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Sonntag, 8. Oktober 2017

403 »Birkenstein und das Wunder von Loreto«

Foto 1: Die Gottesmutter über Birkenstein.
»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 5
Teil  403  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Birkenstein hat sich seit über einem Jahrhundert kaum verändert. Auf alten Ansichtskarten, die vor 100 Jahren versandt wurden, sieht die doppelgeschossige sakrale Anlage so aus wie heute. Anno 1823, am 13. August, stattete der bayerische König Max Joseph I. Birkenstein einen Besuch ab. Schon damals wirkten die ehemalige Klause und die Wallfahrtskapelle eine Einheit. Aus der einstigen Klause wurde das Sockelgeschoss, die – als Obergeschoss – die kleine Kapelle trägt. Heute kommen Jahr für Jahr über 200.000 Menschen nach Birkenstein. An Sonntagen sind es oft über 1.000 Besucher. Und viele der Touristen und Pilger empfinden heute, so wie König Max Joseph I., der anno 1823 die »schöne Kapelle« (1) lobte.

Mich zog die bescheidene Schlichtheit der fast wie ein Modell wirkenden doppelgeschossigen Anlage sofort in ihren Bann. In einem betagten  Führer lese ich (2): »Das Erdgeschoß zeigt außen in Nischen den heiligen Kreuzweg, die 13. Station, mit Pietà, ist als Gebetsraum ausgebildet, die 14. Station als Grabkapelle. Darüber steht das Obergeschoß, ›das lauretanische Haus‹ mit steilem Dach, auf dem westlich ein Kuppeldachreiter sitzt; innen Tonnengewölbe.«

Foto 2: Ansichtskarte Birkenstein, Ende des 19. Jahrhunderts, gelaufen am 10.08. (18)99

Es ist erstaunlich! Obwohl Birkenstein zu den meistbesuchten Wallfahrtsorten Deutschlands gehört, hat es seine Schlichtheit nicht verloren. Das – wie der Reiseführer schreibt (3) – »traute Kirchlein« birgt so etwas wie ein offenes Geheimnis. Die Birkenstein-Kapelle ist nämlich eine Loreto-Kapelle, was bestimmt viele Besucher heute nicht mehr wissen.

Bekannt ist, dass anno 1673 auf dem »Stein am Fischbachauer Berg ein Kapellchen entstand (4)«. Es heißt, dass schon bald zahlreiche Pilger nach Birkenstein strömten. Ich frage mich allerdings, ob sich nicht schon vor dem Bau des kleinen christlichen Gotteshauses Menschen zu einem sehr viel älteren Heiligtum kamen. Davon ist auch Andreas Scherm überzeugt, der in der »Süddeutschen Zeitung« als »großer Kenner historischer und kultureller Eigenheiten des Münchner Umlandes« gepriesen wird.

Foto 3: Klosterkirche St. Martin, Fischbachau.

Ich bin davon überzeugt, dass Birkenstein ursprünglich ein Quellheiligtum war, dessen Wasser schon in vorchristlichen Zeiten als heilsam für allerlei Gebrechen galt. Mir scheint, dass dies auch heute noch ein Tabuthema ist: Bislang gibt es meines Wissens nach keine Studie zur Frage, welches vorchristliche Heiligtum einst einer christlichen Kapelle oder Kirche wichen musste. Nach wie vor gibt es nicht die längst überfällige Aufstellung von »christlichen Heilquellen«, die schon zu heidnischen Zeiten Pilger anlockten. Dieses Defizit ist weltweit zu beklagen. Wir wissen, dass die Maria von Guadalupe, Mexico City just dort verehrt wird, wo schon zu heidnischen Zeiten zu einer Aztekengötting gebetet wurde. Eine entsprechende Studie über vorchristliche Vorgänger von Kapellen, Kirchen und Kathedralen allein im Münchner Raum könnte als Magister oder Doktorarbeit im Fachbereich der Theologie wirklich »neue« Erkenntnisse erbringen. Ob die aber erwünscht sind, das sei dahingestellt.

Foto 4: Hier stand einst die Madonna von Birkenstein.

Ich frage mich, ob der Pilger, der nach einer langen, anstrengenden und entbehrungsreichen Reise Birkenstein besucht, das Geheimnis der Kapelle besser versteht. Mich persönlich fasziniert und befremdet Birkenstein.

Ich verstehe nicht den in meinen Augen krassen Widerspruch zwischen dem schlichten, bescheidenen Äußeren einerseits und dem fast schon überladenen Inneren der Kapelle. Freilich entstand (6) »die prunkvolle Auszierung des Inneren im üppigen Rokokostil“ erst  in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, vermutlich um 1760.

