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Sonntag, 12. Juli 2015

286 »Das Kreuz mit dem Prozess«

Teil 286 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der gefesselte Jesus wird vor Hannas gebracht.

Was geschah mit Jesus, nachdem er im Garten Gethsemane verhaftet und abgeführt worden war? Die Aussagen der Evangelisten dazu sind widersprüchlich. Nach Lukas wurde Jesus in der Nacht von seinen Häschern gepeinigt (1): »Die Männer aber die Jesus gefangen hielten verspotteten ihn und schlugen ihn.« In der Nacht findet nach Lukas kein Verhör statt. Erst am Morgen wurde Jesus vor den Hohen Rat geführt.

Im Evangelium nach Johannes (2) gab es keine Wartezeit, vielmehr schaffte man Jesus offenbar umgehend in der Nacht und nicht erst am Morgen zu Hannas:  »Die Schar aber und ihr Anführer und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war.«  Nach Befragung und Misshandlung wurde Jesus weitergereicht (3): »Und Hannas sandte ihn gebunden zu dem Hohenpriester Kaiphas.«

Jesus vor Kaiphas

Im Evangelium nach Markus wird der Sachverhalt so dargestellt (4): » Und sie führten Jesus zu dem Hohenpriester; und es versammelten sich alle Hohenpriester und Ältesten und Schriftgelehrten.«  Konform mit Markus geht Matthäus (5): »Die aber Jesus ergriffen hatten, führten ihn zu dem Hohenpriester Kaiphas, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten.«

Im Evangelium nach Lukas (6) bleibt der Hohepriester anonym, nur sein Titel wird genannt. In seiner Apostelgeschichte (7) heißt der Hohenpriester – und das ist falsch – Hannas. Historisch korrekt ist das Evangelium nach Matthäus. Der Hohepriester war damals Kaiphas. Der Verfasser des Evangeliums nach Johannes nennt zunächst den richtigen Namen (2), nämlich Kaiphas. Doch wenige Worte später heißt der Hohepriester im Johannes-Evangelium plötzlich Hannas. Eindeutig wird – nach Johannes – Jesus zunächst von Hannas verhört, und der wird als »Hohepreister« bezeichnet (9). Wenige Worte später lesen wir wieder – historisch korrekt vom Hohepriester Kaiphas.

Jesus vor Herodes

Mögliche Erklärung: Hannas war Hohenpriester, wurde aber 15 n.Chr. abgesetzt. Führte er trotzdem seinen Titel weiter? Wurde also Jesus zunächst zum ehemaligen und dann zum aktuellen Amtsinhaber gebracht? Aber warum sollte der abgesetzte Würdenträger überhaupt konsultiert worden sein? Kam es den Verfassern der Evangelien auf historische Details nicht an? Oder waren sie ihnen gar nicht bekannt?

Wer ließ Jesus verhaften? Waren es die Juden, die in Jesus einen gotteslästerlichen Verbrecher sahen? Oder waren es die Römer, die Jesus als Widerstandskämpfer fürchteten? Oder arbeiteten Priesterschaft der Juden und römische Militärmacht Hand in Hand? Bei Johannes (10) machten sich Römer und Juden auf, um Jesus im Garten Gethsemane gefangen zu nehmen: eine »speira«, also eine Kohorte von 600 Mann und die »Knechte der Juden«.

Geißelung Jesu

Rom war die Besatzungsmacht, das »Heilige Land« unterstand Rom. Das empörte natürlich strenggläubige Juden. Ist es denkbar, dass sich die römische Besatzungsmacht herabließ, Jesus im Auftrag der Juden zu verhaften? Ist es wahrscheinlich, dass die römischen Truppen ausgerechnet zu Hannas brachten, den die Römer selbst rund fünfzehn Jahre zuvor abgesetzt hatten?

