgöttin des Lebens und der Fruchtbarkeit bezogen. Und das Symboltier vieler dieser Göttinnen war die Taube. Als Taube stieg nach Überlieferungen des »Neuen Testaments« der »Heilige Geist« vom Himmel.

Sprachwissenschaftlich betrachtet war aber der »Heilige Geist« eine »Geistin«, so wie im Kirchlein von Urschalling dargestellt.

Der Höllenschlund von Urschalling... mit zwei Teufeln.

Wie dem auch sei…. Betritt man die St.-Jakobus-Kirche von Urschalling, dann fällt der Blick auf ein merkwürdig anmutendes Motiv. Großformatig reißt da ein monströses Wesen seinen gierigen Schlund auf. Einige Menschen entsteigen gerade dem Maul der Kreatur. Ein örtlicher Führer deutete das Wesen als jenen Walfisch, der Jona laut Bibel verschlungen und wieder ausgespien haben soll. Diese Erzählung wird von Theologen gern jesuanisch interpretiert. Jona überlebte im Leib des Wals drei Tage, bevor er vom »Riesenfisch« an Land gespuckt wurde. Das sei ein prophetischer Hinweis auf Jesus, der drei Tage lang im Reich des Todes weilte, bevor er wieder ins Land der Lebenden zurückkehrte. Laut meinem Führer stellt das Bild vom Fabelwesen eben jenen Wal dar, sinnbildlich für das Totenreich. Jesus selbst errettet die vom Tod verschlungenen Menschen, die mit seiner Hilfe aus der Finsternis ins Leben zurückkehren.

Im Kirchenführer von Walter Brugger und Lisa Bahnmüller lesen wir (6): »Ganz besonders gern zeigt die abendländische Ikonographie dieser Zeit die Hölle als großen Tierrachen, dem die Gerechten des Alten Bundes entsteigen, so auch hier in Urschalling, an der Nordwand des Mitteljoches, die ganz der Verherrlichung Christi und seiner Mutter gewidmet ist, gruppiert um das alte vermauerte romanische Portal.  Den Rachen des Ungeheuers, sinnbildlich für Gefangenschaft, hat Christus mit seinem Kreuzstab geöffnet, besser: gesprengt.«

Jesus steht ganz vorne am Maul des Tieres. Nur nach einem Wal sieht das furchteinflößende Wesen ganz und gar nicht aus. Die Reißzähne, Augen und Ohren der Kreatur passen nicht zu einem Wal, auch dann nicht, wenn ein sehr ungeschickter Maler am Werk gewesen sein sollte, der nicht wusste, wie so ein Riesensäuger der Meere ausgesehen hat. Meiner Meinung nach ist da ein Wolf dargestellt, und zwar nicht irgendeiner. Wir erkennen Jesus, der kraftvoll das Wesen daran hindert, sein Maul wieder zu schließen und seine Opfer erneut zu verschlingen.

Er hält so etwas wie eine Lanze in der Hand (Foto rechts!), die ein Schließen des Mauls unmöglich macht. Es könnte aber auch ein stilisiertes Schwert sein, das am oberen Ende dezent als »Kreuz« gestaltet wurde. Präziser: Der kurze Schwert-Griff wurde als Kreuz gestaltet, wobei ja der Handgriff eines jeden Schwerts wie ein Kreuz aussieht. Wenn man Haare spalten möchte, kann man von einem Langschwert sprechen, mit kreuzförmigem, kurzen Griff.

Die christliche Erklärung: Jesus hat den Tod überwunden und für alle Menschen den Tod besiegt. Vermutlich sind es Johannes der Täufer, Adam, dann Eva und weitere Frauen, die dem Schlund des Todes entsteigen. Maul und Schlund wurden im Urschalling als »Hölle« eingesetzt, aus der – dank Jesu Hilfe – Tote steigen.

Links im Bild: Teufel im Maul,
rechts im Bild Teufel auf dem Kopf des Wolfs.

Ein Teufel sitzt auf dem Kopf des Untieres (Foto oben rechts im Bild!). Im Lauf der Jahrhunderte nagte der Zahn der Zeit am Bildnis. Der Teufel ist aber noch gut zu erkennen, inklusive Schwanz am Allerwertesten. Was hält er in seiner Linken? Einen Menschen? Oder ein Tier?

Der zweite Teufel sitzt im Maul des Wolfs (Foto oben, links im Bild!). Geradezu listig lugt er hervor. Ein Horn wächst aus seiner Stirn, die andere Gesichtshälfte ist nicht zu sehen. Beeindruckend ist die klauenbewehrte Pranke, deren Konturen deutlich auszumachen sind. Die Teufel, so scheint es, hausen im Monsterwesen, wo sie die Seelen von Toten gefangen halten. In dieses Reich kommen alle Verstorbenen, nicht nur die Bösen. Auch Johannes der Täufer wurde – wie erwähnt – an jenen Ort verbannt.

Fenriswolf, isländische Darstellung aus dem 17. Jahrhundert.