Die Gottesmutter selbst soll bereits anno 1663 dem Ortspfarrer Mayr im Traum erschienen und um den Bau einer Kapelle gebeten haben. »Hier an diesem Ort will ich verehrt werden und denen, die mich hier anrufen, meine Gnade mitteilen.«  Zwei weitere Männer, so wird überliefert, hatten Traumvisionen. Sie sahen auf dem Birkenstein eine kleine Kirche, der viele Pilger zustrebten. Die Namen der beiden Männer sind überliefert: Michael Millauer und Christoph Hafner.

Zehn Jahre später, anno 1673, war dem Wunsch der Mutter Gottes noch nicht Rechnung getragen worden. Pfarrer Johann Stiglmair forderte – ganz ähnlich wie im Fall der Maria von Guadalupe in Mexiko – ein »Zeichen«.  Der frommen Überlieferung nach wurde er daraufhin sterbenskrank. Für den Fall seiner Genesung versprach er, den Bau einer Kapelle zu veranlassen. Schlagartig soll er gesundet sein. Mit dem Bau einer Kapelle wurde sofort begonnen. Seither sind viele Heilwunder überliefert, die frommen Birkensteinpilgern widerfahren sein sollen. Unzählige Votivtafeln erinnern an Gesundungen von Kranken.

Fotos 5 und 6:  Die Himmelskönigin von Birkenstein.

Eine vergleichbare »Vision« führte im fernen Mexico City zum Bau eines Gotteshauses zu Ehren der Maria von Guadalupe. Auch in Mexiko wurde von der zweifelnden Geistlichkeit ein Beweis gefordert und auch erbracht. Die wundersame Tilma von Guadalupe mit dem weltbekannten »Bildnis« der Gottesmutter kann noch heute in der Kathedrale von Guadalupe bewundert werden. Bis heute kann das »Bild«, das keines ist, auf dem jahrhundertealten Umhang nicht erklärt werden. Es dürfte gar nicht existieren.

1673 wurde auf dem Stein vom Fischbachauer Berg eine winzige Kapelle gebaut. Und zwar dort, wo seit unbekannten Zeiten ein Marterl mit dem gegeißelten Heiland stand. Zwölf Gläubige fanden darin Platz. 1679 zog eine wirkliche Kostbarkeit in das winzige Gotteshaus ein: die »Gnadenmadonna von Birkenstein«. Im Kirchenführer »Birkenstein« lesen wir (7): »Das Gnadenbild stand einst in der ehemaligen Klosterkirche St. Martin zu Fischbachau, wo es in einem ›Kasten‹ (wahrscheinlich ein kleiner gotischer Flügelaltar) aufgestellt und nach glaubwürdiger Meinung schon seit Entstehung des Klosters im Jahre 1100 andächtig  verehrt worden war.«

Foto 7: Die Birkenstein-Kapelle mit Anbauten.

Das winzige Kapellchen, das nur einem Dutzend Gläubigen Platz bot, beherbergte also eine Mutter Gottes von unschätzbarem Wert. Die zahlreichen Heilungswunder lockten immer mehr Menschen nach Birkenstein und so musste eine neue Kapelle gebaut werden. Am 14. Mai 1710 war es dann soweit: der Grundstein für die neue und größere Kapelle wurde gelegt. Der Bau schritt schnell voran, bereits am 26. Oktober 1710 zog die Gottesmutter ein. Die Pilger strömten herbei. Und je mehr Menschen nach Birkenstein kamen, desto häufiger wurden wundersame Heilungen vermeldet, die man auf das segensreiche Wirken Marias zurückführte.

Foto 8: Die Maria von Loreto
Die Madonna von Birkenstein steht im Zentrum der Birkenstein-Kapelle. Ursprünglich war ihr Ambiente ein sehr schlichtes, heute ist das Mutter-Gottes-Bild von prächtigem Prunk umgeben. Offenbar wollten die Verantwortlichen um 1760 der Madonna ein ihrer Bedeutung angemessenes, also prächtiges Umfeld bieten. Damit aber wurde die Kapelle, um es pointiert auszudrücken, verfremdet. Bei ihrem Bau richtete man sich anno 1710 so genau wie möglich (8) »nach einem hölzernen Modell der Loreto Kirche beziehungsweise des Heiligen Hauses«. Die Kapelle von Birkenstein wurde als Kopie des »Heiligen Hauses« gebaut. Anno 1757 reiste Pater Heinrich Maier nach Loreto in Italien, um zu kontrollieren, ob die Wallfahrtskapelle von Birkenstein auch wirklich in den Ausmaßen genau der Loreto Kapelle entsprach.

