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Sonntag, 17. März 2019

478 »In der Menschenfresserhöhle«

Teil 478 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Mysterium Osterinsel. Collage
»An vielen Orten ist es möglich, im Lichte großer Monumente die Vergangenheit zu rekonstruieren.«, schrieb die große Pionierin der Osterinselforschung Katherine Maria Routledge (*1866; †1935) in ihrem Buch »The Mystery of  Easter Island« (1). Ihr Buch über das Mysterium der Osterinsel erschien 1919. Es wurde rasch zum Bestseller. Katherine Maria Routledge, britische Ethnologin und Historikerin, ließ als erste archäologische Ausgrabungen durchführen und mündlich überlieferte Sagen der Osterinsulaner aufzeichnen.

Was Katherine Routledge offenbar erkannte: Auf der Osterinsel gibt es mehr zu erahnen als zu sehen, mehr zu erspüren als man fotografieren kann. Oft weiß die nachdenkliche Fantasie mehr als die strenge Wissenschaft. Natürlich ist solide Wissenschaft unglaublich wichtig. Ihr verdanken wir so viele Erkenntnisse über die mysteriöse Osterinsel und ihre Geheimnisse. Es gibt aber auch auf dem Südseeeiland mehr als man messen und wiegen kann.

Heute kann die Osterinsel von Deutschland aus in weniger als 24 Stunden erreichen. Die rund 14.000 Flugkilometer absolviert man im Direktflug mit Lan Chile Airlines via Santiago de Chile (je nach Startflughafen) in 17 bis 18 Stunden. Vor einem Jahrhundert war eine Reise zur Osterinsel ein gefährliches Abenteuer. Katherine Maria Routledge (*1866; †1935) und ihr Ehemann William Scoresby Routledge (*1859; †1939) hatten es  viel schwerer als heutige Reisende. Für ihre Expedition zur einsamsten Insel der Welt arbeiteten sie bis ins Detail die Baupläne für ihr Schiff aus. Erfahrene Schiffbauer setzten alle Wünsche der Eheleute millimetergenau um. Es entstand ein 27 Meter langer Schoner. Die Routledges ließen ihn auf den Namen »Mana« (zu Deutsch: magische Kraft) taufen und stachen am 25. März 1913 in See und erreichten die Osterinsel nach einer strapaziösen echten Weltreise am 29. März 1914. Am 18. August 1915 traten die begeisterten Forscher die Rückreise an. Über Pitcairn und San Francisco ging es wieder zurück in die Heimat. Katherine Routledge hat nicht nur gegraben und analysiert, sie hat nicht nur geforscht, sie hat auch gefühlt. So schreibt sie (2):

Foto 2: Zeichnung Grete C Söcker
»Auf der Osterinsel ist die Vergangenheit gegenwärtig, es ist unmöglich, ihr zu entkommen. Die Bewohner von heute sind weniger wirklich als die Menschen die längst gegangen sind. Die Schatten er dahingegangenen Erbauer besitzen heute immer noch das Land.«

So manches Mal habe ich es vor Ort erlebt, dass »Besucher« der Osterinsel in Bild und Film beweisen wollen, dass sie tatsächlich die Statuen der Osterinsel besucht haben. Es war ihnen nicht so wichtig vor Ort zu sein. Wichtiger war es ihnen jenen, die zuhause geblieben waren, zu beweisen, dass sie tatsächlich vor Ort echte Osterinselriesen gesehen hatten.

Im Sauseschritt wird möglichst viel in möglichst kurzer Zeit absolviert. Der Steinbruch, der die Statuen »gebar«, bis zum Hals im Erdreich »versunkene« Statuen, Statuen auf Podesten, das Zeremonialdorf an der Steilen Klippe und Felsgravuren, und wenn die Zeit noch reicht, auch der Steinbruch der roten »Steinhüte« und vielleicht gar das örtliche Museum … All‘ das wird pflichtschuldigst abgehakt und schon ist das Osterinselprogramm erledigt. Am Hotelpool wird dann noch ein Packen Ansichtskarten abgearbeitet und schon freut man sich auf den Rückflug nach Santiago de Chile. Man hat ja alles gesehen. Hat man?