Rekapitulieren wir: Nach heidnischer Urüberlieferung gab es einst die Fenris-Wölfin, die die sterbende Sonne verschlang, um die neu aufsteigende junge Sonne zu gebären. Die Fenris-Wölfin holte nicht in einem einmaligen Akt der Gnade die Toten aus der Hölle ins Leben zurück. Sie sorgte Jahr für Jahr dafür, dass – ganz heidnisch – der ewige Kreislauf des Lebens nicht unterbrochen wurde, dass auf Winter wieder ein Frühling folgte, dass das erstarrte Leben wieder aufblühte. In kultisch-magischen Zeremonien wurde das Fortbestehen des Lebens beschworen, vor allem natürlich die Wiederkehr der in der Kälte »gestorbenen« Sonne im Frühjahr. Das heidnische Weltbild war zyklisch. Sinnbild für das Leben war das sich ewig drehende Rad, das nie zum Stillstand kommen durfte.

Dreifaltigkeit von Urschalling.
In der Mitte: Heilige Geistin

Es fällt dem unvoreingenommenen Erforscher ältester Glaubenswelten auf, dass uralter heidnischer Glaube bis in unsere Tage in »christianisierter« Form fortlebt. So symbolisierten die heidnisch-keltischen Göttinnen Ambet, Borbet und Wildbet den Kreislauf des Lebens von Geborenwerde, Leben und Sterben. Ambet war in vorchristlicher Zeit die jungfräuliche Erdgöttin, Borbet eine mütterliche Sonnengottheit und Wilbet eine Mond- und Glücksgöttin. Verchristianisiert wurden die Drei zu Einbeth, Warbeth und Wilbeth. Im südlichen Tirol sind sie noch heute als die »drei Saligen« bekannt. Darüber hinaus existieren noch weitere Namensvarianten. Selbst die »Heiligen drei Könige« könnten als die christianisierte Form der drei einstigen Göttinnen verstanden werden.

Albert Einstein äußerte sich wie folgt: »Der intuitive Verstand ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ist ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.« Wir können versuchen, uns an das »Geschenk« der Intuition zu erinnern, wenn wir uns darum bemühen, die Aussagen uralter Kunstwerke zu verstehen. Ich bin davon überzeugt, dass die alten Künstler ihre Werke bewusst so geschaffen haben, dass sie die Intuition der Betrachtenden ansprechen würden. Bedenken wir, dass vor wenigen Jahrhunderten auch in unseren Gefilden die Kunst des Lesens nur von wenigen Menschen beherrscht wurde. Konnten unsere Altvorderen die alten Meisterwerke intuitiv wie ein Buch lesen und verstehen?

Jesus betet, Jesus wird verhört.
Urschalling.

Ich bin davon überzeugt, dass so manches christliche Kunstwerk uraltes Wissen in abgewandelter Form zeigt, das sehr viel älter als das Christentum ist. Die alten heidnischen Darstellungen wurden vom Christentum übernommen, allerdings mehr oder minder um-interpretieren. Zum konkreten Fall: Auffällig ist, dass die Asen-Götter dem Fenris-Wolf das Maul genauso aufsprengen wie Jesus dem höllischen Untier von Urschalling! Der Fenris-Wolf »lebt« seit Jahrtausenden, wandert von Mythos zu Religion. Zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends beschränkt er sich nicht mehr auf seinen kultischen »Lebensraum«. Wer sich noch nie mit theologischen Fragen auseinandergesetzt hat, kennt ihn aus der Romanreihe »Geisterjäger John Sinclair«.  Im Hörspiel soll er für wohliges Gruseln sorgen, in Folge 55 der Reihe, betitelt »Fenris, der Götterwolf«.


Fußnoten

(1): http://www.stpetridom.de
(2): ebenda
(3): Brewster, Pomeroy: »Saints and Festivals of the Christian Church«, New York 1904
(4): Brunner, Hellmut, Flessel, Klaus et.al.: »Lexikon Alte Kulturen«, Band 1, Mannheim, Wien, Zürich., S. 688, rechte Spalte, Artikel »Fenrir« (Fenriswolf)
(5): Fenzl, Fritz: »Orte der Liebe in Bayern/ An magischen Plätzen die Liebe entdecken«, München 2006, S. 115
(6): Brugger, Walter und Bahnmüller, Lisa: »Urschalling«, 4. Auflage 2012, S. 28

Zu den Fotos...

»Die Krypta von Bremen birgt noch manches Geheimnis...« - historische Aufnahme, Archiv Langbein

»Die Schlange und der Wolf von Bremen.« - historische Aufnahme, Archiv Langbein
Anmerkung: Es könnte sich auch um einen Drachen handeln, oder um einen Schlangendrachen.

»Fenriswolf, isländische Darstellung aus dem 17. Jahrhundert.« - historische Aufnahme, Archiv Langbein

Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein

269 »Von Mäusen, Schlangen und Drachen - Teil 1«
Teil 269 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.03.2015

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