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Sonntag, 8. September 2019

503. »Erinnerungen an vorzeitliche Besucher aus fremden Welten?«


Teil 503 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Zwei »Astronautengötter«, Val Camonica.

Stundenlang hatte ich im Val Camonica beim Weiler »Zurla« vergeblich nach einer ganz besonderen Ritzzeichnung im Fels gesucht. Vergeblich. Als es schlagartig zu regnen anfing, gab ich auf. Ich wollte den kürzesten Weg zurück zu meiner Pension im norditalienischen Capo di Ponte gehen. So stolperte ich einen steilen Hang gen Tal, rutschte, fiel hin. Der Regen wurde stärker. Ich war nass bis auf die Haut. Ich hatte Angst vor einem bösen Sturz, dessen Folgen ich mir ausmalen konnte. Mit gebrochenem Bein irgendwo fern der nächsten Straße zu liegen. So beschloss ich, mich auf einen flachen Stein zu setzen und abzuwarten, bis es wieder aufhören würde zu regnen. Da hockte ich also auf dem Boden… Und direkt neben mir war die gesuchte Ritzzeichnung »meiner Astronautengötter«. Sie glänzten geheimnisvoll, regennass und Jahrtausende alt.

Foto 3: Zwei »Götterastronauten«

Künstler der Renaissance wie Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer oder Holbein der Jüngere arbeiteten zwischen 1490 und 1540 mit Anamorphosen (1). Erst anno1657 veröffentlichte Caspar Schott (*1608; †1666) in Würzburg seine Schrift »Magia universalis naturae et artis« auf. Erstmals in Schotts Abhandlung über Magie in Natur und Kunst wird der Begriff Anamorphose erklärt. Freilich war der hochgebildete Jesuit Caspar Schott nicht der Erfinder, der Anamorphose. Schon lange vor ihm versetzte diese komplizierte Malweise Experten wie Laien in Erstaunen. Allerdings nutzte Schott wohl erstmals die Bezeichnung Anamorphose. Der Begriff Anamorphose geht auf das Altgriechische ἀναμόρφωσις (anamorphosis), zu Deutsch Umformung zurück.

Foto 4: Meine »Astronautengötter«

Man unterscheidet drei verschiedene Formen von Anamorphosen:
Dioptrische Anamorphosen müssen durch ein Prismensystem betrachtet werden, um durch Verzerrung unkenntliche Gemachte Darstellungen sichtbar werden zu lassen. Bei katroptischenAnamorphosen erscheint das entzerrte Abbild eines Gemäldes in einem speziellen Spiegel.

Bei Längsanamorphosen benötigt man weder Spiegel noch Prismensysteme. Richtig erkennt man, was Darstellungen auf einem Gemälde nur, wenn man es unter einem speziellen Blickwinkel betrachtet.

Ich verwende den Begriff der Anamorphose(n) im Übertragenen Sinn. Wenn ein schulwissenschaftlich geprägter Archäologe und ein von Dänikens Gedanken inspirierter Mensch ein und dieselbe Statue betrachten, dann werden beide ganz Unterschiedliches zu erkennen meinen, futuristisch Technisches oder folkloristisches »Primitives«. Es kommt eben auf den Standpunkt an, ob man eine Statue als »Astronauten im Raumanzug« oder als »Ballspieler« identifiziert. Weil ein Archäologe vorgeschichtliche Besuche von Außerirdischen auf unserem Planeten kategorisch ablehnt, verschließt er sich jeglicher präastronautischer Interpretation etwa von Höhlenmalereien oder uralten Statuen. Für ihn gilt: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Deshalb sieht er nur, was sein darf. Was nicht sein darf, das hat er an Schule und Universität verinnerlicht.

Foto 5: Kolosimos »Götter«
Eine solche Selbstzensur verhindert aber wirklichen wissenschaftlichen Fortschritt. Es sind häufig Laien, die vollkommen neue Ideen in die Diskussion einbringen. Laien weigern sich das »Es kann nicht sein, was nicht sein darf!« hinzunehmen. Deshalb sind sie dazu in der Lage, wirklich Neues, was bislang altbewährte und nie angezweifelte »Wahrheiten« anzuzweifeln und zu hinterfragen. Bis grundlegend Neues akzeptiert wird, wird in der Regel viel Zeit verstreichen. Und irgendwann wird das Neue akzeptiert. Vehementeste Gegner dieser neuen Ideen behaupten plötzlich, ihnen seien diese neuen Gedanken doch schon immer sehr sympathisch gewesen. Wer früher vehement das Neue abgelehnt hat, der war plötzlich schon immer dafür.