Ich hatte 1976 Gelegenheit, mit Rudolf Augstein über Jesu‘ Prozess und Hinrichtung zu sprechen. Rudolf Augstein (1923-2002), Spiegelherausgeber und profilierter Journalist, hatte 1972 ein penibel recherchiertes Buch über Jesus publiziert (11), das nicht nur in Deutschland heiße Diskussionen auslöste. Rudolf Augstein fand meine Bemühungen, den historischen Ablauf der letzten Lebenstage Jesu anhand der biblischen Texte zu rekonstruieren (12), »nicht wirklich amüsant«. Ich würde in den Schriften des »Neuen Testaments« eine Vielzahl von Behauptungen zum Ablauf der Geschehnisse finden. Jede davon sei mehr oder minder »unwahrscheinlich«. Sicher, es gebe für jede »Unwahrscheinlichkeit« eine »theologische Erklärung«, aber die Summe der »erklärten Unwahrscheinlichkeiten« ergebe »kein sinnvolles Ganzes«.

Richtig ist, dass die Faktenlage mehr als unsicher ist. Ist es denkbar, dass die römische Autorität Jesus den Juden überließ? Ist es denkbar, dass eine jüdisch-religiöse Gerichtsbarkeit ein Todesurteil verhängen konnte? Darüber streiten sich bis heute die Gelehrten. Leider geben die Schriften des »Neuen Testaments« weniger Nachprüfbares her als wir gerne hätten. Wer hat Jesus verhört und verurteilt? Wer ist damals im Hause des Kaiphas zusammengekommen? War es der »Große Sanhedrin«, bestehend aus Hohenpriester, Ältesten und Schriftgelehrten? Der »Große Sanhedrin« war so etwas wie eine juristische Institution im »Heiligen Land«. Aber fällte der »Große Sanhedrin« Urteile? War er befugt, Menschen wie Jesus zum Tode zu verurteilen? Die Meinungen der Experten gehen weit auseinander.

Jesus wird verspottet und gepeinigt

Joseph Gedalja Klausner (1874 -1958) war ein russischer Historiker und Religionswissenschaftler, postulierte in seinem Buch über Jesus von Nazareth (13), dass die Römer dem Sanhedrin die Strafgerichtsbarkeit weitestgehend entzogen haben. Demnach durfte der Sanhedrin Jesus nicht zum Tode verurteilen und schon gar nicht das Urteil vollstrecken lassen. Wer also machte Jesus den Prozess? Und warum wurde Jesus nach Römerart gekreuzigt, wenn er von den Juden verurteilt wurde? Hätte er dann nicht gesteinigt werden müssen? Und wenn Pilatus wirklich von der Unschuld Jesu überzeugt gewesen wäre, hätte er ihn dann trotzdem kreuzigen lassen?

Die neutestamentlichen Quellen bieten wenig wirklich Greifbares. Trotzdem schreiben Theologen üppige Wälzer. Der Neutestamentler Josef Blinzler (1910-1970) zum Beispiel überrascht mit seinem 530 Seiten dicken Opus über den »Prozeß Jesu« (14). Übertroffen wird der Gelehrte  von seinem Kollegen Willibald Bösen (1938 geboren). Der römisch-katholische Theologe war bis zum Ende des Sommersemesters 2003 Professor für Biblische Theologie und ihre Didaktik an der Universität Bielefeld. Auf immerhin 410 breitet er sich über den letzten Tag des Jesus von Nazareth (15) aus und verspricht alles zu enthüllen, so der Untertitel seines Opus »Was wirklich geschah«. Keine Frage bleibt unbearbeitet. Hing Jesus nackt am Kreuz? Oder trug er einen Lendenschurz oder ein Schamtuch? Nirgendwo im »Neuen Testament« findet sich ein Hinweis auf dieses Detail.