Wer heute den einstigen Steinbruch für die Kolossalfiguren besucht und einfach nur dort ist, der fühlt sich in eine weit zurückliegende Zeit versetzt. Es ist, als hätten die Steinmetze gerade eben ihre Arbeit unterbrochen, ihre Werkzeuge fallen gelassen. Nur: Wer hat sie weggeräumt? Da warten fast fertige Kolosse darauf, endlich vollendet zu werden. Sie liegen wie eigenartig geformte Schiffe im Steinbruch, wie mit einem schmalen steinernen Schiffsbug noch noch mit dem Fels verwachsen. Kundige Künstler haben sie fast vollständig aus dem Tuff des Vulkans geschlagen. Es sieht so aus, als habe man sie mit spielerischer Leichtigkeit aus dem Leib des Vulkans geschabt, nicht gemeißelt.

Foto 3: Autor Langbein im Steinbruch

Hat man erst die Silhouette einer Figur in den Tuff geritzt, sozusagen vorgezeichnet? Hat man dann zunächst oberhalb der auf diese Weise nach und nach entstehenden Figur den Stein herausgeschnitten, dann die Rückseite vom Fels getrennt und schließlich unter der Figur den Stein heraus gemeißelt? Nun scheint sie fast zu schweben. Sie ist nur noch mit einem schmalen »Schiffsbug« aus Stein mit dem Vulkangestein verbunden. Man muss die Figur »nur noch« am Rumpf abschlagen, schon ist sie fertig.

Bleiben wir noch einen Moment beim gewaltigen Steinbruch im »Ranu Raraku«-Krater. Katherine Routledge hat recht! Bei meinen Aufenthalten im Steinbruch fühlte ich mich von den längst verschwundenen Inselbewohnern geduldet. Hier scheint die Zeit seit Ewigkeiten stehen geblieben zu sein. War nicht eben noch das Schlagen und Hämmern der Steinmetze zu hören. Haben die Baumeister nicht eben auf ein Zeichen hin die Arbeit unterbrochen? Sitzen sie jetzt irgendwo und nehmen eine kräftige Mahlzeit zu sich? Essen sie schweigend oder beim Gesang uralter Lieder, die die Sagen von Make Make, Priester Hau Maka und König Hotu Matua erzählen?

Foto 4: Ein Riese und zwei »Zwerge«

Nicht nur die Riesenhaftigkeit der Steinkolosse lässt staunen, auch ihre Vielzahl verblüfft. In Zahlen: In unmittelbarer Nähe der »Statuenfabrik« warten seit Jahrhunderten 395 steinerne Kolosse, in allen Entwicklungsstadien. Da gibt es eben angefangene Figuren, andere sind fast fertig und wieder andere sind vollendet. Es sieht so aus, als habe hier ein kleines Heer an Handwerkern und Künstlern in Serie die rätselhaften Steindenkmäler fabriziert. Die fertigen Riesen haben alle den gleichen, leicht arrogant-blasierten Gesichtsausdruck. Sie scheinen sich köstlich darüber zu amüsieren, dass sie uns immer noch rätselhaft erscheinen.

Weite Flächen der Osterinsel sind förmlich übersät mit schwarzen Brocken. Viele sind nur faustgroß, andere ähneln vom Format Fußbällen und wieder andere sind wesentlich größer. Es handelt sich um Lavabrocken, die von Vulkanen wie Rano Kao (im Südwesten gelegen), Maunga Puakatiki (im Osten) und Maunga Terevaka (im Norden) ausgespuckt wurden. Die Osterinsel ist nicht ein kleines Stück Land mit Vulkanen. Sie ist in ihrer Gesamtheit vulkanisch. Sie verdankt ihre Existenz unterseeischen Vulkanausbrüchen in etwa dreitausend Metern Tiefe.