Nass bis auf die Haut saß ich da in strömendem Regen neben »meinen Astronautengöttern«. Bei meinem ersten Besuch im Val Camonica in den frühen 1970ern hatte ich vergeblich nach ihnen gesucht. Mehrfach war ich vor Ort. Ich durfte im riesigen Archiv des örtlichen Studienzentrums stöbern und versank förmlich im Zauber Jahrtausende alter Felszeichnungen. Professor Anati antwortete bereitwillig auf meine Fragen.

Der Archäologe Prof. Anati, Jahrgang 1930, gründete 1964 das »Centro Camuno di Studi Preistorici« in Capo di Ponte. Mit Recht gilt er als der Nestor der Val-Camonica-Forschung. Prof. Anati führte europaweit archäologische Ausgrabungen durch, aber auch in Israel. Aufsehen erregte der sympathische Gelehrte, als er »Mount Har Karkom« in der Negev-Wüste als den biblischen Berg Sinai identifizierte. Inzwischen hat der Vatikan offenbar Professor Anatis Forschungsergebnisse akzeptiert (3). Eine echte Fundgrube für Freunde der uralten Felszeichnungen ist das norditalienische Val Camonica.

Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahrtausenden hinweg wurden hier hunderttausende Felszeichnungen verewigt. Es gibt geheimnisvolle »Symbole«. Oder sind es Zeichen einer unbekannten Bildersprache? Sehr naturgetreue Darstellungen von Tieren, von Männern mit Helmen und Speeren und von Häusern beweisen, dass die Künstler im Val Camonica sehr präzise naturgetreue Bilder anfertigen konnten. Da und dort tauchen riesenhaft wirkende Gestalten auf, daneben Menschen, die im Vergleich wie Zwerge wirken. Sehr groß sind Figuren, die auch von der klassischen Archäologie als Götter interpretiert werden.

Fotos 6 und 7: Gehörnter Gott, kleiner Mensch

Prof. Anati hat einige hochinteressante Werke über die Felsbilder im Val Camonica publiziert (4), aber auch über eine Vielzahl anderer Themen, wie die Ursprünge der Musik, die älteste Religion und Felskunst in aller Welt. Professor Anati musste manchmal ob meiner doch stark von den Gedanken der Präastronautik geprägten Vorstellungen schmunzeln. »Bei diesem riesenhaften Wesen mit Gehörn könnte es sich um den keltischen Gott Cernunnos handeln, der von den Kelten verehrt wurden, die immer wieder durch das Tal zogen und sich im Stein mit Ritzzeichnungen verewigten. Cernunnos war wohl ein Gott der Natur, der wilden Tiere und der Fruchtbarkeit!«

Fotos 8 und 9: Begrüßungsszene auf Stele III

Götter, so Professor Anati, wurden wohl über die Jahrtausende immer wieder in die von Gletschern glattgeschliffenen gigantischen Steinplatten geritzt oder gemeißelt. Bei einem meiner Besuche fertigte Mila de Abreu, eine Archäologiestudentin, präzise, maßstabsgerechte Zeichnungen von den Abbildungen einer steinernen Stele (Stele III) an. Was aber zeigt die Stele? Denken wir an die Kunst der Anamorphosen. Bei Längsanamorphosen kommt es auf den Standpunkt an. Je nachdem wo man steht, sieht man beim Betrachten eines Gemäldes etwas (manchmal) vollkommen anderes.