So kommt Willibald Bösen zur Erkenntnis (16): »Letztlich ist diese Frage nicht mehr sicher zu entscheiden.«

Jesus mit Dornenkrone wird vor seine Ankläger geführt

In einem Seminar zum »Neuen Testament« wurde auch diese Frage an der Universität von Erlangen erörtert, wo ich in den 1970er Jahren evangelische Theologie studierte. Einigung wurde nicht erzielt. »Jesus trug am Kreuz ein Schamtuch. Wenn dem nicht so gewesen wäre, hätten das die Evangelisten erwähnt!«, meinte unser Professor. »Jesus war ganz nackt am Kreuz!«, widersprach mutig sein Assistent. »Die Evangelisten wären sonst unbedingt auf ein Schamtuch eingegangen. Es war in ihren Augen aber nicht schicklich, die nackte Wahrheit zu erörtern. Jesus ganz und gar nackt, das passte nicht zu ihrem Bild vom Messias.«

Es ist schon erstaunlich, welche Detailfreude Willibald Bösen an den Tag legt, was den Prozess Jesu angeht. So fabuliert er, dass zunächst beim jüdischen Verhör (17) »eine Clique aus zehn bis zwölf maßgeblichen« jüdischen Würdenträgern anwesend war. Von diesen Männern folgten dann, so Bösen, »insgesamt vier bis fünf« (18) dem Delinquenten Jesus zu Pilatus. Auch wie lang der Prozess dauerte, behauptet Bösen zu wissen (19): »mit allen Wartezeiten fünf Stunden«. Wie der Wissenschaftler zu derlei Erkenntnissen kommt, bleibt ein Rätsel. Aus dem »Neuen Testament« jedenfalls kann er auch mit viel Fantasie diese Angaben nicht herausgelesen haben.

Pilatus gibt Jesus zur Kreuzigung frei

Nüchtern stellt das »Arbeitsbuch zum Neuen Testament« fest (20): »Der historisch gesicherte Grundbestand der Passionstradition erweist sich als relativ schmal. Unbezweifelbar ist die Tatsache der Verurteilung Jesu, ferner seine Kreuzigung und sein Tod, überaus wahrscheinlich ist die Beisetzung des Verstorbenen durch einen Fremden.«

Alles andere als nüchtern sind die 21 Felder auf dem Hochaltar zu Bremen. Sie sind ebenso wie die nach den vier Evangelisten benannten Bücher des »Neuen Testaments« beeindruckende Bekenntnisse zum christlichen Glauben. In unserer Zeit ist das so schlicht formulierte Gebot der christlichen Nächstenliebe wichtiger denn je, zumal es leider offenbar in weiten Teilen unseres Planeten nicht beherzigt wird. Wir leben leider in einer Welt des wachsenden Fanatismus, der grausame Gewalt als vermeintliche Befolgung religiöser Gebote predigt. Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus sind es fundamentalistische Islamisten, die Hass predigen. »Liebe deinen nächsten wie dich selbst!«, wenn wir alle, über die Konfessionen hinweg, dieses Gebot befolgen würden... wir kämen dem Paradies ein sehr großes Stück näher.

Niemand wird heute bestreiten, dass das Christentum zu Europa, zu Deutschland gehört. Wir sind im christlichen Abendland verwurzelt. Sollten wir da nicht alle zumindest das »Neue Testament« lesen? Zu unserem Erbe gehören auch viele sakrale Baudenkmäler aus frühen Zeiten, Kapellen, Kirchen und Kathedralen. Sie bieten jedem Zeitgenossen immer noch Zuflucht vor der lauten Hektik unseres Alltags... Stille im Lärm.