Foto 5: In der Menschenfresserhöhle
Als Kind habe ich begeistert Jule Vernes‘ »Die Reise zum Mittelpunkt der Erde« gelesen. Wie sehr ich doch Vernes Hauptfigur Otto Lidenbrock beneidete. Wie der Hamburger Professor wollte ich auch in die unterirdischen Abgründe der Erde steigen und gewaltige Tunnelsystem erforschen. Vernes Roman erschien erstmals anno 1864 unter dem Titel » Voyage au centre de la terre« in Frankreich, eine erste Übersetzung ins Deutsche folgte 1873.

Bei meiner ersten Osterinselreise erlebte ich ein wenig Höhlenkriecherei kennen, wenngleich es natürlich auf der Osterinsel keinen Einstieg in die Unterwelt gibt. Eine »Reise zum Mittelpunkt der Erde« ist schon gar nicht möglich. Und die bei Verne tief unter der Erdoberfläche hausenden Saurier habe ich natürlich gar nicht erwartet.

Einige der von mir besuchten Osterinsel-Höhlen machten ein schlangenartiges Kriechen erforderlich, andere wiederum waren recht geräumig, wie etwa die berüchtigte Menschenfresserhöhle. Die größeren unterirdischen Höhlen erinnerten mich noch am ehesten an Vernes‘ Roman. Da gab es seltsame Felsmalereien, zum Beispiel vom Fabelwesen aus dem Vogelmensch-Kult. Als ich allein vor Ort war, da legte ich mich auf den felsigen Boden der Menschenfresserhöhle und ließ das ganz besondere »Ambiente« auf mich wirken. An keiner anderen Stelle des mythenumrankten Eilands erschienen mir die vor vielen Jahrhunderten verstorbenen Erbauer der Osterinselkolosse so präsent wie hier.

Wie schrieb doch Katherine Routledge, ich zitiere erneut (2): »Auf der Osterinsel ist die Vergangenheit gegenwärtig, es ist unmöglich, ihr zu entkommen. Die Bewohner von heute sind weniger wirklich als die Menschen die längst gegangen sind. Die Schatten er dahingegangenen Erbauer besitzen heute immer noch das Land.« In der realen Welt von heute gibt es handfeste Streitigkeiten auf der Osterinsel: Die einen wollen sich ganz unabhängig vom »Mutterland« Chile machen.

Foto 6: In der Höhle der Kanibalen
Die anderen hoffen auf anwachsende Ströme von Touristen, die aufs Eiland kommen. Ihnen soll Folklore à la Weltausstellung geboten werden, in einem eigens für Touristen gebauten »Eingeborenendorf«. Die anderen bangen um die uralte Kultur, die dem Kommerz nicht geopfert werden dürfe. Sie fordern eine strikte Begrenzung der Zahl der Fremden, die auf die Insel kommen dürfen. Anstatt Geld mit kitschiger Pseudo-Folklore zu machen möge man sich der eigenen Wurzeln besinnen, die Rapa-Nui-Sprache und die alten Gesänge pflegen.

In der Menschenfresserhöhle war mir überhaupt nicht unheimlich. Es krochen ja auch keine Monsterwesen umher wie jene, die in einschlägigen Horrorfilmen wie »Descent« (3) Angst und Schrecken verbreiten. Die angenehme Temperatur, die irgendwie anheimelnde Stille, die Geborgenheit, all das ließ mich ein wenig verstehen, dass die Menschen vor Jahrtausenden in der »Unterwelt« der »Mutter Erde« huldigten. Bis heute wurde das Phänomen der weltweit angelegten unterirdischen »Welten« nicht wirklich als ein Ländergrenzen überschreitendes, weltweit auftretendes Rätsel studiert. Es gibt sie, diese uralten unterirdischen Anlagen:  von den Erdställen in unseren Gefilden (4) bis zu den unterirdischen Städten in der Commagene (Türkei) und den unterirdischen Tunneln unter den Tempelanlagen von Chavin de Huantar im Norden Perus.