Foto 10: Rückseite von Stele III

Das gilt auch im übertragenen Sinne. Wer den Besuch von Außerirdischen vor Jahrtausenden auf Planet Erde grundsätzlich ausschließt, der sieht auf Stele III eine Gruppe von Menschen, die offenbar ein Wesen mit Strahlenkranz um den Kopf begrüßen oder bejubeln oder anbeten. Ist das ein Schamane, dessen spirituelle Kraft bildlich dargestellt werden soll? Insgesamt zwölf Menschen stehen da in drei Reihen. Sie fassen sich an den Händen. Wird hier ein uralter, längt vergessener sakraler Ritus zelebriert? Deutlich abgehoben von der Versammlung ist das Wesen mit dem runden »Heiligenschein«, der sein Haupt umschließt.

Foto 11: Regennasser »Astronaut«?
Mila de Abreu vermutete: »Das ist ein Schamane oder ein Priester. Vielleicht werden Naturgewalten angerufen und flehentlich gebeten, die Menschen zu verschonen. Vielleicht wird ein Kollege des Cernunnos angefleht, er möge reiche Jagdbeute gewähren.« Vielleicht wird aber auch uralter Mythos vom Erscheinen eines Gottes nachgestellt, meinte die junge Archäologin weiter. Ihre Interpretationen klingen vernünftig, aber sie sind Spekulationen. Wir wissen natürlich nicht, was der unbekannte Künstler im Sinn hatte. Mila de Abreu freute sich sichtlich über mein Interesse und Trug eifrig eine ganze Reihe von »Erklärungen« vor, die alle der Fantasie entsprungene Spekulationen waren.

Genauso spekulativ, wenngleich fantastischer ist eine ganz andere Erklärung: Ein Astronautengott, der aus dem Kosmos kam, wird ehrerbietig von Menschen begrüßt. Der Vertreter einer fremden Kultur eines fernen Planeten wird von den Erdenmenschen ob seiner »Macht« für einen Gott gehalten. Beide Erklärungen sind nicht beweisbar. Beide Interpretationen sind spekulativ und beide Erklärungen verdienen es, überdacht zu werden. Mein Freund seit Jugendzeiten und Autorenkollege Reinhard Habeck (*1962) hat den »Steinzeit-Astronauten« ein ganzes Buch gewidmet (5).

Foto 12: Tänzer? Jäger? Astronaut?
Der Untertitel grenzt ein: »Felsbildrätsel der Alpenwelt«. Ausführlich geht er auf die Felskunst im Val Camonica ein (6). Wiederholt war der sympathische Österreicher im Val Camonica. Immer wieder begegnete er den »Astronauti«, wie sie von den Einheimischen genannt werden. Immer wieder sah und fotografierte er geheimnisvolle Wesen, die in den Stein gemeißelt worden sind. Sie alle scheinen so etwas wie einen auf den Schultern sitzenden Helm zu tragen. Sie alle scheinen wie schwerelos zu schweben. Reinhard Habeck macht aus seinem Standpunkt keinen Hehl. Er nennt eines dieser seltsamen behelmten Wesen »Val Camonica Astronaut« (7), an anderer Stelle bezeichnet er solche Kreaturen als die »Astronauten von Foppe di Nadro« (7). Habeck lässt aber auch seinen Lesern die Wahl (8): »Traumtänzer oder Erinnerungen an vorzeitliche Besucher aus fremden Welten?«

Dem Vernehmen nach arbeitet Professor Anati, anno 1930 geboren, auch heute noch in seinem Büro seines »Centro Camuno di Studi Preistorici«. Ich erinnere mich an eine launige, bisweilen etwas hitzige Unterhaltung mit dem Vater der Val-Camonica-Forschung. Jahrzehnte sind seither verstrichen. Aber was sind Jahrzehnte im Verhältnis zu den über zehn Jahrtausenden, in denen hunderttausende Steingravuren im Val Camonica entstanden?