Fußnoten

(1) Evangelium nach Lukas Kapitel 22, Vers 63
(2) Evangelium nach Johannes Kapitel 18, Verse 12 und 13
(3) Evangelium nach Johannes Kapitel 18, Vers 24
(4) Evangelium nach Markus Kapitel 14, Vers 53
(5) Evangelium nach Matthäus Kapitel 26, Vers 57
(6) Evangelium nach Lukas Kapitel 22, Vers 54
(7) Apostelgeschichte des Lukas Kapitel 4, Vers 6
(8) Evangelium nach Johannes Kapitel 18, Vers 13
(9) Evangelium nach Johannes Kapitel 18, Vers 19
(10) Evangelium nach Johannes Kapitel 18, Vers 12
(11) Augstein, Rudolf: »Jesus Menschensohn«, München 1972
(12) Handschriftliches Gedächtnisprotokoll des Gesprächs mit Rudolf Augstein,
verfasst von Walter-Jörg Langbein
(13) Klausner, Joseph Gedalja: »Jesus of Nazareth: His life, times, and teaching«, London 1947
(14) Blinzler, Josef: »Der Prozess Jesu«, 4. Auflage, Regensburg 1969
(15) Bösen, Willibald: »Der letzte Tag des Jesus von Nazaret/ Was wirklich geschah«, Freiburg 1999
(16) ebenda, Seite 288
(17) ebenda, Seite 175
(18) ebenda, Seite 215
(19) ebenda, Seite 240
(20) Conzelmann, Hans und Lindemann Andreas: »Arbeitsbuch zum Neuen Testament«, 14. Auflage, Tübingen 2004,S. 505

Zu den Fotos: 

Alle Fotos (Altar Marktkirche Hannover): Walter-Jörg Langbein


287 »Das Geheimnis des Bluttuchs«,
Teil 2867 der Serie

»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 19.07.2015


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Sonntag, 24. November 2013

201 »Der Riese in der Dorfkirche II«

Teil 201 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Christophorus und Anubis

Im Mittelalter war die Priesterschaft sehr mächtig. Groß war die Angst der Katholiken, ohne Beichte zu sterben. Nur wer vom Priester möglichst unmittelbar vor seinem Tod die Absolution erhielt, konnte – so glaubte man – sündenfrei vor das Gericht im Jenseits treten. So gesehen hatte es der Geistliche in der Hand, ob ein Toter in Fegefeuer und Hölle wanderte ... oder frohlockend ins Himmelreich eintreten durfte.

So grassierte die Angst,  einem unvorhergesehenen, plötzlichen Tod anheim zu fallen ... und ohne Beichte vor den »lieben Gott« treten zu müssen. Doch da gab es eine »Versicherung«. Man musste ein Bildnis – gemalt oder als Statue – von Christophorus betrachten, um an diesem Tag unbelastet von Sünden ins Jenseits eintreten zu können. Deshalb gab es in vielen Kirchen direkt am Eingang einen riesengroßen Christophorus. Der Gläubige konnte so tagtäglich rasch einen Blick auf den Heiligen werfen, ohne die Kirche betreten zu müssen.

So wurden Gläubige zur Kirche gelockt, auch wenn sie nur kurz einen Blick auf Christophorus warfen. Heute ist diese spezielle Schutzwirkung des Christophorus nicht mehr bekannt. In unseren modernen (?) Zeiten baumeln aber unzählige Christophorus-Amulette von Rückspiegeln unserer Autos ...

Selbst blutrünstige Krieger hatten Angst vor einem schnellen Tod ohne Beichte und priesterliche Vergebung. Sie malten sich ein Christophorus-Bild auf die Innenseite ihres Schildes. So konnten sie im Gemetzel fallend einen letzten Blick auf Christophorus werfen... und trotz aller Mordtaten unbelastet von Sünden vor den himmlischen Richter treten.

Christophorus ermöglichte so dem Menschen, nach seinem Tode wieder unbeschwert von Sünden weiter zu leben. Ist es ein Zufall, dass Christophorus ursprünglich als Riese mit Hundekopf dargestellt wurde, genau wie der ägyptische Gott Anubis? Ist es ein Zufall, dass Anubis und Christophorus beide einen langen Stock bei sich tragen? Ich glaube, dass der christliche Christophorus ein Nachfolger des hundsköpfigen Anubis ist. Zur Erinnerung:  Seth zerstückelte nach ägyptischer Mythologie einst seinen Bruder Osiris und verstreute die Einzelteile über die ganze Welt. Anubis trug, zusammen mit Isis, die Stücke wieder ein und setzte sie neu zusammen.