Das »Heilige Haus« von Loreto soll nichts anderes sein als das (Geburts?)haus der Gottesmutter Maria, das einst in Nazareth stand. Das Wunder von Loreto löst bei vielen kritischen Zeitgenossen auch heute noch herablassendes Grinsen aus. Häme ist freilich nicht angebracht. Es kann nämlich als bewiesen gelten, dass das »Geburtshaus Marias« wie auch immer nach Italien geschafft wurde. Es kann als Fakt gelten, dass es sich beim »Heiligen Haus« von Loreto um das Original aus dem Heiligen Land handelt. Das ist wissenschaftlich erwiesen!

Der Überlieferung nach wurde es auf Umwegen von Nazareth nach Italien verbracht: und zwar von Engeln, durch die Lüfte! Und das ist das mysteriöse Wunder von Loreto. Es zeigt sich, dass für den skeptischen Zeitgenossen unglaubwürdige Überlieferungen zumindest einen wahren Kern haben können. Ob man nun an Engel glaubt oder nicht, es lässt sich nicht bestreiten, dass das Geburtshaus Marias vor Jahrhunderten nach Italien geschafft wurde, ob per Luftfracht oder auf anderem Wege.

Eine Kopie des Originals von Loreto entstand in Birkenstein. Man wollte der Statue der Maria ein angemessenes Zuhause bieten. Da lag es ja auf der Hand ihr eine gewohnte Umgebung zu schaffen, nämlich eine exakte Kopie ihres Geburtshauses. Deshalb war die Birkenstein-Kapelle ursprünglich innen wie außen sehr schlicht. 1838 und 1848 wurden das »Priesterhaus« und das »Klösterlein der Armen Schulschwestern« angebaut.

Foto 9: Loreto -  Kirche und Kloster. Foto und Copyright Reinhard Habeck, Österreich.



Fußnoten

1) Demmel, Fritz: »Birkenstein: Wallfahrtskapelle Maria Himmelfahrt«, Passau 2005, S. 9, rechte Spalte oben 
2) »Birkenstein«, Schnell und Steiner Kunstführer Nr. 85, München 1935, 7. Auflage 1984, Seite 2
3) ebenda
4) ebenda, S. 10, erste Textzeile
5) Scherm, Andreas: »Unterwegs im Gestern/ Kulturhistorische Wanderungen im Oberland und Umland von München«, unter Mitarbeit von Carl Langheiter, 4. Auflage November 2011, München November 2011, Seite 112
6) »Birkenstein«, Schnell und Steiner Kunstführer Nr. 85, München 1935, 7. Auflage 1984, Seite 10, Zeilen 8 und 9 von oben, Zeilen 17 und 18 von unten
7) ebenda, S. 3, Zeilen 3-6 von oben
8) Demmel, Fritz: »Birkenstein: Wallfahrtskapelle Maria Himmelfahrt«, Passau 2005, S. 12, S. 12 
 

Zu den Fotos

Foto 1: Die Gottesmutter über Birkenstein. Karte vom 03.11.1914. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ansichtskarte Birkenstein, Ende des 19. Jahrhunderts, gelaufen am 10.08. (18)99, Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Klosterkirche St. Martin, Fischbachau. Foto  Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Hier stand einst die Madonna von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6:  Die Himmelskönigin von Birkenstein. Foto etwa 1935. Archiv W-J. Langbein
Foto 7: Die Birkenstein-Kapelle mit Anbauten. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Die Maria von Loreto auf einer Briefmarke, Slowenien 18.11.1994
Foto 9: Loreto -  Kirche und Kloster. Foto und Copyright Reinhard Habeck, Österreich.

404 »Und umleuchtete ein Licht vom Himmel die Augen vieler«,
»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 6,
Teil  404  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.10.2017


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Sonntag, 10. Oktober 2010

38 »Das Geheimnis der Glimmerkammer«

Teil 38 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Endlich habe ich die Gipfelplattform der Mondpyramide erreicht. Stufe für Stufe habe ich mich über die schier endlose Treppe an der Frontseite von Plattfom zu Plattform hochgekämpft. Die Luft ist dünn. Jeder Schritt fällt schwer – in 2200 Meter über Normalnull. Von der Millionenmetropole Mexico City scheint ein beißender Geruch herüber zu wehen. Das wäre kein Wunder angesichts der extremen Luftverschmutzung, die die Riesenstadt erzeugt.