Achselzuckend sinnierte der sympathische Gelehrte. Niemand weiß wirklich, wenn oder was die seltsamen Helmwesen, die oftmals paarweise auftreten, darstellen sollen. Sind es Jäger mit Pfeil und Bogen oder Musikanten mit Instrumenten? Sind es Tänzer oder doch Schamanen? Reinhard Habeck (9): »Rund um Capo di Ponte konzentrieren sich figürliche Zeichnungen, die durch ihre verblüffende Ähnlichkeit mit Raumfahrern viel Anlass für hitzige Debatten liefern. Während sich im Nationalpark Naquane Musterbeispiele problemlos aufstöbern lassen, liegen die interessantesten Abbilder außerhalb markierter Wege, an steilen Felshängen, und sind überwuchert von Dornen, Moos und wildem Gestrüpp.«

Foto 13: Eine kleine Auswahl von Prof. Anatis Werken

Fußnoten
(1) Literaturempfehlung. Wirklich gut wird man über das Thema Anamorphosen informiert in Füsslin, Georg und Hentze, Ewald: »Anamorphosen. Geheime Bilderwelten«, Stuttgart 1999
(2) Anati, Prof. Emmanuel: »Mountain of God«, New York 1986
(3) https://mosesegyptianised.wordpress.com/2015/04/14/vatican-interest-in-israels-mount-sinai/ Stand 22.6.2019
(4) Anati, Prof. Emmanuel: »Evolution and Style in Camunian Rock Art: An Inquiry Into the Formation of European Civilization«, Capo di Ponte 1976 (Ausgabe des Studienzentrums)
Anati, Prof. Emmanuel: »Capo di Ponte«, zweite deutsche Ausgabe, Brescia 1981
Anati, Prof. Emmanuel: »Valcamonica Rock Art/ A new History for Europe«, Capo di Ponte 1994
(5) Habeck, Reinhard: »Steinzeit-Astronauten/ Felsbildrätsel der Alpenwelt«, Wien 2014
(6) Zum Beispiel im Kapitel »Wer waren die Cammuni?«, S. 23-S.33
(7) ebenda, S. 67
(8) ebenda, S. 73
(9) ebenda, S. 98 oben

Foto 14: Habecks Opus
Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Zwei »Astronautengötter«, Val Camonica.  Fotos Walter-Jörg Langbein.
Hinweis: Um die Einzelheiten der Ritzzeichnung deutlicher werden zu lassen, habe ich die Fotos farblich verändert.
Foto 3: Zwei »Götterastronauten«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Meine »Astronautengötter« (1979). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Kolosimos »Astronautengötter« (1968). Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Gehörnter Gott, kleiner Mensch. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Begrüßungsszene auf Stele III. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Rückseite von Stele III. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Regennasser »Astronaut«? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Tänzer? Jäger? Astronaut? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Eine kleine Auswahl von Prof. Anatis Werken
Foto 14: Reinhard Habecks Opus »Steinzeit-Astronauten«.

504. »Die Bibel - das Buch der Bücher?«
Teil 504 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15. September 2019


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Sonntag, 20. März 2011

61 »Das unmögliche Tal«

Teil 61 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Es regnet in Strömen. Der steinige, zum Teil steil abfallende Hang verwandelt sich innerhalb von wenigen Minuten in eine glitschige Rutschpartie. Von Augenblick zu Augenblick ziehen sich schwarze Wolken zusammen. In der Ferne grollt ein Gewitter. Ich aber will nicht aufgeben. Irgendwo müssen doch diese Tänzer von Zurla sein. Ich hole die Bleistiftskizze aus meiner Kameratasche, die mich angeblich todsicher ans Ziel bringen soll.

Ich rekapituliere. Von Capo di Ponte habe ich mich zunächst 250 Meter Richtung Osten gehalten, dann lief ich stur nach Süden. Es ging steil bergauf. Nach einer Weile sah ich unter mir im Tal Capo di Ponte liegen. Von der gesuchten »Hauptstraße« war keine Spur.

Fremdartige Wesen
auf einem Buchcover
von 1968
Also kraxelte ich wieder gen Tal... und entdeckte am Boden liegend ein Hinweisschild: Zurla. Ich folgte einem Feldweg und landete schließlich auf der »Hauptstraße«. Ich folgte ihr Richtung Süden. Nach etwa einem Kilometer gab es wieder ein Hinweisschild »Zurla«. Ich folgte dem Feldweg, landete in einem Wäldchen. Und dann brach dieses Unwetter über mich herein.