Foto 7: Unterschrift Katherine Routledge


Fußnoten
(1) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«,
1919, Nachdruck Kempton 1998, Zitat Seite 165, Zeilen 5
und 6 von oben. Übersetzung aus dem Englischen:
Walter-Jörg Langbein.
(2) ebenda, Zeilen 6-9, Übersetzung aus dem Englischen:
Walter-Jörg Langbein.
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/The_Descent_%E2%80%93_Abgrund_des_Grauens (Stand 25.01.2019)
(4) 1. Erdställe
Ahlborn, Dieter: »Geheimnisvolle Unterwelt/ Das Rätsel der Erdställe in  
Bayern«, Aying 2010
Kusch, Heinrich und Ingrid: »Tore zur Unterwelt/ Das Geheimnis der
unterirdischen Gänge aus uralter Zeit«, Graz 2009
Kusch, Heinrich und Ingrid: »Versiegelte Unterwelt/ Das Geheimnis der
Jahrtausende alten Gänge«, Graz 2014
2. Commagene
Demir, Ömer: »Kapadokien/ Wege der Geschichte«, Derinkuyu, 2. Auflage 1986
Demir, Ömer: »Cappadokien: Wiege der Geschichte«, erweiterte 3. Auflage, Ankara 1988
Lamec, Jeofrey: »Göreme«, Istanbul 2010
3. Chavin de Huantar
Burger, Richard L.: »Chavin and the origins of andean civilization«, London 1992
Fux, Peter (Hrsg.): »Chavín: Perus geheimnisvoller Anden-Tempel«,Zürich 2012
Miranda-Luizaga, Jorge: »Das Sonnentor/ Vom Überleben der archaischen Andenkultur«, München 1985

Foto 8: Expeditionsschiff »Mana« der Routledge-Expedition
Zu den Fotos
Foto 1: Mysterium Osterinsel. Ein Osterinselriese. Foto/Spigelung, Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Zeichnung Grete C Söcker
Foto 3: Autor Langbein im Steinbruch. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Ein Riese und zwei »Zwerge«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: In der Menschenfresserhöhle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: In der Höhle der Kannibalen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Unterschrift K. Routledge
Foto 8: Expeditionsschiff »Mana« der Routledge-Expedition zur Osterinsel. Foto Archiv Langbein




479 »Statuen, Sterne und Planeten«,
Teil 479 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24. März 2019


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Sonntag, 1. April 2018

428 „Besuch bei einem monströsen Wesen aus Stein“


Teil  428 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein                       


Foto 1: Der „gestohlene Freund“ aus Basalt.

Die Kreatur wirkte gespenstisch. Auf scharfkantigen Schultern ruhte ein gewaltiger, unnatürlich langer Kopf. Trug das Wesen so etwas wie eine Maske, vielleicht sogar einen Helm? Die Augen starrten mich wie aus tiefen Höhlen durch die kleinen Öffnungen einer Maske oder eines Helms an. Nase und Mund waren kaum zu erkennen, waren nur angedeutet.

Die Augen wirkten bösartig und gemein. Der gewaltige, unnatürlich hohe Schädel hatte seltsame Beulen und Ausbuchtungen, er passte mehr in die Welt eines furchteinflößenden Horrorfilms als in ein Museum auf der mysteriösen Osterinsel. Immer wieder ließ ich den Lichtkreis meiner langsam schwächelnden Taschenlampe über dieses Wesen aus Stein wandern.

„Darf ich nicht doch ein Foto machen?“ Energisch schüttelte der „Chef“ der kleinen Privatpension am Rande von Hanga Roa, der „Hauptstadt“ der Osterinsel, den bärtigen Kopf. Der gutmütige Polynesier wohnte schon sein Jahrzehnten auf „Para Nui“, alias „Isla de Pascua“, à la „Osterinsel“. „Vielleicht kommt das Ding ja eines Tages in unser Museum. Dann kommst Du wieder und machst ein Foto!“ (1) Das war kein wirklicher Trost.

Fotos 2 + 3: Der gestohlene Freund unterwegs nach England.