Christophorus als magischer Schutz
Foto: Adrian Michael, wiki commons
In Ägypten wartete Anubis an der Grenze zum Jenseits auf den Toten (sprich die Mumie), vollzog die rituelle Mundöffnung und beschützte den Toten auf seinem weiteren Weg in die andere Welt. Bei den Griechen wurde Anubis mit Hermes gleichgesetzt, der die Seelen der Toten begleitete. Ich bin mir sicher: Christophorus war ursprünglich so etwas wie ein heidnischer Totengott. Der alte Glaube war so fest im Volk verankert, dass aus dem Gott nur ein Heiliger gemacht werden konnte. Ganz verbieten ließ er sich nicht.

Heute wird Christophorus als Riese, ansonsten aber als menschlich gesehen. Seinen mächtigen Stab (Attribut von Anubis!) hat er behalten, seinen Hundekopf (Attribut von Anubis!) trägt er schon lange nicht mehr. Nach dem II. Vatikanischen Konzil sollte Christophorus eigentlich als historisch nicht nachweisbarer Heiliger aus den Listen gestrichen werden. Sein Festtag – 24.7. – wurde als offizieller Feiertag abgeschafft.

Im Verlauf von mehr als drei Jahrzehnten habe ich manchen geheimnisvollen Ort auf unserem Globus besucht. An abgelegenen Orten – von Anatolien bis nach Vanuatu in der Südsee – war oftmals das mysteriöse Flair uralter Heiligtümer auch in unserem Zeitalter der Raumfahrt immer noch zu spüren. Und das gilt auch für das kleine Kirchlein von Wilschdorf.

Einstmals war das Innere des bescheidenen Gotteshauses so etwas wie ein Buch, das auch Analphabeten lesen konnten. Es kam ohne das geschriebene Wort aus. Bild reihte sich an Bild. Viele der großfigürlichen Fresken wurden im Lauf der letzten Jahrhunderte leider zerstört. Noch so manche Malerei schlummert unter weißer Tünche, wartet darauf, wieder freigelegt zu werden. Und die wenigen Gemälde, die wir heute betrachten können, geben teilweise noch Rätsel auf...

Der berühmte Judas-Kuss - Foto: W-J. Langbein

Da ist die Nixe zwischen den Füßen des Christophorus. Da verrät Judas seinen Herrn Jesus durch einen Kuss ... Da sehen wir Jesus, nach seiner Verhaftung am Ölberg. Soldaten führen ihn einem Sitzenden mit einer Krone vor. Soll das Pontius Pilatus sein, der Jesus nach dem biblischen Bericht nicht zum Tode verurteilen wollte. Pontius Pilatus war aber kein König, sondern Statthalter (1).

Links erkennt man drei Soldaten, die an mittelalterliche Söldner erinnern. In der Mitte steht, mit Heiligenschein, Jesus. Einer der Krieger packt Jesus an der Seite. Dann folgt eine kleine Person mit gelocktem Haar, unmittelbar vor dem Sitzenden mit Krone stehend. Ist das ein Kind? Eine junge Frau? In den Evangelien gibt es keinen Hinweis auf ein Kind oder eine Frau bei Pilatus.