Walter-Jörg Langbein auf der Mondpyramide
von Teotihuacan - Foto: Willi Dünnenberger
Endlich stehe ich auf der »plataforma adosaba«, auf der abschließenden Plattform, 65 Meter über der staubigen »Straße der Toten«. Ich bin außer Atem, setze mich erschöpft und schwitzend auf den harten Stein. Ich weiß:
1906 hat Leopoldo Batres das gewaltige Bauwerk freigelegt. Er hat sie förmlich ausgegraben, lag sie doch unter einem wenig ansehnlichen Hügel.

Als der spanische Eroberer Hernando Cortez am 8. November 1519 im Hochtal von Mexico City auftauchte, lag die einst so stolze Mondpyramide längst unter einem über viele Jahrhunderte hinweg von der Natur angehäuften Berg. Cortez zog achtlos am verborgenen Monument vorbei. Ihn und seine räuberische Bande von Plünderen zog es in die Metropole Tenochtitlan, auf mehreren Inseln im westlichen Teil des Texcoco-Sees gelegen. Selbst Hernando Cortez zollte der Riesenstadt, die zu ihren Glanzzeiten Hunderttausenden von Menschen eine Heimat bot, seine Bewunderung. Er berichtete Kaiser Karl V.: »Alle Straßen sind der Länge nach von Kanälen durchzogen, so dass zwischen ihnen eine Wasserverbindung besteht Über diese Kanäle, von denen einige sehr breit sind, führen Brücken.«

Bernal Diaz del Castillo: »Wir staunten und sagten, das gliche den Wundern, von denen im Amadis, dem berühmten Ritterroman, berichtet wird, denn diese riesigen Türme und Pyramiden und Gebäude im Wasser waren alle aus Stein gebaut. Einige unserer Soldaten fragten sich daher, ob das, was sie sahen, nicht ein Traumbild sei.

Hier hausten also die »barbarischen Azteken«, denen sich die »zivilisierten Europäer« so überlegen fühlten. Allerdings lebten sie weitaus kultivierter als die Christenheit im fernen Europa. Während der europäische Hofadel von Körperhygiene wenig hielt und üble Gerüche mit Parfüms übertünchte, vertrauten selbst die einfachen Bewohner von Tenochtitlan auf die reinigende Wirkung von Dampfbädern.



Rekonstruktion des Tempelbezirks von Tenochtitlan
GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Als anno 1600 Girodano Bruno in Rom grausam gefoltert und als »Ketzer« verbrannt wurde, blühte auf einem riesigen Areal (rund 1 000 Hektar groß) eine echte geradezu moderne Metropole. Selbst die kleinen, einstöckigen Häuser hatten alle einen geräumigen Innenhof, wo Gemüse und Blumen angebaut wurden. Elendsviertel wie in Europa waren unbekannt. Vier Hauptbezirke gab es: den »Ort der Blumenblüte«, den Tempelbezirk mit seinen fantastischen Monumenten, die »Region der Mücken« und die »Wohnstätte der Reiher«.

Die hochstehende Kultur, die erstaunliche Zivilisation der Azteken interessierte die goldgierigen Spanier überhaupt nicht. In einem blutigen Kampf eroberten sie dank ihrer überlegenen Waffen die einstige Metropole. Sie ermordeten die Bewohner in einem unbeschreiblichen Blutbad und plünderten die Stadt. Sie verwüsteten Tenochtitlan gründlich. Sie zerstörten eine Kultur. So erlosch eine Stadt, die jener der europäischen Hauptstädte überlegen war.

Ausgrabungen archäologischer Art sind heute so gut wie unmöglich. Die Millionenstadt Mexico-City beansprucht wie ein gieriger, ständig wachsender Krake die einst so bedeutsame Region. Gewaltige Slums überziehen wie ein Geschwür das Land, dessen Geschichte von echter Zivilisation zeugte. Das kann man von den marodierenden Eroberern nicht gerade behaupten.

Die Straße der Toten
von der Sonnenpyramide aus gesehen
Von der Sonnenpyramide aus blicke ich auf die »Straße der Toten«... Sie war einst die zentrale Achse, die durch die Stadt Teotihuacán führte. Vermutlich bestand erst der vier Kilometer lange und 45 Meter breite Sakralweg. Die Stadt Teotihuacán wurde später rechts und links davon errichtet. Die Azteken waren nicht die Bauherrn der monumentalen Gebäude. Sie fanden sie bereits vor, schrieben sie mythischen Göttern aus uralten Zeiten zu. Einst sollen sich hier – während der mythischen »Nachtzeit« Gottheiten versammelt und über die Menschen beraten haben.