Auf den ersten Blick erinnerte das Ding an die zum Teil gewaltigen Kolosse der Osterinsel. Eines hatten die etwa 1,40 Meter kleine Statue (2) mit den steinernen Riesen gemein: die eher schmächtigen Ärmchen lagen an den Seiten, die nur zu erahnenden Hände waren unnatürlich abgewinkelt, die Finger deuteten Richtung Nabel. Ansonsten aber gab es doch erhebliche Unterschiede. Kann man das Geschlecht der berühmten Osterinsel-Statuen nicht erkennen, so war die kleine Statue eindeutig weiblich. Deutlich auszumachen waren fast üppige Brüste.

Viel markanter aber war der lange, hohe Kopf. Die Figur maß von der Gürtellinie bis zum Hals in etwa 70 Zentimeter (3), genauso wie vom Halsansatz bis zu den „Haaren“. „Wir müssen wieder gehen!“, ermahnte mich „mein“ Pensionschef, der zugleich auch Koch, Empfangschef, Rezeptionist und Reiseführer war. Nirgendwo sonst auf der Welt schmeckte das morgendliche Toastbrot wie bei ihm. Höchstselbst spießte er Scheibe für Scheibe mit einer Gabel auf und hielt sie dann über die Flamme seines Gasherds in der Küche der Privat-Pension. Ich war viele Tage der einzige Gast, durfte mir immer wünschen, was es mittags oder abends zu essen gab. Die vegetarischen Gerichte, die mir zubereitet wurden, schmeckten köstlich.

„Wir müssen wieder gehen...“, ermahnte mich mein Pensionschef, der langsam etwas ungeduldig wird. Meine Uhr zeigte 5 Minuten vor 1 Uhr an. Das Ende der „Geisterstunde“ nahte. Entschlossen trat ich auf die steinerne Monstrosität zu. Die kleine Taschenlampe nahm ich in den Mund, hatte so beide Hände frei. Vorsichtig tastete ich die mysteriöse Skulptur ab. Die Oberfläche war glatt und feinporig, ganz anders als bei den Statuen, die einst zu Hunderten auf Sockeln standen, alle mit dem Rücken zum ewigen Pazifik.

Foto 4: 
Das „monströse Wesen“ aus Basalt.
Weite Flächen der Osterinsel sind förmlich übersät mit schwarzen Brocken: viele sind nur faustgroß, andere ähneln vom Format Fußbällen und wieder andere sind noch größer. Es handelt sich um Lavabrocken, die von Vulkanen wie Rano Kao (im Südwesten gelegen), Maunga Puakatiki (im Osten) und Maunga Terevaka (im Norden) ausgespuckt wurden. Die Osterinsel ist nicht ein kleines Stück Land mit Vulkanen. Sie ist in ihrer Gesamtheit vulkanisch. Sie verdankt ihre Existenz unterseeischen Vulkanausbrüchen in etwa dreitausend Metern Tiefe.

Vor drei Millionen Jahren durchbrach erstmals in der Region der heutigen Osterinsel glühend heiße Lava den Grund des Meeres. Gewaltige Lavamassen wurden empor geschleudert. Ein Vulkankegel wurde aufgetürmt. Vor zwei Millionen Jahren kam es zu einem weiteren Vulkanausbruch, wieder erhob sich ein Kegel aus dem Meer. Damit endet nicht die Vulkantätigkeit. Immer wieder gebiert die Erde aus ihrem glühenden Inneren vulkanische Riesen. Und so formiert sich langsam die Osterinsel: als das Resultat von Magma-Eruptionen aus dem Erdinneren. Der Vulkanismus lässt im Inneren der Osterinsel immer wieder Hohlräume entstehen. Nicht wenige dieser Höhlen wurden von den Insulanern entdeckt. Sie dienten als Kultstätten „im Leib von Mutter Erde“. Ob hier matriarchalisch orientierte Religionen zelebriert wurden?

Vor zweieinhalb Jahrtausenden, so gilt als gesichert, gab es zum letzten Mal vulkanische Aktivität auf der Osterinsel. Eher unansehnlich ist der kleine Puku-puhipuhi-Kegel im Osten des Eilandes. Übersetzt man diesen Namen des Vulkans, so heißt er „der Keuchende“ oder „der Schnaufende“. Der Name belegt eindeutig, dass die Osterinsulaner den Vulkan noch aktiv erlebt haben müssen. Das heißt: Die Osterinsel muss schon vor mindestens 2500 Jahren besiedelt gewesen sein. Das widerspricht der gängigen Lehrmeinung. Die Gelehrtenwelt ist sich nicht einig, wann die ersten Menschen auf die Osterinsel kamen.