Durchnässt bis auf die Haut versuche der Bleistiftskitze Hinweise zu entnehmen, wo ich die gesuchten Tänzer finden kann. Aber auf dem vom Regen aufgeweichten Papier ist jetzt kaum noch etwas zu erkennen. Mit rapide abnehmender Begeisterung und bei proportional wachsender Erschöpfung suche ich nach den mysteriösen Tänzern. Es wird rapide dunkler. Ich stolpere immer wieder, rutsche aus, stürze... Ich gebe auf. Müde setze ich mich auf den steinigen Boden. Wenn nur der Regen aufhören würde...

1968 machte mich Peter Kolosimos Buch »Sie kamen von den Sternen« auf geheimnisvolle Steinzeitbilder aufmerksam. Zwei der uralten Gravuren zieren das Cover. Es sind zwei Gestalten, weiß auf schwarz wiedergegeben, die verblüffend an Astronauten in ihren plumpen Anzügen erinnern. »Raumfahrer vom Val Camonica« nannte sie Peter Kolosimo.

Capo di Ponte bei schlechtem Wetter
Foto: Walter-Jörg Langbein
In den vergangenen vierzig Jahren machte ich mich immer wieder in das geheimnisvolle Val Camonica auf. Zum ersten Mal als Schüler im Herbst 1971. Seither hat das mysteriöse Tal für mich immer mehr an Reiz gewonnen. Man stelle sich ein dickleibiges Buch vor, das eine Fülle von Informationen bietet. Stellen wir uns vor, begabte Künstler übersetzen dieses Buch in gezeichnete Bilder, die ohne ein geschriebenes Wort auskommen. Dann bietet das das Val Camonica so etwas wie eine gigantische Bibliothek in Stein. Werden wir je zumindest einen kleinen Teil der uralten Bilder wie ein Buch lesen können?

Im Val Camonica, etwa einhundert Kilometer nordöstlich von Mailand gelegen, beim kleinen, malerischen Städtchen Capo di Ponte, endete vor etwa zwölf Jahrtausenden eine eisige Zeit. Gewaltige Gletscher hatten unzählige Felsbrocken unterschiedlicher Größe, die einst aus dem Erdreich ragten, glatt wie Tafeln geschliffen. Diese glatt polierten Steine müssen vor Jahrtausenden Künstler geradezu magisch angezogen haben. Sie hämmerten und meißelten, kratzen und ritzen Bilder in den harten Stein. Ihre Kunstwerke sollten Jahrtausende überdauern. Seltsam: Nirgendwo sonst gibt es so viele Werke der Steinzeitkunst auf so engem Raum wie hier. Und doch scheint sich kaum jemand für die Bibliothek in Stein zu interessieren!

Eine natürliche Tafel für
die Steinzeitkünstler
Foto: Walter-Jörg Langbein
Die Eisberge zogen sich vor rund zwölf Jahrtausenden zurück. Sie schmolzen und verwandelten des kleine Tal in eine Schlammlandschaft. Vor zwölf Jahrtausenden war das Val Camonica also alles andere als ein einladender, gastlicher Ort. Eigentlich – so erwartet man – müssten die Menschen damals aus dem Tal geflohen sein. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Die Menschen wanderten ein, nicht aus!

Sie siedelten sich an, wo es schon problematisch gewesen sein muss, eine einfache Hütte zu errichten. Die Menschen aber waren findig. Sie errichteten im Morast Pfahlbauten. Und sie begannen mit Eifer Steingravuren in den Fels zu ritzen, die das Val Camonica zu einem Mekka der Vorgeschichtsforschung machen müsste. Und doch fristet jenes geheimnisvolle Tal so etwas wie ein Stiefmütterchendasein in der Vorgeschichtsforschung. Sollte das darauf zurückzuführen sein, dass Spuren zu finden sind, die auf eine phantastische Vergangenheit unseres Planeten schließen lassen, die nicht so recht in das herkömmliche Bild von der Vergangenheit passen, wie wir sie aus Schul- und Lehrbüchern kennen?

Im Verlauf der letzten vier Jahrzehnte erlebte ich bei meinen Besuchen, wie massive Regenschauer wieder »neue« Steingravuren freilegten und andere mit Schlamm zudeckten.