In Teotihuacán dürften eins Hunderttausende gelebt haben: in einer am Reißbrett entwickelten Riesenmetropole, die sich einst über 20 (oder mehr!) Quadratkilometer erstreckte. Der Rio San Juan floss durch die Stadt, aber nicht in seinem natürlichen Bett. Er wurde kunstvoll kanalisiert und den Wünschen der Stadtarchitekten angepasst.

Von der einst so stolzen Stadt ist so gut wie nichts übrig geblieben ... nur die »Straße der Toten«, flankiert von steinernen Plattformen und massiven Gebäuden. Fakt ist: Der Name »Straße der Toten« wurde von den Nachkommen der Azteken ersonnen, als Teotihuacán längst verschwunden war. Damals waren die Pyramiden und Gebäude rechts und links der Straße nur noch als »natürliche« Hügel zu erkennen. Auch die Namen »Sonnen-« und »Mondpyramide« stammen nicht von den Erbauern dieser rätselhaften Denkmäler. Wie sie einst hießen ... das ist unbekannt.

Erst im Verlauf der letzten 100 Jahre wurden die Überreste der »Straße der Toten« ausgegraben und vermessen. Hugh Harleston kam zu einem verblüffenden, kühn anmutenden Ergebnis.

Die Straße der Toten,
von der Mondpyramide aus gesehen
Seiner Überzeugung nach handelte es sich bei der Straße mit ihren Gebäuden und Pyramiden um ein erstaunlich exaktes Modell unseres Sonnensystems! Im »Teotihuacán-Modell« beträgt die Entfernung Sonne-Erde 96 Einheiten, Merkur hat einen Abstand von 36, Venus einen von 72 und Mars einen Abstand von 144 Einheiten! Doch damit nicht genug: Auch der Asteroidengürtel ist im Modell zu finden: als künstlich angelegter Kanal.

Planet Saturn soll einst auch durch ein Gebäude gekennzeichnet worden sein... im Modell. Es wurde dem Zufahrtsweg für Touristen geopfert und abgetragen. Mehr als erstaunlich ist, dass auch die Planeten Uranus, Neptun und Pluto den Erbauern von Teotihuacán bekannt gewesen sein müssen. Dabei wurden diese drei Sonnentrabanten erst in den Jahren 1781, 1846 und 1930 entdeckt!

Sollte also die »Straße der Toten« als »Straße der Sonne und ihrer Planeten« angelegt worden sein? War sie einst ein sakraler Weg, eine Art Pilgerweg einer vergessenen Religion der Astronomie? Martin Lehman schrieb in der Fachzeitschrift »Discover« (1): »Unsereins steht fassungslos vor den mathematischen Tatsachen, welche die Erbauer von Teotihuacán angewandt haben. Doch führt uns dieses Beispiel wieder vor Augen, wie wenig wir von unserer Vergangenheit wirklich wissen.«

Besonders mysteriös aber ist das Geheimnis der Glimmerkammer....

Die Straße der Toten...
Modell unseres Sonnensystems?
Angeblich war die »Sonnenpyramide« einer Muttergöttin geweiht. Sollte also die »Straße der Toten« ursprünglich von den Vertretern eines matriarchalischen Kults errichtet worden sein, zu Ehren einer ... der ... Muttergöttin? Wesentliches Kennzeichen von sakraler Verehrung der Urgöttin war die ewige Wiederkehr, war der ewige Kreislauf des Lebens. Im Mittelpunkt stand nicht der Gläubige als Individuum, der auf sein persönliches Weiterleben nach dem Tod hoffte. »Ewiges Leben« wurde nicht egozentrisch gesehen. Nicht der einzelne Mensch hatte ein ewiges Leben als Individuum. Unsterblich und ewig war das Leben selbst... wie die Natur.

Frühling, Sommer, Herbst und Winter kehrten im ewigen Kreislauf des Lebens wieder. Auf den Frühling mit seinem Wachstum der Pflanzen folgten der Sommer (der die Ernte reifen lässt), der Herbst (also Vorbote des Todes) und der alles zum Erstarren bringende Winter. Der Winter aber war nicht das Ende. Nach der Wintersonnwende (im Christentum zum Geburtstag Jesu entfremdet) folgte wieder der Frühling, die Wiedergeburt der Pflanzen... des Lebens! (2)

Fußnoten
(1): Lehmann, Martin: »Teotihuacán, Zahlen und Fakten eines Rätsels«, »Discover«, 1994/2
(2): Langbein, Walter-Jörg: »Eine kurze Geschichte von Gott: Von der Vorzeit bis heute«, Berlin November 2007

»In der Glimmerkammer...«,
Teil 39 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17.10.2010

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