Unterschiedliche Daten werden für die Ankunft des legendären Königs Hotu Matua genannt: 500 n. Chr., 1000 n. Chr. und 1500 n. Chr. Die letzte vulkanische Aktivität gab es aber 500 v.  Chr. Und schon damals müssen Menschen auf der Osterinsel gelebt haben, die noch aktiven Vulkanismus beobachten konnten. Die Geschichte der Besiedlung des Eilands muss also wesentlich weiter in die Vergangenheit zurückreichen als angenommen.

Die Osterinsel ist eine vulkanische Insel. Deshalb ist es doch ganz normal, dass erkaltetes Vulkangestein als Material für die weltberühmten Statuen verwendet wurde.

Foto 5: Kopf des „monströsen Wesen“ aus Basalt.
Es ist zwar nicht sonderlich hart, aber dennoch schwer zu bearbeiten. So sind die Osterinselriesen Zeugnis von hoher Steinmetzkunst. Die grässlich-monströse Statuette mit dem überlangen Kopf freilich ist ganz eindeutig nicht aus porösem Lavagestein gemeißelt worden wie die Osterinselkolosse, die aus dem Kraterrand des „Rano Raraku“-Vulkans herausgehauen wurden. Das monströse Wesen mit dem Aussehen eines „Leatherface“ wurde – wann auch immer – aus Basalt gearbeitet. Aber wann?

Im Oktober 1982 durfte ich in einem Bretterverschlag außerhalb von Hanga Roa, direkt am Pazifik, eine mysteriöse Statuette bestaunen, die so gar keine Ähnlichkeit mit den Riesenstatuen hatte. Zur Geisterstunde untersuchte ich die steinerne Kreatur so gut und gründlich ich konnte. „Das Material ist so glatt...“, stellte ich fest. „Ich habe zu Hause ein Foto von einer großen Statue, die aus dem gleichen Material gefertigt wurde...“  Ein letzter Versuch, das mysteriöse Ding doch noch im Foto festhalten zu dürfen, scheiterte kläglich. Zurück ging's, es war inzwischen 1.30 Uhr zur kleinen Privatpension.

Wie versprochen zeigte mir „mein“ Pensionswirt, der figurmäßig in Richtung Buddha tendierte, ein vergilbtes Schwarzweißfoto. Es zeigt eine „typische“ Osterinselstatue an Bord der Fregatte „HMS Topaze“. „1868 haben die Engländer unseren steinernen Freund entführt und nach England verschleppt!“ beklagte mein Gastgeber.

„Er ist aus dem gleichen Material gefertigt wie die Figur in der Hütte! Aus Basalt!“ Jahre später stand ich dem „gestohlenen Freund“ im Foyer des „British Museum“ London gegenüber. Mit einer Höhe von 2,42 m gehört er zu den kleineren Statuen, bringt aber immerhin rund vier Tonnen auf die Wage. Winzige Farbreste wurden entdeckt, so dass wir heute wissen: die Basalt-Statue war einst angemalt, und zwar in den Farben Schwarz und Weiß. Sollten alle Osterinselriesen einst bemalt gewesen sein?

Foto 6: Augenpartie des „monströsen Wesens“.

Bis heute heißt die Basalt-Statue „Hoa-haka-nana-ia“ im Londoner Museum in der Ur-Sprache der Osterinsulaner . Aber was heißt das? Die Osterinsulaner sind sich einig. Man könne, sagen sie, den Namen mit „Gestohlener Freund“ übersetzen. Im „British Museum“, so behauptete ein Kurator im Gespräch mit mir, bedeute „Meister Wellenbrecher“. Der seltsame Name freilich sei „frei erfunden“, weil man nicht so gern daran erinnert werde, dass die wertvolle Statue gestohlen wurde. Warum bringt man sie dann nicht in ihre Heimat zurück?