Eine von unzähligen Pfahlbauten
Foto: Walter-Jörg Langbein
Seit Jahrzehnten forschen einige wenige Wissenschaftler im örtlichen Studienzentrum für prähistorische Forschung. Zunächst, so berichtete mir eine Mitarbeiterin, sei man davon ausgegangen, dass es wohl rund zehn, allenfalls zwanzig Tausend Gravuren gab. Bald galten diese Schätzungen als viel zu niedrig angesetzt. Es gebe wohl »mehrere 100 000 Steinritzungen« . Auch diese schon fantastisch anmutende Zahl ist wohl falsch. Es dürften aber um eine Million gravierte Bilder sein, die endlich auf Entzifferung warten!

Die zum Teil nur wenige Zentimeter kleinen Zeichnungen von etwa 10.000 v. Chr. bis in die Tage der Römer angefertigt. Nirgendwo sonst auf der Welt dürfte es eine solche Konzentration von Steinzeitkunst auf so engem Raum geben. Was aber veranlasste die Menschen, bei ungünstigsten Verhältnissen im Val Camonica so lange zu siedeln? Was ließ sie über ein so langen Zeitraum künstlerisch aktiv werden?

»Primitive Steinzeitmenschen« jedenfalls waren es nicht, die im Val Camonica siedelten. Sie hinterließen – vielleicht als besondere Signaturen – eingeritzte Abdrücke... von Schuhen! Wir müssen unser Bild von der Vergangenheit revidieren! Da humpelten keine tumben Gesellen, allenfalls in Tierfelle gehüllt, durch das Tal... sondern Menschen in Schuhwerk.

Die Steinzeitmenschen
trugen Schuhe - Foto:
Walter-Jörg Langbein
Es gibt noch weit verblüffendere Dokumente, die in »grauer Vorzeit« in den Stein geritzt wurden. So muss es im Val Camonica schon... Kartographen gegeben haben!

Bei einem meiner Besuche im Studienzentrum vom Val Camonica teilte man mir mit: Beim Dörfchen Cran Falto wurde an einem kleinen Abhang eines der größten zusammenhängenden Bilder im ganzen Tal in eine natürliche Steinplatte geritzt, auf einer Fläche von immerhin mehreren Quadratmetern . Es ist eine Karte. Fast wäre sie beim Errichten eines Mastes für die Stromversorgung zerstört worden. Im letzten Moment setzte man den Mast etwas abseits von der uralten Gravur.

Der italienische Architekt Cesare Borgna fand heraus: die komplizierte Gravur ist eine korrekte Landkarte. Professor Stuart Pigott wiederum hat nachgewiesen, dass sogar mehre prähistorische Karten im Val Camonica in den Stein geritzt wurden, und das schon vor Jahrtausenden.

Eine von unzähligen Pfahlbauten
Foto: Walter-Jörg Langbein

Steinzeitmenschen, die Schuhe trugen und Pfahlbauten errichteten, kartografierten also ihre Heimat. Sie trugen präzise ihre dörflichen Siedlungen ein. Sie verschönten ihre Werke mit Bildern von Tieren – als pure Ornamentik? Oder vermerkten sie auf ihre Weise und ohne das geschriebene Wort, wo es besonders wildreiche Gebiete – günstig für die Jagd – gab?

Auch wenn es nun ganz und gar nicht zu unserem Bild von »Steinzeitmenschen« passt: die Karten vom Val Camonica enthalten Hinweise auf unterirdische Metallvorkommen. Das aber ist doch paradox: Steinzeitmenschen sollen Kenntnis von Metallen besessen haben? Offensichtlich waren die Menschen vom Val Camonica so »steinzeithaft« nicht. Meiner Meinung nach müssen sie Metallwerkzeuge besessen haben, mit denen sie die unzähligen Zeichnungen in den harten Stein ritzten oder schlugen. Viele von diesen Kunstwerken bestehen aus Tausenden von präzise gesetzten winzigen Löchern im Stein, einem gedruckten Zeitungsbild (bestehend aus unzähligen Punkten) nicht unähnlich.

Diese Vertiefungen lassen die uralten Bilder besonders am Morgen und am Abend deutlicher sichtbar werden: wenn die tief stehende Sonne jedes einzelne dieser kleinen Löcher in Schatten taucht.

»Die Tänzer von Zurla«,
Teil 62 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27.03.2011


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