Sollte es sich bei der kleinen Person um einen Bediensteten handeln, der Pilatus soeben eine Schüssel gereicht hat? Wäscht sich Pilatus gerade, wie im »Neuen Testament« beschrieben, die Hände in Unschuld? Im Evangelium nach Matthäus (2) lesen wir, dass Pilatus vergeblich versucht hat, Jesus zu retten:

»Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu!«

Wird diese Szene in der »St. Christophorus-Kirche« in Wilschdorf dargestellt? Historisch jedenfalls ist die Behauptung nicht, dass Pilatus Jesus den Juden zur Kreuzigung überlässt. Aufständische und Rebellen wurden von den Römern hingerichtet, oft auch ohne Prozess. Mehr als fragwürdig ist die Behauptung, Pilatus habe den Juden die Entscheidung überlassen, ob Jesus oder ein Barabbas begnadigt würde.. und wer am Kreuz zu sterben habe (3): »Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: ›Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus?‹«

Der angebliche Brauch, zum Passah-Fest das Volk zu befragen und dann einen Gefangenen freizulassen ist historisch nicht belegbar. Interessant ist die Namensähnlichkeit der zur Wahl stehenden Delinquenten: Jesus Barabbas und Jesus, genannt der Christus. Das Volk musste also zwischen zwei »Jesussen« wählen. In vielen Übersetzungen wird allerdings aus Jesus Barabbas einfach nur Barabbas. Noch verwirrender wird der Sachverhalt, wenn man bedenkt, dass man »Jesus Barabbas« mit »Jesus, Sohn des Vaters« übersetzen kann, eine Bezeichnung, die auch auf Jesus, den Messias zutrifft. Sahen sich doch Jesus selbst als den Sohn des himmlischen Vaters.

Jesus vor Pontius Pilatus

Verantwortlich für das an Jesus vollzogene Todesurteil waren die Römer. Das Neue Testament aber suggeriert... die Juden waren schuld. Durch eine vermutlich erfundene Episode wird die Verantwortung von den Römern genommen.

Durch manch unterirdisches, verwirrendes Labyrinth bin ich auf meinen Reisen in ferne Länder gekrochen... das Geheimnis der Dreifaltigkeit erschließt sich mir bis heute nicht wirklich. Wenn Jesus, Gottvater und Heiliger Geist Eins sind, warum betet dann Jesus zu Gottvater, also zu sich selbst... und bittet sich selbst, sich doch den Kelch des grauenvollen Todes am Kreuz zu ersparen? Wir lesen im Evangelium nach Matthäus (4):  »Und er (Jesus) ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!«

Schlafende Jünger im Garten von
Gethsemane - Foto: W-J.Langbein
Jesus fleht sich selbst an. Gottvater, also er selbst, möge ihn doch vor dem Martertod am Kreuz retten. Aber  nicht Jesu Wille, nicht sein eigener Wunsch zähle, sondern der des Vaters... also doch sein eigener? Die Dreifaltigkeit ist keine Erfindung des Christentums. Schon zu »heidnischen« Zeiten gab es erst Dreigespanne aus Göttinnen, lange vor dem Christentum.

Im Kirchlein von Wilschdorf findet sich auch, als Einzelbild eines viele Jahrhunderte alten »Comicstrips« die Gethsemane-Szene. Während Jesus verzweifelt und in Todesangst betet, sind seine Jünger eingeschlafen.

Einer der Jünger sieht wie ein Mönch mit Kutte und Tonsur aus... schlafend. Kritik an der Geistlichkeit?

Fußnoten
1: Evangelium nach Matthäus Kapitel 27, Vers 2:  »und sie banden ihn (Jesus) führten ihn ab und überantworteten ihn dem Statthalter Pilatus.«
2: Evangelium nach Matthäus Kapitel 27, Vers 24
3: Evangelium nach Matthäus Kapitel 27, Vers 17
4: Evangelium nach Matthäus Kapitel 26, Vers 39
Copyright:
Das Copyright liegt wie immer bei den Fotos, falls nicht anders vermerkt, beim Verfasser.
Zum »Gruppenfoto« Christophorus-Anubis-Christophorus (ganz oben):
Foto links: Christophorus von Eggenfelden, Foto Heidi Stahl.
Foto in der Mitte: Anubis, wikicommons, Foto Jeff Dahl.
Foto rechts: Christophorus von Neu-Ulm, Foto W-J.Langbein.

Drei Glocken,
Teil 202 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 01.12.2013






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