Bis zu zwanzig Osterinselstatuen sollen einst aus Basalt gemeißelte worden sein. Bis heute wurde aber auf der gesamten Osterinsel nur der Steinbruch der „Lava-Riesen“ an den Hängen des „Hanga Roa“-Kraters gefunden, einen Basalt-Steinbruch scheint es aber auf dem Territorium der heutigen Osterinsel nicht gegeben zu haben. Woher stammte dann der Basalt für die großen Statuen aus dem harten Material?

Immer wieder bekam ich von Osterinsulanern zu hören, es habe einst einen großen Basalt-Steinbruch gegeben. Das sei schon sehr sehr lange her. Damals sei „Isla la Pascua“ noch sehr viel größer gewesen. Große Teile der Osterinsel aber seien im Meer versunken, weil der Pazifik große Gebiet des Eilands wieder verschlungen habe. Wann aber soll das geschehen sein? Wann versanken Teile der Osterinsel im Pazifik, und mit ihnen der Steinbruch für die Basalt-Statuen?

Foto 7: Der „gestohlene Freund“ 
im „British Museum“ aus anderer Perspektive.

Erinnern wir uns: Nach der Mythologie der Osterinsel kamen die Ur-Bewohner des Eilands von einem im Westen gelegenen Königreich, das wie ein Atlantis der Südsee im Meer versunken ist. Dank des fliegenden Gottes Make Make konnte die Bevölkerung des von einer Sintflut heimgesuchte Landes umgesiedelt werden und auf der Osterinsel weiter leben.

Gab es eine „Sintflut“? Es gab einen dramatischen Anstieg des Meeresspiegels, dem die Basalt-Steinbrüche zum Opfer gefallen sein könnten. Allerdings liegt dieses katastrophale, apokalyptische Ereignis rund 10.000 Jahre zurück! Sollte das heißen, dass vor mehr als 10.000 Jahren die ältesten Statuen der Osterinsel geschaffen wurden? Ein Gedanke, der recht kühn zu sein scheint. Mehrere ältere Einheimische indes versicherten mir, sich gut an die Besuche von Jacques Cousteau (*1910, †1997) erinnern zu können. Der berühmte Marineforscher habe bei seinen Tauchgängen in einiger Entfernung von der Küste der Osterinsel auf dem Meeresboden Basalt entdeckt. Cousteau habe berichtet, dass seltsame „Löcher“ im Basalt offenbar künstlich, von Menschenhand geschaffen seien. Hat Cousteau einen der verschwundenen Basalt-Steinbrüche entdeckt?

Foto 8: Die berühmten Kolosse der Osterinsel.

Zu den Fotos

Foto 1: Der „gestohlene Freund“ aus Basalt. Foto: Wikimedia commons/ James Miles
Fotos 2 + 3: Der gestohlene Freund unterwegs nach England. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Das „monströse Wesen“ aus Basalt. Zeichnung Grete C. Söcker/ Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Kopf des „monströsen Wesen“ aus Basalt. Zeichnung Grete C. Söcker/ Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Augenpartie des „monströsen Wesens“. Zeichnung Grete C. Söcker / Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der „gestohlene Freund“ im „British Museum“ aus anderer Perspektive. Foto: Wikimedia commons/ James Miles
Foto 8: Die berühmten Kolosse der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein

Fußnoten
1) Angeblich soll sich heute im kleinen Museum der Osterinsel eine solche steinerne Kreatur befinden. Ich kann aber nicht mit Sicherheit feststellen, ob es sich dabei um „meine“ Statuette handelt.
2) Schätzwert!
3) Schätzwert!

Ein herzliches Dankeschön....  
..... geht an Grete C. Söcker, die für mich mein „monströses Wesen aus Stein“ zeichnerisch rekonstruierte! So hat es ausgesehen! So habe ich es in Erinnerung! DANKE, Grete C. Söcker!

429 „Lasst die toten Riesen in den Gräbern!“,
Teil  429 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.04.2018



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